Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Frankfurt am Main im Jahre 2045: Marvin Kuhmichel arbeitet in einer Zeit totaler Überwachung als Polizeibeamter im Sicherheitskomplex FAM-IV. Seinen Dienst verbringt er entweder mit eintöniger Bürokratie oder brutalen Einsätzen in der verkommenen Metropole. Eines Tages stößt Kuhmichel auf eine grausame Mordserie, hinter der offenbar ein skrupelloser Serienkiller steckt. Hartnäckig verbeißt er sich in den Fall und findet dabei Informationen, die niemals an die Öffentlichkeit gelangen sollten. Dem eigensinnigen Polizisten wird bald klar, dass der Serienkiller sein geringstes Problem ist...
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 303
Veröffentlichungsjahr: 2024
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Der Polizeibeamte
Die grinsende Dame
Neue Fragen
Opfer Nr. 4
Der Verdächtige
Mall Wrecker und reiche Leute
Auf eigene Faust
Risse im Weltbild
Verbotenes Wissen
Gehetzt und verloren
Menschliches Raubtier
Der Preis der Nachsicht
Peter Henkel
Der Winter kommt
Tschistokjows Geschenk
Vorwort
Den Roman „Scanfleisch“ habe ich bereits im Jahre 2011 geschrieben. Er entstand damals im Zuge meiner Arbeit an der 7-teiligen Beutewelt-Buchreihe und spielt somit im gleichen „Universum“. „Scanfleisch“ ein paar Jahre später noch einmal zu lesen und zu überarbeiten, war in vielerlei Hinsicht eine interessante Erfahrung für mich.
Heute, im Jahre 2024, habe ich den Eindruck, dass das, was mir 2011 noch sehr dystopisch erschien, schon weitaus weniger unrealistisch klingt. Gerade im Hinblick auf die Ereignisse in den letzten Jahren, denke ich, dies sagen zu können. Ob dies ein Fortschritt ist oder nicht, überlasse ich natürlich jedem einzelnen Leser und seiner Urteilskraft.
Der Polizeibeamte
Marvin Kuhmichel erwachte mit einem leisen Husten und drehte sich noch einmal auf die Seite, während ihn seine Frau mit dem Zeigefinger in den Bauch pikste.
„Wir müssen aufstehen, Schatz“, sagte sie, um anschließend langsam aus dem Bett zu klettern.
„Ja!“ Mehr brachte Marvin in diesem Moment nicht über die Lippen.
Loreen, seine Ehefrau, stand im nächsten Augenblick auch schon neben ihm und lächelte müde. Dann gähnte sie, genau wie Marvin. Dieser richtete sich mürrisch brummend auf und kroch aus den Federn. Marvin drückte den Rücken durch und trottete wortlos an Loreen vorbei in die Küche. Dort knipste er das Licht an, blinzelte verschlafen und verzog den Mund, als hätte er soeben einen Pfeilgiftfrosch verschluckt.
Loreen folgte ihm und ging zum Kühlschrank, während sich Marvin an den Küchentisch setzte und aus dem Fenster blickte. Im Hintergrund begann der Kaffeeautomat zu brummen. Loreen holte zwei Tassen aus dem Küchenschrank. Marvin drehte sich nicht um. Stattdessen betrachtete er die grauen Häuserwände jenseits des Fensters, zu denen eine breite, leuchtende Reklamewand einen Kontrast bildete.
„Globe Food!“, flüsterte er in sich hinein und schob dabei die Augenbrauen leicht nach oben.
„Hast du etwas gesagt?“, kam von hinten.
„Nein, schon gut.“ Marvin schüttelte den Kopf.
Es war nichts Wichtiges. Er hatte lediglich die Werbung von „Globe Food“, der größten Lebensmittelkette im Verwaltungssektor „Europa-Mitte“, gemeint. Sie blinkte auf der Reklametafel an der Wand gegenüber. Dieses digitale Werbeplakat des Lebensmittelkonzerns war allgemein bekannt, man sah es in Marvins Heimatstadt Frankfurt am Main an jeder Straßenecke.
Ein Junge mit einer überdimensionalen Afrofrisur grinste von der bunten Reklametafel auf den Zuschauer herab.
In seinen Händen hielt er ein Schild auf dem „I like it cheap & cheaper!“ stand.
Kurz darauf wechselte das Bild. „Multilove - Die Dating-Show“ war jetzt auf knallrotem Hintergrund zu lesen.
„Jetzt on TV!“ blitzte es dazwischen immer wieder auf.
„Milch und Zucker?“, murmelte Loreen und kam mit den Kaffeetassen zum Küchentisch.
„Ja!“, antwortete Marvin und starrte weiterhin auf die Werbetafel.
Als sich Loreen ihm gegenüber auf einen Stuhl setzte, drehte er ihr den Kopf zu und schenkte ihr ein verhaltenes Schmunzeln. Sie lächelte zurück und senkte den Blick dann wieder, um ihre Kaffeetasse anzustarren.
Eine knappe halbe Stunde später hatten die beiden ihre Wurstbrote gegessen und ihren Kaffee getrunken. Gleichzeitig verließen sie das kleine Reihenhaus, das sie seit nunmehr fünf Jahren bewohnten. Zum Abschied lächelten sie sich gegenseitig noch einmal flüchtig zu, um sich anschließend auf den Weg zur Arbeit zu machen.
Marvin war mit seinem in die Jahre gekommenen Auto in die Innenstadt gefahren - so wie er es jeden Morgen tat.
Die erste Stunde im Sicherheitskomplex „FAM-IV“, wo er als Polizeibeamter arbeitete, verlief ruhig. Keine Anrufe, keine neuen E-Mails oder sonstige Ereignisse. Vor vier Monaten war Marvin zum „Detective II“ ernannt worden, was bedeutete, dass er jetzt ein „Polizeibeamter mit mittleren Ermittlungsbefugnissen“ war.
Die Beförderung hatte eine Gehaltserhöhung von 350 Globes im Monat mit sich gebracht.
Der Morgen blieb ruhig und ereignislos. Gelangweilt räkelte sich der 38 Jahre alte Polizist auf seinem Bürostuhl und musterte seinen Kollegen, der ihm gegenüber an seinem Schreibtisch saß. Marvin verzog keine Miene, er glotzte den Mann lediglich mit nichtssagendem Blick an.
„Nicht viel los, wie?“, versuchte er ein Gespräch zu beginnen. Der dunkelhaarige, leicht untersetzte Polizist mit dem gepflegten Schnauzbart neigte den Kopf zur Seite und nickte.
„Nein, aber irgendwas ist ja immer“, erwiderte Detective Kevin Keller am gegenüberliegenden Schreibtisch.
Kuhmichel kramte seinen DC-Stick, einen Allround-Datenverarbeiter, aus der Tasche und drückte auf einen Knopf an der Seite. Das rohrförmige Gebilde verwandelte sich mit einem leisen Summen in einen kleinen Bildschirm, der augenblicklich hell wurde. Marvin betrachtete das Display des DC-Sticks, während er mit den Fingern auf der Tischplatte trommelte.
„Keine neuen Nachrichten!“, verkündete der Datenträger.
Kuhmichel schob das Gerät von sich weg. Der müde Blick seiner graublauen Augen wanderte durch den schmucklos eingerichteten Büroraum.
Keller hatte sich inzwischen hinter dem breiten Bildschirm seines Rechners verkrochen und hämmerte auf die Tastatur. Kuhmichel hingegen gähnte leise und hielt sich die Hand vor den Mund. Im nächsten Moment schreckte er auf. Kollege Keller hatte das Radio auf der Fensterbank eingeschaltet und quäkende Musik quoll aus dem Gerät. Marvin blickte auf.
„My love is eternal…“, schallte es durch das Büro.
Marvin versuchte, die Musik zu ignorieren, genau wie Kellers immer aggressiveres Tippen. Plötzlich piepte der DC-Stick und Kuhmichel nahm das Gerät hastig in die Hand.
„Ist bestimmt vom Chef, wie?“, meinte Keller.
Marvin schwieg und öffnete die Nachricht, um dann leise vor sich hin zu murmeln.
„Zusammenfassung der Ermittlungen gegen Ibrahim Keles und Ugur Agüz. Die haben in mehreren Telefongesprächen mit ihrer Tat geprahlt. Dann können wir ja ein AG einleiten. Wie blöd sind die eigentlich? Eigentlich weiß doch jedes Kind, dass sämtliche Telefongespräche automatisch mitgeschnitten und ausgewertet werden, oder?“
Kuhmichel begann, den Computer mit ein paar Daten zu füttern.
Detective Keller lugte am Bildschirm seines Rechners vorbei. Dann hob er wissend den Zeigefinger und setzte eine ernste Miene auf.
„Vergiss nicht bei den beiden „Strafermäßigung für Menschen aus kulturfremden Sozialisationsmilieus“ anzuklicken. Das ist Vorschrift, Marvin. Mir ist das neulich noch passiert, dass ich es vergessen habe. Das gab Mecker vom Chef und das AG-Programm hat den Antrag gar nicht erst angenommen“, belehrte er Kuhmichel.
„Ja! Danke!“, brummte dieser und klickte auf den Menüpunkt, von dem Keller gesprochen hatte.
Ein paar Minuten später war das „Automatisierte Gerichtsverfahren“ eingeleitet und Kuhmichel lehnte sich wieder in seinem Stuhl zurück. Er sah seinen Partner an, der noch immer eifrig tippte, und betrachtete anschließend einen kleinen Aufkleber, den jemand auf den Aktenschrank neben ihm geklebt hatte.
„Global Police – Always fair!“, stand auf dem Sticker.
Mit stumpfem Blick ließ Marvin seine Finger auf der Tischplatte tanzen, bis ihm Keller genervt signalisierte, dass er damit aufhören sollte. Kuhmichel stöhnte kaum hörbar auf und kämpfte gegen die lähmende Müdigkeit an, die noch immer nicht von ihm ablassen wollte.
Dieser Arbeitstag roch ganz nach endloser Langeweile und stundenlangem Herumsitzen ohne wirkliche Aufgabe. Und so sollte er auch zu Ende gehen. Außer diversen Kleinigkeiten - ein paar automatisierten Gerichtsverfahren, die noch durchgesehen werden mussten, bevor sie freigegeben wurden - war nichts zu tun.
Neben gelegentlichen Gesprächen mit Detective Keller und dem auch weiterhin plärrenden Radio, gab es keinerlei Abwechslung. Das einzig wirklich Interessante waren die Nachrichten, die stündlich kamen.
Hier wurden die Bewohner des Verwaltungssektors „Europa-Mitte“ über die sich in Asien ausbreitende ODV-Seuche, die Vorbereitung einer neuen Massenimpfung, die Friedenspolitik der Weltregierung und alle möglichen anderen Dinge informiert. Irgendwann ging Marvin wieder nach Hause und ließ den Sicherheitskomplex FAM-IV hinter sich.
„Und? War`s gut?“, fragte Loreen und setzte sich neben ihren Mann auf das Sofa.
„Ja, wie immer halt“, gab dieser zurück.
„Bei mir auch“, antwortete Loreen.
„Heute keine Kunden, die kein Geld auf dem Scanchip hatten?“ Marvin schmunzelte.
„Nein, das kommt auch nur selten vor“, meinte sie.
„Trotzdem blöd und ärgerlich, oder?“
„Ja, sicher, Schatz!“
Loreen schnappte sich die Fernbedienung und richtete ihren Blick auf einen breiten Plasmabildschirm. Dann begann sie in Windeseile durch die Kanäle zu zappen bis sie irgendwann wieder damit aufhörte und kurz zu Marvin herübersah. Sie lächelte ihn an.
„Lass uns „Alle sind da“ gucken, Schatz. Das ist doch immer wieder lustig. Da ist jetzt ein Neuer in der Fun-WG, der Mamadou. Der ist total witzig“, sagte sie.
„Diesen Doku-Soap-Scheiß mag ich nicht“, knurrte Marvin und winkte ab. „Lass uns doch irgendeinen Film sehen.“
„Ach, komm! Ich finde „Alle sind da“ echt unterhaltsam“, drängelte Loreen und knuffte ihren Mann mit dem Ellbogen in die Seite.
„Meinetwegen!“, erwiderte dieser und verdrehte die Augen. Eine Viertelstunde später war Marvin bereits so müde, dass er sich kaum noch auf den Beinen halten konnte.
Laut gähnend erhob er sich vom Sofa und brummte: „Ich lege mich schon mal hin, okay? Mit mir ist heute Abend nicht mehr viel los.“
„Ja, ist gut. Schlaf schön. Komme auch gleich“, murmelte Loreen und ließ den Bildschirm nicht aus den Augen.
Marvin schlurfte durch den langen Hausflur, ging die Treppe zur oberen Etage hinauf und ließ sich dann auf das große Doppelbett im Schlafzimmer fallen. Er war so erschöpft, dass er es kaum noch schaffte, sich auszuziehen.
„Obwohl ich heute kaum etwas gemacht habe“, schoss es ihm noch durch den Kopf, bevor ihn der Schlaf übermannte.
Der nächste Arbeitstag sollte interessanter werden. Zumindest interessanter, als automatisierte Gerichtsverfahren am Computer vorzubereiten. Keller stimmte Marvin diesbezüglich ausdrücklich zu und fuhr mit ihm um 15.34
Uhr nach Frankfurt-Hoechst.
Die automatisierte Internetüberwachung hatte der zuständigen Behörde im Sicherheitskomplex FAM-IV soeben einen wiederholten Gesetzesverstoß in einem Internetforum gemeldet. Der Computer, an dem die Straftat begangen worden war, war auf einen 46 Jahre alten Hilfsarbeiter namens Robert Schneider registriert, wie Kuhmichel den übermittelten Überwachungsdaten entnehmen konnte.
Normalerweise wäre in einem solchen Fall vom System ein AG ohne vorherige polizeiliche Bearbeitung eingeleitet worden - vorausgesetzt es hätte sich bloß um eine „leichte oder mittelschwere Meinungsstraftat“ gehandelt.
Diesmal jedoch wurde das Internetverbrechen mit der höchsten Stufe, „Rot Alpha“, eingestuft, was ein zusätzliches Eingreifen der Sicherheitsbehörden vor Ort notwendig machte. Detective Keller, der neben Kuhmichel auf dem Beifahrersitz des Streifenwagens saß, fasste sich an den Kopf und stieß einen lauten Lacher aus.
„Der Typ hat in diesem Forum „Der Weg der Rus“ zum Download angeboten! Sogar mehrfach, Marvin! Das gibt es doch überhaupt nicht! Unfassbar, wie dumm manche Leute sind!“ Keller konnte sich kaum mehr einkriegen.
„Nach 150 Metern links abbiegen“, sprach der Navigator dazwischen und Kuhmichel beschleunigte das Auto.
„Ja, manche sind echt zu blöd, um aufrecht zu gehen“, meinte er und musste ebenfalls grinsen.
Kurz darauf hatten die beiden Beamten ihr Ziel erreicht und stellten den Polizeiwagen direkt vor einem großen Wohngebäude ab. Keller ließ sich noch immer über die Dummheit seiner Mitmenschen aus, während sein Kollege bereits auf die Eingangstür des heruntergekommenen Mehrfamilienhauses zuging.
Einige Bewohner sahen auf die beiden uniformierten Beamten herab und versteckten sich sofort wieder hinter den Gardinen ihrer Fenster, als Kuhmichel seinen Blick hob und grimmig zurück starrte.
„Schneider. Da haben wir ihn…“, brummte Keller und drückte auf die Klingel.
Es dauerte nur ein paar Sekunden, da brach eine aufgeregte Stimme aus der Sprechanlage. Offenbar gehörte sie einem noch recht jungen Mann.
„Wer ist da?“, schallte es den beiden Polizisten entgegen.
„Polizei! Machen Sie sofort die Tür auf!“, gab Keller energisch zurück und nickte seinem Kollegen zu.
Augenblicklich summte der Türöffner und die beiden Beamten betraten einen halbdunklen, muffig riechenden Hausflur.
Sie gingen in die dritte Etage, wo sie bereits ein kreidebleicher Teenager vor einer angelehnten Wohnungstür erwartete. Keller bewegte sich schnellen Schrittes auf den hageren, nervös schnaufenden Jugendlichen zu und stellte sich vor ihn.
„Polizei! Lassen Sie uns in Ihre Wohnung!“, knurrte er und der Junge gehorchte wie ein gut erzogener Hund.
Die beiden Beamten folgten ihm ins Wohnzimmer, wo er sich vor Angst zitternd in eine Ecke stellte.
„Sören Schneider?“, fragte Keller mit ernstem Blick.
„Ja!“, stieß der Junge aus und sein Atmen wurde lauter.
„Sind Sie allein?“, hakte Keller nach.
„Ja, meine Eltern sind auf der Arbeit.“
„Wo ist Ihr Computer?“, wollte Kuhmichel wissen und fixierte den rothaarigen Teenager mit stechendem Blick.
„Warum?“, stammelte dieser.
„Sie wissen warum! Wo ist er?“, schob Keller nach.
„Im Arbeitszimmer von meinem Vater. Also hier…“, erklärte Sören.
Im nächsten Moment stand Keller auch schon vor einem Schreibtisch, auf dem ein schäbiger Rechner stand. Der Beamte grinste.
„Eben noch online gewesen, wie?“
„Nein! Ich bin gerade erst nach Hause gekommen“, beteuerte der Junge und seine Schnappatmung wurde zu einem Zischen und Hecheln, während seine Wangen bereits so weiß wie eine Kalkwand waren.
„Natürlich!“ Marvin nickte ihm mit versteinerter Miene zu.
Marvin war bereits dabei, die Festplatte des Computers herauszunehmen, um sie sicherzustellen. In seiner Panik hatte der Jugendliche offenbar sogar den Stecker aus der Steckdose gerissen, doch das nützte ihm jetzt nichts mehr.
„Wir wissen durch den automatisierten Festplattenscan ohnehin schon, was hier alles an unschönem Zeug drauf ist, aber wir nehmen die Platte trotzdem mit. Ist amtliche Vorschrift“, meinte Kuhmichel zum Abschluss.
Während der junge Mann, der laut seinen Scanchipdaten vor einigen Tagen gerade einmal 16 Jahre alt geworden war, Blut und Wasser schwitzte, verließen die beiden Polizisten die Wohnung wieder, ohne ihn noch eines Blickes zu würdigen. Entsetzt schweigend sah ihnen Sören Schneider hinterher.
„Gibt ein schönes AG, mein Freund!“, rief Keller noch und schüttelte ungläubig den Kopf.
Damit war der Einsatz auch schon beendet. Zurück blieb ein Teenager, der sich seine Zukunft im Verwaltungssektor „Europa-Mitte“ soeben für immer verbaut hatte.
Sicherheitskomplexleiter Jürgens riss die Augen auf, als er die Dateien sah, die Sören Schneider auf der Festplatte des väterlichen Computers abgespeichert hatte. Das war ganz schön harter Tobak für einen so jungen Burschen, meinte er. Die drei Polizeibeamten, die vor dem Bildschirm hockten, sahen sich die Dateien im Grunde nur aus reiner Neugier an, denn die Auswertung war längst abgeschlossen und das Automatisierte Gerichtsverfahren eingeleitet worden.
Sören Schneider musste nun neben einem dauerhaften Negativeintrag in seinem Scanchipregister, der ihn als „politisch unkorrekte Person“ brandmarkte, mit einer Haftstrafe rechnen.
„Dieser Rechner stand schon seit drei Wochen unter automatisierter Beobachtung. Hier sind zwölf verbotene Bücher drauf. Außerdem drei Werbevideos der „Freiheitsbewegung der Rus“. Unglaublich, was sich der Hosenscheißer alles heruntergeladen hat!“ Kevin Keller kratzte sich nachdenklich an seinem kurzen Kinn.
„Das kommt immer häufiger vor. Vor allem „Der Weg der Rus“ kursiert im Internet, ungeachtet aller Sicherheitsmaßnahmen. Warum interessiert sich ein Jugendlicher für ein derartiges Buch?“, wunderte sich Kuhmichel und strich sich durch die Haare.
„Da ist auch ein Video über diesen verrückten Terroristen aus Deutschland!“ Keller deutete auf den Bildschirm.
„Über diesen Frank Kohlhaas etwa?“, fragte Jürgens und beugte sich etwas herunter.
„Ja, genau!“, erwiderte Kuhmichel und klickte das Video an.
„Tsss!“, machte Keller verächtlich, als eine Fahne mit einem Drachenkopf in der Mitte den Bildschirm ausfüllte und mitreißende Musik ertönte.
Dann wurde ein mittelgroßer, kräftiger Mann in grauschwarzer Uniform eingeblendet. Es folgte ein Porträt, bei dem man sein Gesicht in Großaufnahme sah. Trotzig dreinblickende, grüne Augen sahen den Betrachter mit grimmiger Entschlossenheit an.
„Ich werd nicht mehr!“, stieß Keller aus.
„Frank Kohlhaas - Kriegsheld der Volksarmee“ hieß das Propagandavideo der „Freiheitsbewegung“ und irgendjemand hatte es sogar mit deutschen Untertiteln versehen.
Eine tiefe, ernste Stimme ertönte und irgendein russisches Gerede quoll aus dem kleinen Lautsprecher neben dem Flachbildschirm.
„Seit den ersten Tagen der Revolution steht General Frank Kohlhaas an der Seite unseres geliebten Führers Artur Tschistokjow. Man kann mit Recht sagen, dass kaum ein Soldat unserer Bewegung schon seit so vielen Jahren heldenhaft an der Front gegen die Feinde unseres Volkes kämpft.
Noch bevor sich Frank Kohlhaas unserer Freiheitsbewegung angeschlossen hat, stand er schon im Kampf gegen die Sklavensoldaten der Weltregierung. Damals, als das tapfere japanische Volk im Jahre 2031 seinen Befreiungskrieg gegen die internationalen Völkerzerstörer ausgefochten hat, meldete sich Frank Kohlhaas bereits als Freiwilliger bei der japanischen Armee, um unsere Verbündeten in Ostasien bei der Abwehr der Global Control Force zu unterstützen.
Zwei Jahre zuvor war es ihm mit einer unglaublichen Einzelaktion gelungen, einen der schlimmsten Völkerverderber und Verbrecher, den ehemaligen Gouverneur des Sektors „Europa-Mitte“, Leon-Jack Wechsler, zu eliminieren.
Schließlich schloss sich Frank Kohlhaas im Jahre 2033, in einer Zeit der völligen Hoffnungslosigkeit, der kleinen, verlachten Revolutionsbewegung unseres Anführers Artur Tschistokjow an, um ihm als treuer Weggefährte in einen damals fast aussichtslos erscheinenden Kampf zu folgen.
Seit diesen frühen Tagen der Freiheitsbewegung ist der tapfere Deutsche immer in der ersten Reihe der Volksrevolution gewesen und ihr, die russische Jugend, die ihr im Glauben an Artur Tschistokjow und unser Vaterland wiedergeboren seid, sollt nun von seinen glorreichen Taten erfahren. Schaut auf zu Frank Kohlhaas, dem unerschütterlichen Preußen, dem General der Warägergarde, der die besten Soldaten des russischen Volkes in den revolutionären Kampf führt...“
Bevor der Sprecher jedoch die angeblichen Heldentaten des in Russland geliebten und im Verwaltungssektor „Europa-Mitte“ geächteten Deutschen weiter anpreisen konnte, klickte Kuhmichel das Video weg.
Diesmal schüttelte Keller den Kopf so energisch, dass seine speckigen Backen wackelten wie ein Schokopudding. Kuhmichel kicherte in sich hinein.
„Da sitzt so ein junger Mann zu Hause vor seinem Rechner, schaut sich ein Video über diesen geisteskranken Massenmörder an und hält ihn dann noch für einen Helden!“, empörte sich der Beamte. „Ich habe Fernsehberichte über diesen Bastard gesehen, die schlimmer waren als jeder Horrorfilm.“
„Die Russen verehren Kohlhaas jedenfalls. Allein das zeigt schon, wie bekloppt sie sind“, bemerkte Jürgens angewidert und drehte sich seinen beiden Untergebenen zu.
„Der Kerl ist einer der grausamsten Bluthunde, die Tschistokjow um sich geschart hat“, ergänzte Keller.
„Die bringen da hinten jeden um, der kein echter Russe ist. Habe ich neulich noch gelesen. Und jeden, der eine andere Meinung hat.“
Sicherheitskomplexleiter Jürgens lächelte theatralisch und meinte: „Aber, aber, Herr Kollege! Unser Weltpräsident hat doch vor, mit den Verbrechern in Russland Frieden zu schließen. Die Weltregierung und der Nationenbund der Rus sind doch längst Freunde, wollen sich friedlich einigen und so weiter.“
„Tschistokjow hat da drüben bestimmt schon eine Menge Atomwaffen gehortet, die er uns eines Tages auf`s Dach knallen will. Da bin ich mir sicher. Die hätten diese Verrückten gleich zu Beginn platt machen sollen. So hätte ich das gemacht! Gleich zu Beginn: Bamm!“, ereiferte sich Keller und deutete mit den Händen eine Atomexplosion an.
„Genau wie die Japsen! Matsumoto ist ein genauso wahnsinniger Diktator wie Tschistokjow“, fügte der Sicherheitskomplexleiter hinzu.
Seine beiden Untergebenen nickten eifrig und sahen ihn für einen Moment an. Jürgens nickte zurück.
„Ist doch so, oder?“
„Ja, natürlich, Herr Jürgens. Die sind alle beide verdammt gefährlich. Feinde unserer Weltdemokratie, Faschisten und alles“, betonte Keller.
„Wie auch immer, Männer“, brummte der Chef, erhob sich von seinem Platz und strich sich über den Bauch.
„Ich widme mich jetzt mal wieder wichtigeren Dingen.
Bis später.“
Er stand auf und verließ den Raum. Kuhmichel schaute dem hochgewachsenen Beamten mit der von einem weißgrauen Haarkranz umgebenen Halbglatze schweigend nach. Inzwischen ging der Chef schon auf die sechzig zu, dachte er.
Jürgens musste in der Blüte seiner Jahre der Prototyp des engagierten Polizisten gewesen sein, sagte Marvin manchmal zu seinen Kollegen. Noch immer wirkte der Leiter von FAM-IV recht kräftig und durchtrainiert für sein Alter. Das einst mittelbraune Haar war jedoch im Laufe der Zeit grau und dünn geworden. Ein paar kleinere Fettpölsterchen hatte die jahrelange Schreibtischarbeit ebenfalls sichtbar werden lassen. Alles in allem war Jürgens aber ein angenehmer Vorgesetzter, der irgendwann angefangen hatte, seinen Job mit einer gewissen Lässigkeit zu erledigen.
„Ich muss noch ein paar Datensätze bearbeiten“, kam von der Seite und Keller stand auf, um wieder zu seinem Schreibtisch zurückzukehren.
„Ja, ich auch“ Kuhmichel loggte sich ins interne System des Sicherheitskomplexes ein und erledigte den einen oder anderen Schreibkram, bis die Dienstzeit endlich vorbei war.
Eine Woche war seit dem Vorfall mit dem jungen Mann, der die illegalen Dateien im Internet hochgeladen hatte, vergangen. Detective Kuhmichel hatte sich in dieser Zeit vor allem mit eintöniger Büroarbeit beschäftigt und noch Dutzende Automatisierte Gerichtsverfahren abgesegnet.
Einmal waren Keller und er zu einer Wohnung gerufen worden, nachdem ein Mann seine Frau und seinen Sohn mit einer Eisenstange krankenhausreif geprügelt hatte.
Nachbarn hatten die Polizei nach einem stundenlangen, ohrenbetäubenden Familienstreit gerufen. Als sie angekommen waren, hatte der Mann einfach wortlos die Tür geöffnet und die Polizisten hereingebeten.
„Die sollten besser mal zum Arzt“, hatte er nur gesagt und auf seine Frau und seinen Sohn gedeutet, die bewusstlos in der Küche gelegen hatten. Das war der einzige Außeneinsatz der letzten Woche gewesen.
Seit Jahrzehnten übernahm die automatisierte Scanchipüberwachung viele Dinge, die früher von der Polizei erledigt werden mussten. Im Jahre 2045 gab es kein Bargeld mehr und Kreditkarte und Personalausweis waren zum sogenannten „Scanchip“ verschmolzen.
Jeder Bürger im Verwaltungssektor „Europa-Mitte“ hatte einen solchen Scanchip und sobald jemand gegen das Gesetz verstieß, erhielt er eine Vorladung zu einem Automatisierten Gerichtsverfahren. Im Falle von „realer Körperverletzung“ - nicht zu verwechseln mit „theoretischer Körperverletzung“ - und anderen mittelschweren Delikten musste die Polizei die Vorladungen jedoch noch immer absegnen oder zumindest formal zur Kenntnis nehmen.
Ansonsten konnte man dem Betreffenden auch „negative Scanchipeinträge“ verpassen, die ihn als Straftäter bei jeder Behörde und jedem Arbeitgeber sichtbar machten.
Alternativ konnte das elektronische Konto auf dem Datenträger einfach gesperrt werden, so dass der Delinquent von der einen auf die andere Sekunde finanziell mittellos war.
Außerdem hatte ein Scanchip eine Peilfunktion, was bedeutete, dass der Träger jederzeit durch das Sicherheitssystem zu orten war.
Die Weltregierung, die im Jahre 2018 die Regentschaft über die gesamte Erde angetreten hatte, war nunmehr seit Jahren dabei, den alten Scanchip, der noch immer wie eine Kreditkarte in der Tasche getragen wurde, durch einen neuartigen Implantationsscanchip zu ersetzen. Dieser hochmoderne Chip wurde unter der Haut eingesetzt und war ein winziger Datenträger, der jedoch alle Funktionen seines Vorgängers erfüllen konnte. Mit einem Laserscanner oder Datenstift konnte der Implantationsscanchip ausgelesen werden.
Damit wäre das Leben noch einfacher, wie Keller immer wieder begeistert betonte. Detective Kevin Keller trug den neuen Scanchip bereits seit einigen Jahren und gehörte damit zu jenen Bürgern in „Europa-Mitte“, die der dauerhaften Werbekampagne der Weltregierung bereitwillig gefolgt waren und sich den Datenträger hatten implantieren lassen.
„Lassen Sie sich jetzt registrieren! Einfacher geht es nicht!“, schallte es wieder und wieder aus den Fernsehern und Radios.
Kuhmichel jedoch hatte noch immer seinen alten Scanchip, was ihn auf seiner Dienststelle schon fast zu einem schwarzen Schaf machte, denn die meisten seiner Kollegen hatten die moderne „Implantationsregistrierung“ schon hinter sich gebracht.
Sogar Loreen trug den neuen Datenträger bereits unter der Haut ihres Unterarms - ihr Mann dagegen noch immer nicht.
Warum er sich bisher geweigert hatte, sich etwas in seinen Körper einpflanzen zu lassen, konnte er nicht genau sagen.
Irgendein Gefühl des Misstrauens hielt Marvin zurück, wenn es auch noch so unbegründet war. Natürlich war er keiner dieser irren Verschwörungstheoretiker, die behaupteten, dass die Weltregierung dunkle Absichten in Bezug auf die Implantationsscanchips hegte, doch änderte das nichts an seiner subtilen Verweigerungshaltung.
„Wann ist es denn bei Ihnen endlich einmal so weit, Herr Kuhmichel?“, fragte Jürgens in letzter Zeit ständig und seine großen, blauen Augen sahen dann vorwurfsvoll auf Marvin herab.
„Demnächst, Chef!“, gelobte der Detective jedes Mal und bemühte sich zu lächeln.
„Beamte mit implantierten Scanchips kommen schneller nach oben, Kuhmichel. Denken Sie daran!“, kam dann meistens vom Sicherheitskomplexleiter, der das immer in einem väterlichen Ton sagte.
Oft dachte Kuhmichel über die „Implantationsregistrierung“ nach und machte sich selbst Vorwürfe. Immerhin war er ein „Staatsdiener“, wenn man diesen veralteten Begriff benutzen wollte. Genau genommen existierten ja seit 2018 keine Nationalstaaten mehr, sondern nur noch Verwaltungssektoren wie etwa „Europa-Mitte“. Trotzdem war er einer und ein dauerhaftes Ignorieren der „Scanchip-Frage“ war definitiv keine gute Idee. Das wusste er nur zu gut.
Die grinsende Dame
Neben Marvin stolzierte seine Frau Loreen in ihren hochhackigen Schuhen durch den Haupteingang der Central City Shopping Mall, dem größten Einkaufszentrum in Frankfurt. Der riesenhafte, mehrstöckige Konsumtempel war im Jahre 2032 nahe der Zeil aus dem Boden gestampft worden und bildete inzwischen so etwas wie das kulturelle Zentrum der Mainmetropole.
Jeden Tag strömten Tausende von Sektorbürgern in das bunte Riesengebäude, um einkaufend ihre Freizeit zu verbringen. Marvin und Loreen waren auch wieder einmal unter ihnen. Wenn sie frei hatten, ging es eben in die „Mall“. So hatte es sich bei den beiden Eheleuten eingebürgert. Nicht zuletzt aus dem Grund, da es außerhalb des riesigen Kaufkomplexes kaum noch Geschäfte in Frankfurt gab.
Marvin musterte seine Frau, die sich heute nach allen Regeln der Kunst geschminkt hatte. Sie sah wirklich gut aus, dachte er. Loreens lange, schlanke Beine, ihr kurzer Rock, die gepflegten, blondierten Haare, die sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. Sie war ohne Zweifel eine Augenweide.
Allerdings war Loreen wieder einmal wesentlich flinker als er, wenn es darum ging, nach der neuesten Mode oder irgendwelchen Schnäppchen Ausschau zu halten.
Während sich Marvin etwas überfordert von den vielen Konsumenten und den blitzenden Werbetafeln um ihn herum in der Einkaufspassage umsah, war Loreen schon zu „Cool Wear“ gegangen; einem Laden, in dem es modische und zugleich bezahlbare Kleidung gab. Marvin trottete Loreen träge hinterher und stand kurz darauf hinter ihr. Loreen drehte emsig einen Kleiderständer.
„Und? Schon was gefunden, Schatz?“
Sie schwieg und drehte weiter. Marvin kam noch etwas näher.
„Hast du schon was gefunden, Schatz?“, fragte er erneut.
„Noch nichts…“, kam zurück.
„Aha!“
Loreen drehte sich um und sagte: „Ich muss mal nach einem neuen Oberteil schauen.“
„Ja, okay.“
Sie ging zu einem anderen Kleiderständer und versank in Gedanken. Marvin gähnte leise und hielt sich die Hand vor den Mund. Draußen auf der Einkaufsstraße hörte man unzählige Leute schwatzen und lachen. Diese Geräuschkulisse war allgegenwärtig in der Mall und sie vermischte sich mit einem Bombardement aus Werbesprüchen und leichter Musik, das aus einer Vielzahl von überall angebrachten Lautsprechern auf die kauffreudigen Massen niederging.
„Einfach schön bei Cool Wear!“, hallte es über Marvins Kopf von der Decke.
Schließlich kam Loreen mit ein paar Kleidungsstücken in den Händen zu ihrem Gatten zurück. Ihre blauen Augen leuchteten zufrieden. Marvin lächelte und nickte seiner Frau zu.
„Ich gehe mal eben bezahlen“, meinte Loreen und war sofort wieder weg, um sich an der Kasse anzustellen.
„Die neuen Mini Skirts bei Cool Wear! Jetzt anprobieren!
So stylisch!“, kam es von oben, gleich einer göttlichen Botschaft.
Wenig später hatte Loreen bezahlt und schwang zwei große Einkaufstaschen voller Kleider. Marvin gähnte und folgte ihr nach.
„Wollen wir zu „Jack`s Pizza“, Liebling?“, wollte er wissen.
„Ja, später“, antwortete sie. „Wollte erst noch in den Perfume Shop.“
„In Ordnung.“ Kuhmichel versuchte, mit Loreen Schritt zu halten und lauschte für einen Moment dem Klackern ihrer Stöckelschuhe.
Plötzlich drehte er sich um, weil irgendwo im Menschengewühl jemand laut aufgeschrien hatte. In einiger Entfernung, am Fuß einer der langen Rolltreppe, die in die zweite Shopping Passage führte, lamentierte ein junger Mann und lieferte sich ein hitziges Wortgefecht mit einem Mitarbeiter der Mall Security.
„Lass mich los, du Penner! Ich habe das bezahlt!“, schrie der Jugendliche, während ihn ein bulliger Mann in blauer Uniform am Kragen packte und per Funk seine Kollegen rief.
„Ich habe die Scheiße bezahlt, Mann! Was willst du denn von mir?“, kreischte der Junge und wandte sich im Griff des Wachmannes wie ein Fisch im Netz eines Anglers „Hurensohn! Arschloch! Ich hab das bezahlt, Alter!“
Kuhmichel schüttelte den Kopf und wollte seiner Frau folgen, doch Loreen war längst in der Konsumentenmasse verschwunden. Sicherlich war sie schon auf dem Weg zu diesem Perfume Shop am anderen Ende der Einkaufsstraße, dachte Marvin.
„Wo ist dieser verdammte Shop noch mal?“, überlegte er und kämpfte sich genervt durch die dichten Käuferschwärme, die die erste Etage der Central City Shopping Mall verstopften. Hier verlor man schnell den Überblick, sinnierte der Polizist, während er verzweifelt nach dem Perfume Shop suchte.
Die Anzahl der Autos hatte sich in den letzten Jahren stetig verringert. Im Jahre 2045 besaßen immer weniger Einwohner von „Europa-Mitte“ die finanziellen Mittel, ein Fahrzeug zu unterhalten. Unabhängig vom allgemeinen Niedergang der Autoindustrie.
Die Spritpreise waren in astronomische Höhen geklettert und Umweltsteuern zur „Klimarettung“ hatten Neuwagen zu teuren Luxusartikeln werden lassen. Nur noch die reichen Leute konnten sich neue Autos leisten.
Dennoch wurden die Kreuzungen im Herzen der Mainmetropole an diesem Morgen von einer Vielzahl schäbiger Autos überschwemmt und es ging nur langsam voran.
Genervt und müde quälte sich Kuhmichel in seinem alten, schwarzen „Clinton“ durch das Verkehrschaos und kam erneut vor einer roten Ampel zum Stehen.
„Verfluchte Scheiße!“, zischte Marvin und machte sich Sorgen, dass er diesmal nicht pünktlich am Arbeitsplatz erscheinen könnte.
Kurz darauf ging es weiter und eine lange Kolonne rostiger Autos setzte sich in Bewegung. Bis zum Sicherheitskomplex FAM-IV war es noch ein gutes Stück, denn der lag am anderen Ende der Stadt. Kuhmichel schaltete das Radio ein und blickte zornig über die verstopfte Straße.
„Der bekannte Journalist und Bürgerrechtler Matthias Dallenbeck ist heute Morgen tot im Vorgarten seines Hauses in Rostock aufgefunden worden. Laut Polizeiangaben wurde Dallenbeck durch zwei Schüsse in die Brust getötet. Die Sicherheitsbehörden des Lokalverwaltungssektors „D-Ost 1“ vermuten, dass die Ermordung Dallenbecks auf das Konto der extremistischen „Deutschen Freiheitsbewegung“ geht.
Dallenbeck hatte in den letzten Monaten als Chefredakteur der „Rostocker Rundschau“ immer wieder öffentlich zu einer entschiedeneren Bekämpfung der Terrororganisation aufgerufen. Regionalverwalter Dustin Rodrow erklärte heute vor Medienvertretern, dass er tief betroffen von der zunehmenden Gewalt im Lokalsektor „D-Ost 1“ sei.
Die „Deutsche Freiheitsbewegung“, die sich an den Lehren des russischen Diktators Artur Tschistokjow orientiert, verlangt ein autonomes Schutzgebiet für die deutsche Bevölkerung mit einer eigenständigen Regierung.
Angesichts derart verrückter Forderungen sprach Rodrow von „absurden Wahnvorstellungen einer kleinen, aber hochaggressiven Gruppe gefährlicher Dummköpfe“.
„Mir fehlen die Worte, wenn ich sehe, mit welcher Brutalität diese Extremisten inzwischen gegen die öffentliche Ordnung in „D-Ost 1“ vorgehen“, sagte der Vorsitzende des „Vereins für Menschenrechte und Humanität“, Prof.
Theodor Bloch, in Stralsund.
Noch heute wird Subsektorverwalter Dieter Bückling persönlich nach Rostock reisen, um sich vor Ort ein Bild von der Lage zu machen. Die Sicherheitsmaßnahmen im gesamten Lokalsektor „D-Ost 1“ sind seit den frühen Morgenstunden drastisch erhöht worden...“, berichtete eine ernst klingende Frauenstimme.
„Diese Irren! Dass sie die noch immer nicht haben!“, sagte Kuhmichel leise zu sich selbst.
„In Nordindien hat sich die ODV-Seuche weiter ausgebreitet. In der Region zwischen…“
Der Polizist schaltete das Radio aus, um sich in Ruhe über den vor ihm fahrenden „Schleicher“ aufregen zu können.
„Gaspedal ist rechts!“, grollte der Beamte, warf die Arme in die Höhe und wurde immer nervöser, da die Zeit drängte.
Eine halbe Stunde später hatte er endlich den Sicherheitskomplex FAM-IV erreicht und raste durch den Haupteingang, wo ihm Kollege Keller bereits entgegenkam. Der leicht untersetzte Ordnungshüter hob die Hand und winkte ab.
„Brauchst gar nicht erst hochkommen, Marvin. Wir müssen nach Sossenheim“, erklärte er.
„Was ist denn?“, wollte Kuhmichel wissen. Er war noch ganz außer Atem.
„Keine Ahnung! Wir haben eben einen Anruf erhalten.
Sollen was untersuchen“, brummte Keller und ging in Richtung des Streifenwagens.
„Geht`s auch etwas genauer?“, ärgerte sich Marvin.
„Nein! Jetzt komm!“ Keller öffnete die Tür und setzte sich ans Steuer. Diesmal wollte er fahren.
„Was ist denn los?“, drängelte Kuhmichel und schnallte sich an. Sein Kollege glotzte ihn für ein paar Sekunden mit seinen braunen Glubschaugen an und zuckte mit den Achseln.
„Das werden wir gleich sehen“, gab er dann zurück und startete den Motor.
Kurz darauf waren sie auf dem Weg nach Sossenheim, einem Stadtteil von Frankfurt, der nicht gerade den besten Ruf genoss. Als die beiden Beamten ihr Ziel erreicht hatten, standen sie vor einem klobigen, völlig verwahrlosten Hochhaus. Im Hintergrund schoben sich einige graubraune Wohnklötze in die Höhe, die ebenso schmutzig und heruntergekommen waren. Angewidert verzog Kuhmichel das Gesicht und warf seinem Kollegen einen vielsagenden Blick zu.
„Drecksgegend!“, war alles, was Keller dazu zu sagen hatte.
Marvin nickte und sie stiegen aus. Der Geruch von Müll und getrocknetem Urin stach den beiden in die Nasen.
Keller ließ es sich nicht nehmen, noch ein paar Kommentare vom Stapel zu lassen.
Derweil wurde das Polizeiauto von einer neugierigen Schar Kinder umringt. Sie fingen sofort an, laut zu schreien und zu schwatzen, als die beiden Polizisten auf sie zukamen. Kuhmichel vermutete, dass sie Arabisch redeten.
„Lasst uns mal durch!“, brummte Keller und bahnte sich einen Weg durch den lärmenden Schwarm.
„Was wollt ihr hier? Ey, was wollt ihr hier?“, hörte Marvin hinter sich.
„Was ist das für ein Waffe, Herr Polizist? Kann ich die mal sehen? Hä?“, kam es von der Seite.
Die beiden Beamten gingen einige verwitterte Betonstufen herauf und kamen zur Eingangstür des Wohnblocks, die mit zahllosen Schrammen, Schmierereien und Rissen übersät war. Sie klingelten bei „Fichte“ - dem Mann, der sie angerufen hatte.
„Ich will auch so eine Waffe! Ha! Ha! Kann ich die mal haben, Herr Polizist? Ey?“, nervte eines der Kinder und tänzelte um Kuhmichel herum.
„Geh spielen!“, herrschte dieser den Jungen an und wedelte mit der Hand.
Als der Türöffner summte, betraten die beiden Beamten das düstere Treppenhaus. Dort wurden sie von einer Wolke unangenehmer Gerüche empfangen.
„Bah! Ist ja ekelhaft!“, fauchte Marvin und hielt sich die Hand vor die Nase, um im nächsten Moment über einen Müllsack zu stolpern, den irgendjemand mitten auf den Gang geworfen hatte.
„Hier steige ich in keinen Aufzug“, meinte Keller. Die zwei Polizisten beschlossen, das Treppenhaus zu benutzen, um in die fünfte Etage zu kommen, wo Fichte wohnte.
Draußen vor dem Haupteingang hörte man noch immer die schrillen Stimmen der Kinder, die jetzt wieder in ihrer Sprache durcheinander schrien.
Das Treppenhaus war ebenso dreckig und widerwärtig wie der Rest des Gebäudes. Überall lag Müll auf den Stufen und nicht einmal der Lichtschalter funktionierte mehr.
„Ich ficke alle Weiba!“, hatte jemand an die graue Betonwand geschmiert und einen großen Penis daneben gemalt. Kuhmichel kratzte sich am Kinn.
„Einfach nur asozial, die ganze Gegend“, knurrte Keller verächtlich, seinem Kollegen die ramponierte Tür aufhaltend, die zum Hausflur der fünften Etage führte.
Die beiden Beamten betraten einen langen Korridor, der in schummriges Licht getaucht war. Hinter den Wohnungstüren hörten sie die Geräusche laufender Fernseher oder lautes Gerede in den verschiedensten Sprachen.
Kuhmichel stieß mit dem Fuß gegen eine zerbeulte Coladose und fluchte. Schließlich erreichten sie die Wohnung von Herrn Fichte, der laut seinen Scanchipdaten 71 Jahre alt war.
„Hier oben stinkt es ja noch schlimmer als unten. Absolut ekelhaft“, sagte Keller und klopfte gegen die Tür.
„Alter Spasti!“, bemerkte Marvin grinsend und stieß seinem Kollegen den Ellbogen in die Seite.
„Was?“
„Da hat einer „Alter Spasti!“ in die Tür geritzt! Sieh mal!“, erklärte er.
„Aha? Nett!“, kam zurück.
Im selben Moment öffnete eine grauhaarige, völlig abgemagerte Gestalt die Tür und schielte den beiden Polizisten entgegen.
„Max Fichte! Guten Tag!“, stellte sich der Alte vor.
„Was ist denn?“, fragte Keller barsch und winkte die traurige Gestalt zu sich.
„Riechen Sie das nicht?“, fragte Fichte im Gegenzug „Hier stinkt es doch wie Sau! Riechen Sie das wirklich nicht?“
„Guter Mann, in diesem Wohnblock stinkt es überall wie Sau. Nichts für ungut.“ Kuhmichel verdrehte die Augen.
„Ist etwas vorgefallen, Herr Fichte?“, wollte Keller wissen und wurde langsam ungehalten.
Der Alte wankte den Korridor herunter und führte die beiden Polizisten zur Tür einer Wohnung am Ende des Ganges. Kuhmichel und Keller wichen zurück, als sie direkt davor standen.
„Himmel! Welches Schwein haust denn hier?“, stieß Letzterer aus und kramte ein Taschentuch hervor, um es sich vor die Nase zu halten. Marvin tat das Gleiche, während Herr Fichte zu grinsen anfing und dabei seine gelbbraunen Zähne entblößte.
„Da wohnt keiner, wissen Sie, aber es stinkt, als ob da einer am verwesen ist. Wird immer schlimmer. Stinkt immer mehr, wissen Sie? Da sollten Sie mal nachgucken. Da wohnt nämlich gar keiner und trotzdem stinkt es wie im Puff. Das ist doch nicht normal, meinen Sie nicht auch?“
Kuhmichel betrachtete die Wohnungstür, die einst mit einer dunkelgrünen Lackfarbe angestrichen worden war.
Jetzt blätterte die Farbe überall ab und enthüllte ein modriges, hellbraunes Holz.
„Da wohnt also keiner, wie?“, keuchte Keller und versuchte, gegen den furchtbaren Gestank anzukämpfen.
Max Fichte dagegen schien das weniger auszumachen.
Offenbar hatte er sich schon an die furchtbaren Gerüche in diesem Wohnblock gewöhnt.
„Neee! Keiner wohnt da drinnen! Schon seit Jahren nicht mehr, Herr Polizist. Aber da habe ich trotzdem mal Geräusche drin gehört. Ist aber schon eine Weile her. Das ist doch nicht normal. Da hab` ich es mit der Angst zu tun bekommen. War ganz schön unheimlich. Geräusche aus einer Wohnung, wo keiner mehr drin wohnt. Das ist seltsam. Kann ja gar nicht normal sein, wie ich meine. Hab ich doch Recht mit, oder?“, sagte der alte Mann.
„Wir kümmern uns darum“, versprach Kuhmichel und ging noch einen Schritt zurück, in der Hoffnung, dem bestialischen Gestank entgehen zu können.