Wo ist mein Vater? - Simone Aigner - E-Book

Wo ist mein Vater? E-Book

Simone Aigner

5,0

Beschreibung

In diesen warmherzigen Romanen der beliebten, erfolgreichen Sophienlust-Serie wird die von allen bewunderte Denise Schoenecker als Leiterin des Kinderheims noch weiter in den Mittelpunkt gerückt. Denise hat inzwischen aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle geformt, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren. Finja Weber erwachte. Trübes Morgenlicht drängte durch den Spalt des hellgrauen Übervorhangs vor dem Fenster. Sie lag einen Moment still und überlegte, welch ein Tag war. Dann fiel es ihr ein. Es war Freitag. Sehr gut. Heute Vormittag hatte sie nur vier Stunden Unterricht, die Doppel-Stunde Mathe in der Fünften und Sechsten entfiel, weil Herr Rupold krank war. Finja nahm ihr Handy vom Nachtschrank und sah auf die Uhr. Schon zehn Minuten vor sieben. Dunkel erinnerte sie sich, dass der Wecker pünktlich wie jeden Morgen um viertel nach sechs geläutet hatte. Sie hatte ihn ausgeschalten und beschlossen, noch ein paar Minuten liegen zu bleiben. Sie war wohl aus Versehen wieder eingeschlafen. Nun war sie knapp in der Zeit. Finja schob die Beine unter der Bettdecke hervor, stand auf und ging zum Fenster. Sie schob die Vorhänge beiseite, um das Tageslicht hereinzulassen. Der Himmel hing voller grauer Wolken und feiner Sprühregen benetzte die Scheibe. Sie wandte dem unerfreulichen Anblick den Rücken zu und eilte zu ihrer Zimmertür, um ins Bad zu gehen und sich für den Tag startklar zu machen. Das Bad lag ihrem Zimmer schräg gegenüber. Behutsam schloss sie die Tür ihres Zimmers hinter sich, um ihre Mutter nicht zu wecken. Mama hatte wieder einmal Nachtschicht bei Taxiunternehmen Wanger gehabt, ihrem Arbeitgeber.

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Seitenzahl: 148

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Beliebtheit




Sophienlust - Die nächste Generation – 117 –

Wo ist mein Vater?

Unveröffentlichter Roman

Simone Aigner

Finja Weber erwachte. Trübes Morgenlicht drängte durch den Spalt des hellgrauen Übervorhangs vor dem Fenster. Sie lag einen Moment still und überlegte, welch ein Tag war. Dann fiel es ihr ein. Es war Freitag. Sehr gut. Heute Vormittag hatte sie nur vier Stunden Unterricht, die Doppel-Stunde Mathe in der Fünften und Sechsten entfiel, weil Herr Rupold krank war.

Finja nahm ihr Handy vom Nachtschrank und sah auf die Uhr. Schon zehn Minuten vor sieben. Dunkel erinnerte sie sich, dass der Wecker pünktlich wie jeden Morgen um viertel nach sechs geläutet hatte. Sie hatte ihn ausgeschalten und beschlossen, noch ein paar Minuten liegen zu bleiben. Sie war wohl aus Versehen wieder eingeschlafen. Nun war sie knapp in der Zeit.

Finja schob die Beine unter der Bettdecke hervor, stand auf und ging zum Fenster. Sie schob die Vorhänge beiseite, um das Tageslicht hereinzulassen.

Der Himmel hing voller grauer Wolken und feiner Sprühregen benetzte die Scheibe. Sie wandte dem unerfreulichen Anblick den Rücken zu und eilte zu ihrer Zimmertür, um ins Bad zu gehen und sich für den Tag startklar zu machen.

Das Bad lag ihrem Zimmer schräg gegenüber. Behutsam schloss sie die Tür ihres Zimmers hinter sich, um ihre Mutter nicht zu wecken. Mama hatte wieder einmal Nachtschicht bei Taxiunternehmen Wanger gehabt, ihrem Arbeitgeber. Hatte sie Nachtschicht, kam sie meist gegen fünf Uhr morgens nach Hause und schlief dann bis zum Mittag.

Finja war schon fast beim Bad, als sie sah, dass die Tür zum Schlafzimmer der Mutter offenstand. Ihr Bett war unbenutzt. Sie erschrak, wandte sich um und sah zur Garderobe. Weder die dunkelblaue Jacke, die Mama gestern getragen hatte, hing am Haken, noch standen ihre schwarzen Halbschuhe darunter.

Plötzlich hatte sie ein ganz eigenartiges Gefühl. Ihr wurde flau im Bauch, ihr wurde kalt und sie bekam Angst. Ihre Mutter kam immer pünktlich und sofort nach jeder Schicht nach Hause. Schon deshalb, weil sie das Fahren mit dem Taxi ziemlich anstrengte. Heute war sie zwei Stunden zu spät. Da stimmte doch etwas nicht.

Finja eilte zurück in ihr Zimmer und griff nach ihrem Handy, obwohl sie genau wusste, dass die Mutter ihr keine Nachricht geschrieben hatte. Sie hatte ja gleich beim Aufwachen nach der Uhrzeit gesehen, da wäre ihr das aufgefallen.

Mama war um drei Uhr früh zuletzt online gewesen. Finjas Mund fühlte sich ganz trocken an. Was war mit ihrer Mutter? War sie etwa überfallen worden, so wie letztes Jahr eine Kollegin?

Hastig drückte Finja auf ‚Anrufen‘. Der Ruf ging hin, doch ihre Mutter nahm das Gespräch nicht an. Finja presste die Handflächen gegen die Wangen. Was sollte sie denn jetzt machen?

In dem Moment läutete es an der Wohnungstür. Ihr Herz machte einen Satz vor Erleichterung. Mama kam nach Hause. Umgehend fiel die Erleichterung in sich zusammen. Ihre Mutter hatte einen Schlüssel, sie würde bestimmt nicht läuten. Es war jemand anderes, der geklingelt hatte.

Ein Zittern durchlief sie und auch ihre Füße wurden ganz kalt. Mit steifen Beinen stakste Finja zur Wohnungstür und sah durch den Spion. Im Hausflur stand ihre Tante Gudrun. Sie machte ein sehr ernstes Gesicht. Und plötzlich wusste Finja, dass etwas richtig Schlimmes passiert war.

*

Gudrun Weber umklammerte den Riemen ihrer dunkelgrünen Handtasche, der über ihrer Schulter hing. Kälteschauer liefen ihr über den Rücken, trotz ihres schwarzen Wollmantels. Sie war wie in Trance, begriff überhaupt nicht, was geschehen war und fühlte sich der Aufgabe, die ihr bevorstand, absolut nicht gewachsen.

Und doch war sie es Mareike schuldig, sich jetzt um deren 13-jährige Tochter zu kümmern. Zumindest für den Moment.

Sie hörte, wie Finja den Schlüssel ins Türschloss schob und umdrehte. Gudrun atmete gegen die aufsteigende Übelkeit an. Behutsam ging die Tür auf. Ihre Nichte stand, ohne Schuhe und im Schlafanzug, im Flur und sah sie aus großen, angstgeweiteten Augen an.

„Finchen“, begrüßte sie das Kind. Ihre Zähne drohten aufeinander zu schlagen. Sie betrat die Wohnung ihrer Schwester und nahm Finja in den Arm, die es willenlos geschehen ließ.

„Komm, wir gehen ins Wohnzimmer.“ Sie legte einen Arm um die schmalen Schultern des Mädchens. Finja rührte sich nicht von der Stelle.

„Ist die Mama überfallen worden?“, fragte sie.

„Was?“ Irritiert sah Gudrun ihre Nichte an.

„Letztes Jahr ist in Regensburg eine Taxifahrerin nachts überfallen und ausgeraubt worden“, erklärte Finja. Ihre Stimme klang nach aufsteigenden Tränen.

„Nein, nein. Deine Mama ist nicht überfallen worden“, erwiderte Gudrun in beschwichtigendem Tonfall und drückte ihre Nichte an sich. Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, dachte sie, dass der beruhigende Ton völlig fehl am Platz war. Es war ja noch viel schlimmer.

„Komm“, wiederholte sie. Es schnürte ihr die Luft ab. Sie war einfach nicht geeignet, solch eine entsetzliche Botschaft zu überbringen, schon gar nicht einem Kind, das mit seiner Mutter seit der Geburt alleine lebte.

„Wo ist denn die Mama?“, fragte Finja und versteifte sich. Gudrun nahm den Arm von den Schultern des Mädchens.

„Finchen, es ist etwas sehr Schlimmes passiert“, begann sie. Finja sah sie nicht an. Ihr Blick war zur Wohnzimmertür gerichtet. Nach wie vor rührte sie sich nicht von der Stelle.

„Deine Mama hatte einen Unfall“, fuhr Gudrun fort. Ihr wurde übel. Sie musste es jetzt hinter sich bringen.

„Sie ist… sie kommt nicht mehr nach Hause“, stieß sie hervor. Nun schlugen ihre Zähne wirklich aufeinander und sie biss sich dabei auf die Zunge.

Finja wandte sich ruckartig ab, rannte in ihr Zimmer und schlug lautstark die Tür hinter sich zu.

Gudrun hängte mit ungelenken Bewegungen ihre Tasche an einen der Garderobenhaken und streifte den Wollmantel ab, der vom Regen feucht war, ehe sie ihrer Nichte folgte.

Finja kauerte in einer Ecke des Zimmers am Boden, die Beine an den Bauch gezogen und mit den Armen umklammert. Ihr Gesicht war bleich und ihre Miene wie erstarrt.

Gudrun ging zu ihr und setzte sich neben sie auf den Boden. Das war sehr unbequem, doch für den Moment erschien es ihr wichtig, nahe bei Finja zu sein.

„Es tut mir leid, Finchen“, sagte sie leise.

„Du lügst doch“, stieß Finja hervor. „Mama kommt immer nach Hause. Immer, immer, immer.“

„Diesmal nicht, Kleines. Es ist schrecklich und ich kann es selber gar nicht glauben.“

Um halb sechs Uhr in der Frühe hatte ihr Telefon geläutet. Ein Arzt vom Klinikum in Maibach hatte sie verständigt, dass ihre Schwester Mareike Weber nach einem Autounfall bewusstlos und schwerverletzt so eben eingeliefert worden war. Gudrun war umgehend in die Klinik gefahren, doch sie war zu spät gekommen. Mareike hatte es nicht geschafft. Noch immer war sie wie gelähmt.

„Was ist denn passiert?“, flüsterte Finja nun.

„Ein Autofahrer hat das Rotlicht ignoriert.“ Er war seitlich in Mareikes Taxi gefahren. Sie hatte zu dem Zeitpunkt keinen Gast befördert.

„Und jetzt? Wird sie nie wieder gesund?“ Das Mädchen war kaum zu verstehen. Erneut legte Gudrun behutsam den Arm um seine Schultern. Diesmal ließ Finja es zu, dass sie sie an sich drückte.

„Nein, Finchen. Aber sie hat keine Schmerzen mehr“, erwiderte sie leise.

„Und ich bin jetzt ganz alleine?“ Die Stimme des Kindes war brüchig.

„Du kommst jetzt erst einmal mit zu mir“, sagte Gudrun. Eine andere Möglichkeit gab es ja wohl nicht. Sie war die einzige lebende Verwandte von Finja.

„Ich helfe dir ein paar Sachen zusammen zu packen“, fuhr sie fort. „Vorher ziehst du dich an. Hast du schon gefrühstückt?“ Es half ihr, sich an zweckmäßigen Vorhaben zu orientieren.

„Nein“, sagte Finja leise.

„Ich bereite dir etwas vor, während du dich anziehst“, beschloss Gudrun.

„Ich mag nix essen“, erwiderte Finja.

„Dann koche ich dir einen Kakao“, sagte sie.

„Hm“, stimmte das Mädchen leise zu.

Gudrun stand auf und hielt ihrer Nichte die Hand hin, um sie hochzuziehen. Finja ließ sich helfen.

„Ich muss in die Schule“, sagte sie und klang wie betäubt.

„Ich rufe an und sage Bescheid, dass du in den nächsten Tagen nicht kommst“, erwiderte Gudrun. Gut, dass Finja davon sprach. Sie hätte glatt vergessen, sie abzumelden. In ihr ging es drunter und drüber und ihr war, als würde sie vor einer unüberwindlichen Mauer stehen.

Wie sollte es weitergehen?

Es fing mit dem Alltag an und ging mit dem Schulweg weiter.

Sie bewohnte eine Zwei-Zimmer-Wohnung und ging ihrer Arbeit als freie Lektorin von zuhause aus nach, genaugenommen im Wohnzimmer.

Wo sollte das Kind einen Platz für sich bekommen? Das Mädchen brauchte einen Ort nur für sich und sie brauchte absolute Ruhe zum Arbeiten. Sie konnte sich auf keine Zeile konzentrieren, wenn mit ihr jemand im gleichen Raum war.

Und dann der Weg in die Schule.

Finja besuchte das Elise-Sandler-Gymnasium im hiesigen Weilheim. Dorthin ging sie zu Fuß oder sie fuhr mit dem Rad, es waren nur ein paar Minuten.

Sie selbst wohnte in Brückenbach, das wiederum von Weilheim etwa acht Kilometer entfernt lag. Ob zwischen den Ortschaften ein Bus fuhr, den das Mädchen für den Schulweg nehmen konnte, war fraglich.

Es konnte keine Dauerlösung sein, dass ihre Nichte bei ihr wohnte.

So sehr sie der Unfalltod ihrer Schwester erschütterte, so musste sie doch auch daran denken, dass sie unter den gegebenen Umständen den Abgabetermin für den neuen Roman des Krimi-Schriftstellers Harry Gehrmann mit dem verheißungsvollen Titel Wo du nicht sein willst, nicht einhalten konnte. Dabei hatte der Verlag sehr darum gebeten, ihn pünktlich zurück zu senden.

Sie musste heute noch Bescheid sagen, dass sich ihre Überarbeitung um ein bis zwei Wochen verzögerte.

Nein, Finja zu sich zu nehmen, war nur eine vorübergehende Lösung. Ganz abgesehen davon, dass sie sich einfach nicht in der Rolle der Ersatz-Mutter sah.

*

Finja betrat hinter ihrer Tante Gudrun deren Wohnung.

Tante Gudrun trug ihre Reisetasche, sie selbst hatte ihren Rucksack mit den Schulsachen geschultert. Seit sie wusste, dass ihre Mutter nicht wiederkam, fühlte sie sich wie betäubt.

Sie konnte es einfach nicht glauben und meinte ständig, jeden Moment aus einem ganz schlimmen Traum aufzuwachen.

„So, Finchen.“ Ihre Tante schloss die Wohnungstür hinter ihnen. „Es ist ein bisschen eng bei mir. Du weißt ja, dass ich nur ein Wohnzimmer und ein Schlafzimmer habe. Ich richte dir abends ein Bett auf dem Sofa. Schularbeiten machst du am besten in der Küche, dann stören wir uns nicht gegenseitig beim Arbeiten oder Lernen.“

„Ich will nach Hause.“ Plötzlich war ihr danach, zu Weinen. Schon stiegen ihr Tränen in die Augen.

„Das verstehe ich nur zu gut, mein Mädchen. Aber du kannst unmöglich alleine in eurer Wohnung bleiben“, sagte Tante Gudrun.

„Aber warum denn nicht? Ich bin doch schon ziemlich groß.“ Sie schniefte und rieb sich mit dem Handrücken die Nase.

„So groß nun auch wieder nicht. Ich koche uns zum Mittagessen Spaghetti. Die magst du doch?“

„Bitte, Tante Gudrun. Fahr mich zurück nach Hause. Du kannst mich doch ganz oft anrufen oder besuchen.“ Finja fing an zu schluchzen.

„Auf keinen Fall. Du wärst ja ständig alleine“, hielt die Tante dagegen.

Finjas Handy, das in einer Seitentasche ihres Rucksacks steckte, begann zu läuten. Wenn es doch nur die Mama gewesen wäre, die sie anrief und ihr sagte, dass alles in Ordnung war. Dass alles ein dummes Missverständnis war und sie vorbeikommen würde, um sie abzuholen.

„Möchtest du rangehen?“, fragte Tante Gudrun.

„Nein“, schluchzte Finja. Das Läuten brach ab.

„Finchen.“ Tante Gudrun zog sie wieder in die Arme. Finja ließ den Kopf an ihre Brust sinken und weinte verzweifelt.

„Ich werde alles tun, was ich kann, damit es dir bald wieder besser geht“, sagte die Tante und streichelte ihren Rücken. Ihr würde es niemals wieder besser gehen. Sie fühlte sich völlig verloren.

*

Finja saß mit überkreuzten Beinen auf dem Sofa und hielt ihr Handy in der Hand. Der Anruf, der vorhin hereingekommen war, war von ihrer besten Freundin Merle gewesen. Sie hatte die große Pause genutzt und versucht, sie zu erreichen. Nun war es gleich halb zwölf und damit der Unterricht für den heutigen Tag beendet.

Tante Gudrun werkelte in der Küche. Sie hatte die Tür hinter sich geschlossen, weil sie es nicht mochte, wenn die Essensgerüche durch die ganze Wohnung zogen.

Das war ein guter Moment, Merle zurückzurufen.

Finja drückte auf die eingespeicherte Nummer der Freundin. Merle ging ran, noch ehe der erste Klingelton verklungen war.

„Fini.“ Sie klang total geschockt. „Stimmt das, was die Uhlmann gesagt hat? Das mit deiner Mutter?“

„Ja.“ Sofort fing sie wieder an zu weinen. „Es war ein Autounfall“, stieß sie hervor.

„Mensch, das ist ja furchtbar. Das tut mir so leid. Bist du daheim? Ich könnte heute Nachmittag zu dir kommen“, sagte Merle. „Ich meine, du bist doch jetzt ganz alleine. Was wird denn jetzt?“

„Ich bin bei meiner Tante Gudrun. Sie hat mich abgeholt“, sagte Finja, rieb sich mit dem Ärmel über das Gesicht, in dem nutzlosen Versuch, die Tränen zu trocknen. Es liefen sofort die nächsten über ihre Wangen.

„Wo wohnt sie denn?“, fragte Merle.

„In Brückenbach“, gab Finja Auskunft.

„Das sind ja mindestens fünf Kilometer bis dahin, oder mehr“, erwiderte Merle. „Das lassen mich meine Eltern nie mit dem Rad. Bleibst du jetzt bei deiner Tante?“

„Ich hab keine Ahnung. Sie hat gar keinen Platz für mich.“

„Und wohin kommst du dann?“, forschte Merle.

„Das weiß ich doch auch nicht.“ Sie schluchzte auf und zog die Beine an den Bauch.

„Ich hab mich gestern Abend wieder mit Mama gestritten“, sagte sie leise.

„Wieder deswegen, weil sie dir nicht sagen will, wer dein Vater ist?“, fragte Merle.

„Ja.“ Es war so schrecklich.

„Habt ihr schlimm gestritten?“, wollte die Freundin wissen.

„Nur ein bisschen. So, wie sonst auch“, teilte Finja ihr mit.

„Hm“, machte Merle.

„Jetzt kann sie mir überhaupt nicht mehr erzählen, wer er ist“, fuhr Finja weinend fort.

„Vielleicht weiß es deine Tante. Und wenn sie es weiß, dann kannst du doch vielleicht in Zukunft bei ihm wohnen“, überlegte Merle.

„Meinst du?“

„Finja, Essen ist fertig“, rief Tante Gudrun aus der Küche. Finja sah durch die geöffnete Wohnzimmertür zum Flur. Die Tür zur Küche war noch immer verschlossen.

„Klar meine ich das“, bekräftigte Merle.

„Ich kann sie ja mal fragen“, beschloss Finja unglücklich. Hoffnung hatte sie keine. Mama hatte so entschieden nie darüber reden wollen, wer ihr Vater war, dass sie es bestimmt auch Tante Gudrun nicht gesagt hatte.

„Ich muss jetzt Schluss machen“, sagte sie zu der Freundin.

„Geht klar. Meld dich mal und erzähl mir, was sie gesagt hat“, bat Merle.

„Mach ich, tschüss.“ Finja legte ihr Handy auf den Couchtisch und ging in die Küche.

Tante Gudrun hatte bereits zwei Teller mit Spaghetti auf den Tisch gestellt. Dazu gab es Käsesoße und Tomatensalat. Es sah alles sehr gut aus und inzwischen hatte sie auch richtig Hunger.

Die Tante wünschte ihr guten Appetit und begann zu essen.

Finja rollte bedächtig mit der Gabel ein paar Nudeln auf und aß ganz langsam. Es schmeckte wirklich gut. Trotzdem brachte sie das Essen kaum hinunter.

„Schmeckt es dir nicht, Finchen?“, fragte Tante Gudrun und sah sie aufmerksam an.

„Doch. Tante Gudrun, weißt du, wer mein Vater ist?“, platzte sie mit ihrer Frage heraus.

Im Gesicht der Tante veränderte sich etwas. Finja erschrak. War sie jetzt böse auf sie?

„Finja, darüber sollten wir nicht reden“, erwiderte sie, nach endlosen Sekunden.

„Aber warum denn nicht?“ Ihr war schon wieder nach Weinen.

„Weil… das nicht gut ist.“ Die Tante aß nicht weiter, sondern legte ihr Besteck beiseite und nahm einen Schluck aus ihrem Wasserglas.

„Ich versteh das einfach nicht. Die Mama wollte es mir auch nie sagen. Ich habe doch jetzt nur noch ihn.“ Sie fing an zu schluchzen.

„Finchen, es war der Wunsch deiner Mutter, dass du es nicht erfährst. Das sollten wir respektieren. Jetzt umso mehr“, bemühte die Tante sich, sie zu überzeugen.

„Nein! Es war voll gemein, mir nicht zu sagen wer er ist. Nicht mal ein Bild oder so hat sie mir gezeigt. Ich weiß überhaupt nichts.“ Sie weinte immer heftiger.

„Glaub mir, Finja. Deine Mutter hatte gute Gründe dafür, nicht über ihn zu sprechen“, versicherte Tante Gudrun.

„Ihre Gründe sind mir voll egal. Er ist mein Vater. Ich will wissen, wer er ist!“ Sie hatte den Drang mit den Füßen zu strampeln und um sich zu schlagen.

„Finja, nein.“ Mit undurchdringlicher Miene sah die Tante sie mahnend an.

„Du weißt also, wer er ist“, stellte sie fest und ihr Herz schlug ganz hart und schnell.

Tante Gudrun zuckte mit den Schultern und sah an ihr vorbei.

„Du hast gesagt, du willst alles tun, damit es mir wieder besser geht“, stieß Finja von Schluchzen unterbrochen hervor.

„Liebe Güte, Kind. Natürlich will ich das. Aber glaub mir, es geht dir nicht besser, wenn du seinen Namen kennst“, behauptete die Tante.

„Das weißt du doch überhaupt nicht. Vielleicht mag ich ihn total und er mich. Und du hast auch gesagt, dass es bei dir zu eng ist und ich auf dem Sofa schlafen muss. Vielleicht ist bei ihm viel mehr Platz.“ Finja rang nach Luft.

„Finja, bitte. Was soll denn das jetzt?“ Ungehalten sah Tante Gudrun sie an. „Du bist traurig und geschockt, wegen dem was passiert ist. Das tut mir furchtbar leid. Aber dich jetzt daran festzuklammern, bei deinem Vater unterzukommen, ist der falsche Weg. Und das ginge so oder so nicht.“

„Woher weißt du das?“

In diesem Moment kam Finja ein entsetzlicher Gedanke, den sie bisher noch nie gehabt hatte. Vielleicht hatte ihr Vater sie nicht gewollt? Vielleicht hatte Mama ihr diese Enttäuschung ersparen wollen?

„Weiß er von mir?“, fragte sie, noch ehe Tante Gudrun ihre vorherige Frage beantwortet hatte. In ihr vibrierte alles, vor Anspannung und Furcht von einer Antwort, die sie nicht aushielt.

„Nein“, sagte Tante Gudrun nur und nahm den nächsten Schluck aus ihrem Wasserglas. Finja versuchte in ihrem Gesicht zu lesen, ob sie die Wahrheit gesagt hatte. Es schien ihr so.

„Dann will ich, dass er ab jetzt von mir weiß“, fuhr sie fort. Ihre Stimme wackelte. Am liebsten hätte sie geweint. Sie fühlte sich so hilflos und klein und schwach.