Wo bist du, Natalie? - Simone Aigner - E-Book

Wo bist du, Natalie? E-Book

Simone Aigner

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Beschreibung

In diesen warmherzigen Romanen der beliebten, erfolgreichen Sophienlust-Serie wird die von allen bewunderte Denise Schoenecker als Leiterin des Kinderheims noch weiter in den Mittelpunkt gerückt. Denise hat inzwischen aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle geformt, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren. Sindy Meinert saß vor ihrem Computerschrank, an dem sie als freie Mitarbeiterin die Buchhaltung für etliche Unternehmen erledigte und wählte zum dritten Mal an diesem Morgen die Nummer ihrer Mutter. »Brr, brr«, machte ihre dreijährige Tochter Natalie und schob dabei das knallrosa Plastikauto ihrer Barbiepuppe Lilli über den Teppich. Die Puppe selbst saß schief hinter dem Steuer, die langen blonden Haare waren verfilzt. Das imitierte Geräusch zerrte an Sindys Nerven. Das lag hauptsächlich daran, dass sie reichlich Arbeit hatte, auf die sie sich erst konzentrieren konnte, wenn das morgendliche Telefonat mit ihrer 85-jährigen Mutter erfolgt war. Diese allerdings ging nicht an den Apparat und das machte Sindy Sorgen. »Mama?« Natalie setzte sich auf die Fersen. »Ja?« Geistesabwesend beendete Sindy ihren Gesprächsversuch. Es war halb neun am Morgen. Um die Zeit war ihre Mutter doch immer zu Hause. Irgendetwas stimmte da nicht. Sie würde doch nicht …? Lieber Himmel. Mama war 85 Jahre. Sie durfte es sich nicht vorstellen. Oder sie war wieder gestürzt? Das war in den letzten Wochen schon zweimal passiert.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Sophienlust - Die nächste Generation – 111 –

Wo bist du, Natalie?

Unveröffentlichter Roman

Simone Aigner

Sindy Meinert saß vor ihrem Computerschrank, an dem sie als freie Mitarbeiterin die Buchhaltung für etliche Unternehmen erledigte und wählte zum dritten Mal an diesem Morgen die Nummer ihrer Mutter.

»Brr, brr«, machte ihre dreijährige Tochter Natalie und schob dabei das knallrosa Plastikauto ihrer Barbiepuppe Lilli über den Teppich. Die Puppe selbst saß schief hinter dem Steuer, die langen blonden Haare waren verfilzt.

Das imitierte Geräusch zerrte an Sindys Nerven. Das lag hauptsächlich daran, dass sie reichlich Arbeit hatte, auf die sie sich erst konzentrieren konnte, wenn das morgendliche Telefonat mit ihrer 85-jährigen Mutter erfolgt war. Diese allerdings ging nicht an den Apparat und das machte Sindy Sorgen.

»Mama?« Natalie setzte sich auf die Fersen.

»Ja?« Geistesabwesend beendete Sindy ihren Gesprächsversuch. Es war halb neun am Morgen. Um die Zeit war ihre Mutter doch immer zu Hause. Irgendetwas stimmte da nicht. Sie würde doch nicht …? Lieber Himmel. Mama war 85 Jahre. Sie durfte es sich nicht vorstellen.

Oder sie war wieder gestürzt? Das war in den letzten Wochen schon zweimal passiert. Einmal war Sindy dabei gewesen, als sie an einer Teppichkante hängengeblieben war. Doch außer einem blauen Knie war ihrer Mutter nichts zugestoßen. Beim zweiten Sturz war sie alleine gewesen. Ihrer Aussage nach war sie vom Esstisch aufgestanden und mit dem Fuß am Tischbein hängen geblieben. Auch das war glimpflich ausgegangen.

»Mama?«

»Ja?« Sie sah zu ihrer kleinen Tochter.

»Ich mag, dass Lilli durch einen langen Tunnel fährt. So, wie wir im Urlaub. Hilfst du mir einen Tunnel bauen?«

Natalie fand Tunnel toll. Ihr einen solchen zu bauen bedeutete, dass sie alle vier Esszimmerstühle nebeneinanderstellen sollte und zwei Decken darüberbreiten. Eine Decke reichte nicht für vier Stühle.

»Das geht jetzt nicht, Natalie. Ich muss arbeiten. Lass Lilli doch unter dem Esstisch fahren. Das ist fast wie ein Tunnel«, bemühte sie sich, ihr einen Vorschlag zu machen, für den sie nicht aktiv werden musste.

Sie musste bei Loren Künzel anrufen, der Nachbarin ihrer Mutter. Loren hatte für Notfälle einen Schlüssel. Wobei sich die Notfälle bis dahin darauf beschränkt hatten, dass ihre Mutter sich gelegentlich aussperrte.

»Aber, das ist doof«, jammerte Natalie. »Und du arbeitest doch gar nicht, sondern telefonierst dauernd.«

Sindy griff erneut nach dem Telefon und suchte in der Liste der eingespeicherten Nummern den Anschluss von Loren Künzel.

Auch die Nachbarin hob nicht ab.

Sindy drückte zwei Finger gegen die Nasenwurzel. Sie konnte nicht länger abwarten. Sie musste sich jetzt auf den Weg nach Fachau machen, um nach dem Rechten zu sehen.

Natalie musste sie mitnehmen. Sie wusste niemanden, der kurzfristig auf die Kleine aufpassen konnte. Ihre Freundin Jasmin, die bis vor einiger Zeit ab und zu als Babysitter eingesprungen war, war im siebten Monat schwanger und musste liegen, um eine vorzeitige Geburt zu vermeiden. An sie konnte sie sich jetzt nicht wenden.

»Natalie, wir fahren zur Omi«, informierte sie die Kleine.

»Au ja.« Natalie sprang auf. »Ich nehme Holger mit«, verkündete sie und rannte aus dem Zimmer. Holger war ein sehr echt wirkender Rauhaardackel aus Plüsch und in Lebensgröße.

Sindy stand auf. Die Fahrt zu ihrer Mutter, die immerhin fünfzig Kilometer betrug, schien ihr endlos und die Furcht, sie in einer Situation aufzufinden, in der nichts mehr zu machen war, war unerträglich. Doch sie hatte keine Wahl. Natalie musste auf jeden Fall im Auto sitzen bleiben, wenn sie das Haus ihrer Mutter betrat. Erst musste sie wissen, ob und was passiert war. Im besten Fall stand die Mutter lediglich im Garten und hielt mit einem Nachbarn einen Plausch.

*

Sindy parkte direkt vor dem Anwesen ihrer Mutter, das in einer Seitenstraße in einer ruhigen gepflegten Wohngegend lag.

Ihre Augen brannten und ihr Herz schlug schmerzhaft bis in die Kehle. An sämtlichen Fenstern des Hauses waren die Jalousien noch heruntergelassen und das jetzt, um viertel elf am Vormittag. Das war kein gutes Zeichen.

Sie musste jetzt da reingehen.

»Natalie?« Sie wandte sich zur Rückbank um, wo die Kleine in ihrem Kindersitz saß, Dackel Holger auf dem Schoß.

»Ich glaube, die Oma ist krank. Guck, die Jalousien sind noch unten«, sagte sie. Sie war froh, dass ihre Stimme nicht zitterte.

»Oh«, machte die Kleine und presste das flache Händchen vor den Mund. »Ist sie doll krank?«, fragte sie.

»Das weiß ich nicht. Ich geh jetzt rein und schau nach. Du bleibst bitte im Auto«, fuhr sie fort.

»Aber ich mag mit«, widersprach Natalie weinerlich.

»Nein, Schätzchen. Vielleicht steckst du dich an der Oma an und du wolltest doch übermorgen auf Rosalies Geburtstag. Wenn du krank wirst, geht das nicht«, versuchte Sindy die Kleine zu überzeugen, dass es besser war, im Wagen zu bleiben.

Natalie krauste das Näschen.

»Na gut. Holger und ich gucken aus dem Fenster und du kommst ganz schnell wieder, ja?«, bat ihr Töchterchen.

»Mach ich.«

Rasch, ehe Natalie es sich wieder anders überlegte und mit wackeligen Beinen stieg Sindy aus, sperrte das Auto ab und eilte zum Haus.

An ihrem Schlüsselbund hing ein Schlüssel zum Haus ihrer Mutter. Er hatte eine sogenannte Not- und Gefahrenfunktion, was nichts anderes bedeutete, dass man auch dann aufsperren konnte, wenn innen der Schlüssel steckte.

Nachdem Christine Meinert zweimal einen Notöffnungsdienst gebraucht hatte, weil sie die Haustür mit steckendem Schlüssel hinter sich ins Schloss hatte fallen lassen, hatte sie sich für einen Zylinder dieser Art entschieden und einbauen lassen.

Sindy drückte die Tür auf. Im Erdgeschoss war es dunkel und still, die Luft roch abgestanden. Ihr Herzschlag dröhnte in ihren Ohren. Sie wollte nach ihrer Mutter rufen, doch sie brachte kein Wort hervor.

In ihren Beinen schien Blei zu hängen. Sie trat in den Flur und sah über die Treppe das gedämpfte Licht einer Lampe scheinen, das wohl aus dem Schlafzimmer der Mutter kam.

»Mama?«, rief sie und war überrascht, wie laut ihre Stimme klang.

»Sindy? Ich bin hier. Nun komm doch endlich und hilf mir«, antwortete ihre Mutter so anklagend wie jämmerlich gleichzeitig.

Uferlose Erleichterung erfasste Sindy. Die Mutter war am Leben.

»Ich komme«, rief sie, ließ ihre Handtasche auf den Boden fallen und eilte, immer zwei Stufen gleichzeitig nehmend, die Treppe hinauf.

Sie fand ihre Mutter im Schlafzimmer neben dem Bett liegend. Rasch beugte sie sich zu ihr.

»Was ist denn passiert? Bist du wieder gestolpert? Hast du Schmerzen?«

»Ich habe keine Ahnung, was passiert ist«, informierte sie die Mutter vorwurfsvoll. »Aber ich kann nicht aufstehen. Hast du angerufen? Ständig hat das Telefon geläutet. Aber ich konnte doch nicht ran!«

»Ja, das war ich«, erwiderte Sindy. »Komm, ich helfe dir auf. Und dann rufe ich deinen Hausarzt an.«

»Ich will keinen Arzt. Ich möchte nur endlich aufstehen. Und meinen Kaffee hatte ich auch noch nicht«, beschwerte sich ihre Mutter.

»Um den Kaffee kümmere ich mich gleich. Und Natalie muss ich reinholen. Sie sitzt im Auto«, sagte Sindy. Sie fasste ihre Mutter, die auf der Seite lag, vorsichtig am Arm. »Stütz dich bitte am Boden ab und versuche, auf die Knie zu kommen«, bat sie.

»Ich kann nicht«, jammerte ihre Mutter.

»Du musst schon ein bisschen mithelfen. Alleine schaffe ich es nicht«, mahnte Sindy.

»Es geht aber nicht«, hielt ihre Mutter dagegen. Sindy sah, dass sie sich bemühte, doch tatsächlich ohne Erfolg. Erschöpft von mehreren fehlgeschlagenen Versuchen, setzte sie sich neben sie auf den Boden.

»Hast du Schmerzen?«, wiederholte sie ihre Frage, die die Mutter noch nicht beantwortet hatte.

»Der Kopf tut mir weh. Ich glaube, ich bin darauf gefallen«, erwiderte sie. »Und hier sticht es.« Sie legte eine Hand auf die linken Rippenbögen.

Vielleicht sollte sie statt dem Arzt einen Rettungsdienst rufen. Womöglich hatte ihre Mutter eine Rippe angebrochen oder geprellt und eine Gehirnerschütterung. Es war wohl besser, sie kam für eine gründliche Untersuchung ins Krankenhaus.

»Natalie sitzt im Auto«, teilte sie ihrer Mutter mit. »Ich hole sie rasch ins Haus«, sagte sie. Sie hatte keine Ruhe, wenn die Kleine solange alleine wartete. »Und dann hole ich Hilfe für dich.«

»Wieso hast du sie mitgebracht? Hätte nicht Paul auf sie aufpassen können?«, fragte ihre Mutter verwundert. »Heute ist doch Samstag, oder irre ich mich? Da sollte er doch zu Hause sein.«

Paul konnte nicht auf Natalie aufpassen.

Er hatte sie vor drei Wochen von einem Tag auf den anderen verlassen. Nach vier gemeinsamen Jahren hatte er entschieden, dass ihm seine Freiheit wichtiger war, als Familie und Beziehung. Wovon ihre Mutter noch nichts wusste. Der Schock war für Sindy so groß gewesen, dass sie es bisher nicht geschafft hatte, mit irgendjemandem darüber zu reden. Schon gar nicht mit ihrer Mutter, die Paul noch nie gemocht hatte. Auf ihre Brust senkte sich ein Druck, der ihr das Atmen schwer machte.

»Ich bin gleich wieder hier«, sagte sie mühsam.

*

Sindy saß im Flur der Notaufnahme. Ihre Mutter war beim Röntgen. Natalie kniete auf dem Boden und ließ Holger darüber hopsen. Sindy versuchte nicht daran zu denken, dass sie sich in einem Krankenhaus befanden und was womöglich dem durchaus blankgeputzten Boden an Keimen anhaften mochte.

Sie war froh, wenn die Kleine halbwegs Ruhe gab. Seit über zwei Stunden waren sie jetzt in der Klinik. Endlich kam eine Ärztin aus dem Röntgenraum zu ihr.

»Frau Meinert?«, begrüßte sie sie und sah sie fragend an.

»Ja, das bin ich.« Rasch stand Sindy auf. »Wie geht es meiner Mutter?«

»Den Umständen entsprechend ganz gut. Sie hat sich zwei Rippen angebrochen und sie hat eine Gehirnerschütterung. Wir behalten sie ein paar Tage hier«, informierte sie die Ärztin. Auf ihrem Namensschild stand ›Sonja Seifert – Oberärztin‹.

»Allerdings kann sie sich nicht erinnern, wie es zu dem Sturz kam. Wissen Sie etwas darüber?«, fuhr Doktor Seifert fort.

»Leider nicht. Meine Mutter lebt alleine. Ich wohne in Maibach und rufe sie mehrmals täglich an, um mich zu vergewissern, dass bei ihr alles in Ordnung ist«, sagte Sindy. Natalie stand auf, kam zu ihr und drängte sich gegen ihr Bein.

»Mama, ich hab Durst«, wisperte sie und zog an ihrem Ärmel.

»Gleich, Natalie.« Sie strich ihrer Kleinen über die Schultern.

»In Maibach? Das ist ja nicht der nächste Weg«, bemerkte die Ärztin.

»Leider, ja. Ich bin zu ihr gefahren, weil sie nicht ans Telefon gegangen ist«, teilte Sindy ihr mit.

»Ist Ihre Mutter schon öfters gestürzt?«, fragte Doktor Seifert.

»Ja, zweimal, soweit ich weiß.« Sindy erzählte ihr von den beiden Vorfällen.

Die Oberärztin nickte.

»Es ist leider so, dass sich mit zunehmendem Alter die Sturzgefahr erhöht«, sagte sie.

»Bisher konnte sie alleine wieder aufstehen«, ergänzte Sindy. »Es macht mir wirklich Sorgen, dass sie das heute nicht geschafft hat.«

»Es wird wohl besser sein, wenn Ihre Mutter nicht länger alleine lebt«, sagte Doktor Seifert, mit einem Blick auf die Uhr, die am Ende des Flures hing. »Falls eine private Versorgung nicht möglich ist, sollten Sie sich zeitnah um einen Heimplatz bemühen.«

Sindy durchlief ein Zittern. Mama in einem Heim? Das war unvorstellbar. Sie war bislang rüstig gewesen und hatte ein selbstbestimmtes Leben geführt.

»Sie meinen, weil sie es nicht geschafft hat, alleine aufzustehen? Vielleicht war sie heute einfach zu schwach. Gibt es denn keine Möglichkeit, sie wieder zu stabilisieren? Ich meine, dass sie wieder kräftiger wird?«

Sie wusste, sie rang um etwas, was nicht der Fall sein würde. Ihre Mutter war 85 Jahre. Ihre Kräfte wurden weniger, nicht mehr, und es war unverantwortlich, sie sich selbst zu überlassen.

»Wir tun natürlich, was wir können«, sagte die Oberärztin ruhig. »Aber Wunder können wir nicht bewirken. Ich kann verstehen, dass Sie der Gedanke einer Heimunterbringung belastet. Können Sie sie eventuell zu sich nehmen?« Ihr Blick ging zu Natalie.

Unmöglich. Sie wohnte im dritten Stock ohne Aufzug und mit Treppen hatte die Mutter schon geraume Zeit Probleme. Auch mit ihrer eigenen in ihrem Haus. Und das war nur eine Treppe. Bis in ihre Wohnung waren es drei.

Dazu kam, dass sie voll berufstätig war. Wenn Mamas Kräfte weiter nachließen, brauchte sie auch zunehmend im Alltag Unterstützung. Bei der Körperpflege zum Beispiel oder beim Essen. Doch soweit wollte sie jetzt nicht denken. Und wenn sie erneut stürzte und sie schaffte es nicht, ihr aufzuhelfen?

Dann musste sie sich wieder Unterstützung durch einen Rettungsdienst holen.

Und Natalie brauchte sie auch. Es wuchs ihr alles über den Kopf.

»Das wird schwierig«, wich sie aus. Für ihre private Situation würde die Ärztin sich nicht interessieren.

»Das Wichtigste ist, dass Ihre Mutter in Sicherheit ist. Es gibt in Fachau zwei sehr schöne Heime. Das Hubertus-Heim und die Herbst-Residenz. Fragen Sie dort nach«, sagte Doktor Seifert freundlich und sah erneut auf die Uhr.

»Mama, ich hab so doll Durst«, jammerte Natalie erneut.

»Gleich, Natalie«, wiederholte Sindy. »Vielen Dank, Frau Doktor.«

»Gerne, auf Wiedersehen.«

Die Oberärztin wandte sich ab und ging mit schnellen Schritten den Flur hinunter.

*

Sindy parkte erneut vor dem Haus ihrer Mutter und sah in den Rückspiegel. Natalie war in ihrem Kindersitz eingeschlafen. Das war gut, so ging es schneller. Sie stieg aus, sperrte den Wagen ab und ging zum Haus.

»Hallo, Sindy«, hörte sie die freundliche Stimme von Loren Künzel.

»Hallo, Loren«, grüßte Sindy sie und lächelte ihr zu. Die Nachbarin befand sich am Gartenzaun, der ihr Grundstück von dem ihrer Mutter trennte.

»Wir haben uns ja schon eine Weile nicht mehr gesehen«, sagte Loren. »Wie geht es dir?«

»Ehrlich gesagt nicht so gut.« Von einem Moment zum anderen hatte sie den Drang, sich ihr mitzuteilen. Sie kannte die 15 Jahre ältere Loren seit ihrer Kindheit. Sie war ebenso einfühlsam wie vertrauenswürdig und hatte früher gelegentlich auf sie aufgepasst, wenn ihre Eltern etwas vorhatten.

»Das tut mir leid. Möchtest du auf einen Tee zu mir kommen?«, schlug Loren vor und sah sie voller Anteilnahme an.

»Ich kann nicht. Natalie schläft im Auto und ich muss zurück in die Klinik. Meine Mutter ist …« Sie brach in Tränen aus.

»Du liebe Zeit.« Erschrocken sah Loren sie an. »Was ist denn passiert?«

Rasch fasste Sindy für die Nachbarin die Ereignisse zusammen.

»Das ist ja furchtbar. Hol doch die Kleine und kommt zu mir. Ich koche ihr einen Kakao und uns mache ich einen Tee«, bot Loren an.

»Danke«, murmelte Sindy und beschloss, dass Angebot nun doch anzunehmen.

»Ich sperr schon mal die Haustür vor. Kommt einfach rein«, sagte Loren.

»Okay«, sagte Sindy und ging zum Auto. Natalie wachte gerade auf. Sie sah durchs Fenster, dass die Kleine sich verschlafen die Augen rieb.

Sie öffnete den Wagen.

»Hallo, Natalie. Hast du ausgeschlafen?«, fragte sie und löste den Sicherheitsgurt des Kindersitzes.

»Nein. Ich bin noch doll müde. Sind wir wieder daheim?«, fragte das Kind.

»Nein. Wir sind bei Oma. Ich hab dir doch gesagt, dass wir für sie ein paar Sachen von zu Hause holen müssen«, erinnerte Sindy ihre Tochter.

»Hm«, machte die Kleine.

»Aber jetzt gehen wir erst mal zu Loren. Sie kocht dir einen Kakao. Erinnerst du dich an sie?«, fragte Sindy und hob Natalie aus dem Sitz.

»Ja«, bestätigte die Kleine. »Sie hat mit mir Schneebälle über den Zaun geworfen. Das war lustig.« Sie kicherte. »Darf ich bald wieder mit ihr Schneebälle werfen?«

»Wir werden sehen. Komm, Schätzchen.«

Sie nahm Natalie an der Hand und ging mit ihr zu der Nachbarin.

*

Sindy schloss die Hände um die Tasse Tee. Angenehm warm drang die Hitze des Getränks durch das Porzellan.

Natalie saß sie auf dem Teppichboden im Wohnzimmer und versuchte, ein Puzzle zu legen, das Loren ihr gegeben hatte. Es stammte aus der Kindheit ihres jetzt 25-jährigen Sohnes Patrick.

»Es kommt ja gerade heftig für dich«, sagte Loren bedauernd zu Sindy, die ihr nun auch noch berichtet hatte, dass Paul vor drei Wochen mit unbekanntem Ziel aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen war. »Ich würde dir wirklich gerne helfen. Ausgerechnet heute Morgen war ich beim Zahnarzt.«

»Ich weiß nicht, wie es jetzt weitergehen soll«, sagte Sindy, ohne auf Lorens letzten Satz einzugehen.

»Ich verstehe deine Sorgen«, antwortete Loren. »Im Moment ist sie ja noch in der Klinik. Wenn sie nach Hause kommt, kann ich mich vorübergehend um sie kümmern, bis du einen Heimplatz für sie gefunden hast.«

»Wirklich?« Sie spürte einen Funken Hoffnung.

»Selbstverständlich. Zumindest die nächsten vier Wochen«, schränkte Loren ihr Angebot ein. »Dann muss ich nach München, zu Patrick und Doro. Er wird Vater und ich habe ihm und seiner Frau versprochen, sie die erste Zeit zu unterstützen«, erklärte sie und lächelte. »Es werden Zwillinge«, ergänzte sie, mit einem Stolz in der Stimme, als hätte sie das ihre zu dem doppelten Kinderglück beigetragen.

»Wie schön, das freut mich für ihn«, erwiderte Sindy und bemühte sich um ein Lächeln. Es war ja nun fraglich, ob die Zwillinge sich an den errechneten Geburtstermin hielten. Darüber wollte sie jetzt nicht nachdenken. Sie konnte nur hoffen, dass Loren sie eine Weile unterstützen konnte. Jeder Tag war hilfreich. Die Frage war, ob Mama nachts alleine bleiben konnte. Oder überhaupt. Loren würde wohl kaum bei ihr einziehen wollen. Eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung wäre wohl das Sicherste gewesen. Vielleicht konnte sie einen mobilen Pflegedienst mit einbinden.

»Ich danke dir sehr, Loren«, erwiderte Sindy dennoch aus tiefstem Herzen. Sie hatte schon überlegt, ob sie vorübergehend selbst bei ihrer Mutter wohnen sollte.

»Das ist doch selbstverständlich«, versicherte die Nachbarin.

»Ich sollte jetzt zu Mama in die Klinik, um ihr ihre Sachen zu bringen«, sagte Sindy, mit einem Blick auf die Uhr.

»Du kannst gerne Natalie in der Zeit hierlassen«, bot Loren an.

»Das ist ganz lieb von dir. Was hältst du davon, Natalie?«, sprach sie ihre Kleine an.

»Ist gut«, erwiderte das Kind, ohne aufzusehen und drückte gegen ein Puzzleteil, das sich nicht einfügen ließ.

»Dann bis später«, verabschiedete sich Sindy.

»Darf ich dir helfen, Natalie?«, fragte Loren, stand vom Sessel auf und ging zu der Kleinen.

»Darfst du«, versicherte Natalie.