Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Realität oder Fantasie? Für Luna und Lara stellt sich diese Frage nicht, als ein kleiner, unscheinbarer Spiegel in ihrer frühen Kindheit dafür sorgt, dass sich ihre Wege kreuzen. Ein Spiegel mit besonderen Fähigkeiten. Ein Spiegel, der beiden Kindern viele heimliche, aber vergnügliche Stunden beschert. Es entwickelt sich ein ungewöhnlich enges Freundschaftsband, das die Grenzen der Realität zu sprengen scheint. Aber die Magie ihrer Freundschaft zieht sich auf dem Weg zum Erwachsenwerden zurück. Doch obwohl sich die beiden Mädchen aus den Augen verlieren, verschwinden sie nicht völlig aus den Gedanken. Beide Leben entwickeln sich in komplett entgegengesetzte Richtungen. Lara wächst auf der Sonnenseite des Lebens auf, während Lunas Schicksal mit unzähligen Entbehrungen, Gewalt und Einsamkeit gepflastert ist. Die verheerende Folge dieses schwierigen Lebens gipfelt in jenem schicksalshaften Tag als Luna sich selbst und ihre Träume endgültig aufgibt. Und genau an diesem Abgrund ihres Lebens kehrt etwas zurück, dass sie schon lange aus ihrem Herzen verbannt hat. Die Magie ihrer Kindheit. Plötzlich findet sie sich an einem Ort wieder, der ihr fremd und doch so vertraut ist. Und dort trifft sie auf ihre längst vergessene Freundin Lara. Zwanzig Jahre später stehen sich die beiden Frauen plötzlich wieder gegenüber. Erstaunliche Parallelen verblüffen und erschrecken sie zugleich und sie stellen fest, dass ihr Aufeinandertreffen keinesfalls Zufall ist. Die alte Magie des Spiegels zwingt sie, jeweils über das Leben der anderen zu entscheiden. Mit einer unerwarteten Erkenntnis!
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 640
Veröffentlichungsjahr: 2025
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Niemand wird dich lieben können, wenn du dich selbst nicht lieben kannst… nur wenn du dich selbst ohne Vorbehalte liebst, kannst du die Liebe eines anderen annehmen.
(Lionella 2015)
Vorwort
1994 Lara und Luna
Luna 1995
Zur gleichen Zeit…
Lara
Luna 1996
Zur gleichen Zeit… Lara
Luna 1998
Zur gleichen Zeit… Lara
Luna 2001
Zur gleichen Zeit… Lara
2004 Luna
Zur gleichen Zeit… Lara
2008 Luna
Zur gleichen Zeit Lara
2012 Luna
Zur gleichen Zeit Lara
2015 Luna
Zur gleichen Zeit… Lara
Noch immer Ende 2015 Luna
Noch immer Ende 2015 Lara
Luna
Lara
Luna
Luna und Lara
Lara
Luna
01.01.2016 Lara
01.01.2016 Luna
Januar 2016 Lara
Januar 2016 Luna
Lara
Luna
Lara
Luna
Lara
Das Ende
Epilog
Luna
Lara
Spiegel! Substantiv, maskulin!
Gegenstand aus Glas oder Metall!
Für die einen ist es lediglich ein kosmetisches Utensil, um zu kontrollieren, ob in unserem Gesicht alles noch am rechten Platz sitzt. Hier zupfen wir uns die Augenbrauen in Form, ziehen Lippen nach, tuschen Wimpern, pudern glänzende Hautpartien an Stirn und Kinn großzügig ab, stutzen vorwitzige Nasenhaare oder machen kleinen Mitessern mit Fingernägeln und Taschentuch den Garaus.
Spiegel gibt es in vielen verschiedenen Größen, Formen, künstlerisch gerahmt oder auch ohne Rahmen.
Mit Fuß oder ohne Fuß. Angefangen vom kleinen, niedlichen pinkfarbenen Taschenspiegel, über den klobigen Flurspiegel mit dem breiten Holzrahmen, dessen Kanten man immer vergisst abzustauben, bis hin, zum ausladenden Spiegelschrank dessen Schiebetüren den ganzen Raum metallisch reflektieren und der nun wirklich absolut nichts mehr vor unserem kritischen Argusauge verbirgt. Spiegel gehören zu unserem Leben, wie die Butter aufs Brot und ihre Anwesenheit wird meist erst bemerkt, wenn man sie streifenfrei reinigen muss …im Badezimmer, im Flur oder im Schlafzimmer.
Spiegel sind harmlose Einrichtungsgegenstände, die uns unaufgefordert ihre Dienste zur Verfügung stellen, um uns daran zu erinnern, dass wir den Kragen richtig zupfen und die Haare kämmen, bevor wir uns selber auf die Menschheit loslassen.
Doch was wäre, wenn Spiegel mehr wären? Wenn man in ihnen mehr erkennen könnte, als es scheint? Wenn sie eine Art Tor wären? Wohin? Keine Ahnung! Aber ist es dir nicht schon einmal passiert, dass du an deinem Spiegel vorbeigehastet bist, tief in Gedanken versunken und plötzlich den Eindruck hattest, als ob du gerade, in dieser winzigen Millisekunde, in der silbrig glänzenden Oberfläche, aus den Augenwinkeln etwas anderes gesehen haben willst? Vielleicht bist du dann verdutzt einen Schritt zurückgetreten und hast in den Spiegel hineingeschaut, doch alles was du dann sehen konntest, war dein eigenes, fragend dreinblickendes Gesicht. Oder möglicherweise vermeidest du den eingehenden Blick (un)bewusst, weil du befürchtest, etwas anderes darin sehen zu können? Wie dem auch sei…auf mich wirken Spiegel manchmal wie Augen. Geheimnisvolle Augen! Sagt man nicht auch, die Augen sind der Spiegel der Seele? Kann es dann nicht auch umgekehrt sein? Liegt es dann nicht im Bereich des Möglichen, dass Spiegel so etwas Ähnliches wie Augen sein können? Augen, die irgendwo hineinblicken…oder heraus…
Ist ein Spiegel also WIRKLICH nur ein Spiegel?
Diese Geschichte wird uns sicher keine Klarheit schenken, aber sie wird uns möglicherweise kurz innehalten lassen, wenn wir unsere harmlosen Spiegel reinigen.
Als Luna und Lara in sehr jungen Jahren mit ihrem Spiegel-Spiel begannen, ahnten beide nicht, dass Fantasie nicht unbedingt Fantasie sein muss, eine Realität nicht unbedingt eine Realität sein muss…und dass dieser Spiegel mehr als nur ein einfacher Spiegel ist…
„Ich habe Durst. Du auch? Soll ich uns Orangensaft holen gehen? Oder willst du lieber Milch?“ Luna zuckte mit den Schultern und betrachtete weiterhin fasziniert die winzige Ballerina in ihrer Handfläche. An der Unterseite befanden sich statt der Füße, feine Borsten, die sich ganz weich anfühlten, wenn man mit dem Daumen darüberstrich. Laras Frage störte Luna etwas in ihrer Konzentration, doch sie wusste, ihre Freundin meinte es nur gut. Deswegen nickte sie dann doch, worauf das Mädchen sich sofort erhob, um in der Küche zwei Gläser mit Saft zu holen. Lara war froh, dass ihre Mutter noch arbeiten war. Ihr Bruder Bertram lag noch im Bett und schlief. Deswegen hatte er nicht mitbekommen, als Luna zu Besuch kam und das war auch gut so, denn Lara wusste nicht, ob ihre Mutter oder ihr Bruder damit einverstanden wären, dass Luna hier war. Luna war wie immer völlig überraschend aufgetaucht. Aber Lara hatte sich, ebenfalls wie immer, gefreut. Immerhin musste sie nun nicht alleine spielen. Denn das war langweilig.
Vorsichtig balancierte sie die beiden halbvollen Gläser in ihr Zimmer und drückte sachte mit ihrem Fuß die Tür hinter sich zu. Luna kniete auf dem Boden und beugte sich gerade über das Spiel, was Lara die Möglichkeit gab, ihre Freundin nun von hinten zu betrachten. Sofort fielen ihr die Löcher in den Socken auf, die fast die halbe Ferse entblößten.
Das sah irgendwie lustig aus und Lara musste ein Kichern unterdrücken, obwohl sie wusste, dass Löcher in den Strümpfen alles andere als witzig waren. Löcher in den Strümpfen hatten nur arme Leute. Leute, die kein Geld hatten, sich neue Strümpfe zu kaufen.
Das aufsteigende Kichern erstarb. Langsam ging sie rüber zu ihrem Nachtschränkchen und stellte dort die beiden Gläser ab, „Ich stelle den Saft hierhin. Auf dem Boden könnten sie umkippen.“
Luna schreckte aus ihrer Betrachtung hoch und sah die hellorangefarbene Flüssigkeit in den Gläsern. Sofort lief ihr das Wasser im Mund zusammen.
Leckerer Orangensaft! Hmmm!
Doch um nicht gierig zu wirken, rappelte sie sich betont langsam hoch und schlenderte wie beiläufig zum Nachtschränkchen. Dort griff sie sich ein Glas und führte es an die Lippen. Der erste Schluck schmeckte, wie erwartet, erst säuerlich, dann aber süß. Doch vor allem schmeckte er nach mehr. Sie hob das Glas an und in einem Rutsch verschwand der Saft in ihrem Bauch.
Lara musste nun doch kichern, denn es gluckerte leise, als die Flüssigkeit Lunas Kehle herabrann. Als Luna das leere Glas zurückstellte, leckte sie sich genüsslich die Lippen und kicherte ebenfalls. Dann kehrte sie zu ihrem Platz zurück, sank wieder auf die Knie und nahm erneut die kleine Figur in die Hand, „Ich weiß nicht, wie man das spielt!“ Lara winkte lässig ab, „Ist nicht schwer. Du würfelst und ziehst mit der Ballerina vor. Kommst du auf das Feld mit den vielen Bilder-Ballerinas, dann müssen wir alle vier oben auf die Tanzfläche stellen.
Dann drücke ich auf den Kopf des Mannes und schon fangen alle an zu tanzen. Und die, die sich am Schluss bei dem Mann eingehackt hat, bekommt ein Blümchen. Wenn du alle vier Blümchen deiner Farbe hast, dann hast du gewonnen. Ganz einfach!“ Luna betrachtete sich nun den winzigen Mann in der Mitte des Spieles, der auf einem dünnen Spieß steckte und drückte neugierig seinen Kopf nach unten. Sofort erklang eine laute, aber ziemlich blecherne Walzermusik und der Mann, dessen Arme leicht angewinkelt vom Oberkörper abstanden, begann, sich langsam zu drehen. Noch einmal betrachtete sich Luna den feinen Pinsel auf der Unterseite des Kleides der Ballerina, „Und wie tanzen die?“ Lara grinste, nahm Luna die Ballerina mit dem hellblauen Kleid aus der Hand und stellte sie auf die glänzende Tanzfläche. Augenblicklich vollführte sie auf der vibrierenden Unterlage einige lustige Pirouetten und verfing sich nach einer halben Umrundung, mit ihrem ausgestreckten Arm, in dem angewinkelten Arm des Mannes. Nun sah es tatsächlich aus, als ob die beiden tanzten. Lunas aufgerissene Augen leuchteten und sie klatschte begeistert in die Hände, „Och, wie schööön.
Guck mal…!“
Auch Laras Augen glänzten vor lauter Freude. Sie liebte dieses Spiel, dass eigentlich mit vier Personen gespielt werden sollte, dass man zur Not aber auch zu zweit spielen konnte. Nur alleine machte es keinen Spaß.
Da die tanzenden Figuren so schön aussahen, wurden die recht einfachen Spielregeln von den beiden Mädchen großzügig gedehnt, so dass sie so oft wie möglich die Musik und die Tanzfläche nutzen konnten. Sie waren so in das Spiel vertieft, dass sie die Schritte vor Laras Zimmertür nicht hörten. Erst als die Tür aufgerissen wurde, schraken sie beide zusammen und blickten erschrocken hoch.
Im Spalt zwischen Türrahmen und Türblatt lugte Bertrams verwuschelter Kopf herein. Seine noch schläfrig blickenden Augen taxierten das pinkfarbene Spiel auf dem Boden. Sofort verzog sich sein Gesicht, als ob er Zahnschmerzen hätte, „Oje, ich will ja nicht meckern, aber hoffentlich geben die Batterien bald den Geist auf.
Das Gedudel klingt ja schlimmer wie `ne Horde heulender Kojoten!“ Lara grinste unsicher.
Was würde Bertie zu Luna sagen? Doch Bertram schien über die Anwesenheit des zweiten Mädchens nicht verwundert. Vielleicht hatte er sie aber auch nicht bemerkt oder er dachte es wäre Yvonne, das Nachbarkind von oben? Für ihn sahen alle kleinen Mädchen gleich aus.
Aber am wahrscheinlichsten war wohl, dass er sich noch in der Zwischenwelt zwischen Wach und Schlaf befand.
Auf jeden Fall wurde die Tür wieder etwas beigezogen und den Geräuschen nach, verschwand Laras Bruder im Badezimmer.
Luna schaute fragend zu ihrer Freundin, die kichernd die Hand vor den Mund hielt, „Bestimmt pupst er jetzt ganz laut! Das macht er immer!“
Wie auf Kommando erklang ein dumpfes, kurzes Brummen. Die Mädchen schauten sich kurz in die Augen und fingen gleichzeitig an, lauthals zu lachen.
Erleichtert seufzte Lara und wand sich wieder Luna zu, die sich erneut die kleine Ballerina geschnappt hatte und nun mit dem feinen Pinsel an der Unterseite des Kleides sachte über ihre Wangen fuhr, „Wann musst du eigentlich wieder zurück?“ Lunas Miene verdüsterte sich schlagartig und sie zuckte lahm mit den Schultern, „Weiß nicht!“ Lara hatte Lunas umgeschlagene Laune sehr wohl mitbekommen und fragte sich insgeheim, warum ihre Freundin bei der Erwähnung ihres Zuhauses so geknickt wirkte. Um sie etwas aufzuheitern, bot sie Luna großzügig an, „Willst du vielleicht mal ein Prinzessinnen-Kleid anziehen?“ Luna richtete sich überrascht auf, „Du hast ein Prinzessinnen-Kleid? Echt? Kann ich mal sehen?“ Sofort rappelte Lara sich auf, ging an ihren Kleiderschrank und zog dort ihr letztes Faschingskostüm heraus. Es war aus rosa Tüll und der lange Rock wurde von einer glitzernden Lage Stoff überzogen. Das Oberteil bestand aus, weißen und rosafarbenen Stoffblüten, die an den Rändern allerdings schon etwas ausgefranst waren.
Sie hatte aber auch auf dem letzten Kinderkarneval ganz dolle damit getanzt.
Da durfte es schon ein bisschen mitgenommen aussehen, fand sie. Aber trotz der offensichtlichen Blessuren sah das Kleid noch wunderschön aus. Lunas Augen quollen fast aus den Höhlen und sie japste beeindruckt nach Luft.
Dann hauchte sie ehrfürchtig, „Boah…das ist ja schön! Und DAS gehört dir?“ Luna hatte noch nie ein solch schönes Kleid gesehen und schon gar nicht besessen. Für Karnevalskostüme hatte ihre Mutter kein Geld. Und ehrlich gesagt, war sie auch noch nie auf einem Umzug gewesen, denn alleine durfte sie nicht gehen. Aber diese Tatsache verschwieg sie lieber.
Sie schämte sich sogar ein bisschen.
Doch das Kostüm fand sie wirklich herrlich und Lara hatte ihr angeboten, das Kleid einmal anzuziehen. Dieses Angebot ließ sich Luna natürlich nicht durch die Lappen gehen. Eilig strippte sie sich aus dem ausgeleierten Shirt und ließ sich von Lara den kühlen Satin über den Kopf stülpen. Der raschelnde Stoff glitt hinab und beendete seinen Fall kurz über dem Knöchel. Im Spiegel des Kleiderschrankes konnte sie sich nun bewundern.
Fast wäre sie dabei in Tränen ausgebrochen, so hübsch fand sie sich in dem Kleid.
Lara hatte ja solches Glück, fand Luna.
Langsam drehte sie sich und vollführte mit erhobenen Armen eine elegante Pirouette. Lara klatschte in die Hände, „Du siehst ja sooo schön aus, Luna…und guck mal, wie der Stoff im Licht funkelt. Du siehst aus wie das Aschenputtel auf dem Ball.“
Eine harmlose und nett gemeinte Bemerkung, die jedoch ihr Ziel verfehlte. Lunas Arme sackten nach unten und sie ließ ihr Spiegelbild auf sich wirken.
Aschenputtel! Damit hatte ihre Freundin gar nicht so unrecht.
Luna trat etwas näher an den Spiegel heran und befingerte dabei schon fast ehrfürchtig, die leicht zerdrückten Blüten am Oberteil. Entweder bemerkte Lara den Stimmungsumschwung nicht oder sie überspielte ihn einfach mit ihrer Euphorie, „Ich habe auch noch die passenden Schuhe und das Krönchen dazu. Warte…die liegen hier unten!“ Mit Eifer kniete sie sich vor den Schrank und wühlte im unteren Teil herum. Dabei musste sie fast zur Hälfte hineinkrabbeln. Doch nach ein paar Sekunden schob sich ihr Hinterteil wieder rückwärts in den Raum hinein und sie hielt triumphierend ein paar weiße Lack-Ballerina und ein glitzerndes, leicht verbogenes Krönchen in der Hand.
„Probier‘ mal, ob sie passen!“ Und schon schnappte sie sich Lunas bestrumpften Fuß und schob ihn in den rechten Schuh. Ohne zu ruckeln, glitt der Fuß hinein. Lara grinste ihre Freundin von unten herauf schelmisch an, „Passt wie angegossen!“ Schnell verfrachtete sie auch Lunas linken Fuß im Schuh und pfriemelte die schmalen Riemchen zu. Als sie damit fertig war, erhob sie sich, bog eine Zacke der Krone zurecht, setzte Luna das Krönchen auf das leicht verstrubbelte, blonde Haar und zog vorsichtig das Haltegummi unter Lunas Kinn.
Dann trat sie einen Schritt zurück, legte ihren Zeigefinger an die Unterlippe und betrachtete sich ihr Werk.
So machte ihre Mutter es auch immer, wenn sie Lara etwas Neues zum Anziehen kaufte.
Offensichtlich war sie zufrieden mit dem was sie sah, denn ihr Mund verbreiterte sich zu einem zustimmenden Grinsen und sie zeigte auf den Spiegel, „Da, schau…als ob es deines wäre!“ Luna hob vorsichtig den Kopf. Der Anblick verschlug ihr schier den Atem. Ihr blickte ein wunderschönes Mädchen entgegen, dessen Wangen vor Aufregung rot leuchteten. Vergessen war ihr schäbiges Zimmer, vergessen ihre zerschlissene Garderobe, vergessen die nach Zigaretten stinkende Wohnung, vergessen ihr lauter Bruder und auch ihre Mutter rückte weit in den Hintergrund. Sogar Lara, ihre Freundin verschwand aus ihren Gedanken. In diesem einen Augenblick gab es nur sie und ihr Spiegelbild.
Doch ausgerechnet Lara zerstörte diesen Augenblick, indem sie in die Hände klatschte und sich seufzend neben Luna stellte, „Ich muss es aber wieder in den Schrank hängen. Mama sagt, dass man Kostüme nur an Fasching anzieht.“
Mit leichtem Bedauern schaute sie in Lunas Gesicht. Doch Luna wollte das Kleid plötzlich überhaupt nicht mehr anhaben. Etwas grob riss sie es sich über den Kopf und hielt es Lara stumm entgegen. So schön das Kostüm auch war, es zeigte ihr nicht nur ein hübsches Mädchen im Spiegel, sondern es rieb ihr auch unsanft ihr eigenes karges Leben unter die Nase. SIE würde niemals solch ein hübsches Teil besitzen. IHRE Mutter würde NIE mit ihr zum Karneval gehen. Und sie würde auch nie solch ein schönes Zimmer wie Lara haben.
Neid wallte in ihr hoch und sie trotzte mit verschränkten Armen, „So toll ist es auch wieder nicht. Es kratzt am Hals und die Blumen sind völlig ausgefranst…außerdem wirst du beim nächsten Fasching zu dick sein, um noch hineinzupassen!“ Lara stockte mitten in der Bewegung und ihre Mundwinkel zogen sich traurig nach unten, doch sie erwiderte nichts. Als Luna sah, was ihre harten Worte angerichtet hatten, tat es ihr schon wieder leid.
Sie hatte Lara ja gar nicht so anfahren wollen.
Ihre Freundin konnte schließlich nichts dafür, dass SIE, oder besser, IHRE MUTTER Jenny, kein Geld für solch unnützen Kram hatten. Jetzt hatte sie Lara das wunderschöne Kleid madig gemacht und ihre Freundin war traurig. Lunas Schulbewusstsein nagte tief und sie senkte beschämt den Kopf, „Aber bestimmt bekommst du ein anderes Kleid…ein noch viel Schöneres, als dieses hier. Vielleicht kauft dir deine Mutter ja ein goldenes Kleid mit vielen Glitzersteinen und vielleicht auch noch ein Pelzumhang, wie bei einer Königin!“ Sachte fuhr sie mit ihren Fingerspitzen über Laras Unterarm, „Bestimmt siehst du dann wie die größte Herrscherin aller Zeiten aus!“ Laras Kopf erhob sich. Man konnte ihr förmlich ansehen, wie sie Lunas Worte schon geistig in die Tat umsetzte und ihr Gesicht erhellte sich schlagartig, „Ach, du hast ja Recht. Die Blumen sehen wirklich schon ziemlich zerrupft aus. Komm, wir hängen es weg und spielen etwas anderes!“
Sofort nickte Luna. Sie war froh, dass ihre Freundin nicht böse war. Als das Kleid sich wieder zwischen Winterjacken und Strickpullovern verkrochen hatte, vertieften sie sich in Laras Memory-Karten und vergaßen fast die Zeit. Erst als Bertram an die angelehnte Tür klopfte, zuckten sie zusammen.
„Ich gehe zu Martin! Die Mama kommt gleich heim.
Mach keinen Quatsch! Hörst du!“ Lara sprang auf, lief zur Tür und zog sie einen Spalt weiter auf, „Ich mach schon keinen Quatsch, Bertie.
Versprochen. Ich sage Mama Bescheid wo du bist.“
Bertram grinste, strubbelte ihr noch liebevoll durchs Haar und im nächsten Augenblick klackte es leise, als er die Haustür hinter sich zuzog. Auch Lara schloss die Tür.
Mit einem bedauernden Blick schaute sie sich um,
„Meine Mama kommt gleich. Hilfst du mir noch beim Aufräumen, Luna?“
Sofort strich Luna die Karten zusammen und verstaute sie im dazugehörigen Karton, „Komm, wir beeilen uns…ich muss ja auch nach Hause!“
Als Julia, Laras Mutter, fünf Minuten später die Tür aufschloss und mit vollen Einkaufstaschen die Diele betrat, war Luna schon fort und Lara saß mit ihrem wunderschönen Handspiegel auf dem Bett und blickte ihrer Mutter unschuldig lächelnd entgegen…
„Leg endlich den bescheuerten Spiegel weg und räum deine verdammte Bude auf. Hier sieht es aus, als ob eine Bombe eingeschlagen hätte. Und wenn du hier fertig bist, mach dass du in die Küche kommst. Der Abwasch macht sich nicht von alleine und den Müll kannst du auch gleich rausbringen. Der stinkt ja schon bis zum Himmel! Herrje…muss man dir immer alles dreimal sagen, verdammtes Gör?“
Rums!
Die Tür wurde laut zugeschlagen und ließ ein kleines, sechsjähriges Mädchen zurück, das mit großen, ängstlichen Augen das soeben erlebte Donnerwetter versuchte zu verdauen.
Luna biss sich unschlüssig auf die Unterlippe und betrachtete den kleinen Puppen-Handspiegel in ihrer Hand. Es war ein hübsches Teil, wenn auch aus billigem Plastik. Pink mit goldenem Rand und einem verschnörkelten Griff, an dem allerdings schon eine Ecke abgebrochen war. Dennoch war es eines ihrer schönsten Dinge, die sie ihr Eigen nannte.
Ihre kindlichen Kulleraugen blickten sich traurig in ihrem Zimmer um. Ein Zimmer, dass nur zur Hälfte ihr war.
Die andere Hälfte fungierte als eine Art Abstellplatz für alles Mögliche. Körbe mit Schmutzwäsche, die dumpf vor sich hin muffelten, ein altersschwaches Bügelbrett, zwei kaputte Computermonitore, einen Plastikstuhl mit drei Beinen (der vierte war abgebrochen und wahrscheinlich schon im Müll) beanspruchten die andere Hälfte des Zimmers. All diese hässlichen Dinge, leisteten ihr ungewollt Gesellschaft. Dazu gesellten sich noch ein paar ramponierte Kartons, dessen Inhalte sich aber ihrem Blick entzogen, da sie mit Paketband zugeklebt waren.
Luna seufzte leise und rappelte sich auf. Sie sollte sich besser beeilen und den Anweisungen schleunigst folgen, bevor dem ersten Donnerwetter noch ein zweites folgte.
Zusammen mit dem eben erfolgten, groben Anschiss, war auch eine herb saure Bierfahne zu ihr herüber geweht, die ihr deutlich machte, dass man heute lieber mit ihrer Mutter nicht diskutieren, geschweige denn, Spaßen sollte.
Aus dem Nebenzimmer wummerte laute Heavy-Metall-Musik. Die harten Beats verteilten sich in der ganzen Wohnung, wenn nicht sogar im ganzen Haus.
Luna wusste, dass der alte Mann von unten, bald energisch mit seinem Besenstiel gegen die Decke pochen würde. Doch das würde ihrem großen Bruder, Björn, wie immer, völlig schnuppe sein. Und ihre Mutter würde bestimmt wieder üble Schimpfwörter den Hausflur runter pöbeln, so lange, bis die Nachbarin von gegenüber mit ihrem kreischenden Baby erschien und wiederrum ihre Mutter anpöbelte.
Dabei mochte Luna den alten Herrn unter ihnen. Wenn sie mit dem Handbesen die Treppe vom dritten Stock hinunter fegte, klopfte sie auch immer seine Fußmatte aus und bekam dafür manchmal einen klebrigen Lutscher geschenkt.
Der alte Mann hatte sie auch schon auf einen Kakao reingebeten, doch das hatte sie dankend abgelehnt. Nicht weil sie Angst vor diesem Mann hatte, sondern, weil seine Wohnung nach Kohl und Pups roch. Aber hin und wieder gesellte er sich zu ihr in den Flur, beobachtete Luna bei ihrer Arbeit und erzählte von früheren Zeiten. Von Zeiten, als seine Frau noch lebte und ihre Kinder noch zu Besuch kamen. Heute kam keiner mehr vorbei.
Zumindest hatte Luna noch nie Besuch gesehen.
Der alte Mann tat ihr irgendwie leid, aber doch nicht so leid, dass sie sich freiwillig in seiner Pups-Wohnung auf seine Pups-Couch setzte und Pups-Kakao schlürfte.
Sie seufzte erneut und schaute sich in ihrem chaotischen Reich um. Sie würde ja gerne aufräumen…irgendwie, doch die Türen an ihrem Kleiderschrank waren herausgebrochen und zu allem Übel hatte sich zusätzlich die Halterung der Kleiderstange gelöst. Jetzt lagen die aufgehängten Kleider einfach am Boden des Schrankes zusammengeknüllt, zu einem wirren, bunten Haufen. In den drei Fächern daneben, waren blaue, prallgefüllte Müllsäcke gestopft, in denen sich Kleidung befand, die keiner mehr in diesem Haushalt trug.
Warum ihre Mutter die nicht in den Kleidercontainer warf, war Luna schleierhaft.
Das unterste Fach gehörte noch ihr. Hier gaben sich ihre Socken, Unterhosen und T-Shirts die Hand. Ihr Blick wanderte weiter in den Zwischenraum von Bett und Schrank.
Dort stapelten sich zwei Bananenkisten, in denen sich in der untersten, alte Bettwäsche befand und in der Oberen, ihre Spielsachen.
Luna raffte ihre beiden Puppen, samt kargem Zubehör, in die Arme und trug sie genau dorthin, in die oberste Kiste, wo sie einer altersschwachen Holzeisenbahn, einem unvollständigen Puzzle, einem zerfleddertem Malbuch und einer Handvoll abgenutzter Holzmalstifte Gesellschaft leisteten. Auch ihre beiden Puppen hatten schon bessere Tage gesehen, wie man an ihren verblassten Gesichtern ablesen konnte.
Ella, der rothaarigen Puppe, fehlte zudem noch ein Auge.
Trotzdem (oder gerade deswegen) war sie Lunas Lieblingspuppe. Das lange rote Haar ließ sich wunderbar zu Zöpfen flechten. Das tat Luna besonders gerne.
Seufzend blickte sie in die Kiste und drehte sich dann abrupt um. Auf dem Boden lag noch der Spiegel.
DEN wollte sie nicht in die Kiste verfrachten. DEN schob sie unter ihr Kopfkissen und setzte, sozusagen als Bewacher, ihren Stoffaffen Piet darauf.
Dann glättete sie, so gut es ihre kurzen Arme zuließen, ihre Bettdecke. Zufrieden begutachtete sie ihr Werk. Nun musste sie sich aber schleunigst dem schmutzigen Geschirr widmen, bevor ihre Mutter noch einen Tobsuchtsanfall bekam. Beim Hinausgehen glitten ihre Augen über den fleckigen, blauen Teppichboden, dem eine Staubsaugerkur bestimmt nichts schaden würde.
Doch der Staubsauger war kaputt. Wie so vieles in diesem Haushalt. Leider!
Ein weiterer betrübter Seufzer entwich ihren Lippen, dann schob sie sachte die Tür ihres Zimmers hinter sich zu und schlich auf bestrumpften Zehenspitzen in die Küche. Dabei passierte sie das Wohnzimmer. Ein kurzer Blick hinein, zeigte ihre Mutter, die in ausgebeulter Jogginghose und ausgeleiertem Shirt auf der alten Couch lümmelte, eine qualmende Kippe in der rechten und eine Flasche Bier in der linken Hand. Gerade schnaubte sie grunzend über eine komische Szene, die über die flimmernde Mattscheibe zu ihr rüber flirrte. Bestimmt wieder eine dieser dumpfen Comedy-Serien, die sie sich den ganzen Tag anschaute. Ihre Mutter Jenny arbeitete nicht. Warum, dass konnte Luna nicht sagen. Allerdings wusste sie, aus den lautstarken Schimpftiraden ihrer Mutter, dass Vater Staat ihr nicht genug Geld bezahlte.
Warum der Staat der Vater ihrer Mutter sein sollte, verstand Luna jedoch nicht und sie verstand auch nicht warum Herr Staat ihrer Mutter Geld geben soll. Für was? Fürs Rumlungern? Fernsehgucken? Oder schlafen? Aber Luna hütete sich, ihre Mutter zu fragen.
Die Antwort könnte aus einer saftigen Ohrfeige bestehen.
Dies wäre nicht die erste, die Luna im Laufe ihres noch kurzen Lebens bereits einkassiert hatte.
Als sie die Tür zur Küche aufschob, sackten ihre Schultern nach unten. Ein deprimierender Anblick empfing sie. Auf dem Herd stapelten sich Töpfe und Pfannen, deren Inhalt zum Teil schon so verkrustet war, dass sie wohl ziemlich übel mit ihren Fingernägeln kratzen musste.
Auf dem Küchentisch stapelte sich altes Toastbrot, überquellende Aschenbecher, leere Wurstverpackungen, halbleere Eisteeflaschen und so viel Krümel, dass man einen Schar Vögel bestimmt einen ganzen Tag damit durchfüttern könnte.
Sie schnappte sich ergeben einen wackligen Küchenstuhl, schob ihn laut scharrend über den hässlichen Linoleumboden und bugsierte ihn vor die Spüle. Dann kniete sie sich auf die Sitzfläche, räumte die dreckigen Gläser und Teller vorsichtig aus dem Spülbecken und achtete darauf, sich nicht an einem der scharfen Messer zu schneiden, die manchmal zwischen den Tellern lauerten. Luna wusste, es war kein Pflaster im Haus.
Diese Erfahrung hatte sie beim letzten Mal gemacht, als sie sich an einem kaputten Glas ziemlich böse den Handballen aufgeritzt hatte. ZWEI Taschentücher wurden von ihr vollgeblutet und obendrein hatte sie noch eine dämliche Bemerkung von Björn einkassiert.
Das würde ihr ganz sicher nicht noch einmal passieren.
Mitleid in dieser Familie zu erwarten, war hoffnungslos.
Als sie die verdreckten Teller neben der Spüle aufstapelt hatte, öffnete sie den Wasserhahn und gab etwas flüssige Handseife ins Wasser, dass langsam nach oben stieg.
Spülmittel war alle und niemand hatte neues besorgt. Der weißliche Schaum erreichte nach ein paar Minuten den oberen Rand. Schnell drehte sie den Wasserhahn wieder zu und machte sich an die Arbeit. Wie zu erwarten, musste sie am Schluss übelst an den Topfböden herumkratzen, um das eingetrocknete Essen zu lösen.
Doch nach einer Stunde war sie soweit, das saubere Geschirr in die Schränke zu verfrachten.
Ihre Augen wanderten anschließend über den Müllberg auf dem Tisch und dann zum Mülleimer, neben der Tür, der schon überquoll. Kleine, widerliche Mücken labten sich an den entsorgten Essenresten.
Luna kräuselte angewidert die Nase, als sie heftig an der Discountertüte zerrte, die als Müllbeutel diente.
Eine furchtbar stinkende Wolke nach verfaulten Lebensmitteln und Schimmel quoll ihr entgegen. Doch nach ein paar heftigen Rucken hatte sie die Tüte aus dem einengenden Gefängnis befreit, stopfte den Müll mit der Faust nach unten und begann den Tisch abzuräumen.
Eine halbe Stunde später standen zwei pralle Tüten an der Wand, die sie nach unten in den Müllcontainer bringen musste.
Es würde sonst kein anderer tun.
Luna schaute sich in der Küche um, die nun einen halbwegs passablen Eindruck machte. Zwar müsste der Boden auch mal aufgewischt werden, doch solange ihre Mutter das nicht von ihr verlangte, würde sie das auch nicht tun. Bewaffnet mit den beiden schweren Abfalltüten ging sie in den Flur, klemmte sich den Haustürschlüssel zwischen die Zähne und stampfte die Treppen nach unten. Als sie gerade die zweite Etage passierte, wurde plötzlich die dortige Haustür aufgerissen und der alte Mann glotzte böse heraus. Als er jedoch die kleine Luna erkannte, milderte sich sein Blick schlagartig, „Na, Kleine? Musst du wieder saubermachen?“
In seinen Augen konnte Luna Mitleid erkennen, was sie allerdings nicht verstand.
Warum sollte der alte Mann Mitleid mit ihr haben? Sie tat doch nur, was man ihr aufgetragen hatte, sonst nichts.
Umständlich fingerte sie mit der rechten, beladenen Hand das Schlüsselmäppchen aus dem Mund und lächelte ihn mit ihrer Zahnlücke an, „Hallo, Herr Hoffmann. Tut mir leid, dass Björn die Musik schon wieder so laut hat. Soll ich ihren Müll auch gerade mit runterbringen?“
Herr Hoffmann blickte zu den beiden prallen Tüten, die Lunas Arme fast bis zum Boden zogen und schüttelte den Kopf, „Das ist lieb gemeint…aber ich bringe ihn selbst runter…warte…ich kann ja mit dir zusammen gehen…dann muss ich mir wenigsten nicht diese grässliche Musik anhören!“
Und schon verschwand er in seiner, nach Kohl und Pups riechenden Wohnung. Luna wartete geduldig, bis er wieder mit einer kleinen, halbvollen Tüte erschien und dann gingen sie gemeinsam nach unten. Vor der Haustür stand der große Müllcontainer, indem alle Bewohner dieses Hauses ihren Müll versenkten. Da Luna ziemlich klein für ihr Alter war, kam sie nicht an den hohen Schiebedeckel ran. Normalerweise kletterte sie dann auf den Mauersims, der den Container einrahmte und am wegrollen hinderte, doch heute erledigte der alte Mann diese Aufgabe. Unaufgefordert nahm er Luna die beiden Mülltüten ab und warf sie mit Schwung in das Innere der großen Mülltonne. Dann lachte er auf sie hinab, „Musst du direkt wieder nach oben?“
Lunas Augen wanderten die Hausfront hoch, bis in den dritten Stock, wo aus einem gekippten Fenster gerade Geräusche drangen, als ob jemand mit einer laut kreischenden Motorsäge versuchen würde, dicke Metallstreben zu zerteilen. Es war Björns Fenster.
Sie schüttelte sich innerlich, ließ sich aber äußerlich nichts anmerken. Ihr Blick kroch zurück zu dem alten Mann, der sie noch immer freundlich lächelnd betrachtete.
„Nicht unbedingt. Die Küche habe ich schon sauber gemacht, so wie Mama gesagt hat.“
Sie bemerkte nicht, wie sich der Blick des alten Mannes verdüsterte und drehte sich gerade auf dem Absatz herum um wieder hineinzugehen, als Herr Hoffmann sie mit der Frage aufhielt, „Hast du Lust auf ein Eis? Wir könnten zum Kiosk um die Ecke spazieren…das ist ja nicht weit!“ Nachdenklich schaute Luna wieder hoch zum Fenster aus dem die laute Musik drang. Eigentlich hatte sie gar keine Lust wieder nach oben zu gehen. Dort hatte sie niemanden zum Reden und auch niemanden zum Spielen. Kurzentschlossen steckte sie den Haustürschlüssel in ihre Hosentasche und grinste Herrn Hoffmann an, „Kann ich auch ein Waffeleis haben?“ Der alte Mann nickte amüsiert und so verließen sie das rotgestrichene Haus im Fasanenweg 17.
Ein paar Minuten später trafen sie am Kiosk ein, wo Herr Hoffmann für sich selbst erst einmal eine Flasche Orangensaft kaufte und zwar den teuersten, den der Kiosk im Sortiment hatte.
Luna staunte, als er mit einem zwanzig Euroschein bezahlte. Sie hatte nicht gewusst, dass der alte Mann, der unter ihr wohnte, reich war. Ihre Mutter bezeichnete ihn oftmals als armen Tropf.
Aber ganz offensichtlich war er nicht arm.
Manchmal, wenn ihre Mutter (Jenny), richtig wütend war, weil er mit seinem Besenstiel an die Decke klopfte, nannte sie ihn auch ‚alter, stinkender Hosenscheißer‘ und auch der Ausdruck ‚überflüssiger Sozial-Schmarotzer‘ war schon gefallen. Als Luna sie daraufhin fragte, was ein Sozial-Schmarotzer sei, bekam sie die Antwort: das ist einer, der dem Staat auf der Tasche liegt und anderen, die es dringend nötig hätten, die Wohnung wegnimmt.
Luna dachte eine Zeitlang über die Aussage ihrer Mutter nach. Da war er wieder…der Staat.
Aber wenn der alte Mann Geld vom Staat bekam und deswegen ein Sozial-Schmarotzer war, was waren SIE dann? Und warum sollte der alte Mann jemandem, der es dringend nötig hatte, die Wohnung wegnehmen? ER brauchte doch auch eine Wohnung! Doch als ihre Mama einmal giftete, der alte Sack solle doch endlich ins Gras beißen, musste Luna zuerst herzlich lachen…bis sie den Sinn dieser Aussage verstand.
Da fand sie es nicht mehr komisch.
Ihre Gedanken sammelten sich wieder bei der versprochenen Vanilleeiswaffel. In diesem Moment verstaute Herr Hoffmann sein Wechselgeld in der Geldbörse und drückte Luna das versprochene Waffeleis in die Hand, „Hier. Lass es dir schmecken!“
Mit einem breiten Grinsen nahm Luna die kalte Köstlichkeit in Empfang und riss auch sofort das Papier darum ab. Ohne dass sie es merkte, bugsierte Herr Hoffmann sie, zu einem kleinen, leicht vernachlässigten Spielplatz, ganz in der Nähe ihres Zuhauses. Beide setzten sich auf eine halb verwitterte Bank. Voller Genuss begann Luna an ihrem Eis zu schlecken, während der alte Mann sie halb amüsiert und halb mitleidig dabei beobachtete, „Sag mal, Luna…geht es dir gut?“ Das Mädchen unterbrach eine Sekunde ihre hingebungsvolle Schleckerei und schaute Herrn Hoffmann fragend an. Dann zuckte sie die Schultern und leckte weiter das langsam schmelzende Eis vom knusprigen Waffelrand ab.
Doch Herr Hoffmann bohrte weiter, „Ich meine…bist du nicht manchmal traurig, immer alleine in deinem Zimmer zu sein. Ich habe noch nie Freundinnen bei dir gesehen.“
Luna gab noch immer keine Antwort, sondern schaute stur auf ihr Eis.
Es schmeckte aber auch wirklich richtig lecker.
Als der alte Mann neben ihr allerdings resigniert seufzte, schaute sie ihn doch noch an, „Sie sind doch auch alleine.
Sind SIE deswegen traurig?“ Der alte Mann beugte sich schwerfällig vor und stützte die Ellbogen auf seine Knie.
Seinen Blick hielt er zu Boden gesenkt, so dass Luna das leise ‚Ja‘ fast überhört hätte. Doch sie hatte es nicht überhört und die Antwort erstaunte sie etwas. Sie hatte nicht gewusst, dass auch Erwachsene sich alleine fühlen konnten.
Und so ganz verstand sie es auch nicht. Naiv, wie Kinder sind, fragte sie, „Aber warum? Sie können doch überall hingehen, einkaufen, Kaffee trinken…im Park spazieren gehen. Oder sie könnten sich einen Hund kaufen!“ Lunas Augen leuchteten bei dieser Vorstellung. Sie hätte liebend gerne einen Hund, doch ihre Mutter hasste Tiere.
Sie würden stinken und einem die Haare vom Kopf fressen. Aber wenn Herr Hoffmann sich einen Hund kaufen würde, dann könnte sie vielleicht auch mal mit dem knuddeligen Vierbeiner spazieren gehen und vielleicht würde sie sich dann auch mal in die Pups-Wohnung trauen und einen seiner Pups-Kakaos trinken.
Das würde ihn bestimmt freuen. Neugierig musterte sie den alten Herrn an ihrer Seite. Doch als auf ihren fantastischen Vorschlag keine Reaktion kam, schnaufte sie enttäuscht und leckte weiter an ihrem Eis. Dann, ohne dass sie es selbst bemerkte, verriet sie dem Nachbar ein kleines Geheimnis, „Manchmal, wenn ich ganz alleine und traurig bin und ich mein Zimmer so richtig doof finde, dann nehme ich meinen kleinen Spiegel und schaue ganz feste hinein. Das ist nämlich ein Zauberspiegel. Und wenn ich da hineinblicke, dann habe ich keine Zahnlücke und das Zimmer im Hintergrund ist sauber und ordentlich und es sitzen viele Plüschtiere auf meinem Bett. Und an den Wänden funkeln viele kleine Glitzersterne. Es ist richtig schön! Es ist dann fast so, als ob es mein Zimmer wäre!“ Luna nickte bei dieser Aussage, stopfte sich den letzten Rest ihrer Eistüte in den Mund, sprang auf und lief zur Schaukel.
Herr Hoffmann schaute ihr erstaunt nach und verkniff sich ein Schmunzeln.
Kindliche Fantasie war doch etwas Herrliches.
Hoffentlich verlor Luna diese Gabe nicht zu schnell.
Fantasie war eine äußerst kostbare Eigenschaft und… sie kostete nichts! Er ließ das Mädchen noch eine Zeitlang schaukeln, ehe er sich aufraffte und ihr Spiel unterbrach, „Wir sollten zurückgehen. Deine Mutter wird sich schon Sorgen machen!“ Luna fügte sich, wenn auch widerwillig. Irgendwie war sie sich sicher, dass ihre Mutter, sich eben KEINE Sorgen machte. Wahrscheinlich hatte sie Lunas Abwesenheit noch nicht einmal bemerkt. Doch DAS wollte sie dem netten Nachbarn nicht erzählen.
Aber immerhin…sie hatte ein Vanilleeis bekommen (ihr Lieblingseis) und sie hatte etwas schaukeln dürfen. Es war doch noch ein schöner Tag geworden, fand sie.
Viel zu schnell erreichten sie das rotgestrichene Haus und Luna fummelte umständlich den Haustürschlüssel aus ihrer Hosentasche. Lächelnd drehte sie sich zu dem alten Mann um, „Vielen Dank für das Eis, Herr Hoffmann und vielleicht kaufen sie sich ja doch noch einen Hund!“ Luna hatte die Hoffnung nicht aufgegeben.
Der alte Mann grinste und schaute dem kleinen Mädchen nach, das voller Energie die Treppen hinaufhüpfte, in ein Zuhause, dass in seinen Augen kein Zuhause war.
Während er sich die Stufen langsam emporquälte, schloss Luna oben im dritten Stock bereits die Haustür auf.
Björn trat gerade aus der Küche. In der rechten Hand hielt er eine labbrige Käsestulle und mit der Linken kratzte er sich ausgiebig im Schritt. Als er seine kleine Schwester erblickte, verzog er verächtlich die Mundwinkel nach unten, „Geh mir bloß nicht auf den Sack, du Ratte!“ Und schon verschwand er in seinem Zimmer und schlug die Tür hinter sich zu. Luna glotzte ihm verständnislos nach. Sie hatte doch gar nichts gesagt! Blöder Björn.
Leicht angesäuert steckte sie den Haustürschlüssel von innen wieder ins Schloss und ging in Richtung ihres eigenen Zimmers. Dabei kam sie wieder am Wohnzimmer vorbei. Vorsichtig schielte sie hinein.
Ihre Mutter lungerte noch immer auf der Couch und hatte bereits eine neue Flasche Bier am Hals. Drei leere Pullen standen bereits auf dem Wohnzimmertisch.
Im übervollen Aschenbecher glomm eine Zigarette vor sich hin. Die feinen Rauchfahnen stiegen in filigranen Schnörkeln empor und lösten sich knapp unter der Decke auf. Zumindest so lange, bis Jenny sich die Fluppe wieder schnappte, zwischen ihre schmalen Lippen steckte und ausgiebig daran zog. Die kleine Glut am Ende der Zigarette leuchtete hell auf. Unschlüssig blieb Luna im Türrahmen stehen und betrachtete ihre Mutter, „Ich bin fertig in der Küche!“ Jenny zog kräftig an der Zigarette, blies den Rauch in einer dichten Wolke wieder aus und hustete kurz. Dann blinzelte sie ihre kleine Tochter durch die dichten Nebelschwaden an, grunzte und verfrachtete ihre Aufmerksamkeit wieder zur Glotze.
Irgendwie war Luna enttäuscht.
Doch was hatte sie erwartet? Ein Dankeschön vielleicht? Mit hängenden Schultern drehte sie sich auf dem Absatz herum und trollte sich in ihr Zimmer. Ihr halbes Zimmer.
Als sie die Tür hinter sich schloss, lehnte sie sich erst einmal mit dem Rücken gegen das Türblatt und atmete geräuschvoll aus. Ihr Blick wanderte durch den Raum und blieb an ihrer Spielzeugkiste hängen. Was sollte sie jetzt machen? Vielleicht etwas malen? Die Idee schien ihr gar nicht so schlecht. Und so ging sie rüber, zerrte das alte Malbuch aus der Kiste und suchte die verstreuten Buntstifte darin zusammen. Dann setzte sie sich auf den Teppichboden und begann zu malen. Allerdings legte sie die Stifte nach ein paar Minuten wieder zur Seite.
Es machte doch keinen Spaß.
Gelangweilt fläzte sie sich auf ihr Bett, lehnte sich mit dem Rücken an der Wand an und umschlang mit den Armen ihr Knie. Dabei starrte sie gedankenverloren Löcher in die Luft. Mit ihrer Zunge popelte sie einen Krümel aus ihren Backenzähnen heraus, biss darauf und konnte ganz kurz den Geschmack der Eiswaffel erahnen.
Doch so unverhofft wie er auftauchte, verblasste er auch wieder. Allerdings reichte dieser kurze Moment aus, um sich das spendierte Vanilleeis und den Spielplatz wieder in Erinnerung zu rufen…und Herrn Hoffmann, den Nachbar von unten.
Luna erinnerte sich in diesem Moment auch daran, dass sie Herrn Hoffmann von ihrem kleinen Schatz, ihrem Geheimnis erzählt hatte. Doch was Herr Hoffmann nicht wusste, war, dass Luna ihm nicht ALLES erzählt hatte.
Bei diesem Gedanken stahl sich ein schelmisches Grinsen auf ihr Gesicht. Sie drehte den Kopf und betrachtete sich Piet, den alten Stoffaffen. ER wusste Bescheid! Vorsichtig schob sie ihre Hand unter das Kopfkissen, tastete kurz und schon umschlossen ihre Finger den ziselierten Griff, den sie gesucht hatten. Langsam zog sie ihren kostbaren Spiegel hervor und betrachtete ihn.
Sie wusste nicht, wie lange sie dieses Teil schon hatte, doch er war in ihrem Besitz, seit sie denken konnte.
Er war das Einzige, was sie in dieser tristen Umgebung trösten und aufheitern konnte. Es war ein Zauberspiegel.
Zumindest für Luna. Manchmal, wenn sie sich zu arg einsam oder traurig fühlte, nahm sie ihn in die Hand, starrte hinein, hielt die Luft an und…naja, …wenn sie dann wieder nach Luft schnappte, befand sie sich in einer anderen Umgebung…einer viel schöneren Umgebung.
Doch es war nicht die schöne Umgebung, auf die Luna sich freute, sondern dort wartete auch eine Freundin.
Natürlich war Luna klar, dass diese Freundin nicht echt war, doch in DEM MOMENT, wenn sie bei ihr war, fühlte es sich echt an.
Sachte drehte sie den Spiegel in ihrer Hand…zweimal, dreimal…bis die silbrige, glänzende Oberfläche ihr zugewandt war. Bevor sie zu starren anfing, strich sie sich noch das Haar glatt, dann versenkte sie den Blick tief in ihren eigenen Augen, die ihr entgegen schauten und hauchte ehrfürchtig, „ Spieglein, Spieglein, in meiner Hand, zeig mir den größten Schatz im ganzen Land…!“
Die Bettwäsche fühlte sich so weich und mollig an, dass Lara überhaupt keine Lust hatte, ihre warme Kuhle zu verlassen. Vom anderen Ende des Ganges hallte leises Geklapper zu ihr rüber. Es klang, als ob ihre Mutter gerade den Frühstückstisch deckte. Dieser Verdacht wurde dadurch bestärkt, dass sich unter der Ritze ihrer Zimmertür feiner Kaffeearoma durchzwängte und bis in ihre Nasenlöcher drang.
Lara fand, dass es richtig gut roch.
Aber natürlich trank sie keinen Kaffee. Sie war ja noch ein Kind und bekam immer warmen Kakao…ohne diese blöde Rahm-Haut, die sich bildete, wenn man die Milch zu lange erhitzte. Aber Kaffeeduft hieß immer, dass Mama Zeit hatte…Zeit, die sie dann ihrer Tochter widmete. Lara überlegte ernsthaft, ob sie nicht doch aufstehen sollte, um ihrer Mutter zu helfen. Sie half ihrer Mutter sehr gerne. Aber sie entschloss sich, die Wärme ihres Bettes noch ein bisschen auszuschöpfen, beugte sich hinunter und tastete so lange unter ihrem Bett herum, bis sie einen kühlen Griff zu fassen bekam.
Grinsend packte sie zu und beförderte ihren wunderschönen Handspiegel nach oben. Es war ein echtes Schmuckstück. Ein Geschenk ihrer Oma Ludmilla und der feine Rahmen war echt versilbert.
Omi bezeichnete ihn als ‚altes Erbstück‘…was immer das auch sein mochte.
Lara liebte diesen Spiegel und sie hütete ihn wie ihren eigenen Augapfel. Deswegen legte sie ihn immer unter das Bett, damit er nicht aus Versehen einmal irgendwo runterfiel oder jemand drauftrat. Und in den Kindergarten nahm sie ihn auch nicht mit. Obwohl dann bestimmt die hochnäsige Cordula mit ihr spielen würde.
Insgeheim beneidete Lara diese Cordula, denn sie trug im Winter immer einen pinkfarbenen Pelzmantel und hatte Locken, wie ein Engel. Doch Cordula schien sie nicht sonderlich zu mögen, denn meist ignorierte sie Lara. Aber eigentlich fand Lara es auch gar nicht schlimm, dass Cordula nicht mit ihr spielen wollte, denn sie hatte ja eine beste Freundin. Die war allerdings nicht in IHREM Kindergarten. Yvonne, hieß sie, war blind und musste deswegen einen anderen Kindergarten besuchen. Aber sie wohnte direkt über ihr…ihre Zimmer grenzten sogar aneinander…Decke an Fußboden und manchmal gaben sie sich geheime Klopfzeichen.
Sie hatten sich extra eigens dafür ausgedachte Klopffolgen ausgedacht. Wenn Lara ins Bett musste, dann pochte sie fünfmal mit ihrem Kinderbesen an die Decke und wenn sie Yvonne sagen wollte, dass sie sie ganz doll liebhatte, dann klopfte sie dreimal lang und einmal kurz.
Doch Yvonne war diese Woche nicht da. Sie und ihre Familie waren unterwegs zu ihrem Opa…besser gesagt, zu dessen Beerdigung.
Das war traurig, denn Yvonne hatten ihren Opa sehr liebgehabt, auch wenn sie ihn nicht allzu oft besuchen konnte. Doch der Opa war krank gewesen, hatte Yvonne erzählt. Nicht krank wie sie selbst, sondern richtig krank.
Lara hatte gehört, wie sich Yvonnes Mutter mit ihrer Mama unterhalten hatte.
Das Wort ‚Krebs‘ war gefallen, Magenkrebs, der auch schon die Speiseröhre zerfressen hatte, worauf Lara überrascht und fragend in den Flur schielte.
Magenkrebs? Was war das? Und warum war er so gemein, die Speiseröhre aufzufressen?
In Laras Kopf entstand das Bild eines Abflussrohres, das völlig durchlöchert und ausgefranst war und sie schüttelte sich angewidert.
Und warum knabberte dieser Magenkrebs Rohre an? Und wieso starb man, wenn man ein Magenkrebs besaß? War der wirklich so gefährlich? Krebse waren doch nur kleine Tiere, die im Wasser lebten. Das wusste sie aus dem Kindergarten.
Da gab es schöne große Bilderbücher, unter anderem von Tieren die im Wasser zuhause waren. Ein Magenkrebs war jedoch nicht dabei gewesen. Vielleicht hätte Yvonnes Opa den Krebs besser in einen Käfig gesperrt, damit er ihn nicht totmachte. Doch da sie Yvonnes Mama weinen hörte, war Lara lieber in ihrem Zimmer geblieben und hatte einfach beschlossen, sich nie einen Krebs zu kaufen.
Und schon gar kein Magenkrebs, denn sie wollte ja nicht sterben. Lieber einen Hund oder eine Katze. Das war ungefährlicher.
Laras Gedanken kehrten zurück in ihr liebevoll eingerichtetes Zimmer und den Gegenstand, den sie gerade in der Hand hielt.
Sie lehnte sich in ihrem dicken Kopfkissen zurück und zog die flauschige Decke bis zum Kinn. Dann hob sie den Spiegel und schaute ernst hinein.
Manchmal sah sie dort Dinge…Dinge die nicht in ihrem Zimmer waren und manchmal sah sie ein Mädchen, dass ihr etwas Ähnlich sah. Das hatte sie noch nie jemandem erzählt. Weder ihrer Mutter, noch ihrer Oma.
Wann sie diese ‚Dinge‘ und das Mädchen das erste Mal gesehen hatte, wusste sie nicht. Wenn sie jedoch darüber nachdachte, dann war es, seit sie diesen Spiegel hatte…und den hatte sie schon seeehr lange. Bestimmt schon fast drei Jahre. Immerhin die Hälfte ihres Lebens und für Lara somit, unendlich lange.
Angestrengt blinzelte sie. Das Bild auf der Spiegelfläche verzerrte sich leicht, so ähnlich, wie ein Teich, in den man einen Kieselstein warf und dessen glänzende Oberfläche sich ringförmig kräuselte.
„Spieglein, Spieglein in meiner Hand, zeig mir den größten Schatz im ganzen Land.“
Lara blinzelte erneut und dann blickte sie in ein paar weitaufgerissene, blaue Augen. Ein Mund lächelte sie an und Lara konnte eine kleine Zahnlücke erkennen. Sie grinste ebenfalls breit. Ihre unsichtbare Freundin war wieder da und Lara begann lustige Grimassen zu machen. Das tat sie immer. DAS gefiel ihrer geheimen Freundin gut.
Damit brachte sie die meist traurigen Augen immer zum Lachen und sie mochte das Lachen ihrer Freundin und lachte dann meistens mit.
Julia hörte das kleine Mädchen zuweilen kichern und fragte sich manchmal erstaunt, wie man sich alleine im Zimmer so amüsieren konnte. So auch an diesem Morgen.
Sie stellte gerade das Marmeladenglas auf den Tisch, als aus Laras Zimmer belustigte Geräusche drangen. Sie hielt kurz inne und lauschte. Dabei umspielte ein amüsiertes Grinsen ihre Mundwinkel. Vielleicht sollte sie mal nachschauen, was ihre Tochter so trieb? Außerdem war das Frühstück fertig. Entschlossen wischte sie sich die Hände an einem Geschirrtuch ab und ging langsam durch den Flur, bis vor Laras Zimmertür. Vorsichtig beugte sie sich etwas hinab und presste lauschend ihre Ohrmuschel an das Türblatt. Im Innern des Zimmers hörte sie ihre kleine Tochter wieder glucksen. Ganz langsam schob sie lautlos die Tür einen Spalt auf und sah, wie Lara in ihrem Bett saß, dick eingehüllt in ihre Bettdecke, in den alten Spiegel ihrer Oma schaute und sich gerade selbst anschielte.
Sie war damals nicht sonderlich begeistert gewesen, als ihre eigene Mutter dem kleinen Mädchen diesen Spiegel schenkte. Doch es war nicht die Tatsache, dass er schon ziemlich alt und bestimmt auch ein klein wenig wertvoll war, nein, ihr ging damals durch den Kopf, dass Lara sich verletzen könnte, wenn der Spiegel doch einmal runterfallen sollte und in tausend Scherben zersplitterte.
Allerdings hatte sich im Laufe der Zeit herausgestellt, dass ihre Befürchtungen grundlos waren, denn Lara ging äußerst vorsichtig mit dem Spiegel um.
Zwar fand Julia das Verhalten ihrer Tochter manchmal schon etwas sonderbar, doch was war denn schon dabei, wenn das Kind sich hin und wieder zurückzog und eifrig Grimassenschneiden übte? In diesem Augenblick erklang Laras helle Stimme, „Schade, dass du jetzt nicht hier sein kannst. Wir könnten Ballerina spielen!“ Das war der Moment, als sie sich entschloss, einzutreten.
Mit Schwung riss sie die Tür auf, „Guten Morgen, mein Engel. Frühstück ist fertig. Raus aus den Federn!“ Lächelnd zog sie die Verdunklungsvorhänge auf und machte den morgendlichen Sonnenstrahlen Platz. Dann drehte sie sich zu ihrer Tochter um und sah gerade noch, wie diese den Spiegel unter das Bett schob. Dann bekam sie ein strahlendes Grinsen geschenkt. Die Bettdecke flog in hohem Bogen zum Fußende und Lara landete giggelnd in ihren Armen, „Morgen, Mami…krieg ich Kakao? Ist der Bertie noch da?“ Bertram war ihr großer Bruder und sie hing mit einer Hingabe an dem sechzehnjährigen Teenager, dass man nur darüber staunen konnte.
Überhaupt war die Geschwisterliebe zwischen den beiden sehr ausgeprägt. Bertie murrte nie, wenn er auf seine kleine Schwester aufpassen musste und er ließ sich sogar dazu herab, mit ihr zusammen, Puppen zu frisieren. Aber nur, wenn er meinte, niemand würde es mitbekommen.
Und natürlich würde er alles abstreiten, sollte ihn jemals jemand darauf ansprechen.
Doch Laras Mutter wusste es, schwieg allerdings respektvoll. Schließlich wollte sie ihren Großen nicht vor dessen Freunden bloßstellen.
Manchmal, wenn sie ihre Gedanken auf Wanderschaft schickte, wunderte sie sich, dass sie schon ein so großes Kind hatte. Sie war allerdings auch sehr früh, mit siebzehn, schwanger geworden…ungeplant natürlich und Bertrams Vater hatte sich urplötzlich in Luft aufgelöst, als er von der Existenz seines Sohnes erfuhr. Doch ihre Mutter, Laras Oma, stand ihr bei und übernahm mehr als einmal die Betreuung des kleinen Jungen, damit SIE ihre Ausbildung als Zahnarzthelferin beenden konnte. Es war keine einfache Zeit gewesen, aber sie hatte es geschafft…irgendwie. Doch, dass sie mit 34 Jahren schon einen fast erwachsenen Sohn hatte, erstaunte sie immer wieder aufs Neue.
Allerdings war Bertie gerade nicht da und das teilte sie ihrer quirligen Tochter mit einem begleitenden Nasenstüber, auch mit, „Nein, mein Schatz. Der ist schon auf der Arbeit!“
Lara zog eine schmollende Schnute. Doch nicht, weil Bertie schon weg war, nein, sie war ein wenig neidisch, dass ER sich so richtig schmutzig machen durfte und niemand ihn deswegen rügte. Seine Hände und seine Fingernägel waren jeden Abend rabenschwarz, was Lara sehr lustig fand. Bertram hatte das unverschämte Glück gehabt, in einer Kfz-Werkstatt in ihrer Nähe eine Ausbildung zum KFZ- Mechatroniker zu machen.
Als Lara diese Berufsbezeichnung das erste Mal hörte, lachte sie prustend, bis ihr die Tränen kamen.
Meckatroniker! Eine Arbeit bei der man das Meckern lernte…wie witzig.
Bertie lachte mit, als er Laras Gedankengang begriff und erklärte ihr dann aber ausführlich, was ein Mechatroniker so alles machte. Das klang dann nicht mehr so witzig, sondern todlangweilig.
Lara zwängte sich aus der Umarmung ihrer Mutter und düste in die Küche, wo schon der gedeckte Küchentisch auf sie wartete. Begehrlich ließ sie den Blick wandern.
Heute gab es sogar gekochte Eier zum Frühstück. Das hieß, ihre Mutter hatte heute frei und musste nicht zur Arbeit. Flink schob sie sich auf einen Stuhl und nahm sich eine Semmel. Gerade als sie anfing an der heißen Schale des Eies herumzupuhlen, kam ihre Mutter ebenfalls in die Küche und nahm Lara das Ei aus der Hand.
Sie lachte gutmütig, „Warte. Die sind noch heiß. Du verbrennst dir ja deine kleinen Finger.“
Schnell pellte sie ihrer Tochter das Ei und schmierte ihr großzügig noch Butter auf das Brötchen. Dann nahm sie ihre Tasse und trank in kleinen Schlucken ihren gesüßten Kaffee, während sie ihre mampfende Tochter betrachtete.
Das blonde Haar noch vom Schlaf verwuschelt, knabberte das Mädchen herzhaft ein großes Stück vom Ei ab.
Doch ganz plötzlich hielt sie erschrocken inne.
„Was ist, Mäuschen?“
Wie von einer Tarantel gestochen, sprang Lara vom Stuhl und hechtete um den Tisch herum,
„Mami…Mami…schau mal!“ Aufgeregt riss Lara den Mund auf. Ihre Mutter zuckte angesichts des halb zerkauten Eies in Laras Mundhöhle etwas zurück.
Der Anblick war in der Tat nicht sehr appetitlich. Doch Lara schob ihr Gesicht noch näher heran, „Guck doch, Mami!“ Ihre Mutter beugte sich nach vorn und begriff endlich was Lara ihr zeigen wollte…außer den zerkauten Eierresten. Die kleine Kinderzunge wackelte fröhlich am rechten vorderen Schneidezahn. Es sah etwas gruselig aus, doch Lara schien ganz aus dem Häuschen,
„ER WACKELT…SIEHST DU?“ Erneut schob sich ihre Zunge hinter den Zahn und drückte ihn nach vorn. Laras Mutter schüttelte sich innerlich, schenkte ihrer Tochter aber ein verständnisvolles Lächeln, „Dann denk daran…, wenn er ausfällt, dass du ihn unter das Kopfkissen legst. Sonst kommt die Zahnfee nicht!“ Doch Laras Aufregung galt nicht der großzügigen Spende einer Fee, sondern der Tatsache, dass sie nun bald in die Schule konnte. Sie war nämlich fest davon überzeugt, erst in die Schule zu kommen, wenn sie zwei neue Schneidezähne hatte und bis jetzt hatten sich ihre beiden Beißerchen vehement dagegen gewehrt, auszufallen. Bis heute! Mit einer Miene, die fast vor Stolz platzte, setzte sie sich wieder an den Tisch und biss herzhaft in ihr Brötchen.
Wollten doch mal sehen, ob dieser blöde Zahn nicht bald ganz herauskullerte!
Julia betrachtete erneut ihre Tochter. Und ganz plötzlich fragte sie sich, ob Lara glücklich war. Ein seltsamer Gedanke, fand sie selbst, aber dass ihre Tochter im Zimmer Selbstgespräche führte, besorgte sie doch etwas.
Sie beschloss, ganz unverfänglich an das Thema heranzugehen, „Willst du Omas Spiegel nicht doch lieber in deine Schmuckschatulle legen? Unter dem Bett staubt er doch zu!“ Ohne Lara anzuschauen, nahm sie sich nun selbst ein Brötchen, schnitt es auf, legte eine Scheibe Edamer darauf und biss hinein. Erst dann wagte sie einen unschuldig wirkenden Blick zu ihrer Tochter, die sie etwas fragend anschaute, „Warum? Ich brauche ihn doch immer!“
Aha…die kleine Krabbe hatte angebissen!
Ihre Mutter zuckte die Schultern und nuschelte, „Wozu brauchst du ihn denn? Im Flur haben wir doch einen ganz großen Spiegel hängen. Da kannst du dich von Kopf bis zu den Füssen betrachten!“ Lara legte das Brötchen ab und biss sich verlegen auf der Unterlippe herum.
Natürlich hatte ihre Mutter recht. Der Spiegel im Flur war wirklich monströs groß, aber…aber ihm fehlte was. Etwas was nur Omis Spiegel konnte und was sie bisher noch keinem verraten hatte. Doch nun schien ihre Mutter etwas bemerkt zu haben und Lara befand sich in der Zwickmühle. Sollte sie ihrer Mutter verraten, was Omis
Spiegel konnte? Durfte sie ihn dann noch behalten, oder müsste sie ihn zurückgeben? Das wäre schlimm!
Noch immer schaute ihre Mutter sie neugierig an und wartete auf eine Antwort.
Das kleine Mädchen beschloss, zumindest ein winziges Stück Wahrheit zu offenbaren. Sie WOLLTE ihre Mutter nicht anlügen. Also schnaufte sie ergeben, „Omis Spiegel ist was Besonderes. Er zeigt mir Dinge!“ Vorsichtig schielte sie zu ihrer Mutter.
Reichte ihr diese Antwort? Doch der Blick ihrer Mutter sah nicht so aus, als ob sie sich mit dieser kleinen Information abspeisen ließ, was ihre prompt gestellte Frage auch bestätigte, „Dinge? Was denn für Dinge?“ Lara schwieg.
Doch Julia bohrte vorsichtig nach, „Schatz, was für Dinge? Blumen? Elfen? Was siehst du in dem Spiegel?“ Die Hand ihrer Mutter streckte sich nach vorn und strich Lara liebevoll über die Wange. Diese kleine Geste gab den Ausschlag, so dass Lara alle Vorsicht über Bord warf und es aus ihr heraussprudelte, „Ich sehe ein fremdes Zimmer.
Ein armes Zimmer. Es gehört Luna und sie ist so alt wie ich. IHR fehlt bereits ein Zahn hier vorne…“, Lara tippte auf ihren Wackelzahn und sprach sofort weiter, „… und sie ist sehr oft traurig. Deswegen versuche ich immer, sie zum Lachen zu bringen. Sie ist richtig nett und…sie ist…sie ist… meine Freundin!“ Das Lächeln ihrer Mutter fror fest. Um Zeit zu schinden, nahm sie ihren Kaffeebecher und nippte daran. Einmal.
Zweimal. Dreimal. Bis sie ihre Gedanken geordnet hatte.
„Luna…aha. Und seit wann trefft ihr beiden euch denn…im Spiegel?“
Ihre Mutter war etwas besorgt. War es normal, dass ein sechsjähriges Mädchen eine erfundene Freundin hatte? War das nicht etwas zu viel Fantasie?
Doch Julia wollte nicht, dass Lara ihre Besorgnis spürte, deswegen gab sie sich betont locker, „Wo wohnt denn deine kleine Freundin und was macht sie so…, wenn sie nicht gerade in deinem Spiegel ist?“ Innerlich schlug sie sich stolz auf die Schulter.
DIESE Formulierung war goldrichtig. Vielleicht würde ihr Laras Antwort ja verraten, was ihr solche Sorgen machte. Denn warum sonst erfand man eine unsichtbare und arme Freundin. Damit verarbeitete ihre Tochter bestimmt lediglich ihre eigenen Ängste.
Einfache Hausfrauen-Psychologie!
Lara ahnte nichts von dem, was ihre Mutter gerade beschäftigte. SIE überlegte fieberhaft, wie viel sie ihrer Mutter verraten konnte, ohne dass Luna sauer wurde.
Denn Luna hatte ihr das große Indianer-Ehrenwort abgenommen, niemanden etwas von ihr zu erzählen, genauso wenig, wie SIE irgendjemandem etwas von Lara erzählen würde.
Aber Lara liebte ihre Mutter und hasste es, Geheimnisse vor ihr zu haben. Langsam und tröpfelnd gab sie weitere Informationen preis, „Luna war bereits da, als ich den Spiegel bekommen habe. Wir unterhalten uns ein paar Mal in der Woche…meistens abends, denn da fühlt sie sich besonders einsam. Luna hat fast kein Spielzeug und ihr Zimmer hat auch keine hübsche Tapete. Manchmal rieche ich Zigaretten, wenn ich mich mit ihr unterhalte.
Ihr Mutter raucht, hat sie mir erzählt. Sie bekommt kein Taschengeld, weil sie arm sind. Sie sagt, sie leben vom Vater Staat…aber sie konnte mir nicht genau sagen, was das genau heißt!“ Neugierig beugte sie sich vor,
„Weißt du, was das heißen soll?“ Ganz automatisch gab Laras Mutter die Antwort,
„Sozialhilfe!“ Dann schlug sie sich fast auf den Mund.
DAS wollte sie eigentlich gar nicht sagen, doch sie war so damit beschäftigt, Laras Erzählung zu verarbeiten, dass es ihr einfach so herausgerutscht war.
Nachdenklich betrachtet sie ihre Tochter.
Vielleicht hatte das Kind das mal im Fernsehen aufgeschnappt und vielleicht hatte sie Angst, arm zu sein.
Oder sie hatte durch Zufall ein Stück einer Reportage über arme Menschen in Deutschland mitbekommen.
Angestrengt dachte Laras Mutter nach. Wann hatte sie sich das letzte Mal eine solche Reportage angeschaut? Sie wusste es nicht, doch sie musste in Zukunft unbedingt darauf achten, dass Lara keine Fetzen solcher Berichte mitbekam. Es schien sie offensichtlich zu verstören und mehr zu beschäftigen, als gut für sie war.
Mit einem beruhigenden Lächeln versicherte sie ihrer Tochter, „Bestimmt geht es deiner Luna bald wieder gut.
Armut ist nichts Schlimmes und wenn ihre Mutter Arbeit findet, dann ist sie auch nicht mehr arm und bekommt bestimmt eine hübsche Tapete für ihr Zimmer!“ Laras skeptischen Blick bekam sie leider nicht mit, da sie aufgestanden war, um sich frischen Kaffee einzugießen.
Das Mädchen betrachtete den Rücken ihrer Mutter und das erste Mal in ihrem Leben fühlte sie so etwas wie Enttäuschung in sich. Enttäuschung, dass ihre Mutter ihr offensichtlich nicht so richtig glaubte.
Schade! Dabei hatte sie doch noch nie geschwindelt. Aber vielleicht hätte ihre Mutter ja einen Vorschlag, WIE Lunas Mama Arbeit finden konnte.
Plötzlich biss sie sich auf die Unterlippe und schaute stur auf den Teller. Sie hatte zwar noch nie gelogen, aber da gab es etwas, was sie verschwiegen hatte. Ganz bewusst.
Luna besuchten sich manchmal! Sie wusste selbst nicht, wie das funktionierte, aber hin und wieder, wenn sie ihr Sprüchlein aufsagte, dann wurde die glänzende Oberfläche so weich, dass man durchgreifen konnte und schon plumpste eine von ihnen (Luna) durch die Spiegelfläche und war da. Das war echt witzig, denn das Durchflutschen wurde von einem lustigen Schlurpsen begleitet, dass sich wie ein Sprudel-Rülpser anhörte und sie immer zum Lachen brachte. Und es kribbelte auch angenehm hinter der Stirn (sagte Luna).
Mit einem leicht grimmigen Gesichtsausdruck schob sie das letzte Rest Brötchen in ihre Wangentasche und sprang auf, „Ich muss Pipi machen!“ Ziemlich abrupt wand sie sich um, verschwand aus der Küche und ließ ihre perplexe Mutter zurück.
Auf dem Klo brummelte sie noch ein bisschen in sich hinein, doch richtig böse war sie ihrer Mutter natürlich nicht. Yvonne, ihre Freundin hatte gesagt, das Erwachsene ihre Fantasie verloren hätten, irgendwo auf dem Weg zur Arbeit, Impfterminen, Elternabenden und Rechnungen die bezahlt werden mussten. Yvonne war klug, sehr klug.
Sie sagte, dadurch dass sie nicht sehen konnte, würden ihre Ohren sehen, wie es ihrem Gegenüber ging.
Yvonne war toll und Lara hatte sie sehr lieb, fast wie eine Schwester. Fast wie Luna.
Mit einem leisen Seufzen, betätigte sie die Klospülung und wusch sich die Hände. Dabei stellte sie sich auf den kleinen pinkfarbenen Fußtritt und warf einen kurzen Blick in den Spiegel über dem Becken. Doch dies war nur ein normaler Spiegel…völlig uninteressant.
Schnell trocknete sie ihre Hände und düste in ihr Zimmer, wo sie sich in aller Eile eine Jeanslatzhose und eine bunt karierte Bluse aus dem Schrank fischte.
Wenn ihre Mutter frei hatte, so wie heute, dann gingen sie immer einkaufen, anschließend zum Spielplatz und als krönenden Abschluss bekam sie nach einer Portion Pommes mit Majo noch ein superleckeres Vanilleeis! Sie liebte Vanilleeis.
Dann half sie ihrer Mutter im Haushalt und wenn der Staubsauger in die Ecke gestellt wurde und die letzte saubere Wäsche den Weg in die Schränke gefunden hatte, fingen sie an zu kochen. Bertram hatte immer tierischen Kohldampf, wenn er von der Arbeit nach Hause kam.
Nach dem gemeinsamen Essen durfte sie dann noch in die Badewanne, mit ganz viel Schaum, der nach Himbeeren roch und sie durfte so lange darin bleiben, bis ihre Finger und Zehen aussahen, wie verschrumpelte Rosinen. Anschließend rubbelte ihre Mutter sie trocken, föhnte ihr das Haar und trug sie in ihr Zimmer.
Früher hatte ihre Mutter ihr immer ein paar Gute-Nachtlieder vorgesungen, doch Singen war nicht ihre Stärke. Irgendwann sah Lara sich genötigt, ihrer Mama zu gestehen, dass sie ganz fürchterlich sang und sie stattdessen lieber eine Geschichte vorgelesen bekommen wollte. Julia hatte erst gestutzt, kurz nach Luft geschnappt und war dann in lautes Lachen ausgebrochen, bis ihr die Tränen die Wangen herunterliefen. Schniefend und kichernd hatte sie dann das Rapunzel-Buch aus dem Regal genommen und stockend angefangen zu lesen.
Dabei warf sie ihrer Tochter immer wieder einen amüsierten Blick zu.
Lara hatte sie unschuldig angelächelt, war aber insgeheim sehr froh, dass ihre Mutter nicht gekränkt war, angesichts der harten Gesangs-Kritik ihrer eigenen Tochter.
Gegen Ende der Geschichte erschien dann meist ihr Bruder. Er war zuständig fürs einpuppen. Dabei steckte er die Decke überall unter Lara fest, so dass sie kurze Zeit später, eingemummelt wie eine Mumie in ihrem Bett lag und nur noch der grinsende Kopf herausschaute.