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Um sie zu schützen, würde er alles tun!
Cate betreibt in einem beschaulichen Ort in den Rocky Mountains eine kleine Frühstückspension. Hilfe erhält sie dabei von dem schüchternen Handwerker Cal. Eines Tages verschwindet einer ihrer Gäste, ohne seine Sachen mitzunehmen oder seine Rechnung zu bezahlen. Kurz darauf stürmen bewaffnete Männer Cates Pension und fordern das Gepäck des Gastes. Cal erweist sich dabei als mutiger als gedacht und rettet Cate. Die Männer geben sich jedoch nicht so schnell geschlagen. Sie versperren den einzigen Zugang zum Ort und nehmen die Bewohner als Geiseln. Die Lage scheint aussichtslos, doch der furchtlose Beschützer an ihrer Seite lässt Cate fast die Gefahr vergessen, in der sie schweben ...
Jetzt erstmals als eBook - spannend und voller Leidenschaft! Der Roman erschien im Original unter dem Titel Cover of Night.
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Seitenzahl: 581
Veröffentlichungsjahr: 2025
Cover
Grußwort des Verlags
Über dieses Buch
Titel
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Über die Autorin
Weitere Titel der Autorin
Impressum
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Cate betreibt in einem beschaulichen Ort in den Rocky Mountains eine kleine Frühstückspension. Hilfe erhält sie dabei von dem schüchternen Handwerker Cal. Eines Tages verschwindet einer ihrer Gäste, ohne seine Sachen mitzunehmen oder seine Rechnung zu bezahlen. Kurz darauf stürmen bewaffnete Männer Cates Pension und fordern das Gepäck des Gastes. Cal erweist sich dabei als mutiger als gedacht und rettet Cate. Die Männer geben sich jedoch nicht so schnell geschlagen. Sie versperren den einzigen Zugang zum Ort und nehmen die Bewohner als Geiseln. Die Lage scheint aussichtslos, doch der furchtlose Beschützer an ihrer Seite lässt Cate fast die Gefahr vergessen, in der sie schweben ...
Linda Howard
Cover of Night – Im Schutz der Nacht
Aus dem amerikanischen Englisch von Christoph Göhler
Der Gast aus Zimmer drei des Nightingale’s Bed and Breakfast, das Cate Nightingale insgeheim als »Herrenzimmer« bezeichnete, da es quasi kompromisslos männlich eingerichtet war, blieb kurz in der Tür zum Speiseraum stehen und trat fast sofort aus der Türöffnung zurück. Die meisten Gäste, die gerade Cates Frühstück genossen, bemerkten den kurzen Auftritt des Mannes gar nicht; und wer ihn doch registrierte, dachte sich nichts dabei, dass er so abrupt wieder verschwunden war. Hier in Trail Stop, Idaho, kümmerten sich die Menschen um ihren eigenen Kram, und wenn einer von Cates Gästen beim Essen keine Gesellschaft haben wollte, war das für sie in Ordnung.
Cate selbst bemerkte ihren Gast nur, weil sie zur gleichen Zeit einen Teller mit aufgeschnittenem Schinken aus der Küche brachte und sich die Küchentür gegenüber der offen stehenden Tür zum Speiseraum befand. Sie merkte sich in Gedanken vor, bei nächster Gelegenheit nach oben zu gehen und nachzufragen, ob er – der Mann hieß Layton, Jeffrey Layton – eventuell auf dem Zimmer frühstücken wollte. Manche Gäste speisten schlicht und einfach nicht gern unter Fremden. Sie hatte schon öfter ein Tablett aufs Zimmer gebracht.
Nightingale’s Bed and Breakfast gab es inzwischen seit fast drei Jahren. Die Übernachtungszahlen waren oft bescheiden, aber das Frühstücksgeschäft boomte. Dass Cate ihren Speiseraum nicht nur für Übernachtungsgäste geöffnet hatte, war ein glücklicher Zufall gewesen. Statt eines einzigen großen Esstisches, an dem alle zusammensitzen konnten – vorausgesetzt, alle fünf Gästezimmer waren belegt, was noch nie vorgekommen war –, hatte sie fünf kleine Tische mit je vier Sitzplätzen in ihrem Speiseraum aufgestellt, damit die Gäste, wenn sie wollten, relativ ungestört frühstücken konnten. Schon bald hatten die Einheimischen in der kleinen Ortschaft mitbekommen, dass man im Nightingale’s hervorragend frühstücken konnte, und ehe sie sich versah, wurde sie von immer mehr Einheimischen gefragt, ob es okay sei, wenn sie morgens auf einen Kaffee und vielleicht eines ihrer Blaubeer-Muffins vorbeischauen würden.
Als neu Zugezogene wollte sie nicht abweisend wirken, außerdem hatte sie genügend Sitzplätze, darum hatte sie eingewilligt, obwohl sie insgeheim bei dem Gedanken an die zusätzlichen Kosten gestöhnt hatte. Als die neuen Gäste ihr Frühstück zu ihrer Überraschung bezahlen wollten, hatte sie keine Vorstellung gehabt, was sie ihnen berechnen sollte, da das Frühstück im Zimmerpreis enthalten war; zuletzt hatte sie sich gezwungen gesehen, eine Speisekarte mitsamt Preisen auf der Veranda neben der Seitentür auszuhängen, wo die meisten Einheimischen hereinkamen, weil es ihnen zu mühsam war, um das große alte Haus zum Haupteingang herumzugehen. Nach nicht einmal einem Monat hatte sie einen sechsten Tisch in den Speiseraum gequetscht und dadurch die Zahl ihrer Sitzplätze auf vierundzwanzig erhöht. Manchmal reichten nicht einmal die, vor allem, wenn sie Übernachtungsgäste beherbergte. Es war nicht ungewöhnlich, dass Männer Kaffee trinkend und Muffins mampfend an der Wand lehnten, weil alle Tische voll besetzt waren.
Heute war Scones-Tag. Einmal in der Woche backte sie Scones statt Muffins. Anfangs hatten die Einheimischen, die größtenteils als Rancher oder Holzfäller arbeiteten, ihre »komischen Kuchen« scheel angesehen, aber schon bald waren die Scones weggegangen wie warme Semmeln. Cate hatte mit verschiedenen Geschmacksrichtungen experimentiert, aber Vanille war und blieb der Renner, weil es mit jeder Art von Marmelade harmonierte.
Sie stellte den Teller mit gebratenem Schinken auf einem Tisch ab, und zwar genau in der Mitte zwischen Conrad Moon und seinem Sohn, damit keiner ihr vorwerfen konnte, den anderen zu bevorzugen. Diesen Fehler hatte sie ein einziges Mal begangen, als sie den Teller näher bei Conrad abgestellt hatte, seither ließen sich die beiden bei jedem Besuch darüber aus, wen sie wohl lieber hatte. Gordon, der jüngere Moon, machte nur Spaß, aber Cate hatte das unangenehme Gefühl, dass Conrad nach einer dritten Frau suchte und der Meinung war, sie könnte diesen Posten aufs Beste ausfüllen. Sie war anderer Meinung und achtete peinlich darauf, ihn nie indirekt zu ermuntern, indem sie den Schinken in seiner Nähe abstellte.
»Sieht gut aus«, meinte Gordon gedehnt, genau wie jeden Tag, und streckte die Gabel vor, um eine Scheibe zu ergattern.
»Besser als gut«, ergänzte Conrad, der sich im Komplimentemachen keinesfalls von Gordon übertrumpfen lassen wollte.
»Danke«, sagte sie und eilte davon, weil sie Conrad keine Gelegenheit geben wollte, noch mehr zu sagen. Er war ein netter Mann, aber er war etwa so alt wie ihr Vater, und sie hätte ihn auch nicht erhört, wenn sie nicht viel zu beschäftigt gewesen wäre, um an ein Date auch nur zu denken.
Als sie bei der Kaffeemaschine vorbeikam, prüfte sie automatisch den Pegel in beiden Kannen und blieb kurz stehen, um frischen Kaffee aufzusetzen. Der Speiseraum war noch gut besetzt, und heute würden die Gäste nicht so schnell gehen wie gewöhnlich. Joshua Creed, der Jagdführer, saß mit einem seiner Jagdgäste zusammen; wenn Mr Creed hier war, blieben die anderen Gäste immer ein bisschen länger, um ein wenig mit ihm zu plaudern. Er hatte etwas von einem Anführer und strahlte eine Autorität aus, auf die andere unwillkürlich reagierten. Sie hatte gehört, dass er beim Militär gewesen war, und glaubte das nur zu gern; von seinem scharfen, schmaläugigen Blick bis zu dem kantigen Kinn und ebensolchen Schultern umgab ihn die Aura eines Befehlshabers. Er kam nicht oft, aber wenn, dann stand er im Mittelpunkt respektvoller Aufmerksamkeit.
Sein Jagdgast, ein gut aussehender dunkelhaariger Mann, den sie auf Ende dreißig schätzte, gehörte jener Gattung von Auswärtigen an, die ihr am wenigsten lagen. Ganz offensichtlich war er wohlhabend, sonst hätte er sich Joshua Creed nicht leisten können, und obwohl er wie die meisten anderen im Raum in Jeans und Stiefeln gekommen war, gab er doch auf subtile und weniger subtile Weise zu erkennen, dass er trotz seiner aufgesetzten Kameradschaftlichkeit jemand wirklich Wichtiges war. Zum einen hatte er die Ärmel hochgekrempelt und ließ immer wieder seine flache, diamantenbesetzte Armbanduhr aufblitzen. Davon abgesehen war er einen Tick zu laut, zu jovial und erzählte fortwährend von seinen Erlebnissen auf einer Jagdsafari in Afrika. Er hielt sogar eine öffentliche Nachhilfestunde in Geografie, indem er ungefragt erklärte, wo Nairobi lag. Cate hätte am liebsten heimlich die Augen verdreht, weil er einheimisch mit blöd gleichzusetzen schien. Wunderlich vielleicht, aber definitiv nicht blöd. Außerdem betonte er, dass er die Wildtiere vor allem jagte, um sie zu fotografieren, und obwohl Cate das emotional guthieß, flüsterte ihr eine boshafte Stimme ein, dass er das nur behauptete, um sich herausreden zu können, falls er nichts erlegte. Es hätte sie überrascht, wenn er wirklich etwas vom Fotografieren verstanden hätte.
Während sie in die Küche eilte, rätselte sie, wann sie eigentlich angefangen hatte, Neuankömmlinge als »Auswärtige« zu betrachten.
Die Trennlinie zwischen ihrem früheren und ihrem jetzigen Leben war so scharf, dass sie manchmal das Gefühl hatte, ein vollkommen anderer Mensch zu sein als früher. Es hatte sich kein langsamer Wandel vollzogen, der ihr Zeit gegeben hätte, alles zu analysieren, zu verarbeiten und darüber zu der Frau heranzuwachsen, die sie jetzt war; stattdessen hatte es abrupte Brüche und plötzliche Umwälzungen gegeben. Der Zeitraum zwischen Dereks Tod und ihrem Entschluss, nach Idaho zu ziehen, war ein tiefes, enges Tal, in das kein Sonnenstrahl gedrungen war. Nachdem sie und die Jungen hier angekommen waren, war sie so damit beschäftigt gewesen, die Pension zu eröffnen und sich hier zu etablieren, dass sie kaum Zeit gehabt hatte, darüber nachzugrübeln, ob man sie als Fremde betrachtete. Inzwischen war sie, ohne dass sie sich besonders darum bemüht hätte, genauso tief und innig in der kleinen Gemeinschaft verwurzelt, wie sie es früher in Seattle war; sogar noch mehr, weil Seattle wie jede Großstadt voller Fremder war und sich jeder in seiner eigenen kleinen Blase bewegte. Hier kannte sie wirklich jeden.
Gerade als sie die Küchentür erreicht hatte, öffnete sich diese, und Sherry Bishop streckte das Gesicht heraus, auf dem sich schlagartig Erleichterung abzeichnete, als sie Cate kommen sah.
»Was ist denn?«, fragte Cate, während sie in die Küche eilte. Ihr erster Blick galt dem Küchentisch, an dem ihre vierjährigen Zwillinge Tucker und Tanner Cornflakes in sich hineinschaufelten. Sie plapperten, kicherten und zappelten wie immer; in ihrer Welt war alles zum Besten bestellt. Genauer gesagt plapperte Tucker, und Tanner hörte zu. Sie machte sich manchmal Sorgen, weil Tanner so wenig sprach, doch der Kinderarzt hatte keineswegs beunruhigt gewirkt. »Mit ihm ist alles in Ordnung«, hatte Dr. Hardy ihr erklärt. »Er braucht nicht zu reden, weil Tucker für zwei redet. Er wird anfangen zu reden, wenn er etwas zu sagen hat.« Da Tanner ansonsten in jeder Hinsicht unauffällig war, seine Auffassungsgabe eingeschlossen, musste sie davon ausgehen, dass der Kinderarzt recht hatte – aber Sorgen machte sie sich trotzdem. Sie konnte nicht anders; sie war eine Mutter.
»Unter der Spüle ist ein Rohr undicht.« Sherry klang aufgelöst. »Ich habe den Hahn zugedreht, aber wir brauchen so schnell wie möglich wieder Wasser. Das schmutzige Geschirr stapelt sich jetzt schon.«
»O nein.« Abgesehen von den offensichtlichen Schwierigkeiten, ohne Wasser zum Kochen und Abwaschen auskommen zu müssen, drohte ein weiteres, schwerwiegenderes Problem: Ihre Mutter Sheila Wells reiste aus Seattle zu einem einwöchigen Besuch an und würde am Nachmittag eintreffen. Da ihre Mutter von Anfang an nicht besonders glücklich darüber gewesen war, dass Cate und die Zwillinge Seattle verlassen hatten, konnte sich Cate schon ausmalen, was sie über die abgelegene Gegend und den Mangel an den Annehmlichkeiten der modernen Welt sagen würde, vor allem wenn es kein Wasser geben sollte.
Irgendetwas war immer los; an diesem alten Haus gab es ständig etwas instand zu halten oder zu reparieren, was, wie sie annahm, alte Häuser per se auszeichnete. Trotzdem hatte sie ihre Finanzdecke bis zum Zerreißen gespannt; sie hätte wirklich eine Woche brauchen können, in der nichts Neues anfiel. Vielleicht nächste Woche, tröstete sie sich seufzend.
Sie griff zum Küchentelefon und wählte aus dem Gedächtnis die Nummer von Earl’s Hardware Store.
Walter Earl ging persönlich an den Apparat, und zwar beim ersten Läuten, so wie eigentlich immer. »Haushaltswaren.« Mehr brauchte er nicht zu sagen, da es nur einen einzigen Haushaltswarenladen im Ort gab und niemand außer ihm je ans Telefon ging.
»Walter, hier ist Cate. Wissen Sie, wo Mr Harris heute arbeitet? Ich habe einen Wasserrohrbruch.«
»Mister Hawwis!«, krähte Tucker, der den Namen des hiesigen Allround-Handwerkers aufgeschnappt hatte. Begeistert klopfte er mit dem Löffel auf die Tischplatte, bis Cate den Finger ins Ohr steckte, um mitzubekommen, was Walter sagte. Beide Buben sahen sie mit großen, glücklichen Augen an und zappelten vor Freude. Der nette Mr Harris gehörte zu ihren liebsten Besuchern, weil er so viele faszinierende Werkzeuge besaß und nicht schimpfte, wenn sie mit den Schraubenschlüsseln und Hämmern spielten.
Calvin Harris besaß kein Telefon, schaute aber gewöhnlich am Morgen im Haushaltswarenladen vorbei, um alles zu besorgen, was er den Tag über benötigen würde; deshalb wusste Walter meistens, wo man ihn finden konnte. Als Cate hierher gezogen war, konnte sie kaum glauben, dass es in der heutigen Zeit noch Menschen ohne Telefon gab, aber inzwischen hatte sie sich an das System gewöhnt und dachte sich nichts mehr dabei. Mr Harris wollte kein Telefon, also besaß er auch kein Telefon. Der Ort war so klein, dass es kein Problem war, ihn zu finden.
»Cal ist gerade hier«, sagte Walter. »Ich schicke ihn rüber.«
»Danke.« Cate war froh, dass sie Mr Harris nicht erst aufzuspüren brauchte. »Könnten Sie ihn fragen, wann er herkommen kann?«
Walter gab die Frage mit Bärenstimme weiter, dann hörte sie ein leiseres, unverständliches Murmeln, das sie als Mr Harris’ Stimme erkannte.
Walters Stimme schallte wieder aus dem Hörer. »Er sagt, er kommt in ein paar Minuten.«
Cate verabschiedete sich, legte auf und atmete erleichtert auf. Mit etwas Glück handelte es sich um ein kleineres Problem, und sie hätten bald wieder Wasser, ohne dass die Reparatur ihre Finanzen zu sehr strapazierte. Bei näherer Betrachtung benötigte sie Mr Harris’ Reparaturgeschick so oft, dass sie bald glaubte, es wäre für sie günstiger, ihm im Austausch gegen seine Reparaturen freie Kost und Logis anzubieten. Zurzeit lebte er in einer Einliegerwohnung über dem Tierfutterladen, die zwar größer war als jedes ihrer Gästezimmer, aber für die er Miete bezahlen musste, obendrein könnte sie ihn mit ihrem Essen ködern. Sie würde ein Gästezimmer verlieren, aber bis jetzt war sie noch nie ausgebucht gewesen. Was sie davon abhielt, war die nicht ganz so angenehme Vorstellung, ständig jemanden bei sich und den Zwillingen im Haus zu haben. Gerade weil sie tagsüber so beschäftigt war, verbrachte sie die Abende lieber allein mit ihren Kindern.
Andererseits war Mr Harris zwar ganz ansehnlich und nett, aber gleichzeitig so verschlossen, dass sie sich leicht vorstellen konnte, wie er nach dem Abendessen unter einem leisen Murmeln in sein Zimmer verschwand, um vor dem nächsten Morgen nicht wieder aufzutauchen. Aber wenn sie sich irrte? Wenn die Jungs lieber mit ihm zusammen wären als mit ihr? Schließlich schienen sie Mr Harris zu lieben. Dass sie sich darüber den Kopf zerbrach, gab ihr das Gefühl, kleinlich und geizig zu sein, wenn es andererseits wirklich so kommen sollte? Die Kinder standen im Zentrum ihres Lebens, und sie wusste nicht, ob sie das jetzt schon aufgeben konnte. Irgendwann würde sie es müssen, aber die beiden waren erst vier und alles, was Derek ihr hinterlassen hatte.
»Und?«, hakte Sherry nach, die mit hochgezogenen Brauen auf die gute – oder schlechte – Nachricht wartete.
»Er kommt gleich.«
»Du hast ihn also noch erwischt, bevor er woanders anfangen konnte.« Sherry wirkte so erleichtert, wie Cate sich fühlte.
Cate sah die Jungen an, die beide still dasaßen und sie mit erhobenen Löffeln beobachteten. »Ihr zwei müsst aufessen, sonst könnt ihr Mr Harris nicht zuschauen«, sagte sie streng. Das entsprach nicht ganz der Wahrheit, da Mr Harris hier in der Küche arbeiten würde, aber sie waren erst vier; was wussten sie schon?
»Wir sind auch ganz wuhig«, versprach Tucker, und beide nahmen das Essen mit mehr Energie als Präzision wieder auf.
»Ruhig«, betonte Cate das R.
»Ruhig«, wiederholte Tucker gehorsam. Er konnte das R sprechen, wenn er wollte, aber wenn er abgelenkt war, wie meistens, verflachte es zu einem W. Er redete so viel; man könnte fast meinen, dass er keine Zeit hatte, die Worte richtig auszusprechen. »Mister Hawwis kommt gleich«, erklärte er Tanner, als hätte sein Bruder das nicht mitbekommen. »Ich will mit dem Bohwa spielen.«
»Bohrer«, berichtigte Cate. »Und das wirst du nicht. Ihr dürft zuschauen, aber ihr lasst die Finger von den Werkzeugen.«
Seine großen blauen Augen füllten sich mit Tränen, und seine Unterlippe bebte. »Mista Hawwis sagt aber, wir düahfen damit spielen.«
»Das dürft ihr, aber nur wenn er Zeit hat. Heute hat er es bestimmt eilig, weil er noch woanders hinmuss, wenn er hier fertig ist.«
Als Cate die Pension eröffnet hatte, hatte sie die Zwillinge davon abzuhalten versucht, den Handwerker zu belästigen; da sie damals erst ein Jahr alt gewesen waren, hätte ihr das ein Leichtes sein müssen, aber schon damals hatten sie ein bemerkenswertes Geschick im Entwischen gezeigt. Sobald sie ihnen den Rücken zudrehte, zog es die Buben zu Cal Harris hin wie Eisen an einen Magneten. Wie kleine Äffchen hatten sie in seiner Werkzeugkiste herumgekramt und waren mit allem, was sie in die Finger bekommen konnten, weggerannt. Cate hatte genau gewusst, dass sie seine Geduld ebenso strapazierten wie ihre, aber er hatte nie etwas gesagt, wofür sie ihm zutiefst dankbar war. Obwohl sie sein Schweigen nicht wirklich überrascht hatte; er sprach sowieso praktisch nie.
Inzwischen waren die Buben älter, aber die Werkzeuge faszinierten sie wie eh und je. Der einzige Unterschied war, dass sie jetzt darauf bestanden, ihm zu »helfen«.
»Die stören mich nicht«, murmelte Mr Harris jedes Mal, wenn sie die beiden erwischte, wobei er errötend den dunkelblonden Schopf senkte. Er war erstaunlich schüchtern, sah ihr kaum je in die Augen und sprach wirklich nur, wenn es sein musste. Na schön, mit den Jungs sprach er sehr wohl. Vielleicht fühlte er sich in der Gesellschaft der Zwillinge entspannter, weil sie so klein waren, jedenfalls hatte sie gehört, wie sich seine Stimme mit dem hohen, aufgeregten Geplapper der Knaben mischte, so als führten die drei ein richtiges Gespräch.
Sie schaute aus der Küchentür und sah, dass drei Gäste an der Kasse anstanden. »Ich bin gleich wieder da«, sagte sie und ging kassieren. Eigentlich wollte sie keine Kasse im Speiseraum einrichten, aber der Frühstücksbetrieb machte das notwendig, darum hatte sie direkt neben dem Ausgang eine kleine Registrierkasse aufgestellt. Zwei der Gäste waren Joshua Creed und sein Jagdgast, und das bedeutete, dass es jetzt im Frühstücksraum bald leer würde.
»Cate.« Mr Creed neigte den Kopf. Er war groß und breitschultrig, zeigte an den Schläfen das erste Silber, und sein Gesicht war von den Elementen gezeichnet. Seine nussbraunen Augen waren schmal, sein Blick war bohrend; er sah aus, als könnte er Eisennägel kauen und Gewehrkugeln ausspucken, aber wenn er mit ihr sprach, verhielt er sich immer höflich und freundlich. »Ihre Scones werden wirklich immer besser. Ich würde zweihundert Kilo wiegen, wenn ich jeden Tag hier frühstücken würde.«
»Das bezweifle ich, aber vielen Dank.«
Er wandte sich zur Seite und stellte ihr seinen Jagdgast vor. »Cate, das ist Randall Wellingham. Randall, diese bezaubernde Dame ist Cate Nightingale, stolze Besitzerin von Nightingale’s Bed and Breakfast und ganz nebenbei die beste Köchin weit und breit.«
Das erste Kompliment konnte man anzweifeln, das zweite war eine glatte Lüge, weil Walter Earls Frau Milly zu jenen Naturtalenten gehörte, die beim Kochen nie etwas abmessen mussten und trotzdem himmlische Gerichte zauberten. Trotzdem war es dem Geschäft kaum abträglich, wenn Mr Creed solche Komplimente machte.
»Ich kann ihm da nicht widersprechen«, pflichtete Mr Wellingham in seinem allzu herzlichen Tonfall bei, streckte ihr die Hand hin und musterte sie blitzschnell von oben bis unten, bevor sein Blick wieder auf ihrem Gesicht zu liegen kam, wobei seine Miene deutlich zu erkennen gab, dass er weder von ihr noch von ihren Kochkünsten sonderlich beeindruckt war. Cate zwang sich, seine Hand zu schütteln. Sein Griff war zu fest, die Haut zu glatt. Er war kein Mann, der körperlich arbeitete, was an sich kein Problem war, wenn er nicht so offenkundig auf all jene herabgesehen hätte, die es taten. Nur Mr Creed blieb davon ausgenommen, aber man musste schon blind und blöd sein, um Mr Creed mit Verachtung zu begegnen.
»Bleiben Sie lang hier?« Es war eine reine Höflichkeitsfrage.
»Nur eine Woche. Länger kann ich auf keinen Fall von meinem Büro wegbleiben. Sobald ich weg bin, ist dort der Teufel los«, erklärte er lachend.
Sie ließ das unkommentiert. Sie konnte sich vorstellen, dass er bei dem Wohlstand, den er ausstrahlte, eine eigene Firma besaß, aber es interessierte sie nicht so sehr, dass sie gefragt hätte. Mr Creed nickte, setzte seinen schwarzen Hut auf, und die beiden Männer gingen, um den nächsten Gast an die Kasse zu lassen. Hinter ihm stellten sich bereits die beiden nächsten Gäste an.
Bis sie alle drei abkassiert und rundum Kaffee nachgeschenkt hatte, waren auch Conrad und Gordon Moon mit ihrem Frühstück fertig, und so kehrte sie an die Registrierkasse zurück, wo sie Conrads ungestüme Komplimente und Gordons amüsierte Kommentare abwehren musste. Er schien es komisch zu finden, dass sein Vater ein Tendre für sie entwickelt hatte.
Cate fand das ganz und gar nicht komisch, vor allem, als Conrad noch stehen blieb, nachdem sein Sohn auf die Veranda getreten war. Er hielt inne und schluckte so schwer, dass sein Adamsapfel auf und ab hüpfte. »Miss Cate, ich möchte Sie fragen – also ... wären Sie geneigt, heute Abend Besuch zu empfangen?«
Der altmodische Antrag war charmant, doch er ließ gleichzeitig die Alarmglocken bei ihr schrillen; es gefiel ihr, wie er gefragt hatte, und erschreckte sie, dass er es überhaupt getan hatte. Jetzt war es an Cate, schwer zu schlucken, doch dann packte sie den Stier bei den Hörnern, denn wenn sie dem Thema jetzt auswich, hätte sie nur weitere Annäherungsversuche zu erwarten, davon war sie überzeugt. »Nein, das werde ich nicht. Ich verbringe die Abende mit meinen Kindern. Tagsüber bin ich so beschäftigt, dass ich nur abends Zeit für sie habe, und ich fände es nicht richtig, ihnen das wegzunehmen.«
Er probierte es trotzdem nochmals. »Sie werden doch nicht die besten Jahre Ihres Lebens vergeuden wollen.«
»Ich vergeude sie nicht«, widersprach sie energisch. »Ich lebe sie so, wie es meiner Überzeugung nach am besten für mich und meine Kinder ist.«
»Aber bis sie erwachsen sind, bin ich vielleicht schon tot!«
Also, das war ein Gesichtspunkt, der ihn eindeutig attraktiver machte. Sie sah ihn fassungslos an und nickte dann zustimmend. »Ja, das ist möglich. Trotzdem muss ich Ihr Angebot ausschlagen. Wie Sie sicherlich verstehen werden.«
»Ehrlich gesagt nicht«, murmelte er. »Aber vermutlich kann ich einen Korb genauso gut einstecken wie jeder andere.«
Sherry streckte den Kopf aus der Küchentür. »Cal ist hier!«, rief sie.
Conrads Blick kam auf Sherry zu liegen und nagelte sie fest. »Miss Sherry«, sagte er. »Wären Sie eventuell geneigt, Besuch zu empfangen?«
Cate überließ es Sherry, mit dem geriatrischen Schwerenöter fertigzuwerden, und flüchtete an ihr vorbei in die Küche.
Mr Harris war bereits auf den Knien und hatte den Kopf in den Schrank unter der Spüle geschoben, während die Jungen aus ihren Stühlen geklettert waren und seine schwere Werkzeugkiste plünderten. Cate stockte kurz beim Anblick des hochgereckten, unerwartet muskulösen Hinterns, aber im nächsten Moment rief sie sich zur Ordnung.
»Tucker! Tanner!« Sie stemmte die Hände in die Hüften und bedachte die Zwillinge mit ihrem besten Strenge-Mutter-Blick. »Ihr legt sofort die Werkzeuge in die Kiste zurück. Habe ich euch nicht gesagt, dass ihr Mr Harris diesmal nicht stören dürft? Ihr könnt zuschauen, habe ich gesagt, aber ihr dürft nicht sein Werkzeug nehmen. Ihr geht beide auf euer Zimmer, und zwar sofort.«
»Aber Mommy ...«, setzte Tucker an, der stets bereit war, eine hitzige Diskussion anzuzetteln, um sich für das zu verteidigen, wobei er erwischt worden war. Tanner trat einen Schritt zurück, ohne den Gabelschlüssel in seiner Hand loszulassen, und wartete schweigend ab, ob Tucker bestehen oder untergehen würde. Sie spürte bereits, wie ihr die Situation entglitt, wie ihr Mutterinstinkt sie warnte, dass beide kurz vor einer offenen Rebellion standen. Dass sie bis an die Grenzen gingen, um auszuloten, wie weit Cate nachgeben würde. Niemals Schwäche zeigen. So lautete der eine und einzige Rat ihrer Mutter im Umgang mit Flegeln, wilden Tieren oder ungehorsamen Vierjährigen.
»Nein«, sagte Cate mit fester Stimme und deutete auf die Werkzeugkiste. »Ihr legt die Werkzeuge zurück. Und zwar sofort.«
Schmollend warf Tucker einen Schraubenzieher in die Kiste. Cate merkte, wie ihre Backenzähne zu mahlen begannen; er wusste genau, dass er nicht mit seinen Sachen werfen sollte, schon gar nicht mit Sachen, die anderen Leuten gehörten. Mit einem schnellen Schritt war sie an der Werkzeugkiste, packte ihn am Arm und versetzte ihm einen Klaps auf den Allerwertesten. »Junger Mann, du weißt genau, dass du mit den Werkzeugen von Mr Harris nicht herumwerfen darfst. Als Erstes wirst du ihm sagen, dass es dir leidtut; und danach wirst du eine Viertelstunde in deinem Zimmer im Auszeitstuhl sitzen.« Tucker begann augenblicklich loszuheulen, Tränen überströmten sein Gesicht, aber Cate hob lediglich die Stimme und zeigte auf Tanner. »Die Rohrzange in die Kiste.«
Er sah sie finster und trotzig an, aber dann legte er unter einem schweren Seufzer die Zange in die Kiste zurück. »Oookay«, sagte er so kummervoll, dass sie sich auf die Lippe beißen musste, um nicht loszulachen. Sie musste mühsam erlernen, dass sie den beiden keinen Fingerbreit nachgeben durfte, sonst wurde sie gnadenlos überrollt.
»Wenn Tucker aufsteht, gehst du für zehn Minuten in den Auszeitstuhl. Du hast auch nicht auf mich gehört. Jetzt räumt ihr beide alle Werkzeuge zusammen und legt sie wieder in die Kiste. Und zwar vorsichtig.«
Tanners Unterlippe schob sich vor, bis er einer winzigen Gewitterwolke glich, und Tucker kämpfte weiter mit den Tränen, doch zu ihrer Erleichterung folgten beide ihrem Befehl. Cate drehte sich um und stellte fest, dass Mr Harris den dunkelblonden Kopf unter der Spüle hervorgezogen hatte und den Mund aufklappte, zweifellos, um die kleinen Schurken in Schutz zu nehmen. Sie drohte ihm mit erhobenem Finger. »Kein Wort!«, beschied sie ihm streng.
Seine Augen blitzten kurz auf, doch dann murmelte er, knallrot anlaufend: »Schon gut, schon gut«, und steckte den Kopf wieder in den Schrank.
Als alle Werkzeuge wieder in der Kiste lagen, wenn auch wahrscheinlich nicht am richtigen Fleck, stupste Cate Tucker an: »Was sollst du Mr Harris sagen?«
»Ent-schuldigung«, schluchzte er mit einem kleinen Schluckauf mitten im Wort. Seine Nase triefte.
Mr Harris zog den Kopf wieder aus dem Schrank. »Schon okay«, sagte er und zwinkerte Tucker dabei zu, doch dann fiel sein Blick auf Cate, die ihn mit hochgezogener Braue ansah. »Aber ihr solltet wirklich auf eure Mutter hören«, ergänzte er halbherzig.
Cate riss ein Küchentuch ab und hielt es unter Tuckers Nase. »Schnäuzen«, wies sie ihn an, und er tat es mit der ungebremsten Energie, mit der er alles anging. »Jetzt geht ihr beide auf euer Zimmer. Tucker, du setzt dich in den Auszeitstuhl. Tanner, du darfst leise spielen, solange Tucker im Stuhl sitzt. Ich komme später rauf und sage euch, wann ihr Plätze tauschen müsst.«
Mit gesenkten Köpfen schleppten sich die beiden kleinen Jungen die Treppe hinauf, so als müssten sie sich einem unaussprechlich grausigen Schicksal stellen. Cate sah kurz auf die Uhr, um festzustellen, wann Tucker seine Zeit abgesessen hätte.
Sherry war in die Küche zurückgekommen und schaute Cate halb mitfühlend und halb amüsiert zu. »Bleibt Tucker wirklich auf seinem Stuhl, bis du nach oben gehst?«
»Ich glaube schon. Wir mussten die Zeit auf dem Auszeitstuhl ein paarmal verlängern, bis er das Prinzip kapiert hatte. Tanner war noch sturer.« Das war die Untertreibung des Jahres, dachte sie in Erinnerung an die Kämpfe, die es gekostet hatte, ihm das Bocken auszutreiben. Tanner redete nur wenig, aber er war die Sturheit in Person. Beide Knaben waren lebhaft, eigensinnig und absolut genial, wenn es darum ging, auf eine neue, noch nie da gewesene Weise in Schwierigkeiten zu geraten – oder gar in Gefahr. Einst hatte sie der Gedanke, den beiden auch nur einen Klaps zu versetzen, zutiefst schockiert, aber seit die beiden zwei Jahre alt geworden waren, hatte sie ihre Erziehungsideale gründlich revidiert. Sie hatte die beiden noch nie wirklich gezüchtigt, aber ihr Ideal, sie ohne einen einzigen Klaps durch die Kindheit zu bringen, hatte sie inzwischen aufgegeben. Bei dem Gedanken war ihr immer noch nicht ganz wohl, aber sie musste ihre Kinder allein großziehen und aufpassen, dass ihnen nichts zustieß, während sie die beiden gleichzeitig zu verantwortungsvollen Menschen formte. Wenn sie nicht in Panik geraten wollte, durfte sie nicht allzu lange über diese Aufgabe nachdenken, genauso wenig wie über die vielen Jahre, die noch vor ihr lagen. Derek war nicht mehr da. Sie musste es allein schaffen.
Mr Harris krabbelte rückwärts aus dem Schrank und sah zu ihr auf, als wollte er abschätzen, ob er sie gefahrlos ansprechen konnte. Nachdem er offenbar zu dem Schluss gekommen war, dass die Gefahr gebannt war, räusperte er sich. »Ähm ... das Leck ist kein Problem. Das war nur eine lose Mutter.« Während er das sagte, stieg ihm allmählich das Blut ins Gesicht, und er senkte den Blick auf die Rohrzange in seiner Hand.
Sie musste unwillkürlich lächeln. Die Schüchternheit wirkte irgendwie niedlich bei dem großen Mann. Dann atmete sie erleichtert aus und ging zur Tür. »Gott sei Dank. Ich hole nur kurz mein Portemonnaie, damit ich Sie bezahlen kann.«
»Braucht’s nicht«, murmelte er. »Ich musste sie nur wieder festziehen.«
Überrascht blieb sie stehen. »Aber Sie haben Ihre Zeit geopfert und ...«
»Das hat nicht mal eine Minute gedauert.«
»Ein Anwalt würde für diese Minute eine volle Stunde berechnen«, bemerkte Sherry eigenartig fröhlich.
Mr Harris murmelte etwas vor sich hin, das Cate nicht mitbekam, im Gegensatz zu Sherry, die breit zu grinsen begann. Cate fragte sich, was wohl so komisch war, hatte aber keine Zeit, das Thema zu vertiefen. »Darf ich Ihnen wenigstens eine Tasse Kaffee spendieren?«
Er sagte etwas, das wie »Danke« klang, aber auch »Nein danke« sein konnte. Weil sie annahm, dass er Ersteres gemeint hatte, eilte sie in den Speiseraum, schenkte einen großen Styroporbecher mit Kaffee voll und setzte den Plastikdeckel darauf. Zwei weitere Gäste wollten ihre Rechnungen bezahlen; den einen kannte sie, den anderen nicht, doch das war während der Jagdsaison nicht ungewöhnlich. Sie kassierte ab, ließ den Blick einmal über die verbliebenen Gäste schweifen, die alle versorgt schienen, und trug den Kaffee in die Küche.
Mr Harris kauerte vor seiner Werkzeugkiste und brachte sie wieder in Ordnung. Cate errötete verlegen. »Bitte entschuldigen Sie. Ich habe ihnen gesagt, dass sie nicht an Ihr Werkzeug dürfen, aber ...« Sie zog frustriert eine Schulter hoch und reichte ihm dann den Kaffee.
»Macht gar nichts.« Er nahm den Kaffee entgegen und legte die rissigen, ölfleckigen Finger um das Styropor. Seine langen, kräftigen Hände hielten die Tasse fest umfasst. Dann senkte er wieder den Kopf. »Ich bin gern mit ihnen zusammen.«
»Und sie mit Ihnen.« Sie lächelte spröde. »Ich muss jetzt hoch und nach ihnen sehen. Nochmals vielen Dank, Mr Harris.«
»Die fünfzehn Minuten sind noch nicht um«, wandte Sherry mit einem Blick auf die Uhr ein.
Cate grinste. »Ich weiß. Aber sie können die Uhr noch nicht lesen, da machen ein paar Minuten keinen Unterschied. Könntest du kurz auf die Kasse aufpassen? Im Speiseraum scheint alles in Ordnung zu sein, niemand brauchte frischen Kaffee; du brauchst also nichts weiter zu tun, bis die nächsten Gäste gehen.«
»Mach ich«, sagte Sherry, und Cate ging in den Flur, wo sie die lange, steile Treppe hinaufstieg.
Sie hatte für sich und die beiden Buben die vorderen Zimmer behalten und die Zimmer mit dem schönsten Ausblick für ihre Gäste reserviert. Treppe und Gang waren mit Teppich ausgelegt, sodass ihre Schritte nicht zu hören waren, als sie oben an der Treppe nach rechts bog. Sie konnte sehen, dass die Tür offen stand, aber sie hörte keine Stimmen. Sie lächelte; das war ein gutes Zeichen.
In der Tür blieb sie stehen und schaute den beiden eine Minute lang zu. Tucker saß auf seinem Stuhl und zupfte mit gesenktem Kopf und vorgeschobener Unterlippe an seinen Fingernägeln. Tanner saß auf dem Boden, schob ein Spielzeugauto über eine schiefe Ebene, die er aus einem an sein Bein gelehntes Kinderbuch gebastelt hatte, und gab dabei halblaute Motorengeräusche von sich.
Ihr wurde das Herz eng, als die Erinnerung sie überkam. An ihrem ersten Geburtstag, nur wenige Monate nach Dereks Tod, war eine ganze Lawine an Geschenken über die beiden hereingebrochen. Cate hatte ihnen nie Motorengeräusche vorgemacht; sie waren gerade damit beschäftigt, laufen zu lernen, und spielten vor allem mit weichen Plüschtieren, Sachen zum Krachmachen oder Lernspielen, mit denen Cate ihren Wortschatz und ihre Koordination schulte. Als Derek starb, waren sie noch zu jung gewesen, als dass er je mit ihnen Auto gespielt hätte, und sie wusste genau, dass ihr eigener Vater es auch nicht getan hatte. Ihr Bruder, dem sie das zugetraut hätte, lebte in Sacramento, und sie hatte ihn seit Dereks Tod nur ein einziges Mal gesehen. Ohne dass ihnen jemand gezeigt hätte, wie man Motorengeräusche macht, hatten sie je eines ihrer neuen, dicken, knallbunten Plastikautos gepackt, sie hin und her geschoben und dabei etwas gesagt, das wie »uuuu-dden, uuu-dden« klang, sogar den Gangwechsel hatten sie nachgeahmt. Fassungslos hatte sie ihren Kindern zugeschaut und erstmals erkannt, dass ein wesentlicher Teil ihrer Persönlichkeit schon festgelegt war und sie als Mutter zwar ihre Instinkte schärfen konnte, aber bestimmt nicht die Macht hatte, ihre Psyche nach Belieben umzuformen. Sie waren so, wie sie waren, und sie liebte jede Faser, jedes Molekül an ihnen.
»Zeit zum Tauschen«, sagte sie, und Tucker hüpfte mit einem Seufzer der Erleichterung aus dem Stuhl. Tanner ließ das Spielzeugauto los und den Kopf auf die Brust sinken, ein Sinnbild Mitleid heischender Niedergeschlagenheit. Er zog sich hoch, als hingen an seinen Füßen so schwere Gewichte, dass er kaum laufen konnte. So langsam, wie er sich bewegte, hätte man meinen können, dass er vor dem Schulalter den Stuhl nicht mehr erreichen würde. Doch schließlich war er angekommen, ließ sich auf die Sitzfläche fallen, und sein Körper sackte zusammen.
»Zehn Minuten«, wiederholte sie und kämpfte erneut gegen ein Lachen an. Ganz offensichtlich hatte er das Gefühl, dem Untergang geweiht zu sein; seine Körpersprache verriet nur zu deutlich, dass er keine Hoffnung mehr hegte, vor seinem Tode aus dem Auszeitstuhl erlöst zu werden.
»Ich war bwav.« Tucker lehnte sich an ihre Beine. »Ich hab gar nicht gespwochen.«
»Das war sehr tapfer«, sagte Cate und fuhr mit den Fingern durch sein dunkles Haar. »Du hast deine Strafe wie ein Mann auf dich genommen.«
Er sah mit großen blauen Augen zu ihr auf. »Wirklich?«
»Wirklich. Ich bin stolz auf dich.«
Seine kleinen Schultern streckten sich durch, und er sah nachdenklich zu Tanner hinüber, der ganz so aussah, als würde er jeden Augenblick dahinscheiden. »Bin ich besser wie Tannah?«
»Tanner«, korrigierte Cate.
»Tan-ner.«
»Sehr gut. Als Tanner.«
»Alz Tanner.« Er zischte wie eine Schlange.
»Lass dir einfach Zeit, dann machst du beim Sprechen gar keine schlechte Figur.«
Verwirrt legte er den Kopf schief. »Was ist eine Fick-Uhr?«
»Tucker!« Entsetzt erstarrte Cate und sah ihn mit offenem Mund an. »Woher hast du dieses Wort?«
Wenn überhaupt, sah er sie noch verwirrter an. »Du hast das gesagt, Mommy. Du hast gesagt ›Fick-Uhr.‹«
»Figur, nicht Fick-Uhr!«
»Oh.« Er zog die Stirn in Falten. »Und was ist eine Fig-uah?«
»Vergiss es.« Vielleicht war es reiner Zufall; vielleicht hatte er das Wort »Fick« noch nie gehört. Schließlich klangen die beiden Wörter wirklich ähnlich, da war es nicht so leicht, sie zu unterscheiden. Vielleicht würde er das Thema vergessen, wenn sie die Sache auf sich beruhen ließ. Na sicher. Er würde sich insgeheim daran ergötzen und es wieder ausplappern, wenn es sie wirklich in Verlegenheit brachte – wahrscheinlich vor ihrer Mutter.
»Setz dich hin und spiel, bis Tanner aus dem Stuhl darf«, riet sie ihm und tätschelte seine Schulter. »In zehn Minuten bin ich wieder da.«
»Acht!«, protestierte Tanner, in den immerhin so viel Leben zurückgekehrt war, dass er ihr einen empörten Blick zuwerfen konnte.
Sie sah auf ihre Armbanduhr; unglaublich, aber er hatte wahrhaftig nur noch acht Minuten zu verbüßen. Er saß bereits seit zwei Minuten auf dem Auszeitstuhl.
Manchmal machten ihr ihre Kinder wirklich Angst. Sie konnten beide bis zwanzig zählen, aber sie hatte ihnen definitiv noch nicht das Subtrahieren beigebracht, zudem beschränkte sich ihr Zeitempfinden mehr oder weniger auf »jetzt sofort« oder »lange, lange warten«. Irgendwann hatte Tanner, vielleicht während er alles aufmerksam beobachtet hatte, statt zu plappern, sich das Rechnen beigebracht.
Vielleicht könnte er nächstes Jahr ihre Steuererklärung ausfüllen, dachte sie sarkastisch.
Als sie aus dem Zimmer gehen wollte, fiel ihr Blick auf die schlichte 3 an der Tür hinter der Treppe. Mr Layton! Über dem undichten Rohr und dem Aufstand der Zwillinge hatte sie komplett vergessen, ihm das Frühstück zu bringen.
Sie eilte zur Tür; sie war angelehnt, weshalb sie an den Türrahmen klopfte. »Mr Layton, hier ist Cate Nightingale. Möchten Sie, dass ich Ihnen das Frühstück heraufbringe?«
Sie wartete, erhielt aber keine Antwort. Hatte er das Zimmer verlassen und war wieder nach unten gegangen, während sie bei den Jungs im Zimmer war? Die Tür quietschte eigensinnig, deshalb hätte sie es hören müssen, wenn jemand sie geöffnet hätte.
»Mr Layton?«
Immer noch keine Antwort. Zaghaft drückte sie die Tür auf, und prompt ertönte das Quietschen.
Die Bettdecke lag zerknüllt auf dem Bett, und im offenen Schrank hingen diverse Kleidungsstücke an der Stange. Jedes Gästezimmer hatte ein eigenes Bad, auch diese Tür stand offen. Auf dem zusammenklappbaren Koffergestell lag ein kleiner Lederkoffer, dessen offener Deckel gegen die Wand gelehnt war. Nur von Mr Layton war nichts zu sehen. Offenbar war er nach unten gegangen, während sie mit den Jungs geredet hatte, und sie hatte das Türenquietschen schlicht überhört.
Sie wollte schon wieder aus dem Raum treten, damit er, falls er gleich wieder heraufkam, nicht glaubte, sie würde in seinem Zimmer herumschnüffeln, als ihr auffiel, dass das Fenster geöffnet war und das Fliegengitter ein wenig abstand. Verdutzt ging sie ans Fenster, zog das Gitter wieder an und schloss den Riegel. Wie in aller Welt hatte sich der Riegel gelöst? Hatten die Jungs hier drin gespielt und aus dem Fenster zu klettern versucht? Bei dem Gedanken gefror ihr das Blut in den Adern, sie beugte sich hinaus, um zu sehen, wie tief es bis zum Verandadach darunter war. Bei so einem Sturz konnten sie sich alle Knochen brechen und vielleicht sterben.
Sie war so schockiert über diese Möglichkeit, dass es einen Moment dauerte, bis sie merkte, dass der Parkplatz leer war. Mr Laytons Mietwagen war weg. Entweder war er nicht mehr heraufgekommen oder – oder er war aus dem Fenster auf das Verandadach geklettert, von dort aus auf den Boden gesprungen und weggefahren. Die Vorstellung war lächerlich, aber immer noch angenehmer als der Gedanke, dass ihre Jungs auf das Verandadach klettern könnten.
Sie verließ Zimmer Nummer drei und kehrte ins Kinderzimmer zurück. Tanner saß immer noch auf seinem Stuhl und schwebte allem Anschein nach in akuter Gefahr, leblos zu Boden zu sinken. Tucker malte mit einer farbigen Kreide auf der Schiefertafel. »Jungs, hat einer von euch ein Fenster aufgemacht?«
»Nein, Mommy«, sagte Tucker, ohne in seinem schöpferischen Akt innezuhalten.
Tanner hob mit letzter Kraft den Kopf und schüttelte ihn schwerfällig.
Sie sagten die Wahrheit. Wenn sie logen, wurden ihre Augen groß und rund und starrten Cate an, als wäre sie eine Kobra, die sie mit einem leichten Wiegen des Kopfes hypnotisieren konnte. Sie hoffte, dass sich das nicht ändern würde, wenn sie Teenager waren.
Die einzige Erklärung für das offene Fenster war demzufolge, dass Mr Layton tatsächlich hinausgeklettert und weggefahren war.
Warum um Himmels willen sollte er so etwas tun?
Und hätte ihre Versicherung gezahlt, wenn er sich dabei etwas gebrochen hätte?
Cate eilte die Treppe hinunter und hoffte, dass Sherry nicht von einem unerwarteten Ansturm an Gästen überrascht worden war, während sie oben mit den Zwillingen zugange war. Als sie sich der Küchentür näherte, hörte sie Sherrys fröhlich glucksende Stimme. »Ich hab mich schon gefragt, wie lange du mit dem Kopf unter der Spüle bleiben würdest.«
»Ich hatte Angst, dass ich auch den Hintern voll bekomme, wenn ich mich einmische.«
Cate kam abrupt zum Stehen und riss verdattert die Augen auf. Das hatte Mr Harris gesagt? Mr Harris? Und zu Sherry? Sie konnte sich vorstellen, dass er so etwas – möglicherweise – zu einem anderen Mann sagte, aber wenn er mit einer Frau sprach, bekam er sonst kaum zwei Worte heraus, ohne knallrot anzulaufen. In seiner Stimme schwang eine Leichtigkeit, wie sie Cate noch nie bei ihm gehört hatte und die ihr das Gefühl gab, ihren Ohren nicht trauen zu können.
Mr Harris ... und Sherry? Hatte sie da etwas verpasst? Das war doch nicht möglich; die Vorstellung, dass die beiden sich finden könnten, war zu absurd, um wahr sein zu können ... wie Lisa Marie und Michael Jackson.
Was wiederum bewies, dass nichts unmöglich war.
Sherry war älter als Mr Harris, etwa Mitte fünfzig, aber das Alter sah man ihr kaum an. Sie war außerdem eine attraktive Frau, üppig, aber voller Kurven, mit rötlichem Haar und einer warmherzigen, offenen Persönlichkeit. Mr Harris war – ehrlich gesagt hatte Cate keine Ahnung, wie alt er war. Irgendwas zwischen vierzig und fünfzig schätzungsweise. Sie sah ihn im Geist vor sich; er sah älter aus, als er wahrscheinlich war, und zwar nicht, weil sein Gesicht so faltig gewesen wäre. Er gehörte zu den Menschen, die schon erwachsen auf die Welt kamen, die scheinbar schon alles gesehen haben. Wenn sie es recht überlegte, war er unter Umständen noch nicht einmal vierzig, sein Körper wirkte jedenfalls ausgesprochen jugendlich. Sein zerzaustes Haar, dessen Farbe irgendwo zwischen Braun und Mausgrau schwankte, war immer zu lang, und sie hatte ihn noch nie ohne seine ölverschmierte, ausgebeulte Latzhose gesehen. Er war so schlaksig, dass die Latzhose lockerer an seinem dünnen Leib saß als die Moral einer Prostituierten.
Cate spürte einen seltsamen, neidischen Stich, als sie die beiden so gelöst plaudern hörte; ihr gegenüber war er so schüchtern, dass sie es meist vermied, ihn anzusehen oder ihn anzusprechen, weil sie ihn nicht unter Druck setzen wollte; jetzt hatte sie ein schlechtes Gewissen, weil es einfacher gewesen war, sich ihm zu entziehen, als ihn aus seiner Schüchternheit zu locken, wie Sherry es offensichtlich getan hatte. Cate hätte sich ebenfalls um ihn bemühen sollen, sie hätte sich bemühen sollen, mit ihm Freundschaft zu schließen, so wie sich alle bemüht hatten, mit ihr Freundschaft zu schließen, als sie damals die Pension übernommen hatte. Sie war wirklich eine tolle Nachbarin!
Sie trat in die Küche, als beträte sie ein ihr unbegreifliches Schattenreich. Mr Harris zuckte sichtlich zusammen, als er sie sah, und sein Gesicht wurde knallrot, als ahnte er, dass Cate sie belauscht hatte. Cate zwang sich, an Mr Laytons eigenartiges Benehmen zu denken und nicht mehr darüber nachzusinnen, dass sich eventuell vor ihrer Nase eine Romanze entspann. Der Gedanke ließ sie unwillkürlich schlucken. Sie räusperte sich. »Der Gast aus Nummer drei ist aus dem Fenster geklettert und verschwunden«, sagte sie und zog die Schultern hoch zu einer »Ich habe keine Ahnung, was das verflixt noch mal soll«-Geste.
»Aus dem Fenster?«, wiederholte Sherry verwirrt. »Warum das denn?«
»Das weiß ich nicht. Seine Kreditkartennummer habe ich, also kann er schlecht die Zeche prellen. Und sein Gepäck ist noch hier.«
»Vielleicht wollte er nur aus dem Fenster klettern, um sich etwas zu beweisen.«
»Vielleicht. Oder er spinnt.«
»Oder das«, stimmte Sherry zu. »Wie viele Nächte bleibt er hier?«
»Er war nur die letzte Nacht da. Um elf müssen die Zimmer geräumt werden, er müsste also bald zurück sein.« Nur wollte ihr beim besten Willen nicht in den Kopf, wohin er verschwunden sein konnte, wenn er nicht gerade den plötzlichen Drang verspürt hatte, das Tierfuttergeschäft aufzusuchen. In Trail Stop gab es weder Läden noch Restaurants; wenn er frühstücken wollte, hätte er das hier tun müssen. Die nächste Ortschaft war eine Stunde mit dem Auto entfernt, er hatte also keine Zeit, dorthin zu fahren, zu essen und zurückzukommen, bevor er sein Zimmer räumen musste.
Nun war es an Mr Harris, sich zu räuspern. »Ich werde dann mal ... ähm ...« Er sah sich deutlich verlegen um.
Cate vermutete, dass er nicht wusste, wo er seinen Kaffeebecher abstellen sollte, und sagte mit ausgestreckter Hand: »Ich nehme ihn. Danke, dass Sie vorbeigeschaut haben. Ich wünschte, ich dürfte Sie dafür bezahlen.«
Er schüttelte störrisch den Kopf und reichte ihr den Becher. Entschlossen, von nun an freundlicher zu sein, fuhr sie fort: »Ich weiß wirklich nicht, was ich ohne Sie tun würde.«
»Wir wissen alle nicht mehr, wie wir zurechtgekommen sind, bevor Cal hergezogen ist«, sagte Sherry fröhlich. Sie trat an die Spüle und begann den Geschirrspüler zu beladen. »Ich schätze, wenn was zu reparieren war, haben wir einfach eine Woche oder länger gewartet, bis jemand aus der Stadt kam.«
Cate war etwas überrascht; sie hatte gedacht, dass Mr Harris hier geboren sei. Jedenfalls fügte er sich in die Gemeinschaft, als hätte er sein ganzes Leben hier verbracht. Wieder merkte sie, wie ihr vor Scham die Kehle eng wurde. Sherry sprach ihn mit seinem Vornamen an, während Cate ihn grundsätzlich Mr Harris genannt hatte, womit sie ihn automatisch auf Distanz gehalten hatte. Sie wusste selbst nicht, warum sie ihn nicht näher an sich herankommen lassen wollte, aber so war es nun mal.
»Moommmy!«, krähte Tucker von oben. »Die Zeit ist um!«
Sherry lachte leise, und Cate sah ein leises Lächeln um Mr Harris’ Lippen spielen, während er sich mit einem angedeuteten Salut von Sherry verabschiedete und seine Werkzeugkiste aufnahm, offensichtlich darauf bedacht, das Haus zu verlassen, bevor die beiden Jungs wieder herunterkamen.
Cate verdrehte die Augen zum Himmel, bat im Stillen um ein paar Minuten Ruhe und Frieden und trat dann in den Flur. »Sag Tanner, dass er jetzt aufstehen darf.«
»Su-pah!« Dem glückseligen Ruf folgte das Donnern hüpfender Kinderfüße. »Tannah! Mommy hat gesagt, du kannst aufstehen! Komm, wir bauen ein Fort und verbawwikadian uns dwin!« Voller Begeisterung für das neu gefundene Spiel rannte er in das Kinderzimmer zurück.
Cate war hin- und hergerissen zwischen einem leisen Schmunzeln über seine nach Zeichentrickfilm klingende Aussprache und der Verwunderung über seine Wortwahl. Verbarrikadieren? Wo hatte er das aufgeschnappt? Vielleicht hatten sie im Fernsehen alte Western angeschaut; sie musste unbedingt genauer darauf achten, womit sie sich die Zeit vertrieben.
Sie warf einen Blick in den Speiseraum: er war leer; der morgendliche Ansturm war bewältigt. Nachdem sie und Sherry den Speiseraum und die Küche sauber gemacht hatten und Mr Layton seine Sachen abgeholt hatte, würde sie sein Bett frisch beziehen und sein Zimmer aufräumen, dann hätte sie noch den halben Tag frei, um alles für den Besuch ihrer Mutter vorzubereiten.
Mr Harris war gegangen. Cate stellte sich neben Sherry, um ihr mit dem Geschirr zu helfen, und stieß sie mit der Hüfte an. »Also, was ist da mit dir und Mr Harris? Läuft etwas zwischen euch?«
Sherry klappte den Mund auf und sah Cate fassungslos an. »Guter Gott, nein. Wie kommst du denn auf die Idee?«
Ihre Reaktion wirkte so echt, dass Cate sich dumm vorkam, weil sie voreilige Schlüsse gezogen hatte. »Immerhin hat er mit dir gesprochen.«
»Also ehrlich, Cal spricht mit vielen Leuten.«
»Nicht soweit ich gesehen hätte.«
»Er ist nur ein bisschen schüchtern.« Das war wohl die Untertreibung des Monats. »Außerdem bin ich alt genug, um seine Mutter zu sein.«
»Bist du nicht – es sei denn, du warst wirklich extrem frühreif.«
»Na schön, das ist übertrieben. Ich mag Cal – sehr sogar. Er ist klug. Er hat vielleicht keinen College-Abschluss, aber er kann praktisch alles reparieren.«
Da konnte Cate nicht widersprechen. Was im Haus auch gerichtet werden musste, Mr Harris konnte es reparieren, von Schreinerarbeiten über die Elektrik bis zu Klempnerarbeiten. Wenn es nötig war, sprang er auch als Mechaniker ein. Falls jemand der geborene Allround-Handwerker war, dann war es Mr Harris.
Als sie vor zehn Jahren mit ihrem Diplom in Marketing vom College gekommen war, hatte sie auf Menschen herabgesehen, die körperlich arbeiteten. »Leute mit aufgenähtem Namensschild«, wie sie in ihren Kreisen bezeichnet wurden, aber mittlerweile war sie älter und klüger, so hoffte sie wenigstens. Die Welt brauchte alle möglichen Menschen, um sich weiterzudrehen, sie brauchte Menschen, die etwas planten, und andere, die diese Pläne umsetzten, und in ihrer kleinen Gemeinschaft war jemand, der alles reparieren konnte, Gold wert.
Sie begann den Speiseraum aufzuräumen, während Sherry die Küche fertig machte; anschließend saugte und wischte sie unten Staub – zumindest dort, wo ihre Gäste hinkamen. Gott sei Dank hatte der riesige viktorianische Kasten zwei Salons. Der vordere, große, war für ihre Gäste bestimmt. Der kleinere auf der Rückseite war ihr Zufluchtsort, wo sie und die Jungs abends entspannten, fernsahen oder Spiele spielten. Dort machte sie sich nicht einmal die Mühe, die Spielsachen wegzuräumen; zum einen würde ihre Mutter erst in mehreren Stunden eintreffen, zum anderen hätten die Jungs alles wieder ausgeräumt, bis Sheila auftauchte, weshalb sich Cate die Arbeit sparen konnte.
Sherry streckte den Kopf aus der Küchentür. »Ich bin hier drin durch. Wir sehen uns morgen früh. Ich hoffe, deine Mom kommt gut an.«
»Danke. Das hoffe ich auch; wenn ihr Auto Mucken macht, wird sie mir tagelang damit in den Ohren liegen.«
Trail Stop war so abgelegen, dass man nur umständlich dorthin gelangte; es gab keine nahe gelegenen Flughäfen mit Linienfluganschluss und nur eine einzige Straße in den Ort. Weil ihre Mutter die kleinen Propellermaschinen hasste, mit denen sie in der Nähe hätte landen können, und weil es »praktisch ausgeschlossen« war, am nächsten winzigen Flugplatz ein Fahrzeug zu mieten, hatte sie beschlossen, nach Boise zu fliegen, wo es Mietwagen gab. Das hatte eine lange Fahrt zur Folge, die sie Cates neu gewähltem Wohnsitz als weiteren Minuspunkt ankreidete. Es gefiel ihr nicht, dass ihre Tochter und ihre Enkel in einem anderen Bundesstaat lebten, Idaho gefiel ihr noch weniger, sie würde jede Stadt jedem noch so schönen Fleck auf dem Land vorziehen, und es gefiel ihr am allerwenigsten, dass sie für einen Besuch solche Beschwernisse auf sich nehmen musste. Außerdem gefiel es ihr nicht, dass Cate ins Gastgewerbe eingestiegen war, was bedeutete, dass sie kaum je frei hatte; tatsächlich hatte Cate ihre Eltern erst ein einziges Mal besucht, seit sie ihre Pension eröffnet hatte.
All das waren triftige Einwände. Cate gab das offen zu und hatte das auch ihrer Mutter erklärt. Auch sie wäre lieber in Seattle geblieben, wenn sie die Wahl gehabt hätte.
Aber die hatte sie nicht, darum hatte sie das getan, was ihrer Meinung nach das Beste für ihre Kinder war. Als Derek gestorben war und sie mit neun Monate alten Zwillingen zurückgeblieben war, hatte die Trauer ihr nicht nur den Boden unter den Füßen weggezogen, sie war auch gezwungen gewesen, ihre Finanzen einer realistischen Prüfung zu unterziehen. Mit ihren beiden Einkommen waren sie gut über die Runden gekommen, aber seit der Geburt der Zwillinge hatte Cate nur noch Teilzeit gearbeitet und die meiste Arbeit von zu Hause aus erledigt. Jetzt, ohne Derek, müsste sie Vollzeit arbeiten, doch die Kosten für eine gute Kinderkrippe waren abschreckend hoch. Es lohnte sich fast nicht zu arbeiten. Ihre Mutter konnte die beiden auch nicht betreuen, weil sie selbst arbeitete.
Sie besaßen Ersparnisse, und Derek hatte eine Lebensversicherung über hunderttausend Dollar abgeschlossen, die er eigentlich hatte aufstocken wollen, sobald es sein Einkommen zuließ. Sie hatten geglaubt, sie hätten alle Zeit der Welt. Wer hätte auch damit gerechnet, dass ein gesunder dreißigjähriger Mann an einer Staphylokokkeninfektion sterben könnte, die sein Herz angriff? Er war zum ersten Mal seit der Geburt der Zwillinge wieder klettern gegangen, hatte sich dabei das Bein aufgeschürft, und die Ärzte meinten, wahrscheinlich seien die Bakterien durch diese kleine Wunde in seinen Körper eingedrungen. Etwa dreißig Prozent aller Menschen tragen diese Bakterien auf ihrer Haut, hatte man ihr erklärt, ohne dass es Probleme gäbe. Aber manchmal löste eine einfache Verletzung eine Infektion aus, und wenn das Immunsystem aus irgendeinem Grund, etwa durch Stress, vorgeschädigt war, konnte die Entzündung wie ein Lauffeuer durch den ganzen Körper rasen, ohne dass man sie aufhalten konnte.
Das Wie und Warum waren für Cate auf intellektueller Ebene von Bedeutung, aber emotional wusste sie nur, dass sie plötzlich eine neunundzwanzigjährige Witwe war, die für zwei kleine Jungs zu sorgen hatte. Von diesem Moment an hatte sie alle Entscheidungen im Sinne ihrer Kinder gefällt.
Mit ihren Ersparnissen und dem Geld der Versicherung hätte sie, wenn sie sparsam wirtschaftete, in Seattle und damit in der Nähe ihrer Familie und Schwiegerfamilie bleiben können. Aber dann wäre nichts mehr von ihren Ersparnissen übrig geblieben, um die Zwillinge aufs College zu schicken, außerdem hätte sie so lange arbeiten müssen, dass sie ihre Kinder kaum zu Gesicht bekommen hätte. Sie war mit ihrem Vermögensberater alle Optionen durchgegangen, und die logischste Lösung, die er ihr anbieten konnte, hatte darin bestanden, in eine Gegend mit niedrigeren Lebenskosten zu ziehen.
Diese Region in Idaho, die Bitterroots, kannte sie wenigstens. Hier war einer von Dereks Collegekumpeln aufgewachsen, der Derek damals zum Klettern gebracht hatte. Er und Derek waren viele Wochenenden gemeinsam in die Berge gegangen. Nachdem sie Derek in einem Kletterverein kennengelernt hatte und sie ein Paar geworden waren, war es nur natürlich, dass sie am Wochenende zum Klettern mitkam. Sie liebte die Gegend, die zerklüftete Landschaft, das atemberaubend schöne Panorama, den tiefen Frieden hier. Sie und Derek hatten damals in der Pension übernachtet, die jetzt ihr gehörte, ihr war also sogar das Haus vertraut gewesen. Die Vorbesitzerin, die alte Mrs Weiskopf, hatte sich wacker abgemüht, den Betrieb aufrechtzuerhalten, und die Gelegenheit beim Schopf gepackt, als Cate beschloss, sich selbstständig zu machen, und ihr ein Angebot unterbreitet hatte. Die alte Dame lebte inzwischen bei ihrem Sohn und dessen Frau in Pocatello.
Die Lebenskosten lagen in Trail Stop eindeutig niedriger, und aus dem Verkauf ihrer Eigentumswohnung in Seattle hatte Cate ansehnlichen Gewinn geschlagen, den sie sofort in den Collegefonds der Kinder eingezahlt hatte. Sie war fest entschlossen, dieses Geld nicht anzurühren, solange es nicht um Leben und Tod ging – und zwar der Jungen. Sie lebte ausschließlich von ihren Einkünften aus dem Bed and Breakfast, die jedoch keine großen Sprünge erlaubten. Seit sie auch Frühstück servierte, hatte sie etwas mehr Luft, falls nichts schiefging und keine unerwarteten Ausgaben drohten, so wie heute Morgen mit der Wasserleitung. Gott sei Dank war es nur ein kleiner Schaden, und Gott sei Dank hatte Mr Harris kein Geld dafür genommen.
Manches sprach für das Leben, das sie für sich und die Kinder gewählt hatte, manches dagegen. Einer der Vorzüge, der größte überhaupt, bestand darin, dass die Jungs jeden Tag von früh bis spät in ihrer Nähe waren. Ihr junges Leben waren so wohlgeordnet, wie es nur in Cates Macht stand, was zur Folge hatte, dass sie glücklich und gesund waren, das allein genügte, um Cate hier zu halten. Ein weiterer Vorzug war, dass sie gern ihr eigener Chef war. Sie mochte ihre Arbeit, sie mochte die Kocherei, sie mochte die Menschen im Ort. Es waren ganz normale Menschen, vielleicht unabhängiger in ihren Ansichten als Stadtbewohner, aber mit Eigenarten, Stärken und Schwächen wie jeder andere auch. Die Luft war klar und sauber, und die Zwillinge konnten gefahrlos draußen spielen.
Als Kontra war zu verbuchen, dass die Gegend so abgeschieden war. Es gab keinen Handyempfang, keinen DSL-Anschluss ans Internet. Das Fernsehprogamm kam über Satellit, was zur Folge hatte, dass bei schwerem Schneefall der Empfang gestört war. Kurz in den Supermarkt zu fahren, um ein paar Kleinigkeiten einzukaufen, war unmöglich; wenn sie Lebensmittel kaufen wollte, musste sie je eine Stunde für Hin- und Rückfahrt einrechnen, weshalb sie nur alle zwei Wochen einkaufen fuhr und dann bergeweise Vorräte besorgte. Selbst die Post hereinzuholen war mühsam. Die lange Reihe von Landbriefkästen stand nämlich unten an der Hauptstraße, mehr als zehn Meilen entfernt. Jeder, der dort vorbeikam, war verpflichtet, die abgehende Post des gesamten Ortes mitzunehmen und alle eingehenden Sendungen mitzubringen, weshalb man ständig einen Vorrat an Gummibändern mit sich führen musste, um die Post zu sortieren und dann den jeweiligen Empfängern auszuhändigen.
Außerdem gab es für die Jungs nur wenige Spielkameraden. In ihrer Altersstufe gab es ein einziges Kind: Angelina Contreras, die aber schon sechs Jahre alt und in der ersten Klasse war, was bedeutete, dass sie tagsüber zur Schule ging. Die wenigen Teenager wohnten während des Schuljahres meist bei Verwandten oder Freunden in der Stadt und kamen, weil der Schulweg so weit war, nur am Wochenende nach Hause.
Cate war nicht blind für die Probleme, die ihr Entschluss mit sich gebracht hatte, aber alles in allem glaubte sie, im Sinne der Kinder entschieden zu haben. Ihnen galt ihr erster Gedanke, sie waren der Urgrund für alles, was sie tat. Die Aufgabe, sie zu versorgen und großzuziehen, lastete allein auf ihren Schultern, sie war fest entschlossen, alles für ihr Wohlergehen zu tun.
Manchmal fühlte sie sich so allein, dass sie glaubte, unter dem Druck zu zerbrechen. Oberflächlich betrachtet war alles ganz normal, wenn nicht banal. Sie lebte in diesem kleinen Ort, wo jeder jeden kannte; sie zog ihre Kinder groß; sie kaufte ein, kochte, beglich Rechnungen und schlug sich mit all den Sorgen herum, die jeder Hausbesitzer kennt. Jeder Tag glich fast identisch dem vorangegangenen.
Doch seit Dereks Tod fühlte sie sich, als würde sie am Abgrund einer Klippe entlangspazieren und beim geringsten Fehltritt abstürzen. Sie allein trug die Verantwortung für ihre Kinder, musste allein für sie sorgen, und zwar nicht nur jetzt, sondern auch in der Zukunft. Was, wenn das Geld, das sie für ihre Ausbildung beiseitegelegt hatte, nicht genügte? Wenn der Aktienmarkt einbrach, wenn sie achtzehn waren, oder die Zinsen in den Keller gingen? Auch für den Erfolg oder Misserfolg ihrer Pension war Cate ganz allein verantwortlich – sie war für alles ganz allein verantwortlich, für jede Entscheidung, jedes Vorhaben, jede Sekunde. Wenn sie nur für sich selbst hätte sorgen müssen, hätte ihr das wenig Angst gemacht; aber sie hatte die Jungs, und ihretwegen lebte sie in ständiger Sorge.
Sie waren erst vier, noch richtige Kleinkinder, und ganz und gar auf sie angewiesen. Ihren Vater hatten sie schon verloren, auch wenn sie sich nicht an ihn erinnern konnten, so spürten sie doch gewiss, dass er in ihrem Leben fehlte, und sie würden diesen Verlust umso schmerzhafter spüren, je älter sie wurden. Wie konnte sie das allein wettmachen? War sie stark genug, um die beiden durch die stürmische, hormongeplagte Pubertät zu steuern? Sie liebte sie so sehr, dass sie es nicht ertragen würde, wenn ihnen etwas zustieß, aber was war, wenn die Entscheidungen, die sie gefällt hatte, grundverkehrt waren?
Garantien gab es keine. Das wusste sie, sie wusste auch, dass es möglicherweise auch Probleme gegeben hätte, wenn Derek noch am Leben gewesen wäre; der entscheidende Unterschied war, dass sie dann nicht allein davorgestanden hätte.
Den Zwillingen zuliebe hatte sie sich nach Dereks Tod gezwungen, ganz normal zu funktionieren, und ihre Trauer in ein inneres Verlies gesperrt, wo sie eingeschlossen blieb, bis sie abends ganz allein war. Wochenlang, monatelang hatte sie Nacht für Nacht durchgeweint. Aber tagsüber hatte sie sich ganz auf ihre Babys und deren Bedürfnisse konzentriert, und mehr oder weniger kam sie heute, drei Jahre später, immer noch so über die Runden. Die Zeit hatte ihrer Trauer die Schärfe genommen, aber sie nicht gelindert. Fast jeden Tag dachte sie an Derek, wenn sie seine Züge in den lebendigen Mienen seiner Söhne wiedererkannte. Oben auf ihrer Kommode stand ein Bild von den dreien. Manchmal betrachteten es die Jungs und wussten dann, dass dies ihr Vater war.
Sie hatte sieben wundervolle Jahre mit ihm verbracht, dass er nicht mehr da war, hatte ein riesiges Loch in ihr Leben und ihr Herz gerissen. Die Jungen würden ihn nie kennenlernen, und diesen Verlust konnte sie niemals aufwiegen.
Ihre Mutter traf am Nachmittag um kurz nach vier ein. Cate hatte nach ihr Ausschau gehalten und lief zusammen mit den Jungen aus dem Haus, um sie willkommen zu heißen, sobald der schwarze Jeep Liberty auf den Parkplatz bog.
»Da sind meine Jungens!«, rief Sheila Wells, sprang aus dem Jeep und ging in die Hocke, um die Zwillinge an sich zu drücken.
»Mimi, schau mal«, rief Tucker und streckte ihr das Feuerwehrauto in seiner Hand entgegen.
»Schau mal«, echote Tanner und hielt ihr einen gelben Müllwagen unter die Nase. Beide Jungen hatten ihren wertvollsten Besitz mitgebracht, damit sie ihn bewundern konnte.
Sie enttäuschte die beiden nicht. »Meine Güte, sieh sich das einer an! Ein schöneres Feuerwehr- und Müllauto habe ich nicht gesehen, seit – also ehrlich, ich glaube, ich habe noch nie schönere Autos gesehen.«