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Der Autor steht für einen unverwechselbaren Schreibstil. Er versteht es besonders plastisch spannende Revolverduelle zu schildern und den ewigen Kampf zwischen einem gesetzestreuen Sheriff und einem Outlaw zu gestalten. Er scheut sich nicht detailliert zu berichten, wenn das Blut fließt und die Fehde um Recht und Gesetz eskaliert. Diese Reihe präsentiert den perfekten Westernmix! Vom Bau der Eisenbahn über Siedlertrecks, die aufbrechen, um das Land für sich zu erobern, bis zu Revolverduellen - hier findet jeder Westernfan die richtige Mischung. Lust auf Prärieluft? Dann laden Sie noch heute die neueste Story herunter (und es kann losgehen). Reglos wie ein Fels verharrte er auf dem mondhellen Hinterhof und lauschte den Stimmen der Leute im Saloon. Schweiß rann ihm übers unruhig zuckende Gesicht und brannte in den fiebrig glänzenden Augen. Die wilde menschliche Leidenschaft war größer als alle Vernunft, und der Whisky in seinen Adern ließ alle Schranken in ihm zusammenbrechen. Lautlos und auf Zehenspitzen schlich er zum Stall, stierte durch den Spalt hinein und sah das blonde schöne Mädchen neben den Pferden in den Boxen stehen. Träumerisch streichelte es die Pferde der auf dem Hof abgestellten Postkutsche, war tief in Gedanken versunken und bemerkte nicht das gerötete Gesicht des Mannes hinter sich. Mit zitternder Hand zog er das Stalltor so weit auf, dass er hineingleiten konnte. Dabei knarrte das Stalltor, und das Mädchen fuhr erschrocken herum. »Was wollen Sie hier?«, flüsterte es mit zersprungener Stimme. »Gehen Sie wieder!« Über sein aufgedunsenes Gesicht geisterte der Ausdruck der Ablehnung und Enttäuschung, verwischte schnell wieder und wurde abgelöst von einem unruhigen Grinsen, das die ganze Begierde verriet. »Tu doch nicht so«, flüsterte er zurück und zog das Stalltor hinter sich zu. »Komm her, Kleine. Morgen fährst du mit der Postkutsche weiter. Die andern sind im Saloon. Ich hab dich rauskommen gesehen. Du bist traurig, ich sehe es dir an. Zeig doch, dass du nett sein kannst …« Langsam ging er auf sie zu, Schritt für Schritt – unaufhaltsam.
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Seitenzahl: 164
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Reglos wie ein Fels verharrte er auf dem mondhellen Hinterhof und lauschte den Stimmen der Leute im Saloon. Schweiß rann ihm übers unruhig zuckende Gesicht und brannte in den fiebrig glänzenden Augen. Steif drehte er sich um und starrte zum Stalltor; dort fiel trübes Licht in einem schmalen Streifen aus dem Stall …
Die wilde menschliche Leidenschaft war größer als alle Vernunft, und der Whisky in seinen Adern ließ alle Schranken in ihm zusammenbrechen.
Lautlos und auf Zehenspitzen schlich er zum Stall, stierte durch den Spalt hinein und sah das blonde schöne Mädchen neben den Pferden in den Boxen stehen. Träumerisch streichelte es die Pferde der auf dem Hof abgestellten Postkutsche, war tief in Gedanken versunken und bemerkte nicht das gerötete Gesicht des Mannes hinter sich.
Mit zitternder Hand zog er das Stalltor so weit auf, dass er hineingleiten konnte. Dabei knarrte das Stalltor, und das Mädchen fuhr erschrocken herum.
»Was wollen Sie hier?«, flüsterte es mit zersprungener Stimme. »Gehen Sie wieder!«
Über sein aufgedunsenes Gesicht geisterte der Ausdruck der Ablehnung und Enttäuschung, verwischte schnell wieder und wurde abgelöst von einem unruhigen Grinsen, das die ganze Begierde verriet.
»Tu doch nicht so«, flüsterte er zurück und zog das Stalltor hinter sich zu. »Komm her, Kleine. Morgen fährst du mit der Postkutsche weiter. Die andern sind im Saloon. Ich hab dich rauskommen gesehen. Du bist traurig, ich sehe es dir an. Zeig doch, dass du nett sein kannst …«
Langsam ging er auf sie zu, Schritt für Schritt – unaufhaltsam.
Sie wich zurück, stieß mit dem Rücken gegen die Bretterwand und konnte ihm nicht mehr entrinnen.
»Seien Sie doch vernünftig!«, beschwor sie ihn. »Sonst wird man Sie aufhängen! Sie haben zu viel getrunken. Bitte, gehen Sie, oder ich schreie, so laut ich kann …!«
»Du schreist nicht …« Er schüttelte den Kopf, als wäre er sich ganz sicher. »Das tust du nicht, ich weiß es. Ich habe dich beobachtet. Du gehörst nicht zu den anderen, du bist allein …«
Voller Angst zog sie die Schultern nach vorn und presste die Arme schützend gegen den Körper.
»Sie gemeiner Kerl, gehen Sie!«, keuchte sie. »Niemand gibt Ihnen das Recht, mich zu belästigen!«
Er grinste fiebrig und hustete unterdrückt, neigte den Kopf zur Seite und starrte sie forschend und beherrschend an. »Du tust doch nur so!«, entgegnete er kalt. »Ich kenne deine Sorte von Mädchen.«
»Sie sind betrunken! Sie wissen nicht, was Sie tun!« Sie tastete sich an der rauen Bretterwand entlang und suchte verzweifelt nach einem Ausweg. Mit geweiteten Augen blickte sie dem Mann entgegen, den sie noch niemals zuvor gesehen hatte und der ein Einwohner dieser Stadt sein musste.
Schwankend und gebeugt kam er auf sie zu. Im Licht der Stalllaterne glänzte sein schwarzes Haar wie das Gefieder eines Vogels; sein Gesicht war so nass, als hätte er es in Wasser getaucht. Er war gar nicht mal so alt, vielleicht erst dreißig Jahre. Und er trug Lederkleidung und hatte schmale Hände, die von keiner schweren Arbeit aufgerissen waren.
»Ich schreie!«, sagte das Mädchen bebend. »Rühren Sie mich nicht an!«
Sie starrte ihm in die Augen und wusste alles. Er blickte sie ununterbrochen an und spreizte dabei die Finger, öffnete die Hände, als wollte er in der nächsten Sekunde zugreifen.
Niemand in der Stadt ahnte, dass Patula Richards in großer Not war. Niemand vermisste das Mädchen in diesem Moment. Im Saloon drängten sich die Männer, und Animiermädchen hatten Mühe, sich Platz zu schaffen. In einer Ecke des Saloons hockte der Kutscher, umringt von Mädchen und Männern, und erzählte von Abenteuern auf den alten und einsamen Routen durch Indianerland. Männer kamen und gingen. Auf der Straße ritten mehrere Cowboys entlang und stiegen vor einem anderen Saloon ab. Betrunkene lärmten unter einem Vordach und umklammerten die Dachpfosten, schwenkten Flaschen und grölten.
Ein Junge von vielleicht siebzehn Jahren stand abseits der hellen Saloons. Er traute sich nicht ins Licht, zog fröstelnd die Schultern an und machte kehrt, verschwand vom Straßenrand und ging wie ein Ausgestoßener hinter den Häusern entlang, überquerte die Hinterhöfe und näherte sich jener alten halbzerfallenen Hütte, wo er während der Nacht wie ein herrenloser Hund unterkroch und schlief.
Das Mondlicht fiel auf sein dunkles Gesicht. Er blieb stehen, lauschte und vernahm irgendwo eine dumpfe Stimme. Die Worte verstand er nicht.
Sie nannten ihn nur Kean, das Halbblut – und er durfte bestenfalls den Abfall vor ihren Türen wegräumen und dafür zwei Cents einstecken.
Doch in dieser Nacht nahm sein Leben eine völlig andere Bahn. Der Schatten des Schicksals zog über ihn hinweg …
»Hilfe!«
Gellend brach der Schrei durch die Bretterwände des Pferdestalls.
Kean zuckte heftig zusammen, zögerte keine einzige Sekunde und hetzte hin zum Stall, riss das Stalltor auf und sprang hinein, sah Floyd Patterson, den betrunkenen Spieler, und das blonde Mädchen, das er aus der Kutsche hatte steigen sehen. Patterson hatte das Mädchen an den Armen gepackt und versuchte, es zu küssen. Das Mädchen wehrte sich verzweifelt, doch Patterson hatte viel mehr Kraft. Heftig schaukelte die Stalllaterne und warf das schwankende Licht auf den Gang und gegen die Wände. Verstört schnaubten die Pferde und schlugen gegen die Boxen. Staub wirbelte unter Floyd Pattersons Stiefeln auf. Krachend schlug das Stalltor draußen gegen die Wand …
Fauchend jagte Kean auf ihn zu. Der Junge nahm auf sich keine Rücksicht und dachte nur an das Mädchen. Er sprang Patterson an und versuchte, ihn zu Boden zu reißen, doch der Spieler schlug ihm die Hand klatschend ins Gesicht und schüttelte ihn ab. Hart stürzte Kean gegen die Boxwand, blieb benommen stehen und sah, wie Patterson aus dem Stall rannte, wie das blonde Mädchen ohnmächtig ins Stroh fiel …
Draußen wurden Stimmen laut; Männer kamen von der Straße herüber.
Noch halb benommen, torkelte Kean durch den Gang und zum Stalltor, um Patterson nachzusehen. Deutlich hob sich Kean im zuckenden Licht ab.
Männer kamen über den Hof.
»Da ist das Halbblut!«, schrie jemand unter ihnen. »Der verfluchte Dreckskerl hat Miss Richards belästigt! Ich kann die Arme im Stall sehen!«
»Ja«, brüllte ein anderer, »sie liegt wie tot im Stall! Das Schwein von Halbblut hat das Mädchen umgebracht! An den Galgen mit ihm! Hängen wir ihn auf, diesen Bastard!«
Fassungslos stand Kean vor dem Stall. »Nein!«, schrie er zurück. »Das ist eine Lüge! Ich wollte doch nur …«
Das Gebrüll der Männer übertönte seine Worte. Die Meute kam furchtbar schnell näher.
Gehetzt sah Kean zurück. Patula Richards war noch nicht zu Bewusstsein gekommen, lag wirklich wie leblos im Stroh und konnte ihn nicht retten, indem sie die Wahrheit sagte.
Da rannte er weg vom Stall, hetzte über den Hof und zum Nachbargrundstück, warf sich wie eine Katze über die Umfriedung, schnellte um Schuppen und Ställe, eilte über mondhelle Plätze – und die Meute war immer hinter ihm. Schon krachten die ersten Schüsse, fauchten die Kugeln an ihm vorbei, jaulten die Geschosse durch die Nacht. Kean machte Sprünge nach rechts und links, um kein deutliches Ziel abzugeben. Blei zupfte am Hemdsärmel, stieß über seine Schulter hinweg, zerfetzte sein ohnehin schon zerlumptes Zeug.
Sie fragten nicht, was geschehen war. Sie sahen in ihm das »elende, schmierige Halbblut, das ausgerottet werden musste«. Für sie war er schuldig, ein dreckiger Mischling, der sich schon viel zu lange in dieser Stadt aufgehalten hatte, den man einfach aufknüpfen musste. Sie vergaßen in ihrem Hass das Mädchen. Das war auf einmal völlig nebensächlich geworden. Kean war elternlos und dazu noch ein Halbblut, ein Halunke, der Indianerblut in den Adern hatte – Blut von Apachen, die sie alle glühend hassten. Kean würde keine Gerechtigkeit finden, kein offenes Ohr, keine helfende Hand. Er musste einfach fliehen, wenn er weiterleben wollte – und er floh, weil er trotz dieses schäbigen Daseins das Leben liebte.
Sie waren wie Bluthunde, die eine heiße Spur aufgenommen hatten. Und er war der Hase oder der Sklave, den man einfach umbringen konnte.
»Schneller!«, schrie es hinter ihm. »Auseinander, Leute, wir müssen ihn einkreisen, dann kann er uns nicht entkommen!«
Schüsse peitschten ihm nach.
Er rannte wirklich wie ein Hase und schlug schnelle Haken. Er war ohne Waffe und besaß nichts – nur das Hemd, die Hose und die Stiefel. Und sein Leben.
Jäh kam er an den Straßenrand, stockte mitten in der Bewegung, sah die Lichtbahnen und die Männer, die drüben vor dem anderen Saloon standen, herausgelockt durch die Schüsse.
»Da ist er!«, schrie jemand.
Die Rotte lief auseinander, die Männer rannten heran, schwärmten aus …
Todesangst packte ihn und peitschte ihn zurück, hinter dem Haus entlang, vorbei am Brunnen, vorbei an Stallungen und durch kleine Corrals.
Dreckiges Halbblut. Lyncht ihn!
Sein Leben war ihnen nichts wert. Sie sahen nur seine dunkle Haut, nicht sein offenes und gutes Gesicht, nicht seine ehrlich blickenden Augen.
Für sie war er kein Mensch – eher ein Tier!
Am Rand der Stadt waren viele Hütten; die meisten waren unbewohnt und fast zerfallen. Dorthin lief Kean, weil dort soviel Gerümpel lag, dass er hoffen konnte, sich zu verbergen. Denn aus der Stadt durfte er nicht; die Verfolger könnten ihn vor der Stadt sehen und ihn zu Pferd einholen.
So sah er seine einzige Chance zum Überleben in den Slums der Stadt, wo niemand leben wollte. Er sprang über Gerümpel hinweg und stürzte der Länge nach in den Staub, überschlug sich, kam hoch und hetzte weiter.
Die Meute war hinter ihm.
Er rannte genau auf eine Hütte zu, riss die Tür auf und stürzte hinein.
Erst jetzt sah er ein Pferd und erkannte einen Mann, der sich aufgerichtet hatte. Er konnte das Gesicht nicht erkennen, nur die Umrisse der großen hageren Gestalt – und er prallte zurück, verließ fluchtartig die Hütte und lief weiter.
Der Mann in der Hütte kam zur Tür und spähte hinaus, presste den Mund hart zusammen und verschwand wieder im Dunkel der Hütte …
Kean rannte um die anderen Hütten und suchte verzweifelt nach einem Schlupfwinkel.
Als er über einen hellen Platz lief, sah er sie – viele Männer, die ihn umstellt hatten, die nun still verharrten und ihn mit tödlichem Hass anstarrten.
Er konnte nicht mehr weiter.
Die Flucht war zu Ende.
Und die Männer kamen nun näher, der Kreis wurde enger, schloss sich mehr und mehr.
Kean krümmte sich, atmete flach und sah wie ein gehetztes Wild umher.
In jedem Gesicht war Hass zu sehen. Sie hatten ihr Opfer gestellt – und niemand fragte nach Menschlichkeit. So war es immer, wenn sich ein Mob zusammengeballt hatte, wenn entfesselte Gefühle jeden klaren Gedanken verbannten.
Kean stand in ihrer Mitte – ein Junge noch.
Als sie ganz nahe waren, versuchte er verzweifelt, durch die Kette der Leiber zu kommen, aber er verfing sich darin, wurde gepackt, festgehalten, getreten und geschlagen. Sekundenlang sah er das Gesicht von Floyd Patterson und hörte dessen Worte: »Ich bring dich um! Wo es auch immer ist …!«
Er wollte aufschreien und den Leuten die Wahrheit sagen, aber sie hatten ihn schon ergriffen, zerrten ihn über den Hof und zur Straße, traten immer wieder zu und schleiften ihn über die Straße.
Ein langer Balken ragte über dem Eingangstor des Mietstalls hervor. Schon wirbelte ein Lasso hinauf, schon baumelte eine Schlinge im Nachtwind hin und her.
Kean wehrte sich nicht mehr.
Zu viele Gegner waren es – und alle wollten sein Leben. Sie grölten und schrien durcheinander und sahen nur noch ihn.
Floyd Patterson war plötzlich verschwunden.
Taumelnd kam das blonde Mädchen Patula Richards auf die Straße und brach fast auf dem Gehsteig zusammen.
»Nicht hängen!«, stöhnte es. »Mein Gott, er ist doch unschuldig, er wollte mich retten! Ihr dürft ihn nicht hängen!«
Niemand hörte Pat. Sie schrie, aber die Stimmen der grölenden Männer übertönten alles andere.
Schon zerrten sie Kean die Schlinge um den Hals und rissen sie zu, sodass er kaum mehr atmen konnte.
»Um Gottes willen!«, stöhnte Pat, aschgrau im Gesicht, und torkelte den Gehsteig entlang. »Ihr dürft das nicht tun! Das ist Mord … Mord!«
Wer hörte schon auf sie … Wer hatte überhaupt noch ein Interesse daran, die Wahrheit zu erfahren!
Kean sollte hängen – Kean, das widerwärtige Halbblut, das kein Mensch war, das Apache war, ein Stück Dreck, nichts weiter, das zufällig noch lebte und wie ein Mensch aussah …
Aus den Slums der Stadt kam ein Mann hervorgeritten. Jener Mann, der in der schäbigen Hütte hatte übernachten wollen. Abseits der entfesselten Menge verhielt er zu Pferde und blickte mit schmalen kalten Augen zum Mietstall herüber. Er sah Kean und das Mädchen, sah in beiden Gesichtern die Verzweiflung und packte die Winchester.
Nicht ein einziger Mensch kümmerte sich um den großen Fremden, der erst an diesem Abend in die Stadt gekommen war, um hier zu rasten.
Mit aller Kraft drängte Patula Richards sich durch die wilde und schreiende Menge und musste sich an den Männern hochziehen, wenn sie Kean sehen wollte. Sie schrie immer wieder, dass Kean unschuldig wäre, aber das Gebrüll der Menge war viel lauter. Ihre zitternde Stimme ging im Chaos unter. Kraftlos blieb sie zwischen den Männern stecken; als sie wieder schreien wollte, versagte ihr die Stimme …
»Hängt ihn!«, schrie der Mob.
Das Halbblut stand auf den Fußspitzen. Straff lag die Schlinge um den Hals. Das Lasso führte über den Dachbalken hinweg und endete in den Händen mehrerer Männer, die nur noch ziehen brauchten, um Kean zu hängen.
Er sah so viele Gesichter, soviel Hass und höllische Freude über das zu erwartende Schauspiel, dass er die Augen schloss. Er spürte, wie der Strick seine Haut aufriss. Erbarmungslos würgte ihn die Schlinge …
Kean wurde auf einmal ganz ruhig; er hatte mit dem Leben abgeschlossen und wollte den Männern nicht seine Angst zeigen. Er war auf einmal sogar stolz darauf, ein Halbblut zu sein – nicht so zu sein wie diese Leute. Und er dachte an die Vergangenheit, an seine Eltern, die umgebracht worden waren. An den rechtschaffenen Vater, der niemals vom aufrechten Weg abgekommen war und doch hatte sterben müssen. Und an die Mutter, die eine Indianerin war, eine gute, treue und sorgende Frau, die seinem Vater alles von den Augen abgesehen und alles für ihn getan hatte.
Er erlebte wieder jene schreckliche Nacht vor vielen Jahren, als urplötzlich Reiter aus dem Dunkel gekommen waren und auf Vater und Mutter geschossen hatten.
Seine Augen waren auf einmal ganz leer und ausdruckslos. Er starrte über die Menge hinweg und an jenem Reiter vorbei, der seine Winchester gezogen hatte. Er sah nichts mehr, nicht die Menge, nicht den Reiter und nicht die Häuser und Lichtbahnen.
Die Menge schrie nach seinem Leben. Sie wollte ihn endlich hängen sehen.
Der hagere Reiter am Straßenrand hob langsam die Winchester und zielte. Das harte und kantige Gesicht war dicht am Schaft der Winchester. Er kniff das rechte Auge zu und saß steif im Sattel. Das Pferd rührte sich nicht …
Dann schoss er.
Die Kugel zerfetzte das Lasso.
Kean spürte nur noch die Schlinge, nicht mehr den Druck des Stricks. Die Männer, die das Ende des Stricks gehalten hatten, stürzten nach hinten, und das Lasso schlug über sie hinweg. Die Menge hatte den scharfen Schuss gehört, begriff aber nicht so schnell – und wieder peitschte ein Schuss, stieß das Mündungsfeuer diesmal in den Himmel.
Schlagartig war es still.
Die Hufe des Pferdes stampften.
»Komm her zu mir!«, rief der Reiter mit kalter, durchdringender Stimme.
Einer der Männer in Keans Nähe griff zum Colt und schrie dabei auf. Er hatte die Hand gerade um den Kolben der Waffe gelegt, als die Winchester des Reiters ihr heißes Blei herüberschickte und seinen Stetson traf. Da ließ er den Colt los und duckte sich …
»Komm her!« Unduldsam klang die Stimme, peitschte über die Menge hinweg und rief Kean.
Kean erkannte, dass jener Mann ihm helfen wollte, und er zerrte die Schlinge auf und torkelte vom Platz.
Der Fremde schoss wieder und jagte die Kugeln in den Boden. Die Menge flutete auseinander und machte Kean den Weg ins Leben frei.
»Greift nicht zur Waffe, Leute!«, rief der Fremde drohend. »Ich leg jeden um, der es versuchen sollte …!«
Sein Gesicht war wie aus Stein. Graue Augen starrten über die Menge hinweg und beobachteten mit eisiger Kälte.
Pat Richards taumelte durch die Menge. »Er ist unschuldig!«, schrie sie. »Ihr dürft ihn nicht hängen!«
Die Männer hörten nicht auf sie, blickten zum Fremden und würden Kean hängen, wenn sie es könnten.
Kean torkelte durch die enge Gasse, die viele Leiber bildeten, und sah nur noch den Fremden.
Der Reiter schoss plötzlich. Kean sah den Feuerblitz und hörte hinter sich einen Mann aufschreien.
»Ich sage es nicht noch einmal«, drohte der Fremde. »Wer sterben will, soll nur zum Colt greifen!«
Er war von einer unerschütterlichen Ruhe und von eiskalter Wachsamkeit. Nichts entging ihm. Tief gruben sich die Falten in seinem wettergebräunten Gesicht ein, und im Nachtwind bewegte sich sein graues, strähniges Haar. Er war fast wie ein Cowboy gekleidet und trug die schweren Flat Chaps an den langen Beinen, die vor den Dornen des rauen Landes schützen sollten.
Für Kean war dieser große Fremde die Rettung und das große Wunder.
Zitternd erreichte er den Reiter und blickte zu ihm auf.
Der Fremde starrte weiterhin zur Menge hinüber. »Steig hinten auf.«
Kean kletterte aufs Pferd, saß hinter dem Fremden und hielt sich an ihm fest. Noch immer zitterte er vor Angst.
»Wir reiten aus der Stadt«, murmelte der Fremde mit frostig klingender Stimme. »Hast du ein Pferd?«
»Nein«, flüsterte Kean krächzend.
Der Fremde knurrte fast wie ein Wolf, presste die Schenkel zusammen und ließ das Pferd langsam gehen.
Die Winchester zeigte drohend auf die Menge. Der Fremde blickte in die Gesichter und sah Pat Richards sekundenlang an. Die Männer bewegten sich unruhig, aber niemand wagte den Griff zur Waffe.
Plötzlich ließ der Fremde sein Pferd losrasen. Es jagte mit den beiden Reitern am Straßenrand entlang und dann in eine dunkle Hofeinfahrt hinein, lief über den Hof und trug die Reiter im Galopp davon.
Schreie der Wut hallten aus der Stadt.
Patula Richards schleppte sich von der Straße in den Saloon, sank auf einen Stuhl und blickte geistesabwesend vor sich hin. Sie sah und hörte nicht die fluchenden Männer, die hereinkamen und sich an der langen Theke zusammenrotteten. Morgen würde sie mit der Postkutsche weiterfahren und in einer anderen Stadt vielleicht Vergessen finden.
Draußen ritten ein paar Männer vorbei.
Der Fremde und das Halbblut waren längst in der Nacht untergetaucht.
Allein und unbemerkt verließ der Spieler Floyd Patterson die Stadt …
Die Menge zerstreute sich fluchend und um ein schauriges Erlebnis betrogen …
*
Weit draußen im einsamen Land brannte ein kleines Feuer und warf den zuckenden Flammenschein in das Gesicht des jungen Halbbluts.
Kean starrte über das Feuer hinweg und zu jenem Mann hinüber, der an seinem Pferd stand und ihn gerettet hatte.
»Ich bin Kean«, flüsterte er. »Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll …«
»Das brauchst du nicht.« Die Stimme des großen Fremden klang seltsam rau und spröde. Er drehte sich um und kam mit der Wasserflasche langsam zum Feuer zurück. »Ich will nichts davon hören.«
Kean blickte zu ihm auf. Der Fremde war wie ein Stück Wildnis, und aus seiner Kleidung strömte der scharfe Geruch unzähliger Lagerfeuer. Langsam setzte er sich und streckte die langen Beine aus, trank aus der Flasche und reichte sie ums Feuer herum.
»Trink.«
»Danke, Sir.«
»Hör auf damit. Ich will keinen Dank, verstanden? Du lebst und bist frei. Damit ist alles in Ordnung.«
Er war unpersönlich kalt; Herkunft und Vergangenheit des Halbbluts schienen ihn nicht zu interessieren. Er nahm die Flasche zurück, nachdem Kean getrunken hatte, und legte sie neben sich zu Boden – dorthin, wo die Winchester lag.
Kean schluckte und massierte sich den Hals. Er sah den Fremden ununterbrochen an. »Warum haben Sie das für mich getan?«
Der Fremde holte ein paar Patronen aus der langen Jacke und lud die Winchester nach.
»Ich habe was gegen Hängen.«