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Moritz liebt das Leben - doch es findet hinter abgeklebten Fenstern statt. Seit seinem dritten Lebensjahr kann er tagsüber nicht mehr nach draußen, denn Sonnenlicht ist für ihn lebensgefährlich. Der Sechzehnjährige träumt von Freiheit, von Abenteuern - und von einem Leben, das nicht in Dunkelheit und Schatten versinkt. Seine Mutter Stefanie ist seine größte Stütze. Sie kämpft unermüdlich für ihn, doch ihre Angst um ihn ist so übermächtig, dass sie ihn nicht nur beschützt, sondern auch einengt und von der Welt abschirmt. Mit jedem Jahr wird es schwerer, die Wahrheit zu ignorieren: Moritz’ Welt wird kleiner, während sein Wunsch nach einem echten Leben wächst. Als eine neue Familie ins Haus gegenüber zieht, ändert sich alles. Ellie, das Mädchen mit den rotblonden Locken und der Gitarre, zieht den Teenager in ihren Bann. Zum ersten Mal hat er das Gefühl, dass da draußen jemand auf ihn wartet. Eines Abends geschieht das Unfassbare: Ellie steht vor seiner Tür. Sie will ihn kennenlernen. Und Moritz muss sich entscheiden. Bleibt er in seiner geschützten Welt - oder wagt er den ersten Schritt ins Ungewisse? Er atmet tief durch. Dann legt er die Hand auf die Türklinke ...
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Seitenzahl: 126
Veröffentlichungsjahr: 2025
Cover
Die Sonne, die er nie sah
Leseprobe
Vorschau
Impressum
Die Sonne, die er nie sah
Die wahre, unendlich traurige Geschichte von Moritz
Moritz liebt das Leben – doch es findet hinter abgeklebten Fenstern statt. Seit seinem dritten Lebensjahr kann er tagsüber nicht mehr nach draußen, denn Sonnenlicht ist für ihn lebensgefährlich. Der Sechzehnjährige träumt von Freiheit, von Abenteuern – und von einem Leben, das nicht in Dunkelheit und Schatten versinkt.
Seine Mutter Stefanie ist seine größte Stütze. Sie kämpft unermüdlich für ihn, doch ihre Angst um ihn ist so übermächtig, dass sie ihn nicht nur beschützt, sondern auch einengt und von der Welt abschirmt. Mit jedem Jahr wird es schwerer, die Wahrheit zu ignorieren: Moritz' Welt wird kleiner, während sein Wunsch nach einem echten Leben wächst.
Als eine neue Familie ins Haus gegenüber zieht, ändert sich alles. Ellie, das Mädchen mit den rotblonden Locken und der Gitarre, zieht den Teenager in ihren Bann. Zum ersten Mal hat er das Gefühl, dass da draußen jemand auf ihn wartet. Eines Abends geschieht das Unfassbare: Ellie steht vor seiner Tür. Sie will ihn kennenlernen. Und Moritz muss sich entscheiden. Bleibt er in seiner geschützten Welt – oder wagt er den ersten Schritt ins Ungewisse?
Er atmet tief durch. Dann legt er die Hand auf die Türklinke ...
»Filmabend, ein Computerspiel oder ein Besuch im Burger-Restaurant heute Abend?«, fragte Stefanie ihren Sohn.
Sie saß an seiner Bettkante und strich zärtlich eine dunkle Strähne aus seiner Stirn. Ihr eigenes Lieblingsspiel hatte sie nicht erwähnt – Scrabble.
Moritz blickte zu seiner Mutter hinauf und bemerkte das Funkeln in ihren Augen.
»Scrabble und danach einen Ausflug in die Stadt, wenn es dunkel ist«, schlug er vor.
Es war ein Donnerstag, den Stefanie normalerweise als Sekretärin in ihrer Firma verbrachte, aber an diesem Tag hatte sie sich freigenommen. Moritz hatte Geburtstag und den verbrachten Mutter und Sohn immer gemeinsam, nur sie beide.
Steffis Lächeln verschwand. Ihr Blick glitt in die Ferne und füllte sich mit Erinnerungen. Der Teenager wusste, was sie sah. Ohne lange darüber nachzudenken, drückte er ihr einen Kuss auf die Wange. Er wollte sie daran erinnern, dass seit dem Unglück, das ihr Leben für immer verändert hatte, inzwischen mehr als zehn Jahre vergangen waren. Dass sie nicht allein zurückgeblieben war, sondern immer noch ihn hatte, ihren Lieblingssohn.
Steffi öffnete die Augen, lächelte und streichelte ihrem Sohn über die Wange.
»Heute ist dein Geburtstag«, betonte sie. »Wir sollten etwas spielen, bei dem du wenigstens eine kleine Chance hast zu gewinnen.«
Moritz musterte sie mit all der Strenge seiner nunmehr sechzehn Jahre.
»Wir spielen Scrabble, und diesmal gewinne ich«, verkündete er zuversichtlich, obwohl er wusste, dass er wirklich nicht die geringste Chance hatte. Beim letzten Spiel hatte er tatsächlich in Führung gelegen. Doch dann hatte sie für ENZYKLOPÄDISCHER zweimal den dreifachen Wortwert und mehrere mehrfache Buchstabenwerte eingeheimst.
»Also gut.« Steffi schüttelte den Kopf und heuchelte Mitgefühl. »Wie du willst. Aber jetzt wartet erst mal die Küche auf uns.«
Moritz schlug die Bettdecke zurück und stand auf. Im Handumdrehen war er gewaschen und angezogen und gesellte sich zu seiner Mutter in die Küche. Wie an jedem Geburtstag verbrachten sie den Rest des Vormittags damit, seinen traditionellen Geburtstags-Schokoladenkuchen mit Kirschen zu backen. Nach dem Abkühlen überzog er den Kuchen mit einer dicken Schicht Kuvertüre.
Mutter und Sohn aßen beide gerne Kuchen, besonders mit viel Schokolade. Und am Geburtstag durfte eine passende Deko natürlich auch nicht fehlen. In weißer Zuckerschrift malte der Junge eine 16 in die Mitte, darum herum steckte er sechzehn bunte Kerzen.
»Perfekt!« Seine Mutter sah ihm über die Schulter. »Du solltest Konditor werden.«
Er drehte sich zu ihr um. Stefanie lächelte ihn stolz an, doch in ihren Augen schimmerten Tränen.
»Du bist eine Heulsuse«, stellte er fest, denn auch ein bisschen frech sein war am Geburtstag erlaubt. Aus der Tülle spritzte er seiner Mutter einen Klecks Zuckerguss auf die Nase, was sie noch ein wenig mehr zum Lächeln, aber auch zum Weinen brachte.
Normalerweise war Stefanie nicht so nah am Wasser gebaut. Nur an diesem besonderen Tag wurde sie immer ziemlich sentimental. Moritz verstand das, ihm erging es ähnlich.
An diesem besonderen Tag wurden sich Mutter und Sohn seiner Krankheit besonders bewusst. Das lag wohl daran, dass beide bemerkten, wie schnell die Zeit verging. Wieder ein ganzes Jahr krank ohne Hoffnung auf Heilung. Ein ganzes Jahr, in dem Moritz all die Dinge versäumt hatte, die ein Teenager in seinem Alter normalerweise tut – allein ins Ferienlager fahren, Fußball spielen und im Freibad zum ersten Mal mit Mädchen flirten. Wieder ein Jahr, in dem Stefanie nichts anderes getan hatte, als zu arbeiten und sich um ihren Sohn zu kümmern.
An allen Tagen des Jahres war es einfach oder zumindest ein bisschen einfacher, die Wahrheit zu ignorieren. Doch mit jedem Jahr wurde es schwieriger. Die Sehnsucht nach der Welt dort draußen wuchs. Eigentlich sollte er die Nachmittage mit Freunden verbringen und immer öfter von zu Hause wegbleiben. Seine Mutter sollte sich vor der Stille der Wohnung fürchten und darüber nachdenken, selbst neue Freundschaften zu schließen, vielleicht auch darüber, einen neuen Mann kennenzulernen. Aber wegen seiner Krankheit ging Moritz tagsüber nirgendwohin und auch abends nur in Begleitung seiner Mutter.
Später, nach seinem Lieblingsessen – Nudeln mit Tomatensauce – durfte er die Päckchen auspacken. Diesmal bekam er ein Balance-Board – ein Holzbrett, das aussah wie ein kleines Surfbrett mit einer Rolle darunter – damit sich der Teenager wenigstens vorstellen konnte, auf den Wellen zu reiten wie seine Helden im Internet. Schon seit Monaten stand es auf seiner Wunschliste, und Moritz fiel seiner Mutter um den Hals. Danach folgte ein weiteres Ritual. Sie setzten sich gemeinsam an den Tisch. Stefanie zündete die Kerzen an, Moritz pustete sie aus und wünschte sich etwas.
»Was hast du dir gewünscht?«, fragte sie, als sie dem Rauch nachsah, der hinauf zur Lampe stieg und sich dort auflöste.
Eigentlich hatte der Teenager nur einen einzigen Wunsch – eine wundersame Selbstheilung, die es ihm erlaubte, in der Welt dort draußen herumzulaufen wie ein wildes Tier. Aber diesen Wunsch sprach er nie laut aus, weil er unmöglich zu erfüllen war. Er hätte sich genauso gut einen echten, feuerspeienden Drachen oder eine heile Familie herbeisehnen können. Also wünschte er sich stattdessen etwas, das wahrscheinlicher war als seine Heilung. Etwas, das sie beide weniger traurig machte.
»Ich wünsche mir, dass ich heute beim Scrabble gewinne.«
***
Anders als gewöhnlich war es Marie-Luise Flanitzer, die an diesem Freitagmorgen als Erste die Praxis Dr. Frank betrat. Ihre Kollegin Martha Giesecke hatte einen Zahnarzttermin und würde erst später kommen.
Die Luft war frisch und roch nach feuchtem Gras und nach dem ersten Grün, das nach einem langen Winter zu sprießen begann. Marie-Luise hängte ihre Jacke an die Garderobe und begann mit dem allmorgendlichen Ritual, das ihre ältere Kollegin etabliert hatte.
Sie füllte die Kaffeemaschine mit Wasser und löffelte Pulver in den Filter. Im Wartezimmer kippte sie das Fenster, ein leiser Lufthauch blähte die Vorhänge. Stimmen wehten von draußen herein. Unverkennbar, Dr. Frank und seine Lebensgefährtin Alexandra Schubert. Was sie wohl schon am frühen Morgen im Garten schafften? Darüber dachte Marie-Luise nach, als sie die Karaffe mit Wasser füllte und sie mit frischen Gläsern auf dem Beistelltisch bereitstellte. Sie ordnete die Zeitschriften des Lesezirkels und sah in der Spielecke nach, ob auch alles für die kleinen Besucher bereit war. Danach kehrte sie an den Tresen zurück und suchte Patientenakten heraus, als sich die Tür öffnete. War das etwa schon Martha? Aber nein! Atemlos und mit geröteten Wangen tauchte Stefan Frank in der Praxis auf.
»Guten Morgen, Marie-Luise. Dürfte ich Sie kurz um Ihre Hilfe bitten?«
»Dafür bin ich da.«
»Nun ja, diesmal geht es um eine etwas andere Art Hilfe«, bekannte Dr. Frank verlegen. »Gestern Abend wurde der Rindenmulch für die Rosen angeliefert und ausgerechnet für heute ist Regen angesagt. Alexa und ich schaufeln schon wie verrückt, um den Mulch im Schuppen in Sicherheit zu bringen. Aber zu zweit schaffen wir das nicht, bevor die Sprechstunde beginnt.«
»Regen?« Marie-Luise schickte einen Blick in den Himmel. Am hellen Blau segelten ein paar Wattewölkchen. »Der Wetterbericht wieder!«, schnaubte sie und lächelte. »Das glaube ich erst, wenn es so weit ist.« Sie hatte kaum ausgesprochen, als ein Windstoß durch die Bäume fuhr.
Stefan Frank deutete auf den Horizont. Tatsächlich. Dort türmten sich unheilverkündende Wolken auf. In der Ferne grollte leiser Donner.
»Es sieht alles danach aus, als hätten die Wetterfrösche ausnahmsweise einmal recht.«
»Na, dann wollen wir mal.« Beherzt griff die Arzthelferin nach der Schaufel und lächelte Alexandra zu.
Im Handumdrehen füllte sich der Schubkarren, der Berg Rindenmulch wurde immer kleiner.
»Sie sind wirklich ein Schatz«, bedankte sich Alexa, während Stefan die letzte Fuhre eilig in den Schuppen rollte.
In all den Jahren des Alleinseins waren die Rosen seine große Liebe gewesen, hatten ihn mit ihrer Blütenpracht getröstet. Jetzt, wo er endlich wieder glücklich war, wollte er sie nicht vergessen.
»Ohne eure Hilfe wäre mindestens die Hälfte des Mulchs davongeschwommen«, bedankte er sich bei seinen Helferinnen.
Im gleichen Moment klatschten die ersten Tropfen auf den Gartenweg. Auf der anderen Straßenseite tauchte Schwester Martha auf. Sie begann zu laufen.
Dr. Frank eilte zum Haus und hielt die Tür auf. »Schnell, herein die gute Stube.«
Als Letzte sprang Martha Giesecke in den Flur. Es schien, als hätten die Wolken nur darauf gewartet, endlich ihre ganze Last loszuwerden. Schleusen öffneten sich. Dicke Tropfen prasselten aufs Dach der Villa, ein Donner ließ sie zittern.
»Sieht ganz danach aus, als hätte ick was verpasst«, stellte Schwester Martha nach einem Blick in die Runde fest. »Ihr seht alle so frisch und munter aus.«
»Wir haben ja auch schon eine Runde Frühsport hinter uns«, erklärte Marie-Luise lachend. »Das fühlt sich richtig gut an. Sollten wir öfter machen.«
»Aber bitte nicht im Regen.« Alexa schüttelte sich. »Ich bin einfach ein Schönwetterkind, auch wenn sich die Natur über das Wasser freut.«
»Nicht nur die Natur«, murmelte Stefan Frank. Er war an den Tresen getreten und studierte die Termine dieses Tages. Ein Name stach ihm besonders ins Auge.
»Wie meinst du das?«, fragte Alexandra mit schief gelegtem Kopf.
»Es gibt Menschen, für die könnte es wahrscheinlich jeden Tag regnen.«
»Sie meinen bestimmt Moritz Böttcher«, wusste Marie-Luise Flanitzer sofort Bescheid. Kein Wunder! Den Termin für den Hausbesuch hatte sie selbst in der vergangenen Woche mit Stefanie Böttcher vereinbart. »Der Junge würde wahrscheinlich ein Königreich dafür geben, im Regen Rindenmulch zu schaufeln«, murmelte sie. »Aber sogar dafür ist das Risiko zu groß.«
Alexandra sah von einem zum anderen. »Was fehlt ihm denn?«
Die Sprechstunde hatte noch nicht begonnen. Noch waren sie unter sich und Dr. Frank konnte offen sein.
»Seit frühester Kindheit leidet der Junge an einer schweren Solarurtikaria. Innerhalb weniger Minuten nach Einwirkung von natürlichen oder künstlichen Lichtquellen mit ultravioletter Strahlung bekommt er Quaddeln und Juckreiz. Seine Mutter berichtete auch von Kopfschmerzen und allgemeinem Unwohlsein, von Herzrasen und zu niedrigem Blutdruck. Zwei Mal ist Moritz wohl auch schon kollabiert. Deshalb darf er nie nach draußen. Zumindest nicht, solange es hell ist. Und selbst dann besteht ein Restrisiko.«
Der Schrecken stand Alexa ins Gesicht geschrieben.
»Der arme Junge. Und du kannst nichts dagegen tun?«
»Ich selbst habe die Symptome tatsächlich noch nie gesehen und muss mich auf die Aussagen von Frau Böttcher stützen«, erklärte Stefan. »Seit Mutter und Sohn nach München gezogen sind, besuche ich die beiden nur wegen der üblichen Vorsorgeuntersuchungen, Impfungen und solchen Sachen.« Stefan Frank erinnerte sich an seine letzte Stippvisite vor ein paar Monaten und lächelte. »Es ist erstaunlich, wie gut sich Moritz und seine Mutter mit ihrem schweren Schicksal arrangiert haben. Ich kann die beiden nur bewundern.«
In diesem Moment öffnete sich die Tür und die erste Patientin des Tages betrat die Praxis Dr. Frank. Die morgendliche Plauderrunde war beendet. Marie-Luise und Schwester Martha machten sich an die Arbeit. Alexandra ging hinauf in die Wohnung im ersten Stock der Villa, um sich für die Arbeit umzuziehen. Inzwischen hatte der Regen aufgehört. Durch ein Loch in der Wolkendecke schickte die Sonne einen vorwitzigen Strahl auf die Erde. Normalerweise freute sie sich über diesen Anblick. Doch der Gedanke an den armen Moritz wog zu schwer, um richtig froh zu sein.
***
Wie immer, wenn weder Wochenende noch Ferien waren, saß Moritz an seinem Schreibtisch in der nach Norden ausgerichteten Wohnung. Den ganzen Tag bekam er die Sonne nicht zu Gesicht, kannte diesen Anblick nur aus Filmen und dem Internet. Statt eines Balkons verfügte die Wohnung über einen Wintergarten, der absolute Lieblingsraum des Teenagers. Er bestand fast komplett aus Glas, das Stefanie – wie alle Fenster in der Wohnung – zum Schutz vor UV-Strahlung mit einer speziellen Folie beklebt hatte. Dafür tat sie alles, was sie konnte, um ihrem Sohn das Leben in der Wohnung so angenehm wie möglich zu machen.
Dekoriert war der Wintergarten wie ein tropischer Regenwald. Überall wucherten Kunstpflanzen, die Stefanie günstig auf Second-Hand-Börsen ergattert hatte. In einer Ecke stand eine Bananenstaude und eine Strelitzie mit einer täuschend echten Blüte in der Form eines Paradiesvogels. Verborgen unter künstlichen Blättern plätscherte ein Zimmerbrunnen. Die Möbel waren aus Rattan, damit es aussah, als befände sich Moritz in einer Safari-Lodge mit Blick auf den wilden Urwald.
Moritz liebte den Wintergarten. Von hier aus nahm er am Online-Unterricht teil, von hier aus beobachtete er nachmittags das Leben der Menschen draußen und besonders das der Nachbarn, einer Familie mit zwei Kindern und einem Hund namens Benni, den Moritz besonders gerne mochte.
Doch in letzter Zeit hatte sich dort drüben etwas verändert. In den Zimmern, die Moritz sehen konnte, herrschte ziemlich viel Betrieb, auf den er sich keinen Reim machen konnte.
Auch am Morgen nach seinem Geburtstag saß er am Fenster und beobachtete das emsige Treiben, als die Haushaltshilfe Nele hereinkam.
»Alles Gute nachträglich.« Zur Begrüßung wuschelte sie ihm mit der Hand durchs Haar und reichte ihm ein Päckchen.
»Danke, das ist so lieb von dir.«
»Wie war dein Geburtstag?«
»Schön. Es hat Spaß gemacht. Nur für den Abendausflug war es leider schon zu spät, weil ja heute wieder Schule war.«
»Habt ihr wieder Schokoladenkuchen mit Kirschen gebacken?«
»Klar.«
»Und ihr habt Scrabble gespielt«, wusste Nele aus Erfahrung. Seit Stefanie mit ihrem Sohn vor drei Jahren nach München gezogen war, unterstützte sie die kleine Familie. »Hast du das Spiel verloren?«
Der Sechzehnjährige schnitt eine Grimasse. »Mama und ich sind ziemlich langweilig, oder?«
»Das ist überhaupt nicht schlimm. Ganz im Gegenteil«, versicherte Nele. »Ich freue mich, dass ihr zwei so ein ungewöhnlich gutes Verhältnis habt.« Sie nahm einen Pullover von der Stuhllehne und unterzog ihn einer kritischen Prüfung. Offenbar war er reif für die Wäsche. »Zurzeit empfindet es Noah schon als Zumutung, wenn ich ihn nur frage, wann er von der Schule nach Hause kommt.«
Noah war Neles siebzehnjähriger Sohn. Aus ihren Erzählungen wusste Moritz, dass sich die beiden sehr nahegestanden waren, bis sich die Hormone und die Mädchen zwischen sie gedrängt hatten. Moritz konnte sich nicht vorstellen, dass seiner Mama und ihm jemals so etwas passieren würde.