Stadt der Zukunft – Wege in die Globalopolis - Friedrich von Borries - E-Book

Stadt der Zukunft – Wege in die Globalopolis E-Book

Friedrich von Borries

0,0
9,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

Ausgehend von einer kritischen Gegenwartsanalyse entwerfen der Architekt Friedrich von Borries und der Städteplaner Benjamin Kasten das Bild einer zukünftigen Stadt, die ökologischer und gerechter als die Stadt der Gegenwart ist. Sie ist größer, höher, dichter und grüner – und sie hat eine neue politische Rolle. Diese Stadt der Zukunft hat den Nationalstaat als Identifikationsraum abgelöst. Die Weltgemeinschaft wird nicht mehr von Staatschefs, sondern von Bürgermeistern organisiert. Diese Vision einer zukünftigen Weltstadt wird durch zahlreiche konkrete Beispiele anschaulich gemacht.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 138

Veröffentlichungsjahr: 2019

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Friedrich von Borries | Benjamin Kasten

Stadt der Zukunft

Wege in die Globalopolis

 

 

Über dieses Buch

 

 

Ausgehend von einer kritischen Gegenwartsanalyse entwerfen der Architekt Friedrich von Borries und der Städteplaner Benjamin Kasten das Bild einer zukünftigen Stadt, die ökologischer und gerechter als die Stadt der Gegenwart ist. Sie ist größer, höher, dichter und grüner- und sie hat eine neue politische Rolle. Diese Stadt der Zukunft hat den Nationalstaat als Identifikationsraum abgelöst. Die Weltgemeinschaft wird nicht mehr von Staatschefs, sondern von Bürgermeistern organisiert. Diese Vision einer zukünftigen Weltstadt wird durch zahlreiche konkrete Beispiele anschaulich gemacht.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Biografie

 

 

Friedrich von Borries, geb. 1974, ist Architekt und Professor für Designtheorie an der HFBK Hamburg. Im Projektbüro Friedrich von Borries setzen er und seine Kollegen sich theoretisch und praktisch mit der Zukunft der Stadt auseinander.

 

Benjamin Kasten, geb. 1980, studierte Stadt- und Regionalplanung.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Inhalt

Entwürfe für eine Welt mit Zukunft

1. Imagination

Traum von Globalopolis

Das Netzwerk der Städte auf dem Weg nach Berlin

Bürgermeisterin von New York

Bürgermeister von Kopenhagen

Andere Teilnehmer

Berlin

Bürgermeisterin von Berlin

Luftschiffhafen

Freedom Tower

Führung durch Berlin

Flywheels

Ernährung

Stadtschloss

Forschungsschwerpunkt

Anderer Forschungsschwerpunkt

Wohnraum für Forscher

Tempelhofer Wald

Baumhaus

Tempelhofer Wald 2

Brandenburger Tor

Abschluss der Tagung

Erwachen aus dem Traum

Träumen - Ausprobieren

2. Stadt

Wie über die Zukunft der Stadt nachdenken?

Gestaltung

Identität

Globalopolis

Stadt

Zukunftsvision

Methode

3. Handlungsfelder

Was ist zu tun?

Dichte

Infrastruktur

Mobilität

Ökosystem

Ressourcen

Arbeit

Wohnen

Eigentum

Sicherheit

Partizipation

Ästhetik

4. Offene Punkte

Worüber noch zu sprechen ist

Raum

Macht

Gestaltung

5. Perspektivwechsel

Wie sieht Globalopolis aus globaler Perspektive aus?

Yung Ho Chang

Diébédo Francis Kéré

Luiza Prado de O. Martins

6. Anhang

Was wird bereits gemacht?

7. Nachwort

Datengrundlagen der Infographiken

Entwürfe für eine Welt mit Zukunft

Das 19. und 20. Jahrhundert waren die Epoche der expansiven Moderne. Immer weitere Teile der Welt folgten dem industriegesellschaftlichen und wachstumswirtschaftlichen Pfad, ihre Bewohnerinnen und Bewohner erlebten materiellen und vor allem auch immateriellen Fortschritt: Die Gesellschaften demokratisierten sich, wurden freiheitliche Rechtsstaaten, Arbeitsschutzrechte, Bildungs-, Gesundheits- und Sozialversorgung wurden erkämpft. Im 21. Jahrhundert, da die Globalisierung fast den ganzen Planeten in den wachstumswirtschaftlichen Sog gezogen, aber dabei keineswegs überall Freiheit, Demokratie und Recht etabliert hat, stehen wir vor der Herausforderung, den erreichten zivilisatorischen Standard zu sichern, denn dieser gerät immer mehr unter den Druck von Umweltzerstörung, Ressourcenkonkurrenz, Klimaerwärmung – um nur einige der gravierendsten Probleme zu nennen. Wie sieht eine moderne Gesellschaft aus, die nicht mehr dem Prinzip der immerwährenden Expansion folgt, sondern gutes Leben mit nur einem Fünftel des heutigen Verbrauchs an Material und Energie sichert? Das weiß im Augenblick niemand; einen Masterplan für eine solche Moderne gibt es nicht. Wir brauchen daher Zukunftsbilder, die die Lebensqualität in einer nachhaltigen Moderne vorstellbar machen und mit den Entwürfen einer anderen Mobilität, einer anderen Ernährungskultur, eines anderen Bauens und Wohnens die Veränderung der gegenwärtigen Praxis attraktiv und nicht abschreckend erscheinen lassen.

Deshalb haben wir für die Buchreihe »Entwürfe für eine Welt mit Zukunft« Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gebeten, konkrete Utopien künftiger Wirtschafts- und Lebenspraktiken zu skizzieren. Konkrete Utopien, das heißt: Szenarien künftiger Wirklichkeiten, die auf der Basis heute vorliegender technischer und sozialer Möglichkeiten herstellbar sind. Erst vor dem Hintergrund solcher Zukunftsbilder lässt sich abwägen, welche Entwicklungsschritte heute sinnvoll sind, um sich in Richtung einer wünschenswerten Zukunft aufzumachen. Anders gesagt: Ohne Zukunftsbilder lässt sich weder eine gestaltende Politik denken noch die Rolle, die die Zivilgesellschaft für eine solche Politik spielt. Wenn Politik und Zivilgesellschaft wie Kaninchen vor der Schlange ausschließlich auf die Bewahrung eines fragiler werdenden Status quo fixiert sind, verlieren sie die Fähigkeit, sich auf ein anderes Ziel zuzubewegen. Sie verbleiben in der schieren Gegenwart, was in einer sich verändernden Welt eine tödliche Haltung ist.

Nach 18 Bänden der ebenfalls im FISCHER Taschenbuch erschienenen Vorgängerreihe, die unter großer öffentlicher Resonanz eine wissenschaftliche Bestandsaufnahme des naturalen Status quo der Erde in den einzelnen Dimensionen von den Ozeanen bis zur Bevölkerungsentwicklung vorgelegt hat, wenden wir nun also den Blick von der Gegenwart in die Zukunft – in der Hoffnung, konkrete Perspektiven für die Gestaltungsmöglichkeiten einer nachhaltigen modernen Gesellschaft aufzuzeigen, Perspektiven, die der Politik wie den Bürgerinnen und Bürgern Mut machen, ihre Handlungsspielräume zu nutzen und Wege zum guten Leben einzuschlagen.

 

Harald Welzer & Klaus Wiegandt

1.Imagination

2.Stadt

Wie über die Zukunft der Stadt nachdenken?

Stadt steht für Freiheit, Wohlstand, Wachstum und ist der Ursprungsort von Demokratie. Deshalb ist die Stadt Anziehungspunkt für viele Menschen. Zur Stadt gehören aber auch Kolonialisierung, Naturzerstörung und Ausbeutung. Die Stadt der Zukunft muss dieses Erbe überwinden, um Motor einer zukunftsfähigen Gesellschaft zu sein.

Warum müssen wir über die Zukunft von Stadt nachdenken? Weil immer mehr Menschen in Städten leben und die Welt zunehmend verstädtert. Schon heute lebt weit über die Hälfte der Menschheit in Städten, Tendenz steigend. Und in den reichen westlichen Ländern ist der Urbanisierungsgrad bereits wesentlich höher: In Deutschland leben zum Beispiel 75 Prozent der Menschen in Städten.

Es ist also eine Zukunft vorstellbar, in der alle oder fast alle Menschen in Städten leben. Die Herausforderung besteht dabei nicht in der Frage, warum die Welt verstädtert, sondern wie sie verstädtert. Die Frage nach dem Wie ist eine der zentralen Stellschrauben für die Zukunftsgestaltung.

Gestaltung

Wie aber gestaltet man eine bessere Stadt? Was sind die relevanten Kriterien? Welche Chancen und Perspektiven gibt es, wie stellen wir uns ein glückliches, erfolgreiches oder gelungenes Leben in der Stadt vor? Die Möglichkeiten, die uns zur Verfügung stehen, hängen von vielen Faktoren ab. Je nachdem, aus welcher Denktradition heraus wir die Wirklichkeit beschreiben und interpretieren, stehen andere Faktoren im Fokus: für Juristen zum Beispiel die politische Verfasstheit, für Volkswirtschaftler die ökonomische Ordnung, für Umweltwissenschaftler die ökologischen Rahmenbedingungen, für Kulturwissenschaftler der kulturelle Kontext – um nur eine Auswahl möglicher disziplinärer Perspektiven zu nennen.

Dieses Buch – geschrieben (und gezeichnet) von einem Architekten und einem Stadtplaner – beschreibt mögliche Ansätze zur Verbesserung von Stadt aus der Perspektive der gestalterischen Disziplinen. Unsere Annahme ist, dass der Raum und die Dinge, die uns umgeben, einen wesentlichen Einfluss auf unser Verhältnis zur Welt, auf unsere Lebenschancen und -perspektiven haben. Der Grund für diese Annahme ist, dass der Raum, in dem wir uns befinden, und die Gegenstände, mit denen wir uns und den Raum ausstatten, ganz wesentlich dazu beitragen, wie wir uns zueinander verhalten. Sie sind also in grundlegendem Sinne politisch und gesellschaftlich wirksam. Während eine Verfassung das menschliche Miteinander auf abstrakter Ebene organisiert, ordnet die Lebenswelt das menschliche Miteinander ganz unmittelbar. Wenn immer mehr Menschen in Städten wohnen, lautet die Kernfrage, welche Formen von Zusammenleben die Stadt der Zukunft zulässt oder ermöglicht. Also: Wie gestalten wir Stadt so, dass wir in ihr sinnvoll, friedlich und glücklich zusammenleben?

Überall auf der Welt ziehen Menschen in Städte, weil sie hoffen, in der Stadt ihr Glück zu finden, zu Wohlstand zu kommen, ihre Existenz zu sichern oder zumindest ihre Überlebenschancen zu verbessern. Gleichzeitig erleben viele Menschen Stadt als etwas Bedrohliches, Gefährliches. Stadt, wie sie heute gebaut, organisiert und gelebt wird, verursacht viele soziale Konflikte. Sie ist – noch nicht – der optimale Lebensraum für Menschen.

Neben der sozialen Dimension ist für die Zukunft der Menschheit aber auch die ökologische Perspektive auf Stadt von zentraler Bedeutung. Heute werden in Städten etwa 75 Prozent der global erzeugten Energie verbraucht und rund 80 Prozent der CO2-Emissionen ausgestoßen. Stadt ist also auch ein Ort, an dem große ökologische Probleme verursacht werden. Somit stellt sich die Frage, wie Stadt so gestaltet werden kann, dass sie klimaneutral ist, in ihr kein Müll produziert und keine Ressourcen verschwendet werden. Viele interessante Konzepte und Pilotprojekte versuchen das herauszufinden, zum Beispiel indem sie energiesparende Architektur entwickeln und neue Mobilitätssysteme erproben. Wir werden einige von ihnen in diesem Buch vorstellen.

Doch auch wenn solche Ansätze wichtig sind, sind wir der Überzeugung, dass technische Optimierungen von Stadt zu kurz greifen. Wir vertreten eine These, die an einem viel grundsätzlicheren Punkt ansetzt. Die These besagt, dass das räumliche, soziale und kulturelle Konstrukt »Stadt« selbst der Ursprung und Verursacher einer Vielzahl der Probleme ist, vor denen wir heute stehen. Wenn die Gestaltung von Stadt diese Probleme lösen soll, müssen wir nicht das bestehende Konstrukt technisch optimieren, sondern die Funktionsweisen und das Selbstverständnis von Stadt grundlegend in Frage stellen. Erst dann können wir Handlungsfelder identifizieren, damit wir schon heute an einer besseren Stadt für morgen arbeiten können.

Identität

Folgt man gängigen neoliberalen Modellen, so stehen Städte miteinander in Konkurrenz. Sie werben um die besten Arbeitskräfte und um solvente Investoren. Sie müssen, laut Entwicklungsnarrativ, immer attraktiver für eine zahlungskräftige Klientel werden. Dies erreichen sie, indem sie zum Beispiel Bauland für Großunternehmen billig zur Verfügung stellen, niedrige Steuersätze und geringe Umweltauflagen festlegen oder indem sie eine interessante Markenidentität entwickeln. Eine solche Identität setzt sich zusammen aus kulturellem Angebot (zum Beispiel Kunstgalerien, Museen, Theater-, Konzert- und Opernhäusern oder außergewöhnlicher Architektur), alltäglicher Lebensqualität (Sportmöglichkeiten, Grün-, Frei- und Wasserflächen, Bars, Clubs und Restaurants) und Zugang zu guten Bildungsmöglichkeiten (Kindergärten, Schulen, Universitäten).

Diese Strategie mag für eine auf Wachstum und ökonomische Wertsteigerung ausgelegte Stadtentwicklungspolitik erfolgsversprechend sein – aber nur für Städte, die seit dem explosiven Stadtwachstum Ende des 19. Jahrhunderts hochentwickelt sind, sich derartige Angebote, Infrastrukturen und Investitionen leisten können und über eine entsprechend liquide Bewohnerschaft verfügen. Also: Wenn man sich über die Zukunft der Städte in den reichen, westlichen Ländern Gedanken macht, sind solche Strategien erstrebenswert, die die Lebensqualität erhöhen und gleichzeitig zur Anpassung an und Vermeidung von Klimawandel beitragen. Aber diese Strategien lassen sich nicht so einfach auf die Millionenstädte in den ärmeren Regionen der Welt übertragen. Wenn wir über eine nachhaltige Zukunft im globalen Kontext nachdenken wollen, geht es um etwas anderes als um das ökologische Sahnehäubchen auf einer bereits bestehenden und gut funktionierenden technischen und sozialen Infrastruktur. Wenn wir über Identität von Stadt im globalen Kontext nachdenken wollen, müssen wir grundlegender ansetzen.

Schauen wir dazu in die Entstehungsgeschichte von Stadt. Vor 10–15000 Jahren begannen nomadisch lebende Jäger und Sammler sesshaft zu werden, um gezielt Lebensmittel anzubauen. Sie bewirtschafteten ihr Land so intensiv, dass sie bald nicht mehr ihre gesamte Arbeitskraft dazu aufwenden mussten, Nahrung zu finden. Und sie hatten sogar so viele Nahrungsmittel, dass mehr Menschen großgezogen werden konnten als starben. Die Bevölkerung wuchs, die bestehenden Siedlungen wurden zu klein, sie schlossen sich zu Dörfern zusammen, und erste Städte entstanden, in denen die Menschen dicht an dicht wohnten. Menschen, die sich vorher nicht kannten, trafen aufeinander. Austausch und Arbeitsteilung beflügelten die Entwicklung, Kunst und Handwerk blühten auf. Die entstandenen Städte vernetzten sich untereinander. Es formierte sich das, was wir heute »Zivilisation« nennen. Das urbane Phänomen »Zivilisation« umfasst nicht nur wirtschaftliches Wachstum, technische Innovationen und die Herausbildung einer Kultur mit spezifischen Vorstellungen über Religion und Kunst, sondern auch das, was wir heute Politik nennen – ein Begriff, der vom griechischen Wort für Stadt, »polis«, abstammt. Menschen im alten Griechenland dachten darüber nach, wie sie das Leben auf engstem Raum am besten organisieren konnten, und so wurde schließlich die Idee der Demokratie geboren. Stadt steht für Freiheit – wie der aus dem Mittelalter stammende Satz »Stadtluft macht frei« noch immer verspricht.

Doch Stadt, und auch das zählt zu ihrer Identität, war keineswegs immer ein friedlicher Raum. Stadt war – und ist – ein expansiver Raum. Bei aller kulturellen Pracht, die Städte entfalten, bei aller Energie und Innovation, die von Städten ausgehen – Städte waren immer darauf angewiesen, dass ihnen von außen Energie, Nahrungsmittel und Menschen zuströmten. Man kann sich Städte in allen Zeiten und Kulturen ansehen – die aztekischen Städtebünde, Babylon, das in Vorderasien Kolonien gründete, Athen, das den ganzen Mittelmeerraum dominierte, das alte Rom, das von einer Stadt aus ein Weltreich begründete, oder die italienischen Städte der Renaissance, von Städten gehen immer auch Herrschaftsansprüche, Kriege und Kolonialisierung aus. Es ist ihr Quellcode, Teil der Identität von Stadt.

Wenn wir also heute über die Zukunft der Stadt nachdenken und dabei ihre Identität ins Zentrum stellen, gilt es, den Quellcode von Stadt zu überwinden. Es soll nicht länger um Konkurrenz gehen, sondern um Kooperation, es geht nicht um Expansion, sondern um Vernetzung, nicht um Ausbeutung der umgebenden Umwelt (was in Zeiten der Globalisierung ja immer die ganze Welt ist), sondern um Ausgleich. Es soll nicht länger um Eroberung und Kolonialisierung gehen, sondern um friedliche, produktive und offene Koexistenz von Unterschiedlichem.

Kooperation, Vernetzung und Koexistenz setzen allerdings eines voraus: Offenheit. Offenheit für das, was uns nicht vertraut ist, was sich unserem Denken entzieht, was jenseits unserer Vorstellungskraft liegt. Deshalb werden uns bei der folgenden Auseinandersetzung mit eher klassischen Kategorien der Stadtentwicklung – Dichte, Infrastruktur, Grünraumplanung, Sicherheit etc. – einige grundlegende Fragen begleiten: Was für ein Bild vom Menschen haben wir? In welcher Beziehung steht der Mensch zu seiner Umwelt – ist der Mensch Teil von ihr oder ein Gegenüber? Was für eine Vorstellung von Welt haben wir? Ist sie vielfältig, ein Pluriversum, oder ein Universum, eine Ganzheit, die sich den gleichen Gesetzen unterwirft? Und wie gehen wir mit dem um, was sich unserem Denken und unserer Vorstellungskraft entzieht? Die Antworten auf diese Fragen prägen die Identität von Stadt. Für die Zukunft von Stadt, die wir uns vorstellen, ist eine Kultur der Offenheit Voraussetzung.

Globalopolis

Wir stellen uns die Stadt der Zukunft als Globalopolis vor, als eine weltumspannende, vernetzte und hochverdichtete, in sich aber vielfältige, also pluriversale Siedlungsstruktur.

Diese Stadt der Zukunft entspricht nicht dem Bild unserer Erde, das wir aus dem Schulatlas kennen. Dort wird die Erde als Kugel gezeigt, die vor allem von Wasser bedeckt ist. Dazwischen liegen die Kontinente, die aus Wüsten, Gebirgen und Wäldern bestehen. Und hier und da eingestreut liegen die Städte, kaum sichtbare Punkte in einem weiten, freien Raum. Dieses Bild der Erde entspricht vielleicht der Welt des Mittelalters oder der frühen Neuzeit, aber nicht der Zukunft – und in vielen Bereichen auch nicht der Gegenwart. Zoomt man etwa in eine Metropolregion, stellt sich ein anderes Bild dar. Dort ist die Erdoberfläche ein dichter Siedlungsteppich, in den einzelne, relativ kleine land- und forstwirtschaftliche Flächen eingesprenkelt sind. Die gesamte Oberfläche ist vom Menschen und seiner urbanen Siedlungsstruktur überformt. Auch die auf den ersten Blick freien Räume sind durch Verkehrstrassen zerschnitten, die die unterschiedlichen Siedlungskerne miteinander verknüpfen. Diese Struktur, so unsere Vorstellung, wird sich weiter ausdehnen, immer mehr Bereiche der Erdoberfläche bedecken, irgendwann nicht nur die Kontinente, sondern auch die Wasserflächen, so dass ein weltumspannendes Siedlungsnetz entsteht.

Sie werden sich jetzt vielleicht fragen, ob eine solche globale Stadt eine Utopie ist oder eine Dystopie, Beschreibung einer wünschenswerten Zukunft oder Schreckensszenario. Die Antwort ist einfach und deshalb kompliziert: Sie ist weder das eine noch das andere, sondern einfach eine Wahrscheinlichkeit. Vielleicht etwas überspitzt, aber vor dem Hintergrund der globalen Bevölkerungsentwicklung ist ein Anwachsen und perspektivisch auch ein Zusammenwachsen der Städte unvermeidlich. In China lässt sich dies bereits eindrucksvoll beobachten.

Wir verwenden den Begriff Globalopolis aber noch aus einem anderen Grund. Und dieser Aspekt hat ein utopisches Moment, das womöglich wesentlich unwahrscheinlicher ist als das rein physische Zusammenwachsen der Städte. Denn der Begriff Globalopolis meint nicht nur, dass ein urbanes Netzwerk den ganzen Globus überzieht, sondern auch, dass diese weltumspannende Siedlungsstruktur die politische Organisationseinheit sein soll. Bestehende Organisationsformen wie der Territorialstaat werden durch sie überflüssig. Wenn wir an die Stadt der Zukunft denken, denken wir also nicht nur an die bauliche Masse, nicht nur an die Verteilung von Grün- und Freiflächen oder an neue, umweltfreundliche Mobilitätssysteme, sondern wir stellen uns die Stadt auch als zentrale politische Institution vor, die demokratisch ihre eigenen Geschicke in die Hand nimmt.

Diese Globalopolis, so unsere Wunschvorstellung, ist – möglichst – herrschaftsfrei. Sie vertraut ihren Bewohnern, dass sie Konflikte untereinander aushandeln und gemeinsam die richtigen Entscheidungen treffen. Sie versucht, ein Raum zu sein, in dem Gleichheit von allen alltäglich gelebt und weiterentwickelt werden kann. Und sie klammert sich nicht an erstarrte Rituale, sondern entwickelt immer neue, der jeweiligen Situation angemessene Aushandlungsverfahren, die auch diejenigen einbeziehen, die, wie zum Beispiel Tiere, keine eigene Stimme haben. Und das ist aus unserer Sicht keine Dystopie, sondern eine wünschenswerte Zukunft.