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Das umfangreiche Werk von 1932 ist ein einzigartiges naturärztliches Hausbuch, das die Grundlagen der Naturheilkunde mit praktischen Anleitungen zur ganzheitlichen Gesundheit verbindet. In dieser umfassenden Abhandlung führt der Arzt, Naturheilkundler und Schriftsteller durch ein weites Spektrum an Themen – von der Anatomie und Funktionsweise des Körpers über natürliche Heilverfahren wie Hydrotherapie, Heilpflanzen, Ernährung, Bewegung und Atmung bis hin zur Vorbeugung und Behandlung von Krankheiten. Dieses Buch ist ein Plädoyer für eine natürliche Lebensweise, die sich auf die Kräfte der Natur stützt und die Selbstheilungskräfte des Körpers fördert. Mit einem klaren Blick auf wissenschaftliche Erkenntnisse vor knapp 100 Jahren und bewährte Hausmittel bietet Wolf ein für den Laien leicht verständliches Standardwerk für alle, die sich bewusst und nachhaltig um ihre Gesundheit kümmern möchten. Ein Klassiker der Naturheilkunde, der auch heute noch wertvolle Impulse gibt!
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Seitenzahl: 908
Veröffentlichungsjahr: 2025
Dr. med. Friedrich Wolf
Die Natur als Arzt und Helfer
Das naturärztliche Hausbuch
ISBN 978-3-68912-445-8 (E–Book)
Erstausgabe: Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart, Berlin 1928.
Dem E-Book liegt die Ausgabe von 1932 zugrunde.
Dem Ohm Landgerichtsrat i. R. Dr. Meyer
Hinweis des Verlages: In den fast 100 Jahren seit der Erstveröffentlichung dieses Buches hat sich die medizische Wissenschaft weiterentwickelt, und einige Auffassungen dieses Buches trägt die moderne Wissenschaft nicht mehr. Deshalb erst den Arzt konsultieren, bevor Rezepte aus diesem Buch übernommen werden.
Das Titelbild wurde mit der KI erstellt.
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„Ich will ein schlicht Gewand für den Kranken,
darin er gesund werde.“
(Paracelsus)
Trotz aller Verfeinerungen der Technik, der Mensch der kommenden Zeit drängt nach Vereinfachung.
Sichtbarster Ausdruck ist das neue Bauen. Das neue Haus hat nicht mehr ein Dutzend Türmchen, Erkerchen und Nischen mit Florabüsten, es ist eine klare, sinngegliederte Wohneinheit, auf Licht, Luft und leichte Reinigung gestellt. Auch die Innenräume sind keine Plüschmuseen mehr mit Dornausziehern, Tonmöpsen und Schlummerrollen. Weniger ist mehr! Zum ersten Mal in unserer Zeit ward hier klar und mutig Schluss gemacht mit der „Fassade“, aber auch mit verstaubten Gewohnheiten, mit einer Scheingefühlswelt, die der Wirklichkeit unserer neuen Arbeits- und Geisteswelt in keiner Weise mehr entsprach.
Vereinfachung, Klarheit, Wahrhaftigkeit!
Was das neue Bauen nach dem Chaos des Scheinbarocks und der Gründerzeit jetzt zu schaffen beginnt, genau das erstrebt in der Heilkunst die Naturheilkunde. Im Grunde der gleiche Drang nach Vereinfachung aus dem Wust barocken Spezialistentums, aus einer pompösen Fassadenwissenschaft, der gleiche Drang, aus den Dutzenden Methoden künstlicher Bestrahlungen, Serumtherapien und mehr oder weniger giftiger Arzneimoden auf die einfachen großen Heilkräfte der Natur, auf Licht, Luft, Erde, Wasser, Gymnastik, Diät zurückzugreifen. Auch hier – gleich dem zierratlosen Bau – ein Verzicht auf imponierende Mammutröhren und Apparate, auch hier scheint alles oft „zu einfach“, etwa: gegen schwere Verstopfung morgens ein Glas warmes Wasser zu trinken, den Leib zu kneten, einen Dauerlauf zu machen und Rohkost und Vollkornbrot zu essen.
Es beginnt zu tagen. Ein Hochschullehrer der Medizin hat jüngst bekannt: „Wir haben uns dumm studiert.“ In neuem Licht steht heute das Wort des großen Forschers und Philosophen Leibniz: „Die Wissenschaften schreiten fort, indem sie sich vereinfachen.“
Einst
Jetzt
Doch wie bei der neuen Baukunst mit ihren quadratischen Klötzen und Einheiten, so erfordert die Anwendung gerade der einfachen Naturheilkräfte genaueste Kenntnis ihrer Gesetze.
So bringt der erste Teil unseres Buches eine gründliche Darstellung der Einheiten und Gesetze unseres Körpers: die Darstellung vom Bau, von den Geweben und der Wirkungsspanne (Anatomie, Histologie, Physiologie), doch unterständiger Berührung der Naturheilkräfte. Daher sind die Brustmuskeln und der Zwerchfellmuskel als Kräfte der Atemgymnastik behandelt, die Fußmuskeln in ihren Übungen gegen Platt- und Senkfuß, die Haut und ihre Drüsen als Reaktionsorgan und Blitzableiter beim „Heilfieber“, bei Schwitz- und Lichtluftkuren, beim Nacktturnen und Freiluftunterricht, die Blutgefäße bei der gleichzeitigen Oberflächen- und Tiefenwirkung des Kalt- und Warmbads.
Der zweite Teil gilt der großen praktischen Frage: Wie können wir inmitten der heutigen Nahrungsverfälschung, inmitten der Großstädte, des Wirtschaftskampfes, des Maschinenzeitalters noch „gesund“ leben? Können wir in unserer heutigen Zeit noch gesund leben? Diese Frage beantworten, sie bejahend beantworten, heißt ein ganzes Heer von Ernährungs-, Wohnungs-, Kleidungs- und Berufskrankheiten beheben und – wichtiger noch – ihnen vorbeugen. Ohne Übertreibung: Fünfzig Prozent unserer „Kulturkrankheiten“ kommen „aus dem Bauch“, wurzeln in falscher Ernährung! Deshalb ist der Frage: „Was sollen wir essen?“ ein besonders großer Abschnitt eingeräumt. Nahrung, Kleidung, Wohnung, Geburtenregelung, Ehe, Kinderaufzucht, Schule, Arbeit und Feierzeit, diese Grundpfeiler einer Erziehung zur Gesundheit umschreiten wir in ganzer Breite und verzichten dafür in Nebengebieten auf eine Vollständigkeit, die es nicht gibt.
Der dritte Teil gilt der eigentlichen Heilkunst. Hierzu müssen wir kennen: die natürlichen Heilkräfte, die Formen der Krankheit, die Behandlungsweise.
1. Die natürlichen Heilkräfte: Licht, Luft, Wasser, Erde, Massage, Gymnastik, Diät, Fasten, Obstkuren, Heilkräuter.
2. Die Krankheitsformen und ihre Behandlung.
Nach der Grundauffassung der Naturheilkunde von der konstitutionellen Bedingtheit der Krankheiten haben wir nur große Krankheitsgruppen einheitlich zu betrachten. Jede Krankheit ist die Antwort unserer Lebenskraft auf die tausend Schädigungen, die täglich auf uns eindringen. Die eine, die schwächere „Natur“ (Lebenskraft) reagiert auf eine Durchnässung mit einer Lungenentzündung, die andere mit einem Schnupfen, die dritte überhaupt nicht. Napoleon ging furchtlos und unangefochten durch die Pestbaracken Ägyptens. Der berühmte Hygieniker Professor v. Pettenkofer aß vor Zeugen Reinkulturen von Cholerabazillen, ohne zu erkranken. Wie viel Tuberkelbazillen atmen wir alle täglich in den Städten ein! Es gibt keine Tuberkulose an sich, keine Lungenentzündung, keine Cholera; es gibt nur einen für Cholera, für Tuberkulose oder Lungenentzündung bereiten (geschwächten) Körper. „Die Krankheiten überfallen uns nicht wie aus heiterem Himmel, sie sind die Folgen fortgesetzter Sünden wider die Natur; erst wenn diese sich häufen, brechen die Krankheiten scheinbar plötzlich hervor!“ So Hippokrates, der größte Arzt des Altertums.
Nicht mit ein paar Einspritzungen oder ein paar Tabletten kann daher eine Krankheit bekämpft werden; die „fortgesetzten Sünden wider die Natur“ sind zu beseitigen, der ganze Mensch ist umzubauen! Naturheilkur heißt neue Lebensweise!
Seine Entstehung verdankt das Werk der Anregung des Herrn Dr. Kilpper und der Mitwirkung der Deutschen Verlags-Anstalt, Stuttgart.
Es schien geboten, ein Werk über die neue Naturheilkunde zu schaffen, darin die Erfahrungen der alten Meister mit den jüngsten Ernährungs- und Säftelehren verbunden. Es galt den Versuch, diesen umfassenden Stoff wieder einmal von einem einzigen Blickpunkt, von einem einheitlichen Weltbild aus zusammenzusehen.
Dr. med. Friedrich Wolf.
Die Naturheilmethode marschiert! Vor 15 Jahren begann der Chirurg Professor Rollier-Leysin seine operationslose Behandlung der „chirurgischen“ Knochentuberkulose mit einfachem Sonnenlicht; vor vier Jahren bekannte sich der Berliner Chirurg Professor Bier zur giftlosen unspezifischen Reiztherapie und Homöopathie. Während der Korrektur dieser zweiten Auflage bringt die Presse lange Berichte: „Diät heilt Tuberkulose!“. Der Berliner Chirurg Professor Sauerbruch hat in den letzten Jahren schwerste Fälle von Tuberkulose und Lupus durch salzarme Rohkost und Gemüsekost geheilt. – Sonne, Wasser, Diät! „Die Natur als Arzt und Helfer!“ So haben wir Naturärzte seit Jahrzehnten unter manchem Spott gelebt, gearztet, gelehrt.
Dr. med. Friedrich Wolf
Eine Neuauflage wurde bald nötig. Sie ist ergänzt durch eine farbige Tafel der Harnuntersuchungen und eine Schwangerschaftstabelle. – Die moderne Medizin steht heute mehr und mehr zur Lehre von der Eigengesetzlichkeit des Lebens und zur Praxis unseres Leitsatzes: Die Natur heilt; der Arzt leistet nur Beistand!
Dr. med. Friedrich Wolf
Einer der größten Ärzte und Naturforscher des 17. Jahrhunderts, der Leidener Kliniker Boerhaave, hatte zum Wahlspruch den Satz: „Simplex sigillum veri!“, das Einfache ist das Merkmal der Wahrheit! Unter seinem Nachlass stieß man auf ein großes versiegeltes Buch in Folio, mit der Aufschrift, dass es alle Geheimnisse der Arzneikunst enthalte. Ein Engländer steigerte dieses Buch um eine große Summe. Als er es öffnete, fand sich nur ein einziges beschriebenes Blatt darin, mit den Worten:
„Den Kopf halt kalt, die Füße warm,
Und pfropf dir nicht so voll den Darm!“
Dieser Satz klingt für den Menschen unserer Tage, der gewohnt ist, sich von Röntgenapparaten, Diathermie und künstlicher Höhensonne imponieren zu lasten, vielleicht zu einfach. Und doch bot die jüngste Zeit uns neuen Beweis, dass das Einfache „das Merkmal der Wahrheit“ ist. Seit etwa drei Jahrzehnten beobachtet die Wissenschaft, wie der Krebs, „der große Würger“ der zivilisierten Menschheit, in erschreckendem Maß sich ausbreitet. In Amerika hat, wie das U.S. Public Health Department 1926 feststellt, die Zahl der Todesfälle durch bösartige Geschwülste von 3,6 % der Gesamtsterblichkeit im Jahre 1900 auf 7,75% im Jahre 1924 zugenommen. Der Bericht nimmt an, dass die wirkliche Zunahme etwa 70% beträgt, während 30% auf verbesserte Diagnose und genaue Registrierung kommen. Ich denke auch diese 70% Krebszunahme in 24 Jahren sind eine furchtbare Zahl! (Deutsche Medizinische Wochenschrift vom 4. Februar 1927.)
Man hat nun zahlreiche Institute für Krebsforschung – zumal in England und Amerika – errichtet, die wissenschaftlichen Arbeiten über die Bekämpfung des „großen Würgers“ füllen ganze Bibliotheken, man hat die sinnvollsten Operationen erdacht, das krebsbefallene Stück aus dem Körper herauszuschneiden, dennoch hat sich die Krebstodesrate in den letzten dreißig Jahren zumal in England nachweislich verdoppelt. Man ging zur Röntgenbestrahlung über, legte Radium ein; man musste gestehen, dass auch diese Behandlung den großen Würger nicht erledigte, sondern vielfach sogar „provozierte“, aufstachelte. Da erschien im Februar 1924 das Buch von Ellis Barker: Der Krebs, seine Ursachen und sichere Verhütung. Zu dieser Arbeit eines Laien über ein hochwissenschaftliches Thema hat der erste Chirurg Londons, der Leiter von Guys Hospital, Sir Arbuthnot Lane ein begeistertes Vorwort geschrieben, hat Generalarzt Dr. Buttersack, Göttingen, das Geleitwort verfasst. In diesem Buch ist mit einer ganz ungewöhnlichen Sachkenntnis der ganze wissenschaftliche Ballast der bisherigen Krebsforschung noch einmal aufgetürmt, um ihn dann … über Bord zu werfen.
Denn Barker weist zwingend nach, dass der Krebs kein lokales Leiden ist, kein Geschwür, das man herausschneiden oder wegbestrahlen kann, er zeigt vielmehr, dass der Krebs in einer Allgemeinstörung, in einer Blutentmischung des ganzen Körpers beruhe, in der Überfütterung mit Fleisch, mit Konserven, mit ausgekochten Speisen, mit ausgemahlenem Mehl. In dieser unserer überfeinerten, falschen Ernährungsweise, in der mangelnden Zuführung an Grünkost, in dem Mangel an ungekochter, vitaminhaltiger Nahrung, an „Schutznahrung“, an Vollkornbrot liege die erste Ursache. Die erste Folge sei eine heute schon epidemische Darmträgheit und Stuhlverstopfung, eine Stauung und ein Zerfall der Darmgifte, eine langsame, aber dauernd fortschreitende Selbstvergiftung durch den Darm. Der Krebs … eine Stoffwechselkrankheit!
An erdrückendem Material erweist Barker, dass der Krebs bei den wilden Völkern nicht vorkommt, dass er eine Folge der sogenannten zivilisierten, naturwidrigen Lebensweise ist, eine rasend zunehmende Kulturseuche, ja eine „Wohlstandskrankheit“!
Im Jahre 1922 starben nach dem Regierungsbericht in England 486 780 Menschen. Fast der zehnte Teil von diesen, nämlich 46 903, starben in einem einzigen Jahr an Krebs. Man könne also sagen, dass beinahe 1/10 der jetzt lebenden englischen Bevölkerung, also 5 Millionen Männer und Frauen, zum Tode durch den Krebs verurteilt seien. Während die Tuberkulosetodesrate langsam im Abnehmen begriffen ist, nimmt die des Krebses im gleichen Verhältnis zu. Dr. F. L. Hoffmann, der bekannte amerikanische Krebsstatistiker, stellt folgende vergleichende Sterblichkeit auf 1 Million Lebender fest:
Krebs Tuberkulose
1891: 692 Krebs-Tote, 1659 Tuberkulose-Tote
1921: 1215 Krebs-Tote, 854 Tuberkulose-Tote
Er kommt zu dem Ergebnis: „Die Krebszunahme in den zivilisierten Ländern ist ein Weltphänomen!“
Das Buch des Laien Ellis Barker über dieses wissenschaftliche Thema hat in England in sechs Monaten vier Großauflagen erlebt. Die englische und amerikanische Regierung hat seine Leitsätze verbreiten lassen. Die angelsächsische Ärzteschaft bis ins Lager der Chirurgen hat diesem Buch von genialer Einsicht und Einfachheit vielfach begeistert zugestimmt. Dr. A. v. Borosini hat im E. Pahl-Verlag, Dresden, die deutsche Ausgabe besorgt.
Und seine Vorbeugung und Heilung im Anfangsstadium? Man könnte kurzerhand als Antwort den alten Spruch hier hinsetzen:
„Die besten Ärzte in der Welt,
Trotz aller Neider, aller Hasser,
Das sind im Bunde treu gesellt:
Diät, Bewegung, Luft und Wasser.“
Frühmarsch
So ruft Barker auf zum Kampf gegen die heutige „Nahrungspest“, gegen die Verfälschung unserer Nahrungsmittel, und fordert eine Ernährung mit viel Rohkost, Obst, Vollkornbrot, Gemüse, Butter, Milch; so fordert er für die sitzende und fahrende Menschheit jeden Morgen eine Stunde kräftigen Frühmarsches; er fordert für den heute „menschentötenden Dickdarm“ einen leichten Stuhlgang, er fordert bei Darmverstimmung ein ein- bis zweitägiges Fasten; er fordert für die abgetötete Haut, unser wichtiges Atmungs- und Ausscheidungsorgan, morgens ein kurzes kaltes Bad mit durchgreifender Massage. Nichts weiter im Kampf gegen die große geheimnisvolle neue Pest, gegen den „großen Würger“ Krebs? Nichts weiter!
Das Ei des Kolumbus!
Der Londoner Chirurg W. Roger William schreibt hierüber: „Lange fortgesetzte Beobachtungen an Krebspatienten im Frühstadium in der Krankheit haben mich davon überzeugt, dass die Mehrzahl der Patienten stattliche, gutgenährte Menschen waren. Die kleinen, blassen, überarbeiteten Frauen von Lancashire und anderen Industriezentren werden selten von Krebs ergriffen.“ Dies bestätigt die vorige Anmerkung, dass Krebs und Tuberkulose zwei verschiedene sich fast ausschließende Krankheitsanlagen sind; Krebs mehr die des Wohlstands, Tuberkulose mehr die der Armut.
Wem diese Behandlung gar zu einfältig, zu fantastisch einfach erscheint, für den sei das klassische Beispiel der Beriberikrankheit und ihrer erfolgreichen Bekämpfung erzählt. Beriberi ist ein Tropenleiden, eine Nervenentartung mit schwersten Lähmungen. Sie wurde bis vor wenigen Jahren, da immer eine große Zahl Menschen am gleichen Ort zugleich an ihr erkrankten, für eine Infektionskrankheit angesehen. Die Wissenschaftler der verschiedensten Länder hatten über zehn verschiedene Bazillen und Kokken als Erreger gefunden und sogar gezüchtet, darunter den „Mikrococcus beribericus“! Da beobachtete eines Tages der holländische Gefängnisarzt Eijkman auf Java, dass ein Teil der Hühner des Gefängniswärters ebenfalls an Beriberi erkrankte, ein anderer nicht; die erkrankten Hühner aber erhielten „polierten“, d. h. geschälten Reis, die gesundgebliebenen groben Vollreis. Der sofort angestellte Versuch an Beriberimenschen mit Vollreisernährung ergab Heilung in kurzer Zeit, während all die Einspritzungen der spezifischen Sera versagt hatten. Auch hier: das Ei des Kolumbus! Auch hier der Beleg dafür, dass gerade in der missachteten Schale des Reiskorns – so wie beim Roggen, Weizen und der Kartoffel - die lebenswichtigen Ergänzungsstoffe, die Vitamine, liegen! Ähnlich verhält es sich mit dem Skorbut, einer gefährlichen, schmerzhaften Bluterkrankung, die auf Schiffen durch reine Fleisch- und Konservenkost entsteht; Obst und Frischgemüse beheben das Leiden in Kürze.
Kurzes Kaltbad am Morgen
Die äußerst einfache Behandlung dieser beiden schweren Krankheiten steht in vollem Einklang mit Ellis Barkers simplen und doch großartigen Anschauungen und Naturheillehren. Sie sind wie alles Große ewig alt und neu. Sie wurden hundertmal gefunden und hundertmal vergessen. Wir kommen später eingehend auf sie zurück. Hier im Anfang sind sie ein Beispiel, ein Grundton, auf den unser Buch gestimmt ist. Der menschliche Körper ist kein künstliches Mosaik von Organen, an denen man hier und da ungestraft herumschneiden, bestrahlen oder ätzen darf. Der menschliche Körper ist ein unteilbares Ganze wie jedes Gebild in der lebendigen Welt, ähnlich einem Baum. Dieser Baum ist in erster Linie bedingt von dem Boden, in dem er wurzelt, und von der Luft und Sonne, die er aufnimmt: von seiner Ernährung. Wer durch einen dichten Tannenwald geht – dort wo Bäume in Massen auftreten, in Baumgroßstädten –, der kann beobachten, wie die meisten Baumkrüppel und Leichen nicht von äußeren Anlässen, von Blitz, Nonne oder Borkenkäfer zerkränkt sind, sondern von den Ernährungs- und „Wohnungsverhältnissen“, von zu dichtem Bestand. Ein Baum, der nicht genug Luft, Licht, Sonne und Erde hat, verkrüppelt, setzt Moos und Schwamm an und stirbt ab. Die Axt des Waldhegers ins Menschliche übersetzt ist die Wohnungshygiene, die Siedlungsförderung, die rechte Ernährung! Hier sind die Grundlagen der Erhaltung der Gesundheit des einzelnen wie auch des Volkes! Doch auch die Heilung von Krankheiten kann nicht mit spezialistischen Teilhilfen, sondern nur mit Erfassung des ganzen Menschen geschehen!
Professor Bier, Berlin, hat in einer längeren Abhandlung: „Gedanken eines Arztes über die Medizin“ der Wissenschaft ein ernstes und kräftiges Wörtlein zugerufen: „Wir wollen Einkehr halten und uns fragen: Haben wir nicht dieses einfache naive Schauen und Denken, das den Hippokrates und andere hervorragende Ärzte früherer Zeitalter auszeichnete, verloren, und führt dies nicht doch noch in großen Grundfragen, welche Schlichtheit, Sammlung und tiefe philosophische Durcharbeitung verlangen, weiter als noch so fein ausgeklügelte technische Hilfsmittel und die Ansammlung eines ungeheuren, ungeordneten und nicht mehr übersehbaren Wissenswustes?“ (Münchner Medizinische Wochenschrift 1926, Nr. 14.)
Die Kräfte der Natur, die unsere Gesundheit erhalten, sind auch die Kräfte, die unsere Krankheiten heilen!
Unsere Heilkunst steht heute, genau wie alle anderen menschlichen Einrichtungen und Errungenschaften, an einem entscheidenden Wendepunkt. Gehst du durch die Straße einer Großstadt, so findest du neben Warenhäusern und Palästen der Autoindustrie, darin du vom Schraubenschlüssel bis zur Kurbelwelle jedes Teilchen kaufen kannst, auch sogenannte Arzthäuser. Du siehst an einer Fassade vier bis fünf Arzttafeln übereinander, und jeder behandelt ein anderes Organ. Leidest du an Magensäure und Darmbeschwerden, so wohnt im Parterre der zuständige Spezialist, schmerzt dich dagegen dein Herz und hast du Atembeklemmung, so steigst du eine Treppe höher zu dem Facharzt für innere Krankheiten; läuft aber dein Ohr, so musst du noch ein Stockwerk hinauf, drückt deine Blase, so musst du weitersteigen zu dem Spezialisten für Harn- und Blasenleiden. Jeder der Ärzte hat ein mustergültig ausgestattetes Ordinationszimmer mit blinkenden Instrumentenschränken, Röntgenröhren, Diathermieapparaten, Quarzlampen und elektrischen Schalttafeln, wie du es wünschest und erwartest; jeder behandelt dich genau auf das Organ, für das er Facharzt ist, und wegen dessen du ja zu ihm kommst. Sobald das eine Organ, etwa das eiternde Mittelohr, „geheilt“ ist, bist du entlassen und wendest dich sinngemäß eine Treppe weiter wegen Kieferhöhleneiterung an den Zahnarzt oder wegen Furunkulose an den Hautspezialisten. (Oder wie Bier es ausdrückt: „Vor jedem Loche des menschlichen Körpers lauert ein Spezialist, der sich von dem übrigen, dem ganzen Menschen, mehr und mehr entfremdet und schließlich nur noch Techniker, vielleicht sogar ein Meister der Technik, aber kein Arzt mehr ist.“ Münchner Medizinische Wochenschrift 1926, Nr. 33, S. 1362.)
Das ist die eine Methode! Man braucht hier keine Veränderungen in seiner gewohnten Lebensweise. Es wird dir weder das Rauchen, noch das Trinken, noch das Fleisch verboten. Du glaubst, du wirfst den Groschen in den Automaten und erhältst das Gewünschte! Du gehst in das Arzthaus und kaufst dir für 10 Mark Gesundheit!
Du selbst, Kranker, willst es ja so!
Doch es gibt noch eine andere Weise, und diese bricht sich – wie auch das Buch Ellis Barkers zeigt – mit Macht in den Kreisen der natursinnigen Kranken und Ärzte Bahn. Beginnt etwa dein Kopf hinter dem Ohr leicht zu schmerzen, so wartest du, wenn du unser Buch aufmerksam gelesen hast, nicht erst bis Fieber eintritt, bis das Ohr hämmert und eine Mittelohreiterung im schönsten Gange ist, so rennst du nicht erst nach vier Tagen zum Arzt und bist dann fassungslos, wenn man dir sagt, dass Eiter hinter dem Ohr sitze, und dass der Warzenfortsatz deines Schädels aufgemeißelt werden müsse … nein, gleich am ersten Tag legst du einen ableitenden Lehmwickel um den Hals, machst ein kaltes Reibesitzbad, ein Wechselfußbad und sorgst mit Rohkost, Obst und Einläufen für Ableitung durch den Darm. Abends von 5 bis 8, zur Zeit des Fieberanstiegs, wirkt eine zweistündliche Ganzpackung mit Schwitztee-Zitrone und darauffolgender kühler Essigabwaschung oft Wunder. (In den spätere» Kapiteln über Bäder, Güsse, Packungen, Wickel, Lehmbehandlung und „Hyperämie als Selbstheilung“ kommen wir ausführlich hierauf zurück.)
Auf diese Weise habe ich hundertfach Eiterungen im Mittelohr, in der Kieferhöhle, in den Zahnwurzeln und in den Mandeln gleich im Anfangsstadium zu beschleunigtem Ablauf kommen sehen … durch Unterstützung der Selbstabwehr des Körpers, durch unspezifische Behandlung! Denn die Natur ist der eigentliche Arzt, der Arzt selbst kann der Natur nur Beistand leisten!
Die Sonne – das beste Serum gegen Tuberkulose
Lungenkranke Kinder der deutschen Lungenheilstätte Davos
Doch auch dieser Beistand ist eine rechte Kunst. Lassen trotz deiner ersten eigenen Hilfen die Beschwerden dennoch nicht nach, so gehst du – vielleicht zuerst aus Furcht vor dem Messer – nicht zu einem Spezialisten, sondern zu einem naturheilkundigen Arzt. Du trittst in sein Sprechzimmer und suchst mit gewohnten
Blicken vergeblich die dicken Röhren, die Quarzlampen und Schaltapparate, alles Dinge, die zugleich Ehrfurcht und Vertrauen erwecken. Statt dessen gewahrst du an den Wänden nur Tafeln mit Pflanzen und Kräutern; in einer Ecke aber steht verheißungsvoll und gemahnend eine lange Wanne handhoch mit Wasser gefüllt, daneben vielleicht eine Kiste Lehm. Anschauungsmaterial.
Du beginnst nun sogleich dem Arzt über deine heftigen Ohrschmerzen zu klagen; doch er fragt dich, wie dein Stuhlgang sei? – Seit drei Tagen Verstopfung und auch sonst sehr träg; „aber jetzt komme ich wegen des Ohrs, es klopft zum Tollwerden darin.“ – Ob du gut oder schlecht schwitzen könnest, ob du leicht Schnupfen und Halsschmerzen habest? fragt dich der merkwürdige Doktor, statt sich sogleich über dein Ohr herzumachen. Ja, er zieht dich aus bis aufs Hemd deiner Vorfahren; dann beginnt er die örtliche Untersuchung. Ob in deinem besonderen Falle ein Durchstich des Trommelfells nötig, wird er jetzt erst entscheiden. – Ich entsinne mich eines Kranken, der 1 ½ Jahre wegen einer Mittelohreiterung in spezialärztlicher Behandlung war. Das Felsenbein war aufgemeißelt und die übliche Fistel hergestellt; doch der Eiter floss nicht recht ab; einmal wurde das Trommelfell durchstochen, das andere Mal von außen die Fistel erweitert; unter steter neuer Eiterung litt der Kranke rasende Schmerzen. Er verlangte auch von mir Morphium, er könne so nicht mehr leben. – Als erstes wurde die „kräftige“ Fleisch-, Wein- und Eikost abgesetzt; dafür morgens und abends ein Reibesitzbad, Lehmwickel um den Hals und eine Apfelsinenkur! Sparsame Darreichung eines homöopathischen Mittels. Schon nach drei Tagen ließen die Schmerzen nach und waren nach 14 Tagen verschwunden; sie kehrten, obschon sich die Fistel schloss, nicht wieder. (Mit Absicht ist gerade dieser, dem Spezialarzt zugehörige Fall hier aufgeführt. Bei allen „inneren“, Stoffwechsel- und Konstitutionskrankheiten, wo das Messer nicht hinkann, versteht sich eine giftlose, naturheilgemäße Behandlung von selbst.)
„Künstliche Sonne“
Natürliche Sonne
Lungenkranke Schulkinder nackt in Sonne und Schnee.
Die modernste Tuberkulosebehandlung in Dr. Rolliers Heilstätten in Leysin
In neunzig von hundert solcher Fälle werden reine naturgemäße Hilfsmittel: warme Leinsamen-, Kamillen-, Kümmelüberschläge, Lehmwickel, Ableitung durch Darm und Haut, Heiltee, Schwitzpackungen, Bäder und Güsse zur Selbstheilung des Körpers genügen.
Es ist daher ein völlig irriger Standpunkt, wenn jüngst ein Hochschullehrer erklärte: Die Naturheilmethode habe sich der Schulmedizin als Teilgebiet ebenso einzugliedern wie etwa die Teilgebiete der Chirurgie, der Ohrenheilkunde oder Frauenheilkunde. Auch in der Chirurgie verwende man feuchte Packungen, auch in der Frauenheilkunde warme Sitzbäder, auch in der inneren Medizin Fangoschlamm. Aber was verwendet man daneben und hauptsächlich?
Die Naturheilkunde ist keine Auchmedizin, sie ist kein Teilgebiet, das man nebenbei hinzuzieht, etwa Rohkostverordnung und Arseneinspritzung, Lehmwickel und Salizylpräparate. Die Naturheilkunde kennt den Körper nur als Ganzheit, sie kennt nur eine einheitliche Behandlung. Die Naturheilkunde ist kein „Dogma“, sie ist eine Erfahrungslehre, auf tausendjährige Beobachtung gegründet. Sie unterdrückt nicht das „Heilfieber“ mit Salizylpräparaten, sie treibt es durch Schwitzpackungen heraus; sie schmiert einen Hautausschlag nicht mit Salben zu und „vertreibt“ ihn nach innen, sie bringt ihn durch Blutreinigungstee, Diät-, Herbst- und Frühjahrskuren zu vollem Ausbruch und zur Heilung; sie schneidet die Mandeln – diese wichtigen Wächter am Racheneingang – nicht heraus, sie behandelt vielmehr mit Sonne-, Lichtluft- und Salzbädern ursächlich die ganze geschwächte „lymphatische Konstitution“.
Man sieht, hier sind Welten! Verschiedene Anschauungen vom Wesen der Lebens- und Heilvorgänge! Für den Naturarzt gibt es keine Einzelteile des Körpers, sondern stets nur den ganzen Körper. Er wird nie selbstherrlich an dem Körper herumschneiden oder Reaktionen wie Fieber, Hautausschläge, Drüsenschwellungen, Migräne, Asthma, Hämorrhoiden, Beingeschwüre bloß „vertreiben“ oder gar unterdrücken. Ihm gilt der Leitsatz der großen Ärzte und Naturkenner des Altertums auch heute noch als erstes Gebot:
Natura sanat, medicus curat!
Die Natur heilt, der Arzt leistet Beistand!
„Saget mir doch, wer die wilden Waldtauben, Häher und Amseln gelehret hat, sich mit Lorbeerblättern zu purgieren und die Turteltäublein und Hühner mit St. Peterskraut? Wer lehret Hunde und Katzen das betaute Gras fressen, wann sie ihren Bauch reinigen wollen? Wer unterweiset die Schwalbe, dass sie ihrer Jungen blöder Augen mit Chelidonio arzeneien soll? Wer instruieret die Schlange, dass sie Fenchel esse, wann sie ihre Haut abstreifen will? Schier durfte ich sagen, dass ihr eure Künste und Wissenschaften von uns Tieren erlernet habt. Aber ihr fresst und sauft euch krank und tot, das tun wir Tiere nicht. Ein Löwe und Wolf, wann er zu fett werden will, so fastet er, bis er frisch und gesund wird.“ So antwortet Simplizius, „Kalb“ genannt, seinem Herrn im „Abenteuerlichen Simplizissimus“ von Grimmelshausen, geschrieben 1669! Ein Zeugnis großartigster Natureinblicke, die uns verlorengingen.
Dennoch eine Richtschnur auch für uns! Nicht die komplizierten Erzeugnisse der chemischen Großindustrie, nicht die noch so kunstvollste Operation, sondern gerade die einfachen urtümlichen Naturkräfte, die gleichsam auf der Straße liegen: Heilkräuter, Erde, Wasser, Licht, Luft, Gymnastik, Massage und Diät sind die wirksamsten, billigsten und zugleich unschädlichsten Heilmittel.
Aber wir sehen den Wald vor Bäumen nicht!
Solutio ammonii chlorati
cum succo liquiritiae.
Wir würden die schwärzeste Tinte und den dicksten Leim mit Vergnügen trinken, wenn nur ein lateinischer Name darauf steht. Bei Fritz Reuter betrachtet Onkel Bräsig eine solche Mixtur mit den Worten: „Wenn's auch nicht hilft, so kriegt man doch einen Begriff, was die menschliche Kreatur alles aushalten kann.“ Weshalb aber nimmst du jedes Affenschmalz und trinkst jeden Salmiaksirup, da eine Packung, ein Kreuzwickel, ein Reibebad mit Atemübungen dir wirklich zu helfen vermag? Weil du mit ein paar Löffel „Mixtura solvens“ in einem Tag geheilt sein willst und keine Einsicht hast, dass jede Krankheit genau den Weg zurückgehen muss, woher sie kam! Weil du eine Art Zauberei verlangst, aber dich bis aufs Messer wehrst, deine Lebensgewohnheiten, die eigentlichen Urfächer deines Leidens zu ändern! Du willst es schnell und bequem haben, so schufst du dir deine Fachärzte. Du willst es schnell und bequem haben, bedenkst aber nicht, dass jeder Missbrauch deines Körpers in Raubbau, falscher Ernährungs- und Lebensweise nicht durch eine Einspritzung zu beheben ist, sondern einzig durch eine Umkehr in deinen ganzen Lebensgewohnheiten.
Es genügt also nicht, über einen Hautausschlag eine Salbe zu schmieren; man legt auch nicht über einen verschmutzten Boden einen Teppich. Generalreinigung ist not! Bei jedem Hautausschlag, bei jedem Rheumatismus, bei jeder Gicht, bei jeder Furunkulose geht es um deinen ganzen Körper! Schon vor 2300 Jahren lehrte Hippokrates, der große griechische Arzt, der unsere bebrillte Gelehrsamkeit noch heute um vieles überragt: „Die Krankheiten überfallen uns nicht wie aus heiterem Himmel, sondern sind Folgen fortgesetzter Sünden wider die Natur; erst wenn diese sich häufen, brechen die Krankheiten scheinbar plötzlich hervor.“ Also ist jede Krankheit – ausgenommen Wunden und einige Infektionskrankheiten – ein „chronisches“ Leiden! Also ist es sinnlos, die Mandeln herauszusäbeln, diesen Maulwurfshügel der Lymphdrüsenbahn einzuebnen und zu glauben, damit sei der Maulwurf erledigt; also ist es sinnlos, gegen einen Rheumatismus, die jahrelange Ablagerung der Harnsäure in den Gelenken und Muskeln, elektrische Lichtbäder zu verordnen oder Atophan zu spritzen und den Kranken ruhig weiter Fleisch essen zu lasten; also ist es sinnlos, gegen Magenleiden ein Pülverchen einzunehmen und zu glauben, damit sei die Sache getan!
Man hat nicht jetzt eine Schlange im Hut und lässt im nächsten Augenblick zwei Tauben heraus; man ist nicht heute krank und morgen infolge einer Einspritzung oder eines Scherenschlags gesund! Krankenheilung ist keine Zauberei! Sie ist eine Frage der Erziehung und Mitarbeit des Kranken!
Man geht entschieden lieber einmal im Jahr vier Wochen nach Karlsbad oder Kissingen, als dass man morgens auf sein Frühstück und mittags auf Suppe und Braten verzichtet. Nur scheinbar kann man sich Gesundheit kaufen; in Wirklichkeit muss man sie sich erobern!
Jeder mit eigener Kraft!
Krankenheilung ist aber auch eine Frage der Krankheitseinsicht des Erkrankten! Du kannst nicht im Dunklen tappend Mitarbeit leisten. Du selbst musst den Keimpunkt deiner Krankheit kennen, musst bis zu diesem Punkt mit vordringen!
Das ist kein leeres Wort! Jeder Arzt erlebt es täglich in seiner Sprechstunde, da er den Kranken zu Ende beklopft und behorcht hat und ganz in das Schreiben des Rezeptes vertieft ist, dass plötzlich dieser Kranke auch noch da ist und fragt: „Herr Doktor, was fehlt mir denn eigentlich?“ Die Krankheit ist behandelt, aber der Kranke ist auch noch da! Er bietet sich mit dieser Frage zur Mitarbeit an. Ein schlechter Arzt, der hierauf überlegen antwortet: „Mein Lieber, was sollen Ihnen die Namen; das verstehen Sie ja doch nicht! Es handelt sich – sagen wir – um ein nervöses Herzleiden.“ Nein, Kranker, in diesem Fall hattest du recht! Und man hat dir dein Recht verweigert: dein Recht auf Krankheitseinsicht, das ein Teil, ja die Voraussetzung deiner Heilung ist! Drum erobere es dir! Und wichtiger noch: die Kenntnis zur Erhaltung deiner Gesundheit! Deine Gesundheit, deine Arbeitskraft sind vielleicht dein einziger Besitz!
Besser als Kissingen und Karlsbad
Der „Herr Verfasser“, 39-jährig, bei der Morgenarbeit
Du gebrauchst kein Fahrrad, kein Auto, keine Hobelbank, ohne dass du sie kennst. Du kennst so viel; kennst du … deinen Körper?
Deinen Körper, mit dem du täglich arbeitest, dem du täglich mancherlei zumutest!
Ja, du kennst sehr viel, du kennst die Regeln des Fußballspiels, die Tageshelden in Politik und Film, du hast auf der Schule gelernt, welches die Hauptstadt Italiens ist, wer Christoph Kolumbus war, wann Karl der Große regierte … weißt du auch, wo deine Milz liegt, wo deine Schlagader am Hals verläuft, wie dein Herz arbeitet, wie Magen und Darm schaffen, wie viel Zähne das Milchgebiss deines Kindes hat; weißt du auch, wie man eine Mandelentzündung von einer Diphtherie unterscheidet, einen Krupp- von einem Keuchhusten; weißt du, wie man einen Kreuzwickel macht, eine Ganzpackung, einen Lehmumschlag, einen Wacholdermantel, eine Armkompresse, ein Reibesitzbad, einen Wechselguss? Jede dieser einfachsten Verrichtungen kann heute oder morgen dir und deinem Kinde das Leben retten; Kennst du sie also?
Antworte nicht zu schnell mit: Ja!
Der Zweijährige steigt jeden Morgen von sich aus in die Wanne
Morgenbad und Fußguss des Vierjährigen. Kein Geschrei mehr vor kaltem Wasser; die morgendliche Ganzwaschung wird dem Kind zur zweiten Natur
Jeder Arzt erlebt hier in seiner Praxis die seltsamsten Überraschungen. Man staunt immer wieder, wie kopflos die Menschen gerade einer Krankheit gegenüberstehen.
In einer Tischlerfamilie hatte ich den gebrochenen Unterschenkel des Hausvaters geschient und in Streckverband gelegt. Ich ordnete noch eingehend an, dass man das gebrochene Glied zur Ruhigstellung zwischen Sandsäcke lege. Am Abend lässt man mich rufen, der Mann sei am Ersticken! Der Arme lag mit blaurotem Gesicht unter einer Lawine von Sandsäcken begraben, ein Halbzentnersack wuchtete quer über seinen Leib. – Ein anderes Mal ward einer Beamtenfrau ein Seifenwasserklistier mit etwas Öl verordnet; während der nächsten Beratung beklagt sie sich bitter, sie habe das Klistier nicht nehmen können, sie habe es sogleich … erbrochen! – Bei einer Schwitzpackung mit einer guten Tasse Lindenblütentee und Zitrone reicht diese Tasse Tee nicht … zur Befeuchtung des ganzen Bettlakens. – Bei einem Wechselfußbad: heiß und kalt! wird der rechte Fuß ins kalte, der linke ins heiße Wasser gestellt. – Bei einer blutigen Ruhr mit Reizhustenanfällen hat eine Kaufmannsfrau ihrem Manne den After mit Watte und Gaze fest austamponiert, weil schon das helle Lungenblut „nach unten“ durch den Stuhlgang abgehe!
Selbst höhere „Bildung“ schützt keineswegs vor solcher Ahnungslosigkeit. Man darf bei den meisten Menschen heute so gut wie gar keine Kenntnisse ihres Körpers, ihrer Krankheit und der Krankenpflege voraussetzen. Die Konstruktion eines Flugzeuges, die Bedienung eines Autos, die Erdung einer Antenne, die Hauptstadt von Spanien, Zins- und Logarithmenrechnung … ja; aber die Lage der Schlagadern unseres Körpers, die Anlegung einer blutstillenden Kompresse, eines Kreuzwickels, einer Schwitzpackung, die Funktionen der Milz, der Leber, der Bauchspeicheldrüse, die richtige Wahl der Nahrung, die Technik der Selbstmassage … nein!
Es gilt hier nachzuholen, was in den Schulen versäumt wurde. Vielerlei lernten wir dort, nur nicht die Kenntnis des Allernächsten: die Kenntnis unseres eigenen Körpers.
Der Vierjährige wäscht und massiert sich im Freien
Zehnminutenmorgenlauf
Durchatmet Haut und Lungen, ölt die Gelenke, durchblutet die Muskeln, regt Darm und Stoffwechsel an: Ein Gewinn für den ganzen Tag!
Fast widerstrebt es dem Geist dieses Buches, eine beschreibende Anatomie unseres Körpers zu geben. Denn gerade die „Zerschneidung“ (Anatomie) des Körperganzen in Muskeln, Nerven, Adern, Organe hat dazu beigetragen, bei Erkrankungen stets nur das einzelne Organ, bei dem die Krankheit zum Ausbruch kam, ins Auge zu fassen. Hippokrates, der noch keine menschlichen Leichen öffnete, hatte schon vor 2300 Jahren eine geradezu überraschende Kenntnis von der Tätigkeit des lebenden Organismus. So wie man noch heute von ihm lernen kann, woraus eine sinnvolle Fieberkost und Allgemeindiät besteht, wie man einen Klumpfuß bandagiert, so wie „die Bank des Hippokrates“ das genaue Vorbild des heutigen Operationsstuhles ist, und wie er in Gestalt der Mandragorawurzel im vollen Besitz eines Narkosenmittels war. Auch die alten Ägypter und Inder sind bereits vor über 2500 Jahren im Gebrauch der schmerzstillenden örtlichen Betäubungsmittel mindestens ebenso weit gewesen wie wir heute. Dioskorides, ein altgriechischer Arzt, berichtet über den „Memphisstein“, einen „kleinen, runden, blanken, starkfunkelnden Kiesel“: Gepulvert und zur Salbe verrieben auf den zu operierenden Körperteil aufgetragen, blieb dieser Teil „und nur er“ von jedem Schmerz bei der Operation durch Brennen und Schneiden verschont; wurde das Mittel dagegen mit Wein und Wasser vermischt eingenommen, so wirkte es wie eine Narkose. Die Inder sollen seit uralten Zeiten dieses Mittel auch bei der Witwenverbrennung benutzt haben. (Auch der römische Schriftsteller Plinius gibt einen sehr ausführlichen Bericht über die Narkose durch den Memphisstein: Narkose, wie Operation wurden hauptsächlich auf den Feldzügen in der Kriegschirurgie verwendet.)
Diese Stelle finden wir im Koran; sie wirft ein blitzartiges Licht auf die gute Körperkenntnis in früheren Zeiten; oder jener Satz im gleichen Buch: „Du bist wie Myrrhe auf eine Wunde!“ Auch in unserem Lande bezeugen die uralten Volksnamen unserer Heilkräuter, die leider mehr und mehr durch die Teerprodukte der chemischen Industrie verdrängt werden, dass unsere Vorfahren noch Natur- und Körperbeobachtung besaßen. So finden wir das treffliche Kräutlein „Augentrost“ gegen Augenleiden, „Beinwell“ gegen Knochenverletzung, wir finden den „Fieberklee“, die Anserine oder das „Krampfkraut“, die Angelika oder den „Brustwurz“, den Andorn oder das „Mutterkraut“, den Erdrauch oder das „Krätzheil“.
Es wird klarer: Was wir auf der einen Seite an technischer Vervollkommnung, an Spezialisierung und Verfeinerung zunahmen, das kam uns auf der anderen Seite an Einblick in die lebendige Natur, an naiver Selbstbeobachtung abhanden. Oder wie ein Forscher es jüngst ausdrückte: „Was wir durch den Röntgenapparat gewonnen haben, ging aus den Fingerspitzen verloren.“ (Professor Bier sagt in: Gedanken eines Arztes über die Medizin: „Diese sich exakt nennende Wissenschaft ist im höchsten Grade unlogisch; denn sie betrachtet das Leben nur von der einen Seite, die es mit dem Unbelebten gemein hat, geht aber vollständig am eigentlichen Wesen des Lebens vorbei.“ Münchner Medizinische Wochenschrift 1926, Nr. 14 ff.)
Das wollen wir nicht vergessen, wenn wir jetzt den Zellenbau des menschlichen Körpers, sein Knochengerüst, seinen Muskel- und Bandapparat, sein Gefäß-, Drüsen- und Nervensystem und seine Organe uns anatomisch vor Augen führen. Wir wollen nicht vergessen, dass weder der Stamm der Baum ist, noch die Wurzel, noch das Laubwerk, sondern Stamm, Wurzel und Laubwerk, die der Saft der Erde verbindet, in ihrer Gesamtheit!
Darum haben wir Anatomie (Bau), Physiologie (Tätigkeit) und Histologie (Entwicklungsgeschichte) des Körpers nicht getrennt, sondern zusammen behandelt.
Der grobe Baustein jedes Lebewesens, ob Pflanze, Tier und Mensch, ist die Zelle. Die Zelle ist die erste fest umgrenzte Einheit, aus der jedes Gewebe sich wirkt. Wir sind uns dabei bewusst, hier im Anatomischen begrifflich erstarrte Hilfslinien zu benutzen, im Gegensatz zur späteren Säftelehre: den großen fließenden Vorgängen des Stoffwechsels, des Blutumlaufs, der Sinnesleitung.
Dennoch: die Grundzelle – die Ursamenzelle und Eizelle als Träger alles Lebens – sie bilden eine erste und selbstständige Einheit.
Wenn aber der große Arzt und Forscher Virchow den Satz aufstellte: Alles Leben kommt aus der Zelle! und hiermit das unter dem Mikroskop sichtbare umgrenzte Zellgebilde verstand, so hat er die Vorstellung vom Leben und von der Krankheit folgenschwer einseitig an eine erstarrte Form und Formel gekettet. Strombett und Stromufer sind noch nicht der Strom! Die Lehre Virchows: die veränderte Zelle sei die Krankheit, diese „Zellularpathologie“ hat das ärztliche Denken auf Jahrzehnte verhängnisvoll beeinflusst. Sie hat letzten Endes den Spezialisten gezüchtet, sie hat dem Chirurgen vorgetäuscht, dass man das kranke Zellgebilde nur abzugrenzen und herauszuschneiden brauche, und das Leiden sei behoben.
Dieser Zellularpathologie, der Lehre von der kranken und veränderten Zelle, tritt heute immer mehr die Vorstellung der Säftemischung und -entmischung entgegen, die uralte und wiederentdeckte „Humoralpathologie“ des Hippokrates. Sie erblickt in der Veränderung des Säftestroms – dem Blut, der Lymphe und den Drüsensäften, die den gesamten Körper in jeder Sekunde durchströmen – das Wesen der Krankheit.
Unter dem Gesichtspunkt der veränderten Zelle sägte man früher in kunstvollsten Operationen jährlich Tausende tuberkulös oder gonorrhoisch veränderter Kniegelenke heraus und versteifte das verkürzte Bein. Da fand Professor Bier, dass man den Blutstrom am kranken Gelenk mit einer einfachen Binde zu stauen brauche, Schmerz und Entzündung schwanden, auch die veränderte Knochenzelle bildete sich zur Norm zurück. Bier selbst hat schon 1906 diesen Vorgang der Überblutung durch Stauung (Hyperämie) als „das verbreitetste Selbstheilmittel“ bezeichnet. („Fassen wir deshalb die Reaktion des Körpers als nützliche Heilbestrebung der Natur auf, so müssen wir sagen, dass Hyperämie das verbreitetste Selbstheilmittel von allen ist.“ Bier: „Hyperämie als Heilmittel“. Leipzig 1906. S. 13. – Vgl. auch Dr. Rolliers Sonnenbestrahlung!)
Tausende verstümmelnde Kniegelenksoperationen wurden so überflüssig; die Einwirkung durch den Säftestrom hatte über das örtliche Herausschneiden der veränderten Knochenzellen gesiegt!
Um diesen einen Angelpunkt beginnt jetzt langsam unsere Anschauung von den Lebens- und Heilvorgängen in eine neue Richtung zu drehen. In der Praxis aber wird ein Heer von Eingriffen überflüssig, von Leiden behoben, Glieder von Menschen bleiben erhalten und vor Versteifung bewahrt.
a Blutplättchenzelle (winzig, kaum sichtbar)
b Rotes Blutkörperchen
c Weißes Blutkörperchen
d Knochenzelle
e Samenzelle (mit Schwanz)
f Nervenzelle (mit dunklem Kern)
g Muskerlzelle (mit hellem Kern)
h Eizelle des Menschen (Diese riesige Zelle enthält in ihrem Kern die Erbmasse der Eltern und in ihrem Dotterschollen die Nährmasse für den Keim.) Ihr Durchmesser beträgt 1/6 mm. Die Zahlen links geben die Naturgröße der Zellen in 1/1000 mm an.
Doch das Vordringen zu dieser neuen Anschauung vom Wesen der Zelle und der Säfte ist die wichtigste Aufgabe. Dieser Quellpunkt muss klarliegen! Bloß aneinandergereihter Wissensstoff beengt und belastet! Wir verfahren darum nicht peinlich nach Schnur und Faden, halten uns nicht ängstlich auf der ausgetretenen Landstraße, sondern unternehmen immer wieder Abstecher ins Neuland und Dickicht, um die eigentlichen Quellpunkte zu finden und immer fühlbarer zu umkreisen. Wir scheuen darum nicht vor Wiederholungen und verzichten auf eine „Vollständigkeit“, die es nicht gibt.
Blickst du bei vielfacher Vergrößerung durch das Mikroskop auf einen hundertstel haarfein geschnittenen Teil unseres Körpers, so siehst du zahllose durchsichtige Scheibchen, die einen mehr rund, die anderen mehr kantig. Jedes besteht aus einem Kern in der Mitte, aus einer glasigen Eiweißmasse um den Kern, dem Zellschleim oder Protoplasma, das wieder umgeben ist von der festeren Zellhülle. Alle Zellen haben im Grunde diesen Bau, von der Pflanzenzelle über die Blutzelle bis zur Ursamenzelle, die in ihrem Zellkern gleichsam den ganzen neuen Menschen enthält.
Die Zelle vermehrt sich durch Teilung. Wenn wir die Zellteilung bis ins letzte verfolgen könnten, so würden wir eine kaum geringere milliardenfache Leistung sehen wie bei der Entstehung eines Kindes, das körperlich schließlich das Endergebnis unendlicher Zellteilung ist. Diese genaueren Vorgänge der Zellteilung werden wir später bei der „Befruchtung“ der Eizelle besprechen.
Bei der Einzelzelle aber beobachtet man bei sehr starker Vergrößerung zunächst, wie der Kern sich lockert, sich zu einem scheinbar wirren Knäuel von zahllosen Fäserchen auslöst, wie er zu einer Sternfigur sich ordnet, wie jetzt auch der Zellschleim, das Protoplasma in Bewegung kommt, sich einschnürt … wie der Kern sich dann teilt, zu zwei Sternen auseinanderfährt, wie schließlich aus der Mutterzelle durch eine Scheidewand an der Einschnürungsstelle zwei „Tochterzellen“ mit selbstständigen Kernen geworden sind.
Die Zelle und ihre Vermehrung (Schema der ungeschlechtlichen Zellteilung)
1. Zelle in Ruhe: Zellhülle, Protoplasma (Zellweiß) und Zellkern (in der Mitte), am oberen Rand des Zellkerns liegt das „Zentrosom", das Kraftzentrum für die Zellteilung.
2. Beginn der Teilung: Aus dem einen Zentrosom jetzt zwei Zentrosome wie zwei kleine Sonnen. Auch die Kernsubstanz ist in Bewegung.
3. Die Teilung schreitet fort: Die Zentrosome rücken weiter auseinander. Die Kernsubstanz zerfällt in 6 gleiche (dunkle) Fäden, in „Chromosome".
4. Die Zentrosome in weitestem Abstand bilden zwei „Pole". Auch die Kernfäden, die Chromosome stehen sich jetzt 3: 3 gegenüber.
5. Die „Spindel". Spaltung der Chromosome.
6. Loslösung des Ost- und Westpols der Zelle voneinander.
7. Einschnürung und Teilung auch der Zellhülle (Zellmembran).
8. Vollendete Teilung: Zwei selbständige Zellkerne, Zentrosome, Zellhülle.
Die zwei Tochterzellen teilen sich bald wieder in je zwei Zellen, die Reihe wächst: 2 … 4 … 8 … 16 … 32. Durch solche Zellteilung entstehen die Zellverbände oder das Gewebe. Die Art der Gewebe, das heißt die Zellformen und die Dichte ihrer Lagerung, sind bedingt von ihrer Aufgabe, den Körper zu stützen, Gelenke abzukapseln, Muskelzug zu leisten, Schmerz- und Sinneseindrücke weiterzuleiten oder die Grenze zwischen Körper und Außenwelt zu bilden. So unterscheiden wir: ein Knochen- und Knorpelgewebe, ein Sehnen- und Bindegewebe, ein Muskelgewebe, ein Nervengewebe und „die Haut“, halb Gewebe, halb schon Organ. Von großer Bedeutung für die Art und Festigkeit des Gewebes sind die feinsten Ausscheidungen der Zelle, die „Kittsubstanzen“; sie liegen zwischen den Scheidewänden zweier Zellen und kitten gleichsam die einzelnen Zellen zusammen. Bei der Haut, die keinen großen Druck auszuhalten hat, sind es winzige Spaltverspachtelungen, beim Knochengerüst dagegen mächtige Zementschichten, vor deren Masse die eigentliche Zelle völlig zusammengedrückt erscheint.
Nach der besonderen Aufgabe der Verdauung, der Atmung, der Zeugung, der Fremdkörperabwehr finden wir die Drüsenzellen des Magen-Darms, des Nasen-Rachenraums und der Luftröhre, des Eierstocks und die sogenannten „Flimmerhaarzellen“ der Atmungswege und des Eileiters.
Knochengewebe mit Kernen, Kanälen und Kitsubstanz, 100fach vergrößert
Längsgestreifte Muskelzellen mit Zellkernen, 400fach vergrößert
Muskelgewebe aus quergestreiften Muskelzellen mit Zellkernen, 400fach vergrößert
Gewebeverbände oder „Organe“. Die Säfte.
Zellgewebe verschiedener Art, die sich zu einer bestimmten Aufgabe („Funktion“) vereinen, nennen wir Organe; so: die Leber, die Nieren, das Herz, die Lungen, die Schilddrüse, die Eierstöcke.
Einen besonderen Rang nehmen die Säfte, das Blut und die Lymphe, ein; sie sind nicht Zellausscheidungen wie etwa der Magensaft oder andere Drüsenabsonderungen; sie sind selbst Zellen oder Zellabkömmlinge, die zu vielen Billionen in der Blutflüssigkeit, dem Blutserum schwimmen. Wir werden sie beim Herzen und Gefäßsystem kennenlernen.
Das Skelett bestimmt als Körpergerüst nicht bloß die Größenverhältnisse des Körpers, es formt auch die Schutzhöhlen, darin die Organe gelagert: die Schädelkapsel, die Brusthöhle, die Beckengrube; es bildet die Roll- und Gleitflächen der Gelenke, die Ansatzstellen der Sehnen und Muskeln.
Die eigentliche Achse des Skeletts, der Knochenstamm, um den im Schulter- und Beckengürtel die Gliedmaßen sich bewegen, ist die Wirbelsäule. Sie besteht aus
33 Wirbeln:
7 Halswirbeln
12 Brustwirbeln
5 Lendenwirbeln (Hals-, Brust- und Lendenwirbel sind 24 „freie Wirbel“)
5 Kreuzbeinwirbeln, die miteinander verschmolzen sind,
4 Steißbeinwirbeln, als „falsche Wirbel“ zu dem Steißbein verknöchert.
Das Knochengerüst
Der erste Halswirbel, der mit dem Hinterhaupt durch ein Scharniergelenk verbunden ist, heißt „der Atlas“. Wie einst der Riese die Erdkugel auf seinen Schultern hielt, so trägt er den Schädel.
Halswirbelsäule mit Drehgelenk zwischen 1. und 2. Halswirbel
1 Zahn des 2. Halswirbels
2 Gelenkfläche des 1. Halswirbels „Atlas"
3 Gelenkfläche des 2. Halswirbels
4 Querfortsätze des 3.-5. Halswirbels
Am Schädel selbst beobachten wir deutlich 2 Hälften: die obere Hälfte oder die Hirnschale mit dem Gehirn und die untere Hälfte, den Gesichtsschädel, mit einem Teil der Sinnesorgane, mit den oberen Atmungswegen und Kauwerkzeugen.
Die Hirnschale besteht aus acht Knochen:
4 paarigen:
2 Scheitelbeinen, als Schädeldecke: das eigentliche Schutzgewölbe für das Gehirn.
2 Schläfenbeinen zu beiden Seiten in Ohrhöhe; sie enthalten in dem „Felsenbein“ das Gehörorgan: das Labyrinth, die Paukenhöhle und den Gehörgang. Sie bilden nach außen die flache Schläfenschuppe mit der Gelenkgrube für das Unterkieferkaugelenk. Sie tragen nach unten den Warzenfortsatz, die Haftstelle für wichtige Muskeln des Halses.
4 unpaarigen:
Dem Stirnbein, als Stirn und obere Augenhöhle.
Dem Hinterhauptbein, als Hinterkopf und Schädelbasis.
Dem Keilbein mit dem zweiten Teil der Schädelbasis und Teilen der Augenhöhlen.
Dem Siebbein als knöcherne Unterlage für das Riechorgan. Die Knochen des Schädeldachs sind durch Knochennähte miteinander verbunden. Ihre Schnittpunkte bilden die größere Stirn- und kleinere Hinterhauptsfontanelle. Sie bleiben während des ersten Jahres „offen“, so dass man oft das Pulsieren der großen Hirnadern durch die Kopfhaut wahrnimmt.
Der Gesichtsschädel besteht aus 14 Knochen, von denen 13 ein starres Knochengefüge darstellen; nur einer, der Unterkiefer, ist beweglich. Von diesen 14 Gesichtsknochen sind
12 paarig:
2 Oberkieferbeine mit dem Boden der Augenhöhle, der Kieferhöhle, dem Zahnfortsatz, dem Gaumenfortsatz, dem Nasenfortsatz und dem Jochfortsatz.
2 Jochbeine, die mit dem Jochfortsatz des Schläfenbeins und Oberkiefers die „Jochbögen“ stellen. Die Jochbögen bestimmen die „Breite“ des Gesichtes und die Merkmale vieler Rassen: der Mongolen, Slawen, Eskimos und Indianer.
2 Gaumenbeine für den harten Gaumen.
2 Nasenbeine für die Nasenwurzel.
2 Muschelbeine für die Nasenmuschel und Nasenhöhle.
2 Tränenbeine für den Tränenkanal.
unpaarig:
Die Pflugschar oder die Hintere Nasenscheidewand.
Der Unterkiefer mit dem Zahnfortsatz (dem Träger der unteren Zahnreihe) und den senkrecht aufsteigenden „Ästen“; diese bilden den „Kronenfortsatz“, die Ansatzstelle des Schläfenkaumuskels und den „Gelenkfortsatz“, der mit der Gelenkgrube des Schläfenbeins das Kiefergelenk formt. (Die Zähne werden wir sinngemäß bei den Verdauungswerkzeugen behandeln.)
Die Gelenkverbindung des Schädels mit der Wirbelsäule durch den obersten Halswirbel, den Atlas, erwähnten wir schon. Dieses Scharniergelenk zwischen Atlas und Hinterhaupt ermöglicht das Neigen und Heben des Kopfes. Die ausgedehnte Seitwärtsdrehung des Hauptes um die Wirbelsäule vollzieht sich in dem Zapfen- oder Drehgelenk, das durch den Zahnfortsatz des 2. Halswirbels und das Loch des Atlas gebildet wird.
Der Schädel mit seinen knöchernen Nahtverbindungen
Die übrigen 5 Halswirbel sind wie alle „freien Wirbel“ durch ihre Gelenkfortsätze und durch die halb elastische Zwischenwirbelscheibe miteinander verbunden. Die 6 oberen Halswirbel haben in jedem ihrer seitlichen Querfortsätze ein Loch, durch das der Ast der großen Schlagader zum Gehirn verläuft.
Auch den 12 Brustwirbeln steht neben der Allgemeinfunktion der Wirbelsäule noch eine Sonderausgabe zu: sie bilden den festen Ansatzpunkt der Rippen und des Brustkorbs. Von den 12 Rippen vereinigen sich die 7 oberen „wahren“ Rippen mit dem Brustbein, mit dem sie durch ein Knorpelstück und straffe Bandmembranen verbunden sind. Von den 5 unteren „falschen“ Rippen erreichen die 7.–10. Rippe das Brustbein nicht mehr, verschmelzen aber noch mit ihren knorpeligen Enden. Die beiden untersten Rippen enden blind in der Bauchdecke.
Die 5 massigen und zugleich äußerst beweglichen Lendenwirbel haben eine sehr vielseitige Aufgabe. Sie dienen – als erster großer Angriffspunkt der Körperlast – der Verteilung des Schwerpunktes, der Seitwärtsdrehung und Beugung des Rumpfes und zugleich der Fortleitung der Gehbewegung auf die Wirbelsäule.
Das Kreuzbein, ein schaufelförmiges Knochenstück, das aus 5 Wirbeln fest verschmolzen ist, bildet die Haftfläche für das Darmbein. Das mächtige Darmbein rundet sich mit dem Sitzbein und Schambein und mit der Hinteren Wand des Kreuzbeins zum „Becken“, darin die Geschlechtsorgane und die Harnwerkzeuge gelagert sind.
Das Steißbein besteht aus 4 bis 5 verkümmerten Wirbeln, den Resten des vormenschlichen Schwanzes.
Die Gliedmaßen sind durch den Schultergürtel und den Beckenring mit dem Rumpf verbunden.
Der Schultergürtel: der nach hinten offene Ring aus den Schlüsselbeinen und Schulterblättern. Vorn, wo die Schlüsselbeine durch ein Sattelgelenk an der Handhabe des Brustbeins haften, ist er geschlossen. Der Schultergürtel in seinem schlanken, auch in sich selbst vielgelenkigen Bau dient der ausgedehnten freien Bewegung des menschlichen Armes nach oben, seitwärts und rückwärts. Wie frei beweglich dein Arm ist, kannst du erkennen, wenn du ihn nach vorn und hinten kreisen lässt oder mit der Kammseite deiner linken Hand über den Rücken hinweg deine rechte Flanke schlägst! Dies wird nur möglich durch das Brustbein-Schlüsselbeingelenk, durch die im Rücken frei im Muskelzug hängenden Schulterblätter und vor allem durch die Kugel des Armgelenks.
Das Armgelenk wird gebildet durch die weite Gelenkpfanne des Schulterblatts und durch den wesentlich kleineren kugelrunden Kopf des Oberarms. Hieraus ergibt sich: Das Arm- oder Schultergelenk ist zwar das beweglichste Gelenk des ganzen Körpers, aber es springt auch am schnellsten aus, es verrenkt sich am ehesten. – Im Schultergelenk selbst ist der Arm etwa bis 112° zu heben; darüber hinaus bis zur Senkrechten geschieht die Armhebung durch Schlüsselbein und Schulterblatt.
Das zweite Armgelenk ist das Ellbogengelenk. Es wird gebildet von dem unteren Ende des Oberarms und den oberen Knochenenden des Vorderarms, der Elle und Speiche. Auch beim Ellbogengelenk ist die verfeinerte Aufgabe des menschlichen Arms und der menschlichen Hand bestimmend für seinen Bau und für seine vielfache Beweglichkeit. Im Gegensatz zu dem einachsigen Kniegelenk besteht es aus drei Gelenkverbindungen mit zwei Achsen:
1. Das Gelenk zwischen Elle und Oberarm, das eigentliche Ellbogengelenk, ist ein reines Scharniergelenk. Die einzige Bewegung ist das Beugen und Strecken des Unterarms.
2. Das Gelenk zwischen Speiche und Oberarm: ein sehr lockeres durch Bänder geführtes Gleitgelenk, das beim Beugen und Strecken dem Ellbogengelenk folgt.
3. Das Gelenk zwischen Elle und Speiche: ein Dreh- oder Rotationsgelenk. Hierbei beschreibt das Köpfchen der Speiche einen Halbkreis um den oberen Kopf der Elle, eine Drehung, der das Handgelenk unten folgt. Diese Bewegung ist eine der wichtigsten für die Leistungen der Hand; sie bewirkt die Rist- und Kammhaltung, sie vollzieht sich unabhängig von der Oberarmdrehung und beträgt 180°; kommt dazu noch die Drehung des Oberarms im Schultergelenk, so beträgt der Spielraum des Daumens annähernd 360°! Man erprobe diese Drehungen der Hand bei feststehendem und mitdrehendem Oberarm! Aus dem vorderen Gehglied der Vierfüßler ist die Greifhand des Menschen geworden!
Ellbogengelenk = „Scharniergelenk“ mit Gelenkapfel, Schleimbeutel und Bändern
1 Oberarm
2 Grube für den Kronenfortsatz bei gebeugtem Arm
3 Schleimbeutel mit Gelenkschmiere
4 Gelenkkapsel
5 Hakenfortsatz der Elle (verhütet ein Überstrecken)
6 „Rolle" des Oberarms
7 Kronenfortsatz der „Elle"
8 Zwischenband
9 Elle
10 Speiche
Unter diesem erweiterten Gesichtswinkel verstehen wir auch die vielfache Gliederung des Handgelenks, der Handwurzel und die Abflachung der Hand … im Vergleich mit den gröberen Gelenkverbindungen des Beines und der Kuppel des Fußgewölbes.
Das Handgelenk besteht aus zwei Gelenken mit zwei sich kreuzenden Achsen.
Das erste Handgelenk wird gebildet von der Speiche und der ersten Reihe der Handwurzelknochen. Die Speiche stellt hier die Pfanne dar, die Handwurzelreihen den Gelenkkopf.
Das zweite Handgelenk zwischen erster und zweiter Reihe der acht Handwurzelknochen hat eine geknickte Gelenkfläche. Beide Gelenke arbeiten stets gleichzeitig miteinander. Vier Hauptbewegungen sind möglich:
l. die Biegung nach der Hohlhand (Beugung der Hand);
2. die Biegung nach dem Handrücken (Streckung der Hand);
3. die Seitwärtsbiegung nach der Daumenseite;
4. die Seitwärtsbiegung nach der Kleinfingerseite.
5. 1–4 ergeben das Kreisen der Hand.
Alle diese Handgelenksbewegungen lassen sich wieder kombinieren mit den Bewegungen des Ellbogens und Schultergelenks. Man prüfe sie sogleich am eigenen Arm und Handgelenk nach: die erste Voraussetzung unserer späteren Gymnastik!
Mit der zweiten Handwurzelreihe sind durch feste Bänder die vier Mittelhandknochen verbunden. An ihnen sitzen in Scharniergelenken die vier dreigliedrigen Finger. Der zweigliedrige Daumen hat außerdem eine Gelenkverbindung zwischen seinem Mittelhandknochen und der Handwurzel: ein wichtiges Sattelgelenk, darin er an dem ganzen Handteller entlanggleiten und mit den anderen Fingern so die Greifhand, „die Zange“ des Menschen, bilden kann.
Hand und Handgelenk
Die vielfache Gelenkverbindung der menschlichen Greifhand
Die unteren Gliedmaßen gliedern sich in: Beckengürtel, Oberschenke!, Unterschenkel und Fuß.
Ganz wie der Schultergürtel für die Arme, so bildet das Becken für die Beine den Haft-, Hebel- und Drehpunkt. Ihr Bau wird bestimmt durch die Aufgabe: die Last des menschlichen Körpers zu tragen und fortzubewegen.
Wie der Oberarm, so sitzt auch der Oberschenkel in einem Kugelgelenk, dem Hüftgelenk. Die Gelenkgrube oder „Pfanne“ wird von den drei verschmolzenen Knochen des Beckens, dem Darm-, Sitz- und Schambein gemeinsam gebildet, die Kugel von dem mächtigen Kopf des Oberschenkels. Auch das Hüftgelenk gestattet eine Drehbewegung. Der Schenkelhals hinter dem Kopf ist im Verhältnis zum Kopf und den massigen Seitenhöckern sehr schlank und eine der häufigsten Knochenbruchstellen („Schenkelhalsbruch“), während der große Gelenkkopf viel seltener aus der fest anliegenden Pfanne springt als beim Schultergelenk.
Das Kniegelenk: das mächtigste Gelenk des Körpers. Es hat die gleiche Anlage wie das Ellbogengelenk, nur dass hier das dünnere Wadenbein dem massigen Schienbein fest verbunden ist. Die Bewegung besteht im Strecken und Beugen und nur bei gekrümmtem Knie in einer geringen Drehung. Das Kniegelenk ist also ein unvollkommenes „Schraubenscharniergelenk“.
Der Unterschenkel (Schienbein und Wadenbein) ist durch das Sprunggelenk mit der Fußwurzel verbunden. Das Sprunggelenk ist ein reines Scharniergelenk und dient der Beugung und Streckung des Fußes. Es ist das eigentliche Gehgelenk für die Fersen- oder Sohlengänger.
Die vielen kleinen Fußwurzelgelenke und Mittelfußgelenke haben die Aufgabe der Seitwärtsdrehung des Fußes, vielleicht auch der Federung des Fußgewölbes beim Sprung.
Die Zehengelenke dienen dem Absprung, dem „Schleichen“, dem „Abwickeln“ des Fußes beim Gehen, dem letzten Rest des Zehenganges.
Das Fußgewölbe wird von der Fußwurzel und dem Mittelfuß gebildet. Es ist die vollendete Konstruktion eines Tonnengewölbes, das eine schwere Last zu tragen hat. Wird die Last zu schwer, oder ist der Fuß zu „schwach“, so senkt sich das Gewölbe, und es entsteht der Senk- oder Plattfuß.
Eine wunderbare Kraftlinienkonstruktion bilden auch die Knochenbälkchen des Knochengewebes selbst. Im nebenstehenden Knochenschliff ist die Leimmasse des Knochens entfernt und stehen nur noch die knöchernen Streben und Zuge, ähnlich der Konstruktion einer Hängebrücke. Wir sehen, wie je nach Beanspruchung von Zug und Druck die Kraftlinien verlaufen und kein tausendstel Gran „Material“ zu viel verbraucht ward!
Das Kniegelenk
Gelenkflächen und Bänderapparat. Die starken Bänder straffen und halten das wichtige Stehgelenk
Plattfuß
Fuß tritt mit ganzer Sohle auf. Fußgewölbe gesenkt und abgeplattet. Knöchel und Fußgelenk geschwollen. Beim Gehen ermüdend und schmerzhaft
Normales hohes Fußgewölbe
Fuß ruht auf Zehenballen und Fersenbein und federt im Mittelfuß. Beim Gehen wird die Körperlast federnd aufgefangen; keine Ermüdung
Zehenstand kräftigt Fuß- und Beinmuskeln, das Beste für den Fuß: häufiges Barfuß- und Sandalengehen
Außenkanten der Füße im Zehenstandwölbt die Fußgewölbe – wichtige Übung gegen Plattfuß
Längsschliff durch das Oberschenkelbein
Man sieht deutlich die Kraftlinienkonstruktion der einzelnen Knochenbälkchen, die mathematisch genau der Belastung auf Druck und Zug entspricht
Wir haben eben das Knochengerüst aus seiner Bestimmung als Stütz- und Bewegungsapparat zu verstehen gesucht und deshalb alle Teile auf die Gelenke – als die Dreh- und Hebelpunkte – bezogen.
Auch bei der Muskellehre werden wir nicht die einzelnen Muskeln aufzählen. Wir werden stets ganze Muskelgruppen nach ihrer Funktion behandeln, wir werden dabei versuchen, uns von dem anatomischen Muskelmann möglichst zu befreien, um die Muskelplastik am lebendig bewegten, tätigen Körper zu verfolgen. Wir werden schon an dieser Stelle den Stoffwechsel, die Arbeitsleistung, den Arbeitsrhythmus, die Ermüdung des Muskels und den „Training“ behandeln; wir werden schon jetzt bei der Darstellung der Bewegungswerkzeuge zugleich ihre Anwendung und Stählung ins Auge fassen: die Gymnastik.
Die Muskelnerven sind zweierlei Art:
1 .Bewegungsnerven; sie leiten die Willensbewegung von der Zentrale – von Hirn und Rückenmark – zum Muskel und bewirken seine Zusammenziehung, Verkürzung, „Arbeit“.
2 . Empfindungsnerven; sie leiten den umgekehrten Weg, sie bringen die Meldung von den Zuständen im Muskel zur Zentrale zurück, zum „Bewusstsein“. Dieses „Bewusstsein“ oder „Muskelgefühl“ – je nach dem Grad seiner Helligkeit – ist von der allergrößten Bedeutung. Es ist als Körpergefühl nicht bloß eine Art räumlichen Tastsinnes und lehrt uns bei geschlossenen Augen die Abschätzung des Gewichtes von Körpern, unseren Stand in einem dunklen Zimmer, unsere Gleichgewichtslage in einer Sprung-, Flug- oder scharfen Fahrtkurve; es übermittelt uns auch die Größe und Art des inneren Widerstandes, den der Muskel bei seiner Arbeit findet; es ist die Melde- und zugleich Anweisungsstelle für den Bewegungsausgleich, es lässt den geringsten Kraftaufwand abwägen, es übermittelt bei Spannung einer Muskelgruppe die Entspannung der Gegengruppe oder die Ablösung durch eine zweite Ersatzmuskelgruppe.
Das Geheimnis der großen Läufer liegt in der gestaffelten Benutzung der einzelnen Muskelgruppen: in der Ausschaltung der Hauptlaufmuskeln mitten während des Laufes (fliegende Erholungspause) und der kurzen Einschaltung der Hilfsmuskelgruppe, um dann wieder umzuschalten. Dieser Schaltungswechsel ist Sache des Muskelgefühls! Wir werden ihn noch bei der gesteigerten Atmung kennenlernen.
Nicht alle quer gestreiften Muskeln sind willkürliche. Quergestreifte rote Muskeln, die dennoch unwillkürliche, zum Teil rhythmische Bewegungen ausführen, sind: die Muskeln des Schlundes, deren Tätigkeit beim Schlucken unwillkürlich erfolgt, die Atemmuskeln, die selbst im Schlaf und in der Bewusstlosigkeit rhythmisch arbeiten, und endlich das Herz.
Querschnitt durch einen Muskel (schematisch)
1 Blutgefäß
2 Bindegewebe, Muskelscheiben
3 Quergeschnittene Muskelbündel mit den einzelnen Muskelfasern
Die glatten, blassweißen Muskelfasern kommen im Körper überall da vor, wo sich Bewegungen unabhängig vom Willen vollziehen: in den Wänden des gesamten Verdauungskanals, in den Luftröhren, den Drüsen, im Harnleiter, in den Samenbläschen, der Gebärmutter und in den Wandungen der Blutgefäße. Inwieweit es möglich ist, selbst auf die glatte Muskulatur durch Konzentrationsübung und Willenstraining Einfluss zu gewinnen, steht noch dahin.
Bekannt ist, dass die Tränendrüsen und die Hautgefäße sich kommandieren lassen, das Erröten und Erblassen sowie „echte“ Tränen nicht bloß von Berufsschauspielerinnen willensmäßig erzeugt werden.
Der schwere Anwurf einer Filmkollegin: „Asta Nielsen weint Glyzerin“, wurde einst auf dem Prozesswege durch Beweisweinen entkräftet; es wurde festgestellt, dass Asta Nielsen jederzeit „echte, salzig schmeckende“ Tränen zu weinen in der Lage sei. In Tübingen wurde uns Vorklinikern einst ein „Muskelphänomen“ gezeigt. Es war ein junger Berufsathlet: Er konnte nicht bloß mit einem Ohr lebhaft wackeln, während das andere ruhig stand; er ließ seinen Puls an der rechten Hand verschwinden, während an der linken „das Herz schlug“, indem er … mit den Armmuskeln bewusst und mächtig die Armschlagader des einen Armes abklemmte. Der Clou kam jedoch am Schluss: er ließ sich buchstäblich die Haare zu Berg stehen, und zwar unter wildem Beifallsgetrampel erst eine Hälfte bis zur Mitte des Scheitels und dann die andere. Er erklärte uns schlicht, die Beherrschung dieser Haar- und Hautmuskeln sei lediglich eine Frage der Übung.
Und hier beginnt die ernsthafte Seite. Es gibt Menschen, die angeblich auf die stärksten Mittel hin nicht schwitzen können; andere können ohne jede Mittel schwitzen, wenn sie nur „wollen“. Das letzte stimmt. Aber auch Menschen, die „bestimmt nicht schwitzen können“, kann man durch unbedingte Ruhelage, Konzentration und Atemweise in Schweiß versetzen. Der Fakir Tabata Port hat 1926 vor einem wissenschaftlichen Auditorium seine Temperatur in 1/4 Stunde auf 40° gesteigert; er hat in diesem Zustand sich Messer und Nadeln tief ins Fleisch stoßen und wieder herausziehen lassen, ohne dass er blutete; erst als er seine Temperatur senkte, trat das Blut aus den Wunden.
Von allgemeiner praktischer Bedeutung ist die willentliche Beherrschung des Darms! Sie wird mit der Atmung, die ein Zwischenglied zwischen Willens- und Reflexhandlung ist, bei der Atemgymnastik behandelt werden.
Der menschliche Wille ist die stärkste Kraftquelle, der eigentliche Motor! In unserem Zeitalter des Sports erscheint es uns kaum noch wunderbar, wenn der Sprungweltmeister Osborn, ein 1,80 cm großer Mensch, seinen Körper von 80 kg Gewicht über die 2,04 cm gelegte Latte wirft, also seine eigene Körperlänge um über 20 cm überspringt (Der französische Springer Pierre Lewden hat auf der Pariser Olympiade 1924 seine eigene Größe um fast 30 cm übersprungen, im Freisprung, ohne Sprungbrett.). Wir staunen kaum noch, wenn Miss Carson, die Mutter zweier Kinder, 40 –60 km in kaltem Wasser in 15 Stunden von Calais nach Dover über den Kanal schwimmt, oder wenn der 42 km Marathonlauf, der einst mit dem Herzschlag des griechischen Athleten Eukles endete, heute pflichtmäßig auf den Olympiaden bestritten wird.
Freihochsprung über die 2m-Latte
Amerikanischer Student überspringt seine eigene Größe (1,80m) um 20cm!
Training!!
Ein gut nachgeprüftes, wenn auch grobes Beispiel: Dr. Manea, der Assistent Professor Mossos, hob täglich zwei Hanteln von je 5 kg mit zwei Armen hoch bis zur Ermüdung. Am ersten Tag des Versuchs gelang die Hebung 25-mal, bei täglicher Übung wuchs die Fähigkeit derart, dass er in 70 Tagen die Hanteln 126-mal (!) zu heben vermochte. Ein noch augenfälligeres Beispiel für die Wirkung des Trainings ist der Versuch Peders. Er arbeitete mit einem sogenannten Ergografen: Arbeitsmesser durch Gewichtsbelastung. Er begann mit 25 kg; die Belastung wurde jede zweite Sekunde auf das Höchstmaß gesteigert, danach 3 Minuten Ruhepause, dann wieder neue Höchstbelastung und wieder Pause; so täglich 20 Arbeitsperioden. Die Leistung betrug am ersten Tag 4000 kgm und stieg nach 50 Tagen zu der Höchstleistung von 28 000 kgm (!!); die Muskelleistung wurde also durch Training in 7 Wochen um das Siebenfache gesteigert!
Verfasser beim morgendlichen „Körperstemmen“