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Dr. Stefan Frank - dieser Name bürgt für Arztromane der Sonderklasse: authentischer Praxis-Alltag, dramatische Operationen, Menschenschicksale um Liebe, Leid und Hoffnung. Dabei ist Dr. Stefan Frank nicht nur praktizierender Arzt und Geburtshelfer, sondern vor allem ein sozial engagierter Mensch. Mit großem Einfühlungsvermögen stellt er die Interessen und Bedürfnisse seiner Patienten stets höher als seine eigenen Wünsche - und das schon seit Jahrzehnten!
Eine eigene TV-Serie, über 2000 veröffentlichte Romane und Taschenbücher in über 11 Sprachen und eine Gesamtauflage von weit über 85 Millionen verkauften Exemplaren sprechen für sich:
Dr. Stefan Frank - Hier sind Sie in guten Händen!
Dieser Sammelband enthält die Folgen 2510 bis 2519 und umfasst ca. 640 Seiten.
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Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 1228
Veröffentlichungsjahr: 2025
BASTEI LÜBBE AG
Vollständige eBook-Ausgaben der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgaben
Für die Originalausgaben:
Copyright © 2019 by
Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln
Vervielfältigungen dieses Werkes für das Text- und Data-Mining bleiben vorbehalten.
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Für diese Ausgabe:
Copyright © 2024 by
Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln
Covermotiv: © wavebreakmedia/shutterstock
ISBN: 978-3-7517-8296-8
https://www.bastei.de
https://www.luebbe.de
https://www.lesejury.de
Cover
Titel
Impressum
Inhalt
Dr. Stefan Frank 2510
Unverhofft kommt oft
Dr. Stefan Frank 2511
Endstation oder Neuanfang?
Dr. Stefan Frank 2512
Am Ende aller Kräfte
Dr. Stefan Frank 2513
Ein Koffer voll Glück?
Dr. Stefan Frank 2514
Mein Herz schlägt im Dreivierteltakt
Dr. Stefan Frank 2515
Kleiner Held ganz groß
Dr. Stefan Frank 2516
Eine ungewöhnliche Visite
Dr. Stefan Frank 2517
Ausflug mit einem Unbekannten
Dr. Stefan Frank 2518
Plötzlich krank
Dr. Stefan Frank 2519
Am Ende siegt die Liebe
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Contents
Unverhofft kommt oft
Während Andreas ernste Sorgen hat, findet er plötzlich das große Glück
Erst vor knapp einem Monat hat der attraktive Pilot Andreas Kiehl seinen regelmäßigen Gesundheitscheck über seinen Arbeitgeber absolviert. Alle Werte waren einwandfrei. Und doch sitzt er jetzt in der Praxis seines Hausarztes Dr. Stefan Frank und klagt über ein schon länger andauerndes Krankheits- und Schwächegefühl.
Dazu kommen die ständigen Sorgen um seine alleinstehende Mutter, die sich einfach nicht helfen lassen will, obwohl sie zunehmend Probleme hat, alleine klarzukommen.
Dr. Frank sieht die heimliche Not des Neununddreißigjährigen und macht sich seine ganz eigenen Gedanken dazu. Wer weiß – vielleicht kann der Grünwalder Arzt seinem Patienten nicht nur medizinisch zur Seite stehen, sondern ihm sogar zum ganz großen Glück verhelfen …
„So geht es nicht weiter“, brummte Andreas Kiehl und stoppte an der roten Ampel. Müde rieb er sich die Augen, fühlte sich danach allerdings auch nicht wacher.
Beim Gesundheitscheck, den er wie jeder Pilot der Fluglinie regelmäßig absolvieren musste, hatte er vor einem Monat mit Bestnoten abgeschnitten. Und wie fühlte er sich heute? Erschöpft, verspannt, ausgelaugt …
Eine Hupe riss ihn aus seinen Gedanken. Er zuckte zusammen und blickte in den Rückspiegel. Sein Hintermann gestikulierte wild. Offenbar, weil Andreas nicht in jenem Sekundenbruchteil losgefahren war, in dem die Ampel von Rot auf Grün gesprungen war.
Entschuldigend hob er kurz die rechte Hand und fuhr weiter. Es wurmte ihn, dass er sich entschuldigen musste. Schließlich war er bekannt für sein exzellentes Reaktionsvermögen. Noch nie hatte er anderen Autofahrern einen Grund geliefert, zu hupen.
Mit grimmiger Miene bog er in die Grünwalder Gartenstraße ein und parkte vor der Praxis seines Hausarztes. Den Blick geradeaus, senkte er die rechte Hand auf den Knopf für den Sicherheitsgurt und drückte ihn. Mit der linken Hand hielt er den Gurt fest, damit der nicht zu schnell zurückschnappte und mit einem lauten Klick in der Endposition landete.
Laute Geräusche taten Andreas Kiehl im Moment körperlich weh. Sie schienen viel lauter zu hallen, als sie tatsächlich waren. Das Hupen seines Hintermannes von eben dröhnte ihm noch immer in den Ohren. Und die ruckartige Kopfbewegung, mit der er in den Rückspiegel geschaut hatte, war auch nicht gerade gut für seinen verspannten Nacken gewesen. Im Gegenteil.
Langsam und leise rollte sich der Gurt auf. Andreas seufzte erleichtert, stieg aus und schloss die Fahrertür im ersten Anlauf so zaghaft, dass er noch einmal dagegendrücken musste, damit sie richtig einrastete.
Er ging durch den Vorgarten, öffnete die Tür der Praxis und trat an den hohen Tisch am Empfang.
„Grüß Gott, Schwester Martha.“
„Grüß Gott, Herr Kiehl.“ Schwungvoll hakte die mollige Arzthelferin den Namen des Patienten in dem breiten Kalender ab, der vor ihr lag.
„Sie haben eine neue Frisur“, stellte Andreas fest. „Steht Ihnen gut.“
„Finden Sie?“ Geschmeichelt zupfte Martha Giesecke an einer kurzen grauen Strähne. „Ick dachte gar nicht, det man es merkt. An einem Kurzhaarschnitt kann man ja nicht wahnsinnig viel verändern.“
„Also, mir ist es sofort aufgefallen. Nicht, dass Ihnen die alte Frisur nicht gestanden hätte“, versicherte Andreas, „aber diese finde ich irgendwie flotter.“
„Oh, vielen Dank, Herr Kiehl. Dann seien Sie doch bitte so nett und bestellen Ihrer Mutter einen schönen Gruß. Sie hat in den höchsten Tönen von ihrer neuen Friseurin geschwärmt, bis ick auch hingegangen bin.“
Andreas‘ Lächeln wurde einen Tick schmaler. Seine Mutter. Die hatte er glatt für ein paar Minuten vergessen.
„Ich richte es ihr aus. Sie freut sich bestimmt.“
Martha Giesecke kniff die Augen leicht zusammen.
„Sie sind aber ganz schön blass um die Nase, wenn man bedenkt, det Sie gerade aus der Karibik kommen. Hatten Sie nicht drei Tage Aufenthalt auf Kuba?“
Er brauchte keine Kristallkugel, um zu wissen, woher die Berlinerin seinen Dienstplan kannte. Edith Kiehl erzählte ihren Bekannten oft, wo sich ihr Sohn, der Pilot großer Passagierflugzeuge, gerade befand. In ihrem mütterlichen Stolz mochte sie übertreiben, aber das nahm er ihr nicht übel. Das nicht.
„Doch, doch, stimmt schon, Schwester Martha. Allerdings war es die ganze Zeit bewölkt.“
„Sagen Sie bloß! Was für ein Pech.“
„Für die Touristen ist es natürlich bitter, wenn ein kostbarer Urlaubstag nach dem anderen verstreicht, ohne dass sie die Sonne sehen.“ Andreas zuckte die Schultern. „Aber mich hat das Wetter nicht gestört. Ich finde es ganz gut, dass es noch ein paar Dinge auf der Welt gibt, die der Mensch nicht beeinflussen kann.“
Martha Giesecke nickte. „Da haben Sie völlig recht, Herr Kiehl. Ick weiß, wovon ick rede.“ Sie tippte mit dem Kugelschreiber auf ihren Kalender. „Marie-Luise und ick können noch so gut planen … Ein oder zwei Notfälle, und der ausgeklügelte Plan war mal ein Plan. Det Leben lässt sich halt nicht perfekt durchorganisieren. Ah, wenn man vom Teufel spricht.“
Sie lächelte ihre jüngere Kollegin an, die gerade mit einem Aktenordner aus dem Labor kam.
Marie-Luise Flanitzer lächelte ein wenig verdattert zurück.
„Teufel? Grüß Gott, Herr Kiehl.“
„Grüß Gott, Frau Flanitzer.“ Andreas strich sich die braunen Haare aus dem Gesicht – langsam, um seine verspannten Schultermuskeln nicht zu provozieren.
„Ick habe eben erzählt, det wir beide unseren Arbeitstag so gut planen können, wie wir wollen – wenn Notfälle reinkommen, ist die ganze Planung nichts wert.“ Schwester Martha wandte sich wieder dem Patienten zu: „Aber keine Sorge, bisher läuft es heute wie am Schnürchen. Nehmen Sie bitte noch einen Moment im Wartezimmer Platz?“
„Natürlich.“ Andreas nickte den beiden Arzthelferinnen freundlich zu – wenn auch nur leicht. Sein Nacken nahm ihm jede heftigere Bewegung übel.
***
Vier Minuten später führte Schwester Martha ihn in das Untersuchungszimmer. Dr. Stefan Frank kam um seinen Schreibtisch herum und streckte seinem Patienten die rechte Hand entgegen.
„Grüß Gott, Herr Kiehl.“
Ein wenig steif schlug Andreas ein. Zum Glück war sein Hausarzt keiner dieser Männer, die glaubten, sie müssten die Hand ihres Gegenübers so heftig schütteln, dass sie ihm fast den Arm auskugelten.
„Grüß Sie, Dr. Frank.“
„Bitte sehr.“ Stefan Frank zeigte auf den Sessel vor seinem Schreibtisch. Als Andreas saß, nahm der Arzt auch selbst wieder Platz. „Was führt Sie denn heute zu mir?“
Andreas suchte nach den richtigen Worten. Wenn man vor Halsschmerzen kaum noch schlucken konnte oder vor Fieber glühte, war es einfach, eine Antwort zu geben. Aber in seinem Fall …
„Ich sollte vorwegschicken, dass ich vor einem Monat den üblichen Gesundheitscheck meines Arbeitgebers absolviert habe. Alle Werte waren einwandfrei, aber seitdem ging es bergab. Mein Nacken und die Schultern sind verspannt. Morgens wache ich wie gerädert auf.“
Stefan Frank blickte seinen Patienten aufmerksam an.
„Schlafen Sie schlecht?“
„Ja. Abends bin ich zwar hundemüde, aber dann dauert es trotzdem lange, bis ich einschlafe. Ich wache auf, bevor mein Wecker klingelt, und habe das Gefühl, überhaupt nicht ausgeruht zu sein, sondern erschöpft. Den ganzen Tag.“
„Verstehe. Haben Sie noch weitere Symptome? Irgendwelche Schmerzen?“
„Der verspannte Nacken setzt mir arg zu, aber sonst habe ich nichts, was den Namen ‚Schmerzen‘ verdient. Ich fühle mich bloß wesentlich älter als neununddreißig.“
Dr. Frank erhob sich. „Setzen Sie sich bitte auf die Untersuchungsliege am Fenster, dann beginnen wir mit der allgemeinen körperlichen Untersuchung.“
Erst schaute er seinem Patienten in den Mund und die Ohren. Dann horchte er Lunge und Herz ab und maß den Blutdruck. Schließlich tastete er Lymphknoten, Nacken und Schultern ab.
„Donnerwetter, solche Muskelverspannungen habe ich lange nicht mehr erlebt“, stellte er fest. „Kein Wunder, dass Ihr Nacken schmerzt, Herr Kiehl. Verschleiß der Halswirbelsäule kann in Ihrem Alter noch nicht der Grund sein. Eine Fehlhaltung schließe ich ebenfalls aus. Haben Sie kürzlich in Zugluft gesessen?“
„Nein, das wäre mir bestimmt aufgefallen.“
„Haben Sie vielleicht eine plötzliche, ruckartige Bewegung mit dem Kopf gemacht?“
„Nur vorhin, auf der Fahrt hierher. Aber da hatte ich die Beschwerden längst.“
„Fieber oder Krämpfe haben Sie nicht?“, vergewisserte sich Stefan Frank.
„Nein, weder noch.“
„Spüren Sie manchmal ein Kribbeln in Ihren Armen oder Händen? Fühlen die sich möglicherweise taub an?“
„Auch nicht“, antwortete Andreas verwundert. Kribbeln? Krämpfe? Langsam wurde ihm mulmig zumute.
„Gut. Dann haben Sie es offenkundig nicht mit etwas Gravierendem zu tun, sondern ‚nur‘ mit Verspannungen. Aber so hart, wie sich Ihre Nackenmuskulatur anfühlt, glaube ich Ihnen gern, dass Sie arge Schmerzen haben.“
Der Pilot nickte knapp. Es tat gut, ernst genommen zu werden. Natürlich hörte er auch mit Erleichterung, dass er nicht ernstlich krank war. Gleichzeitig dachte er reuevoll an einen Kollegen, der sich neulich wegen Verspannungen krankgemeldet hatte. Das hatte Andreas für völlig übertrieben gehalten. Heute sah er es anders.
„Ich schreibe Ihnen ein Rezept für eine Physiotherapie“, fuhr Stefan Frank fort. „Am besten lassen Sie sich noch heute das erste Mal behandeln, damit die Nackenschmerzen gelindert werden.“
„Linderung klingt großartig. Ich war noch nie bei einer Physiotherapie, Dr. Frank. Können Sie mir jemanden empfehlen? Und glauben Sie wirklich, dass man mir so kurzfristig einen Termin gibt?“
„Mit etwas Glück dürfte es klappen. Und ja, ich kann Ihnen jemanden empfehlen. Einen ausgezeichneten Physiotherapeuten in München. Wenn Sie einverstanden sind, ruft Schwester Martha gleich dort an und fragt nach einem Termin. Das hat sich schon oft bewährt.“
„Ja, vielen Dank, das wäre sehr freundlich.“
„Augenblick, ich sage ihr schnell Bescheid.“ Stefan Frank drückte eine Taste auf seinem Telefon und wechselte ein paar Worte mit Martha Giesecke. Dann legte er auf, tippte etwas in seinen Computer und wandte sich wieder zu seinem Patienten um. „Hat sich in dem Monat seit dem letzten Gesundheitscheck etwas in Ihrem Leben verändert, Herr Kiehl? Haben Sie vielleicht mehr Stress im Beruf?“
„Nein, als stressig empfinde ich meine Arbeit nicht. Pilot ist mein Traumberuf. Und ich habe Glück, denn mein Arbeitgeber ist finanziell großzügig, und das Betriebsklima stimmt auch.“
„Das freut mich für Sie. Und privat?“, erkundigte sich Dr. Frank. „Gibt es da möglicherweise ein Problem, das Sie beschäftigt?“
Andreas zögerte. Seine Mutter … Nein, die konnte er sicher nicht für seinen Zustand verantwortlich machen, auch wenn sie durchaus eine Herausforderung darstellte.
„Also, Stress mit einer Partnerin scheidet aus, weil ich derzeit keine habe“, antwortete er. „Das kann bei mir aber auch kein Grund für Stress sein, denn es stört mich nicht. Ich bin nicht der Typ, der ständig eine Frau an seiner Seite braucht. Ich habe gute Freunde, mit denen ich etwas unternehme und auf die ich mich verlassen kann.“
„Verstehe. Ist Ihr Hobby eigentlich nach wie vor die Jagd?“
„Oh ja. Wenn ich in meinem Revier nach dem Rechten sehe, bekomme ich immer den Kopf frei.“ Andreas runzelte die Stirn. „Das heißt – in den letzten Wochen eigentlich nicht mehr so sehr.“
„Haben Sie das Interesse an Ihrem Hobby verloren?“
„Das nicht. Ich finde die Jagd nach wie vor faszinierend. Aber wenn ich es mir recht überlege, waren die Stunden draußen schon mal entspannender.“
„Gibt es vielleicht in Ihrem Freundeskreis ein Problem, das Sie sich zu Herzen nehmen?“, fragte Stefan Frank geduldig. „Oder in Ihrer Verwandtschaft?“
Der Pilot blickte aus dem Fenster und wieder zurück. Was hatte er zu verlieren, wenn er einräumte, dass er sich oft den Kopf wegen seiner Mutter zerbrach? Nichts. Obwohl er nach wie vor nicht glaubte, dass seine Beschwerden daran lagen.
„Tja, es ist niemand schwer krank oder so, da kann ich wirklich dankbar sein. Allerdings baut meine Mutter in letzter Zeit deutlich ab.“
„Meinen Sie körperlich oder geistig? Oder beides?“
„Geistig ist sie voll da, aber das Gehen fällt ihr schwerer, und sie sieht immer schlechter. Das liegt an einer Erkrankung des Sehnervs. Irgendwann wird sie erblinden, das lässt sich leider nicht ändern. Noch sieht sie einigermaßen, aber es bedrückt sie natürlich, zu wissen, dass sie in der Zukunft gar nichts mehr sehen wird. Sie hat immer leidenschaftlich gern gelesen. Das fehlt ihr jetzt sehr.“
„Mit einer Lupe hat Ihre Mutter es vermutlich schon probiert?“, fragte Dr. Frank.
„Ja, ich habe ihr mehrere Modelle besorgt. Theoretisch könnte sie sich damit noch behelfen, wenn sie die Lupe ganz langsam über die Wörter schieben würde, aber dazu fehlt ihr die Geduld. Sie sagt, es macht sie verrückt, wenn sie nur einzelne Buchstaben erkennen kann. Außerdem würde sie sich mit einer Lupe behindert fühlen.“
„Hm. In dem Fall sind Hörbücher vielleicht eine Alternative?“
Andreas winkte ab. „Das dachte ich auch. Darum habe ich meiner Mutter einen Stapel geschenkt, aber sie hat ihn mir zurückgegeben. Sie sagt, sie wird nervös, weil die Sprecher entweder zu schnell oder zu langsam reden oder falsch betonen. Sie möchte in ihrem eigenen Tempo lesen.“
Stefan Frank verkniff sich ein Schmunzeln. Er kannte Edith Kiehl seit vielen Jahren und konnte sich lebhaft vorstellen, dass ihr Sohn mit seinen Bemühungen an Grenzen stieß. Sie wusste genau, was sie wollte, und wich ungern von ihren Vorstellungen ab. Sicher widerstrebte es ihr enorm, zu akzeptieren, dass sie nicht mehr wie früher lesen konnte.
„Ihre Mutter wohnt nach wie vor in der Kapuzinergasse?“, erkundigte sich der Arzt.
„Ja.“ Andreas blickte düster drein. „Und sie will partout nicht ausziehen. Obwohl absehbar ist, dass sie in dem Haus mit seinen Treppen bald überfordert sein wird. Ich habe mir seniorengerechte Wohnungen angesehen, in denen sie eine maßgeschneiderte Betreuung hätte. Sie ist nicht bereit, auch nur einen Fuß in eine solche Wohnung zu setzen. Wenn ich sie gut versorgt wissen will, kann ich ja zu ihr ziehen, findet sie.“
Jetzt konnte Stefan Frank sich das Schmunzeln doch nicht mehr verkneifen.
„Lassen Sie mich raten: Sie bleiben lieber in Ihrer eigenen Wohnung?“
„Selbstverständlich! Meine Mutter ist mir wichtig, aber ein wenig Abstand tut uns beiden ganz gut. Außerdem muss ich im Notfall innerhalb einer Stunde am Flughafen sein. Das ist von Grünwald aus nicht gesichert, deshalb wohne ich ja auch in München.“
„Vielleicht engagiert Ihre Mutter zunächst einen ambulanten Pflegedienst? Dann könnte sie in ihrem Haus bleiben und sich langsam an eine Betreuung gewöhnen.“
Andreas seufzte. „Das habe ich auch schon angesprochen, aber sie leugnet, dass sie Betreuung braucht. Außerdem will sie keine Fremden im Haus. Ambulante Pflegedienste können nicht immer dieselben Mitarbeiter zu ihren Patienten schicken. Die Leute wechseln, und das lehnt meine Mutter kategorisch ab.“
„Dann kommt es vermutlich auch nicht infrage, dass jemand bei ihr einzieht? Eine feste Bezugsperson?“
„Wäre meine Mutter jetzt hier, würde sie Ihnen die Freundschaft kündigen“, meinte Andreas mit einem schwachen Lächeln. „Damit hat sie mir nämlich gedroht, als ich mit dem Vorschlag kam. So verärgert habe ich sie noch nie erlebt. Ich fürchte fast, es muss erst noch schlimmer werden, bevor es besser wird.“
Es klopfte kurz, und Marie-Luise Flanitzer steckte den Kopf in das Untersuchungszimmer.
„Entschuldigen Sie bitte die Störung, aber gerade ist eine Patientin mit einer Platzwunde am Kopf hereingekommen.“
Andreas erhob sich von der Untersuchungsliege. Es gab wahrlich Bedeutsameres als die Wohnsituation seiner Mutter.
„Vielen Dank, dass Sie sich so viel Zeit für mich genommen haben, Dr. Frank.“
„Keine Ursache, Herr Kiehl. Ich habe meinen Mitarbeiterinnen das Rezept für die Physiotherapie gemailt. Lassen Sie es sich bitte von Schwester Martha ausdrucken. Vielleicht weiß sie schon Näheres wegen Ihres ersten Termins. Gute Besserung. Frau Flanitzer, Sie bringen bitte die Dame mit der Platzwunde herein und gehen mir bei dem Notfall zur Hand.“
„Sofort.“
Andreas drehte sich um. Beim Anblick der Dame, deren hellblonde Haare und gelbes Sommerkleid blutverschmiert waren, bekam er ein schlechtes Gewissen. Diese Frau war wirklich krank. Seine verspannten Muskeln hingegen – eine Lappalie.
Als Pilot musste er mit Stress umgehen können. Das hatte er gelernt, und es hatte sich auch schon manches Mal bewährt. Da glich es doch einem Armutszeugnis, wenn er sich durch die Uneinsichtigkeit seiner Mutter stressen ließ …
Seine Mutter Edith war sein wunder Punkt. Sie und ihr Ehemann hatten sich lange vergeblich ein Kind gewünscht. Kurz nachdem sie im reifen Alter von zweiundvierzig Jahren doch noch Mutter geworden war, hatte sie ihren Mann durch einen Autounfall verloren.
Trotz ihrer Trauer hatte sie sich nach Kräften bemüht, Andreas eine glückliche Kindheit zu bieten. Mit Erfolg. Wenn er heute Pilot war, dann auch dank seiner Mutter. Sie hatte nämlich nie einen Zweifel daran aufkommen lassen, dass er alles erreichen konnte, was er nur wollte.
Er wusste zu schätzen, dass sie ihm stets den Rücken gestärkt hatte. Und nun, wo ihre Kräfte nachließen, wollte er ihr etwas von ihrer Fürsorge zurückgeben. Jetzt war er an der Reihe, sich zu kümmern. Dummerweise ließ seine Mutter das nicht zu.
***
Genießerisch schloss Nellie Novak die Augen.
„Hmm, dieses Putensteak schmeckt köstlich.“
„Das liegt an meiner Kräuterbutter“, erklärte Alexandra Schubert stolz. „Kerbel, sage ich nur. Meine Geheimzutat.“
„Na ja, möglicherweise schmeckt das Putensteak auch deshalb so gut, weil es auf den Punkt genau gegrillt wurde“, warf Stefan Frank ein. „Und zwar von mir.“
„Ich glaube, es liegt am Zusammenspiel von einem perfekt gegrillten Putensteak und perfekter Kräuterbutter – mit Kerbel“, befand Nellie Novak schmunzelnd und sah ihre beste Freundin an, die gerade aus Norddeutschland zu Besuch war. „Was meinst du, Malgorzata?“
„Unbedingt“, stimmte die junge Frau mit den langen hellbraunen Haaren zu. „Übrigens finde ich, dass Kerbel sträflich unterschätzt wird.“
„Ganz meine Meinung“, pflichtete Alexandra Schubert, Dr. Franks Lebensgefährtin, dem Gast bei. „Bei welchem Gericht nehmen Sie ihn denn am liebsten?“
„Für mich ist er das i-Tüpfelchen in jeder Gemüsesuppe. Erst recht bei Kopfschmerzen. Wenn jemand im Seniorenheim Kopfschmerzen hat, streue ich Kerbel auf die Suppe, und die Leute fühlen sich nach dem Essen durch die Bank besser. Ob es tatsächlich am Kerbel liegt oder ob der Glaube Berge versetzt – ich kann mit beidem leben.“
„Irgendwo habe ich einmal gelesen, dass Kerbel gut gegen Kopfschmerzen ist“, meinte Alexandra Schubert nachdenklich. „Und schaden kann er ja auf keinen Fall.“
„Ich wünschte, unsere Köchin könnte Sie hören.“ Malgorzata lächelte. „Sie ist nämlich nicht begeistert, wenn ich mit dem Kerbel anrücke. Ihre Gemüsesuppe muss nicht nachgewürzt werden, sagt sie, und das stimmt. Die Frau kocht seit zehn Jahren für uns und ist die beliebteste Mitarbeiterin im Haus.“
„Nach dir , meinst du wohl.“ Nellie stupste ihre Freundin mit dem Ellenbogen. „Jedes Mal, wenn ich dich im Seniorenheim abholen will, fange ich mir giftige Blicke ein.“
„Du übertreibst.“
„Keineswegs! Manchmal muss mich sogar rechtfertigen. Die ehemalige Ballettlehrerin, zum Beispiel, hat mich gefragt, wann genau denn der Kinofilm anfängt, den wir uns ansehen wollen. Als würde ich lügen. Ich hätte fast strammgestanden.“
„Ach, die liebe Frau Heer.“ Malgorzata nippte an ihrer Weißweinschorle. „Eine Seele von Mensch. Sie musste immer streng sein, sonst hätten ihr die Ballettschülerinnen auf der Nase herumgetanzt.“
„Und bei der Weihnachtsfeier habe ich dich kaum zu Gesicht bekommen, weil dich ständig ein anderer Heimbewohner zum Tanzen aufgefordert hat“, fuhr Nellie fort. „Aber ich sollte besser nicht erwähnen, wie beliebt du bist. Sonst wirst du sentimental und kündigst nie.“
„Ach, Sie wollen sich beruflich verändern?“, fragte Alexandra Schubert interessiert und spießte einen gegrillten Champignon auf.
Malgorzata zuckte mit den Schultern.
„Mein Job gefällt mir gut, aber ich bin jetzt seit sechs Jahren dort und möchte noch etwas anderes kennenlernen. Meinen Horizont erweitern. Gern auch mehr gestalten.“
„Das kann ich gut verstehen“, sagte Stefan Frank. „Wenn man schon einige Jahre Erfahrung hat, entwickelt man die eine oder andere Idee. Die möchte man natürlich auch umsetzen.“
„Genau.“ Malgorzata nickte eifrig. „Ich will das Rad ja nicht neu erfinden. Aber ich bin lange genug dabei, um zu wissen, was man verändern könnte, damit die Arbeit noch besser funktioniert.“
„Und in dem Seniorenheim, in dem Sie jetzt arbeiten, kommen Ihre Ideen nicht gut an?“, folgerte Alexandra Schubert.
Die Altenpflegerin suchte nach den richtigen Worten. Sie wollte nicht illoyal sein.
„Ich habe einen sehr netten, gewissenhaften Chef, der gern an bewährten Strukturen festhält“, antwortete sie schließlich.
Alexandra lächelte wissend.
„Er ist vom alten Schlag und reagiert auf neue Ideen gern mit dem Satz ‚Das haben wir noch nie so gemacht‘?“
„So ungefähr“, räumte Malgorzata ein.
„Den Satz kenne ich.“ Alexandra verdrehte die Augen. „Einer der Gründe, warum ich mich selbstständig gemacht habe.“
„Selbstständigkeit – das wär was“, sagte die Altenpflegerin mit einem sehnsüchtigen Unterton. „Dafür müsste ich in der Hierarchie allerdings weiter oben sein. Jemanden aus der zweiten Reihe nimmt ja niemand ernst.“
„Ein Grund mehr, den Job zu wechseln“, meinte Nellie resolut und nahm sich eine Scheibe Baguette. „Aufsteigen kannst du in dem Seniorenheim in absehbarer Zeit nicht. Und wer mag schon ewig warten oder sich auf den Zufall verlassen? Du willst doch nicht versauern!“
„Falls Sie Ihre Chancen ausloten möchten: In München werden händeringend Fachkräfte für die Altenpflege gesucht.“ Stefan Frank reichte die Salatschüssel herum.
„Und nicht nur dort“, ergänzte Alexandra Schubert. „Ein Kollege von mir bietet regelmäßig Sprechstunden in einem Seniorenheim am Starnberger See an. Die Leiterin sucht ebenfalls dringend Fachkräfte. Das Heim gleicht eigentlich eher einem Luxushotel. Seeblick, feinstes Essen, übertarifliche Bezahlung …“
„Klingt herrlich“, sagte Malgorzata beeindruckt. „Nellie und ich waren vorgestern am Starnberger See. Das ist schon ein anderer Ausblick als der, den ich in Cloppenburg habe – auf ein Maisfeld und den Stall eines Schweinezüchters.“
„Worauf wartest du?“, fragte Nellie aufgekratzt. „Mehr als ablehnen können sie dich ja nicht. Und stell dir vor, du kriegst eine Zusage! Du würdest endlich wieder in meiner Nähe wohnen, und wir könnten uns ständig sehen.“
Stefan Frank stand auf.
„Entschuldigt mich bitte kurz, die Tomaten-Schafskäse-Päckchen müssten jetzt gar sein.“
Er ging an das andere Ende der Terrasse und nahm einen Teller von dem kleinen Tisch, der neben dem Grill stand. Gerade streckte er die freie Hand nach der Grillzange aus, als er sah, wie Andreas Kiehl am Gartenzaun vorbeiging. Vorbei stürmte traf es eher. Und zwar mit so grimmiger Miene, dass der Arzt zweimal hingucken musste, um sicher zu sein, dass es sich um seinen Patienten handelte.
Entweder war der Mann in Gedanken, oder er wollte Stefan Frank nicht sehen. Der spielte kurz mit der Idee, Andreas Kiehl grußlos vorübergehen zu lassen. Vielleicht musste der Pilot Dampf ablassen, und man störte ihn besser nicht.
Doch erstens widersprach es Dr. Franks Naturell, einen Bekannten nicht zu grüßen, wenn er ihm begegnete, und zweitens wirkte dieser spezielle Bekannte nicht nur mürrisch, sondern auch unglücklich …
„Guten Abend, Herr Kiehl!“, rief er und wappnete sich gegen eine barsche Reaktion.
Die Stimme riss Andreas aus seinen Überlegungen. Abrupt blieb er stehen.
„Ach, Dr. Frank.“ Er hörte selbst, dass er barsch klang, und räusperte sich. „Guten Abend. Tut mir leid, ich war gerade ganz woanders. Gedanklich, meine ich.“
„Wir grillen. Mögen Sie uns nicht Gesellschaft leisten? Es ist reichlich Essen da.“
Andreas musste an den hochmodernen Grill denken, der auf dem Balkon seines Appartements in München stand. Wann hatte er den eigentlich zum letzten Mal benutzt? Er wusste es nicht. In diesem Jahr kein einziges Mal, so viel stand fest. Dabei war Grillen eine gemütliche Sache. In letzter Zeit war seine Stimmung leider eher ungemütlich gewesen.
Er zwang sich zu einem höflichen Lächeln.
„Vielen Dank, lieber nicht. Ich –“, begann er und hatte keine Ahnung, wie er den Satz beenden sollte. Meine Güte, es ist doch nicht so schwer, sich eine Ausrede einfallen zu lassen, schalt er sich ungeduldig.
„Sie sind herzlich eingeladen“, versicherte Stefan Frank. Er legte ein Putensteak neben ein Tomaten-Schafskäse-Päckchen und hielt Andreas den Teller hin. „Mein Putensteak kommt heute besonders gut an.“
„Vor allem mit meiner Kräuterbutter!“ Alexandra trat zu den beiden Männern. „Guten Abend, Herr Kiehl. Sie sind genau der Mann, den wir brauchen. Wir schmieden nämlich gerade Urlaubspläne, und Sie sind so viel herumgekommen. Dürfen wir Sie ein bisschen löchern? Genug Zeit zum Essen lassen wir ihnen natürlich, versprochen. Sie gesellen sich doch zu uns?“
Ein verlockender Duft stieg Andreas in die Nase. Der Teller, den sein Hausarzt ihm hinhielt, sah aber auch wirklich appetitlich aus. Dr. Frank lächelte ihn freundlich an, genau wie seine Lebensgefährtin.
Mit jeder Sekunde, die verstrich, konnte er weniger glaubhaft einen Termin vorschützen. Und wenn er ehrlich war, wusste er auch gar nicht, warum er eine Ausrede vorbringen sollte.
Die beiden Menschen auf der anderen Seite des Gartenzauns strahlten so etwas Positives, Einladendes aus. Etwas, mit dem er sich gern länger umgeben wollte, statt nach Hause zu fahren und sich – mal wieder – über seine Mutter zu ärgern. Die Aussicht, den milden Sommerabend einfach zu genießen, unbeschwert, wie diese Leute es taten, war verlockend.
„Sehr gern“, sagte er also und spürte, wie die Last auf seinen Schultern ein wenig leichter wurde. „Vielen Dank.“
***
Eine halbe Stunde später war Andreas heilfroh, dass er sich einen Ruck gegeben hatte. Er fühlte sich wohl wie seit Wochen nicht.
Auch das zweite Putensteak schmeckte hervorragend. Er nahm sich fest vor, den Grill auf seinem Balkon bei nächster Gelegenheit zu reaktivieren. Nicht mehr so viel zu grübeln. Mehr Zeit mit seinen Freunden zu verbringen – oder auch seinen Freundeskreis zu erweitern.
Verstohlen blickte er zu der hübschen brünetten Frau, die zwischen Nellie Novak und Alexandra Schubert saß. Ihre haselnussbraunen Augen strahlten so lebensfroh, und wenn sie lächelte, was sie oft tat, zeigte sich ein reizendes Grübchen an ihrem rechten Mundwinkel.
Aber ihre Stimme erst … Andreas hatte noch nie eine derart schöne Stimme gehört. Nicht zu hoch und nicht zu tief, nicht zu laut und nicht zu leise. Genau richtig.
Wenn Malgorzata Kowalski sprach, überkam Andreas eine merkwürdige Ruhe. Als würde sein Herz langsamer schlagen, ganz entspannt. Gleichzeitig richteten sich die feinen Härchen an seinen Unterarmen auf, aber ohne den kalten Schauer, der sonst damit einherging. Es war ein warmes, angenehmes Gefühl.
Gewissenhaft notierte Nellie Novak den Namen eines kleinen Hotels, das der Pilot ihr gerade in Madrid empfohlen hatte.
„Mein Freund wird begeistert sein“, sagte sie. „Er mag nämlich keine unpersönlichen Bettenburgen. Vielen Dank für den Tipp, Herr Kiehl.“
„Keine Ursache.“
„Wo wollen Sie eigentlich Ihren nächsten Urlaub verbringen?“, erkundigte sich Stefan Frank bei seinem Patienten.
„Ich habe noch keine Pläne. Den letzten Urlaub habe ich in München verbracht, weil ich es schön fand, mal zwei Wochen am Stück in derselben Stadt zu verbringen.“
„Gibt es überhaupt ein Land, in dem Sie noch nicht waren?“, fragte Alexandra Schubert.
„Ja. Polen“, improvisierte Andreas in der Hoffnung, richtig kombiniert zu haben. Kowalski war ein typisch polnischer Nachname, und der Vorname Malgorzata klang ebenfalls polnisch. Vielleicht bot sich ihm hier die Chance, näher mit seinem hübschen Gegenüber ins Gespräch zu kommen?
Und richtig.
„Na, da kann Malgorzata Ihnen Tipps in Hülle und Fülle geben“, meinte Nellie Novak und blickte ihre Freundin auffordernd an.
„Ach, wirklich?“, fragte Andreas interessiert.
Malgorzata nickte. „Meine Eltern stammen aus Polen. Ich bin zwar in Deutschland geboren, aber in den Ferien sind wir immer in die Heimatstadt meiner Eltern gefahren. Breslau.“
„Was für ein glücklicher Zufall! War Breslau nicht vor ein paar Jahren europäische Kulturhauptstadt?“, fragte Andreas in der inständigen Hoffnung, nicht völlig danebenzuliegen.
Sie nickte anerkennend.
„Stimmt. 2016 war das. Ich kenne nicht viele Leute, die das wissen – außerhalb von Polen.“
„Mein Wissen ist in dem Punkt leider sehr begrenzt“, wiegelte er ab und versuchte, sein Lächeln nicht allzu breit ausfallen zu lassen. „Und auch nicht aus erster Hand. Ich habe damals nur ein paar Zeitungsartikel über Breslau gelesen. Darin wurde die Stadt sehr gelobt. Und zu jedem Artikel gehörte ein Foto vom Rathausplatz, das habe ich noch in Erinnerung. Sehr malerisch.“
„Der Rynek, richtig.“ Wieder nickte Malgorzata.
„Ich würde mich wirklich freuen, wenn Sie mir ein paar Tipps für eine Städtereise geben könnten, Frau Kowalski.“
„Gern. Polen ist ja nicht gerade ein beliebtes Reiseland. Da muss ich doch die Gelegenheit nutzen, einen potenziellen Reisenden zu informieren, wie schön Breslau ist.“
„Wie wäre es, wenn Sie das beim Essen tun? Ich lade Sie selbstverständlich ein. In München gibt es doch bestimmt ein nettes Lokal mit polnischen Spezialitäten, die Sie mir empfehlen können?“
„Das weiß ich gar nicht, ich bin nur zu Besuch hier.“
„Ach, Sie wohnen gar nicht …“ Weiter kam Andreas nicht.
„Ein Restaurant in Schwabing serviert den besten Bigos jenseits von Polen“, meldete Nellie sich rasch zu Wort. „Das ist ein Eintopf.“
Leicht verunsichert sah der Pilot Nellie an. Offenbar wollte sie mit von der Partie sein. Nicht, dass sie einen unfreundlichen Eindruck gemacht hätte. Aber die Aussicht, zu dritt am Tisch zu sitzen, trübte seine Vorfreude erheblich. Natürlich durfte er sich das nicht anmerken lassen. Malgorzata fand es bestimmt nicht lustig, wenn er ihre Freundin unhöflich behandelte.
„Aha“, erwiderte er gedehnt. „In dem Fall darf ich Sie beide dorthin zum Essen einladen?“
„Nein, nein.“ Lachend winkte Nellie ab. „So meinte ich es nicht. Malgorzata ist diejenige mit dem Fachwissen über Breslau. Ich gebe ihr die Adresse von dem Restaurant.“
Andreas zögerte. Wollte Frau Novak doch nicht mit von der Partie sein? Vielleicht meinte sie es nur höflich und wartete in Wirklichkeit darauf, dass er die Einladung überzeugender aussprach?
„Sie sind wirklich herzlich eingeladen, Frau Novak“, beteuerte er in der Hoffnung, die Unwahrheit möge ihm nicht die Schamesröte ins Gesicht treiben.
Jetzt bereute Nellie, dass sie sich so ins Zeug gelegt hatte. Dabei hatte sie doch nur vermeiden wollen, dass Malgorzata mangels Ortskenntnissen ein Date mit diesem attraktiven Piloten entging … Im Eifer des Gefechts hatte sie wohl übertrieben. Seit sie selbst glücklich verliebt war, wünschte sie sich, dass auch ihre beste Freundin so ein Glück fand.
„Das ist sehr freundlich von Ihnen, aber ich passe“, sagte sie entschieden. „Ich wollte nur mit einem Restauranttipp aushelfen, weil Sie danach fragten und Malgorzata sich in München nicht gut auskennt.“
„Ach so. Ja, dann …“ Andreas zog eine Visitenkarte aus der Innentasche seines dunkelblauen Leinensakkos und reichte sie Malgorzata. „Melden Sie sich einfach, wenn Sie Zeit haben. Ich richte mich ganz nach Ihnen.“
„Danke.“ Sie beugte sich vor und nahm die Visitenkarte, darauf bedacht, seine Fingerspitzen nicht zu berühren. Schließlich wollte sie kein falsches Signal senden. Es kam sicher oft vor, dass Frauen Herrn Kiehl Avancen machten. Sie wollte nicht, dass er sie mit denen in einen Topf warf.
Malgorzata fühlte Nellies gespannten Blick auf sich ruhen und widerstand der Versuchung, ihre Freundin tadelnd anzusehen.
Zugegeben, Andreas Kiehl machte einen sympathischen Eindruck. Obendrein sah er blendend aus. Aber ein Pilot, der durch die Welt reiste und ständig von schönen, perfekt gestylten Stewardessen umgeben war, wollte von einer ungeschminkten Altenpflegerin aus der Provinz bestimmt nur eines: Tipps für seine Städtereise.
Im selben Moment überraschte Andreas sich selbst mit der Überlegung, ob Malgorzata ihn auch wirklich anrufen würde. Bisher war er bei jeder Frau, der er seine Telefonnummer gegeben hatte, sicher gewesen, dass sie sich melden würde. Früher oder später hatte das auch jede Frau getan.
Heute kam ihm zum ersten Mal der Gedanke, seine Visitenkarte könnte unbeachtet in einer Schublade landen. Oder gar im Papierkorb.
Am liebsten hätte er Malgorzata eine Visitenkarte in jede Tasche ihrer knöchellangen weißen Jeans gesteckt – und ihr zur Sicherheit auch noch eine hinter jedes Ohr geklemmt.
Wie selbstverständlich wanderte sein Blick zu ihrem Oberteil, einer rosafarbenen kurzärmeligen Baumwollbluse. Nein, keine Brusttaschen, in der man eine Visitenkarte hätte deponieren können, stellte er fest.
In der nächsten Sekunde wurde ihm klar, wie sein Blick aufgefasst werden könnte. Hastig senkte er den Kopf, starrte peinlich berührt auf seinen leeren Teller und rief seine verräterischen Augen zur Ordnung. Er war doch kein dummer Schüler mehr, sondern ein Mann von neununddreißig Jahren, der sich im Griff hatte! Seine Kehle fühlte sich plötzlich wie ausgetrocknet an.
Da schob sich eine Hand in sein Blickfeld. Eine Hand mit einer Flasche.
„Noch etwas Wasser, Herr Kiehl?“, fragte Dr. Frank höflich.
„Ja, bitte“, krächzte Andreas. Er hätte schwören mögen, dass der Arzt ihn durchschaute. Dankbar trank er das Glas in einem Zug halb leer.
„Wie lange bleiben Sie denn in Grünwald, Frau Kowalski?“, erkundigte sich Stefan Frank.
„Noch zehn Tage – falls Nellie es so lange mit mir aushält“, fügte die Altenpflegerin augenzwinkernd hinzu. „Ich neige nämlich dazu, mich auszubreiten. Vor allem in ihrer Küche.“
Nellie schmunzelte. „Du bist ein absolut problemloser Hausgast. Außerdem kommen wir uns in der Küche nicht in die Quere, weil ich ungern koche. Ich habe nur etwas dagegen, dass du so oft in der Küche bist, weil meine Bikinifigur dank deiner Köstlichkeiten in weite Ferne rückt.“
„Apropos Köstlichkeiten“, warf Dr. Frank ein. „Lassen Sie uns doch den Kuchen anschneiden, den Sie netterweise mitgebracht haben.“ Er stand auf und verschwand im Haus.
„Sie kommen also gar nicht aus dieser Gegend, Frau Kowalski?“, fragte Andreas.
„Nein, ich wohne in Niedersachsen. Cloppenburg, um genau zu sein.“
„Ach. Niedersachsen“, wiederholte er langsam, ohne zu wissen, warum es ihn störte, dass die hübsche Frau so weit entfernt lebte.
„Ja, daher kennen wir uns“, erzählte Nellie. „Ich habe ja selbst lange in Cloppenburg gewohnt. Nun hoffe ich, dass Malgorzata es mir nachmacht und auch herzieht. Oder zumindest in die Nähe.“
„Was hält Sie denn in Cloppenburg? Familie?“, fragte Andreas mit einer für ihn ganz ungewohnten Distanzlosigkeit, während Dr. Frank mit einer Tortenplatte zurückkehrte.
Als Malgorzata nickte, spürte er, wie sein Herz aus unerfindlichen Gründen ein wenig sank.
„Meine Eltern und mein jüngerer Bruder leben dort“, erklärte sie.
Also weder Ehemann noch Kinder. Andreas fragte sich, warum diese Information eine solche Erleichterung in ihm auslöste. Irgendwie war heute ein komischer Tag.
„Die hätten bestimmt Verständnis dafür, wenn du umziehst, weil du dich beruflich verbessern kannst“, meinte Nellie. „Außerdem wärst du ja nicht aus der Welt.“
„Ich komme nicht ganz mit“, gestand Andreas. „Sie können sich in Bayern beruflich verbessern, Frau Kowalski?“
„Vielleicht. Ich habe mich noch nirgendwo beworben, aber alle hier am Tisch sagen, es wäre ein Klacks, eine gute Stelle zu finden.“
„Man würde dir den roten Teppich ausrollen“, bekräftigte Nellie. „Eine ausgebildete Altenpflegerin mit Berufserfahrung – die Leute würden sich um dich reißen. Genau wie um deinen Sernik.“ Sie zeigte auf den Kuchen, den Stefan Frank inzwischen in Stücke geschnitten und verteilt hatte.
„Weck bitte nicht so hohe Erwartungen“, wehrte ihre beste Freundin betreten ab. „Käsekuchen mit Rosinen ist nicht jedermanns Sache.“
Alexandra Schubert stach mit der Kuchengabel eine Ecke ab und probierte.
„Also, dies ist der beste Käsekuchen, den ich je probiert habe“, sagte sie entschieden.
„Sag ich doch.“ Nellie lächelte zufrieden.
„Na, angesichts deiner Lobeshymne kann man ja auch schlecht etwas anderes sagen“, meinte Malgorzata ein wenig verlegen.
„Nein, es stimmt wirklich“, beteuerte Andreas nach der ersten Kostprobe. „Dieser Kuchen ist Spitzenklasse.“
„Danke. Das Rezept stammt von meiner Oma.“
„Dann gebührt Ihrer Oma ein großes Lob für das Rezept und Ihnen ein großes Lob für die Umsetzung. Ich kann Ihrer Freundin nur recht geben: Um diesen Kuchen wird man sich ebenso reißen wie um eine ausgebildete Altenpflegerin mit Berufserfahrung.“
Malgorzata sah ihm in die Augen, und plötzlich fragte sie sich, warum sie eigentlich noch zögerte.
Zur selben Zeit wünschte Andreas, sie würde schon im Raum München arbeiten, bei einem ambulanten Pflegedienst oder in einem Haus für betreutes Wohnen. Eine liebenswürdige Person wie Frau Kowalski könnte vielleicht sogar seine Mutter überzeugen, aus den eigenen vier Wänden auszuziehen und sich dadurch – genau wie ihrem Sohn – das Leben leichter zu machen. Zumal Edith Kiehl eine Schwäche für Käsekuchen hatte.
Träumen darf man ja, sagte er sich mit leisem Bedauern, weil die Realität anders aussah.
***
Am folgenden Morgen wollte Stefan Frank gerade die Kaffeemaschine einschalten, als das Telefon klingelte. Er spähte auf den kleinen Bildschirm. Die Nummer, die aufleuchtete, sagte ihm nichts.
„Stefan Frank“, meldete er sich.
„Oh, zum Glück sind Sie daheim, Dr. Frank!“, rief eine Frau, der die Erleichterung deutlich anzuhören war.
„Mit wem spreche ich denn?“
„Hier ist Edith Kiehl. Können Sie wohl bei mir vorbeikommen? Jetzt gleich? Ich bin gestürzt! Meine rechte Hand tut furchtbar weh. Sie ist auch ganz geschwollen.“
Stefan Frank blickte auf seine Armbanduhr. In einer halben Stunde begann die Sprechstunde.
„Ich fahre sofort los“, sagte er, legte auf und schaltete die Kaffeemaschine aus.
Rasch lief er die Holztreppe hinunter, die seinen Wohnbereich mit der Praxis verband. Er schrieb einen Zettel für seine beiden Mitarbeiterinnen, damit die sich nicht wunderten, wo er steckte, wenn sie gleich ins Doktorhaus kamen. Dann schaute er in den Patientenunterlagen nach, wo genau Edith Kiehl wohnte, und schnappte seinen Autoschlüssel.
Wenig später parkte er vor einem weißen Einfamilienhaus am Rand von Grünwald. Im Vorgarten säumten adrette Blumenbeete den kurzen Rasen.
Stefan Frank nahm seinen Arztkoffer und stieg aus. Er sah, wie sich eine Gardine bewegte, und gleich darauf öffnete Edith Kiehl die Tür.
„Vielen Dank, dass Sie gleich hergekommen sind!“, rief sie mit schmerzverzerrtem Gesicht, die linke Hand schützend an den rechten angewinkelten Ellenbogen gelegt. Ihre rechte Hand war in der Tat deutlich geschwollen.
„Guten Morgen, Frau Kiehl.“ Dr. Frank trat ins Haus, schloss die Tür hinter sich und stellte seinen Arztkoffer in der Diele ab.
Blass sank Edith auf einen hellbraunen Holzstuhl, der neben einem gläsernen Telefontischchen stand.
„Mir wird ganz blümerant“, stöhnte sie.
„Ich gebe Ihnen sofort etwas gegen die Schmerzen.“ Stefan Frank ließ den Arztkoffer aufschnappen und zog einen Blister mit Tabletten heraus. „Wo bekomme ich am schnellsten ein Glas Wasser für Sie her?“
„In der Küche, erste Tür links.“ Sie machte eine Kopfbewegung in die Richtung, denn sie traute sich nicht, ihren rechten Arm loszulassen. Womöglich wurden die Schmerzen dann noch ärger.
„Gut. Ich bin sofort wieder bei Ihnen.“ Er eilte in die Küche und kehrte mit einem Glas Wasser zurück, das er seiner Patientin hinhielt.
„Nein, ich kann es nicht halten“, meinte sie ängstlich und saß stocksteif da, den rechten Arm nach wie vor angewinkelt und die linke Hand um den rechten Ellenbogen gelegt. „Sie müssen mir die Tablette auf die Zunge legen und mir das Glas an die Lippen halten.“ Sie streckte die Zunge heraus.
Stefan Frank unterdrückte einen Seufzer. Edith Kiehl war noch nie die pflegeleichteste Patientin gewesen, und in dieser Stresssituation würde sie es auch sicher nicht werden.
„In Ordnung“, sagte er und stellte das Glas kurz auf den Tisch, um die Tablette aus dem Blister zu drücken.
Edith zog die Zunge wieder zurück und blickte auf die Tablette.
„Oje, so ein Riesending. Wie soll ich das bloß herunterkriegen?“
„Das hat bis jetzt noch jeder Erwachsene geschafft, und Sie schaffen es auch“, sprach Dr. Frank ihr Mut zu. „Bedenken Sie, dass Ihre Schmerzen dann nachlassen, Frau Kiehl. Sie wollen sich doch nicht länger damit herumplagen als nötig.“
„Also gut, wenn es denn sein muss …“ Sie öffnete den Mund leicht und starrte auf die weiße Tablette wie das Kaninchen auf die Schlange.
Dr. Frank schob ihr die Tablette zwischen die Lippen und hielt ihr das Wasserglas vor den Mund. Edith Kiehl nahm einen großen Schluck, kniff die Augen zusammen und schluckte. Sie öffnete die Augen wieder, trank noch einen Schluck und einen dritten.
„Ich merke noch gar nichts“, keuchte sie angestrengt.
„Die Wirkung stellt sich gleich ein“, versicherte Dr. Frank. „Wie genau sind Sie denn gestürzt, Frau Kiehl?“
„Ich wollte Teewasser aufsetzen, wie jeden Morgen, da bin ich mit dem Fuß an der Teppichkante hängen geblieben.“ Anklagend blickte sie auf den beigefarbenen Läufer im Flur. „Ich weiß noch, dass ich mit den Armen gerudert habe, aber es hat nichts genützt. Plötzlich lag ich auf dem Boden und hatte diesen stechenden Schmerz in der rechten Hand.“
„Wissen Sie noch, ob Sie auf die ausgestreckte Hand gefallen sind?“
„Ja, das bin ich. Ich wollte den Sturz ja abfangen.“
Dr. Frank nickte. „Möchten Sie noch einen Schluck Wasser trinken?“
„Nein, danke. Igitt, Wasser auf nüchternen Magen, das ist überhaupt nicht mein Fall. Ob Sie mir vielleicht schnell einen Tee aufbrühen könnten?“
„Ich fürchte, das fällt nicht unter Erste Hilfe, Frau Kiehl. Wichtig ist jetzt, herauszufinden, was für eine Verletzung Sie haben und welche Therapie Sie brauchen. Dafür muss ich Ihren Arm untersuchen. Darf ich?“ Er stellte das Glas auf den Tisch und kniete sich vor seine Patientin.
Widerstrebend nahm sie die linke Hand vom rechten Ellenbogen und ließ zu, dass der Arzt behutsam ihren verletzten Arm abtastete.
„Ja, das ist eine ordentliche Schwellung“, bestätigte er. „Können Sie das Handgelenk strecken und beugen?“
„Nein, unmöglich.“
Vorsichtig bewegte er einen Finger nach dem anderen.
„Aua!“, rief seine Patientin. „Das tut ja mordsmäßig weh.“
„Verzeihung, Frau Kiehl. Der Druckschmerz, den Sie empfinden, ist typisch für einen Bruch des Handgelenks.“
Edith riss die Augen auf.
„Ein Bruch? Oh nein!“
„Leider ja. Wie fühlen sich Ihre Finger an? Kribbeln sie?“
„Sehr. Ist das etwa auch typisch für einen Bruch?“
„Richtig. Sie müssen sich im Krankenhaus röntgen lassen, damit geklärt wird, ob es ein unkomplizierter Bruch ist, für den ein Gips reicht, oder ob Sie operiert werden müssen.“
„Operiert!“, wiederholte sie entsetzt. „Ich bin noch nie in meinem Leben operiert worden!“
„Und ich drücke Ihnen beide Daumen, dass es auch heute nicht nötig sein wird. Durch Abtasten allein kann man das allerdings nicht feststellen, deshalb müssen Sie in eine Klinik.“
„Na gut.“ Edith seufzte ergeben. „In meinem Zustand kann ich aber kein Telefon halten. Rufen Sie bitte meinen Sohn an, damit er mich in die Klinik fährt?“
Stefan Frank wies sie nicht darauf hin, dass ihre linke Hand funktionstüchtig war. Auch nicht, dass sie den Anruf bei ihm gut gemeistert hatte. Vielleicht war es besser, wenn sie jetzt nicht selbst aufgeregt ihren Sohn verständigte.
„Andreas‘ Nummer ist als Kurzwahl eingespeichert“, erklärte sie, als Dr. Frank das Telefon vom Glastisch nahm. „Taste eins, das ist sein Anschluss daheim. Und mit Taste zwei erreichen Sie ihn auf dem Handy.“
***
Auch an diesem Abend kam Andreas an Dr. Franks Haus vorbei. Heute allerdings nicht zufällig, und auch nicht zu Fuß. Nein, diesmal fuhr er hin, mit voller Absicht, und zwar auf dem kürzesten Weg.
Stefan Frank stand im Vorgarten und goss seine Rosen, als Andreas aus dem Auto stieg. Der Pilot verlor keine Zeit.
„Grüß Gott, Dr. Frank! Haben Sie fünf Minuten für mich?“
„Ach, grüß Gott, Herr Kiehl. Sicher, kommen Sie nur herein.“
Andreas öffnete das Gartentor, während sein Hausarzt die Gießkanne neben die Regentonne stellte.
„Ich möchte Ihnen ganz herzlich danken, weil Sie meine Mutter heute Morgen ärztlich versorgt haben.“
Dr. Frank winkte ab.
„Das war doch selbstverständlich, schließlich ist Ihre Mutter seit Jahren meine Patientin. Wie geht es ihr denn?“
„Einerseits gut, weil sie nicht operiert werden muss. Ein Gips reicht.“
„Dann war es also kein komplizierter Bruch. Glück im Unglück.“
„Ja. Die Bruchenden waren praktisch nicht verschoben, hat die behandelnde Ärztin gesagt. Auch sonst ist meine Mutter glimpflich davongekommen. Sie hat keinerlei Begleitverletzungen an den Bändern oder in der Schulter.“
„Das freut mich.“
„Allerdings hat sie sehr ungern gehört, dass Handgelenksbrüche bei älteren Frauen öfter vorkommen, weil deren Knochen abgenutzt und nicht mehr so stabil sind.“
Stefan Frank schmunzelte.
„Ja, ich kann mir vorstellen, dass die Information bei Ihrer Mutter nicht gut ankam.“
„Was mich zum zweiten Grund meines Besuches bringt“, meinte Andreas. „So geht es nicht weiter, Dr. Frank. Heute habe ich frei, also konnte ich meine Mutter ins Krankenhaus fahren und mich um sie kümmern, aber morgen starte ich zu einer Vier-Tages-Tour nach Osteuropa. Ich kann nicht immer zur Stelle sein, wenn meiner Mutter etwas zustößt.“
„Nein, natürlich nicht.“
Andreas strich sich die braunen Haare aus der Stirn.
„Es muss sich etwas ändern. Der Sturz war der Tropfen, der mein Geduldsfass zum Überlaufen gebracht hat. Von mir aus soll meine Mutter in ihrem Haus bleiben, aber dann braucht sie jemanden, der nach ihr sieht. Darum bin ich hier.“
Stefan Frank zog die Brauen hoch.
„Ich verstehe nicht recht. Sie möchten, dass ich …?“
„Nein, nein, nicht Sie“, sagte Andreas schnell. „Ich habe mich missverständlich ausgedrückt. Was ich meine, ist: Wissen Sie, wie ich Frau Kowalski erreiche? Die möchte ich nämlich bitten, sich für ein paar Tage um meine Mutter zu kümmern.“
„Oh. Also, Frau Kowalskis Telefonnummer habe ich nicht, aber sie wohnt ja bei Frau Novak, und deren Nummer steht im Telefonbuch.“
„Vielen Dank. Ich hatte gehofft, dass Sie mir weiterhelfen können.“ Andreas zögerte. „Ich weiß, ich bin anmaßend. Schließlich hat Frau Kowalski Ferien. Aber es muss einfach etwas passieren, und sie wirkt so sympathisch. Einen Versuch ist es wert“, machte er sich selbst Mut.
***
Zehn Minuten später stand Andreas vor einem Mietshaus und drückte die Klingel mit dem Namen Novak. Es knackte, und aus dem viereckigen Lautsprecher ertönte eine Frauenstimme.
„Hallo?“
„Grüß Gott, hier ist Andreas Kiehl. Entschuldigen Sie bitte die Störung. Ich würde gern kurz Frau Kowalski sprechen. Ist das möglich?“
Eine gefühlte Ewigkeit kam keine Antwort, dann ertönte das ersehnte Summen, und Andreas konnte die Tür aufstoßen.
Die linke Tür im Erdgeschoss war offen. Malgorzata stand auf der Schwelle. Sie sah überrascht aus – und zwar nicht positiv überrascht, stellte Andreas fest.
In der nächsten Sekunde fiel der Groschen. Sie hält mich für einen aufdringlichen Verehrer, schoss es ihm durch den Kopf. Dieses Missverständnis musste er sofort aufklären.
„Guten Abend, Frau Kowalski. Verzeihung, dass ich hereinplatze. Es geht um meine Mutter.“
„Ihre Mutter?“, wiederholte Malgorzata verblüfft. War das eine Taktik, mit der sich Stalker Zutritt zur Wohnung ihrer Opfer verschaffen wollten?
„Ja. Sie hat sich heute Morgen bei einem Sturz das Handgelenk gebrochen.“
Die hübsche Altenpflegerin zog die Stirn kraus.
„Ach, das tut mir leid.“
„Ich hatte Ihnen ja meine Visitenkarte gegeben, aber unter den veränderten Umständen kann ich nicht darauf warten, dass Sie mich anrufen – oder vielleicht auch nicht. Ich habe Dr. Frank gefragt, wie man Sie erreichen kann. Er sagte, dass Sie bei Frau Novak wohnen und diese im Telefonbuch steht. Dann sah ich die Adresse im Telefonbucheintrag und dachte: Versuch dein Glück.“
Malgorzata fragte sich, worauf er hinauswollte.
„Ich verstehe nicht, was ich mit Ihrer Mutter zu tun habe, Herr Kiehl.“
„Nein, natürlich nicht. Wie auch? Ich fürchte, ich muss etwas weiter ausholen. Geben Sie mir bitte zehn Minuten, Frau Kowalski?“
Sie verschränkte die Arme vor dem Oberkörper.
„Ich kann Sie nicht hereinbitten. Dies ist Nellies Wohnung. Sie ist unterwegs, und es käme mir falsch vor, während ihrer Abwesenheit jemanden hereinzulassen.“
„Selbstverständlich. Ich wollte mich auch gar nicht selbst einladen, sondern Sie bitten, mich zum Italiener an der Ecke zu begleiten. Damit ich Ihnen mein Anliegen erklären kann. Der Koch ist berühmt für seine Antipasti.“
Das jedenfalls stimmte, wusste Malgorzata, denn sie war mit Nellie schon in dem Restaurant gewesen. Außerdem konnte man zu Fuß hingehen, also bestand keine Gefahr, dass ihr unangemeldeter Besucher sie in sein Auto lockte und entführte.
Andererseits hatte sie keine Lust, eine Verpflichtung einzugehen, auch wenn Andreas Kiehl sie ansah, als könnte er kein Wässerchen trüben. Vorsicht war bekanntlich die Mutter der Porzellankiste.
Also griff sie zu einer Notlüge.
„Ich habe schon gegessen, aber Ihr Anliegen können Sie mir ja auch auf einer der Bänke im Hof erklären.“
„Wie Sie möchten“, stimmte er sofort zu. Trotzdem spürte er einen leichten Stich, weil sie lieber diese Lösung wählte, statt mit ihm an einem Zweiertisch bei gedämpftem Licht, leiser Musik und delikaten italienischen Spezialitäten zu sitzen.
Auf den Holzbänken im Innenhof saß man wie auf einem Präsentierteller. Sämtliche Balkone lagen so, dass man von ihnen auf den Hof gucken konnte, und etliche Mieter nutzten sie an diesem warmen Sommerabend. Manche dösten auf Sonnenliegen, andere inspizierten ihre Blumen. Auf zwei Balkonen wurde gegrillt.
Zum Glück waren wenigstens die fünf Bänke leer. Malgorzata steuerte auf die mittlere Bank zu und setzte sich an den äußersten linken Rand. Noch zwei Millimeter weiter, und sie würde auf den Boden plumpsen, dachte Andreas pikiert. Er war nicht daran gewöhnt, dass Frauen seine Nähe mieden.
Im nächsten Moment rief er sich zur Ordnung. Wie hätte er an Frau Kowalskis Stelle reagiert? Mit gebührendem Abstand zu ihr nahm er am rechten Rand Platz.
„Ich habe folgendes Problem“, begann er. „Meine einundachtzigjährige Mutter kann weder gut sehen noch gehen. Sie lebt allein in einem Haus mit Treppen und will partout dort bleiben. Heute hat sie sich beim Sturz über eine Teppichkante das rechte Handgelenk gebrochen. Die Hand ist eingegipst, was meine Mutter als Rechtshänderin erheblich einschränkt. Sie kann sich nicht mal ein Brot schmieren.“
„Aha. Das ist natürlich unangenehm.“
„Ja. Vor allem für meine Mutter, aber auch für mich, denn ich bin ab morgen vier Tage beruflich fort.“ Er stockte. „Sie fragen sich wahrscheinlich, warum ich Ihnen das alles erzähle.“
„Ja, schon.“
„Und ich frage mich, wieso ich um den heißen Brei herumrede, statt Klartext zu reden. Vermutlich, weil mir bewusst ist, wie anmaßend meine Bitte klingen muss. Schließlich haben Sie Urlaub.“
Inzwischen ahnte Malgorzata, worauf der Pilot hinauswollte. Offenbar bat er ungern um Hilfe.
„Ich weiß ja nicht, was Sie mich fragen möchten, Herr Kiehl, aber mehr als ein Nein können Sie nicht kassieren.“
Andreas nickte. Er holte tief Luft.
„Frau Kowalski, wären Sie bereit, vorübergehend zu meiner Mutter zu ziehen und sich um sie zu kümmern? Ich zahle Ihnen eintausend Euro für eine Woche.“
„Eintausend Euro?“, wiederholte sie entgeistert.
„Ja. Ich mache mir schon länger Sorgen um meine Mutter. Sie ist allein überfordert. Ich möchte, dass sie in guten Händen ist, und bei Ihnen habe ich das Gefühl, dass sie es wäre.“
„Aber Sie kennen mich doch kaum.“
„Trotzdem vertraue ich Ihnen. Obendrein sind Sie Altenpflegerin, also passt es optimal. Das heißt: Nein, optimal natürlich nicht, denn Sie haben Urlaub. Unter normalen Umständen würde ich nicht im Traum daran denken, Sie zu bitten, Ihre Ferien zu opfern, Frau Kowalski. Aber ich weiß nicht mehr weiter.“
Seine unglückliche Miene rührte sie. Es ehrte ihn, dass er sich um seine Mutter sorgte. Vielleicht schaute er aber auch so betreten drein, weil es ihm unangenehm war, Malgorzata um ihre freien Tage zu bringen? Sie stellte fest, dass ihr diese Vorstellung gefiel.
Der Lohn für Altenpflegerinnen wuchs nicht in den Himmel. Deshalb war die Aussicht, tausend Euro in nur einer Woche zu verdienen, überaus verlockend.
Sie dachte an den neuen Kleiderschrank, für den sie sparte. Angesichts der bescheidenen Summe, die sie monatlich zurücklegen konnte, hatte sie sich ausgerechnet, dass der Schrank erst im neuen Jahr bei ihr einziehen durfte. Plötzlich rückte er in greifbare Nähe.
„Ich weiß, es ist eine Zumutung“, sagte Andreas vorsichtig. Wenigstens hatte die Frau neben ihm auf der Bank nicht gleich abgelehnt. „Urlaub ist ja dazu gedacht, sich zu erholen. Nicht, woanders zu arbeiten.“
Malgorzata winkte ab.
„Ich hatte schon zwei Wochen, um mich zu erholen. Eigentlich wollte ich gar nicht drei Wochen Urlaub nehmen, aber dies war die letzte Chance, meine Überstunden aus dem letzten Jahr abzubauen. Ich mag meine Arbeit zwar, aber so gern, dass ich Überstunden verfallen lasse, nun auch wieder nicht.“
„Verstehe. Aber Sie und Frau Novak haben bestimmt längst Pläne für Ihre letzte Urlaubswoche geschmiedet. Ihre Freundin würde mir den Kopf abreißen, wenn sie mich jetzt hören könnte.“
Die Altenpflegerin lächelte. Fasziniert starrte er auf das niedliche Grübchen neben ihrem rechten Mundwinkel.
„Wollen Sie mir das Ganze etwa ausreden, Herr Kiehl?“
„Ausreden?“ Abrupt kehrte sein Blick zu ihren haselnussbraunen Augen zurück, die amüsiert glitzerten. „Nein, ganz gewiss nicht. Ich versuche nur, mich in Sie hineinzuversetzen … Heißt das etwa, Sie machen es, Frau Kowalski?“
„Wie findet Ihre Mutter die Idee denn?“
Andreas zögerte. „Großartig, würde ich am liebsten sagen. Leider wäre das gelogen. Meine Mutter weiß noch nichts davon.“
Malgorzata zog die Brauen hoch.
„Aber sie wird zustimmen“, beteuerte er im Brustton der Überzeugung. „Hundertprozentig“, schob er hinterher, weil ihm die Skepsis in Malgorzatas Blick nicht gefiel.
Sie stand auf. „Ich bin bereit, die Aufgabe zu übernehmen. Aber ich kann mich nur um Ihre Mutter kümmern, wenn sie einverstanden ist, Herr Kiehl. Jedes andere Arrangement wäre zum Scheitern verurteilt, und ich scheitere nicht gern.“
Andreas erhob sich.
„Geht mir genauso. Ich fahre sofort zu meiner Mutter und rede mit ihr. Ist es Ihnen recht, wenn ich Sie anschließend abhole und zu meinem Elternhaus bringe, damit Sie und meine Mutter sich kennenlernen können? In einer guten halben Stunde?“
„Ja, in Ordnung.“
„Wunderbar. Ich bin unglaublich erleichtert, Frau Kowalski. Dank Ihnen bleibt mir eine Woche, um eine langfristige Lösung für meine Mutter zu finden. Ich schulde Ihnen einen riesigen Gefallen.“
„Nein, nur tausend Euro – falls Ihre Mutter und ich uns verstehen.“
„Das werden Sie.“ Er strahlte. „Bis später.“
„Bis später.“ Sie blickte dem hochgewachsenen Mann hinterher, der zügig Richtung Parkstreifen ging.
Nun krieg dich wieder ein, und reiß deinen Blick von ihm los, rügte eine innere Stimme sie streng.
Malgorzata drehte sich um und kehrte in Nellies Wohnung zurück. Es war ja wohl kein Verbrechen, dem Mann hinterherzusehen, dessen Geld ihr den ersehnten Kleiderschrank viel früher als geplant bescheren würde, oder?
Jedes Mal, wenn ich den Schrank sehe, werde ich an Andreas Kiehl denken müssen, schoss es ihr durch den Kopf. Und sie wusste nicht, ob sie das gut oder schlecht finden sollte.
***
„Das ist aber nett von dir, extra vorbeizukommen, um mir einen Tee zu machen.“ Zufrieden schaute Edith Kiehl zu, wie ihr Sohn einen gestrichenen Löffel Zucker in ihre Tasse gab und umrührte.
„Ich bin unter anderem hergekommen, weil ich weiß, dass du um diese Zeit gern einen Tee trinkst“, stellte Andreas klar. „Es gibt noch einen anderen Grund, Mama: Ich habe eine Betreuerin für dich engagiert.“
„Wie bitte?“, rief seine Mutter schrill.
„In zwanzig Minuten hole ich sie, damit ihr euch kennenlernen könnt. Sie zieht so bald wie möglich bei dir ein und bleibt eine Woche. So lange hat sie nämlich noch Urlaub.“
„Aber …“
„Urlaub, den sie freundlicherweise abkürzt, um dir zu helfen.“
„Aber du kannst doch nicht einfach über meinen Kopf hinweg …“ Weiter kam Edith nicht.
„Das Maß ist voll, Mama.“ Andreas reckte das Kinn vor. „Du brauchst Unterstützung. Erst recht jetzt, wo deine Hand eingegipst ist. Frau Kowalski ist ausgebildete … Pflegekraft“, improvisierte er, weil er ahnte, dass seine Mutter auf das Wort „Altenpflegerin“ allergisch reagiert hätte.
„Ich brauche keine Pflegekraft! Und ich lasse nicht zu, dass du über mich verfügst, als wäre ich unzurechnungsfähig. Kommt nicht in die Tüte!“
Er holte tief Luft. Dass es leicht werden würde, hatte er ja nicht erwartet.
„Du kannst nicht mehr gut sehen und auch nicht mehr sicher gehen. Trotzdem willst du unbedingt in diesem Haus mit all seinen Treppenstufen bleiben.“
„Jawohl – das wirst du wohl oder übel akzeptieren müssen, denn ich entscheide, wo ich wohne.“ Edith straffte die Schultern.
„Richtig. Du willst hierbleiben. Meinetwegen. Unabhängig davon brauchst du Unterstützung, und die wird dir Frau Kowalski geben.“
„Ich kenne keine Frau Kowalski, und ich will sie auch nicht kennenlernen. Ich dulde keine Fremden in meinem Haus, das solltest du eigentlich wissen.“
Andreas faltete beide Hände auf der Tischplatte, beugte sich vor und sah seiner Mutter in die Augen.
„Wenn du ablehnst, ist dies mein letzter Besuch bei dir.“
Edith schnappte nach Luft.
„Das kann doch nicht dein Ernst sein!“
„Oh doch. Ich werde dich nie wieder besuchen, wenn du jetzt nicht Vernunft annimmst. Weißt du eigentlich, dass ich gesundheitliche Probleme habe, weil ich mir solche Sorgen um dich mache?“
Die Empörung in Ediths Blick wich Sorge.
„Was denn für Probleme?“
„Ich schlafe kaum noch, bin verspannt, dauernd erschöpft und kann mich schlecht konzentrieren. Dr. Frank sagt, das liegt am Stress. Stress, den ich habe, weil du nicht akzeptierst, dass du keine dreißig mehr bist und jemanden brauchst, der dir das Leben erleichtert.“
„Dr. Frank sagt, dass ich schuld an deinem Zustand bin?“, fragte Edith gekränkt. „Das finde ich überaus illoyal von ihm. Schließlich ist er auch mein Hausarzt.“
Andreas schüttelte den Kopf.
„Er sagt nicht, dass du schuld bist. Schuld bin ich, weil ich mir die Sache so zu Herzen nehme. Du bist meine Mutter, und ich liebe dich. Heute hast du dir das Handgelenk gebrochen. Und was ist morgen? Oder übermorgen? Dein Starrsinn vergällt mir das Leben, Mama. Nicht mal mehr die Jagd macht mir Freude. Bitte sieh endlich ein, dass sich etwas ändern muss.“
Edith schluckte. Die Jagd war immer Andreas‘ Leidenschaft gewesen. Sein Ausgleich zum verantwortungsvollen Beruf des Piloten. Und nun hatte er keine Freude mehr daran, weil er sich um seine Mutter sorgte? War sie etwa zu einer Last für ihn geworden?
„Eine Woche“, sagte er ruhig. „Das ist alles, was ich von dir verlange. Worum ich dich bitte , Mama. Versuche es mit Frau Kowalski. Sie ist nett. Ich glaube, ihr kommt gut miteinander aus.“
„Also … Woher kennst du die Frau überhaupt, Andi?“
„Sie ist die beste Freundin von Nellie Novak. Du weißt schon, die Dermatologin aus der Waldner-Klinik. Die beiden waren zum Grillen bei Dr. Frank, da habe ich sie kennengelernt.“
„Hm.“ Nachdenklich trank Edith einen Schluck Tee. Es beruhigte sie ein wenig, dass die beste Freundin dieser Frau Kowalski Ärztin war. Eine Ärztin suchte sich gewiss keine verschlagene, berechnende Person als beste Freundin aus, oder?
„Wenn du dich an dem Wort ‚Betreuerin‘ störst, sieh Frau Kowalski einfach als Haushaltshilfe“, meinte Andreas. „Mit dem Gips kannst du ja, zum Beispiel, nicht kochen. Das erledigt Frau Kowalski für dich. Übrigens hatte sie zum Grillen einen selbst gebackenen Käsekuchen beigesteuert. Köstlich.“
Edith trank noch einen Schluck. Haushaltshilfe klang nicht übel, fand sie. Vielleicht sollte sie sich zur Abwechslung mal ein bisschen verwöhnen lassen?
„Und du bist sicher, dass ich ihr vertrauen kann? Immerhin würde sie mit mir unter einem Dach wohnen.“
„Ich bin mir absolut sicher, Mama. Dann ist es also abgemacht?“
Seine Mutter seufzte tief.
„Natürlich möchte ich nicht, dass du dich um mich sorgst, Andi. Und ich gebe zu, der Gips schränkt mich schon ein. Also gut, wenn dir so viel daran liegt, will ich es eine Woche mit der Frau versuchen – vorausgesetzt, auch ich habe einen guten Eindruck von ihr.“
„Natürlich. Das ist eine kluge Entscheidung, Mama. Ich weiß, sie fällt dir nicht leicht. Ich bin stolz auf dich.“
Ediths Miene hellte sich auf. Allein für dieses Kompliment lohnte es sich, dass sie über ihren Schatten gesprungen war.
Andreas stand auf.
„Ich hole jetzt Frau Kowalski, damit ihr euch beschnuppern könnt.“
„Ist gut.“ Eine Woche geht schnell vorbei, dachte Edith. Sie würde es schon so einrichten, dass Frau Kowalski nicht ungern wieder auszog – und Andreas kein zweites Mal auf die Idee kam, ihr eine wildfremde Person unterzujubeln.
***
Edith beschloss, sofort die Fronten zu klären. Sie war hier die Chefin. Keine Greisin, die man übers Ohr hauen konnte, sondern eine gebildete ältere Dame, die wegen eines dummen Unfalls, der jedem hätte passieren können, ein wenig Unterstützung brauchte. Vorübergehend.
Deshalb bürstete sie ihren grauen Pagenkopf, bis kein Haar mehr aus der Reihe tanzte, und trug Lippenstift in dezentem Rosa auf.
Gern hätte sie sich auch die Brauen nachgezogen, ließ es dann aber. Wenn eine Rechtshänderin versuchte, sich mit links die Brauen nachzuziehen, konnte nichts Gutes dabei herauskommen. Sie wollte sich schließlich keinen Bärendienst erweisen.
Es klingelte zweimal kurz – das Erkennungszeichen. Gleich darauf schloss Andreas die Tür auf. Er redete. Edith spitzte die Ohren.
Ihr Sohn klang irgendwie anders. Als wollte er unbedingt gefallen. Dabei war er doch nicht derjenige, der hier gefallen musste, sondern Frau Kowalski!
Edith setzte sich noch etwas aufrechter auf den Ohrensessel und strich den hellgrauen Rock glatt. Die Brauen zog sie minimal hoch, was ihr einen strengen Gesichtsausdruck verlieh, wie sie wusste.
Mit dem Personal darf man sich nicht verbrüdern, hatte ihre Mutter immer gesagt. Und die musste es wissen, schließlich war sie als Tochter eines der reichsten Bauern der Gegend mit Mägden und Knechten auf dem Hof aufgewachsen.
Jetzt tauchte Andreas auf. Er trat einen Schritt zur Seite und ließ eine schlanke, brünette Frau vorgehen. Na, das fängt ja gut an, dachte Edith irritiert. Seit wann überließ man Angestellten den Vortritt?
Demonstrativ blieb sie sitzen. Sie lächelte auch nicht. Dafür lächelte Andreas für zwei, registrierte sie missbilligend. Als würde er sich freuen.
„Mama, ich möchte dir Frau Kowalski vorstellen“, sagte er gut gelaunt. „Frau Kowalski, dies ist meine Mutter.“
„Guten Abend, Frau Kiehl.“ Lächelnd streckte Malgorzata die rechte Hand aus.
Edith machte keine Anstalten, sie zu ergreifen.
„Guten Abend. Ich kann Ihnen leider nicht die Hand geben. Meine rechte ist eingegipst, und Ihnen die linke Hand zu reichen, wäre ja unhöflich.“