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Er bedeutet Gefahr - aber sie kann ihm einfach nicht widerstehen ...
Vor fünf Jahren arbeitete die begabte Computerexpertin Niema gemeinsam mit ihrem Mann und dem CIA-Agenten John Medina an einer Mission, die für ihren Mann tödlich endete. Niema schwor sich damals, nie wieder einen gemeinsamen Auftrag mit John zu übernehmen.
John jedoch konnte die attraktive Niema nie vergessen und bittet sie, ihn als "Maulwurf" bei einem französischen Waffenhändler zu unterstützen. Ein Auftrag, den Niema einfach nicht ablehnen kann. Als die Mission aufzufliegen droht, flüchten John und Niema gemeinsam. Doch nicht nur der Einsatz ist gefährlich, auch die Anziehungskraft zu John beunruhigt Niema immer mehr ...
»Linda Howard ist einfach unschlagbar in ihrer perfekten Mischung aus explosivem Thriller und erotischer Raffinesse!« Romantic Times
Jetzt erstmals als eBook - spannend und voller Leidenschaft! Der Roman erschien im Original unter dem Titel All the Queen’s Men.
eBooks von beHEARTBEAT - Herzklopfen garantiert.
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Seitenzahl: 458
Veröffentlichungsjahr: 2025
Cover
Grußwort des Verlags
Über dieses Buch
Titel
Erster Teil
1
2
Zweiter Teil
3
4
5
6
7
8
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10
11
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Dritter Teil
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Über die Autorin
Weitere Titel der Autorin
Impressum
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Vor fünf Jahren arbeitete die begabte Computerexpertin Niema gemeinsam mit ihrem Mann und dem CIA-Agenten John Medina an einer Mission, die für ihren Mann tödlich endete. Niema schwor sich damals, nie wieder einen gemeinsamen Auftrag mit John zu übernehmen.
John jedoch konnte die attraktive Niema nie vergessen und bittet sie, ihn als »Maulwurf« bei einem französischen Waffenhändler zu unterstützen. Ein Auftrag, den Niema einfach nicht ablehnen kann. Als die Mission aufzufliegen droht, flüchten John und Niema gemeinsam. Doch nicht nur der Einsatz ist gefährlich, auch die Anziehungskraft zu John beunruhigt Niema immer mehr ...
Linda Howard
Gefährliche Begegnung
Aus dem amerikanischen Englisch von Gertrud Wittich
Iran, 1994
In der kleinen Hütte war es kalt und zugig. Trotz der Decken, die über dem einzigen Fenster und der verzogenen Tür hingen, damit ja kein Lichtschimmer nach außen drang, pfiff eiskalte Luft herein. Niema Burdock hauchte ihre Finger an, um sie zu wärmen. Im trüben Licht der kleinen, batteriebetriebenen Funzel, der einzigen Lichtquelle, die ihnen Tucker, der Teamleiter, erlaubte, bildete ihr Atem kleine Wölkchen.
Ihrem Mann Dallas schien die Kälte überhaupt nichts auszumachen. Er trug nur ein T-Shirt und war gerade dabei, die Semtex-Blöcke sicher in seinem Rucksack zu verstauen. Niema, die ihn beobachtete, versuchte, sich ihre Besorgnis nicht anmerken zu lassen. Sie machte sich nicht etwa wegen des Plastiksprengstoffs Gedanken, nein, das Plastikzeug war so sicher, dass es die Soldaten in Vietnam sogar als Brennstoff benutzt hatten. Aber Dallas und Sayyed mussten die Sprengkörper in der Fabrik selbst zünden, und das war der gefährlichste Teil einer ohnehin schon haarsträubenden Mission. Obwohl, wenn sie ihren Mann so ansah, er wirkte genauso ruhig, als gälte es, nur mal eben eine Straße zu überqueren. Niema dagegen war alles andere als ruhig. Der ferngesteuerte Zünder war ein antiquiertes Ding, und das mit Absicht, falls die Ausrüstung in falsche Hände fiel. Nichts sollte darauf hinweisen, dass die Operation eine amerikanische war, weshalb Dallas auch Semtex anstatt C 4 verwendete. Doch gerade weil ihre Ausrüstung nicht unbedingt auf dem neuesten Stand war, hatte Niema ihr Möglichstes getan, dafür zu sorgen, dass alles fehlerlos funktionierte. Immerhin waren es die Finger ihres Mannes, die den Zünder betätigen mussten.
Dallas merkte, dass sie ihn beobachtete, und blinzelte ihr zu. Sein normalerweise ausdrucksloses Gesicht verzog sich zu einem warmen Lächeln, ein Lächeln, das er nur für sie reservierte. »He«, sagte er sanft, »keine Sorge, ich kann das.«
Und sie hatte gedacht, man würde ihr ihre Nervosität nicht anmerken! Die anderen drei Männer wandten ihr die Köpfe zu. Da sie nicht wollte, dass sie dachten, sie könnte mit der Anspannung der Situation nicht fertig werden, zuckte sie gespielt gleichgültig mit den Schultern. »Verklag mich doch. Ich bin frisch verheiratet, ich hab keine Ahnung. Dachte, die besorgte Gattin zu spielen gehört zu meinem Job.«
Sayyed, der ebenfalls dabei war, einzupacken, lachte. »Schöne Art, seine Flitterwochen zu verbringen.« Er war im Iran geboren, aber mittlerweile amerikanischer Staatsbürger, ein zäher, drahtiger kleiner Mann Ende Vierzig. Sein Englisch war perfekt, ja es klang sogar die Sprechweise des mittleren Westens heraus, was nicht nur daran lag, dass er schon seit dreißig Jahren in den Staaten lebte, sondern auch an seinem unglaublichen Fleiß. »Ich persönlich hätte mir Hawaii ausgesucht. Wenigstens ist’s da jetzt wärmer.«
»Oder Australien«, warf Hadi sehnsüchtig ein. »Dort ist jetzt Sommer.« Hadi Santana war arabisch-mexikanischer Abstammung, aber in Amerika geboren und aufgewachsen. Er stammte aus dem heißen Süden Arizonas und mochte das kalte, iranische Gebirge im Winter ebenso wenig wie Niema. Seine Aufgabe war es, Wache zu halten, während Dallas und Sayyed die Zündungen legten. Er überspielte seine Anspannung, indem er wieder und wieder Gewehr und Munition überprüfte.
»Wir waren nach der Hochzeit zwei Wochen auf Aruba«, bemerkte Dallas gelassen, »wirklich toll da.« Abermals zwinkerte er Niema zu, und sie musste unwillkürlich lächeln. Falls Dallas nicht zuvor schon einmal auf Aruba gewesen war, konnte er nicht allzu viel von der Insel mitbekommen haben, hatten sie ihre Kurzflitterwochen doch fast ausschließlich im Bett verbracht. Nur zum Essen waren sie gelegentlich aufgestanden. Ach, es war herrlich gewesen. Das war jetzt drei Monate her.
Tucker beteiligte sich nicht an der Unterhaltung, aber seine kühlen, dunklen Augen ruhten fast prüfend auf Niema, als frage er sich, ob es vielleicht ein Fehler gewesen war, sie in sein Team aufzunehmen. Sie besaß zwar nicht die gleiche Menge an Erfahrungen wie ihre Kollegen, aber ein Neuling war sie auch nicht gerade. Und nicht nur das, sie konnte jede Telefonleitung mit verbundenen Augen anzapfen. Falls Tucker also Zweifel an ihren Fähigkeiten hegte, sollte er es offen sagen, wünschte sie, anstatt nur finster zu glotzen.
Nun, sie hatte jedenfalls Zweifel, was ihn betraf, überlegte sie trocken. Nicht, dass er was Falsches gesagt oder getan hätte, nein. Ihr Unbehagen ihm gegenüber war rein instinktiv, es hatte keinen konkreten Grund. Sie wünschte, er wäre einer der Männer, die in die Giftgasfabrik gingen, anstatt allein hier mit ihr die Stellung zu halten. Der Gedanke, zwei Stunden allein mit ihm verbringen zu müssen, war zwar längst nicht so aufreibend wie die Vorstellung, dass Dallas in höchster Gefahr schweben würde, aber schlimm genug. In ihrem ohnehin angespannten Zustand konnte sie den zusätzlichen Stress mit dem stummen Klotz weiß Gott nicht gebrauchen.
Tucker hatte ursprünglich an Dallas’ Stelle gehen wollen, aber dieser argumentierte dagegen. »Schau, Boss«, hatte er auf seine ruhige Weise gesagt, »es ist ja nicht so, dass du den Job nicht machen könntest, du bist genauso gut wie ich, aber für dich wär’s ein überflüssiges Risiko. Wenn’s keine andere Möglichkeit gäbe, wär’s was anderes, aber so ist es nicht.« Die beiden hatten einen unergründlichen Blick ausgetauscht, dann hatte Tucker kurz genickt.
Dallas und Tucker kannten einander von früher, hatten schon früher gelegentlich zusammengearbeitet. Das Einzige, was in Niemas Augen für den Teamchef sprach, war die Tatsache, dass ihr Mann ihm vertraute und ihn achtete. Und Dallas Burdock war alles andere als leichtgläubig, ganz im Gegenteil. Dallas war der zäheste, gefährlichste Mann, dem sie je begegnet war, ja, sie hatte sogar geglaubt, der gefährlichste überhaupt. Bis sie Tucker traf.
Und das war an sich schon beängstigend, denn Dallas war wirklich unglaublich. Bis vor fünf Monaten hätte sie nicht einmal gedacht, dass solche Männer überhaupt existierten. Jetzt wusste sie es besser. Mit zugeschnürter Kehle beobachtete sie ihren Mann dabei, wie er konzentriert, den schwarzen Schopf über die Ausrüstung gebeugt, alles säuberlich verstaute. Seine Konzentrationskraft war beängstigend; wenn er es wollte, dann existierte nichts mehr außer seiner Aufgabe. Eine solche Konzentration hatte sie ansonsten nur bei einem anderen Mann beobachtet: bei Tucker.
Irgendwie konnte sie es noch immer nicht fassen, dass sie wirklich und wahrhaftig mit diesem Mann verheiratet war, mit einem Mann wie Dallas. Sie kannte ihn erst seit fünf Monaten und liebte ihn beinahe ebenso lange, dennoch war er in so vieler Hinsicht noch ein Fremder für sie. Sicher, allmählich begannen sie, einander besser kennenzulernen, begannen sich in ihre Ehe einzugewöhnen, falls man bei einem Beruf wie dem ihren überhaupt von Gewöhnung sprechen konnte. Sie waren beide Vertragsagenten, die für die unterschiedlichsten Auftraggeber arbeiteten, meist jedoch für die CIA.
Ja, Dallas war ruhig, gelassen und zuverlässig. Früher hätte sie solche Charaktereigenschaften als wünschenswert erachtet – vorausgesetzt, man war der Typ Heimchen am Herd. Wünschenswert, aber langweilig. Doch jetzt nicht mehr. Nichts an Dallas ließ sich als langweilig bezeichnen. Saß die Katze im Baum und konnte nicht mehr herunter? Dallas konnte klettern wie ein Affe. Ein verstopftes Wasserrohr? Dallas war ein unglaublich begabter Klempner. Zu hoher Wellengang beim Schwimmen im Meer? Die Baywatch-Schönlinge konnten Dallas, was Schwimmkünste betraf, nicht das Wasser reichen. Wurde ein ausgezeichneter Schütze gebraucht – auch hier war Dallas der Richtige. Und einen Sprengexperten für eine Giftgasfabrik im Iran? Dallas war dein Mann.
Also gehörte schon was dazu, um noch tougher und gefährlicher zu sein als Dallas, aber Tucker ... ja, er war es. Sie wusste nicht, warum sie sich da so sicher war. Es lag nicht etwa an Tuckers physischer Erscheinung; er war groß und drahtig, aber nicht so muskulös wie Dallas. Nervös war er ebenfalls nicht. Falls überhaupt, wirkte er noch gelassener als Dallas. Dennoch war da etwas in seinen Augen, in seiner charakteristischen Reglosigkeit, das ihr verriet, dass Tucker ein äußerst gefährlicher Mann war.
Doch sie behielt ihre Zweifel am Boss für sich. Sie wollte Dallas’ Meinung über Tucker vertrauen, denn sie vertraute ihrem Mann vollkommen. Im Übrigen war sie es gewesen, die diesen Auftrag unbedingt hatte annehmen wollen. Dallas war mehr für einen Tauchurlaub in Australien gewesen. Nun, vielleicht war sie ja einfach nur nervös und deshalb so empfindlich. Immerhin würde man sie töten, wenn sie aufflogen, aber um den Auftrag erfolgreich auszuführen, mussten sie das Risiko, entdeckt zu werden, in Kauf nehmen.
In der kleinen Fabrik im Herzen dieses kalten Gebirges wurde nämlich ein biologischer Kampfstoff hergestellt, der schon bald an eine Terroristenzentrale im Sudan versandt werden sollte. Ein Luftangriff wäre zwar die schnellste und leichteste Lösung gewesen und auch die effektivste, hätte jedoch das empfindliche Machtgleichgewicht im Mittleren Osten massiv gestört. Und ein Krieg war das Letzte, was man wollte, egal, welcher Seite man angehörte.
Da ein Luftangriff also nicht infrage kam, musste die Fabrik vom Boden aus zerstört werden, was bedeutete, dass die Sprengkörper nicht nur von Hand angebracht, sondern in der Wirkung obendrein äußerst vernichtend sein mussten. Dallas verließ sich dabei nicht bloß auf das Semtex; in der Fabrik selbst gab es Brennstoffe und hochexplosive Flüssigkeiten, die seinem Vorhaben zum Gelingen verhelfen sollten. Die Anlage sollte nicht nur in die Luft gehen, sie sollte bis auf die Grundmauern niederbrennen.
Seit fünf Tagen hielten sie sich jetzt im Iran auf, ganz ungeniert, wie Einheimische. Niema trug dabei den traditionellen Tschador der Muslimfrauen, nur ihre Augen schauten heraus, und manchmal waren selbst diese verschleiert. Sie konnte kein Farsi – sie hatte Französisch, Spanisch und Russisch gelernt, aber kein Farsi –, was jedoch keine Rolle spielte, da sie als Muslimfrau ohnehin zu schweigen hatte. Sayyed war Iraner, doch soweit sie das beurteilen konnte, sprach Tucker ebenso fließend Farsi wie Sayyed. Dallas tat es ihm beinahe gleich, und Hadi war ein wenig schlechter als Dallas. Irgendwie schon komisch, dass sie alle dunkle Augen und dunkle Haare hatten, und manchmal fragte sie sich, ob das nicht eine ebenso große Rolle bei ihrer Aufnahme ins Team gespielt hatte wie ihre Fertigkeiten auf dem Gebiet der Elektronik.
»Das wär’s.« Dallas schob den Fernzünder ein und schulterte den Rucksack mit dem Sprengstoff. Er und Sayyed hatten praktisch identische Ausrüstungen. Niema hatte die Fernzünder buchstäblich aus Einzelteilen zusammenbauen müssen, denn die, die sie gekauft hatten, waren alle irgendwie beschädigt oder fehlerhaft gewesen. Also hatte sie sie kurzerhand zerlegt und aus den Teilen zwei funktionierende Fernzünder zusammengebastelt, die sie wieder und wieder testete, bis sie vollkommen sicher war, dass sie einwandfrei funktionierten. Außerdem hatte sie die Telefonleitungen der Fabrik angezapft, eine kinderleichte Aufgabe, da deren Telefonnetz noch aus den frühen Siebzigern stammte. Viel war dabei nicht herausgekommen, aber immerhin konnten sie sich nun sicher sein, dass ihre Informationen stimmten und man dort tatsächlich eine Ladung Anthrax für eine Terroristengruppe im Sudan herstellte. Anthrax war nichts Besonderes, dafür aber verteufelt wirksam.
Sayyed hatte sich in der Nacht zuvor ein wenig in der Fabrik umgesehen und bei seiner Rückkehr einen groben Grundriss der Anlage zeichnen können. Sie wussten also nun, wo der Test- und Inkubationsbereich war, wo sich die Lager befanden und wo er und Dallas ihre Sprengkörper konzentrieren mussten. Sobald die Fabrik in die Luft geflogen war, würden Tucker und Niema die restliche Ausrüstung zerstören – die ohnehin nicht viel wert war – und sich bereit machen, sodass man bei der Rückkehr der Männer sofort aufbrechen konnte. Man würde sich trennen, und jeder würde selbst sehen, wie er aus dem Land gelangte. In Paris würde man sich dann zu einer abschließenden Besprechung treffen. Niema würde das natürlich gemeinsam mit Dallas machen.
Tucker löschte das Licht, und die drei Männer glitten lautlos in die Dunkelheit hinaus. Niema wünschte sofort, Dallas wenigstens umarmt oder ihm einen Abschiedskuss gegeben zu haben, egal was die anderen drei dachten. Ohne ihn wurde ihr plötzlich noch kälter.
Nachdem er sich versichert hatte, dass die Decken vor den Fenstern wieder richtig zu waren, schaltete Tucker das Licht an und begann rasch die Dinge einzupacken, die sie mitnehmen würden. Viel war es nicht: ein wenig Proviant, ein paar Sachen zum Wechseln, ein bisschen Geld: nichts, das Misstrauen erregte, sollte man sie kontrollieren. Niema gab sich einen Ruck und begann, ihm zu helfen. Schweigend teilten sie den Proviant in fünf gleich große Päckchen.
Anschließend konnten sie nur noch warten. Sie trat ans Funkgerät und überprüfte die Anschlüsse, obwohl sie das zuvor schon getan hatte; das Gerät blieb stumm, was nicht weiter verwunderlich war, da die Männer sich nicht unterhielten. Sie hockte sich vor das Gerät und umklammerte bibbernd ihre Knie.
Es war schon bis jetzt kein Zuckerschlecken gewesen, aber die Warterei war immer das Schlimmste, fand sie. Und nun, da sie Dallas in Gefahr wusste, war es noch tausendmal schlimmer. Die Angst um ihn, die Unruhe nagte an ihr wie eine Art innerer Dämon. Sie warf einen Blick auf ihre billige Armbanduhr: Erst fünfzehn Minuten waren vergangen. Sie konnten die Giftgasfabrik noch gar nicht erreicht haben.
Eine dünne Decke legte sich um ihre Schultern. Überrascht blickte sie zu Tucker auf, der sich über sie beugte. »Du hast gezittert«, war seine Erklärung für diese überraschende Geste. Dann zog er sich wieder zurück.
»Danke.« Unbehaglich wickelte sie sich enger in die Decke. Das war nett von ihm gewesen, aber ihr war gar nicht wohl dabei. Sie wünschte, sie könnte ihr Unbehagen in Bezug auf den Mann ignorieren. Wenn sie zumindest wüsste, warum sie sich in seiner Gegenwart so unbehaglich fühlte. Sie hatte versucht, sich nichts von ihren Gefühlen anmerken zu lassen und sich ganz auf ihre Aufgabe zu konzentrieren, aber Tucker war kein Dummkopf; er spürte natürlich, dass sie etwas gegen ihn hatte. Manchmal hatte sie fast das Gefühl, als würden sie einen stummen Kampf ausfechten, von dem nur sie beide wüssten, wenn sich ihre Blicke, was selten vorkam, begegneten. In dem ihren lag unverhohlenes Misstrauen, während die seinen spöttisch funkelten.
Doch nie ließ er sich etwas anmerken, tat nichts, das ihre Ressentiments ans Licht gebracht hätte. Sein Verhältnis zu den drei anderen Männern dagegen war locker und professionell. Ihr gegenüber verhielt er sich tadellos höflich und unpersönlich, und auch das bewies einmal mehr seine unglaubliche Professionalität. Tucker respektierte Dallas, und das Letzte, was er wollte, war, den Teamgeist zu stören oder ihre Aufgabe zu gefährden, indem er seine Frau irgendwie vergrätzte. Das hätte Niema eigentlich beruhigen sollen – tat es aber nicht.
Bis zu dem Zeitpunkt, als er ihr die Decke um die Schultern legte, hatten sie kein einziges Wort gesprochen. Sie wünschte, es wäre so geblieben, denn einen Mann wie Tucker hielt man sich am besten so weit als möglich vom Leib, dachte Niema, das war am sichersten.
Er setzte sich mit einer fast raubtierhaften Anmut und Geschmeidigkeit. Die Kälte schien ihm überhaupt nichts auszumachen; er trug nur ein schwarzes T-Shirt und Drillichhosen. Dallas war ebenfalls so ein Backofen, auch er fror nur selten. Was war nur an diesen Männern, dass sie diese niedrigen Temperaturen weniger spürten als der Rest der Menschheit? Vielleicht lag es ja an ihrer fabelhaften Kondition, aber auch sie war in ausgezeichneter körperlicher Verfassung, und sie fror schon, seit sie die Grenze zum Iran überschritten hatten. Es war nicht so, dass sie sich wünschte, sie würden auch frieren, sie wünschte bloß, dass die verdammte Fabrik in der Wüste wäre anstatt in diesen scheißkalten Bergen.
»Du hast Angst vor mir.«
Diese vollkommen aus dem Blauen kommende Bemerkung erschreckte sie mehr als die Sache mit der Decke, aber doch nicht genug, um sie aus der Fassung zu bringen. Er hatte den Satz total gelassen gesagt, als wäre es nur eine Bemerkung übers Wetter. Sie schenkte ihm einen kühlen Blick.
»Angst nicht«, korrigierte sie ihn, »ich bin lediglich vorsichtig.« Falls er glaubte, sie würde ihre Gefühle ihm gegenüber abstreiten, wie die meisten es getan hätten, wenn sie sich in die Enge getrieben sahen, dann irrte er sich. Wie schon Dallas, nicht selten zu seiner Belustigung, hatte lernen müssen: Niema ließ sich so schnell nicht einschüchtern.
Tucker lehnte den Kopf gegen die kalte Steinwand, zog ein Bein an und ließ den Arm locker über das Knie baumeln. Undurchdringliche braune Augen musterten sie. »Vorsichtig also«, räumte er ein. »Und wieso?«
Sie zuckte mit den Schultern. »Weibliche Intuition.«
Er begann zu lachen. Dass Tucker auch lachen konnte, hätte sie nicht gedacht, aber es schien ihm überhaupt nicht schwerzufallen. Den Kopf zurückgelehnt, lachte er leise, aber herzhaft vor sich hin, fast so als könne er einfach nicht anders.
Niema musterte ihn abwartend, mit hochgezogener Braue. Sie verspürte nicht die geringste Lust, mitzulachen oder auch nur zu lächeln. An ihrer Situation gab es überhaupt nichts Komisches. Sie befanden sich mitten im Iran, auf einem wahren Himmelfahrtskommando, bei dem sie sehr gut alle umkommen konnten, und, ach ja, übrigens, sie traute dem Teamleiter nicht über den Weg. Wirklich witzig, haha.
»Mann«, stöhnte er und wischte sich die Lachtränen aus den Augen. »Das ganze Theater nur wegen ein bisschen weiblicher Intuition?« Sein Ton verriet eine gewisse Ungläubigkeit.
Niema musterte ihn unbewegt. »Na und? Hab ich dir vielleicht irgendwas getan?«
»Nicht offen jedenfalls.« Er hielt inne. Noch immer lag ein Lächeln um seine Lippen. »Dallas und ich arbeiten nicht das erste Mal zusammen. Das weißt du doch, oder? Also, was sagt er dazu?«
Er wirkte vollkommen entspannt, als wüsste er genau, was Dallas dazu sagen würde – wenn sie sich ihm anvertraut hätte, natürlich. Aber sie hatte Dallas gegenüber kein schlechtes Wort über Tucker fallen lassen. Zum einen konnte sie keine konkreten Beweise für ihren Argwohn vorweisen. Und Wirbel zu machen, nur weil ihre weibliche Intuition Alarm schlug, lag ihr ebenso wenig. Es war nicht so, dass sie ihr Misstrauen nicht für wichtig nahm, aber Dallas war ein Mann der Tat und der Tatsachen, ein Mann, der gelernt hatte, seine Emotionen zu ignorieren, um in dem gefährlichen Beruf, den er sich gewählt hatte, handlungsfähig zu bleiben. Im Übrigen war es offensichtlich, dass er Tucker mochte, achtete und ihm vertraute.
»Hab nicht mit ihm darüber geredet.«
»Nicht? Wieso nicht?«
Sie zuckte mit den Schultern. Abgesehen davon, dass sie keine Beweise hatte, war ihr Hauptgrund, nicht mit Dallas über Tucker zu reden, der, dass ihr Mann selbst gar nicht so wild auf diesen Job gewesen war und sie ihm nun keine Gelegenheit geben wollte, zu sagen: »Ich hab’s dir doch gesagt.« Sie war zwar eine Expertin auf ihrem Gebiet, aber sie besaß nicht die Erfahrung im Außeneinsatz wie die anderen Männer. Dementsprechend vorsichtig war sie, was irgendwelche – berechtigte oder unberechtigte – Vorwürfe betraf. Außerdem, gestand sie sich ein, selbst wenn sie gewusst hätte, wie es ihr mit Tucker gehen würde, sie hätte den Job trotzdem angenommen. Irgendetwas in ihr, etwas Primitives, gierte nach der Gefahr, nach dem Abenteuer und nach der absoluten Befriedigung, die einem aus einer wirklich wichtigen Aufgabe erwächst. Einen Bürojob hatte sie nie gewollt, jeden Tag von morgens um acht bis abends um fünf in die Tretmühle, nein, das lag ihr nicht. Sie wollte raus, wollte etwas erleben, wollte dorthin, wo sich kaum jemand hintraute. Nein, sie würde wohl kaum einen Einsatz gefährden, um den sie so hart gekämpft hatte.
»Wieso nicht?«, wiederholte Tucker, und diesmal lag ein stählerner Unterton in seiner gelassenen Stimme. Er wollte eine Antwort, und gewöhnlich bekam er, was er wollte.
Komisch nur, dass sie überhaupt nicht eingeschüchtert war. Ja, irgendwie machte es ihr sogar Spaß, mit ihm die Klingen zu kreuzen, ihre Ressentiments endlich rauszulassen, es ihm endlich mal zu zeigen.
»Was spielt das für eine Rolle?«, entgegnete sie aufsässig und erwiderte seinen kühlen Blick mit einem mindestens ebenso unterkühlten. »Was immer ich auch von dir halten mag, ich tue meinen Job und halte meinen Mund. Und meine Gründe gehen dich gar nichts an. Außerdem könnte ich wer weiß was wetten, dass dein richtiger Name nicht Darrell Tucker ist.«
Plötzlich grinste er, was sie erneut überraschte. »Dallas sagte schon, dass du ziemlich dickköpfig bist. Kein Rückwärtsgang, so hat er’s ausgedrückt«, bemerkte er und machte es sich ein wenig bequemer an seiner Wand.
Weil Niema Dallas etwas ganz Ähnliches hatte brummeln hören, nach einem ihrer seltenen Streits, musste auch sie lächeln.
In dieser etwas entspannteren Atmosphäre fragte er: »Wie kommst du darauf, dass Tucker nicht mein richtiger Name sein könnte?«
»Ich weiß nicht. Darrell Tucker, da stellt man sich jemanden mit O-Beinen von den vielen Rodeos vor, jemanden in Cowboystiefeln, den typischen Texaner also. Du redest zwar gelegentlich wie ein Texaner, ein bisschen zumindest, aber irgendwie passt der Name trotzdem nicht zu dir.«
»Bin ’n bisschen rumgekommen, seit ich von daheim weg bin«, sagte er mit der übertrieben gedehnten Sprechweise der Südstaatler.
Sie klatschte zweimal spöttisch in die Hände. »Das war sehr gut. Ein hübscher kleiner Hillibilly-Satz.«
»Aber du kaufst ihn mir nicht ab.«
»Nö. Ich wette sogar, du kannst noch ganz andere Dialekte nachmachen.«
Belustigt entgegnete er: »Also gut, du willst mir nicht glauben. In Ordnung. Ich kann dich nicht zwingen und dir das Gegenteil beweisen schon gar nicht. Aber glaub mir eins: Das Einzige, was für mich zählt, ist, dieses Gebäude in die Luft zu jagen und uns alle sicher nach Hause zu bringen.«
»Wie willst du uns nach Hause bringen? Wir trennen uns doch sowieso.«
»Indem ich alles ordentlich vorbereite, jedes nur mögliche Problem in Betracht ziehe und entsprechende Lösungsmöglichkeiten einplane.«
»Du kannst nicht alles voraussehen.«
»Aber ich kann’s versuchen. Genau deshalb krieg ich ja schon graue Haare: Ich zerbreche mir Tag und Nacht den Kopf.«
Seine Haare waren ebenso dunkel wie die ihren, kein einziges graues Härchen in Sicht. Er besaß also einen eher trockenen Sinn für Humor. Hm. Sie wünschte, er hätte ihn ihr nicht gezeigt. Sie wünschte, es wäre alles beim Alten geblieben. Warum hatte er das Schweigen zwischen ihnen gebrochen? Und warum ausgerechnet jetzt?
»Wir sind drin.«
Sie fuhr herum, als die geflüsterten Worte deutlich aus dem Lautsprecher drangen. Fassungslos schaute sie auf die Uhr; dreißig Minuten waren vergangen, seit sie zum letzten Mal geschaut hatte. Sie war so auf ihr Duell mit Tucker konzentriert gewesen, dass sie ihre Sorgen ganz vergessen hatte.
Jetzt wurde ihr blitzartig alles klar: Deshalb also tat er das. Er wollte sie ablenken und benutzte dazu das einzige Thema, von dem er wusste, dass sie es nicht ignorieren konnte.
Tucker war bereits am Funkgerät, setzte sich den Kopfhörer auf. »Irgendwelche Probleme?«
»Negativ.«
Das war alles, nur ein geflüstertes Wort, aber es war die Stimme ihres Mannes, und da wusste Niema, dass, zumindest im Augenblick, alles in Ordnung war. Sie lehnte sich zurück und konzentrierte sich ganz aufs Atmen, ein, aus, ein, aus, immer schön regelmäßig.
Es gab nichts, womit Tucker sie jetzt noch hätte ablenken können, außer vielleicht mit Gewalt, also ließ er sie in Ruhe. Abermals überprüfte sie die Anschlüsse, obwohl sie wusste, dass sie tadellos waren. Sie wünschte, sie hätte den Zünder nochmals überprüft, bloß um ganz sicher zu sein. Nein – sie wusste, dass alles perfekt funktionierte. Und Dallas wusste, was er tat.
»Hat Dallas dir je von seiner Ausbildung erzählt?«
Sie schoss einen ungehaltenen Blick auf Tucker ab. »Ich brauche jetzt keine Ablenkung mehr. Danke für vorhin, aber nicht jetzt, bitte.«
Ein kurzes Hochziehen der Brauen verriet seine Überraschung. »Dann hast du’s also gemerkt«, sagte er leichthin, und sie fragte sich daraufhin sofort, ob es tatsächlich seine Absicht gewesen war, sie abzulenken. Tucker war derart schwer zu fassen! Immer wenn man glaubte, jetzt hatte man ihn, dann fragte man sich schon, ob es nicht genau das war, was er wollte, das man glaubte. »Ich frage das echt nur, um mich selbst zu versichern. Weißt du Bescheid über sein Training?«
»Dass er BUD/S gemacht hat? Ja, das weiß ich.« BUD/S war die Abkürzung für Basic Underwater Demolition/SEAL Training, eine derart grausame Sondereinsatzausbildung, dass nur ein winziger Prozentsatz der Kandidaten überhaupt durchkam.
»Aber er hat dir nicht gesagt, was man da genau macht, oder?«
»Nein, nicht genau.«
»Dann glaub mir, Dallas kann Dinge, von denen ein normaler Mensch nicht mal träumen würde.«
»Ich weiß. Und – danke. Aber er ist trotzdem ein Mensch, und Pläne können schiefgehen ...«
»Das weiß er. Die andern auch. Darauf sind sie vorbereitet.«
»Wieso wollte er nicht, dass du reingehst?«
Tucker zögerte unmerklich, bevor er antwortete. »Egal was er behaupten mag, Dallas glaubt nicht, dass ich so gut bin wie er«, sagte er dann mit trockenem Humor.
Sie glaubte ihm nicht. Zum einen respektierte Dallas ihn viel zu sehr. Zum anderen war da diese winzige Pause vor seiner Antwort, die ihr verriet, dass er überlegt hatte, und das bei einer Frage, die normalerweise keiner Überlegung bedurfte.
Wer immer er sein mochte, was immer er zu verbergen hatte, Niema akzeptierte die Tatsache, dass sie von ihm keine bessere Antwort bekommen würde. Wahrscheinlich war er einer von diesen paranoiden James-Bond-Verschnitten, von denen man ständig las, die überall Feinde und andere Spione witterten und die, wenn man sie fragte, ob sie glaubten, dass es morgen regnete, überlegten, was man wohl im Schilde führte, das schlechtes Wetter erforderte.
Sayyeds Stimme kam flüsternd aus dem Funkgerät. »Es gibt Probleme. Im Lager wird gearbeitet. Sieht so aus, als würde ein Versand fertig gemacht.«
Tucker fluchte. Er war mit einem Mal hoch konzentriert. Die Lagerbestände mussten zerstört werden, bevor irgendwelche Sendungen rausgingen. Das Lager war nachts normalerweise ganz verlassen, nur einige Posten standen draußen, doch nun hinderten die unerwarteten Aktivitäten Sayyed am Deponieren seiner Sprengkörper.
»Wie viele?«, erkundigte sich Tucker knapp.
»Sekunde ... acht ... nein, neun. Hab mich hinter ein paar Fässern versteckt, aber ich kann da nicht raus.«
Sie durften auf keinen Fall zulassen, dass die Sendung die Fabrik verließ.
»Dallas.« Tucker sprach ruhig in sein Kopfhörermikro.
»Bin schon unterwegs, Boss. Meine Ladung steht.«
Niema grub die Fingernägel in die Handflächen. Dallas wollte Sayyed zu Hilfe eilen, aber sie wären dann trotzdem noch in der Minderzahl, und außerdem riskierte Dallas eine Entdeckung, wenn er herumschlich. Sie streckte die Arme nach dem zweiten Kopfhörer aus. Sie wusste nicht, was sie zu ihrem Mann sagen wollte, aber es blieb ihr gar keine Gelegenheit dazu. Tuckers Hand schoss vor, riss den Kopfhörerstecker aus dem Funkgerät und warf ihn beiseite. Sein Blick ruhte kühl und finster auf ihrem fassungslosen Gesicht.
Ehe sie sich recht bewusst war, was sie tat, war sie auf den Beinen, die Hände zu Fäusten geballt, und beugte sich zu ihm hin. »Er ist mein Mann«, presste sie zischend hervor.
Tucker legte die Hand über das winzige Mikro. »Und dich zu hören ist das Überflüssigste, was er im Moment braucht.« Entschlossen fügte er hinzu: »Falls du dich irgendwie einmischst, binde ich dich fest und stopf dir einen Knebel in den Mund.«
Sie selbst war nicht gerade wehrlos und hatte sogar den einen oder anderen Kurs in Selbstverteidigung absolviert. Und Dallas hatte ihr, nachdem er eingesehen hatte, dass sie nicht schön brav zu Hause sitzen und die Ehefrau spielen würde, ein paar Kniffe beigebracht, die in ihrem Selbstverteidigungskurs natürlich nicht vorgekommen waren. Trotzdem konnte sie es keineswegs mit ihm aufnehmen, geschweige denn mit Tucker. Die einzige Art, wie sie Tucker vielleicht erledigen könnte, war von hinten, völlig überraschend.
Aber er hatte recht. Verdammt, er hatte recht. Sie wagte es nicht, etwas zu sagen, was Dallas ablenken könnte.
Also hielt sie kurz beide Hände hoch und trat ein paar Schritte zurück. Die Hütte war elend klein, sodass sie nicht weit kam. Sie setzte sich auf einen Proviantsack und versuchte, ihre helle Panik niederzukämpfen.
Eine Minute nach der anderen kroch quälend langsam vorbei. Sie wusste, dass Dallas sich in diesem Moment zum Lagerhaus schlich, jede nur mögliche Deckung nutzend, um nicht geschnappt zu werden. Sie wusste außerdem, dass mit jeder Minute die Wahrscheinlichkeit größer wurde, dass die Terroristen mit ihrer Giftladung entkamen. Dallas musste vorsichtig sein; trotzdem war Eile geboten.
Tucker sprach ins Mikro. »Sayyed, wie ist die Lage?«
»Kann mich nicht vom Fleck rühren. Die Laster sind fast voll.«
»Zwei Minuten«, flüsterte Dallas.
Zwei Minuten. Niema schloss die Augen. Kalter Schweiß rann ihr den Rücken hinunter. Bitte, flehte sie, betete sie. Bitte. Mehr als das brachte sie nicht zustande.
Zwei Minuten konnten so lang sein wie ein Leben. Die Zeit war wie ein Gummiband, dehnte sich, bis jede Sekunde zur Ewigkeit wurde, bis sich der zweite Zeiger auf ihrer Uhr überhaupt nicht mehr bewegen wollte.
»Ich bin drin.«
Bei diesen Worten verlor sie fast die Beherrschung. Sie biss sich so fest in die Unterlippe, dass sie Blut schmeckte.
»Wie sieht’s aus?«
»Sayyed steckt in ernsten Schwierigkeiten. He, Kumpel, wie viele Ladungen hast du angebracht?«
»Eine.«
»Mist.«
Eine genügte nicht. Niema hatte zugehört, sie wusste, wie viele Ladungen nach Dallas’ Schätzung nötig waren, um die Anlage vollkommen zu zerstören.
»Hadi?«
»In Position. Kann hier nicht viel machen.«
»Fang schon mal an, dich zurückzuziehen«, befahl Dallas mit ruhiger Stimme. »Sayyed, mach alle Ladungen scharf.«
Es folgte eine Stille, dann flüsterte Sayyed: »Erledigt.«
»Mach dich bereit. Wirf den Packen unter den Laster und dann lauf, was du kannst. Ich geb dir Deckung. Fünf Sekunden, dann müssen wir raus sein. Dann lass ich alles hochgehen.«
»Verdammt. Gib uns sechs«, sagte Sayyed.
»Alles klar. Fertig ...« Dallas’ Stimme klang vollkommen ruhig. »Los!«
Ein ohrenbetäubender Knall kam aus dem Funkgerät. Niema zuckte, als wäre sie selbst von einem Kugelhagel getroffen worden. Die Hände hatte sie auf den Mund gepresst, um nicht zu schreien. Tucker fuhr zu ihr herum, als würde er ihr nicht zutrauen, die Klappe zu halten. Er hätte sich keine Sorgen machen müssen – sie hockte da wie vom Donner gerührt, unfähig, sich zu bewegen.
Ein animalischer Schrei ertönte, erstarb im nächsten Moment.
»Verfluchte Scheiße! Sayyed hat’s erwischt.«
»Raus mit dir«, sagte Tucker, doch da ertönte eine neuerliche Gewehrsalve, die seine Worte erstickte.
Und aus dem blechernen Lautsprecher erklang ein Laut, bei dem sich Niemas Nackenhaare sträubten, eine Art hohles Grunzen, gefolgt von Schüssen, dann ein dumpfer Aufprall.
»Aah ... Scheiße.« Die Worte klangen dünn und gepresst, Dallas’ Stimme war kaum zu erkennen.
»Hadi!«, bellte Tucker. »Dallas hat’s erwischt. Los, hol ihn ...«
»Nein«, kam es leise und quälend.
»Halt durch, Kumpel, bin gleich da ...« Hadis Stimme war die Panik anzumerken.
»Spar dir ... die Mühe. Hab ’nen Bauchschuss abgekriegt.«
Auf einmal wurde um Niema alles grau. Sie kämpfte wild gegen den Schock an, gegen das Gefühl, zerbrechen zu müssen. Ihr kam es vor, als fiele ihr der Magen ins Bodenlose, ihre Lungen krampften sich zusammen, und sie war für einen Augenblick unfähig, weiter zu atmen. Ein Bauchschuss. Selbst wenn er in den Staaten wäre, mit einem Krankenhaus in der Nähe, wäre es eine kritische Verletzung. Hier, in diesen kalten, einsamen Bergen, wo jede Hilfe, geschweige denn eine moderne medizinische Versorgung, meilenweit entfernt waren, kam es einem Todesurteil gleich. Sie wusste das. Und er wusste das. Aber sie wollte es dennoch nicht wahrhaben, ja schrak blindlings vor der Erkenntnis zurück.
Noch mehr Schüsse ertönten, ziemlich nahe jetzt. Dallas feuerte noch immer, versuchte, sie sich vom Leib zu halten.
»Boss ...«, kam ein leises Flüstern.
»Ich bin da.« Tucker schaute noch immer Niema an, ließ sie nicht aus den Augen.
»Ist ... kann Niema uns hören?«
Dallas musste schon halb weggetreten sein, sonst hätte er nicht gefragt, hätte gewusst, dass sie alles hören konnte. Es war eine offene Schaltung. Sie selbst hatte dafür gesorgt.
Tuckers Blick haftete unbeirrt auf ihr. »Nein«, sagte er.
Noch mehr Schüsse. Dallas’ Atem kam flach und hastig.
»Gut. Ich ... ich hab noch den Zünder. Kann nicht zulassen, dass sie ... mit dem Scheißzeug abhauen.«
»Nein«, wiederholte Tucker. »Das kannst du nicht.« Seine Stimme war beinahe sanft.
»Kümmere dich ... um sie.«
Tuckers Gesicht war eine starre Maske, seine Augen ließen sie keine Sekunde los. »Das werde ich.« Und dann: »Tu’s.«
Die Explosion ließ die Hütte erbeben, Erde rieselte aus den Deckenritzen, die Tür erzitterte in den Angeln. Die Druckwelle hatte sich noch nicht ganz gelegt, da riss sich Tucker auch schon den Kopfhörer herunter und warf ihn aufs Funkgerät. Dann nahm er sich einen Hammer und begann methodisch, die Ausrüstung zu zerstören. Das Funkgerät war zwar alt und überholt, aber es funktionierte tadellos, und sie wollten nichts zurücklassen, das noch zu verwenden war. Aus dem Gerät einen Schrotthaufen zu machen, dauerte kaum eine Minute.
Als das erledigt war, zog er Niema von den Proviantsäcken und begann eilig mit dem Umpacken, mit der Neuverteilung dessen, was sie mitnehmen würden. Sie stand nur wie betäubt mitten in der Hütte, unfähig sich zu bewegen, unfähig zu denken, das Gehirn wie festgefroren. Nur wie aus der Ferne nahm sie wahr, dass ein großer Schmerz ihr die Brust wie mit Klauenhänden abdrückte, dass ihr war, als wollte ihr das Herz zerspringen.
Tucker drückte ihr eine dicke Daunenjacke in die Arme. Niema starrte sie verständnislos an, wusste nicht, was sie damit anfangen sollte. Schweigend packte er sie in die Jacke, schob ihre Arme in die Ärmel, als wäre sie ein kleines Kind, und zog den Reißverschluss bis obenhin zu, wobei er ihre Haare als zusätzlichen Kälteschutz in der Jacke ließ und außerdem noch den Kragen aufstellte. Er zog ihr warme Handschuhe über und stülpte ihr eine warme Pelzmütze auf den Kopf.
Danach zog er selbst einen dicken Pulli über und schlüpfte rasch in seine eigene Jacke. Während er sich die Handschuhe überzog, ertönte draußen ein leiser Pfiff. Er löschte das Licht und Hadi schlüpfte herein. Tucker knipste das Licht wieder an.
Selbst im trüben Schein der einzelnen Lampe war zu erkennen, dass Hadis Gesicht bleich und angespannt war. Sein erster Blick galt Niema. »Mein Gott ...«, begann er, doch Tucker brachte ihn mit einer herrischen Bewegung zum Schweigen.
»Nicht jetzt. Wir müssen weg.« Er drückte Hadi einen der drei Packen in die Arme und warf sich die anderen beiden über die eigenen Schultern. Dann ergriff er ein Gewehr, nahm Niemas Arm und führte sie hinaus in die eisige Nacht.
Ihr Transportfahrzeug, ein uralter Renault, hatte schon in der ersten Nacht seinen Geist aufgegeben, und nicht einmal Tuckers mechanisches Genie vermochte eine gebrochene Achse zu reparieren. Hadi warf Niema einen besorgten Blick zu. In den zwei Tagen, seit sie nun unterwegs waren, war nicht eine Klage über ihre Lippen gekommen; sie marschierte wie ein Roboter, egal, wie gnadenlos Tucker die kleine Gruppe auch antrieb. Sie sprach nur, wenn man ihr eine direkte Frage stellte; aß nur, wenn Tucker ihr etwas zu essen gab, trank, wenn er ihr die Flasche reichte. Was sie nicht tat, war schlafen. Sie legte sich zwar nieder, wenn man es ihr befahl, aber sie schlief nicht, und inzwischen waren ihre Lider vor Müdigkeit ganz geschwollen. Beide Männer wussten, dass sie nicht mehr sehr lange durchhalten konnte.
»Was hast du vor?«, erkundigte sich Hadi mit gedämpfter Stimme bei Tucker. »Sollen wir uns, wie ursprünglich geplant, trennen oder zusammenbleiben? Vielleicht brauchst du ja Hilfe, um sie rauszubekommen.«
»Wir trennen uns«, entgegnete Tucker. »Das ist sicherer. Eine Frau, die mit zwei Männern reist, erregt mehr Aufmerksamkeit als ein Mann mit seiner Frau.«
Ihr Weg führte nach Nordwesten, durch das am dichtesten bevölkerte Gebiet des Iran, aber es war der einzige Weg in die rettende Türkei. Der Irak lag im Westen, Afghanistan und Pakistan lagen im Osten und die Splitternationen, die sich nach dem Zusammenbruch der alten Sowjetunion gebildet hatten, im Nordosten, das Kaspische Meer im Norden und der Persische Golf im Süden, jenseits einer äußerst gastfeindlichen Wüstenregion. Die Türkei war demnach das einzig mögliche Ziel. Von jetzt an musste Niema wieder den Tschador tragen.
Anfangs waren sie nur nachts unterwegs gewesen, um einer Entdeckung zu entgehen, obwohl es sehr gut möglich war, dass man Sayyed und Dallas für die einzigen Saboteure hielt. Ja, es war sogar möglich, überlegte Tucker, dass überhaupt nichts von Saboteuren nach draußen gedrungen war. Die Fabrikanlage lag abgelegen, die einzige Verbindung zur Außenwelt bestand in einer einzigen Telefonleitung. Es konnte sehr gut sein, dass es Dallas gelungen war, aufs Knöpfchen zu drücken, bevor man Gelegenheit hatte, einen Anruf zu machen, vorausgesetzt, die Arbeiter waren überhaupt auf einen solchen Gedanken gekommen.
Das Gebäude war nur noch ein verkohlter Schutthaufen. Tucker war selbst auf Erkundung gegangen, hatte Niema unter Hadis wachsamer Obhut zurückgelassen. Dallas war, wie immer, sehr gründlich gewesen: Was der Plastiksprengstoff nicht zerstört hatte, war vom Feuer erledigt worden.
Das war das einzige Mal, dass Niema von sich aus etwas sagte. Als Tucker zurückkehrte, starrte sie ihn mit großen, bodenlosen schwarzen Augen an, in denen dennoch gleichsam ein Hoffnungsschimmer zu glimmen schien. »Hast du ihn gefunden?«, erkundigte sie sich.
Überrascht, ohne es sich jedoch anmerken zu lassen, antwortete er: »Nein.«
»Aber – aber seine Leiche ...«
Sie klammerte sich also zumindest nicht an die irrwitzige Hoffnung, Dallas könnte noch am Leben sein. Alles, was sie wollte, war seine Leiche für ein anständiges Begräbnis.
»Niema ... es ist nichts mehr übrig.« Er sagte es so sanft, wie er konnte, obwohl er wusste, dass nichts sie vor diesem weiteren Schock bewahren konnte, doch er versuchte es trotzdem. Sie war die ganze Zeit über ein prima Kumpel gewesen, ein wertvolles Mitglied der Gruppe, doch nun wirkte sie so verdammt zerbrechlich.
Nichts mehr übrig. Er sah, wie die Worte einschlugen, sah den Ausdruck des Schocks auf ihrem Gesicht. Seitdem hatte sie um nichts mehr gebeten, nicht mal um Wasser. Er selbst war so zäh, dass er lange ohne auskam, bevor er überhaupt merkte, dass er Durst hatte. Also durfte er nicht von sich ausgehen, wenn es um die Beurteilung ihrer Bedürfnisse ging. Daher setzte er sich ein Zeitlimit: Alle zwei Stunden zwang er sie zu trinken. Alle vier, zu essen. Nicht, dass wirklich ein Zwang nötig gewesen wäre; sie nahm automatisch, was immer man ihr hinhielt.
Doch jetzt war die Zeit gekommen, dass sie sich, wie geplant, trennen sollten. Nur dass Niema jetzt nicht mit Dallas, sondern mit ihm gehen würde, während Hadi selbst schauen sollte, wie er am besten aus dem Land kam.
Morgen waren sie in Teheran, wo sie sich unter die Bevölkerung mischen würden. Tucker würde sich dann bei seinem Verbindungsmann melden und, falls es keine Schwierigkeiten gab, für ein Transportmittel sorgen. Einen Tag später wären sie dann schon kurz vor der türkischen Grenze. Er würde den Wagen stehen lassen, und sie würden die Grenze nachts überqueren, zu Fuß, an einer abgelegenen Stelle, die er zuvor bereits ausgekundschaftet hatte. Hadi würde an einer anderen Stelle über die Grenze gehen.
Hadi kratzte sich am Bart. Beide hatten sich schon seit Wochen nicht mehr rasiert und sahen ziemlich verwildert aus. »Vielleicht könnte ich ja morgen, wenn wir in Teheran sind, ein bisschen rumschnüffeln, ’ne Apotheke suchen und Schlaftabletten oder so was kaufen. Sie muss einfach schlafen.«
Sie hatten für eine kurze Rast angehalten, im Schatten der noch verbliebenen Wand einer kleinen Lehmhütte, die schon vor langer Zeit verlassen worden war. Niema saß ein wenig abseits. Sie rührte sich nicht. Saß einfach nur da. Wenn sie vielleicht weinen könnte, dachte Tucker. Wenn sie ein wenig rauslassen könnte, sich ausweinen, bis sie erschöpft war, dann könnte sie vielleicht schlafen. Aber sie hatte nicht geweint; der Schock saß viel zu tief, und sie hatte sich noch nicht genug davon erholt, um weinen zu können. Die Tränen würden später kommen.
Er überlegte sich Hadis Vorschlag, aber es gefiel ihm nicht, sie mit Tabletten vollzustopfen, falls ein überstürzter Aufbruch nötig wäre. Und dennoch ... »Vielleicht«, sagte er und beließ es dabei.
Sie hatten lange genug gerastet. Tucker erhob sich und signalisierte den anderen damit, dass die Pause vorbei war. Niema erhob sich ebenfalls, und Hadi eilte mit zwei Schritten zu ihr, um ihr über ein paar lose, ungebrannte Lehmziegel hinwegzuhelfen. Sie brauchte keine Hilfe, aber Hadi war in den letzten zwei Tagen zur reinsten Glucke geworden, wenn es um sie ging.
Er trat auf eine lose Holzplanke. Sie schnellte hoch und kippte einige Ziegel um, auf die Niema soeben getreten war. Sie geriet aus dem Gleichgewicht, rutschte aus und schlug hart mit der rechten Schulter auf.
Niema ließ keinen Aufschrei hören, ihr Training, unnötige Geräusche auf jeden Fall zu vermeiden, saß viel zu tief. Hadi, der ihr auf die Beine half, fluchte leise und entschuldigte sich. »Verflucht, das tut mir leid! Ist mit dir alles in Ordnung?«
Sie nickte, wischte ihre Kleidung ab, ihre Schulter. Tucker sah das leichte Stirnrunzeln, als sie sich erneut über die Schulter wischte. Diese kleine Regung, so ungewöhnlich für die letzten zwei Tage, zeigte ihm sofort, dass etwas nicht stimmte.
»Du bist verletzt.« Er war bei ihr, bevor er den Satz zu Ende gesprochen hatte, und zog sie herunter von dem Schutthaufen.
»Hast du dir die Schulter verletzt?«, erkundigte sich Hadi mit einer Sorgenfalte auf der Stirn.
»Nein.« Sie klang lediglich verblüfft, verdrehte aber den Kopf, um einen Blick auf ihr Schulterblatt zu erhaschen. Tucker drehte sie um. In ihrer Bluse war ein kleiner Riss, aus dem Blut quoll.
»Du musst auf irgendwas Spitzes gefallen sein«, sagte er und dachte, dass es vielleicht ein Ziegelsplitter gewesen sein könnte, doch dann sah er den rostigen Nagel, der etwa zwei Zentimeter aus der verrotteten Planke ragte.
»Es war ein Nagel. Bloß gut, dass du dich vorher gegen Tetanus hast impfen lassen.« Noch während er sprach, knöpfte er geschickt ihre Bluse auf. Da sie keinen Büstenhalter trug, öffnete er nur die obersten Knöpfe und zog ihr den Stoff dann vorsichtig von der verletzten Schulter.
Er sah einen stumpfen Einstich, bläulich angelaufen und geschwollen. Langsam und träge sickerte Blut daraus hervor. Der Nagel war oberhalb und ein wenig rechts von ihrem Schulterblatt eingedrungen, in den fleischigen Teil, neben ihrem Oberarm. Er drückte darauf, damit die Wunde noch heftiger blutete. Hadi hatte bereits ihren kleinen Erste-Hilfe-Kasten geöffnet und nahm ein paar Gazepäckchen heraus, mit denen er das herausrinnende Blut abwischte.
Niema stand regungslos, ließ sich stumm von den Männern verarzten. Tucker kam der Gedanke, dass er und Hadi in Anbetracht einer so kleinen Wunde eigentlich viel zu viel Aufhebens machten. Sicher, jede Wunde, die eine Verzögerung ihrer Flucht nach sich zog, war gefährlich, da sie gezwungen wären, noch länger im Iran zu bleiben, also war ihre Sorge durchaus logisch. Doch das war nicht alles. Das, was sie wie zwei besorgte Glucken an Niema herumtüdeln ließ, war der Instinkt des Männchens, das Weibchen zu beschützen, war sie doch nicht nur die einzige Frau in der Gruppe, sondern außerdem noch verwundet, weniger physisch als psychisch. Wenn man dazu noch in Betracht zog, dass sie eine hübsche junge Frau war, die sich mit ihrem Mut und ihrem Humor rasch einen Platz im Herzen der Männer erobert hatte, dann war es kein Wunder, dass sie nur so sprangen, um ihr beizustehen.
Sein Verstand wusste das, kannte sowohl die instinktiven als auch die persönlichen Beweggründe für ihr Handeln. Und dennoch – tief in seinem Inneren wusste er, dass er Berge versetzen würde, um zu verhindern, dass sie noch mehr litt als ohnehin schon. Er hatte Dallas versprochen, sich um sie zu kümmern, und dieses Versprechen würde er halten, koste es was es wolle.
Die Sonne beschien ihre Schulter und ließ sie in einem samtigen Perlweiß schimmern. Sie besaß trotz ihrer schwarzen Haare und Augen einen recht hellen Teint. Tucker, der eine antibiotische Salbe auf die Wunde auftrug, konnte nicht anders, als die zarte Form ihres Schulterblatts, die Anmut ihres Körpers zu bewundern. Sie war erstaunlich feminin, trotz ihrer groben Kleidung und der Tatsache, dass sie überhaupt nicht geschminkt war, dass ihre Haare dringend einen Kamm benötigten und sie alle ebenso dringend ein Bad. Sie sah so zart, so elegant aus, dass ihn ihre Härte und Ausdauer ständig von Neuem überraschten.
»Sie sieht aus wie ein Mädchen, das man am liebsten auf ein Podest stellen würde, damit es nie schmutzig wird, sich nie wehtut«, schwärmte Dallas ihm gegenüber; da hatte er Niema noch gar nicht kennengelernt, das war, als er sein Team zusammenstellte. »Aber sie tritt dir in die Eier, wenn du das versuchen solltest.« Das sagte er mit tiefer männlicher Befriedigung, denn sie gehörte ihm, und Tucker konnte nur verwundert mit dem Kopf schütteln. Er hätte nie gedacht, einmal einen bis über beide Ohren verliebten Dallas Burdock zu erleben.
Tucker klebte ein großes Pflaster über die Wunde, dann zog er ihr die Bluse wieder über die Schulter. Er hätte sie ihr auch zugeknöpft, doch sie tat es selbst, das Kinn auf die Brust gesenkt, die Bewegungen der Finger langsam und steif.
Ja, sie wirkte regelrecht benommen vom Schock und von der Müdigkeit. Er glaubte nicht, dass sie entsprechend reagieren könnte, falls etwas geschah, das rasches Handeln erforderte. Sie brauchte unbedingt Schlaf, dachte er, koste es, was es wolle.
Er bedeutete Hadi, mit ihm beiseite zu treten. »Ich werde sie nicht zwingen, heute noch weiterzugehen. Von meiner Karte her weiß ich, dass ungefähr fünfzehn Meilen von hier ein kleines Dorf sein muss. Glaubst du, du könntest uns einen fahrbaren Untersatz verschaffen?«
»Ist der Papst Katholik?«
»Aber sei vorsichtig. Wir dürfen keine Verfolgung riskieren. Warte falls nötig bis spät nachts.«
Hadi nickte zustimmend.
»Wenn du bis zum Morgengrauen nicht zurück bist, gehen wir allein weiter.«
Abermals nickte Hadi. »Mach dir um mich keine Sorgen. Falls ich nicht rechtzeitig zurück bin, sieh einfach nur zu, dass du sie hier rausschaffst.«
»Genau das habe ich vor.«
Hadi nahm ein wenig Wasser und Lebensmittel und verschwand rasch am Horizont. Niema fragte nicht, wo er hinging, ließ sich einfach auf den Boden plumpsen und starrte mit leerem Blick vor sich hin. Nein, ihr Blick war nicht leer, dachte Tucker. Das wäre leichter zu ertragen gewesen als der Ausdruck tiefsten Schmerzes in ihren dunklen Augen.
Der Tag schleppte sich dahin. Er verbrachte die Zeit damit, eine Art kleiner Schutzhütte für sie zu bauen, die bei Tage die sengende Sonne und bei Nacht den schneidenden Wind abhalten sollte. Nun, da das Gebirge hinter ihnen lag, war es wieder ein wenig wärmer geworden, aber die Nächte waren nach wie vor verflucht kalt. Sie aßen, er zumindest. Niema nahm nur ein paar Bissen. Aber sie trank recht viel, mehr als sonst.
Bei Einbruch der Nacht hatten sich ihre Wangen ein wenig gerötet. Tucker legte die Hand an ihr Gesicht und war nicht überrascht festzustellen, dass es ganz heiß war. »Du hast Fieber«, erklärte er ihr. »Von der Wunde.« Aber das Fieber war nicht sonderlich hoch, also war er deswegen nicht besorgt, obwohl sie in ihrer ohnehin angeschlagenen Verfassung so etwas weiß Gott nicht auch noch gebrauchen konnte.
Er aß im Licht der Taschenlampe. Das Fieber raubte ihr auch noch den wenigen Appetit, den sie hatte. Sie aß an diesem Abend gar nichts, trank nur sehr viel. »Versuch ein wenig zu schlafen«, sagte er, und sie legte sich gehorsam auf die Decke, die er für sie ausgebreitet hatte. Nachdem er jedoch eine Weile ihrem Atem gelauscht hatte, wusste er, dass sie nicht schlief. Sie lag nur da und starrte in die Dunkelheit, mit den Gedanken bei ihrem Mann, der nicht da war und nie mehr wiederkommen würde.
Tucker starrte auf ihren Rücken. Sie und Dallas waren äußerst zurückhaltend gewesen, hatten ihre Liebe nie zur Schau gestellt. Aber nachts hatten sie immer eng aneinander geschmiegt geschlafen, Dallas an ihrem Rücken, den muskulösen Arm über ihre Taille gelegt. Da hatte sie geschlafen wie ein Murmeltier, sicher und geborgen in den Armen ihres Mannes.
Vielleicht konnte sie ja deshalb nicht schlafen, weil sie allein war und den eisigen Wind im Rücken spürte. Es war im Grunde eine simple Sache, eine Gewohnheit, die sich Paare ganz einfach anzueignen schienen; die tröstliche, wärmende Gegenwart des anderen, das Atemgeräusch des Liebsten. Vielleicht war es ja das Vertrauen, die Intimität, die so viel bedeuteten. Intimität fiel Tucker nicht leicht, Vertrauen noch weniger, aber er wusste, dass beides zwischen Niema und Dallas existiert hatte. Dallas’ Tod hatte eine Riesenlücke gerissen, und sie fand nachts nicht länger Trost und Geborgenheit.
Tucker seufzte innerlich. Er seufzte seinetwegen, wusste er doch, was er zu tun hatte und was es ihn kosten würde.
Er nahm eine Flasche Wasser und ging still zu ihr, legte sich neben sie auf die Decke und die Flasche in Reichweite. »Schscht«, murmelte er, als sie sich versteifte. »Schlaf jetzt.« Er schmiegte sich an ihren Rücken und ihre Oberschenkel und wärmte sie. Nachdem er eine zweite Decke über sie beide gezogen hatte, um die Kälte der Nacht fern zu halten, schlang er einen Arm um ihre Taille und zog sie an sich.
Er spürte ihr Fieber, die Hitze, die ihr Körper verströmte und die sie beide wie eine dritte Decke umhüllte. Trotzdem zitterte sie ein wenig, und er zog sie fester an sich. Sie lag auf ihrer unverletzten linken Schulter und hielt ihren rechten Arm möglichst ruhig, um nicht an der Wunde zu zerren.
»Das Fieber bekämpft die Infektion«, sagte er mit leiser, sanfter Stimme. »Im Erste-Hilfe-Kasten ist Aspirin, falls es schlimmer wird, aber ich würde sagen, solange das Fieber nicht deutlich ansteigt, sollten wir es seinen Job erledigen lassen.«
»Ja.« Ihre Stimme klang ganz dünn und lustlos vor Müdigkeit.
Er streichelte ihr sanft übers Haar und überlegte, wie er sie ablenken könnte. Wenn sie nur aufhören könnte, zu denken, würde sie vielleicht Schlaf finden. »Einmal habe ich eine Sonnenfinsternis beobachtet, das war in Südamerika.« Mehr ins Detail ging er nicht. »Es war so heiß, richtig stickig. Eine kalte Dusche nützte nichts, sobald man sich abtrocknete, brach einem schon wieder der Schweiß aus. Jeder hatte nur das Allernötigste an.«
Er wusste nicht, ob sie ihm zuhörte, es war nicht wichtig. Er sprach immer weiter, in diesem monotonen Tonfall, etwas lauter als ein Flüstern. Vielleicht konnte er sie ja so sehr langweilen, dass sie einschlief.
»Im Radio haben sie gesagt, dass es an dem Tag eine Sonnenfinsternis geben würde, aber die Hitze war so schlimm, dass es allen mehr oder weniger egal war. Es war nur ein kleines Dorf, in das verirrten sich keine Sonnenfinsternisanbeter. Ich selbst hatte es auch vergessen. Es war ein sonniger Tag, so hell, dass es in den Augen wehtat, daher trug ich eine Sonnenbrille. Die Sonnenfinsternis kroch ganz unbemerkt an uns heran. Die Sonne schien, der Himmel war makellos blau, und schlagartig war es, als würde sich eine Wolke über die Sonne legen. Die Vögel hörten auf zu zwitschern, und die Haustiere suchten Deckung.
Ein Dorfbewohner blickte auf und sagte: ›Seht mal, die Sonne‹, und da fiel mir die Sonnenfinsternis wieder ein. Ich sagte den Leuten, sie sollten nicht direkt in die Sonne schauen, denn das kann einen blind machen. Es herrschte auf einmal eine ganz unheimliche Stimmung, wie schwarzer Sonnenschein, wenn du dir so was vorstellen kannst. Der Himmel wurde dunkelblau, und die Temperatur fiel um mindestens zehn Grad. Es wurde immer dunkler, aber der Himmel war trotzdem noch blau. Schließlich war die Sonne vollständig verschwunden, und die Korona war einfach ... atemberaubend. Alles ringsum lag in einem seltsamen Dämmerlicht, und es rührte sich absolut nichts, doch über uns glühte der Himmel. Das dauerte ein paar Minuten, und währenddessen stand das ganze Dorf still, Männer, Frauen und Kinder, niemand regte sich oder sagte etwas.
Dann wurde es allmählich wieder heller, die Vögel fingen wieder an zu zwitschern. Die Hühner kamen aus ihren Verschlägen, und die Hunde bellten. Der Mond wanderte weiter, und es war wieder so heiß wie zuvor, aber jetzt beschwerte sich keiner mehr.« Zwei Tage später waren alle Dorfbewohner tot – massakriert –, aber das behielt er für sich.
Er wartete. Ihr Atem ging zu flach für eine Schlafende, aber wenigstens war sie nicht mehr so steif wie zuvor. Wenn sie sich entspannte, konnte es sein, dass ihr Körper die Oberhand bekam und sie zum Einschlafen zwang.
Als Nächstes erzählte er ihr von einem Hund, den er als Kind gehabt hatte. Er hatte nie einen Hund gehabt, aber das wusste sie ja nicht. Das Hündchen, das er erfand, hatte einen langen, mageren Körper wie ein Dackel und ein wolliges Fell wie ein Pudel. »Hässlicher kleiner Schlingel«, sagte er wohlwollend.
»Wie hieß er?«
Er war überrascht, als sie so unvermutet mit leiser, fast zögerlicher Stimme sprach. Seine Brust zog sich unwillkürlich zusammen. »Sie«, sagte er. »Ihr Name war Fifi, weil ich dachte, dass Pudel eben so heißen.«
Und nun erzählte er ihr Fifis gesammelte Abenteuer. Sie war ein ganz erstaunliches Hündchen gewesen. Sie konnte auf Bäume klettern, die meisten Türen ganz allein öffnen, und ihr Lieblingsgericht war – Himmel, wie hießen doch noch diese Frühstücksdinger für Kinder? – ach ja, Honigpops. Fifi schlief bei der Katze, versteckte Schuhe unter dem Sofa, und einmal fraß sie tatsächlich seine Hausaufgaben.
Tucker ließ sich eine ganze halbe Stunde über die erstaunliche Fifi aus, wobei er darauf achtete, den leisen, melodischen, monotonen Rhythmus seiner Stimme nicht zu verlieren. Zwischendurch hielt er ab und zu inne, um auf ihren Atem zu lauschen. Er wurde immer tiefer, bis sie schließlich eingeschlafen war.
Auch er ließ den Schlaf kommen, aber nur oberflächlich. Ein Teil von ihm blieb ständig auf der Hut, immer wachsam, auf Hadis Rückkehr lauschend oder auf ein verdächtiges Geräusch. Er wachte zwischendurch auch mal ganz auf, um nach Niema zu sehen und sich davon zu überzeugen, dass das Fieber nicht stieg. Sie war zwar noch zu warm, aber das Fieber war nicht schlimm, es war heilend. Trotzdem, um völlig sicherzugehen, weckte er sie jedes Mal, um ihr ein wenig Wasser einzuflößen. Wie er vermutet hatte: Sobald sie einmal eingeschlafen war, konnte sie sich nicht mehr gegen die Natur wehren, und obwohl sie leicht aufwachte, schlief sie wieder ein, sobald sie die Augen zumachte.
Die Stunden verstrichen, und keine Spur von Hadi. Tucker war geduldig. Die Leute schliefen in den frühen Morgenstunden meist am tiefsten, und wahrscheinlich würde Hadi bis dahin warten. Trotzdem, immer wenn er erwachte, warf Tucker einen Blick auf seine Uhr und überlegte, was am besten wäre. Je länger Niema schlief, desto kräftiger wäre sie und desto schneller kämen sie voran. Aber zu lange durfte er auch nicht warten.