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Willkommen zur privaten Sprechstunde in Sachen Liebe!
Sie sind ständig in Bereitschaft, um Leben zu retten. Das macht sie für ihre Patienten zu Helden.
Im Sammelband "Die besten Ärzte" erleben Sie hautnah die aufregende Welt in Weiß zwischen Krankenhausalltag und romantischen Liebesabenteuern. Da ist Herzklopfen garantiert!
Der Sammelband "Die besten Ärzte" ist ein perfektes Angebot für alle, die Geschichten um Ärzte und Ärztinnen, Schwestern und Patienten lieben. Dr. Stefan Frank, Chefarzt Dr. Holl, Notärztin Andrea Bergen - hier bekommen Sie alle! Und das zum günstigen Angebotspreis!
Dieser Sammelband enthält die folgenden Romane:
Chefarzt Dr. Holl 1834: Die Stunde, in der sie versagte
Notärztin Andrea Bergen 1313: Unschuldig waren ihre Augen
Dr. Stefan Frank 2267: Bis Weihnachten bin ich gesund!
Dr. Karsten Fabian 210: Das ganze Dorf soll unsere Liebe feiern!
Der Notarzt 316: Kampf um Leben und Tod
Der Inhalt dieses Sammelbands entspricht ca. 320 Taschenbuchseiten.
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Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 460
Veröffentlichungsjahr: 2024
BASTEI LÜBBE AG
Vollständige eBook-Ausgaben der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgaben
Für die Originalausgaben:
Copyright © 2014/2016/2018 by
Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln
Vervielfältigungen dieses Werkes für das Text- und Data-Mining bleiben vorbehalten.
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Für diese Ausgabe:
Copyright © 2024 by
Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln
Covermotiv: © FS Stock / Shutterstock
ISBN: 978-3-7517-6483-4
https://www.bastei.de
https://www.luebbe.de
https://www.lesejury.de
Cover
Titel
Impressum
Inhalt
Chefarzt Dr. Holl 1834
Die Stunde, in der sie versagte
Die Notärztin 1313
Unschuldig waren ihre Augen
Dr. Stefan Frank 2267
Bis Weihnachten bin ich gesund!
Der Notarzt 316
Kampf um Leben und Tod
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Contents
Die Stunde, in der sie versagte
Warum eine Schwester ihren Beruf aufgeben wollte
Von Katrin Kastell
„Sie sollten am besten mit einem Therapeuten sprechen, Herr Meisen“, hört Schwester Stella sich sagen – und kann im nächsten Moment nicht glauben, dass sie den Patienten so vor den Kopf stößt.
Wochenlang hat sie den Jockey Rufus Meisen nach seinem schweren Reitunfall aufopfernd gepflegt und ihn immer wieder moralisch aufgebaut, wenn er zu verzweifeln drohte. Jetzt braucht er ihren Zuspruch nötiger denn je. Die Ärzte haben ihm nach einem lebensbedrohlichen Krampfanfall gerade mitgeteilt, dass er niemals wieder wird reiten dürfen. Stella hätte ihn gerne wieder aufgebaut, aber sie will sich auch vor ihren Gefühlen schützen, denn sie hat sich in den charismatischen Mann verliebt. Rufus ist jedoch verlobt, und obendrein hat ihr der Stationsleiter mangelnde professionelle Distanz diesem Patienten gegenüber vorgeworfen.
Und so lässt Stella Rufus in der Stunde seiner größten Not allein und löst dadurch eine Tragödie aus …
„Alles Gute zum Geburtstag, Stella! Ohne dich wären wir ganz arme Wichtel. Du bist spitze, und wir wissen, was wir an dir haben!“
Gerührt nahm Stella Wagner die herzliche Gratulation ihrer Kollegen entgegen. Sie überraschten sie mit einem improvisierten Geburtstagskaffee in der Übergabezeit zwischen Früh- und Spätdienst. Das hatte es zuvor noch nie auf der Station gegeben.
Die drei Tische des Schwesternzimmers der neurologischen Station der Berling-Klinik in München waren zusammengeschoben worden zu einer Art Tafel. Mehrere Kerzen brannten, und es lief eine CD mit schöner Klaviermusik, die Stella besonders mochte.
Kuchen und salziges Gebäck standen bereit. Es duftete nach Kaffee. Der Frühdienst blieb extra länger, um mit dem Spätdienst feiern zu können. Man half rasch zusammen, damit auf der Station alles seinen geregelten Gang ging und man ungestört etwas Zeit zusammen verbringen konnte.
„Ihr seid unglaublich!“, bedankte sich Stella, und man sah ihr an, wie sehr sie sich freute. „Danke!“
„Umgekehrt wird ein Schuh daraus“, sagte da Karl-Heinz Schreiner, der die Dienstpläne koordinierte und die Pflege der Station leitete.
Im Normalfall galt der fünfzigjährige Karl-Heinz als äußerst zurückgezogen und streng, aber nun war seine Miene weich.
„Wann immer einer von uns Probleme hat, bist du zur Stelle. Du hörst zu, springst ein, wenn es eng wird, und machst nie eine große Sache daraus. Ohne dich würde der Laden hier nur halb so gut laufen. Du bist unglaublich!“, lobte er sie, und ein Lob war bei ihm die Ausnahme.
Alle klatschten und nickten zustimmend.
Stella war sehr beliebt, obwohl sie zu den eher stillen Kolleginnen zählte und sich so gut wie nie in den Vordergrund spielte. Sie war einfach da, wenn man sie brauchte, und ansonsten machte sie auf ihre gründliche und liebevolle Weise ihre Arbeit.
„Wie wirst du deinen dreißigsten Geburtstag begehen? Ich glaube, an dem Tag hänge ich mich auf! Meinen Dreißigsten erkläre ich jetzt schon zu meinem persönlichen Volkstrauertag, nehme Urlaub und bedauere mich. Spätestens dann ist es mit dem schönen Leben vorbei, und das Ende nimmt seinen Anfang“, stellte Schwester Karin düster fest, und falls es als Scherz gedacht war, wurde er von echtem Entsetzen überdeckt.
Sie war zweiundzwanzig und dachte fast nur daran, Spaß im Leben zu haben. Die dunklen Schatten unter ihren Augen nach ihren freien Wochenenden führten immer wieder zu Gelächter und Spott unter den Kollegen. Gutmütig ließ sie das über sich ergehen. Das Einzige, was ihr wirklich Angst machte, war die Vorstellung, einmal alt zu sein und keinen Spaß mehr haben zu können. Dreißig schien ihr geradezu uralt, und Stella gehörte ihr volles Mitgefühl.
„Na, herzlichen Dank für die frommen Wünsche! Hast du einen Strick für mich? Am Anfang vom Ende steht man doch immer wieder gerne“, konterte Stella amüsiert. „Übrigens, Karin, alt wird man von ganz alleine. Zum Weisewerden gehört dann natürlich einiges mehr“, neckte sie.
„Da droht bei Karin keine Gefahr“, kommentierte eine ältere Krankenschwester giftig.
Alle lachten, und Karin lachte am lautesten. Man konnte ihr einfach nicht böse sein.
Auf der Station gab es viel zu tun, und so löste sich die heitere Runde schon nach einer Stunde auf, aber alle hatten das Zusammensein genossen.
„Das hat gut getan, und wir sollten es öfter machen – auch ohne besonderen Anlass!“, meinten einige beim Abschied.
Karl-Heinz nickte zustimmend und nahm sich vor, solche Kaffeestündchen auf seiner Station regelmäßig anzuregen. Er überlegte sogar, mit Dr. Stefan Holl, dem Leiter der Berling-Klinik, darüber zu sprechen, ob die zusätzliche Stunde von der Klinikverwaltung als Sondervergütung bezahlt wurde.
Solche Begegnungen waren auch für andere Stationen ratsam, um ein Gefühl von Zusammengehörigkeit zu erhalten, davon war er überzeugt. Im stressigen Alltag auf den Stationen konnte man leicht vergessen, dass man nicht alleine stand.
Früh-, Spät- und Nachtdienst kämpften alle für sich darum, irgendwie mit der Arbeit über die Runden zu kommen und die Patienten gut zu versorgen. Ein gesundes Gemeinschaftsgefühl konnte da viel Druck herausnehmen, was für alle Beteiligten ein Segen war.
Stella räumte rasch das Geschirr in die Spülmaschine, als die anderen gegangen waren. Dann sah sie wie an jedem Tag nach ihren Patienten. Einige wussten, dass sie Geburtstag hatte, und so dauerte es etwas länger als gewöhnlich, bis sie ihre Runde abschließen konnte.
Die Besuchszeit war inzwischen angebrochen, und wenn es nicht sein musste, störte sie das Zusammensein mit Familie und Freunden nie. Sie wusste, dass es für die Genesung ihrer Patienten nichts Zuträglicheres gab, als die Zuwendung ihrer Lieben. Wer alleine mit Krankheit und Furcht zurechtkommen musste, tat sich in der Regel schwerer.
Stella nutzte die Zeit, um die Tabletten für den Abend zu richten, und hing dabei ihren Gedanken nach. Dreißig – war das wirklich schon so alt? Karins Reaktion hatte sie trotz allem etwas getroffen. Es stimmte schon. Irgendwie war das Leben bisher nicht so verlaufen, wie Stella es erträumt und geplant hatte.
Sie war ein Familienmensch und sehnte sich nach einem Mann und Kindern. Mit dreißig hatte sie eigentlich längst verheiratet und Mutter sein wollen. Was war passiert? Die Antwort war einfach. Theo war ihr passiert.
Der Gedanke an ihn tat ein wenig weh wie immer. Manchmal redete sie sich ein, die Beziehung gut verarbeitet zu haben, aber die Traurigkeit, die sie überkam, wenn sie an ihn dachte, sprach eine andere Sprache. Es war nicht so, dass sie ihn noch immer vermisste. Sie wollte ihn nie wieder in ihrem Leben sehen. Die Erfahrung mit ihm hatte sie grundlegend verändert.
Sechs Jahre hatte sie mit Theo in Kempten zusammengelebt, und es waren im Prinzip schöne Jahre für sie gewesen. Theo hatte nie einen Zweifel daran gelassen, dass sie einmal heiraten würden und dass sie sich etwas zusammen aufbauten. Stella hatte ihr Leben mit ihm verbringen wollen. Für sie war er ganz klar der Mann gewesen, den sie liebte und zu dem sie gehörte.
Vermutlich war er das damals auch gewesen, und tief in ihr war er das in gewisser Weise sogar noch. Leider hatte er sich aber als Lügner und Betrüger der übelsten Sorte entpuppt, und die vermeintlich schönen Jahre waren ein einziger Betrug gewesen.
Während Stella die Miete ihrer gemeinsamen Wohnung alleine bezahlt hatte, damit Theo etwas zurücklegen konnte für ihre gemeinsame Zukunft, hatte er sein Geld mit anderen Frauen großzügig ausgegeben. Sie hatte ihn versorgt – gekocht, geputzt, die Wäsche gewaschen –, und er hatte sich ein schönes Leben auf ihre Kosten gemacht.
Stella hatte es nicht glauben wollen, als sie ihn zufällig aus einiger Entfernung Arm in Arm mit einer anderen in der Stadt beobachtet hatte. Gleich am Abend hatte sie ihn direkt darauf angesprochen.
„Ich liebe nur dich, mein Schatz!“, hatte er ihr treuherzig erklärt. „Das hat doch nichts zu bedeuten. Mir hängt sich gerne einmal eine Frau an den Arm, aber nur du zählst!“
Die Antwort hatte sie in keiner Weise beruhigt und befriedigt, sondern erst richtig alarmiert. Da hatte etwas ganz und gar nicht gestimmt. Sechs Monate danach hatte Stella ihn verlassen und sich die Stelle in der Berling-Klinik in München gesucht, um wirklich von ihm loszukommen und Abstand zwischen sich und ihn zu bringen.
Ganz offensichtlich hatte er unter Liebe etwas anderes als sie verstanden und nichts von Treue gehalten. Einmal aufmerksam geworden, hatte Stella all die Spuren der anderen nicht mehr übersehen können. Die zahlreichen Überstunden und Geschäftsreisen, für die sie ihn stets bedauert hatte, hatten sich als Erfindungen erwiesen. Die ganze Zeit über hatte er ein Doppelleben geführt.
Vier Jahre lebte und arbeitete Stella nun schon in München. Theo hatte anfangs ein paarmal angerufen, aber dann hatte er bald eine andere Dumme gefunden, die seine Miete übernahm und ihn versorgte. Sonderlich schwer war sie nicht zu ersetzen gewesen.
Stella dagegen gelang es nicht so leicht, wieder einem Mann zu vertrauen. Sie war eine schöne Frau, und natürlich wurde sie öfter eingeladen, und Männer bemühten sich um sie, aber sie blieb auf Distanz. Bisher hatte sie keinem eine Chance gegeben, ihr Herz zu berühren. Noch einmal wollte sie nicht die Betrogene sein, und ihrem strengen Blick hielt keiner stand.
Musste sie ihren Traum von Liebe, Glück und Familie zu den Akten legen und sich damit zufriedengeben, Freude an ihrem Beruf zu haben? Der Gedanke war nicht schön, denn da fehlte etwas in ihrem Leben. Sie wünschte sich mehr. Konnte sie noch den Richtigen finden und eine Familie aufbauen? Sie hoffte es sehr.
***
„Du musst am Sonntag gewinnen! Rufus, du musst alles aus Agaran herausholen! Es ist sein letztes Rennen, und wenn er es siegreich beendet, dann haben wir es geschafft. Als Zuchthengst macht er dann selbst Monsun noch Konkurrenz. Von überall kommen Anfragen. Alle möchten, dass er ihre Stuten deckt. Agaran ist unser Schlüssel zu einem sorgenfreien Leben, und wir …“
Rufus Meisen ließ seine Verlobte Yvonne Gräve reden und musterte sie nachdenklich. Es war seltsam, aber Yvonne klang fast wie sein Vater. Immer ging es bei ihr um das Geld, das sich mit der Pferdezucht seiner Familie machen ließ. An den Tieren zeigte sie kein Interesse.
Sie kannte die Quoten auf Agaran, aber die feurige Freude am Siegen, die den Hengst auszeichnete, erkannte sie nicht. Sie tat ihm irgendwie leid, denn das Wesentliche schien völlig an ihr vorbeizugehen, obwohl sie ihr ganzes Leben in der Pferdewelt zugebracht hatte.
War das immer so gewesen? Hatte Yvonne von Anfang an so geredet und gedacht, seit sie zusammen waren? Hatte er es in seiner ersten Verliebtheit nur nicht bemerkt? Er war sich nicht mehr sicher. Es gab überhaupt nicht mehr viel in seinem Leben, dessen er sich sicher war – bis auf die Pferde. Wohin sollte sein Weg einmal gehen, wenn er kein Jockey mehr sein konnte? Rufus wusste es nicht.
Fünf Jahre gehörte Yvonne nun schon zu seinem Leben, und ihm kam es vor, als ob sie ihm von Jahr zu Jahr fremder wurde. Es tat ihm förmlich weh, ihr zuzuhören. Konnten sie auf dieser Basis ihr Leben teilen? Er hatte sie gern und wollte sie nicht verletzen, aber unter Umständen blieb ihm keine andere Wahl, als sich von ihr zu trennen, auch wenn er nicht daran denken wollte.
„Was hast du? Warum siehst du mich so an?“, fragte Yvonne irritiert und verstummte.
„Die internationale Konkurrenz am Sonntag ist beachtlich. Agaran ist nicht in seiner besten Form“, antwortete Rufus, ohne auf ihre Frage einzugehen. Es war nicht Feigheit, die ihn schweigen ließ, sondern Zuneigung und Hilflosigkeit. Warum nur konnte sie nicht sehen, was er sah? Warum interessierte sie nur Geld?
„Dein Vater sagt, wenn du ihm mehr die Peitsche zeigst, dann …“
„Mein Vater redet gerne über Dinge, von denen er nichts versteht. Er ist ein exzellenter Pferdezüchter, aber kein bemerkenswerter Trainer. Agaran braucht das nicht. Der Hengst möchte siegen – genau wie ich. Wir sind ein Team und treiben uns mental gegenseitig zu Höchstleistungen an“, erklärte er, obwohl er genau wusste, dass sie es nicht verstand.
„Gewinne! Der Rest ist mir egal“, meinte sie denn auch genervt, was ihn traurig verstummen ließ.
Manchmal begriff Yvonne nicht, was in Rufus vor sich ging. Er war der beste Jockey, der zurzeit in Deutschland Rennen ritt, und hatte sich auch international einen Namen gemacht. Meldete er sich mit einem seiner Pferde für ein Rennen, dann gehörte er zu den Favoriten, und die Quoten schossen in die Höhe.
Trotz all dieses Erfolges kam er ihr mit seinen zweiunddreißig Jahren aber noch nicht wirklich erwachsen vor. Er war ein Träumer, und sie konnte nicht verstehen, warum er so wenig aus seinem Ruhm machte. Obwohl sie mit Engelszungen redete, weigerte er sich konsequent, Werbeverträge abzuschließen. Alles, was ihn interessierte, waren seine Pferde.
Es musste ihm doch klar sein, dass ihm vielleicht noch fünf oder sechs Jahre blieben, in denen er Rennen reiten konnte. Dann war es mit seiner aktiven Karriere als Jockey vorbei, und er musste auf der Tribüne sitzen und zusehen, wie andere seine Pferde ritten.
Yvonne wollte, dass Rufus bis dahin ausreichend Geld verdient hatte. Sie hatte nicht vor, den Rest ihres Lebens mit ihm auf dem Gestüt der Familie am Tegernsee zu verbringen. Ihre Vorstellungen von einem schönen Leben waren eindeutig anders geartet. Das Geld musste reichen, um nicht mehr ans Arbeiten denken zu müssen und das Leben genießen zu können.
Grund war nicht die harte Arbeit, die es bedeutete, Pferde zu züchten und zu trainieren, die auf der Rennbahn Triumphe feierten. Damit hatte sie ohnehin nichts zu tun und hatte nicht vor, daran etwas zu ändern. Arbeiten war nicht ihre Sache.
Yvonne stammte aus einer angesehenen, ehemals sehr reichen Münchner Familie, aber ihr Vater hatte etwas zu viel Zeit auf der Rennbahn verbracht. Er hatte mit Leidenschaft auf Pferde gewettet, leider aber nicht viel von ihnen verstanden, und das Glück war ihm auch nicht hold gewesen. Nach und nach hatte er sein gesamtes Vermögen verloren.
Für Yvonne waren die Pferderennbahnen der Welt ein Stück weit ihr Zuhause. Ihre Kindheit hatte sich dort abgespielt, und sie war die Prinzessin ihres Vaters gewesen und das Maskottchen von Jockeys, die einmal jeder gekannt hatte und an deren Namen sich schon jetzt keiner mehr erinnerte. Ruhm war vergänglich.
Sie hatte nie damit gerechnet, jemals mit eigenen Händen Geld verdienen zu müssen. Dafür war sie nicht geschaffen. Durch die Wettverluste ihres Vaters hatte ihr ein Leben gedroht, vor dem es ihr graute, aber bei Rufus hatte sie wieder einen sicheren Hafen gefunden.
Im Grunde lebte sie ihr gewohntes Leben mit ihm weiter. Sie war mit ihm auf der Rennbahn und repräsentierte, und mehr wurde nicht von ihr erwartet. Ihr gefiel dieses Leben, aber auf die Zurückgezogenheit des Hofes am Tegernsee hatte sie keine Lust und auf die Konflikte mit Rufus’ Vater erst recht nicht.
Mit Günther Meisen war nicht gut Kirschen essen. Er war ein strenger, harter Mann von Anfang sechzig, der niemanden neben sich duldete – auch nicht seinen Sohn. Auf dem Hof führte er ein eisernes Regiment, und das war auch der Grund, warum Yvonne und Rufus eine luxuriöse Wohnung am Stadtrand von München hatten und nicht am Tegernsee auf dem Hof wohnten.
Als Frau kam Yvonne gut mit Günther aus. Sie verstand es, ihren weiblichen Charme spielen zu lassen, und redete ihm nicht gegen den Mund. Relativ häufig musste sie sich da nicht einmal sonderlich verbiegen, denn sie teilte die meisten seiner Meinungen.
Im Gegensatz zu seinem Sohn war Günther ein absoluter Realist. Er wollte mit seinen Pferden Geld verdienen, und brachte eines der Tiere nicht die erforderliche Leistung, dann interessierte es ihn nicht mehr. Ließ es sich verkaufen, wurde es verkauft, und es war ihm egal, an wen.
Rufus dachte vollkommen anders, und die Grabenkämpfe zwischen Vater und Sohn waren auf den Rennbahnen legendär. Es war schon vorgekommen, dass die Männer über ein Jahr kein privates Wort miteinander gewechselt hatten. Dank Yvonne waren die Fronten etwas geschmeidiger geworden, aber sie hatte nicht vor, auf Dauer zwischen den beiden Sturköpfen zu vermitteln.
Sollte Günther die Pferde haben! Solange Rufus Ruhm und Geld hatte, genügte ihr das völlig. Sie wollte ohnehin lieber mit ihm auf Reisen gehen und so lange von seinem Ruhm zehren, wie es möglich war.
„Ich habe etwas mit Petra und Dietmar ausgemacht. Wir gehen heute Abend zusammen essen und dann …“, informierte sie Rufus, der erst vor ein paar Minuten vom Training mit den Pferden gekommen war und sich auf einen ruhigen Abend freute.
„So kurz vor einem Rennen kann ich doch kaum etwas essen, Yvonne. Da verhungere ich am Tisch, wenn ich euch beim Schlemmen zusehe. Geh ruhig allein!“, antwortete er gelassen, wie er es nicht selten tat.
Ihre Freunde waren nett, aber die Themen, über die sie sich unterhielten, langweilten ihn. Ging er einmal mit, kam ihm der Abend meistens endlos vor, und irgendwann schaltete er ab und hing seinen Gedanken nach.
„In Ordnung!“ Yvonne hatte mit keiner anderen Antwort gerechnet. Sie war es gewohnt, ohne ihn auszugehen.
Es war sechzehn Uhr. Sie tranken zusammen Kaffee, plauderten über Belanglosigkeiten und hatten sich nicht wirklich viel zu sagen. Als Yvonne die Tassen in die Spülmaschine stellte, suchte Rufus seine Schlüssel und stand schon an der Tür, als sie zurückkam.
Agaran hatte ihm am Morgen nicht gefallen. Der Hengst war unruhig gewesen. Rufus wollte gerne nach der Abendfütterung im Stall noch einmal nach ihm sehen. Zum Glück waren es bis zum Hof nur gute dreißig Kilometer, und es war keine große Sache, wenn er zweimal am Tag an den Tegernsee fuhr.
„Mich zieht es noch einmal in den Stall, Yvonne. Je nachdem, wie es Agaran geht, kann es sein, dass ich heute Nacht gleich dortbleibe. Morgen wird er in die Stallungen der Rennbahn gebracht, und das ist für ihn immer aufregend. Wir sehen uns vermutlich morgen Abend! Ich denke nicht, dass ich eine zweite Nacht auf dem Hof bleibe, aber du weißt ja, wie das ist …“
„Kein Problem!“ Sie nickte. Es war nicht ungewöhnlich, dass er für ein paar Nächte in seiner Wohnung auf dem Hof übernachtete.
„Dann hab einen schönen Abend und richte dem Drachenmeister meine untertänigsten Grüße aus!“, scherzte sie.
„Das werde ich tunlichst bleiben lassen. Er ist auch so schon unausstehlich“, erwiderte Rufus. „Du bist der erste Mensch, den ich kenne, der mit meinem Vater klarkommt. Irgendwann musst du mir dein Geheimnis verraten.“
„Anhimmeln und niemals widersprechen – so einfach ist das, mein Schatz. Solltest du einmal probieren“, riet sie ihm.
„Anhimmeln?“ Er schüttelte sich, und beide mussten bei der Vorstellung lachen. Er winkte ihr lächelnd und ging.
***
„Was willst du schon wieder hier?“, wurde Rufus von seinem Vater brummig empfangen, als er aus dem Auto stieg. „Die Abendfütterung überlässt der Erfolgsjockey doch gewöhnlich mir und meinen Leuten und lässt es sich in München gut gehen. Für was hat man das arbeitende Volk, wenn man der Liebling der Rennbahn ist und sich ein schönes Leben machen kann?“
Rufus schluckte eine bittere Bemerkung hinunter. Es hatte keinen Sinn. Sein Vater war ein Meister darin, sich die Dinge so zurechtzudrehen, wie sie ihm gefielen. Wie gerne hätte Rufus in seiner Wohnung über der Scheune gewohnt, die er sich extra dafür ausgebaut hatte!
Es fiel ihm schwer, abends wegzufahren wie ein Angestellter und nicht in der Nähe der Pferde zu bleiben. Seit dem Tod seiner Mutter hatte er immer wieder versucht, auf dem Hof zu leben, aber es ging nicht. Mit seinem Vater gab es kein friedliches Auskommen. Er wollte ihn nicht dahaben und schaffte es jedes Mal, ihn zu vergraulen.
Schweigend gingen sie zusammen zum ersten Stallgebäude, in dem neben anderen Pferden auch Agaran seine Box hatte. Die Stallburschen hatten die eigentliche Fütterung bereits abgeschlossen. Es war ein letzter Rundgang vor der Nacht und eine feste Tradition auf dem Hof, seit Rufus denken konnte.
Günther Meisen füllte sich eine lederne Umhängetasche mit frischen Möhren in der Futterkammer. Die Pferde liebten diese Leckerei und freuten sich darüber. Als sie den Stall betraten, streckten einige Tiere sofort erwartungsvoll die Köpfe heraus. Andere blieben teilnahmslos im Schatten stehen. Sie wussten aus Erfahrung, dass sie nichts bekamen.
Rufus zog es wie immer, wenn er das sah, schmerzlich das Herz zusammen. Selbst für seinen Vater war das extrem. Früher hatte er jedem Pferd eine Möhre gegeben, aber mit der Zeit war er immer härter geworden. Für seinen Vater gab es nur noch die Gewinner.
Wer keine Leistung brachte, der wurde ignoriert. Achtlos ging er an der Box eines alten Deckhengstes vorbei, der früher einmal einer seiner Lieblinge gewesen war und große Siege auf der Rennbahn gefeiert hatte. Rufus hielt es nicht länger aus, dieses Unrecht mit anzusehen.
Fiasko war in die Jahre gekommen. Nach wie vor wurde er regelmäßig als Deckhengst gebucht, aber man musste sich inzwischen einiges einfallen lassen, damit der Hengst seinen männlichen Pflichten nachkam. Er hatte die Lust an den Stuten verloren. Das einstmals so stolze Tier wirkte verloren und müde.
Rufus ging in die Futterkammer zurück, holte sich selbst eine Tasche mit Möhren und gab sie den Tieren, die sein Vater ignorierte. Fiasko kaute knackend seine Möhren, und als Rufus seine Nüstern streichelte und leise mit ihm sprach, schnaubte der Hengst dankbar.
„Mein Sohn und die Verlierer!“, bemerkte sein Vater abfällig, der es grimmig beobachtete. „Es ist mir ein Rätsel, warum du auf der Rennbahn nicht jedes Mal als letzter einläufst. Du bist zu weich. Fiaskos Zeit ist um.“
„Er war ein König auf der Rennbahn zu seiner Zeit“, konterte Rufus.
„Na und? Das ist lange vorbei. Jetzt verdient er sich kaum noch sein Futter und …“
„Fiasko bleibt auf dem Hof!“, sagte Rufus bestimmt.
„Das hast nicht du zu entscheiden!“, blaffte sein Vater zornig, und die Pferde wurden sofort unruhig. „Es ist immer noch mein Stall, und ich bestimme, was auf meinem Hof geschieht! Wenn ich will, bringe ich Fiasko zum Abdecker, und du kannst nichts dagegen tun!“
„Nicht hier im Stall, Vater!“, bat Rufus betont ruhig und ging zu Agaran, der mit einem Vorderhuf im Heu aufstampfte und nervös die Nüstern blähte. Streit und laute Stimmen machten die Tiere immer sofort unruhig.
Schweigend ging Günther Meisen zu seinen Lieblingen, gab ihnen ihre gewohnte Leckerei und stapfte dann wütend aus dem Stall. Rufus ließ sich Zeit, gab jedem der Tiere Möhren und kümmerte sich besonders um die Vergessenen, die es ihm dankten.
Es gab noch zwei weitere Stallungen, aber da er nicht wusste, wo sein Vater gerade war, brachte er die Tasche in die Futterkammer zurück und ging in seine Wohnung, um jeden weiteren Streit zu vermeiden. So kurz vor einem wichtigen Rennen brauchte nicht nur Agaran Ruhe, sondern auch er selbst.
Am anderen Vormittag half er dabei, Agaran zu verladen, und begleitete den Hengst zur Rennbahn, wo er für eine Nacht in den Stallungen war, damit er ausgeruht das Rennen am Sonntagvormittag antreten konnte. Seinen Vater bekam er nicht zu Gesicht und war froh darüber.
Er war die ewigen Auseinandersetzungen leid und hätte gerne einen Schlussstrich gezogen und sich von seinem Vater getrennt. Leider waren sie durch den Hof und die Pferde verbunden und mussten irgendwie miteinander auskommen.
Yvonne war zum Einkaufen in die Stadt gefahren, als er mittags nach Hause kam. Es tat gut, die Wohnung für sich alleine zu haben. Rufus war müde und frustriert. Daheim fühlte er sich weder auf dem Hof noch in der Wohnung in München. Überall kam er sich fremd vor. Eigentlich war er nur glücklich, wenn er im Sattel saß und ritt.
Als Yvonne gegen zweiundzwanzig Uhr nach Hause kam, lag er bereits im Bett. Er musste am anderen Tag fit sein, wenn er Agaran zum Sieg reiten wollte, und das und nichts anderes hatte der Hengst verdient.
„Wie war dein Tag? Soll ich morgen auf Agaran setzen?“ Yvonne beugte sich über ihn und küsste ihn zärtlich auf die Wange.
„Unterstehe dich!“, erwiderte er lächelnd. Yvonne wettete nie. Sie hatte die Sucht ihres Vaters nicht übernommen, und darüber war Rufus froh.
Ausgeruht und voll auf das Rennen konzentriert, fuhr er am anderen Morgen zur Rennbahn. Es war wie jedes Mal, wenn Agaran und er zusammen starteten. Der Hengst brannte darauf, sich zu beweisen wie sein Reiter, und als das Rennen begann, setzte er sich sofort an die Spitze und ließ den Pulk hinter sich.
Von den Tribünen drang Jubel herüber. Rufus hörte es nicht. Agaran flog über die Rennbahn, und keines der anderen Pferde kam auch nur im Entferntesten an ihn heran. Jockey und Pferd waren zu einer Einheit verschmolzen und zeigten noch ein letztes Mal, was sie konnten. Der Sieg lag vor ihnen, da geschah es.
Einem Zuschauer war es gelungen, an den Ordnern vorbei durch die Absperrung zu gelangen. Mit seinem Handy wollte er unbedingt den Zieleinritt des Favoriten einfangen und ins Netz stellen.
„Halt! Zurück!“, schrie einer der Ordner und versuchte, den Mann aufzuhalten, aber er war zu langsam. Der Zuschauer schaffte es auf die Bahn kurz nach dem Zieleinlauf und drückte wieder und wieder auf den Auslöser.
Agaran flog auf das Ziel zu. Seine Bewegungen waren Kraft und Harmonie in Perfektion. Er überbot seine eigenen Rekorde und war dabei, Rennbahngeschichte zu schreiben zum Abschluss seiner Karriere. Reiter und Pferd entdeckten den Menschen im selben Moment, der auf ihrer Bahn stand.
Sie versuchten auszuweichen, aber bei ihrer Geschwindigkeit war das nicht mehr möglich, ohne die Kontrolle zu verlieren. Der Hengst brach zur Seite aus, und obwohl Rufus alles tat, um den Sturz zu verhindern, lag es nicht mehr in seiner Macht.
Agaran schrie vor Schock und Schmerz, als er auf dem Boden aufprallte und sich überschlug. Dieser entsetzliche Schmerzensschrei war das Letzte, was Rufus hörte, dann verlor er das Bewusstsein. Man musste ihn unter seinem Pferd hervorholen.
Das Hindernis auf der Bahn brachte noch zwei weitere Pferde im Zieleinlauf zum Sturz, aber zum Glück kam es weder bei ihnen noch ihren Reitern zu schlimmeren Verletzungen. Bei all dem Trubel gelang es dem rücksichtslosen Fotografen, sich wieder unerkannt unter die Rennbahnbesucher zu mischen.
Spektakuläre Bilder des Zieleinlaufes und des tragischen Sturzes tauchten unmittelbar nach dem Rennen im Netz auf, konnten aber nicht zurückverfolgt werden.
„Agaran? Was ist mit Agaran?“, fragte Rufus, sobald er wieder zu sich kam. Er wurde gerade auf eine Liege gehoben und konnte den Hubschrauber hören. „Mein Pferd? Agaran?“
Niemand antwortete ihm, und er verlor wieder das Bewusstsein und wurde lebensgefährlich verletzt zur Berling-Klinik geflogen. Agarans Verletzungen waren so schwer, dass dem Tierarzt keine andere Wahl blieb, als den Hengst zu erlösen.
Günther Meisen war bei dem Tier und redete beruhigend auf es ein, bis seine Schmerzen ein Ende hatten. Er weinte, als Agarans Körper erschlaffte. Erst als er sich um das Tier gekümmert hatte, fuhr er zur Klinik, um nach seinem Sohn zu sehen.
***
Es grenzte an ein Wunder, dass Rufus Meisen noch am Leben war. Zahllose Knochen in seinem Körper waren gebrochen. Milz und Leber waren verletzt, und er hatte starke innere Blutungen. Dazu kamen ein Schädeltrauma und eine bedrohliche Gehirnschwellung. Gleich mehrere der Verletzungen bedrohten sein Leben, und sein Zustand war kritisch.
Journalisten waren fast gleichzeitig mit dem Hubschrauber, der den Patienten brachte, über die Berling-Klinik hereingefallen. Sie bedrängten die Ärzte und das Personal der Notaufnahme mit ihren Fragen und schienen einfach überall, wo sie nichts verloren hatten, aus dem Boden zu wachsen. Die Auffahrt war komplett blockiert.
Rufus Meisen war bekannt, und auch wenn er bisher wenig Stoff für Klatschgeschichten geliefert hatte, wurde sein Leben regelmäßig in Zeitschriften zerpflückt. Die Öffentlichkeit kannte sein Gesicht, und jede Zeitung und jeder Sender schickten jemanden vorbei.
Es war Sonntagmittag, und Dr. Stefan Holl, der Klinikleiter, hatte den Tag eigentlich mit seiner Frau und seinen vier Kindern verbringen wollen, als der Anruf aus der Klinik kam. Er stieg sofort ins Auto und fuhr los, denn ihm war klar, dass er für Ruhe in seiner Klinik sorgen musste.
Verärgert fuhr er im Schritttempo durch die Belagerung. Was dachten sich diese Leute eigentlich? War ihnen nicht klar, dass sie die Zufahrt zu einer Notaufnahme blockierten und damit Menschenleben gefährdeten?
„Doktor Holl, was können Sie uns sagen?“, wurde er sofort bedrängt und bahnte sich wortlos einen Weg in seine Klinik. Als er sich ein Bild verschafft hatte, stellte er sich der Meute.
„Herr Meisen ist schwer verletzt und wird operiert“, informierte er die Journalisten knapp. „Bitte, verlassen Sie die Klinik, und behindern Sie uns nicht länger bei unserer Arbeit!“
„Doktor Holl, Sie müssen doch etwas mehr für uns haben! Wird er überleben? Wie stehen seine Chancen?“ Ein übereifriger Fernsehreporter hielt dem Arzt das Mikro unter die Nase und hoffte, ihn zu einer übereilten Bemerkung verleiten zu können, die sich dann ausschlachten ließ.
„Sie befinden sich in der Notaufnahme einer Klinik. Hier geht es um Zeit. Je schneller wir arbeiten können, umso höher stehen die Chancen unserer Patienten, und Sie behindern uns bei unserer Arbeit!“
Dr. Holl konnte seinen Grimm nicht länger verbergen.
„Verschwinden Sie auf der Stelle! Die Polizei ist auf dem Weg und wird Sie notfalls entfernen. Ich möchte Sie bitten, es nicht so weit kommen zu lassen! Verlassen Sie die Notaufnahme und räumen Sie die Zufahrt der Rettungswagen! Auf der Stelle!“
Die Warnung zeigte zumindest etwas Wirkung, und einige der Journalisten versammelten sich draußen vor der Notaufnahme auf dem Parkplatz. Da standen sie noch eine Weile, aber nach und nach zogen sie ab, als klar war, dass sie zumindest an diesem Sonntag an keine weiteren Informationen gelangen würden.
„Wie geht es meinem Sohn?“, fragte Günther Meisen, der zusammen mit Yvonne im Wartebereich der Notaufnahme saß und nach seiner Ankunft von der Presse abgeschirmt worden war.
„Seine Verletzungen sind sehr ernst“, begann Dr. Holl, der es selbst übernahm, den Vater und die Verlobte auf das Schlimmste vorzubereiten.
„Nehmen Sie kein Blatt vor den Mund!“, unterbrach ihn Günther Meisen. „Rufus ist schon oft in Stürze verwickelt gewesen und hat sich schon viele Knochen gebrochen. Er ist hart im Nehmen, mein Sohn, aber das heute …“ Er verstummte traurig. Wie sollte er Rufus beibringen, dass Agaran es nicht geschafft hatte?
„Wir können nur nach Schwere der Symptome entscheiden, wie wir vorgehen. Er hat eine Hirnschwellung, und der Druck auf sein Gehirn muss sofort gesenkt werden. Die inneren Blutungen in seinem Bauchraum sind stark und müssen gestoppt werden. Wir haben ihn in den OP gebracht, und wenn er diese beiden Eingriffe durchhält, dann hat er für heute eine große Hürde genommen.“
„Soll das heißen, dass ihm weitere Eingriffe bevorstehen?“, wollte Yvonne wissen, die unter Schock stand. Es hatte doch das große Siegesrennen werden sollen. Und nun war Agaran tot, und Rufus schwebte in Lebensgefahr. So hatte sie sich diesen Tag nicht vorgestellt. Das war alles falsch.
Sie hatte mit ihren Freunden von der Loge aus dem grandiosen Rennen zugesehen und sich schon zum Sieg gratulieren lassen, als es geschehen war. Von einer Sekunde zur anderen wurde sie von der beneideten Gewinnerin zu einer Frau, die alles verloren hatte. Agaran, ihr Garant für ein gutes Leben, war tot. Starb auch Rufus, dann stand sie vor dem Nichts. Sie hatte keine eigenen Einnahmen und verfügte über kein Vermögen mehr.
„Die Brüche müssen gerichtet werden. Leider ist auch die Wirbelsäule betroffen und …“
„Die Wirbelsäule?“, wiederholte Yvonne tonlos. „Kann es sein, dass Rufus gelähmt bleiben wird?“
„Im Moment kann ich Ihnen nicht sagen, ob er morgen noch am Leben ist. Es tut mir unendlich leid, aber Sie müssen sich auf alles gefasst machen. Sein Zustand ist mehr als kritisch“, antwortete Dr. Holl ernst.
„Ist sein Rückenmark durchtrennt? Ist er querschnittsgelähmt?“, fragte Yvonne und erhob in ihrer Aufregung die Stimme.
„Die Gefahr einer Lähmung besteht, auch wenn …“
„Was soll das heißen? Ist dieses verdammte Rückenmark nun durchtrennt, oder nicht?“
„Es ist nicht durchtrennt, aber geschädigt. Inwiefern diese Schädigung zu bleibenden Beeinträchtigungen führen wird, müssen wir abwarten. Wenn wir den Hirndruck nicht senken, überlebt Herr Meisen die Nacht nicht. Momentan geht es um sein Überleben und …“
„Sie verstehen das nicht!“ Hysterisch winkte Yvonne ab. „Rufus ist Reiter, Sportler. Er braucht seinen Körper. Wenn er sich nicht mehr bewegen kann, dann war es das für ihn. Das schafft er nicht. Es ist gnädiger, wenn Sie ihm erlauben zu sterben, als dass Sie ihn …“
„Yvonne!“, donnerte Günther Meisen streng dazwischen und brachte sie zum Schweigen. „Kein Wort mehr!“
„Du weißt, dass ich recht habe. Er würde es nicht ertragen, behindert zu sein und …“
„Was mein Sohn erträgt und was nicht, das entscheidet mein Sohn und nicht du oder ich!“, sagte Günther kalt.
„Warum tust du plötzlich so, als ob du der liebende Vater bist, der sich um das Wohl seines Sohnes kümmert? Rufus ist dir doch egal. Du brauchst seine Gewinne, und wenn er nicht mehr gewinnen kann, dann ist er für dich wertlos, oder etwa nicht? Sei doch ehrlich!“, schrie sie. „Er hat mir oft genug erzählt, wie du mit Verlierern umgehst.“
„Ich möchte, dass du gehst!“, sagte der Vater sehr leise, aber mit Bestimmtheit. „Ich rufe dich an und sage dir, wie es Rufus geht, aber hier in der Klinik möchte ich dich in nächster Zeit nicht sehen!“
„Das kannst du haben! Ich bin ohnehin keine Krankenpflegerin!“, tobte sie, sprang wütend auf und rauschte davon.
Dr. Holl sah ihr schweigend nach. In all den Jahren, die er nun schon als Arzt arbeitete und Angehörige nach schweren Unfällen informieren musste, war ihm so etwas noch nie passiert. Hatte diese Frau tatsächlich von ihm verlangt, ihren Verlobten sterben zu lassen?
„Mein Sohn ist zäh und wird kämpfen, aber sollte er gelähmt sein, wäre der Tod in der Tat gnädiger“, stellte Günther Meisen ruhig fest. „Das müssen Sie nicht verstehen. Dafür sind Sie Arzt. Retten Sie ihn!“, bat der Vater.
„Wir tun alles, was in unserer Macht liegt“, versicherte ihm Dr. Holl.
***
Rufus Meisen überlebte die Operation nur knapp. Dem Neurochirurgen gelang es, die Blutung und die Schwellung im Gehirn zu stoppen. Ob es bereits zu einem Hirnschaden gekommen war, ließ sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen. Man musste abwarten, bis der Patient wieder zu sich kam.
Die Allgemeinchirurgen hatten große Probleme, alle Blutungsquellen im Bauchraum zu finden. Bei all dem Blut war es schwer, etwas zu sehen. Unmengen an Bauchtüchern wurden benutzt, und der Reiter bekam eine Blutkonserve nach der anderen angehängt. Man konnte ihm das Blut kaum so schnell geben, wie er es verlor.
Noch war die Bauchoperation voll im Gange, als Rufus’ Herz nicht mehr mitmachte und sein Kreislauf zusammenzubrechen drohte. Sein Körper hatte keine Kraft mehr und brauchte eine Pause. Es war eine schwere Entscheidung, aber die Chirurgen brachen den Eingriff ab, machten den Patienten aber nicht zu, sondern deckten den Bauchraum nur sehr gut ab.
So wurde Rufus für den Rest des Tages und die Nacht auf die Intensivstation gebracht. Sobald sich sein Zustand etwas stabilisiert haben würde, wollte man den Eingriff fortsetzen. Es blieb keine andere Wahl, obwohl das Infektionsrisiko bei dieser Methode für den Patienten hoch war. Eine Fortsetzung der Operation hätte den Patienten getötet.
Morgens um drei Uhr setzten wieder starke Blutungen ein, und den Chirurgen blieb nichts anderes übrig, als Rufus wieder in den OP bringen zu lassen und erneut zu beginnen. Er hatte sich dennoch etwas erholen können und hielt den Eingriff durch.
Gegen acht Uhr wurde er wieder auf die Intensivstation gebracht, und diesmal hatten alle Blutungen im Bauchraum gestoppt werden können. Das war die zweite Hürde, die er knapp nahm. Die Ärzte gaben ihm geringe Chancen und waren von seinem Lebenswillen beeindruckt.
Um seine Heilungschancen zu erhöhen, wurde er ins künstliche Koma versetzt. Damit wollte man seinem Körper die erforderliche Ruhe geben, sich zu erholen. Günther Meisen verließ die Klinik nicht, bis sein Sohn zum zweiten Mal aus dem OP gefahren wurde und wieder auf der Intensivstation war.
In sich gekehrt saß er dann noch über eine Stunde an seinem Bett und dachte über die vergangenen Jahre nach. Was für eine Vergeudung! Er wünschte, er hätte das früher begreifen können. Nach dem Tod seiner Frau, die vor fünfzehn Jahren qualvoll an Krebs gestorben war, hatte er sich innerlich von allem und jedem abgeschlossen – selbst von Rufus und den Pferden.
Er war wütend gewesen auf das Leben, auf Gott, auf sich selbst, seine Frau und einfach jeden, der ihm in die Quere gekommen war. Nun, wo er auch Rufus zu verlieren drohte, erkannte er, wie sinnlos und dumm sein Verhalten gewesen war.
Das Leben gewann immer und konnte einem jederzeit nehmen, was man liebte. So wütend man auch war, ließ sich nichts festhalten oder kontrollieren. Agaran war verloren, und auch wenn seine Zuchtlinie nicht mit ihm gestorben war, ließ sich der Verlust nicht in Zahlen ausdrücken. Der Hengst war die Blüte jahrelanger Zuchtarbeit gewesen.
Er hatte alles in sich verkörpert, woran Günther Meisen gearbeitet hatte, und nun war er vollkommen sinnlos gestorben. Was für ein Idiot stellte sich im Zieleinlauf vor die herangaloppierenden Pferde wegen eines Fotos? Wer tat so etwas?
Agaran war tot. Rufus würde ihm vielleicht bald folgen. Das alles für ein Foto, an das sich in ein paar Tagen keiner mehr erinnern würde. Wie sinnlos war doch alles! Günther Meisen fragte sich, ob es überhaupt noch etwas gab in seiner zerstörten Welt, das Sinn ergab. Falls dem so war, konnte er es nicht finden. Müde stand er auf, warf einen letzten Blick auf seinen Sohn und ging hinaus.
„Hier kann ich nichts tun, und ich werde im Stall gebraucht“, sagte er zu dem Stationsarzt der Intensivstation. „Rufen Sie mich an, falls sich am Zustand meines Sohnes etwas ändern sollte. Solange er im Koma liegt, muss ich nicht hier herumsitzen und meine Zeit vertrödeln. Ich habe Arbeit zu erledigen.“ Mit diesen ruppigen Worten stapfte er davon.
Zwei Wochen ließen die Ärzte den Patienten im Koma. Rufus’ Zustand war immer wieder kritisch, und eigentlich warteten alle darauf, dass seine Organe versagten und er starb, aber er kämpfte weiter. Von Tag zu Tag hielt er durch, und irgendwann begannen sich seine Werte endlich zu stabilisieren.
Da er keine weiteren Operationen überstanden hätte, taten die Ärzte medikamentös, was ihnen möglich war. Dr. Holl sah persönlich jeden Tag nach dem Patienten und ließ sich von den behandelnden Ärzten engmaschig unterrichten.
Als Klinikleiter gehörte es zu seinen Aufgaben, die Presse auf Abstand und so weit auf dem Laufenden zu halten, wie es angemessen und richtig war. Im Grunde gab er nur die Information heraus, dass Rufus Meisen noch lebte. Alles Weitere hätte die ärztliche Schweigepflicht verletzt und ging die Öffentlichkeit ohnehin nichts an.
In den vierzehn Tagen, die Rufus im künstlichen Koma gehalten wurde, bekam er keinen Besuch von seinem Vater oder Yvonne. Nur Journalisten versuchten, an ihn heranzukommen, gaben sich am Eingang der Intensivstation als Verwandte aus und ließen sich einiges einfallen, um an das Bett des Kranken zu gelangen. Dank der Aufmerksamkeit des Personals blieben all die Bemühungen zum Glück erfolglos.
„Ist das nicht aufregend?“ Schwester Karin fand es wie viele in der Berling-Klinik spannend, einen derart prominenten Patienten zu haben. „Auf der Intensivstation sind sie inzwischen auf alles vorbereitet. Ein Reporter hat sich als Arzt verkleidet und dachte, bei uns wäre ohnehin alles anonym. Ha, im hohen Bogen ist er vor die Tür geflogen und hat jetzt eine Anzeige an der Backe!“, erzählte sie triumphierend.
Schwester Karin war immer über alles gut informiert, und natürlich hatte sie noch mehr zu erzählen.
„Eine Schwester von der Intensivstation hat mir gesagt, dass Rufus Meisen niemanden hat, der sich um ihn kümmert und seine Hand hält. Wie traurig, dass er da ganz allein liegt und um sein Leben ringt. Da ist einer so bekannt, und die halbe Welt möchte wissen, wie es um ihn steht, nur die eigenen Leute kümmert es nicht.“
Stella hörte zu, ohne sich dazu zu äußern. Klatsch und Tratsch in der Klinik mochte sie nicht und beteiligte sich nie daran. Sie hatte den Einlauf von Agaran im Fernsehen verfolgt und den entsetzlichen Vorfall live miterlebt. Hengst und Reiter waren ihr gut bekannt, wenn sie ihnen auch nie persönlich begegnet war.
Schon als kleines Mädchen war sie in Pferde vernarrt gewesen, und ihre Eltern hatten ihr schließlich erlaubt, reiten zu lernen. Ihr Reitlehrer hatte einen eigenen Reitstall gehabt, in dem meist begüterte Privatleute ihre Pferde untergestellt hatten.
Stella hatte Boxen ausgemistet, Pferde gestriegelt und einfach alle Arbeiten übernommen, die angefallen waren. Sie war glücklich gewesen, wenn sie im Stall sein konnte. Da sie eine gute Reiterin gewesen war, durfte sie mit der Zeit die Pferde bewegen, deren Besitzer keine Zeit gehabt hatten.
Bis sie Kempten verlassen hatte, war Reiten ihr liebstes Hobby gewesen, und der Reitsport hatte sie da natürlich auch fasziniert. Der Tod Agarans traf sie tief. So ein wunderschönes Tier hätte nicht auf so eine Weise sterben dürfen. Rufus Meisen wünschte sie alles Gute und dachte immer wieder an ihn.
„Glaubst du, er kommt irgendwann zu uns auf die Station, wenn er überlebt? Das wäre etwas!“ Karins Augen glänzten erwartungsvoll. „Dann stehen wir im Mittelpunkt des Interesses“, meinte sie träumerisch.
Stella schüttelte nur unmerklich den Kopf über ihre Kollegin und machte sich wieder an die Arbeit. Rufus Meisen war noch nicht über dem Berg, aber für seine Person schien kaum jemand Mitgefühl zu empfinden. Es tat ihr leid, dass er niemanden zu haben schien, dem er etwas bedeutete, aber zumindest damit stand er nicht allein. Viele Menschen waren einsam.
***
Günther Meisen rief jeden Tag in der Klinik an und nahm sehr wohl Anteil am Zustand seines Sohnes. Yvonne dagegen zog sich erst einmal komplett zurück und vergrub sich in der Wohnung, die sie immer eher als ihre Wohnung betrachtet hatte und weniger als ein gemeinsames Zuhause. Sie war unschlüssig, was sie nun tun sollte.
Selbst im günstigsten Fall, wenn Rufus überlebte und wieder gesund wurde, würde er keine Rennen mehr reiten können. Dieser Abschnitt seines Lebens war vorüber. Finanziell war er abgesichert, aber von dem Lebensstandard, den Yvonne gewöhnt war und den sie nicht aufgeben wollte, war er von nun an weit entfernt.
Sie war neunundzwanzig Jahre alt und eine äußerst attraktive und anziehende Frau, was sie für sich zu nutzen verstand. Noch konnte sie sich leicht einen Mann suchen, der ihren materiellen Anforderungen gerecht wurde. Etwas in ihr wollte die Jagd eröffnen und weiterziehen. Die Zeit mit Rufus war nett gewesen, aber sie hatte gewiss nicht vor, ihn für die nächsten Jahre zu pflegen.
Für so etwas war sie nicht geschaffen, und das hatte er gewusst, oder? Ihm musste doch klar gewesen sein, dass sie keine Frau für die schlechten Zeiten war. Ganz sicher war sie sich bei ihm da nicht. Im Grunde hatte sie keine Ahnung, wie Rufus ihre Beziehung gesehen hatte. Bisher hatte das schließlich keine Rolle gespielt. Jeder von ihnen war auf seine Kosten gekommen.
„Wie geht es Rufus? Erholt er sich?“ Das waren die Fragen, mit denen sie von allen Seiten überschüttet wurde, als sie am Sonntag nach dem Unglück wieder zu einem Rennen ging. Alle verbanden sie mit Rufus, bedauerten sie und glaubten ganz selbstverständlich, dass sie zu ihm stand.
Yvonne gab ausweichende Antworten, weil sie keine Ahnung hatte, wie es ihm tatsächlich ging, und hielt es nicht lange auf der Rennbahn aus. Ärgerlich fuhr sie nach Hause. Rufus war ihr nicht gleichgültig. Sie hatte ihn gerne, und es war schön gewesen, mit ihm zusammen zu sein. Dennoch sah sie nicht ein, dass sie zwangsweise mit ihm untergehen musste.
„Wie geht es Rufus?“, fragte Yvonne, als sie widerwillig bei Günther anrief, um zumindest grob Bescheid zu wissen. Aus dieser Geschichte kam sie kaum ungeschoren heraus, und das brachte sie auf. Ging sie einfach, war sie das eiskalte Biest und würde nur schwer einen finanzkräftigen Nachfolger in München finden.
Für einen Neuanfang musste sie voraussichtlich die Stadt verlassen, und ohne eigenes Einkommen war das nahezu unmöglich. Blieb ihr tatsächlich nichts anderes übrig, als sich vorübergehend eine Arbeit zu suchen? Ein entsetzlicher Gedanke!
„Er lebt noch“, antwortete Günther Meisen, der sich denken konnte, was in ihr vor sich ging.
„Fragt er nach mir?“ Sie hatte ein schlechtes Gewissen und hasste sich dafür.
„Er ist im künstlichen Koma, Yvonne. Im Moment fragt er nach keinem, aber falls er überlebt, wird er jemanden brauchen, der ihm Halt gibt. Wirst du das sein?“
„Was soll die Frage?“, fauchte sie und dachte, er wolle sie in dieselbe Ecke drängen wie alle anderen.
„Du bist eine Frau der Zahlen und Fakten, auch wenn man dir das nicht gleich ansieht. Mir gefällt das. Man muss im Leben wissen, worauf es einem ankommt.“ Sachlich erklärte ihr Günther, welches Vermögen hinter Rufus stand.
„Wirst du ihm Halt und ein Zuhause geben, bis er wieder einigermaßen Fuß gefasst hat?“, wiederholte er dann seine Frage. „Geht es ihm besser, kannst du jederzeit gehen. Ich finanziere dir einen sicheren Übergang, bis du wieder …“ Er zögerte und suchte nach den richtigen Worten. „Bis du ein neues Zuhause für dich gefunden hast.“
„Willst du dich freikaufen?“ Sie lachte spöttisch und war zugleich dankbar, offen reden zu können.
„Nein. Ich werde dich mit der Sorge um Rufus nicht alleine lassen, aber mein Verhältnis zu ihm ist, wie es ist. Ob es sich ändern lässt, wird sich zeigen. Ich möchte nur einen Anreiz schaffen für seine treusorgende Verlobte, noch für eine Weile dazubleiben, das ist alles. Gerade jetzt sollte er nicht völlig alleinstehen.“
„Ich denke darüber nach, aber sollte ich mich darauf einlassen, möchte ich einen schriftlichen Vertrag, der von einem Notar …“
„Wie gesagt, ich schätze deine klare Linie. Selbstverständlich können wir das schriftlich niederlegen“, stimmte Günther Meisen bereitwillig zu, der mit dieser Reaktion gerechnet hatte.
„Danke!“ Yvonne atmete auf, denn damit stand sie vorerst wieder auf sicherem Boden und konnte irgendwann entscheiden, ob sie mit oder ohne Rufus leben wollte.
Rufus ahnte von alldem nichts in seinem einsamen Kampf gegen den Tod. Nach zwei Wochen hatten sich seine Werte so weit stabilisiert, dass man wagen konnte, ihn aus dem Koma zu wecken. Dr. Holl und seine Kollegen hofften, dass es gelang und dass er nicht in ein richtiges Koma fiel.
„Mit was muss ich rechnen?“, fragte Günther Meisen den Klinikleiter angespannt. Der Vater war gekommen, weil er da sein wollte, wenn sein Sohn zu sich kam.
„Unter Umständen schläft er einfach weiter und wacht nicht auf. Sollte er erwachen, kann ich Ihnen nicht sagen, in welcher Verfassung er sein wird. Der Gehirndruck war sehr hoch, und es könnte zu Schäden gekommen sein. Wenn er Sie erkennt und ein paar Worte spricht, ist das sehr gut. Als Nächstes ist es wichtig, dass seine Motorik keinen Schaden genommen hat und dass er zum Beispiel nach etwas greifen kann.“
„Und seine Beine? Wird er gehen können?“, fragte Günther bange.
„Nein. Leider wird er kaum imstande sein, seine Beine zu spüren oder zu bewegen. Die Reflexe sind nur sehr schwach vorhanden.“
„Dann ist es gelähmt?“
„Vorübergehend. Ob es von Dauer ist, wird sich zeigen. Wie ich Ihnen bereits gesagt habe, ist sein Rückenmark theoretisch intakt und nicht durchtrennt worden bei dem Sturz. Das ist gut. Problematisch war ein Bluterguss im Bereich der unteren Lendenwirbel, der auf das Rückenmark drückte. Der Unterkörper Ihres Sohnes ist vorerst gelähmt.“
„Mein Gott!“ Günther Meisen vergrub das Gesicht in den Händen. Er konnte sich die Qual seines Sohnes kaum vorstellen, wenn er begriff, dass ihm seine Beine nicht mehr gehorchten. Wie sollte Rufus damit klarkommen?
„Mit einer entsprechenden Therapie besteht eine gute Chance, dass er nach und nach wieder lernen kann, zu gehen und sich normal zu bewegen. Das hängt vom Ausmaß der Schädigung ab. Es gibt Hoffnung. Nach diesem Sturz grenzt es fast an ein Wunder, dass er überhaupt noch lebt“, sagte Dr. Holl.
„Ich weiß, und ich bin Ihnen und Ihren Ärzten sehr dankbar für alles, was Sie für meinen Sohn getan haben. Aber Rufus war schon als Junge mehr auf dem Rücken der Pferde zu Hause als bei anderen Menschen. Bitte, versuchen Sie ihn zu verstehen, sollte er Schwierigkeiten haben, sich damit abzufinden. Er verliert seine ganze Welt und …“ Günther brach ab. Er wusste nicht, wie er das erklären sollte.
Stefan Holl nickte nachdenklich und sagte nichts dazu. Am Abend, als er mit seiner Frau Julia zusammensaß, erzählte er ihr von dem Gespräch und auch von der ersten Reaktion der Verlobten am Tag des Unfalls.
„Diese Menschen kennen den Patienten gut, und vermutlich haben sie recht, und der Mann kann mit einer Behinderung nicht umgehen und würde lieber tot sein. Schon eigentümlich. Sie machen mir nicht direkt Vorwürfe, aber es ist klar, dass sie etwas von mir erwarten – entweder ein Wunder und auf jeden Fall eine gute Lösung in ihrem Sinne“, erklärte er Julia und suchte nach den richtigen Worten.
„Als Arzt ist es deine Aufgabe, Leben zu retten, Stefan.“
„Natürlich. Da hast du vollkommen recht. Darum bin ich Arzt geworden, und ich freue mich, wenn ein Patient es schafft.“ Es klang wie eine Rechtfertigung.
„Und so soll es auch sein!“, sagte seine Frau sanft.
„Ich weiß, Julia. Für mich ist das Leben heilig. Natürlich tue ich alles, damit jemand sich vollständig regeneriert und wieder sein gewohntes Leben aufnehmen kann, aber es geht um das Leben selbst. Und viele Patienten erwarten genau das von mir.“
Julia nickte zustimmend und nahm seine Hand. Sie hatte selbst als Ärztin gearbeitet, bevor sie Mutter geworden war, und konnte gut verstehen, wie er sich fühlte.
„Es gibt Patienten, die nach einem Unfall vom Hals an gelähmt sind, und doch wollen sie leben um jeden Preis. Krebskranke mit Schmerzen sind zu jeder Therapie bereit, nur um ein paar Wochen Lebenszeit zu gewinnen. Anderen geht es nicht einmal sonderlich schlecht, und doch wollen sie sterben.“
„Du hast als Arzt die Pflicht, dein Bestes zu geben, um Leben zu erhalten. Alles andere liegt nicht in deiner Hand. Sollte Rufus Meisen gelähmt sein und bleiben, muss er einen Umgang mit diesem Schicksalsschlag finden. Du trägst als Arzt nicht die Verantwortung dafür, dass er diesen schrecklichen Sportunfall hatte“, stellte seine Frau sehr ernst klar und küsste ihn auf die Wange.
„Nein, das tue ich nicht. Gott sei Dank!“, stimmte er ihr zu und fühlte sich befreit. „Ich liebe dich. Danke!“
Sie schmiegte sich in seine Arme und strich zärtlich über seinen Rücken.
***
„Wie geht es Agaran? Was ist mit meinem Pferd?“
Zwei Tage nach diesem Gespräch kam Rufus Meisen kurz vor Mitternacht zu sich, und das waren seine ersten Worte.
„Gleich wird ein Arzt hier sein!“, sagte die Nachtschwester beruhigend. Er dachte, sie wolle gehen, nahm ihre Hand und hielt sie fest.
„Mein Pferd? Agaran? Bitte! Was ist mit ihm? Bitte! Hat Agaran es geschafft?“, fragte er und sah sie flehend an. Er musste es wissen!
Traurig schüttelte die Nachtschwester den Kopf und wünschte sich ans andere Ende der Welt. Alle in der Klinik wussten, dass der Hengst tot war. Erleichtert trat sie einen Schritt vom Bett zurück, als gleich drei Ärzte und eine Kollegin von ihr hereingestürmt kamen.
„Herr Meisen, wie fühlen Sie sich?“, wollte einer der Ärzte wissen.
Rufus hatte Tränen in den Augen, und es fiel ihm schwer, seine Gedanken zu sammeln und zu antworten. Agaran hatte es nicht geschafft. Agaran.
„Können Sie mich verstehen?“, fragte der Arzt.
„Ja!“, murmelte er.
„Haben Sie Schmerzen?“
„Ja!“
„Wir erhöhen gleich die Dosis des Schmerzmittels“, versprach der Arzt. „Wissen Sie, was passiert ist?“
„Agaran lief das Rennen seines Lebens und … und er war einzigartig, aber irgend so ein Wahnsinniger stand vor uns auf der Bahn. Von da an habe ich einen Filmriss. Wie lange bin ich schon im Krankenhaus?“, wollte nun Rufus im Gegenzug wissen.
Agaran hatte es nicht geschafft. Er würde nie wieder auf seinem Rücken sitzen und über die Bahn fliegen. Nie wieder gemeinsam mit ihm die Schwerkraft besiegen. Der Schmerz und die Trauer waren unermesslich.
„Sechzehn Tage. Wir mussten Sie in ein künstliches Koma legen, weil Ihr Zustand sehr ernst war und es erforderte. Können Sie Ihre Hand zu einer Faust ballen?“
Rufus tat es. Die ganze Situation kam ihm eigentümlich unwirklich vor. Er sehnte sich danach, alleine zu sein, um weinen und trauern zu können um seinen Freund.
„Nehmen Sie mir den Stift aus der Hand!“, bat der Arzt ihn und hielt ihm einen Kugelschreiber vor die Nase.
Rufus griff mit seiner rechten, unverletzten Hand anstandslos nach dem Stift und nahm ihn.
„Sehr gut!“, lobte der Arzt ihn und strahlte. Das Gehirn des Patienten hatte keinerlei Schaden genommen, und davon war niemand ausgegangen. Rufus Meisen musste eine ganze Heerschar von Schutzengeln gehabt haben.
Rufus spürte eine bleierne Müdigkeit. Er hatte das Gefühl, Schwerarbeit geleistet zu haben, und konnte kaum noch die Augen offen halten.
„Ihr Vater wird sich freuen, dass Sie wach sind. Er war an den letzten zwei Tagen oft hier“, sagte der Arzt lächelnd.
„Mein Vater? Für so etwas hat er eigentlich keine Zeit“, erwiderte Rufus mit schwerer Zunge und hielt es für einen Irrtum.
„Schlafen Sie! Wir machen weitere Untersuchungen, wenn Sie wieder wach sind!“ Mit diesen Worten verabschiedete sich der Arzt von dem Patienten.
Wie er es versprochen hatte, rief er umgehend bei Günther Meisen an
„Er wird für den Rest der Nacht sicher durchschlafen, aber wenn Sie am Morgen kommen, können Sie mit Ihrem Sohn reden“, sagte er zu dem Vater seines Patienten.
Als der Vater am nächsten Morgen kam, hatte Rufus bereits mehrere Untersuchungen hinter sich. Es war ihm selbst aufgefallen, dass er seine Beine nicht bewegen konnte, und der Schock darüber saß tief. Er hörte, was die Ärzte ihm erklärten, aber etwas in ihm konnte die Bedeutung nicht wirklich erfassen.
Warum sollte er seine Beine irgendwann wieder spüren können? Das kam ihm wie leerer Trost vor. Agaran war tot, und er selbst würde nie wieder gehen können. Das Leben war vorbei, auch wenn er noch am Leben war. Er begriff einfach nicht, warum er aus diesem Koma aufgewacht war? Warum war er nicht zusammen mit seinem Pferd auf der Rennbahn gestorben?
„Rufus, ich bin so froh, dass du …“
„Vater, es tut mir leid wegen Agaran! Du hast große Hoffnungen auf ihn gesetzt. Es tut mir so leid!“, unterbrach ihn Rufus.
„Das war nicht deine Schuld. Bei dieser Geschwindigkeit hätte kein Reiter das Ausweichmanöver geschafft ohne Sturz. Ihr ward unglaublich – ihr beide. Ich …“
Rufus winkte ab. Es tat zu weh, das zu hören. Tränen standen in seinen Augen. Er sah seinen Vater an, fragte sich, warum er in die Klinik gekommen war.
„Du magst keine Verlierer“, erinnerte er ihn, als Günther Meisen hilflos schwieg.
„Ich habe vieles falsch gemacht nach dem Tod deiner Mutter und …“
Wieder winkte Rufus ab. Das war zu viel. Er konnte das alles nicht ertragen. Der alte Mann hatte mit Agaran einmal mehr viel verloren, aber er konnte ihn nicht trösten. Als Siebzehnjähriger hatte es alles versucht, um seinem Vater über den Tod der Mutter hinwegzuhelfen, und war gescheitert. Diesmal versuchte er es erst gar nicht. Dafür war er zu müde.
„Bitte geh! Ich brauche dein Mitleid nicht!“
„Junge, ich …“
„Geh!“
„Ich komme morgen wieder und …“