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Willkommen zur privaten Sprechstunde in Sachen Liebe!
Sie sind ständig in Bereitschaft, um Leben zu retten. Das macht sie für ihre Patienten zu Helden.
Im Sammelband "Die besten Ärzte" erleben Sie hautnah die aufregende Welt in Weiß zwischen Krankenhausalltag und romantischen Liebesabenteuern. Da ist Herzklopfen garantiert!
Der Sammelband "Die besten Ärzte" ist ein perfektes Angebot für alle, die Geschichten um Ärzte und Ärztinnen, Schwestern und Patienten lieben. Dr. Stefan Frank, Chefarzt Dr. Holl, Notärztin Andrea Bergen - hier bekommen Sie alle! Und das zum günstigen Angebotspreis!
Dieser Sammelband enthält die folgenden Romane:
Chefarzt Dr. Holl 1835: Dr. Holl und die Giftmischerin
Notärztin Andrea Bergen 1314: Im Himmel hör ich euer Lachen
Dr. Stefan Frank 2268: Mein Herz sagt: Ich brauche dich!
Dr. Karsten Fabian 211: Der Arzt, dem einst ihr Herz gehörte
Der Notarzt 317: Und dann ein lauter Knall
Der Inhalt dieses Sammelbands entspricht ca. 320 Taschenbuchseiten.
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Seitenzahl: 547
Veröffentlichungsjahr: 2025
BASTEI LÜBBE AG
Vollständige eBook-Ausgaben der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgaben
Für die Originalausgaben:
Copyright © 2014/2016/2018 by
Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln
Vervielfältigungen dieses Werkes für das Text- und Data-Mining bleiben vorbehalten.
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Für diese Ausgabe:
Copyright © 2024 by
Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln
Covermotiv: © LightField Studios / Shutterstock
ISBN: 978-3-7517-7738-4
https://www.bastei.de
https://www.luebbe.de
https://www.lesejury.de
Cover
Titel
Impressum
Inhalt
Chefarzt Dr. Holl 1835
Dr. Holl und die Giftmischerin
Die Notärztin 1314
Im Himmel hör ich euer Lachen
Dr. Stefan Frank 2268
Mein Herz sagt: Ich brauche dich!
Dr. Karsten Fabian - Folge 211
Die wichtigsten Bewohner Altenhagens
Der Arzt, dem einst ihr Herz gehörte
Der Notarzt 317
Und dann ein lauter Knall
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Contents
Dr. Holl und die Giftmischerin
Der Klinikchef macht eine schreckliche Entdeckung
Von Katrin Kastell
Liebevoll richtet Leona das Teetablett für die betagte Elisabeth von Eckernfeld, die nach einer schweren Bronchitis nicht so recht auf die Beine kommen mag. Sie ahnt nicht, dass Elisabeths Sohn sie mit einem zärtlichen Lächeln beobachtet. Seitdem Leona ihre Stelle in der Villa angetreten hat, fühlt sich Benedikt von Eckernfeld zu der bezaubernden Pflegerin hingezogen – auch wenn er längst gebunden ist: an die exaltierte und verwöhnte Clarissa.
Anders als Leona ist Clarissa nicht entgangen, dass Benedikt ihr zu entgleiten droht. Und deshalb beschließt sie, tätig zu werden: Die hübsche Pflegerin muss verschwinden!
„Zwei, drei Tage Bettruhe, dann ist es überstanden“, sagte Dr. Holl mit einem aufmunternden Lächeln zu seiner Patientin.
Obwohl er eigentlich keine Kranken zu Hause betreute, machte er bei Elisabeth von Eckernfeld eine Ausnahme. Zu ihrer Villa war es nur ein Katzensprung. Darum sah der Chefarzt der Berling-Klinik in seinen Besuchen lediglich so etwas wie Nachbarschaftshilfe.
Außerdem hatte er ihren Mann bis zu dessen Tod behandelt. Nur ihren Sohn, der wie er Mediziner war, aber im Dienste der Forschung arbeitete, bekam er selten zu Gesicht.
Elisabeth gelang es kaum noch, die Augen offen zu halten. Die grippeähnliche Infektion mit Fieber und Husten hatte sie stark mitgenommen.
„Und Sie achten wie immer auf die regelmäßige Medikamenteneinnahme“, wandte sich Dr. Holl jetzt an die junge Frau, die auf der anderen Seite des Bettes stand. „Aber ich weiß ja, dass auf Sie Verlass ist.“
Durch die Hochsteckfrisur wirkte die blonde Frau kühl und ernst, doch dieser Eindruck täuschte. Stefan Holl kannte sie seit der Zeit, als sie in seiner Klinik angestellt gewesen war. Jetzt arbeitete sie hier in diesem Privathaushalt. Und offensichtlich war während der letzten Monate ein inniges Band zwischen ihr und der Hausherrin entstanden.
„Danke, dass Sie vorbeigekommen sind, obwohl Sie doch sicher schon Feierabend haben.“
„Für Frau von Eckernfeld bin ich immer da“, verabschiedete er sich. „Machen Sie sich keine Sorgen. Sie wird bald wieder auf den Beinen sein.“
Kaum hatte Leona die Tür hinter ihm geschlossen, als sich ihr Handy meldete. Benedikt von Eckernfeld rief an.
Sie berichtete ihm, was Dr. Holl gesagt hatte.
„Ihrer Mutter geht es schon wieder recht gut. Sie schläft jetzt.“
„Gott sei Dank.“ Elisabeths Sohn klang erleichtert. „In zwanzig Minuten bin ich da. Gehen Sie nur schon nach Hause.“
„Wie Sie meinen“, erwiderte Leona. „Einen schönen Abend noch. Ach ja, Ihre Mutter hat die Medikamente für heute schon genommen.“
„Danke, Leona. Bis morgen.“
Die junge Frau lächelte vor sich hin und holte ihre Tasche aus dem Nebenzimmer. Wie sonst auch verließ sie das Haus aber erst, als sie seinen Wagen hörte und Benedikt mit seiner Fernbedienung das Rolltor der Garage öffnete.
Während sie durch den Eingang nach draußen verschwand, betrat er das Haus über den Garagenzugang. Dann begann seine Aufgabe, sich um seine Mutter zu kümmern.
***
Zu Hause wurde Leona schon ungeduldig erwartet und sofort in die Arme geschlossen.
„Grüß dich, Schatz. Du bist aber wieder spät heute! Musst du wirklich jeden Tag Überstunden machen?“
Leona schlang die Arme um Dennis’ Nacken.
„Ich habe dir doch gesagt, dass Frau von Eckernfeld krank ist. Da braucht sie eben besonders viel Fürsorge und Pflege. Meine Gesellschaft ist ihr viel wert. Außerdem bekomme ich alles bezahlt.“
Dennis Gelbach drückte seine Freundin an sich.
„Schon gut“, sagte er in geheimnisvollem Tonfall. „Ich habe etwas vorbereitet. Darum war ich so ungeduldig. Aber jetzt bist du da, und alles ist gut.“
„Wo ist Nina?“
„Bei ihrer Freundin. Sie schläft auch dort. Es ist alles in Ordnung.“ Er seufzte zufrieden. „Darum haben wir den Abend und die Nacht ganz für uns allein.“
Leona hatte also allen Grund, sich zu freuen. Denn Dennis’ Tochter befand sich mit ihren vierzehn Jahren in einem problematischen Alter. Häufig wurde gestritten, denn Nina fand alles uncool und rebellierte bei jeder Gelegenheit.
Auch guten Argumenten war der Teenager zurzeit nicht zugänglich. Sie hielt sich schon für erwachsen und pochte auf ihre angeblichen Rechte. Unter anderem darauf, abends erst spät nach Hause zu kommen. Aber das duldete ihr Vater nicht.
Heute also ein Abend ohne die üblichen Auseinandersetzungen. Leona beschloss, ihn in vollen Zügen zu genießen.
Dennis hatte den Tisch gedeckt, einen Kerzenleuchter in die Mitte gestellt und über ihren Teller eine rote Rose gelegt. Auf einer großen Platte befanden sich allerlei Köstlichkeiten, die er am Nachmittag besorgt hatte. Jetzt erst merkte sie, wie hungrig sie war.
Dennis weidete sich an ihrem überraschten Gesicht.
„Erst dachte ich, wir gehen aus, aber dann fand ich es zu Hause doch gemütlicher.“
„Was ist denn los?“ Sie lächelte verwundert.
„Nimm doch schon mal Platz!“ Dennis verschwand in der Küche und kam mit einer gekühlten Flasche Champagner zurück, die er vorsichtig öffnete. Leona konnte sich immer noch keinen Reim auf ein solches Festmahl machen. „So setz dich doch!“, bat er, während er eingoss. Als auch das erledigt war, hob er sein Glas. „Auf uns!“
„Auf uns, Dennis“, erwiderte Leona.
Sie stießen miteinander an. Schon beim ersten Schluck geriet Leona in Feierlaune. Als dann auch noch romantische Musik erklang, fehlte ihr nichts mehr zum Glück.
„Was darf ich dir auflegen? Eine Scheibe Wildlachs? Oder lieber Forellenmus?“
„Forellenmus“, erwiderte sie, ohne lange zu überlegen.
Dennis erfüllte ihren Wunsch, reichte ihr den Brotkorb mit frischem Baguette und bediente sich dann selbst. Leona genoss es, so verwöhnt zu werden. Sie bedachte Dennis mit einem dankbaren Blick.
Doch erst, als sie nach der Serviette griff, gewahrte sie das flache schmale Kästchen, das darunterlag. Sein Anblick löste einen überraschten Laut bei ihr aus.
„Was ist denn das?“
„Na, was glaubst du wohl? Wie wäre es, wenn du einfach nachschaust?“ In seinen Augen glühten kleine Sterne auf.
Leona griff nach der Schachtel und klappte sie auf. Auf schwarzem Samt lag ein goldener Ring mit einem funkelnden Smaragd.
„Oh, ist der schön!“ Mit den Fingerspitzen fuhr sie über das Schmuckstück, wagte aber nicht, es herauszunehmen.
Er holte tief Luft. „Leona Brunner, kannst du dir vorstellen, die nächsten fünfzig Jahre mit mir zu verbringen? Oder anders ausgedrückt: Willst du meine Frau werden?“ Mit dem Glas in der Hand schaute er sie erwartungsvoll an.
Leona aber fühlte sich wie von einer rauen Welle erfasst. Sie wollte etwas sagen, doch sie brachte kein Wort heraus. Die Luft wurde ihr knapp.
***
Benedikt von Eckernfeld war eigentlich zu müde, um jetzt noch seine Freundin Clarissa zu unterhalten. Am liebsten hätte er irgendwas im Fernsehen angeschaut oder gelesen. Sie aber saß ihm gegenüber in einem der schweren Clubsessel und schaute ihn erwartungsvoll an.
„Wie war dein Tag heute?“
„Anstrengend, wie immer.“
Benedikt arbeitete an der Universität in der medizinischen Forschung, im Augenblick im Team an der Entwicklung neuer Medikamente. Bis jetzt gab es jedoch mehr Rückschläge als Fortschritte, was ihn manchmal an den Rand der Verzweiflung brachte.
„Ich glaube, du hast dringend einen Urlaub nötig“, stellte Clarissa fest.
„Ja, das wäre schön“, meinte er seufzend.
„Warum setzen wir diese Idee denn nicht gleich in die Tat um? Ich lasse mich im Büro von meiner Assistentin vertreten und du …“
„Ausgeschlossen, zurzeit geht das nicht. Außerdem kann ich Mutter nicht allein lassen. Das weißt du doch.“
Kaum wahrnehmbare Falten erschienen auf ihrer Stirn.
„Aber du musst doch mal ausspannen. Oder willst du auf einen Zusammenbruch hinarbeiten? Burn-out als Lebensziel?“
Lächelnd winkte er ab. „So weit ist es noch lange nicht“, erwiderte er.
„Deine Mutter wird allmählich zu einem Problem“, stellte Clarissa fest.
Benedikt zog die Hand, die nach dem Weinglas greifen wollte, wieder zurück.
„Wie meinst du denn das, um Himmels willen?“
„Es war überhaupt nicht böse gemeint“, erklärte Clarissa etwas hastig. „Ich meine nur, dass es nicht gut ist, die alte Dame allein in dem großen Haus zu lassen.“
„Mutter ist nicht allein“, fiel der Mediziner seiner schönen Freundin ins Wort. „Tagsüber wird sie von Leona betreut. Außerdem haben wir eine große Hilfe in Frau Scholze, die sich geradezu vorbildlich um den Haushalt kümmert.“
„Ich würde mir hier ganz verloren vorkommen in dem riesigen Haus.“
„Und was soll, deiner Meinung nach, geschehen?“ Natürlich wusste Benedikt, worauf Clarissa hinauswollte. Sie dachte immer praktisch.
„Du könntest das Haus verkaufen. Ich habe solvente Interessenten. Und für deine Mutter werden wir ein gutes Heim finden, wo sie alles hat, was sie braucht.“
„Du scheinst die unbedeutende Tatsache zu vergessen, dass Mutter immer noch die alleinige Eigentümerin des Hauses ist.“
„Gut, dass du diesen Punkt ansprichst.“ Clarissa nahm noch einen Schluck Rotwein. „Sie sollte dir bald das Haus übertragen, damit es später keine Probleme gibt.“
„Wo sollten die denn liegen?“ Benedikt betrachtete interessiert das funkelnde Rot in seinem Glas. „Ich bin ihr einziger Erbe.“
„Und wenn doch noch jemand auftaucht und Ansprüche anmeldet? Meine Güte, Benedikt, das kommt immer wieder vor. Plötzlich melden sich irgendwelche Verwandten, von denen du keine Ahnung hattest.“
„Darüber mache ich mir keine Sorgen. Mutter war ein Einzelkind. Und so lange es ihr hier gut geht, sehe ich keine Notwendigkeit, etwas zu unternehmen. Sie hat ihr Testament gemacht, das liegt beim Notar, und ich bin der Alleinerbe. Alles Weitere wird sich finden.“
„Wenn sie in einem Heim betreut würde, wäre endlich mal ein ausgedehnter Urlaub möglich“, meinte Clarissa traurig. „Wir sind schon so lange nicht mehr zusammen verreist.“
„Wenn Leona bereit ist, ein paar Nächte hier zu verbringen, könnte dein Wunsch in Erfüllung gehen“, versuchte Elisabeths Sohn die aggressive Atmosphäre zu entspannen. „Dann fahren wir für ein paar Tage weg und …“
„Ein paar Tage sind zu kurz.“ Diesmal fiel Clarissa ihm ins Wort. „Zwei Wochen müssten es schon sein.“
„Ich will sehen, was sich machen lässt“, versprach Benedikt in der Hoffnung, das leidige Thema damit beendet zu haben.
Doch als sie weitersprach, sah er, dass er sich getäuscht hatte.
„Es ist endlich an der Zeit, dass wir beide an uns denken“, sagte sie. „Deine Mutter hat ihr Leben gelebt. Ich möchte, dass unsere Verbindung endlich auch offiziell wird. Ja … und ein Kind möchte ich auch.“
„Ein Kind?“ Er schaute sie verdutzt an. Es war das erste Mal, dass sie sich so äußerte. Jedenfalls konnte er sich nicht erinnern, dass sie jemals positiv über Kinder gesprochen hätte, ganz im Gegenteil: Wenn sie sich von ihnen gestört fühlte, verzog sie das Gesicht.
„Ich bin sechsunddreißig“, erklärte Clarissa nachdrücklich. „Meine biologische Uhr tickt. Das ist eine Tatsache und hat nichts mit Gefühlsduselei zu tun.“
„Hm.“ Benedikt wusste nicht so recht, was er dazu sagen sollte. Insgeheim hatte er immer daran geglaubt, eines Tages eine Familie zu gründen, doch dazu war es nie gekommen. Clarissa als seine Frau und Mutter seiner Kinder? An diese Vorstellung müsste er sich erst gewöhnen.
„Manchmal frage ich mich, ob du mich überhaupt noch liebst.“ Clarissa schluchzte trocken auf.
„Aber das weißt du doch“, versuchte er, sich aus der Affäre zu ziehen. „Was ist denn heute bloß los mit dir? Hast du Ärger gehabt?“
Clarissa Köhler, eine selbstständige Immobilienmaklerin, wischte sich demonstrativ über die Augen.
„Es war ein stressiger Tag, ja. Und darum hatte ich mich so sehr auf ein paar romantische Stunden mit dir gefreut.“
Obwohl ihn der Ausdruck romantisch etwas störte, ging er auf sie ein.
„Aber dann wollen wir beide doch das Gleiche“, stellte er leise lachend fest. „Weißt du was? Jetzt hole ich uns eine Flasche Rotwein aus dem Keller. Ein guter Tropfen wird uns entspannen.“
Clarissa war einverstanden. Wenn sie Benedikt dazu bringen könnte, diese Riesenvilla zu verkaufen und seine Mutter ins Altersheim zu bringen, würde für sie eine stattliche Provision anfallen. Geld, das sie dringend brauchte …
***
„Schön, dass es Frau von Eckernfeld wieder besser geht. Vor zwei Wochen hatten wir noch ein nettes Gespräch, als Frau Brunner sie im Rollstuhl spazieren fuhr. Sie hat mich sogar zum Tee eingeladen, aber ich musste mal wieder unsere Juju zu einer Freundin fahren.“ Julia lachte leise. „Kinder nehmen einen immer in Anspruch.“
Stefan Holl zwinkerte seiner Frau zu. „Warte mal ab, wenn sie alle aus dem Haus sind, dann werden sie uns nämlich fehlen.“
Eine schmale Gestalt erschien in der Tür.
„Ich hab schlecht geträumt“, jammerte Juju leise.
„Na, dann komm mal her, du kleines Nachtgespenst!“ Stefan breitete die Arme aus und drückte seine Jüngste an sich. „Was hast du denn geträumt?“
„Dass ich mich verirrt hab, und ihr wart nicht da.“ An Papas breiter Brust schien sich das zehnjährige Nesthäkchen schnell wieder wohlzufühlen. „Ich wollte schreien, konnte aber nicht. Darum hat mich auch niemand gehört. Und um mich herum war alles so dunkel.“
„Jetzt ist es doch wieder hell, mein Schatz“, tröstete Julia ihre Tochter. „Wie wär’s mit einer warmen Milch? Danach wirst du schlafen können und schöne Träume haben.“
Mit diesem Vorschlag war Juju sofort einverstanden und kuschelte sich noch ein wenig enger an den heiß geliebten Papa. Als die Mutter mit der Milch zurückkam, trank das Kind sie in kleinen Schlucken.
Anschließend gingen Vater und Tochter Hand in Hand ins Kinderzimmer zurück. Denn jetzt musste Juju unbedingt noch eine Geschichte hören. Zwar las sie ihre Kinderbücher längst selbst, aber eine Gelegenheit wie diese ließ sie sich trotzdem nicht entgehen.
***
„Hat es dir die Sprache verschlagen?“ erkundigte sich Dennis mit einem jovialen Lächeln. Er trug ein Shirt mit kurzen Ärmeln, das seinen muskulösen Oberkörper umspannte.
Leona nickte und kicherte leise. Inzwischen hatte sie sich wieder gefangen.
„Ich weiß wirklich nicht, was ich sagen soll, denn mit einem Heiratsantrag habe ich nun wirklich nicht gerechnet.“
„Sag bloß, du hast noch nie an eine weiße Hochzeit gedacht? Das ist doch der Traum aller Frauen.“ Dennis beugte sich zur Seite und legte einen Arm um ihre schmalen Schultern. „Nun probier endlich den Ring an!“
Und als sie immer noch zögerte, schritt er zur Tat, nahm ihn selbst in die Hand und streifte ihn über den passenden Finger. Leicht glitt er über das mittlere Gelenk.
Leona betrachtete das Geschenk. In ihren Augen lag Freude, aber auch eine gewisse Unsicherheit. Sollte sie den Ring annehmen? Bedeutete das nicht, dass sie damit in eine feste Bindung einwilligte?
„Dann wären wir jetzt verlobt“, schloss Dennis gut gelaunt. „Darauf trinken wir jetzt.“
Leona trank ihr Glas in kleinen Schlückchen halb leer. Dabei überlegte sie, wie sie auf diesen unerwarteten Überfall reagieren sollte.
„Hast du auch bedacht, dass wir uns noch nicht so lange kennen?“
„Ein Jahr reicht“, versicherte Dennis siegessicher.
Doch Leona wurde ihre Zweifel so schnell nicht los. Gewiss, sie lebten schon ein ganzes Jahr lang wie eine Familie zusammen, wobei die Probleme mit seiner Tochter Nina manchmal schwer zu ertragen waren, aber an eine Hochzeit hatte sie noch nicht gedacht, jedenfalls nicht so konkret.
Dennis tat einfach so, als hätte sie schon Ja gesagt. Leona beschloss, zunächst nicht darauf einzugehen. Vielleicht setzte er ja mit seinem Antrag etwas in ihr in Bewegung, sodass sie mehr Klarheit bekam und ihre Gefühle sortieren konnte.
Im Grunde gab es für sie keine Einwände gegen die Ehe. Andererseits aber war ihr noch nie in den Sinn gekommen, dass Dennis ihre große Liebe sein könnte. Damals hatte es sich so ergeben, dass er ihr anbot, in seiner Wohnung zu wohnen und dabei auch anteilig die Miete zu übernehmen. Anfangs hatte Leona diese Lösung als eine Art Wohngemeinschaft betrachtet, auch dann noch, als sie sich nähergekommen waren.
Doch nun hatte Dennis andere Akzente gesetzt.
„Die große Frage ist, was deine Tochter dazu sagen wird“, meinte Leona, schon ziemlich beschwipst vom Champagner.
„Keine Ahnung. Sie wird sich mit der Entscheidung ihres Vaters abfinden müssen. Basta. Und wenn sie das nicht tut, muss sie wieder bei ihrer Mutter wohnen.“
„Das wird sie aber nicht wollen“, meinte Leona nachdenklich. „Weil sie genau weiß, dass sie hier mehr Freiheiten hat als bei ihrer Mutter.“
„Dann verbleiben wir eben so: Wir betrachten uns als verlobt. Und wenn wir in drei Monaten immer noch so glücklich sind wie jetzt, dann denken wir intensiv über einen Heiratstermin nach.“
Leona war froh, dass Dennis jetzt nicht enttäuscht oder gar beleidigt reagierte, weil sie nicht sofort mit Freudentränen in den Augen Ja sagte. Vor lauter Erleichterung schaute sie ihm tief in die Augen und küsste ihn innig auf den Mund.
Sie aß noch ein Häppchen mit feiner Leberpastete und ließ sich noch mal einschenken. Schon kurze Zeit später wurde sie wegen des ungewohnten Alkohols müde.
„Sei mir bitte nicht böse, aber ich muss jetzt schlafen“, sagte sie. „Meine Arbeit beginnt morgen früh um acht.“
Als er endlich ins Schlafzimmer kam, schlief Leona schon. Leise legte er sich in sein Bett, um sie nicht aufzuwecken. Aber ein wenig enttäuscht war er schon, denn diese Nacht hatte er sich ganz anders vorgestellt.
***
Dr. Holl begrüßte die neue Patientin und bat sie, bei ihm Platz zu nehmen. Irgendwie kam sie ihm bekannt vor, aber noch wusste er nicht, wo er sie unterbringen sollte.
„Was führt Sie zu mir, Frau Köhler?“, erkundigte er sich nach einem Blick auf den Bildschirm, der ihre Daten enthielt.
„Wir sind uns schon begegnet“, begann Clarissa freundlich. „Ich bin mit Benedikt von Eckernfeld verlobt. Seine Mutter ist Ihre Patientin. Unsere erste Begegnung war auf einer Vernissage. Und dann auch in der Villa.“
„Ach ja, richtig!“ Dr. Holl nickte. Jetzt war er im Bilde.
„Ich werde demnächst öfter im Haus sein, weil ich mich mehr um meine zukünftige Schwiegermutter kümmern möchte“, erklärte Clarissa weiter. „Bisher nahm mich mein Beruf zu sehr in Anspruch. Das soll nun anders werden. Zu unserem Glück fehlt uns jetzt nur noch ein Kind. Darum bin ich hier.“
Dr. Holl spielte mit einem Kugelschreiber.
„Sie sind also schwanger“, stellte er fest.
„Nein, noch nicht.“ Clarissa warf einen nachdenklichen Blick zum Fenster hinaus. „Ich bin sechsunddreißig, Herr Doktor. Habe ich überhaupt noch eine Chance?“
„Aber selbstverständlich. In diesem Alter kommt es zwar nicht so schnell zu einer Schwangerschaft wie mit zwanzig, dennoch sehe ich da kein Problem.“
„Ich möchte gern von Ihnen wissen, wie man alle unvorhergesehenen Katastrophen vermeiden kann. Mein Kind soll gesund und perfekt sein. Von vornherein will ich Krankheiten oder gar Behinderungen vermeiden.“
„Ihr Wunsch ist verständlich, Frau Köhler. Wir können bei fortgeschrittener Schwangerschaft eine Fruchtwasseruntersuchung durchführen. Zu diesem Zeitpunkt kann man erkennen, ob das Kind mit dem Down-Syndrom auf die Welt kommt. Dann darf die Schwangerschaft auf Wunsch der Mutter abgebrochen werden, muss aber nicht.“
„Aber kann man nicht schon im Reagenzglas feststellen, welche Risiken ein Kind hat? Mein Kind soll gesund sein. Ein krankes Kind könnte ich mir bei meinem Beruf gar nicht leisten.“
Dr. Holl lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Ein paar Sekunden lang ruhten seine Augen auf der attraktiven Patientin.
„Die Entscheidung für ein Kind ist immer ein Wagnis. Die allermeisten Krankheiten, mit denen ein Baby geboren wird, sind in keinem Test nachzuweisen. Auch Komplikationen bei der Geburt lassen sich nicht ausschließen. Die Entscheidung für ein Kind ist eine Entscheidung für das Leben.“
Ein leichtes Zucken der Mundwinkel verriet, dass Clarissa mit Dr. Holls kleinem Vortrag nicht ganz einverstanden war, aber sie widersprach nicht.
„Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet, Dr. Holl. Können Sie im Reagenzglas feststellen, ob mein Kind an einer schweren Erbkrankheit leidet?“
„Sind denn solche Fälle in Ihrer Familie bekannt?“
„In meiner nicht. Aber bei Benedikt bin ich mir nicht so sicher. Seine Mutter macht jedenfalls immer öfter einen verwirrten Eindruck.“
„Das habe ich noch nicht feststellen können“, widersprach der Klinikchef. „Und wenn es so wäre, läge keine Erbkrankheit vor. Demenz ist in den meisten Fällen eine Alterserscheinung.“ Er räusperte sich kurz. „Aber natürlich will ich Ihrer Frage nicht ausweichen, Frau Köhler. Als Arzt rate ich Ihnen, entsprechende Tests machen zu lassen, wenn es familiäre Belastungen gibt. Ansonsten sollten Sie versuchen, auf natürlichem Weg schwanger zu werden. Nur wenn das nicht klappt, würde eine In-vitro-Befruchtung Sinn machen.“
Clarissa gab sich keine Mühe, ihre Enttäuschung zu verbergen. Den Verlauf dieses Gesprächs hatte sie sich ganz anders vorgestellt.
„Ich werde mit Benedikt darüber reden“, sagte sie und stand auf. „Einen schönen Tag noch, Herr Doktor.“
Und so entschwand sie. Erst als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, gestattete sich Dr. Holl ein genervtes Kopfschütteln.
***
Als Leona an diesem Freitagmorgen in die Villa fuhr, war der Himmel strahlend blau, aber die Luft noch sehr kalt. Erst gegen Mittag sollte das Thermometer um ein paar Grad in die Höhe klettern. Sie fuhr ihr kleines Auto auf das Grundstück und sah schon beim Aussteigen, dass Elisabeths Sohn heute noch nicht weggefahren war.
Bevor sie die Tür erreichte, wurde sie geöffnet.
„Guten Morgen!“, rief ihr Benedikt entgegen. „Ich habe Sie kommen sehen. Treten Sie ein. Mutter ist wach. Ich habe ihr schon eine Tasse Tee gebracht.“
Leona fiel auf, dass sie seinen Gruß nicht erwidert hatte, und holte dieses Versäumnis sofort nach.
„Guten Morgen, Herr von Eckernfeld. Müssen Sie heute nicht weg?“
„Ich habe mir kurzfristig Urlaub genommen“, teilte der der Hausherr mit. „Mir ist nämlich klar geworden, dass ich mich mal wieder um das Wohlbefinden meiner Mutter kümmern muss. Und um mein eigenes auch und nicht nur um die Forschung. Wollen wir zusammen frühstücken?“
Leona war so verblüfft über dieses Angebot, dass sie sekundenlang sprachlos blieb.
„Erst versorgen wir meine Mutter und dann uns selbst“, fuhr Benedikt wie selbstverständlich fort. „Was halten Sie davon? Ich habe schon einen kleinen Rundlauf gemacht und frische Semmeln mitgebracht.“
„Einverstanden.“ Leona hängte ihre Jacke an die Garderobe und ging in die Küche, um sich um Elisabeths Frühstück zu kümmern.
Die alte Dame aß jeden Morgen das Gleiche: Haferflockenbrei mit Banane und Vanille. Dazu ein Glas Orangensaft und eine Tasse Kräutertee. Leona stellte alles auf ein Tablett und ging damit in Elisabeths Zimmer.
Dr. Holls Patientin sah heute schon wieder viel frischer aus als gestern, was bedeutete, dass sie sich tatsächlich auf dem Weg der Heilung befand. Leona freute sich.
„Ich glaube, Sie haben gut geschlafen, Frau von Eckernfeld.“
„Ja, das habe ich. Ich fühle mich schon fast wieder gesund. Ich möchte aufstehen.“
„Das muss Dr. Holl entscheiden“, erklärte Leona.
„Er wird es mir sicher bald erlauben, denn jeder weiß doch, dass es für alte Leutchen wie mich nicht gut ist, zu lange zu liegen. Und um eins wollte ich Sie noch bitten, Leona. Sagen Sie doch bitte endlich Elisabeth zu mir.“
Die junge Frau errötete sanft. „Wenn es Ihnen lieber ist, will ich es gern tun.“
„Ich habe es Ihnen schon oft gesagt. Eine Anrede ohne Formalitäten erleichtert doch nur unseren Umgang miteinander.“ Sie streckte ihre Hand aus.
„Ja, vielleicht haben Sie recht … Elisabeth“, fügte Leona dann mit einem kleinen Lächeln hinzu und ergriff behutsam die dargereichte Hand.
„Auf gute Freundschaft, meine Liebe. Sie sind die beste und angenehmste Gesellschafterin, die ich je hatte. Mit Ihnen fühle ich mich wohl. Und ich hoffe, dass Sie bei mir bleiben bis zu dem Tag, an dem ich von dieser Welt gehen muss.“
„Daran sollten Sie nicht denken“, widersprach Leona energisch. „Bald sind Sie wieder ganz gesund. Dann nehmen wir wieder unsere Spaziergänge mit dem Rollstuhl auf. Darauf freue ich mich schon.“
„Ich mich auch“, pflichtete Elisabeth ihrer Betreuerin bei. „Mir wäre es sogar am liebsten, wenn Sie ganz hier wohnen würden. Das Haus ist so groß. Viele Zimmer werden nicht mehr genutzt. Sie könnten sich ganz nach Belieben einrichten.“
„Das ist sehr nett von Ihnen, Elisabeth. Aber ich lebe mit meinem Freund zusammen …“ Sie hielt kurz inne.
Hätte Sie nicht sagen müssen mit meinem Verlobten ? Doch dann fand sie, dass diese Unterscheidung so wichtig nun auch wieder nicht da und korrigierte sich nicht.
„Das Frühstück ist fertig!“, rief Benedikt von Eckernfeld aus der Küche.
„Gehen Sie nur!“, forderte Elisabeth die junge Frau mit einem wohlwollenden Lächeln auf. „Ich werde in der Zwischenzeit ein wenig lesen.“
***
Dennis Gelbach besaß einen Computerladen, in dem er alles verkaufte, was für die moderne Informationstechnik nötig war.
Sein Verdienst schwankte zwar von Monat zu Monat, aber er kam ganz gut über die Runden. Am meisten verdiente er, wenn eine Firma ihn mit der Einrichtung eines betriebsinternen Netzwerkes beauftragte.
In den letzten beiden Wochen hatte er so viel zu tun gehabt, dass er eigentlich eine Sekretärin als Mitarbeiterin benötigte, wenigstens halbtags. Aber die Ausgaben dafür erschienen ihm zum jetzigen Zeitpunkt noch zu hoch. Ihm wäre es am liebsten, wenn Leona in der Villa kündigen und hier mit ihm zusammenarbeiten würde. Dann konnten sie sich darauf konzentrieren, an einer gemeinsamen Existenz weiterzubauen.
Warum verschwendete sie ihre Zeit für andere Leute? Er hatte schon mehrfach versucht, sie von seiner Idee zu überzeugen, doch sie wandte immer wieder ein, dass ihr der Job bei dieser Adeligen gut gefiel. Eine Einstellung, die Dennis nicht verstand.
Wieso glaubte Leona, dass eine Tätigkeit bei solchen Leuten sinnvoll sein konnte? Dort betrachtete man sie doch nur als Bedienstete.
Das Telefon klingelte. Er verdrehte die Augen, als er sah, wer dran war. Ninas Mutter und seine Exfrau. Ein Gespräch mit ihr brachte meistens nichts Gutes. Darum hätte er es am liebsten vermieden. Bestimmt ging es wieder um die gemeinsame Tochter.
„Grüß dich“, drang es kühl an sein Ohr.
„Hallo, Babsi! Was kann ich für dich tun?“ Er ließ ein bisschen Spott durchklingen.
„Du solltest eher etwas für deine Tochter tun!“, fuhr sie ihn an. „Sie war vorhin hier und hat sich bei mir ausgeweint. Bei euch scheint ja ein schönes Klima zu herrschen.“
„Nina steckt in einer schwierigen Phase. Das weißt du ebenso wie ich. Aber bitte, wenn du meinst, dass du besser mit ihr klarkommst, dann kümmere du dich doch um sie.“
„Das geht nicht. Unsere Wohnung ist zu klein. Wir haben kein Zimmer für sie. Und ein Umzug ist im Augenblick nicht drin.“
„Was verlangst du also von mir?“
„Dass du dich etwas mehr um das Kind kümmerst und nicht so viel um deine Freundin …“
„Wir sind verlobt“, fiel er Babsi korrigierend ins Wort. „Und wir werden bald heiraten. Ich hoffe, das stört dich nicht.“
„Meinetwegen kannst du tun und lassen, was du willst. Es geht mir nur um Nina.“
„Merkwürdig, dass du dann über so lange Strecken nichts von dir hören lässt“, warf Dennis ihr vor. „Sogar das letzte Besuchswochenende hast du ausfallen lassen.“
„Ja, weil Johannes krank war. Ich musste ihn pflegen und hätte keine Zeit für Nina gehabt.“
Jetzt klingelte die Ladentür.
„Hör zu, ich hab Kundschaft und kann jetzt nicht länger mit dir reden.“ Verärgert legte er das Telefon zurück und fragte sich, was der tiefe Grund für Babsis Anruf gewesen sein könnte. Er fand keinen.
Umso mehr ärgerte er sich über ihr Gemecker. Sie wohnte draußen in Grünwald mit ihrem Lebensgefährten. Wenn nichts dazwischenkam, fuhr Nina jedes zweite Wochenende zu den beiden hinaus. Aber oft kam etwas dazwischen. Und darum hatte Dennis den heimlichen Verdacht, dass Nina ihrer Mutter nur lästig war.
In dem winzigen Verkaufsraum stand Hanna, Ninas Freundin.
„Hi“, sagte sie. „Ist Nina da?“
„Hier?“ Dennis schüttelte den Kopf. „Wie kommst du denn darauf?“
„Ich hab schon versucht, sie anzurufen, aber sie meldet sich nicht. Vielleicht ist auch nur ihr Handy-Akku leer.“
„Wieso weißt du denn nicht, wo sie ist? Vorgestern war sie doch die ganze Nacht bei euch.“
„Bei uns?“ Hanna klappte überrascht den Mund auf und wieder zu. Dann schoss ihr die Röte ins Gesicht. „Ja, klar, stimmt …“
Dennis betrachtete das Mädchen mit wachsendem Misstrauen.
„Stimmt das wirklich? Oder soll ich bei deinen Eltern nachfragen?“
„Nein, das ist wirklich nicht nötig“, kam postwendend die hastige Antwort. „Sie war schon bei uns, sicher.“
„Hm.“ Er drang nicht weiter in sie, obwohl er ihr kein Wort glaubte. Die Kleine log. Nur war sie im Lügen noch nichts so perfekt wie Nina, die er sich mal gründlich vorknöpfen würde.
Wo hatte sie bloß die Nacht verbracht? Für ihre vierzehn Jahre nahm sie sich aber schon ziemlich viel heraus. Das musste er verhindern, die Frage war nur, wie.
***
Leona war angenehm berührt von Benedikts Gesellschaft. Sie fand Elisabeths Sohn sympathisch, humorvoll und klug.
„Seltsam, dass wir erst jetzt dazu kommen, ein wenig miteinander zu plaudern“, stellte ihr Gegenüber in diesem Moment fest, geradeso, als hätte er ihre Gedanken erraten.
Benedikts Gesicht war kantig, die Brauen schwungvoll und die darunter liegenden Augen von einem samtweichen Grau. Sein charmantes Lächeln drang wie ein Sonnenstrahl in Leonas Herz und lenkte sie für eine Weile von den Grübeleien ab, die sie immer wieder befielen, wenn sie an ihr Leben mit Dennis und Nina dachte.
War es wirklich richtig – und vor allem notwendig –, Dennis zu heiraten? Sie kamen doch einigermaßen gut zurecht. Warum also etwas an der jetzigen Situation ändern? So eine Ehe bedeutete ja nicht nur Flitterwochen, sondern auch eine große Verpflichtung.
„Warum sind Sie so nachdenklich, Leona?“
Sie setzte gerade zu einer Antwort an, als es klingelte.
„Das wird Dr. Holl sein“, sagte sie und stand auf. „Er wollte vorbeikommen, bevor er in die Klinik fährt.“
Doch dann stand Clarissa in der Tür. Sie schenkte Leona nur einen flüchtigen Blick und ging ohne einen Gruß an ihr vorbei.
Benedikt hatte sie kommen gehört und stand sofort auf.
„Guten Morgen“, sagte er mit etwas erzwungener Freundlichkeit, doch darüber ging Clarissa hinweg. Sie schlang ihm die Arme um den Hals und küsste ihn zärtlich.
„Hm, hier riecht es nach Kaffee. Ist noch welcher da?“
Leona war richtig froh, als es wieder klingelte. Diesmal war es wirklich Stefan Holl, der seinen Hausbesuch erledigen wollte, bevor er in die Klinik fuhr.
Nachdem er Blutdruck und Puls gemessen und Elisabeths Rachen gründlich inspiziert hatte, gab er endlich grünes Licht.
„Sie dürfen aufstehen, aber muten Sie sich noch nicht gleich zu viel zu. Die ersten Tage lassen Sie sich von Leona schieben. Die frische Luft wird Ihnen guttun. Doch ziehen Sie sich warm an. Zurzeit weht ein ziemlich scharfer Ostwind.“
„Ich werde Ihre Ratschläge beherzigen“, versprach Elisabeth. „Danke, dass Sie so oft gekommen sind. Ich weiß ja, dass Sie hier keine Praxis haben und darum …“
Dr. Holl winkte ab. „Das ist schon in Ordnung so. Wir haben doch immer in guter Nachbarschaft gelebt. Und das soll auch so bleiben.“
Leona brachte den Arzt zur Tür.
„Sie können mich jederzeit rufen, wenn was ist“, sagte Dr. Holl. „Wenn ich Frau von Eckernfeld im häuslichen Bereich behandeln kann, mache ich das gern. Bei größeren Problemen ist natürlich die Klinik zuständig.“
Jetzt gesellte sich auch noch Benedikt zu ihnen. Leona verabschiedete sich von Dr. Holl. Die beiden Männer traten hinaus ins Freie. Benedikt begleitete seinen Nachbarn noch bis zur Einfahrt.
„Frau Scholze!“, drang da Clarissas schneidende Stimme aus dem großen Wohnraum. Sie hatte sich wohlweislich zurückgehalten, obwohl sie den Arzt durch das Fenster gesehen hatte. Aber jetzt wollte sie eine Begegnung mit ihm vermeiden.
„Frau Scholze hat eine Woche Urlaub“, sagte Leona.
Clarissa lächelte überheblich. „Dann machen Sie eben die große Scheibe sauber. Das ist doch keine Affäre. Haben Sie denn nicht gesehen, wie schmutzig sie ist?“
„Die Hinterlassenschaft eines Vogels“, stellte Leona nach kurzer Inspektion fest. „Ich werde mich später darum kümmern.“
„Aber es stört mich jetzt!“, beharrte Benedikts Freundin auf ihrem Willen.
„Tut mir leid, aber meine vordringlichste Aufgabe ist es, mich um Elisabeth zu kümmern. Sie wartet schon auf mich. Wir machen jetzt eine erste Ausfahrt.“
Clarissa lief rot an vor lauter Ärger, beherrschte sich aber, weil gerade Benedikt zurückkam.
„Was gibt’s?“ Er schaute sie fragend an.
Eigentlich war ihm ihr Besuch nicht recht, denn damit kam nur Unruhe ins Haus. Und er wünschte sich doch genau das Gegenteil. Einmal nichts sehen und hören von Versuchsreihen und ausgewerteten Testergebnissen, einfach nur mal in den Garten schauen, vielleicht ein Buch lesen und am Nachmittag gemütlich eine Tasse Tee trinken.
„Hattest du heute nicht den ganzen Tag Termine?“
„Ich wollte dich trotzdem sehen“, sagte sie. „Die Termine habe ich alle auf den Nachmittag gelegt.“
„Was war denn los? Dein Gespräch mit Leona hörte sich nach Streit an.“
„Eine ziemlich unverschämte Person. Wieso braucht deine Mutter überhaupt so was wie eine Gesellschafterin?“ Clarissa schüttelte unwillig den Kopf.
„Bitte, Clarissa, lassen wir das. Darüber entscheidet Mutter allein. Sie ist hier die Hausherrin. Sie bestimmt, wen sie um sich haben möchte.“
„Entschuldige, ich wollte dir natürlich nicht dreinreden. Aber ich mache mir eben auch so meine Gedanken. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass ich mich etwas mehr um sie kümmere. Dann brauchte Frau Brunner nicht mehr so oft zu kommen.“
„Du willst das übernehmen?“ Benedikt konnte seine Verwunderung kaum verbergen. „Aber du hast doch dein Immobilienbüro! Was soll denn daraus werden?“
„Ich muss in meinem Beruf viel telefonieren. Und das kann ich doch auch von hier aus.“
„Darüber reden wir noch“, erwiderte Benedikt. Er wollte jetzt keine Entscheidung treffen. Und schon gar nicht eine, die seine Mutter betraf.
Doch Clarissa fuhr in ihren Überlegungen fort.
„Zuvor sollte ich deine Mutter etwas besser kennenlernen. Was hältst du davon?“
In diesem Moment klingelte Clarissas Handy. Sie meldete sich und ging dann durch die Gartentür hinaus. Das Gespräch dauerte ziemlich lange und schien sie sehr aufzuregen.
Mit hektischen Flecken im Gesicht kam sie schließlich wieder herein.
„Ärger?“, fragte er.
Schnell fing sie sich wieder.
„Halb so schlimm“, sagte sie. „Aber jetzt muss ich leider kurz weg. Sehen wir uns am Nachmittag?“
„Ich habe noch etwas zu erledigen“, wich Benedikt aus. War es wirklich vermessen von ihm, sich ein paar Urlaubstage voller Ruhe zu wünschen? Zusammen mit Clarissa schien das ja wohl nicht möglich zu sein. „Wir telefonieren dann noch.“
„Einverstanden, Liebster.“ Wieder bekam er zwei zärtliche Küsse und wunderte sich darüber, dass sie so wenig bei ihm auslösten. Das war früher einmal anders gewesen. Aber früher war seinem Gefühl nach auch schon ziemlich lange her.
***
An diesem Montagmorgen traf Dr. Stefan Holl pünktlich zur ersten Besprechung in der Berling-Klinik ein. Er informierte sich über erfolgreiche und nicht erfolgreiche Therapien, besprach mit den Mitarbeitern die Eingriffe der kommenden Woche und wurde dann noch von Kinderärztin Dr. Renate Sanders um ein paar Minuten gebeten.
Sie begleitet ihn in sein Büro. Auf Dr. Holls einladende Geste hin nahm sie Platz.
„Es geht um eine Patientin, die seit ein paar Tagen bei uns ist, Veronika Baumann, ein junges Mädchen von sechzehn Jahren. Wir müssen sie künstlich ernähren, weil sie magersüchtig ist. Sie besteht nur noch aus Haut und Knochen, ist völlig dehydriert. Und ich weiß immer noch nicht, ob wir sie durchbringen.“
„Anorexia nervosa“, sagte Dr. Holl. „Eine schwere und sehr ernst zu nehmende Erkrankung.“
„Ich habe mit den Eltern gesprochen, die schon alles versucht haben, um ihrer Tochter zu helfen mit ärztlicher Behandlung und Psychotherapie, doch es hat nichts gebracht. Nach Aussage der Eltern hat das Mädchen ein Internetforum gefunden, in dem sich viele Magersüchtige treffen und sich gegenseitig darin bestärken, auf keinen Fall irgendwelche Nahrung zu sich zu nehmen oder auch nur Wasser zu trinken. Ist das nicht furchtbar?“
„Allerdings“, pflichtete Dr. Holl seiner Kollegin bei.
„Dort wird sogar behauptet, dass Magersucht schick ist. Und viele Jugendliche glauben diese Durchhalteparolen, ohne zu wissen, wie gefährlich die Krankheit ist, dass man sich für sein ganzes Leben schwere Körperschäden einhandelt und daran sterben kann.“
„Ich werde mir die Patientin anschauen. Jetzt gleich.“
Gemeinsam gingen Dr. Sanders und Dr. Holl zur Inneren Station. Als der Klinikchef die Sechzehnjährige sah, verkrampfte sich sein Herz, und große Zweifel stellten sich ein, ob ihr noch zu helfen war. Die junge Frau war nicht ansprechbar.
„Dreiunddreißig Kilo bei einer Größe von eins achtundsechzig“, murmelte Renate. „Körperliche Auszehrung, Kreislaufinsuffizienz und Ausbleiben der Monatsblutung. Und das schon seit zwei Jahren.“
„Was haben Sie angeordnet?“
„Sonderernährung und Psychopharmaka. Sie aufzufüttern, ist ein langer Prozess. Und leider ist die Rückfallquote extrem hoch.“
Die Patientin öffnete die Augen, die jetzt unruhig hin und her irrten. Dr. Holl versuchte, sie anzusprechen, doch es kam keine Antwort.
„Vielleicht kann ich in einer Woche schon eine positivere Nachricht geben“, sagte Dr. Sanders im Hinausgehen, doch sehr optimistisch klang sie dabei nicht.
Den ganzen Tag kehrten Stefan Holls Gedanken immer wieder zu der magersüchtigen Patientin zurück. In vielen Fällen wurde die Krankheit chronisch, was bedeutete, dass die Frauen ihr Leben lang am Abgrund entlangwanderten. Nur bei leichteren Fällen konnte es eine Besserung geben.
Später sprach er mit seiner Frau über den Fall. Julia Holl, selbst Kinderärztin, die ihren Beruf aus familiären Gründen aufgegeben hatte, interessierte sich auch sehr für dieses Thema, das nichts von seiner Brisanz verloren hatte.
Zum Glück waren ihre beiden Töchter nie auch nur in die Nähe einer solchen Erkrankung gekommen, wofür sie sehr dankbar war.
„Zu bemitleiden sind auch die Eltern“, sagte sie nachdenklich.
„Die meisten machen sich Vorwürfe, nicht aufmerksam genug gewesen zu sein. Dabei gelingt es den Mädchen meistens lange, ihr Problem zu verbergen. Sie tragen weite Pullis, damit man die mageren Arme nicht sieht. Manche der Betroffenen tragen mehrere Kleidungsstücke übereinander, um sich so aufzupolstern. So nimmt das Drama zunächst unbeachtet seinen Lauf. Die Mädchen behaupten, nicht hungrig zu sein oder schon bei der Freundin gegessen zu haben. Es gibt so viele Ausreden.“
So nach und nach trafen die vier Kinder der Holls ein. Aus der Küche drangen angenehme Gerüche. Bald war Zeit zum Abendessen. Und es sah ganz so aus, als wäre heute die ganze Familie beisammen.
Juju, die von einer befreundeten Mutter heimgebracht wurde, rief: „Ich hab einen Mordshunger.“
Chris, das fünfzehnjährige „Sandwichkind“, steckte kurz den Kopf herein und teilte mit: „Ich geh nur noch schnell duschen.“
Dann spazierte die zwanzigjährige Daniela herein, Zwillingsschwester von Marc, und stöhnte: „Ich hatte heute keine Zeit, in der Mensa zu essen. Marc auch nicht. Wann gibt’s denn endlich was?“
„Wir zwei fangen schon mal mit Tischdecken an“, schlug Stefan seiner hübschen Tochter vor. „Was hältst du davon?“
Julia schaute den beiden schmunzelnd zu. Wenn die Familie komplett versammelt war, so wie jetzt, und jeder beim Essen seine Meinung kundtat, dann genoss Julia Holl das wohltuende Gefühl der Zusammengehörigkeit, das sie hoffentlich auch weiterhin in ihrem Leben begleiten würde.
***
Clarissa wurde immer nervöser. Jenem Anruf neulich waren noch etliche gefolgt, und nach jedem war ihre Laune noch schlechter geworden. Allmählich musste sie sich wohl damit abfinden, von ihrem Geld, das sie in einen Immobilienfonds gesteckt hatte, überhaupt nichts mehr wiederzusehen. Dabei hatte sie sich einen hohen Gewinn erhofft.
Der Strudel in den Abgrund schien sich immer schneller zu drehen. Wenn das so weiterging, würde sie ihre Penthouse-Wohnung nicht mehr halten können, weil die Tilgungsraten für den Kredit viel zu hoch waren. Hinzu kam, dass ihre Vermittlung von Wohn- und Geschäftsobjekten längst nicht mehr so gut lief wie vor ein paar Jahren, sodass auch ihre Einkünfte wegen fehlender Provisionen immer niedriger wurden.
Es wurde nun endlich an der Zeit, sich auf ihre Beziehung mit Benedikt zu konzentrieren. Die große Villa, die er eines Tages erben würde, und das Riesengrundstück drumherum waren in dieser Gegend mindestens zwei Millionen wert. Die Hälfte davon würde ihr schon aus der Klemme helfen, in die sie hineingeraten war.
Also schmiedete sie einen Plan, wie sie am schnellsten ihr Ziel erreichte. Eine vorgetäuschte Schwangerschaft vielleicht, sofortige Heirat … und dann eine Fehlgeburt. Oder doch lieber die Strapazen einer In-vitro-Befruchtung in Kauf nehmen?
Clarissa war sich noch nicht schlüssig, welches der bessere Weg wäre. Was eine spontane Schwangerschaft anbelangte, so hegte sie große Zweifel, ob das bei ihr klappen würde.
In jungen Jahren hatte sie zwei Abtreibungen in dubiosen Praxen im Ausland durchführen lassen. Bei der letzten war ihr mitgeteilt worden, dass sie womöglich keine Kinder auf natürlichem Wege mehr bekommen könnte. Tatsächlich hatte sich dann, obwohl sie nicht verhütete, keine Schwangerschaft mehr eingestellt, was ihr ganz recht gewesen war. Doch nun sah sie die Dinge anders.
Jetzt wollte sie mit aller Macht Benedikts Frau werden. Denn allein diese Position eröffnete ihr den Weg zu seinem Vermögen. Es steckte so viel Geld in diesem Anwesen, das in ihren Augen nur totes Kapital war. Nach einem Verkauf wäre es dann ein Leichtes, ihre Schulden zu begleichen und auch die Hypothek für die Penthouse-Wohnung abzulösen.
Noch wollte sie Triumphgefühle nicht zulassen, aber sie war sich ganz sicher, dass Benedikt seiner schwangeren Frau keinen Wunsch abschlagen würde. Nun galt es, gute Vorbereitungen zu treffen.
Am gleichen Nachmittag schlug Clarissa ihrem Freund einen Spaziergang vor. Dass Benedikt mit seinen Gedanken ganz woanders war, fiel ihr erst auf, als er ihre Frage nach dem Befinden seiner Mutter nur einsilbig beantwortete.
Sie gab ihm einen liebevollen Stups. „Hallo, was ist los mit dir?“
„Entschuldige. Ich war in Gedanken mal wieder im Labor. Und das, obwohl ich doch eigentlich ausspannen sollte.“
„Hast du noch mal über meinen Vorschlag nachgedacht, dass ich mich ein wenig mehr um deine Mutter kümmern könnte.“
Er zögerte mit einer Erwiderung.
„Eines Tages wird sie meine Schwiegermutter sein. Und darum wäre es gut, wenn wir uns näherkommen würden.“
Benedikt schluckte. Ja, es stimmte, sie hatten sogar schon einmal spielerisch übers Heiraten gesprochen, aber das war lange her. Und jetzt zwang sie ihn, erneut darüber nachzudenken. Sie waren beide Mitte dreißig. Eine Familie hatte er sich immer gewünscht, aber die richtige Frau musste an ihm vorbeigelaufen sein, ohne dass er es bemerkt hätte. War nun Clarissa diejenige, mit der er sein Leben verbringen wollte? Er wusste es nicht. Manchmal konnte er sich das vorstellen, dann wieder kam es ihm völlig abwegig vor.
Was, wenn er sich einfach darauf einließe, ohne länger darüber nachzudenken?
Am Himmel zogen dunkle Wolken auf. Clarissa mahnte zur Umkehr.
„Wir sollten einen Schritt zulegen, wenn wir nicht nass werden wollen“, sagte sie und zog ihn fort.
Schon bald fielen die ersten schweren Tropfen. Die beiden fingen an zu laufen. Wenig später kamen sie ziemlich außer Atem vor der großen Eingangstür an. Clarissa fiel ihm lachend um den Hals. Benedikt schloss auf und schob seine Freundin ins Haus.
Sekunden später prasselte der Regen gegen die Scheiben und leitete ein Inferno ein, bei dem sogar ein alter Baum im Garten umgerissen wurde.
***
Seit ein paar Tagen beobachtete Leona Dennis’ Tochter, wann immer sich die Gelegenheit dazu bot. Einmal erhaschte sie sogar durch einen Spalt in der Badezimmertür einen Blick auf das Mädchen – und erschrak.
Nina sah furchtbar aus. Die beiden Schultergelenke ragten knochig aus der Haut. Auf dem Rücken war jede Rippe deutlich sichtbar. Leona rang mit sich, ob sie sofort mit Nina reden sollte, beschloss dann aber, Dennis ihre Beobachtung mitzuteilen. Sie wusste, hier musste etwas geschehen. Nina war auf keinem guten Weg.
Dieser Gedanke ließ Leona nicht mehr los. Und unterwegs in die Villa beschloss sie, Dr. Holl zurate zu ziehen. Diese Angelegenheit war ihr zu wichtig, um sie auf die lange Bank zu schieben. Als sie an diesem Morgen in der Villa ankam, traf sie wieder mit Benedikt zusammen.
„Schön, Sie zu sehen“, sagte er mit weicher Stimme. „Frühstücken Sie mit mir?“
„Erst möchte ich mich um Ihre Mutter kümmern. Danach vielleicht.“
„Es würde mich freuen. Und ich hätte auch einiges mit Ihnen zu besprechen.“
Mit ihrem Lächeln signalisierte sie ihm Zustimmung. Benedikt sah ihr nach und fragte sich verwundert, warum sein Herz plötzlich so unkontrolliert schlug.
Er ging in den großen Wohnraum und ließ sich auf die Couch fallen. In seiner Fantasie entstanden plötzlich aufregende Bilder. Er sah, wie er Leonas Haar löste, Klammern und Kämmchen herauszog und die honigblonde Pracht liebevoll auf ihren schmalen Schultern drapierte.
Ja, so würde er sie gern sehen, sie an sich ziehen, sich zu himmlischen Klängen mit ihr im Kreis drehen, ihr Komplimente ins Ohr flüstern, ihr sagen, dass er sie …
Ein spöttischer Laut kam über seine Lippen und beendete die Reise in eine Traumwelt. Du benimmst dich doch wie ein Pennäler, der zum ersten Mal verliebt ist , analysierte er sich kühl und schonungslos.
Verliebt!
Was für eine unpassende Bezeichnung für seine Gefühle! Er war doch nicht verliebt. Völlig ausgeschlossen! Eigentlich sogar ausgesprochen lächerlich.
Er schaute verwirrt in den Garten. Der umgeknickte Baum streckte anklagend seine Wurzeln in die Höhe. Für morgen hatte Benedikt einen Trupp Arbeiter bestellt, die den mächtigen Stamm zersägen und Brennholz daraus machen sollten.
„Da bin ich!“
Er sprang auf. Seine Augen umfassten die Frau, von der er gerade noch geträumt hatte.
„Leona!“ Es klang ungläubig, verunsichert, aber auch freudig. Ein glühender Funke berührte sein Herz und löste ein heftiges Feuer aus. Es war ein ganz wunderbares Gefühl. Wie lange war es her, seit er so empfunden hatte? Zehn Jahre? Oder fünfzehn?
„Was ist los mit Ihnen?“, erkundigte sich Leona mit schief gelegtem Kopf. „Soll ich den Kaffee aufzubrühen?“
Er nickte stumm und begleitete sie in die Küche. Während sie den Automaten bediente, steckte er Weißbrotscheiben in den Toaster, stellte Marmelade, Butter, Käse und Früchte auf den Tisch und gab sich dann beim Frühstück charmant und zuvorkommend, wobei er den netten Gastgeber ganz besonders gut spielte. Dahinter ließ sich sein wahrer Zustand gut verstecken.
Leona aber genoss die Plauderei mit dem Hausherrn. Es war überhaupt das erste Mal, dass sie Zeit miteinander verbrachten. Bisher hatten sie sich fast nur am Telefon ausgetauscht, Hauptthema war natürlich immer das Wohlbefinden der Mutter gewesen.
Jetzt aber erfuhr er zu seiner großen Zufriedenheit, dass Leona Brunner eine ausgebildete Pflegefachkraft war und einige Jahre in der Berling-Klinik gearbeitet hatte.
„Warum haben Sie das nicht gleich gesagt? Eine perfektere Betreuung für Mutter lässt sich ja kaum denken.“
„Elisabeths Wohl liegt mir wirklich sehr am Herzen. Ich bin gern mit ihr zusammen. Sie ist eine wunderbare Frau. Und wenn es ein Problem gibt, das meine Fähigkeiten übersteigt, dann ist Dr. Holl gleich zur Stelle. Er ist ein kompetenter Arzt. Der Ruf seiner Klinik geht weit über die Landesgrenzen hinaus.“
Während Benedikt noch einen Toast mit Butter bestrich, betrachtete Leona ihn verstohlen. Sein dunkles Haar war kräftig gewellt und gab ihm ein Flair von Verwegenheit. Das kantige Gesicht und das kräftige Kinn ließen auf einen Abenteurer schließen. Aber war man das nicht auch, wenn man wie er in der medizinischen Forschung zum Wohle der Menschheit arbeitete?
Leona erschrak, als Benedikt aufschaute und sich ihre Blicke trafen. Sie wusste hinterher nicht mehr, wie lange dieser Moment gedauert hatte, aber es war geschehen.
Etwas in ihr wurde zum Leben erweckt, doch sie wollte in ihrer jetzigen Lebenssituation nichts Störendes. Ihr Alltag mit Dennis und Nina war schon kompliziert genug. Zusätzliche Verwirrung konnte sie jetzt absolut nicht gebrauchen.
Etwas hastig erhob sie sich. „Ich muss jetzt wieder nach Ihrer Mutter sehen“, erklärte sie mit abgewandtem Gesicht und begann, den Tisch abzuräumen.
„Lassen Sie nur, Leona.“ Er genoss es, ihren Namen auszusprechen. „Das mache ich schon.“
Doch in diesem Moment ging die Klingel, die in Parterre angebracht worden war, damit sich Elisabeth jederzeit melden konnte. Fast erleichtert ging Leona zum Zimmer der alten Damen.
***
Clarissa Köhler warf mit einem wütenden Aufschrei ihren Kugelschreiber durchs Zimmer. Wie sie auch rechnete – sie kam aus ihren roten Zahlen nicht mehr heraus. Die Schlinge um ihren Hals zog sich unweigerlich immer mehr zusammen.
Auch ein Teil von Benedikts Geld steckte in den Verlusten, doch er ging immer noch davon aus, es gut angelegt zu haben.
Also traf sie den spontanen Entschluss, die luxuriöse Penthouse-Wohnung zu verkaufen, wenn es sein musste, auch mit Verlust. Mit dem Erlös konnte sie wenigstens die Hypothek abdecken, die auf der Immobilie lag. Der Verlust durch die riskanten Investitionen aber wurde damit nicht aufgefangen. Dieses Geld würde sie nicht mehr wiedersehen. Und Benedikt würde es genau so gehen.
Je länger sie darüber nachdachte, desto besser gefiel ihr, was sie sich letzte Nacht ausgedacht hatte.
Jetzt würde sie erst einmal in die Villa ziehen. Dort war sie näher am Geschehen und konnte selbst eingreifen, um das zu erreichen, was sie wollte: mit Benedikt Hochzeit zu feiern, das Anwesen mit dem großen Grundstück verkaufen und seine Mutter in ein Seniorenheim abschieben. Dort würde sie – hoffentlich bald – ihren Lebensabend beschließen. Das wäre für alle die optimale Regelung.
Und dann geschah tatsächlich das Wunder, mit dem sie nicht gerechnet hatte. Auf Anhieb konnte sie innerhalb weniger Tage die Wohnung verkaufen. Ein Industrieller aus Hamburg hatte sich unbedingt einen Wohnsitz in München in den Kopf gesetzt, wahrscheinlich als heimliches Liebesnest. Und er übernahm sogar die meisten Möbel.
Clarissa zögerte keine Sekunde. Wenn das kein Glücksfall war! Der Vertrag wurde beim Notar unterzeichnet. Nun musste sie nur noch handeln.
Vorerst sagte sie Benedikt nichts von dem Blitzverkauf, denn sie wollte ihm keine Gelegenheit geben, nach Alternativen zu suchen. Es musste die große Überraschung für ihn sein, um nicht zu sagen die ultimative Überrumpelung. Sie war unmittelbar vor dem Ziel, und er brauchte ihre Entscheidung nur noch abzunicken.
Als dann am Samstagmorgen ein kleiner Möbelwagen in der Auffahrt stand, verschlug es Benedikt zunächst die Sprache.
„Da staunst du, was?“ Lachend flog Clarissa ihm um den Hals. „Du wolltest doch immer, dass wir zusammenziehen. Heute geht dein Wunsch in Erfüllung.“
„Das soll ich gesagt haben?“ Etwas ruckartig schob er sie von sich.
Doch Clarissa ließ sich nicht zurückweisen. Erneut schlang sie die Arme um seinen Hals und drückte ihm kleine Küsse aufs Gesicht.
„Wir beide gehören doch zusammen“, flüsterte sie ihm ins Ohr, während der Fahrer des Wagens die beiden großen Türen aufklappte und die Ladefläche nach oben in Gang setzte. „Freust du dich? Ich bin es schon lange leid, dass wir immer noch getrennt leben. Ich möchte bei dir sein, Tag und Nacht.“
„Aber Mutter …“
„Sie wird doch nichts dagegen haben, dass deine Verlobte jetzt bei dir wohnt. Im Gegenteil. Sie wird es begrüßen. Ich weiß es. Denn ich muss dir noch etwas sagen, mein Liebster. Ich glaube, ich bin schwanger. Morgen besorge ich mir einen Test in der Apotheke, dann haben wir Gewissheit.“
Schwanger! Auch das noch! Benedikt fühlte sich von dieser Mitteilung völlig überfordert. Einerseits seine tiefen Gefühle für Leona, die mit jedem Tag größer und intensiver wurden. Andererseits die Verantwortung, die mit einer Schwangerschaft Clarissas auf ihn zukam und der er sich natürlich nicht entziehen würde.
„Ich verstehe das alles nicht. Was ist denn mit deiner Wohnung?“
„Das erzähle ich dir alles später, Schatz. Jetzt sollten wir erst mal die Möbel hineintragen lassen. Ich habe nicht viel mitgenommen, nur ein paar Stücke, die mir wichtig sind, und natürlich meine persönlichen Dinge. Ich werde also gar nicht viel Platz in Anspruch nehmen. Zwei der Zimmer im Obergeschoss genügen mir vollkommen.“
Tatsächlich hätte im Haus eine Großfamilie wohnen können, ohne dass man sich sonderlich gestört hätte. Und trotzdem fühlte sich Benedikt ungehörig überrumpelt.
Um seine Stirnfalten zu glätten, strich sie mit den Fingerspitzen darüber.
„Es wird alles gut“, versicherte sie ihm lächelnd. „Alles. Denn du bist ein wunderbarer Mann. Und ich kann mich glücklich schätzen, dass du mir gehörst. Wir werden uns niemals trennen.“
Ausgerechnet jetzt musste sie ihm das sagen. Jetzt, da er nicht mehr aus noch ein wusste!
Höchste Zeit also, sein inneres Chaos wieder unter Kontrolle zu bringen und sich am besten erst mal in die Arbeit zu stürzen. Das war für ihn immer der beste Weg, mit größeren und kleineren Katastrophen in seinem Privatleben klarzukommen.
Ein Glück, dass Leona heute später kam. So konnte er vielleicht noch eine Erklärung für Clarissas Einzug finden.
***
Leona saß bei den Holls am Frühstückstisch. Sie hatte den Arzt um ein Gespräch gebeten. Stefan hatte ihr dann ganz spontan vorgeschlagen, mit ihm und seiner Frau zu frühstücken, bevor sie zu Frau von Eckernfeld hinüberging.
Eine gute Lösung, dachte Leona, während sie mit dem Ehepaar am Tisch saß. Zunächst unterhielten sie sich über Elisabeth.
„Es geht ihr wieder gut. Wir sind viel an der frischen Luft. Sie erzählt mir viel aus ihrer Vergangenheit. Ja, sie hat ein sehr interessantes Leben gehabt. Ich mag sie sehr.“
„Sie mag Sie auch“, stellte Stefan fest. „Sie sind für sie sehr wichtig geworden.“
Leonas Lächeln hatte jetzt etwas Bekümmertes. „Natürlich habe ich auch ein Privatleben“, sagte sie leise. „Und das ist leider nicht ganz problemlos. Ich bin ratlos. Und mache mir große Sorgen um Nina. Sie ist die vierzehnjährige Tochter des Freundes, mit dem ich zusammenlebe.“
Eigentlich waren sie ja jetzt verlobt, aber das zu erwähnen, fand Leona unerheblich.
„Vierzehn ist ein schwieriges Alter“, meinte Julia. „Wir haben vier Kinder.“
Leona nickte. „Das weiß ich. Aber eigentlich geht es mir nicht um die Pubertät als solche. Ja, Nina und ich, wir haben oft Streit. Doch deswegen wollte ich nicht mit Ihnen reden. Ich finde, sie ist entsetzlich dünn. Na ja, eigentlich schon mager. Zu mager. Da sie aber nicht meine Tochter ist, fehlt mir die Möglichkeit, etwas unternehmen. Zwar habe ich schon mal versucht, mit ihr zu reden, allerdings ohne jeglichen Erfolg. Sie gibt mir einfach keine Antwort auf meine Fragen.“
„Und was sagt der Vater dazu?“, wollte Julia wissen.
Leona hob die Schultern.
„Ihm ist auch schon aufgefallen, dass sie viel zu wenig isst. Aber er schiebt das auf ihre Eitelkeit.“
„Das Mädchen lebt bei Ihnen und Ihrem Freund, habe ich das richtig verstanden?“, hakte Dr. Holl noch einmal nach.
„Ja, seit einiger Zeit“, bestätigte Leona. „Vorher war sie lange bei ihrer Mutter. Das weiß ich von Dennis. Und manchmal will Nina wieder dorthin zurück. Immer dann, wenn sie Ärger bekommt, will sie wieder zum anderen Elternteil wechseln.“
„Indem sie Probleme hinter sich lässt, geht sie den bequemsten Weg.“ Julia hielt die Kaffeekanne hoch, und Leona nickte. „Was man einem Kind nicht verdenken kann. Aber wenn sich Ihre Vermutung bestätigt, muss ihr geholfen werden.“
„Und zwar so rasch wie möglich“, schloss sich Stefan seiner Frau an. Dann berichtete er von dem erschütternden Fall der jungen Magersüchtigen, die in der Berling-Klinik auf Leben und Tod lag.
„Sie sollten mit ihr in die Klinik kommen“, schlug Dr. Holl schließlich vor.
„Ich glaube nicht, dass ich sie dazu bringen kann. Vorher muss ich ohnehin mit ihrem Vater reden.“
„Dann kommen Sie wieder zu uns“, schlug Julia vor. „Hier könnten wir uns mit ihr in einem privaten Umfeld unterhalten. Und Nina hätte nicht das Gefühl, von Ärzten begutachtet zu werden.“
„Ich werde es auf jeden Fall versuchen.“ Leona schaute auf die Uhr. „Jetzt muss ich aber los. Frau von Eckernfeld wartet schon auf mich. Vielen Dank, Herr und Frau Dr. Holl.“
Leona ging zur Villa hinüber in dem Bewusstsein, nun endlich etwas in die Wege geleitet zu haben.
***
„Clarissa wohnt jetzt bis auf Weiteres im Haus“, erklärte Benedikt seiner Mutter.
„Was soll das heißen?“ Elisabeth, die gerade in einem Buch gelesen hatte, fixierte ihren Sohn über den Rand der Brillengläser. In ihrem Blick lag etwas Strenges.
„Nun ja, bis sie etwas anderes gefunden hat.“
„Hat sie nicht eine eigene Wohnung?“
„Die ist verkauft.“
„Und jetzt nistet sie sich hier ein?“
„Bitte, Mutter, du weißt doch, dass wir ein Paar sind.“
Jetzt legte Elisabeth das Lesebändchen zwischen die Blätter, klappte das Buch zu und ließ es sinken.
„Ja, das weiß ich“, sagte sie. „Liebst du sie denn?“
Benedikt lachte kurz auf. Diese Bemerkung seiner Mutter ärgerte ihn. Zum einen, weil er nicht wollte, dass sie ihn so analysierte, als könnte sie ihn mit Leichtigkeit durchschauen, zum anderen, weil diese Frage ja durchaus berechtigt war.
„Willst du sie heiraten?“ Mutter gab nicht nach und wartete mit schief gelegtem Kopf auf seine Antwort.
„Das steht noch nicht fest, die Heirat, meine ich. Aber es könnte schon sein. Wir sind ja beide nicht mehr die Jüngsten und wissen darum, was es heißt, Verantwortung zu übernehmen.“
„Ich kann dir nur eins raten, mein Junge: Hör auf dein Herz. Und wenn es nicht einverstanden ist mit deiner Entscheidung, dann stimmt was nicht. Dann musst du deinen Schritt noch einmal überprüfen. Und zwar vor einer Eheschließung. Nur so kann man Katastrophen verhindern.“
Genau das versuchte er ja in den letzten Tagen immer wieder: auf sein Herz zu hören. Aber es gelang ihm nicht. Es war, als wäre die Verbindung zu ihm gekappt. Ja, es war ihm nicht mehr möglich, zu seinen Gefühlen Kontakt aufzunehmen. Er stieß auf lauter schwarze Löcher.
Clarissas Ankunft in diesem Haus und ihre Ankündigung, womöglich schwanger zu sein, hatte große Verwirrung in sein Leben gebracht. Er hoffte immer noch, dass sie mit einem negativen Ergebnis kam und er erleichtert aufatmen konnte.
Ein Kind zu haben, war in seinen Augen ein großes Geschenk, auch wenn es ihn an eine Frau binden würde, mit der er zwar schon einige Zeit zusammen war, die aber keine großen Empfindungen mehr in ihm auslöste.
Doch in einem solchen Fall war das Wohl des Kindes wichtiger als seins. Und da er ja auch gar nicht wusste, was Leona von ihm hielt, ob sie überhaupt bemerkt hatte, was er für sie empfand, würde er unter diesen Umständen auch niemals etwas darüber sagen.
„Möchtest du einen Tee?“, fragte er seine Mutter.
„Nein, jetzt nicht.“ Elisabeth seufzte leise. Heute war Sonntag. Leona kam erst morgen wieder. Die alte Dame vermisste sie, denn längst war eine gute Freundschaft zwischen ihnen entstanden. Mit Leona besprach sie mehr als mit ihrem Sohn.
Dafür war jetzt Clarissa Köhler im Haus. Sie kamen ohne Reibereien miteinander aus, aber Elisabeth gefiel sie nicht. Weder mochte sie ihre Art zu reden noch die, sich zu kleiden.
Clarissas Stimme war immer eine Spur zu laut und ihre Bewegungen zu hektisch. Die Röcke trug sie zu kurz, die Hosen zu eng und die Farben waren meistens schrill. Diese Frau war – und darüber hatte Elisabeth lange nachgedacht – in diesem Haus ein Störfaktor.
Trotzdem, wenn Benedikt an ihr hing, dann musste sie als seine Mutter das auch akzeptieren.
„Heute Abend wird Clarissa das Abendbrot herrichten“, teilte Benedikt seiner Mutter mit.
Elisabeths Mundwinkel sackten leicht nach unten.
„Gut, dass Frau Scholze morgen wieder da ist“, meinte sie nur. Damit war alles gesagt.
***
Seit Clarissa Köhler in der Villa wohnte, fühlte sich Leona an ihrem Arbeitsplatz nicht mehr so wohl wie vorher. Nicht, dass sie viel mit ihr zu tun gehabt hätte, aber es waren diese Blicke, die sie immer wieder auffing und die nichts Gutes verhießen.
Vielleicht bildete sie sich das ja auch nur ein, doch Leona hielt Clarissa für gehässig, obwohl sie nicht genau sagen konnte, warum. Es war nur eine Empfindung, eine Ahnung von etwas Unangenehmen. Besser also, ihr nach Möglichkeit aus dem Weg zu gehen.
Aber manchmal trafen sie sich in der Küche, wenn Leona einen Tee für Elisabeth aufbrühte. Dann richtete Clarissa das Wort an sie und betrachtete sie immer mit einem maliziösen Lächeln, über das Leona ihrerseits schweigend hinwegging.
Sie verstand nicht, was Benedikt und Clarissa miteinander verband. Ihrer Meinung nach passten sie überhaupt nicht zusammen. Aber vielleicht war sie ja nur neidisch, weil ihre eigene Beziehung zurzeit nicht besonders gut lief.
Immer öfter gab es Streit mit Dennis. Als er erfahren hatte, dass sie mit einem Arzt über Ninas Magerkeit gesprochen hatte, war er ganz ärgerlich geworden.
„Soll das heißen, dass du fremden Leuten gegenüber angedeutet hast, ich wäre ein schlechter Vater?“
„Unsinn!“, hatte sie erwidert. „Wir müssen etwas für Nina tun, bevor es zu spät ist. Dennis, das Mädchen ist krank!“
„Ach, Unsinn! Ich war auch immer dünn als junger Bursche.“
„Sag mal, glaubst du etwa, ich wollte dir etwas einreden? Ich habe sie im Bad gesehen. Sie ist eindeutig magersüchtig, das sind ja nur mehr Knochen mit Haut drüber. Du musst sofort eine Therapie in die Wege leiten.“
Immerhin telefonierte Dennis jetzt öfter mit Ninas Mutter, um sich mit ihr über die gemeinsame Tochter auszutauschen. Und schließlich erklärte er sich bereit, mit Nina bei Frau Dr. Sanders in der Berling-Klinik vorstellig zu werden und das Problem endlich anzugehen.
Morgen war es so weit. Nina wusste allerdings noch nichts von diesem Vorhaben, denn Dennis fürchtete, dass sie dann wieder verschwinden würde. Er wollte sich noch etwas einfallen lassen, wie er sie in die Klinik bekam.