Heimatkrimi - Der Tod trinkt gerne Frankenwein - Wolfgang Wallenda - E-Book

Heimatkrimi - Der Tod trinkt gerne Frankenwein E-Book

Wolfgang Wallenda

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Beschreibung

Der Würzburger Hauptkommissar Peter Fischer steht vor einem Rätsel. Was haben die Leichen eines ermordeten rumänischen Schwarzarbeiters und eines polnischen Fuhrunternehmers mit dem fragwürdigen Suizid eines Studenten zu tun? Alle drei Fälle liegen Jahre auseinander und dennoch haben sie etwas gemeinsam. Die Toten standen alle in Verbindung mit dem Weingut Aberle. Dort verlaufen sämtliche Anfragen im Nichts. Die mächtige Weindynastie scheint unantastbar zu sein. Fischer bittet das bayerische LKA um Hilfe. Die Soko: weiß-blau-rosa reist nach Würzburg und übernimmt die schwierigen Ermittlungen. Als ein weiterer Mord geschieht, setzen die Polizisten alles auf eine Karte. Während zwei Soko-Mitglieder undercover vorgehen, treibt Oberkommissar Gschwendtner durch seine eigenwilligen Methoden die fränkischen Kollegen an den Rand des Wahnsinns. Für ihren zweiten Fall lässt der Autor das bewährte Soko-Trio in die fränkische Metropole Würzburg reisen. Ganz nach dem Motto: oberbayrischer Starrsinn trifft auf fränkische Sturheit findet der Leser in diesem außergewöhnlichen Heimatkrimi schräge Charaktere und mit ihnen eine perfekte Mixtur aus Hochspannung und Humor.

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Seitenzahl: 438

Veröffentlichungsjahr: 2024

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„Ich lebe nicht, um so zu sein wie andere mich gerne hätten. Ich bin einfach nur ich selbst. Alles andere ist hausgemachter Schmarrn.“

Oberkommissar Gschwendtner

„Geh deinen Weg, auch wenn er manchmal nicht einfach ist.“

Kommissar Emre Gümüs

„Viele Menschen wünschen dir Erfolg, allerdings nur bis zu dem Tag, an dem du ihn hast.“

Kriminalobermeisterin Mandy Hammerschmidt

Handlung und Personen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeiten mit realen Personen wären rein zufällig.

© Autor – Festung Marienberg Würzburg

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Vermisst im Paradies

Hase und Igel

türkische Hochzeit

Leichenschmaus mal anders

warmer Asphalt

Geyers letzte Vorstellung

Fliegende Fische

Die Höhle des Löwen

Hofgeflüster

Die Clint Eastwood-Methode

… und wieder mal Pulp Fiction

Ein gutes Tröpfen in Ehren …

Regiewechsel

Epilog

Prolog

Das Haus, soweit das steinerne Gebilde mitten im unter-fränkischen Meer der Weinreben diese Bezeichnung überhaupt verdiente, war nicht wirklich groß. Es erinnerte eher an eine verfallene Wochenendhaus-Baracke, als an ein dauerhaft wohngenutztes Gebäude. Anhand der Außenmaße konnte man auch ohne Architekturstudium feststellen, dass die inneren Räumlichkeiten leicht überschaubar waren. Es gab eine Toilette mit Waschbecken, eine winzig kleine Küche, wobei Kochnische wohl treffender formuliert wäre, und ein einziges Zimmer. Dieses wurde als Wohn- und Schlafraum genutzt. Das war alles. Das Modernste in dem dünnwandigen Bau waren fließend Wasser, wenn auch nur kalt, und natürlich Strom. Die Leitungen hierfür wurden erst vor kurzem erneuert. Das war allerdings im Rahmen einer fälligen Brandschutzsanierung erfolgt. Eine Aufwertung der Lebensverhältnisse für die Bewohner war nicht vorgesehen.

Das Anwesen wirkte von außen sehr heruntergekommen, die Lage hingegen war wunderschön und schier unbezahlbar. Wer hier wohnte, besaß den sogenannten Millionärsausblick.

Die Bruchbude befand sich weit abseits des Ortes, mitten in einem Weinberg oberhalb des Mains. Der Fluss schlängelte sich gemächlich von dem Städtchen Ochsenfurt kommend, entlang der Bundesstraße 13, in Richtung Würzburg. Auf seinem nassen Rücken spiegelte sich das Sonnenlicht und verwöhnte die Reben. Seit einer Schenkung Karls des Großen im 8. Jahrhundert, wird in dieser Region Wein angebaut. Die Muschelkalkböden der teils sehr steilen Weinberge im Maindreieck sind das Geheimnis des wohl weltweit besten Silvaners. Dies wird zumindest von Weinkritikern aller Couleur behauptet. Schriftlich beurkundet ist Franken seit 1659 die Heimat des Silvaners.

Die Geschichte des Häuschens reicht nicht so weit zurück. Es hat lediglich einige Jahrzehnte auf dem Buckel. Erbaut wurde es vom Urgroßvater des heutigen Eigentümers. Man munkelte damals, dass er es als Liebesnest für seine Affären nutzte, was allerdings nie bestätigt wurde. Später wohnte ein mittelloser Onkel jahrelang darin. Nach dessen Ableben standen die Räume lange Zeit leer. Schließlich ging man dazu über, das Häuschen an Tagelöhner und Saisonarbeiter zu vermieten. Und genau diesen Zweck erfüllt es noch heute. Nur eben nicht für einen oder zwei Saisonarbeiter, sondern zeitgleich für sechs anspruchslose Männer.

Die derzeitigen Mieter stammen ausnahmslos aus Südosteuropa. Sie verdingen sich im europäischen Schlaraffenland Deutschland als moderne Sklaven. Ihr Ziel war zwar niemals die illegale Schwarzarbeit, doch irgendwie waren sie in diesen Strudel der Ausbeutung geraten und kamen nicht mehr heraus. Und dennoch war dieser Moloch für einige von ihnen immer noch besser als die menschenunwürdige Armut in ihren Heimatländern. Sie leisteten einen Frondienst, der ihnen zumindest Hoffnung auf eine bessere Zukunft in Aussicht stellte.

Trotz des geöffneten Fensters war die Luft in dem zwölf Quadratmeter großen Raum zum Schneiden dick. Unter der Zimmerdecke waberte immer noch die bläuliche Dunstwolke etlicher gerauchter Zigaretten. Auf einem billigen Campingtisch aus Kunststoff stand ein mit Kippen überfüllter Aschenbecher. Nur ganz langsam, beinahe so behäbig wie der Ortswechsel eines Faultiers, suchte der kalte Rauch den Weg nach draußen. Schon seit Tagen hielten die tropischen Temperaturen eines Azoren-Hochs Mainfranken fest im Griff. Wer tagsüber hoffte, die Nacht könnte mit ihrer Dunkelheit die Skala am Thermometer absenken, täuschte sich. Auch nach Sonnenuntergang war keine nennenswerte Abkühlung zu spüren.

Die schwül-warme Luft trieb Schweiß aus jeder Pore der sechs Männer, die sich das kleine Zimmer teilten. Ioan Agulescu lag im Stockbett. Seine Augen waren geschlossen. Das Licht nervte, doch er sagte nichts. Er wollte seine angetrunkenen Zimmergenossen nicht reizen. Bis vor wenigen Minuten hatten die anderen Arbeiter Karten gespielt. Lautstark diskutierend gingen sie endlich ins Bett. Zu guter Letzt schaltete jemand das grell-bläuliche Licht der nackten Energiesparlampe ab, stieß beim Zubettgehen gegen einen Stuhl, fluchte und schob das Hindernis geräuschvoll beiseite. Es folgte ein langgezogenes Gähnen, dann kehrte Ruhe ein.

Ioan schlug die Augenlider auf. Er war unruhig. Lange würde es der junge Rumäne hier nicht mehr aushalten. Ein hochtöniges Geräusch nahm für Sekunden seine Aufmerksamkeit in Anspruch. Eine Stechmücke surrte am Ohr vorbei. Er vertrieb den Blutsauger mit einer schnellen Handbewegung. Das Summen verschwand. Der Moskito schwirrte weiter und suchte sich ein anderes Opfer. Tausend Gedanken rasten durch Ioans Gehirnwindungen. Die hintergründige Geräuschkulisse von einschlafenden Männern wuchs langsam an. Aus der gegenüberliegenden Ecke des Zimmers entwickelte sich aus einem sonoren Schnaufen ein fürchterliches Schnarchen.

Tack tack tack

Jemand klopfte gegen das metallene Bettgestell, woraufhin das Schnarchen wieder verstummte. Der Schnarcher drehte sich um und verursachte hierbei ein schon obligatorisches Quietschten der in die Jahre gekommenen Bettfedern.

Die Betten haben ihre eigenen Melodien, dachte Ioan.

Er konnte das Geräusch einwandfrei zuordnen. Jedes der rostigen Flechtgitter, auf denen die ausgeleierten Matratzen lagen, erzeugte einen anderen Ton. Ioan wusste bei jedem Geräusch sofort, um welches Bett es sich handelte. Das letzte metallene Quietschen kam vom Bett des dicken Kerls aus Bukarest. Er war es auch, der jede Nacht grunzte wie ein Hausschwein. Noch war der Bukarester ruhig, doch erfahrungsgemäß hielt die Ruhepause nicht lange an. Bereits in wenigen Minuten würde es wieder losgehen. Ioan kannte das Spiel. Er hatte sich längst daran gewöhnt. Ein Gesicht tauchte in seinen Gedanken auf. Es war sie. Seine große Liebe. Sein Ein und Alles.

„Halte aus! Nur noch einen Monat“, hatte sie zu ihm gesagt.

Sehnsucht erfüllte ihn. Als er an sie dachte, fing sein Herz an, wild herumzuspringen. Sie war so nah und doch so unerreichbar weit entfernt. Noch mussten sie ihre Liebe geheim halten, doch bereits in einem Monat würde sie mit ihm weggehen. Die Vorbereitungen zur Flucht liefen. Alles war perfekt geplant.

Die Geschichte hatte vor vier Monaten begonnen. Ioan lernte sie in den Weinbergen kennen. Niemals hätte er gedacht, dass sie ihn überhaupt beachten würde, doch dann trafen sich ihre Augen. Immer wieder sah sie zu ihm herüber. Als beide etwas später gemeinsam eine Trinkpause einlegten, sprach sie ihn an. Die junge Frau war erstaunt, dass Ioan die deutsche Sprache gut beherrschte. Der Rumäne redete zwar mit starkem Akzent und manche Worte fielen ihm nicht auf Anhieb ein, doch er war mit dieser Sprache aufgewachsen. „Ich komme aus Siebenbürgen. Meine Vorfahren stammen aus Deutschland und meine Eltern halten die alten Traditionen unserer Vorfahren immer noch hoch“, hatte er lächelnd erklärt.

Ioan sah gut aus. Er hatte glänzend schwarzes Haar, sanfte braune Augen und eine sonnengebräunte Haut. Der Oberkörper verlief von den Schultern zur Hüfte hin V-förmig und verlieh dem jungen Mann damit eine athletische Figur. Es stimmte proportional betrachtet einfach alles. An diesem Nachmittag verliebten sie sich ineinander. Das Paar traf sich nur heimlich. Niemand sollte von ihrer Liebe erfahren. Anfangs dachte Ioan, dass es so sein musste, weil er mittellos war, doch scheinbar lag er falsch. Sie machte ein großes Geheimnis aus der Sache und er akzeptierte es.

Wochenlang war das Leben unbeschwert, doch vor zehn Tagen fing es an. Sie veränderte sich, fühlte sich verfolgt und beobachtet. Ioan spürte ihre Angst und stellte sie schließlich zur Rede. Ihre Antwort beunruhigte ihn.

„Es ist gefährlich. Nicht für mich, sondern für dich.“

„Was ist gefährlich?“

„Ich werde es dir später erklären“, hauchte sie in sein Ohr, bevor sie ihn zärtlich küsste. „Wir müssen aufpassen, sonst kommen sie und holen dich. Dann werden wir uns nie wieder sehen. Du würdest nicht zurückkommen. Niemand ist bisher zurückgekommen.“

„Wer soll mich holen? Ich lasse mich nicht holen. Von niemandem. Ich bleibe bei dir. Für immer.“

„Ioan, du musst mir vertrauen. Sei vorsichtig.“

Die Angst, die in ihrer Stimme mitschwang, trieb ihm Gänsehaut über den Rücken. Der Rumäne drückte sie fest an sich. Er spürte das leichte Beben ihres Körpers. Sie zitterte, als sie ihren Kopf an seine Schulter legte. Ihr Haar war blond und weich. Er roch den Duft ihrer Haut. Ioan küsste sie auf die Wange und schmeckte Salz. Sie weinte. Er festigte den Druck seiner Umarmung, um Geborgenheit, Sicherheit und seine endlose Liebe zu zeigen.

„Ioan, versprich mir, dass uns niemand entdeckt. Ich möchte dich nicht verlieren.“

„Du wirst mich nicht verlieren. Niemals. Ich schwöre es.“

„Ich gehe mit dir weg. Dann kann uns keiner mehr trennen.“

„Weggehen? Wo sollen wir hin?“

Sie drückte seine Hand ganz fest. „Das ist mir egal. Europa ist groß. Ich habe ausreichend Geld für uns beide gespart. Ein Jahr können wir locker damit auskommen. Das einzige Problem ist, dass es fest angelegt ist. Ich benötige noch etwas Zeit, um an es heranzukommen. So lange müssen wir aushalten.“

Geld! Das war das große Problem. Er war nach Deutschland gekommen, um gutes Geld zu verdienen, doch er landete in der Hölle einer modernen Sklaverei. Viel Arbeit für wenig Lohn. Ausgebeutet!

„Ioan“, presste sie über ihre Lippen, „wenn sie kommen, musst du weglaufen! Hörst du? Du musst verschwinden, sobald sie da sind! Sei immer wachsam und lauf, wenn es so weit ist.“

„Von wem sprichst du?“

Noch mehr Tränen schossen in ihre Augen. „Ich muss zurück bevor sie bemerken, dass ich weg bin“, schluchzte sie.

„Sag schon! Vor wem soll ich Angst haben? Vor deinem Vater? Hast du einen anderen Freund, oder bist du verheiratet?“

„Sie kommen nachts“, warnte sei ein letztes Mal, dann löste sie sich aus der Umarmung, schob ihn zur Seite, drehte sich um und rannte weg.

Immer wieder hallten ihre letzten Worte durch seinen Kopf. Was verschwieg sie ihm? Ioan quälte sich. Er konnte nicht einschlafen. Das komische Verhalten seiner großen Liebe malträtierte sein Herz. Er zerfetzte und zermarterte sein Gehirn. Mehr als eine Stunde verging. Längst schnarchte der Dicke aus Bukarest wieder und erhielt hierbei grandiose Unterstützung von dem Bulgaren, der im Bett gegenüber lag.

Gerade in dem Moment, in dem Ioan langsam wegschlummerte, hörte er Motorengeräusche. Der unverwechselbare Sound mehrerer Motorräder wurde immer lauter. Ob es wieder die Jugendlichen waren, die schwarz, also ohne Führerschein, mit ihren Geländemaschinen in den Weinbergen herum bretterten? Nein! Dieses Mal klang es anders. Viel voluminöser und tiefer. Dem Dröhnen nach waren es schwere Maschinen.

Ioan setzte sich auf, rieb sich kurz die Augen und sah zum Fenster. Das Licht von vier oder fünf Scheinwerfern rauschte den geteerten Weg hoch und beleuchtete nur einen Augenblick später das kleine Haus. Sie stellten sich in einer Reihe auf. Zwei der Biker spielten kurz mit dem Gas, drehten ein paarmal auf, um ihre Auspuffe röhren zu lassen, dann verstummten die Motoren. Stimmen waren zu hören. Die Motorradfahrer sprachen miteinander. Es hörte sich nicht wie eine normale Unterhaltung an. Einer schien das Kommando zu haben. Seine bassartige Stimme stach deutlich hervor. Befehle wurden erteilt. Ioan spürte, dass etwas nicht stimmte. Es roch förmlich nach Ärger. Niemand besuchte die Arbeiter um diese Uhrzeit. Es waren sicherlich auch keine Polizisten. Sie kamen nicht mit Motorrädern, sondern mit Autos und Bussen. Die warnenden Worte seiner geliebten Freundin wiederholten sich echoartig in Ioans Gedanken.

„Sie holen dich nachts und jagen dich davon. Du musst weglaufen, bevor sie dir weh tun!“

Hatte sie es gewusst? Wer waren diese Leute? Warum kamen sie nachts? Der junge Mann sprang aus dem Bett. Die Biker näherten sich dem Haus. Aus dem anfänglichen Unwohlsein wurde Furcht. Der Rumäne schlüpfte blitzschnell in seine Jeans, packte das schmutzige T-Shirt und ging zur Tür. Seine rechte Hand wanderte zur Klinke, dann hörte er sie. Sie waren bereits vor dem Eingang. Ioan eilte zurück ins Zimmer. Ihre Worte klangen dumpf, waren aber dennoch gut zu verstehen.

„Ist die Tür offen?“

„Checke ich ab“, kam als Antwort.

Eine Hand betätigte die Türklinke. Sekunden später kam die Bestätigung. „Ja, ist offen!“

Das Quietschen der alten Eingangstür war zu hören.

„Wie viele Kanaken hausen eigentlich in diesem Puff?“

Das war unverkennbar der Boss der Gruppe. Ioan erkannte ihn an der unverwechselbaren tiefen Stimme.

„Es müssten sechs Männer sein.“

„Einer soll hinten herumgehen, nicht dass der Penner abhaut.“

„Bin unterwegs.“

Der Rumäne streifte panisch das T-Shirt über, verzichtete darauf, seine Schuhe anzuziehen und sprang aus dem Küchenfenster. Es war unangenehm steinig, als seine nackten Füße den Boden berührten. Leises Knirschen war zu hören. Ioan erschrak, als die Silhouette eines Mannes zu sehen war. Er hörte schnelle Schritte. Der Kerl schoss blitzartig ums Eck und kam direkt auf ihn zugelaufen. Dabei hielt er etwas Langes in der Hand. Das Ding wurde hin und her geschwenkt. Ioan erkannte, dass es sich um einen Baseballschläger handelte. Spätestens jetzt war klar, dass die Situation brandgefährlich war.

Der Rockertyp war dunkelhäutig. Er hetzte auf Ioan zu und plärrte: „Hier möchte einer abhauen.“

Der Rumäne spürte blankes Entsetzen. Sein Körper wurde von einem Mantel der Angst umschlungen, der sich hauteng anlegte und ihm die Luft abschnürte.

Sie sind hier. Sie möchten mich holen! Was hat mir mein Darling verschwiegen? Wer sind diese Männer?

Er begann zu laufen. Hastig setze er einen Fuß vor den anderen und folgte dem unbefestigten Schotterweg, der in den Weinberg führte. Ioan bereute sofort seine Schuhe nicht angezogen zu haben. Scharfkantige Steine schnitten Fußsohlen und Zehen auf. Der Schmerz wurde verdrängt. Todesangst trieb ihn an.

Eine Stimme hallte durch die Nacht: „Halt! Bleib stehen, du Sau!“

Das Knirschen von Kieselsteinen unter Stiefelschritten war deutlich zu hören. Schnelle Tonfolge, harte Tritte. Er wurde im Laufschritt verfolgt.

„Beeilt euch! Der Kanake … rennt … wie ein … Karnickel“, keuchte der Jäger, dessen Stimme mit jedem Schritt leiser wurde.

Ioan gewann Abstand. Er war schlank und sportlich. Das war sein größter Trumpf. Nur noch ein paar Hundert Meter, dann konnte er sich über die Bruchsteinmauer schwingen und zwischen den Weinreben untertauchen. Das durch seine Nervenbahnen jagende Adrenalin ließ ihn immer noch jegliches Schmerzgefühl ignorieren. Die Wunden an seinen Sohlen würden heilen. Er musste laufen, musste schneller als die anderen sein.

Wumm

Ein Schuss zerfetzte die Stille der tropischen-schwülen Nacht. Peitschenartig hallte das Echo wider. Ioan zuckte zusammen.

Was soll das? Ich habe doch nichts getan.

Der Gehetzte wünschte sich zu Hause zu sein. Er sehnte sich in diesem Moment zurück nach Siebenbürgen. Nach seinem Dorf, dem Eselkarren, dem alten Holzhaus und dem Duft von frischem Heu und Ziegenkäse. Er hörte das Plätschern des Baches hinter seinem Elternhaus und bildete sich ein weiches Gras unter den Füßen zu spüren. Ioan beschleunigte. Er holte alles aus seinem Körper heraus. Sämtliche Kraftreserven wurden angezapft. Die Lungenflügel brannten wie Feuer. Seitenstechen bahnte sich an. Schweißflecken breiteten sich unter den Achseln und auf dem Rücken des T-Shirts aus. Von der Stirn des Gejagten tropften glänzende Schweißperlen herab. Ein großer Teil davon war purer, kalter Angstschweiß.

Durchhalten!

Ein Motor jaulte auf. Einer der Männer hatte sich auf seine Maschine geschwungen und fuhr beschleunigt los. Wenige Sekunden später schwoll das tief tuckernde Geräusch bedrohlich an. Die schwere Maschine näherte sich rasant.

Ich schaffe es! Ich schaffe es!

Ioans Körper befand sich plötzlich im Lichtkegel eines Scheinwerfers. Die Beine wurden nur noch gefühllos nach vorn geschleudert. Todesangst schüttete noch mehr Adrenalin aus und jagte es durch seine Adern. Der Überlebensinstinkt arbeitete auf Hochtouren. Die nackten Fußsohlen waren inzwischen gefühlstaub geworden. Ioan spürte nicht, dass sich die Bodenstruktur geändert hatte. Die Tortur des kieselsteinigen Schotterweges war zu Ende. Barfüßig rannte er über einen geteerten Weg. Mit jedem Schritt hinterließ der Rumäne blutige Abdrücke auf dem Asphalt. Sein Ziel lag unmittelbar vor ihm. Nur noch zehn Schritte, fünf Schritte, drei Schritte.

Das Motorrad holte rasend schnell auf. Der Motor brüllte so laut wie ein Löwe. Ioan hatte es fast geschafft. Keuchend stand er vor den gemauerten Bruchsteinen. Seine linke Hand krallte sich an einem der leicht vorstehenden Steine der brusthohen Mauer fest. Er musste sie überwinden.

Wrrooommmm – dröhnte es.

Das Raubtier holte zum Prankenschlag aus.

Der Flüchtende zog sich ein Stück nach oben, holte mit dem rechten Bein Schwung, um das Hindernis gänzlich zu überwinden. Es passierte während dieser Bewegung. Bevor Ioans Bein halt fand, fuhr ein höllischer, lähmender Schmerz durch seinen Körper. Es fühlte sich, als hätte ihn eine schwingende Abrissbirne erfasst, er wusste aber, dass es ein Baseballschläger war. Die Krallen des Löwen hatten sich in seinen Rücken gebohrt.

Atemnot. Alles drehte sich. Ein weiteres Motorrad raste auf ihn zu. Die Schmerzwelle, die sich über Ioans Rücken ausbreitete, sabotierte für Sekunden sämtliches Handeln. Er knallte unweigerlich gegen harten Stein, schlug sich den Kopf an und rutschte an der Mauer ab. Aufgeschürfte Haut. Aus der Kopfplatzwunde trat Blut aus und verklebte die Haare. Es pochte unangenehm in den Schläfen. Auf dem harten Asphalt kauernd, hechelte der Rumäne nach Sauerstoff. Seine Lungenflügel brannten wie Feuer. Er glaubte, dass ein oder zwei Rippen gebrochen waren. Hatte er noch einmal die Kraft aufzuspringen und seine Flucht fortzusetzen?

Der zweite Scheinwerfer erfasste ihn. Der Lichtkegel breitete sich aus. Die Maschine näherte sich zusehends und bremste schließlich hart ab. Der Soziusfahrer sprang herunter und rannte auf Ioan zu. Dieser biss die Zähne zusammen, stand auf und versuchte erneut die Mauer zu überwinden. Im Augenwinkel erkannte er wieder einen Baseballschläger. Ioan wusste, dass er einen zweiten Schlag nicht mehr wegstecken konnte. Ein weiterer Treffer würde unweigerlich das Ende der Flucht bedeuten.

Ich muss schneller sein, als der Schläger, schoss durch seinen Kopf.

Er verlangte sich alles ab, sprang hoch, krallte sich an der Mauer fest und wollte sie endlich überwinden. In diesem Augenblick krachte hartes Holz gegen sein rechtes Bein. Es knackte hörbar. Blitze zuckten vor seinen Augen auf.

„Ahhh“, stieß der Rumäne schmerzvoll aus.

„Du Drecksack bleibst da“, brüllte jemand mit starkem fränkischem Akzent.

Gleichzeitig wurde Ioan von hinten gepackt und zu Boden gezogen. Der Fahrer des zweiten Motorrads war abgestiegen und ging langsam auf Ioan zu. Die Maschine tuckerte im Leerlauf, der Scheinwerfer beleuchtete die Szenerie.

Ioan lag auf dem Boden und zitterte vor Angst. Er konnte seine schlotternden Knie nicht mehr kontrollieren. Zusätzlich trieben ihn die Schmerzen des zerschlagenen Schienbeins an den Rand des Wahnsinns.

„Gut gemacht“, lobte der gerade angekommene Motorradfahrer, es handelte sich hierbei unverkennbar um den Typen mit der tiefen Stimme.

Das ist der Boss! Ihm bin ich ausgeliefert.

Ioan sah nach oben und betrachtete den Mann mit unterwürfigem Blick. Er war sehr muskulös und trug um seinen nackten Oberkörper nur eine ärmellose Lederweste.

„Wohin so schnell, mein kleiner Freund?“, fragte der Riese hämisch.

Mit jeder Bewegung seiner Arme schienen sich kiloweise Muskelfasern hin und her zu bewegen. Allein das Zusammenspiel von Bizeps und Trizeps ließen jeden Gegner dieses Hünen vor Ehrfurcht schaudern.

Nach und nach trafen auch die anderen Verfolger ein. Ioan war binnen kurzer Zeit komplett umringt. Er kramte in seinem tiefsten Inneren und suchte nach Antworten auf seine offenen Fragen.

Wer sind diese Männer? Habe ich in der Vergangenheit eine Dummheit begangen? Vielleicht aus Versehen? Oder handelt es sich um rechtsradikale Rocker, die auf der Jagd nach Ausländern sind? Gehört ihnen das Haus in dem Ioan und die anderen Arbeiter wohnen? Quatsch. Das Haus gehört dem Chef des Weinguts.

Der Rumäne versuchte zu erkennen, ob die Motorradfahrer einer bekannten Rockergruppe angehörten. Nein. Sie trugen keine Clubjacken. Man erkannte keine Embleme.

„Wer hat denn den Stinker erwischt?“, fragte einer von ihnen.

„Ich“, tat sich jemand hervor, der mit einem Baseballschläger bewaffnet war.

Ioan sah Sternchen vor den Augen tanzen. Sukzessiv schwand die Kraft aus seinem geschundenen Körper. Eigenartig! Er spürte das verletzte Bein nicht mehr. Dafür schmerzten die gebrochenen Rippen bei jedem Atemzug bestialisch. Es war, als würde er die glühende Luft eines gewaltigen Vulkans einatmen.

„Ist er das?“, fragte der nächste Schlägertyp.

„Das ist er“, kam es von einem Zweiten. „Günni, zeig doch noch einmal das Foto her.“

„Wir haben den Richtigen erwischt. Ich bin weder blind noch blöd“, meckerte der Biker, der den anderen Baseballschläger hielt. Er zog ein Foto aus seiner Jeans und hielt das zerknitterte Bild seinem Nebenmann hin. Dieser betrachtete es trotz des Scheinwerferlichts zusätzlich im Schein der Flamme eines Zippo-Feuerzeugs. Er beugte sich zu Ioan herab, hielt das brennende Feuerzeug dicht an das Gesicht des Rumänen und nickte. „Kongo hat den richtigen Kanaken erwischt.“

„Das ist er, Chef! Hundertprozentig“, tönte Günni nach.

„Sehr gut“, klang der Bass des Anführers. Er musterte den Verletzten abschätzend. „Bist ‘n hübsches Kerlchen. Warum hast du es so eilig?“

Es waren weder Rocker noch eine Skinhead-Gang. Es war ein Schlägertrupp. Sie hatten gezielt nach ihm gesucht. Besaßen sogar sein Bild. Woher hatten sie es?

Verdammt, warum werde ich wie ein Tier gejagt?

„Was … wollt … ihr?“, keuchte Ioan.

„Dich!“

„Warum?“

Der Boss lachte hämisch. „He, he … kennst du Pulp Fiction?“

Ioan kannte den Film nicht. Er wusste nicht, was sein Peiniger meinte und schüttelte mit dem Kopf.

Diese unerträglichen Schmerzen.

„Nein? Kennst du nicht? Hätte mich auch gewundert. Ihr scheißt in Rumänien ja immer noch in Erdlöcher, lebt vom Klauen und wollt unsere Mädels abschleppen, um euch ins gemachte Nest zu setzen. Ihr seid Abschaum. Nichts als europäischer Abfall. Rumänien ist der Misthaufen Europas. Weißt du, weshalb wir euch in die EU geholt haben, mein kleiner braun gebrannter Freund?“

Schweres Schnaufen. Ioan war unfähig etwas zu sagen.

Der Boss wartete nicht auf eine mögliche Antwort. Er gab sie gleich selbst. „Euer Land soll die Müllkippe Europas werden. Ihr seid die menschlichen Kakerlaken, die in dieser Müllkippe leben, sonst nichts.“

Schallendes Gelächter erklang.

Ein anderer mischte sich ein. „Und mit unserem Abfall, natürlich frei Haus geliefert, geht es euch noch besser als jemals zuvor.“

Ioan dachte an Rumänien, an Siebenbürgen, an die Karpaten und die Schönheit der naturbelassenen Gebiete. Ein Paradies für wilde Tiere. Ein Glücksfall für das industrielle Europa. Wie gern wäre er jetzt in dieser Wildnis. Er hörte die Männer immer noch reden und lästern.

Warum diese Fremdenfeindlichkeit?

Ioan war ein anständiger Mensch. Er hatte ehrliche Arbeit gesucht. War das so schlimm? Für das, was einige wenige Kriminelle machen, konnte er doch nichts. Diese Menschen waren auch in Rumänien kriminell. Ioan mochte sie auch nicht. Nicht hier und nicht in der Heimat. Er erinnerte sich an ein Sprichwort.

Nur ein Tropfen Gift macht einen ganzen Brunnen unbrauchbar!

„Du hättest mal besser deine dreckigen Finger von unseren Mädels gelassen.“

Dieser Satz traf ihn wie ein Vorschlaghammer. Wie sollte er reagieren? Sollte er seine Liebe leugnen? Vielleicht half es.

„Ich … ich … habe keine … Freundin“, schob Ioan hastig vor.

Niemand konnte das von ihm und ihr wissen. Er hatte das Geheimnis immer sorgfältig gehütet.

Der Boss übernahm wieder das Wort. „Kommen wir auf Pulp Fiction zurück. Ist ‘n guter Film. Echt stark! Ein paar Szenen haben mir es besonders angetan. Die spielen wir jetzt nach. Nur du und ich. Beachte die anderen gar nicht. Wir beide tun jetzt so, als ob die Jungs gar nicht hier wären.“

„Mein Bein … ich spüre … mein Bein nicht mehr.“

„Für das, was ich mit dir vorhabe, mein Freund … ha ha ha“, wieder dieses hämische Lachen, „… brauchst du kein Bein.“ Der Boss zeigte auf ihn und zwei Mann hievten Ioan hoch.

„Bitte nicht“, jammerte er.

Der Boss kam ganz nah an Ioan heran. Er roch nach Alkohol und Nikotin. „Meine Freunde hier werden dich festhalten, den Rest erledige ich. Ich stehe auf sportliche Südländer. Du hast übrigens die Rolle von Marcellus aus Pulp Fiction.“

Ioan zitterte nun vollends. Die Todesangst war in jeden Winkel seines Körpers gekrochen. Er wollte nicht sterben, hatte unendliche Furcht vor Qualen.

Der große Kerl baute sich demonstrativ auf und ließ die Knöchel seiner Fäuste knacken. „Dreht ihn um und schön festhalten!“

„Nein“, jammerte Ioan. Er erkannte etwas Sadistisches in den Augen seines Peinigers.

„Chef, muss das sein? Wir haben hier herumgeballert. Wenn das jemand gehört und die Bullen gerufen hat, sind sie gleich hier“, haspelte der, den sie Günni nannten. „Wir sollen den Kanaken doch bloß verschwinden lassen.“

„Halts Maul!“

Günni zuckte zusammen. „Schon gut.“

Sie packten Ioan fester und drehten ihn herum. Der Schmerz trieb den Rumänen an den Rand der Bewusstlosigkeit. Er schrie laut auf. Das Schreien verkam zu einem Jammern und dieses zu einem Winseln. Wieder tanzten Sterne vor seinen Augen. Dieses Mal ein ganzes Meer davon.

„Was machen wir nachher mit ihm?“, fragte der Dunkelhäutige.

Der Rockerboss öffnete seine Hose. „Wenn ich mit ihm fertig bin, entsorgen wir ihn im Main. Und jetzt haltet endlich die Klappe. Ich möchte das hier genießen.“

Goßmannsdorf ist ein kleines Dorf am Ufer des Mains. Niemand würde das fränkische Nest kennen, wäre dort nicht eine Staustufe des Rhein-Main-Donau-Kanals. Die Staustufe sorgte dafür, dass Goßmannsdorf immer wieder mal in der größten Tageszeitung Würzburgs, der Main-Post, erwähnt wurde. Meistens handelte es sich bei den Meldungen um makabre oder lustige Funde im großen Rechen der Staustufe.

Helmut Klein war hier seit drei Jahren Schleusenwärter. Eigentlich war die Tätigkeit recht eintönig. Einzig die Reinigung der Schleusenbecken bot etwas Abwechslung. Das wiederum hatte mit den Funden zu tun und der damit verbundenen Möglichkeit einmal im Leben mit einem Foto in der Main-Post zu erscheinen. Kuriose Funde gab es immer wieder. Vor ein paar Jahren hatte sich mal ein fast drei Meter großer Waller im Rechen verfangen. Der damalige Schleusenwärter war damit groß herausgekommen und so etwas wie ein Lokalheld geworden. Zweimal wurde darüber berichtet. Einmal vom Fang des Wallers, dann noch einmal darüber, wie viele Portionen ein Würzburger Koch von dem Fisch auf die Teller gezaubert hatte. Diesen Status möchte Helmut Klein auch erreichen, doch bislang fand er nie etwas Außergewöhnliches.

Routinemäßig ging Klein an die Arbeit. Während er mit einer Holzstange ein paar Äste aus dem Wasser hievte, dachte er darüber nach, ob er später seine Frau anrufen sollte. Wegen des Mittagessens. Irgendwie hatte er Hunger auf Schnitzel mit Kartoffelsalat bekommen.

Ja, das werde ich machen, beschloss er und stocherte weiter im Rechen der Staustufe herum.

Hinter ein paar Ästen hatte sich etwas Treibgut verheddert.

„Was ist denn jetzt schon wieder los?“, moserte Klein. „Heute läuft es überhaupt nicht rund.“

Der Schleusenwärter fuhrwerkte an einem länglichen Ding herum, rutschte ab und versuchte es erneut. Es bewegte sich endlich und gab den Blick auf etwas anderes frei.

„Da ist was Großen drin“, stieß er aus.

Klein betrachtete das Teil argwöhnisch. Die anfängliche Freude, es könnte ein Riesenfisch sein, verflüchtigte sich schnell. Das Stück hatte eher das Aussehen einer Mumie. Eigentlich das eines Schlafsackes, aber Mumie war der spannendere Begriff für jemanden, der auf eine Sensation wartete. Gedanklich schweifte der Franke ab. In großen Lettern las die fiktive Schlagzeile: Mumie gerettet! Dem Schleusenwärter Helmut Klein ist es gelungen, eine verschollene Mumie aus dem Main zu ziehen. Das Artefakt verschwand vor zwei Monaten spurlos …

Das Teil bewegte sich nicht. Die imaginäre Schlagzeile verpuffte. „So ein Mist.“

Der Schleusenwärter ging mit schnellen Schritten zum Lager, holte die Stange mit dem langen Dreizack-Haken und stürmte zurück zum Schleusenbecken.

„Da hat doch jemand einen Schlafsack weggeworfen“, sagte er leise zu sich selbst. Klein starrte das Ding im Wasser an und grübelte. „Hm ... vielleicht ist er noch brauchbar und ich nehme ihn mit nach Hause.“

Er versuchte das halb unter Wasser schwimmende Teil mit dem Dreizack zu erwischen. Der Schleusenwärter benötige mehrere Versuche, bevor sich die spitzen Enden des Geräts endlich fest eingehakt hatten. Längst war die anfängliche Neugier und in eine gewisse Art von Jagdfieber umgeschlagen. Geschickt bugsierte der Staustufenmitarbeiter den Schlafsack an den Rand des Schleusenbeckens. Klein stutzte. Vor ihm schwamm kein leerer, sondern ein gefüllter Mumienschlafsack. Verlegen kratzte er sich mit der linken Hand am Hinterkopf.

„Es wird doch keinen von den Campern ins Wasser gelassen haben“, stöhnte er.

Klein vermutete stark, dass ein betrunkener Camper mitsamt seinem Schlafsack in den Main gefallen und ertrunken war. Campingplätze gab es genug am Ufer des Flusses. Gesoffen wurde auch immer. Oder fiel der Kerl von einem der Binnenschiffe? Klar! So musste es gewesen sein. Das lag auf der Hand. Schließlich hat er noch nichts von einem vermissten Camper gelesen. Das wäre ihm aufgefallen. Sein Dienst begann schließlich jeden Tag mit einer Tasse Kaffee und dem Studium Main-Post. Man musste schließlich informiert sein.

„Fall gelöst. Kommissar Helmut Klein hat’s wieder mal herausgefunden“, murmelte er. „Aufgrund der Hitze schlief einer der Binnenschiffer an Deck seines Kahns und fiel ins Wasser.“

Die drei Haken lagen goldrichtig am Schlafsack.

Den kann ich jetzt mühelos im Wasser umdrehen, meinte Klein.

Das Ganze erwies sich jedoch schwieriger, als gedacht, da die Haken festsaßen. Allerdings wäre Helmut Klein nicht Helmut Klein, wenn er nach dem ersten Fehlversuch sofort aufgegeben hätte.

„Ich bin ein fränkischer Sturschädel“, stieß er mit einem lauten Schnaufen aus.

Landestypisch für den Dialekt betonte der Franke sowohl das ‚t‘, als auch das ‚p‘ extrem weich.

Klein rüttelte ein weiteres Mal heftig an dem Fund. Dieses Mal lösten sich die spitzen Haken vom Stoff. Geduldig und äußerst geschickt hantierte der Schleusenwärter mit seinem Arbeitsgerät und bugsierte den schwimmenden Fund herum. Schließlich drehte sich der Schlafsack im Wasser einmal um seine eigene Achse. Freudestrahlend und voller Neugier begutachtete der Schleusenwärter das Teil. Woher kam das gute Stück? Hatte sich jemand einen Scherz erlaubt?

Plötzlich gefror das Lachen im Gesicht des Franken. Was sich da in dem Schlafsack befand, war weder ein Scherz noch ein guter Fund. Es war eine Leiche. Man hatte Helmut Klein schon vieles über Wasserleichen berichtet, doch der Anblick eines von Wasser aufgedunsenen und halb von Fischen zerfressenen Gesichts ließ den Magen des Finders unverzüglich rebellieren. Das unbändige Gefühl, sich übergeben zu müssen breitete sich aus. Eine ganzkörperübergreifende Übelkeit überkam Klein, dennoch saugten sich seine Augen an dem grauenhaften Fund fest.

Fleischfetzen hingen an Knochen. Der Mund des Toten war zu einem schauerlichen Grinsen geöffnet. Ein paar Wasserschnecken hatten sich festgesetzt. Helmut Klein beschloss in diesem Moment sein Pausenbrot wieder mit nach Hause zu nehmen. Gedanklich wurde auch das Schnitzel mit Kartoffelsalat von der privaten Speisekarte gestrichen. Weiterhin entschied sich der Schleusenwärter in genau diesem Moment nie wieder einen Zombie-Film anzusehen.

Als ein aalartiges Tier durch eine der offen liegenden Augenhöhlen schlüpfte und im Wasser verschwand, gewann das flaue Bauchgefühl den Kampf gegen die Körperbeherrschung. Der Schleusenwärter musste sich übergeben. Mit leerem Magen und zittrigen Fingern wählte er nur wenige Minuten später im Büro den Polizeinotruf.

Vermisst im Paradies

Der wachhabende Polizist der Würzburger Polizeiinspektion stöhnte, als er das ältere rumänische Ehepaar zum dritten Mal in dieser Woche auf der Wartebank im Vorraum sitzen sah.

„Jetzt sind die Rumänen schon wieder hier. Ich habe ihnen doch erst vorgestern erklärt, dass wir ihnen nicht helfen können“, meinte er zu seiner Kollegin und deutete mit einem kurzen Wink in den Vorraum.

Seine Kollegin war gerade dabei, eine Unfallskizze zu erstellen. Sie blickte kurz hoch und zur gläsernen Tür, die die Wache vom Vorraum trennte.

„Du meinst die beiden Alten dort draußen?“

„Ja“, kam es leicht genervt. „Die suchen ihren Sohn. Angeblich soll er irgendwo hier im Landkreis arbeiten.“

„Und?“, fragte die Polizistin. „Hast du seine Personalien mal durch den Computer gejagt?“

Der angesprochene Polizist verließ den Wachraum, um sich aus der gleich nebenan befindlichen Küche eine Tasse Kaffee zu holen. Die Kaffeemaschine lief laut und röchelnd. Eine kleine Dampfwolke schwebte über ihr. Der Polizist wartete auf das gewohnte letzte Blubbern. „Die müssen wir auch bald ersetzen“, rief er in den Wachraum.

„Hast du, oder hast du nicht?“, wollte die Kollegin wissen.

„Was denn?“

„Den Sohn von den beiden Alten überprüft.“

„Natürlich habe ich.“

„Und?“

Er nahm die Kaffeekanne aus der Maschine und goss etwas in seine Tasse. „Du regst mich ganz schön auf, mit deiner ständigen Fragerei. Ich habe nichts gefunden.“

In seiner Antwort lag eine aussagekräftige Schroffheit. Kurzum, der Wachhabende zeigte wenig Lust und Arbeitsmoral. Er ließ unmissverständlich erkennen, dass er nicht gewillt war, mit dem älteren Paar ein weiteres Gespräch zu führen.

Seine Kollegin blieb allerdings hartnäckig. „Was machen wir mit den beiden? Können die überhaupt deutsch?“, hakte sie nach.

Nachdem er seine Tasse eingeschenkt hatte, fragte er: „Willst du auch einen Kaffee? Ist die neue Packung, ganz frisch geöffnet.“

„Ja, bitte. Schwarz.“

Kurz darauf kam der Beamte wieder in den Wachraum. Er trug zwei Tassen, aus denen es dampfte. Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee breitete sich aus. „Hier.“

„Danke schön.“

Er nahm einen Schluck. „Sind sie noch da?“

Sie sah zum Vorraum. „Ja.“

„Verdammt“, fluchte er. „Du, Christine, ich packe das nicht in aller Frühe. Kannst du mal mit ihnen sprechen?“

Die Polizistin war leicht genervt. „Ich muss die Skizze noch fertig machen. Der Unfallvorgang muss heute raus.“

Er senkte seine Stimme und lächelte. „Dauert bestimmt nicht lange.“

Christine schnaufte kräftig durch und deutete auf ihre Skizze. Das Telefon läutete. Er ging ran. „Polizei Würzburg.“

Sie stand etwas genervt auf. „Also gut, ich kümmere mich um die beiden, aber der nächste Fall gehört dir.“

Er hob den Daumen nach oben.

Die Polizistin nahm einen Schluck Kaffee und verzog sofort das Gesicht. „Igitt! Wer hat denn den aufgesetzt?“

Ihr Kollege hielt die Hand vor die Sprechmuschel und sagte kurz: „Das war Werner. Beschweren musst du dich später. Sie mussten zu einem Einsatz ausrücken.“

Sie stellte die Tasse ab. „Sorry, aber den kann man wirklich nicht trinken. Sag Werner, er soll künftig die Finger von der Kaffeemaschine lassen.“

Die Polizistin stand auf und ging zum Tresen. Dort betätigte sie einen Schalter. Es summte. Das wartende Pärchen stand auf, drückte gegen die schwere Glastür und betrat den Wachraum. Sie stellten sich vor der Polizistin an den Tresen. Der Mann grüßte höflich. „Gutään Morgään.“

„Morgen“, erwiderte die Beamtin.

„Wir heißän Agulescu. Wir suchän unserän Soohn. Habän sie ihn gefundän? Sie habän mir versprochän, dass Sie ihn suchän. Sie wolltän Mäldung schreibän.“

Sie drehte sich zu ihrem Kollegen um. Dieser zuckte lediglich mit den Achseln. „Du Arschloch“, formte sie tonlos mit den Lippen, dann wendete sie sich wieder den beiden Rumänen zu. „Wie heißt er denn?“

„Das wissän Sie doch.“

„Entschuldigung, aber wir hatten einen Computerabsturz. Ich möchte noch einmal alles prüfen“, wurde als Ausrede vorgeschoben.

Die Frau öffnete eine Tasche und zog ein Bild heraus. „Das ist är. Das ist unsär Ioan. Einä gutä Jungä.“

Der Mann legte zusätzlich die Kopie einer Geburtsurkunde auf den Tisch. Daneben seinen eigenen Ausweis. „Unsär Sohn ist vor einäm Jahr hierhär gekommän. Är hat geschriebän, dass är einä gutä Arbeit gäfundän hat.“

„Bei einäm Winzär“, ergänzte seine Frau mit dem gleichen harten Akzent.

Die Polizistin stellte anhand des Geburtsdatums im Ausweis des Anzeigeerstatters fest, dass die Eltern des Vermissten jünger waren, als sie aussahen. Das harte Landleben und die rumänische Sonne hatten beide sehr gezeichnet. Das karge, arbeitsreiche Dasein forderte seinen Tribut. Die braune, faltige, wettergegerbte Haut zeugte jedenfalls davon.

Ein Anflug von Mitleid überkam die Beamtin. Sie nahm das Foto in die Hand und betrachtete es. Der junge Rumäne sah gut aus, fast wie ein Model. Sein Lächeln war sympathisch. „Sie sprechen unsere Sprache gut. Wie lange sind Sie schon hier?“

„Wir stammän aus Siebenbiergän. Das ist in Rumänien. Deitsch ist unserä richtigä, alte Muttersprachä.“

„Aha, äh, ja klar doch.“

Erinnerungen aus dem Geschichtsunterricht schossen nach oben. Sie waren irgendwo tief zwischen Algebra und dem Schulenglisch der lesson eight, begraben. Donauschwaben, Siebenbürgen. Deutsche Siedler ins wilde Land. Siebenbürgische Sachsen usw.

„Einen Moment bitte.“

Der Rumäne nahm die Hand seiner Frau und hielt sie fest.

Die Polizistin ging zu ihrem Kollegen und flüsterte ihm ins Ohr: „Was hast du bisher gemacht?“

Er schüttelte nur mit dem Kopf. „Nichts! Schau dir doch mal das Foto an. Das ist bestimmt ein Stricher, schwirrt am Bahnhof herum oder lässt sich von einem Dauer-Freier aushalten. Er hat schlichtweg vergessen, sich bei seinen Eltern zu melden. Das ist alles.“

Blut schoss in die Wangen der Polizistin. Es war Zornes röte. „Du hast keine Vermisstenanzeige aufgenommen?“

„Nö!“

„Spinnst du? Was hat der Chef dazu gesagt?“

Der arbeitsscheue Polizist begann sich zu rechtfertigen und argumentierte mit erhobener Stimme. „Jetzt hör mal auf so blöd zu fragen. Weißt du, wie es am Montag hier zugegangen ist?“

Sie starrte ihn vorwurfsvoll an. „Und was war dann am Dienstag? Du hast vorhin gesagt, dass sie zum dritten Mal hier sind. Oder ist das heute schon das vierte Mal?“, überrollte sie ihren Kollegen.

„Ich … also, jetzt stell dich doch nicht so an“, stotterte er und senkte seine Stimme wieder.

Sie stemmte ihre Hände in die Hüften. „Ich kümmere mich jetzt um die beiden und du gehst dort rüber, zeichnest die Skizze fertig und schreibst den Unfallbericht!“

Er schüttelte mit dem Kopf. „Nö, das war dein Fall.“

„Gut, dann gehe ich sofort zum Dienstgruppenleiter und sage ihm, wie du die beiden besorgten Eltern vertröstet und die Anzeige abgewimmelt hast.“

Sie drehte sich demonstrativ um und machte einen Schritt nach vorn.

„Warte!“

„Was ist?“

„Okay, ich stelle den Unfall fertig, aber du kümmerst dich um die zwei Patschaken.“

„Das sind Rumänen aus Siebenbürgen, keine Patschaken! Und wenn du nicht aufhörst, so zu reden, werde ich definitiv ein Gespräch mit der Führung suchen. Du bist ein faules Riesenarschloch.“

„Okay, okay. Fahr runter. Ich habe es kapiert“, versuchte er die Sache herunterzuspielen und stand missmutig auf.

„Beim nächsten Mal decke ich dich nicht noch einmal“, warnte sie und ging zurück zum Tresen. Der grantige Gesichtsausdruck verschwand und sie versuchte zu lächeln. „Kommen Sie bitte herein. Ich werde mich um Sie kümmern.“

„Dankäscheen.“

Trauer war in den Augen der besorgten Eltern zu erkennen. Die Polizistin zeigte auf zwei Stühle. „Setzen Sie sich bitte hierhin.“

Sie kamen der Aufforderung nach. „Wir wolltän uns mit unseräm Sohn träffän. Är ist nicht gekommän. Är mäldät sich nicht mähr.“

Der Anzeigenbildschirm öffnete sich. „Wissen Sie, wo genau er Arbeit gefunden hat? Oder können Sie uns eine Wohnadresse geben?“

„Er hat geschriebän einä Adrässä“, sagte Herr Agulescu, während seine Frau einen Brief hervorkramte. Sie suchte die betreffende Zeile und legte den Finger darauf. Dazu zeigte sie zusätzlich auf den handschriftlich notierten Absender auf dem Briefumschlag.

„Weingut Aberle“, las die Polizistin laut vor. „Ein gutes Haus. Haben Sie dort schon nachgefragt?“

„Sie sagen, Ioan war nie da.“

„Komisch. Geben Sie mir mal die Geburtsurkunde.“

Die Routinearbeit begann. Personalien wurden erhoben sowie Fragen bezüglich des Vermissten und dessen Gewohnheiten gestellt. Schließlich erkundigte sich die Beamtin über den letzten bekannten Aufenthaltsort von Ioan Agulescu. Eine Stunde später war die Vermisstenanzeige erstellt.

„Wo kann ich Sie finden? Ich meine, falls ich Informationen für Sie habe.“

„Wir habän kleinä Pänsion gefundän. Ist in Vorort von Wirzburg. Wir bleibän noch zwei Wochän. Dann missän wir zurieck nach Hausä.“

Sie notierte die Anschrift und Telefonnummer der Pension. „Ich werde die Vermisstenanzeige sofort an das zuständige Fachkommissariat weiterleiten. Vielleicht wissen wir morgen schon mehr. Hier ist meine Karte.“

„Dankäscheen. Wir kommän morgän wiedär här.“

Sie standen auf, schüttelten die Hand der Polizistin und verließen die Wache.

Nachdem die schwere Glastür ins Schloss gefallen war, murrte ihr Kollege: „Da kommt doch ohnehin nichts dabei raus.“

Christine war jetzt mehr als wütend. „Du bist noch mehr, als ein Riesenarschloch. Ab heute möchte ich nicht mehr mit dir zusammen eingeteilt werden! Sag das dem Diensteinteiler oder ich werde es tun. Und wenn ich es tue, werde ich auch jedem den Grund dafür nennen und zugleich sagen, was für ein Idiot du bist!“

„Der Unfall ist fertig. Magst du die Skizze noch einmal prüfen?“, kam es vollkommen belanglos. Es schien so, als hätte er die Worte seiner Kollegin nicht verstanden.

Der Ton der Polizistin wurde schärfer. „Hast du eine Ahnung, was die beiden Alten überhaupt mitmachen?“

„Nö! Ich habe schließlich keinen Stricher als Sohn.“

„Ich werde die Vermisstenanzeige sofort zum Fachkommissariat bringen lassen.“

Jemand räusperte sich. „Gibt es Stress?“

Beide fuhren herum. Der Dienstgruppenleiter war unbemerkt in den Wachraum gekommen und hatte das Gespräch mitgehört.

„Christine hat nur ‘ne läppische Vermisstenanzeige aufgenommen, während ich den komplizierten Unfall mit Personenschaden komplett allein geschrieben habe.“

Die Polizistin war sprachlos. Ihre Wangen röteten sich.

Der Dienstgruppenleiter sah beide nacheinander an. „Hans, ich habe mitbekommen, worum es hier heute Morgen ging. Ich wollte dir zeitgleich mitteilen, dass ich bezüglich der Abordnung zum Verkehrsdienst eine Entscheidung getroffen habe. Es hat dich erwischt. Du wirst gehen! Am besten siehst du gleich mal nach, ob dir dein Verkehrsmantel noch passt.“

Der arbeitsscheue Kollege stand auf. „Aber du weißt doch, dass ich diesen Scheiß hasse. Ich habe keine Lust bei Wind und Wetter Verkehr zu regeln.“

„Dann kündige!“

„Ich bin in der Gewerkschaft! Ich werde dagegen vorgehen.“

„Ich bin auch in der Gewerkschaft, falls dich das beruhigt. Und nur noch mal zur Kenntnis. Gegen eine zeitlich begrenzte Abordnung kannst du gar nichts machen.“

Die Polizistin grinste, ihr Kollege verlor indessen sämtliche Gesichtsfarbe. Im Nu war er beinahe leichenblass.

Der Dienstgruppenleiter wendete sich der Beamtin zu. „Gute Arbeit, Christine. Ich werde die Anzeige gleich weiterleiten. Ist sie fertig?“

Sie nickte. „Hier, Chef. Ausgedruckt und unterschrieben.“

Der Dienstgruppenleiter nahm die Akte entgegen. Dann wendete er sich noch einmal Hans zu. „Ich werde übrigens prüfen lassen, ob wir gegen dich ein Disziplinarverfahren einleiten. So manche Sprüche von dir sind mir ziemlich aufgestoßen. Wenn du nach der Abordnung zum Verkehrsdienst zurückkommen solltest, dann wirst du definitiv nicht mehr in meine Gruppe kommen. Ich werde mich später mit dem Dienststellenleiter über dich unterhalten. Solche Mitarbeiter brauchen wir nicht.“

Bereits drei Stunden später lag die Vermisstenanzeige auf dem Schreibtisch von Hauptkommissar Peter Fischer. Argwöhnisch betrachtete der Kriminalbeamte die Akte und öffnete sie. Routiniert las Fischer die Grunddaten.

„Hast du mir die Sache von diesem Rumänen auf den Tisch gelegt?“, fragte er seine Sekretärin.

„Nein! Ein Kollege vom Revier hat sie vorbeigebracht. Ich dachte, dass es vielleicht eilig ist.“

„Eilig? Wie kommst du darauf?“

„Weil die Akte per Bote zu uns gebracht wurde. Sonst flattern sie doch immer per Dienstpost hier ein.“

Der Kripobeamte nickte zustimmend. „Das ist in der Tat ein Argument. Ich flieg mal schnell drüber. Vielleicht ist es ein Botschafter oder so etwas in dieser Richtung, der vermisst wird. Kann sein, dass die Presse auf erste Informationen wartet“, antwortete Fischer und begann nochmals von vorn zu lesen. Gleich nach der ersten Seite wusste er allerdings, dass sich um keinen ausländischen Diplomaten oder Politiker, sondern um einen jungen Rumänen handelte. Nach Angaben seiner Eltern war der Vermisste auf Arbeitssuche und hatte auch eine feste Anstellung gefunden. „Ioan Agulescu“, murmelte der Hauptkommissar leise, blätterte um und betrachtete das beigelegte Foto. „Keine Daten im Einwohnermeldeamt, kein Eintrag bei der AOK, keine Daten beim Finanzamt, nichts.“

„Hast du was gesagt, Peter?“, rief die Sekretärin, die im Büro nebenan einen Bericht für die Staatsanwaltschaft fertigstellte.

„Ich denke nur laut.“

„Wenn du mich brauchst, dann sag es ruhig. Ich bin gleich fertig mit dem Bericht.“

„Wenn das so ist, könntest du mal die Datenbanken abchecken. Als Zeitraum kannst du die letzten sechs Monate eingeben.“

Die Angestellte war mit den üblichen Standartrecherchen bestens vertraut und hatte in der Vergangenheit schon mehrfach kriminalistischen Scharfsinn bewiesen. „Mach’ ich. Gib mir zwei Minuten und dann die genaue Personenbeschreibung mit Grunddaten.“

Fischer nahm das Personenbeschreibungsblatt und trug es ins benachbarte Büro, das nur durch eine Zwischentür von seinem eigenen Arbeitszimmer getrennt war. „Hier.“ Er legte es auf den Schreibtisch der Angestellten.

„Danke sehr, ich bin gleich so weit.“

„Nur nicht hetzen. Wir sind im Dienst, nicht auf der Flucht“, schmunzelte Fischer und ging zurück.

Auf dem Fensterbrett aalte sich ein stattlicher Philodendron im Sonnenlicht. Neben der Pflanze stand ein Radiogerät. Das Einschalten des Radios und der prüfende Blick, ob die Pflanze Wasser benötigte, gehörten längst zur obligatorischen Büroroutine. Die Erde war ausreichend feucht. Der eingestellte Klassik-Sender spielte eines von Fischers Lieblingsstücken. „Ah, Mozart. Die kleine Nachtmusik“, schwärmte er und summte mit. „Kennst du das?“, fragte er Helga.

Lachen kam aus dem Nachbarbüro. „Das hätte sogar mein Neffe erraten. Er ist jetzt in der ersten Klasse.“

„Wenn dir Mozart gefällt, kannst du gern mit mir ins Konzert gehen. Nächsten Monat in der Kongresshalle …“

„Keine Zeit für sowas. Sorry.“

Peter Fischer grinste, als er sich an seinen Schreibtisch setzte. Er kannte die Antwort dieser rhetorischen Frage. Helga hatte für bevorstehende Konzertbesuche grundsätzlich nie Zeit. Zumindest, wenn es sich um klassische Musik handelte. Obwohl ihre Antworten schon im Vorfeld bekannt waren, konnte es sich der Klassik-Fan nicht verkneifen, die Angestellte immer wieder zu fragen, ob sie ihn nicht begleiten möchte. Fischers Blick fiel auf die Akte.

Wo war ich gleich wieder, fragte er sich im Stillen und blätterte zur gesuchten Stelle.

Die ersten beiden Felder des nächsten Formblattes waren nicht beschrieben. Es folgte die Spalte, in der ein angeblicher Arbeitgeber eingetragen war. Fischer las den Eintrag zweimal hintereinander. Er wurde stutzig. Irgendetwas war im Hinterstübchen seines Gehirns geweckt worden. Es rumpelte, konnte aber nicht zugeordnet werden.

„Helga, sag mal, hatten wir neulich nicht schon mal einen Fall, in dem das Weingut Aberle auftauchte?“

„Keine Ahnung“, tönte es durch die offenstehende Verbindungstür. „Das letzte Mal, als ich mit Aberle zu tun hatte, war Fasching. Da habe ich zwei Flaschen Silvaner getrunken, war dicht ohne Ende und weiß heute noch nicht, wer mich nach Hause gebracht hat.“

„So genau wollte ich es gar nicht wissen.“

„Hast du schon die neue Suchmaske ausprobiert?“

„Welche neue Suchmaske?“

Lachen. „Ich frage mich, was ihr macht, wenn ihr auf Lehrgang seid.“

„Bestimmt keine Suchmasken ausfüllen.“

Die Sekretärin druckte den Bericht für die Staatsanwaltschaft aus. Ging zum Drucker, holte den Stapel Papiere und blieb kurz im Türrahmen stehen. „Ich meine das neue CC-Programm. Wie heißt es doch gleich wieder?“, grübelte sie ein paar Sekunden. „Ach ja, Connect-Case-Programm. Muss ja heutzutage alles in Englisch sein, sonst ist es nicht cool.“

Fischer hob den Kopf. „Kenne ich nicht.“

„Kennst du schon“, widersprach sie. „Es wurde uns schon vorgestellt. Das Programm befindet sich immer noch im Probelauf und es sind noch nicht alle Fälle eingestellt, aber die Datenbank ist schon enorm groß. Es wird alles erfasst, was möglich ist. Bei Recherchen werden sämtliche Parallelen angezeigt. Du kannst zum Beispiel nach bestimmten Tätowierungen suchen. Man gibt meinetwegen Suchworte, wie Blume oder Anker ein und zack, der PC spuckt dir alle Fälle von Personen aus, die mit einer Blume oder einem Anker tätowiert sind.“

„Ich habe aber nichts von einem Tattoo gelesen.“

„Typisch Beamter. Geistig vollkommen unbeweglich. Wozu auch? Das Gehalt kommt pünktlich“, gluckste die Angestellte über ihren Gag.

Fischer reagierte mit einem nachgeahmten Lachen. „Ha, ha. Wie witzig.“

Helga überging die Antwort und erklärte weiter. „Man kann ebenso Haarfarbe, Automarken, Uhrenmarken, aber auch Arbeitgeber und andere Dinge eingeben. Je mehr Kleinigkeiten von einer Person erfasst sind, umso mehr Informationen werden bei etwaigen Suchanfragen ausgespuckt.“

„Von dem Programm habe ich echt noch nie etwas gehört“, redete sich der Hauptkommissar heraus.

„Quatsch! Du hast dich letztes Mal nur vor dem Unterricht gedrückt. Unser PC-Guru hat es doch ganz stolz vorgestellt.“

„Da musste ich zum Zahnarzt.“

„Und danach hast du es geflissentlich unbeachtet links liegen lassen, weil es neu ist und mit einem Computer zu tun hat. Gib es doch zu! Das sind zwei Komponenten, die im Leben eines Peter Fischer nur schwer zu integrieren sind.“

Fischer druckste ein wenig herum. Die Sekretärin wurde konkreter. „Peter, ich warte auf dein Angebot.“

„Was meinst du damit?“

„Ich zeige dir das Programm und wie man Eingaben macht und du lädst mich dafür heute nach Dienst zum Italiener ein.“

„Den Italiener muss ich streichen. Heute ist Probe beim Polizeichor, aber ich gehe rüber zum Konditor und spendiere dir eine leckere Sahnetorte.“

„Einverstanden. Schwarzwälder-Kirsch oder Nuss-Sahne.“

Der Kripobeamte strahlte. „Also, wo finde das Ding?“

„Erst die Torte. Ich kenne dich. Wenn du erst mal am PC sitzt, kommst du so schnell nicht mehr davon weg.“

Fischer rollte mit dem Bürostuhl nach hinten und stand auf. „Das ist Erpressung“, schmunzelte er. „Ich hoffe, du kümmerst dich zwischenzeitlich um frischen Kaffee.“

Eine halbe Stunde später befanden sich nur noch Brösel auf den Kuchentellern. Genüsslich schluckte Helga den letzten Bissen ihrer Torte hinunter. „Die besten Torten der ganzen Stadt“, schwärmte sie.

Fischer nahm einen Schluck Kaffee, stellte die Tasse ab und kratzte mit der Gabel die letzten Krümel zusammen. „Mmmh, lecker. Aber bei den Preisen kann man das wohl auch erwarten.“

Sie zeigte auf den Bildschirm. „Los geht’s!“

Der Hauptkommissar konzentrierte sich. Die Anmeldung im System war kein Problem. Allerdings blieb die Maske beim ersten Klick auf das Return-Feld hängen.

„Noch einmal bestätigen, dann kannst du loslegen.“

Eine Suchmaske öffnete sich. „Wo kann ich den Zeitkorridor eingeben?“

„Anfangs noch gar nicht. Den gibst du erst ein, sobald Ergebnisse auftauchen. Damit kannst du die Trefferquote einschränken.“

„Hier auf der Grundseite muss ich demzufolge lediglich meine Suchwörter eintippen, sonst nichts?“

„Jep!“

Fischer verzog das Gesicht. „Jetzt fängst du auch schon damit an.“

„Ein bisschen moderner Zeitgeist würde dir auch nicht schaden, du Grufti.“

„Komm, machen wir weiter, du Ulknudel.“

Helga blickte über die Schulter des Ermittlers. „Damit die Datensätze nicht überhandnehmen, also pro Anfrage zehntausend Treffer oder mehr ausspucken, sind die Filter für die einzelnen Kommissariate voreingestellt. In unserem Fall auf Vermisstenfälle, gekoppelt mit Schwerkriminalität. Alles andere wird ausgeblendet.“

„Ist wirklich kinderleicht.“ Fischer tippte Weingut Aberle ein und drückte auf Enter. Ein grüner Balken lief am oberen Bildschirmrand entlang. Als er das Ende eines grau hinterlegten Kastens erreichte, öffneten sich drei weiter Felder, die farblich markiert blinkten.

„Ich glaube es ja nicht. Drei Treffer. Sie werden in Ampelfarben aufgezeigt.“

Die Sekretärin staunte ebenfalls. Sie putzte die Gläser ihrer Brille, setzte die Sehhilfe wieder auf und starrte auf den Bildschirm. „Der obere Fall ist deiner. Das ist unser Aktenzeichen. Die untere Sache ist keine Vermissung, sondern ein Querverweis auf ein anderes Delikt. Beim mittleren Fall scheint es sich um eine unbekannte Leiche zu handeln.“

„Wie? Was heißt hier unser Fall? Woher weiß dieses Programm das schon wieder? Wir haben noch gar nichts eingestellt.“

Der Hauptkommissar stockte, neigte den Kopf zur Seite und sah die Sekretärin an. „Oder hast duhuu?“, kam es fragend, wobei das du sehr lang gezogen ausgesprochen wurde.

Helga schüttelte den Kopf. „Nein! Das passiert ganz automatisch. Mit dem neuen Anzeigenprogramm werden Schlagwörter gesetzt. Das Probe-Modul des Programms ist auch nicht für alles freigeschaltet. Es läuft erstrangig probeweise für Vermisstensachen, findet ferner aber auch schon bei Gewalt- und Sexualdelikten Verwendung.“

„Was es nicht alles gibt?“, staunte Fischer und wendete sich wieder dem Bildschirm zu. „Woher weiß ich, was zu welchem Fall gehört? Worauf muss so ein Computer-Depp wie ich achten?“

„Schau auf die Farben! Grün steht für Vermissung. Rot ist ein Gewaltdelikt. Gelb sind unbekannte Leichen. Schau her …“, erklärte die Sekretärin und deutete auf ein angezeigtes Kästchen, „… einer der beiden Querverweise leuchtet rot und der mittlere Fall leuchtet gelb. Klicke einen der Hinweise an, dann erscheinen die jeweiligen Grunddaten auf dem Bildschirm.“

Fischer war begeistert. „Diese Blechkästen sind ziemlich schlau. Früher mussten wir dafür tagelang Akten wälzen.“

„Früher hattet ihr auch noch Telefone mit Wählscheiben, im Fernsehen gab es drei Programme in Schwarz-Weiß und die Welt war in West und Ost aufgeteilt, was gleichzusetzen war mit Gut und Böse.“

„Ja, so war es. Und es war eine bessere Zeit.“

„Vergiss es, Peter. Die Welt war schon immer schlecht. Das habe ich bereits feststellen müssen, als ich vor zehn Jahren hier bei der Kripo angefangen habe. Außerdem zappe ich gern zwischen den rund 100 Fernsehsendern herum, die ich zu Hause empfange. Bei nur drei Programmen würde ich sterben. Von einer Wählscheibe brauchen wir gar nicht erst zu sprechen. Bei den vielen Telefonaten, die ich täglich führe, hätte ich bei Wählscheiben schon längst Hornhaut an den Fingerkuppen.“

Diesmal lachte der Hauptkommissar. „Schon gut“, meinte er, „komm wieder zur Sache.“

Sie griff zur PC-Maus. Der Pfeil wanderte über den Bildschirm und blieb an einem Button hängen. Helga klickte einmal auf die linke Maus-Taste. Ein neues Fenster öffnete sich.

„Unbekannte Wasserleiche“, flüsterte Fischer, las den Text und betrachtete die eingestellten Fotos.

„Ekelhaft“, stieß Helga angewidert aus und ging wieder zurück an ihren Arbeitsplatz. „Ab hier musst du allein zurechtkommen.“

Fischer hörte die Worte nicht. Der Kriminalpolizist hatte sich in die online-Akten vertieft. „Gefunden in der Staustufe Goßmannsdorf“, sagte Fischer und schnappte sich einen Bleistift. Er notierte wichtige Details, um sie anschließend mit der vorliegenden Vermisstenanzeige abzugleichen. Eine halbe Stunde später stand er vor Helgas Schreibtisch. „Wasserleichen geben spurentechnisch nicht viel her, aber ich bin sicher, dass es unser Vermisster ist. Es könnte tatsächlich Ioan Agulescu sein. Glaubst du, die Eltern wären mit einem DNA-Test einverstanden?“

„Woher soll ich das wissen? Ruf doch die Kollegin an, die den Fall aufgenommen hat.“

„Das wäre mein nächster Gedanke gewesen.“

Helga lächelte. „Manchmal komme ich mir vor wie Miss Marple. Ich löse die schwierigsten Fälle und ihr steckt die Lorbeeren dafür ein.“

„Dann weißt du sicher auch die Nebenstelle der Kollegin auswendig, die die Anzeige erstellt hat.“

„Ist ja wirklich nicht schwer. Die Wache der Inspektion hat die Nebenstelle 2105.“