E-Book 461-470 - Patricia Vandenberg - E-Book

E-Book 461-470 E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Dr. Norden ist die erfolgreichste Arztromanserie Deutschlands, und das schon seit Jahrzehnten. Mehr als 1.000 Romane wurden bereits geschrieben. Die Serie von Patricia Vandenberg befindet sich inzwischen in der zweiten Autoren- und auch Arztgeneration. E-Book 1: Verborgene Träume E-Book 2: Das Glück ist eine Frau E-Book 3: Hör auf, dich zu verstecken E-Book 4: Verwirrspiel der Gefühle E-Book 5: Unsere eigene kleine Welt E-Book 6: Der Weg in die Freiheit E-Book 7: Ein Spiel unter Freunden E-Book 8: Zur falschen Zeit am falschen Ort E-Book 9: Liebe und andere Herrlichkeiten E-Book 10: Verloren im Paradies

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Seitenzahl: 1262

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhalt

Verborgene Träume

Das Glück ist eine Frau

Hör auf, dich zu verstecken

Verwirrspiel der Gefühle

Unsere eigene kleine Welt

Der Weg in die Freiheit

Ein Spiel unter Freunden

Zur falschen Zeit am falschen Ort

Liebe und andere Herrlichkeiten

Verloren im Paradies

Dr. Norden Bestseller – Staffel 47 –E-Book 461-470

Patricia Vandenberg

Verborgene Träume

Roman von Vandenberg, Patricia

»So, und nun schlaf schön.« Terese Wolters beugte sich über ihre Enkeltochter Melanie und drückte der Zehnjährigen einen Kuss auf die Nasenspitze.

»Ich kann aber nicht schlafen. Tini geht es gar nicht gut«, widersprach das Mädchen jedoch in weinerlichem Tonfall und warf einen traurigen Blick auf den Meerschweinchenkäfig. »Seit Tagen will sie nicht mehr fressen und läuft gar nicht mehr herum.«

»Ich sage deinem Papa, dass er morgen mit Tini und dir zum Tierarzt geht. In Ordnung?«

»Papa interessiert sich nicht für Tini. Die ist ihm egal. Wie überhaupt alles, seit Mama tot ist«, erklärte Melanie bedrückt. Terese erschrak. Gewöhnlich war ihre Enkeltochter trotz des Verlustes der Mutter vor einigen Jahren zu einem fröhlichen und unbeschwerten Kind herangewachsen und ließ sich nicht anmerken, was in ihr vorging. Dass sie die Veränderung ihres Vaters seit dem Unfalltod seiner Frau offenbar dennoch so sehr bewegte, stimmte die Großmutter zutiefst nachdenklich. »Mach dir mal keine Sorgen, Meli. Ich kümmere mich darum«, versicherte Terese noch einmal.

Damit war das Kind endlich zufrieden und legte den müden Kopf in die Kissen. Als die Großmutter die Tür leise ins Schloss zog, war sie schon fast eingeschlafen. Terese Wolters machte sich auf den Weg ins Büro ihres Sohnes, das im Erdgeschoss des großen Hauses lag. Leise klopfte sie an die Tür. Als sie keine Antwort bekam, klopfte sie erneut. Endlich ertönte Guidos ungeduldige Stimme.

»Ja, was ist denn?«

»Ich muss mit dir reden.« Unbeeindruckt trat Terese ein.

»Nicht jetzt. Ich habe eine wichtige Präsentation auszuarbeiten und muss noch den Abschlussbericht schreiben«, erklärte Guido, ohne von seinem Monitor aufzusehen.

»Es geht um deine Tochter. Dafür wirst du dir wohl ein paar Minuten Zeit nehmen können«, sprach sie mit resoluter Stimme.

Guido seufzte und stieß sich mit den Händen vom Schreibtisch ab, sodass sein Stuhl ein Stück nach hinten rollte. Er warf seiner Mutter einen ungeduldigen Blick zu.

»Was ist mit Melanie?«

»Das Meerschweinchen ist krank. Du musst morgen mit Meli und Tini zum Tierarzt gehen.«

»Und deshalb störst du mich bei der Arbeit?«

»Deine Tochter meinte, dass du dich seit Evas Tod für nichts mehr interessierst«, erklärte Terese in aller Seelenruhe und blickte ihrem Sohn fest in die Augen.

Guido wich ihr aus.

»Du weißt genau, dass das Unsinn ist. Ich interessiere mich sehr wohl für Meli. Allerdings scheint ihr zu übersehen, dass ich ein viel beschäftigter Mann bin.«

»Der sich hinter seiner Arbeit versteckt.«

»Also hör mal, ich muss schließlich Geld verdienen, um Melanies Zukunft zu sichern«, entrüstete sich Guido. Über diese Erklärung lachte Terese nur rau.

»Eure Zukunft ist mehr als gesichert, das weißt du genau. Immerhin erbst du das Haus und eine nicht unbeträchtliche Barschaft, wenn ich einmal nicht mehr bin.«

»Im Augenblick erfreust du dich noch bester Gesundheit«, gab Guido unbarmherzig und schärfer als notwendig zurück. Er wußte genau, wie recht seine Mutter hatte. Aber diese Schwäche konnte er sich nicht eingestehen. »Wann kehrst du endlich ins Leben zurück? Eva ist seit fast fünf Jahren tot. Melanie braucht endlich wieder Normalität im Leben. Und dir würde eine neue Liebe auch nicht schaden. Immerhin war die Ehe mit Eva nicht die beste. Kein Grund also, so lange Trauer zu tragen.«

»Melanie leidet noch heute unter dem Tod ihrer Mutter. Eine neue Frau an meiner Seite wäre eine Katastrophe für das Kind«, brauste Guido auf. »Es ist ein Unglück für sie, dass du stets mit einer Trauermiene herumläufst und nicht wirklich an unserem Leben teilhast. Früher warst du immer gut gelaunt und lustig. Ich möchte mal wissen, was mit dir los ist«, schimpfte Terese verständnislos und wandte sich ab. Mit energischen Schritten verließ sie das Zimmer und zog die Tür geräuschvoll hinter sich ins Schloss. Ratlos blickte Guido ihr nach. Schlagartig war sein Zorn verraucht und er lehnte sich nachdenklich in den tiefen Ledersessel zurück, ehe er sich nach einer Weile wieder an die Arbeit machte, nicht ohne einen Entschluss gefasst zu haben.

*

Zufrieden saß Dr. Daniel Norden an seinem Schreibtisch und gab die Untersuchungsergebnisse des Patienten Helmut König in seinen Computer ein. Kurz darauf trat der elegant gekleidete, ältere Herr zu ihm an den Schreibtisch und knotete sorgfältig das seidene Halstuch wieder zu, das er zur Untersuchung abgenommen hatte.

»Und, Herr Doktor, was meinen Sie?«

»Der Blutdruck ist vollkommen in Ordnung. Und die Werte der Blutuntersuchung, die wir das letzte Mal gemacht haben, sind auch unauffällig.«

»Können Sie mir dann mal erklären, was dieser Anruf von meiner Krankenkasse sollte? Was ist dieses ›Qualitätssicherungsprogramm‹ überhaupt?«

Mit dieser Frage hatte Daniel gerechnet. Helmut König hatte neulich vollkommen aufgelöst in der Praxis angerufen und von dem Telefonat mit der Krankenkasse berichtet.

»In letzter Zeit kommt es immer häufiger vor, dass ärztliche Daten von den Krankenkassen für besondere Programme genutzt werden. Angeblich, um die Qualität der Behandlung von chronischen Krankheiten zu sichern. Im Grunde genommen ist, dagegen nichts einzuwenden. Leider kommen dabei allerdings immer wieder Verwechslungen wie in Ihrem Fall vor, was eine große Verunsicherung der Patienten darstellt.«

Aber König schien weit davon entfernt zu sein, sich zu ärgern.

»Ich habe gewusst, dass ich kerngesund bin und nicht, wie diese Dame behauptete, unter Bluthochdruck leide. So leicht läßt sich ein alter Hase wie ich nicht verschrecken.«

»Trotzdem bin ich froh, die Untersuchung durchgeführt zu haben. Fakten sind doch immer besser als Ahnungen«, erklärte Daniel Norden schlicht und erhob sich, um Herzog zur Tür zu bringen. Doch der winkte vergnügt lächelnd ab.

»Kümmern Sie sich lieber um die wirklich Bedürftigen, die Ihre Hilfe suchen. Ich finde den Weg hinaus schon alleine.« Damit verließ er das Behandlungszimmer mit betont elastischen Schritten und kehrte zur Garderobe im Wartezimmer zurück, um sein leichtes Sommersakko zu holen. Dabei fiel Helmut Königs Blick wacher, stets suchender Blick auf Terese Wolters, die mit zwei weiteren Patienten geduldig auf ihren Termin wartete. Sein Kennerblick erforschte rasch ihre gepflegte Erscheinung. Nichts entging ihm, weder ihre geschmackvolle Kleidung, noch die Handtasche eines namhaften Herstellers oder die teuren Lederschuhe, die sie trug. Im Bruchteil eines Augenblicks hatte er seinen Entschluss gefasst.

»Entschuldigen Sie, meine sehr verehrte Dame«, sprach er Terese leise an und machte eine galante Verbeugung. Die blickte irritiert von ihrer Zeitschrift auf.

»Ja, bitte?« »Meine Dreistigkeit muss Ihnen aufdringlich erscheinen. Aber seien Sie versichert, dass ich noch nie zuvor eine fremde Dame angesprochen habe.«

»Was soll das? Was wollen Sie von mir?« fragte Terese ungehalten und misstrauisch angesichts dieser hochtrabenden Rede. So leicht ließ sich der Kavalier alter Schule jedoch nicht zurückweisen.

»Ich suche eine Partnerin für den Tanztee und dachte mir, Sie hätten vielleicht Lust dazu, jung und dynamisch wie Sie wirken.«

»Wenn ich nicht irre, gibt es bei solchen Veranstaltungen immer genug Damen, die nur auf einen Kavalier wie Sie warten«, gab Terese schlagfertig aber mit einem Anflug von Amüsement zurück. »Aber keine ist so wie Sie.«

»Sie kennen mich doch gar nicht.«

»Es genügt, Sie gesehen zu haben.« In diesem Augenblick öffnete sich die Tür zum Wartezimmer und Wendy, die treue Helferin von Dr. Norden, erschien.

»Frau Wolters, bitte.«

Terese legte die Zeitschrift beiseite und erhob sich mit einem Blick auf König.

»Entschuldigen Sie mich bitte. Sie haben ja gehört, dass noch andere Männer an meinem Typ interessiert sind«, gab sie keck zurück. König lächelte dennoch siegessicher. Die Frau, die ihm tatsächlich auf Dauer widerstehen konnte, musste erst noch geboren werden. Und die Ablehnung von Terese Wolters schreckte ihn nicht ab. Ganz im Gegenteil weckte sie seinen Jagdinstinkt. »Hier ist meine Karte. Ich bitte Sie inständig um einen Anruf.« Mit seinem charmantesten Lächeln reichte er Terese seine auf feinem Bütten gedruckte Visitenkarte. Irritiert nahm sie sie entgegen und steckte sie wortlos ein. Ohne einen Gruß ging sie an Huber vorbei und folgte Wendy, die die Patientin zu Dr. Norden ins Behandlungszimmer brachte, wo sie schon ungeduldig erwartet wurde.

»Ich dachte schon, Sie wollten sich Ihre Untersuchungsergebnisse gar nicht mehr abholen«, begrüßte Daniel Norden Terese Wolters lächelnd. »Ihrem Gesicht entnehme ich, dass alles in Ordnung ist?« fragte die und wie immer, wenn sie die Ergebnisse der Nachuntersuchung abholte, fiel ihr ein Stein vom Herzen. Obwohl ihre Krebserkrankung nun schon sechs Jahre zurücklag, unterzog sie sich den Nachuntersuchungen immer mit einer gewissen Angst im Herzen. Daniel nickte zufrieden, während seine Finger durch den seitenlangen Bericht blätterten, den er zuvor schon eingehend studiert hatte. »Es könnte nicht besser sein. Langsam aber sicher bewegen wir uns auf der sicheren Seite.«

»Das ist nur recht und billig. Immerhin habe ich auf Anraten der Ärzte eine Brust für meine Gesundheit geopfert«, stellte Terese mit einem lakonischen Blick auf ihre Bluse fest. Nur der engste Familienkreis und Dr. Norden wussten, dass eine Seite ihrer weiblichen Rundungen durch eine Prothese ersetzt worden war.

»Haben Sie Probleme damit?« erkundigte sich Daniel, der sich nicht nur um die körperlichen Gebrechen seiner Patienten kümmerte, sondern auch niemals die seelische Seite außer acht ließ. Er warf Terese einen aufmerksamen Blick zu, als sie nicht sofort antwortete. Angesichts dieser Frage stellte Terese irritiert fest, dass sie zum ersten Mal seit Langem an ihre fehlende Brust dachte. Lag es an dem smarten Herrn, der ihr so galant den Hof gemacht hatte, dass sich ihr körperliches Gebrechen wieder in den Vordergrund schob?

»Ehrlich gesagt weiß ich es nicht so genau. Im Grunde genommen dachte ich, mich daran gewöhnt zu haben. Hin und wieder beschleichen mich aber Zweifel, ob ich nicht doch einen Brustaufbau wagen sollte. Immerhin habe ich nicht vor, mir in nächster Zeit das Gras von unten anzusehen. Ein paar gute Jahre liegen sicher noch vor mir. Und wer weiß, vielleicht finde ich noch einmal einen Partner, den mein Gebrechen stören oder gar abstoßen würde.«

»Sie denken ernsthaft daran, ein solches Unterfangen zu wagen?« fragte Daniel sichtlich überrascht. Terese Wolters hatte auf ihn immer einen sehr stabilen, selbstsicheren Eindruck gemacht, den sie auch jetzt wieder bestätigte, denn angesichts seiner Frage brach sie in ihr typisches, raues Gelächter aus. »Ach, wissen Sie, das sind so die Gedanken einer verrückten, alten Frau. Manchmal fühle ich mich so jung, dass ich mir alles zutraue.«

»Diesen Eingriff sollten Sie sich reiflich überlegen. Immerhin sind bis zu drei Operationen nötig, um ein zufriedenstellendes Ergebnis zu erhalten. Andererseits kann ich es verstehen, wenn Sie unter dem Verlust Ihrer Brust leiden.«

»Vergessen Sie es am besten«, winkte Terese auf einmal gut gelaunt ab. Plötzlich verstand sie selbst nicht mehr, warum sie diesen Gedanken vor dem Arzt überhaupt laut ausgesprochen hatte. »Ich sollte heilfroh sein, dass die tückische Krankheit offenbar eingesehen hat, dass sie bei mir an der falschen Adresse ist. Das ist viel mehr, als ich je zu hoffen gewagt hatte.«

»Dennoch möchte ich Sie bitten, nicht leichtsinnig zu werden und weiterhin zu den Nachsorgeuntersuchungen zu gehen«, legte Daniel Norden ihr ans Herz, als er sie zur Tür begleitete. »Und wenn Sie eine Beratung bezüglich Ihres Anliegens brauchen, scheuen Sie sich bitte nicht, sich an mich zu wenden. Ich habe gute Kontakte.«

»Machen Sie sich keine Sorgen, Herr Doktor«, zwinkerte Terese ihm fröhlich zu und verließ leichten Herzens die Praxis. Die Sonne schien hell von einem mit zarten Wolken beflockten Himmel. Ein lauer Wind strich über ihre weiche Haut und Terese seufzte zufrieden auf. Sie bemerkte den gut gekleideten, älteren Herrn nicht, der auf einer Parkbank in der Nähe saß und die Praxistür nicht aus den Augen gelassen hatte. Als Terese in die entgegengesetzte Richtung davonging, erhob er sich, um ihr zu folgen.

Erstaunt blickten Guido Wolters und seine Tochter Melanie auf, als sich die Tür zum Behandlungszimmer in der Tierarztpraxis öffnete und eine unbekannte Frau herauskam. »Der Nächste bitte«, sprach sie mit einem freundlichen Lächeln in die Runde der Wartenden.

»Das sind wir, Papa«, erklärte Melanie und versetzte ihrem Vater einen Knuff in die Rippen.

»Schon gut. Ich komme ja schon. Hier, nimm den Korb mit Tini.« Irritiert über den unerwarteten Aufruf einer Frau folgte Guido seiner vorwitzigen Tochter ins Behandlungszimmer.

»Guten Tag. Mein Name ist Ilka Salmberg. Wer bist du denn?« beugte sich die Tierärztin zu Melanie, nachdem Guido die Tür hinter sich geschlossen hatte.

Melanie maß sie mit einem prüfenden Blick und beschloss sofort, dass sie dieser hübschen Frau mit dem offenen Gesicht vertrauen konnte.

»Ich bin Melanie Wolters, und das ist Tini. Und da drüben, das ist mein Papa. Sie müssen keine Angst vor ihm haben. Seit Mama tot ist, schaut er immer ein bisschen griesgrämig. Eigentlich ist er aber ganz in Ordnung«, erklärte Melanie gar nicht schüchtern. Trotz der schockierenden Tatsache kam Ilka nicht umhin zu lachen. »Dann bin ich ja erleichtert. Mein herzliches Beileid.« Sie reichte Guido die Hand.

»Schon gut, dieses Ereignis liegt schon fast fünf Jahre zurück. Ich weiß gar nicht, warum Meli das überhaupt erwähnt.«

»Weil es stimmt.«

Guido überlegte kurz, ob er seine vorlaute Tochter maßregeln sollte, verzichtete aber darauf, um vor dieser aparten Frau einen Streit zu vermeiden.

»Entschuldigen Sie meine Verwunderung. Aber ich hatte hier Dr. Petersen erwartet«, erklärte er statt dessen seine Überraschung, eine Frau in der Praxis des alten Tierarztes vorzufinden.

Ilka lächelte herzlich.

»Arnold Petersen ist mein Onkel. Er hat die Praxis schon vor einiger Zeit aus Altersgründen aufgegeben und ich habe nicht lange nachgedacht und sein Angebot zur Übernahme angenommen.«

»Eine weise Entscheidung. Den zahlreichen Besuchern draußen im Wartezimmer nach zu schließen läuft das Geschäft gut.«

»Ich kann nicht klagen. Es ist erfreulich zu sehen, wie gerne sich die Menschen immer noch mit Haustieren umgeben«, erklärte Ilka bereitwillig, während sie das Meerschweinchen Tini aus dem Korb hob und auf den silbern glänzenden Behandlungstisch setzte. »Allerdings habe ich viel Geld in die Modernisierung der Praxis gesteckt. Jetzt bin ich auch auf einen entsprechenden Umsatz angewiesen.«

»Was ist das, ein Umsatz?« mischte sich Melanie in das Gespräch ein. Sie fühlte sich übergangen und darüber hinaus war ihr Vater mit einem Mal so gesprächig und sichtlich gut gelaunt, wie sie ihn lange nicht erlebt hatte. »Das erkläre ich dir später«, gab Guido unwirsch zurück. »Schließlich sind wir ja hier, um dein Meerschweinchen untersuchen zu lassen, nicht wahr?«

»Dann wollen wir mal sehen«, wandte sich Ilka sofort ihrer Aufgabe zu. Unter Melanies wachsamen Augen tastete sie das ängstlich quiekende Tier ab, maß die Temperatur und hörte es schließlich ab.

»Muss Tini sterben?« fragte Melanie nach einer Weile des gespannten Wartens nervös.

Ilka lächelte beruhigend.

»Nein, meine Süße, ganz bestimmt nicht. Deine Tini ist vollkommen gesund. Ich glaube nur, dass sie einsam ist. Ihr fehlt ein Kamerad, mit dem sie sich unterhalten kann.«

Guido verdrehte die Augen angesichts dieser Neuigkeiten.

»Wollen Sie damit sagen, dass ich noch ein zweites Tier anschaffen muss?«

»Versetzen Sie sich doch einmal in die Lage von Tini. Weit und breit kein Artgenosse, mit dem sie kommunizieren kann. Das würde Ihnen vermutlich auch schwerlich gefallen. In diesem Punkt sind die meisten Tiere den Menschen ähnlich. Keiner der beiden liebt die Einsamkeit.«

»Bei Papa ist das anders. Der ist gerne alleine und sperrt sich in seinem Arbeitszimmer ein«, erklärte Melanie voller Überzeugung. Zu ihrer Überraschung widersprach Guido rasch und sehr vehement.

»Ich bin beruflich sehr eingespannt«, wandte er sich entschuldigend an die hübsche Ärztin. »Da entsteht bei Kindern rasch ein falscher Eindruck.«

»Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Kleinen noch viel feinere Antennen haben als wir Großen. Wenn Melanie meint, Sie schotten sich ab, dann sollten Sie einmal darüber nachdenken, nicht wahr?« Ilka schenkte dem Mädchen ein freundschaftliches Lächeln. »Von Frau zu Frau gesprochen.«

»Das ist eine gute Idee. Papa hört nämlich nie auf mich, wenn ich ihm was sage.«

»So stimmt das auch wieder nicht«, murrte Guido, dem angesichts der weiblichen Übermacht die Argumente ausgingen. »Was ist denn nun mit dem Meerschweinchen?«

»Kaufen Sie ihm einen Partner. Dann wird es glücklich sein, sich wohlfühlen und wieder Spaß am Leben haben. Ein eindeutiger Vorteil von Kleintieren, wie ich finde. Wir Menschen haben es da nicht so leicht«, entfuhr es Ilka Salmberg, während sie an ihren Schreibtisch zurückkehrte. Guido entgegnete nichts, warf ihr aber einen vielsagenden Blick zu, als er die Rechnung beglich, die sofort fällig war.

»Muss Tini in den nächsten Tagen noch einmal angeschaut werden? Ich meine zur Sicherheit? Bei diesen kleinen Tieren kann man ja nie wissen?« rang er sich schließlich eine Frage ab, die seinen Wunsch nach einem Wiedersehen mit der attraktiven, selbstbewussten Ärztin nicht verbergen konnte.

»Sie können zu mir kommen, wann immer Sie wollen«, erklärte Ilka gedankenlos. Als sie bemerkte, was sie da gesagt hatte, wurde sie über und über Rot. »Ich meine, wenn es um Tiere geht.«

»Ich habe Sie schon richtig verstanden«, lächelte Guido amüsiert und legte den Arm um die Schulter seiner Tochter, die den Korb mit dem Meerschweinchen festhielt. »Bis bald, Frau Salmberg.«

Ilka warf Vater und Tochter einen flüchtigen Blick zu und verabschiedete sich rasch. Sie wußte nicht, was sie von dieser Begegnung halten sollte. Verwirrt ordnete sie ein paar Gegenstände auf ihrem Schreibtisch und beruhigte ihr aufgeregt pochendes Herz, ehe sie den nächsten Patienten aufrief.

*

Liebevoll wie immer begrüßte Fee Norden ihren Mann, als er an diesem Abend erschöpft nach Hause kam. »Hallo, mein Liebling. Du siehst müde aus.«

»Das bin ich heute auch. Es war ganz schön viel los in der Praxis.«

»Möchtest du mir davon erzählen?« erkundigte sich Fee, während sie ihn ins Wohnzimmer begleitete. Die jüngsten Kinder des Ehepaar Nordens, die Zwillinge Jan und Dési, schliefen längst, und die drei Älteren hatten sich in ihre Zimmer verzogen, sodass Zeit für ein trautes Gespräch zu zweit war. Erleichtert ließ sich Daniel in einen bequemen Sessel fallen.

»Eigentlich war nichts besonderes los. Eine Blutabnahme für einen Quick-Test, ein älterer Herr, der zur Untersuchung da war, weil die Krankenkasse einen Fehler begangen und ihn wegen seines angeblichen Bluthochdrucks für ein besonderes Programm anwerben wollte. Dabei ist der Herr gesund wie ein Fisch im Wasser.«

»Wo Menschen arbeiten, werden eben Fehler gemacht.«

»Das sehe ich genauso. Dennoch ist es für ältere Menschen doch immer eine Aufregung, mit solchen Verdachtsmomenten konfrontiert zu werden.«

»Die sich glücklicherweise als unbegründet herausgestellt haben«, lächelte Fee. »Was gab es sonst noch?«

»Ein paar Gesundheits- und Krebsvorsorgen, also EKG, Lungenfunktion, Labor, Ultraschall der Schilddrüse, der Bauchorgane und der Blutgefäße«, gab Daniel Norden bereitwillig Auskunft. »Und einige Impfungen. Du kennst das alles ja.«

»Allerdings. Und wenn ich das alles höre, täte ich nichts lieber als dir zur Hand zu gehen.«

»Es ist mir Unterstützung genug, dich an meiner Seite zu wissen«, erklärte Daniel sehr liebevoll. »Ich bin mehr als dankbar dafür, dass ich mich mit dir über meinen Alltag unterhalten kann. Auf eine derart verständnisvolle Frau trifft man nicht oft.«

»Das will ich auch hoffen«, lachte Felicitas zufrieden.

Daniel warf ihr einen fragenden Blick zu.

»Du weißt ganz genau, dass du dir keine Sorgen machen musst, nicht wahr? Keine andere Frau könnte dir das Wasser reichen, mein Feelein. Nichts ist soviel wert im Leben wie ein Mensch, auf den man sich hundertprozentig verlassen kann, egal, was passiert«, gab er aus tiefstem Herzen zurück und erinnerte sich plötzlich an die Probleme seiner Patientin Terese Wolters. »Selbst ein körperlicher Makel könnte an meiner tiefen Liebe zu dir nichts ändern.«

»Wie du sprichst«, gab Felicitas verwundert zurück. »Was ist passiert?«

»Nichts weiter. Ich musste nur gerade an eine Patientin denken. Es geht um eine ältere, alleinstehende Dame, der vor einigen Jahren wegen Krebs eine Brust amputiert werden musste. Eine ganze Zeit lang schien sie gut mit dem Verlust zurechtzukommen. Plötzlich denkt sie allerdings über einen operativen Aufbau des fehlenden Körperteils nach. Das wundert mich doch sehr.«

»Mich nicht«, gab Fee spontan zurück. »Wer weiß, vielleicht hat sie einen Mann kennengelernt und möchte für ihn und für ihr Selbstbewusstsein noch einmal ganz Frau sein. Das kann ich gut nachvollziehen.«

»Dieser Eingriff ist aber kein Kinderspiel.«

»Ehrlich gesagt kann ich mich kaum daran erinnern, wie so etwas vonstatten geht. Mein Studium und die Promotion liegen so lange zurück, und die Methoden wurden inzwischen sicherlich enorm verbessert«, versuchte Felicitas, sich diese Thematik ins Gedächtnis zurückzurufen.

»Es ist immer noch ein langwieriger und komplizierter Eingriff. Zunächst einmal muss das Gewebe mit Hilfe eines sogenannten Expanders gedehnt werden. Das heißt, ein Kissen wird unter die Haut eingebracht, das im Laufe von mehreren Monaten mit Kochsalzlösung gefüllt wird.«

»Ich verstehe«, nickte Fee nachdenklich. »Das dient vermutlich dazu, Platz für ein Implantat zu schaffen.«

»Richtig. Ist das geschehen, wird das Kissen entnommen und durch ein Silikonkissen ersetzt.«

»Ist es nicht auch möglich, mit Fettgewebe aus dem eigenen Körper zu arbeiten?« erkundigte sich Fee interessiert. Obwohl sie sich nach ihrem Studium dazu entschieden hatte, ihren Mann zu unterstützen und selbst nicht praktisch tätig zu werden, galt ihre Leidenschaft nach wie vor der Medizin und den immer neuen Behandlungsmöglichkeiten und Errungenschaften.

Daniel, den die Bemerkung von Terese Wolters nicht losgelassen und der daher mit seinem Freund Schorsch Leitner, dem Chef der gleichnamigen privaten Frauen-Klinik telefoniert hatte, wußte auch darüber Bescheid. »Das wäre sogar risikoloser, zumal die Gefahr einer Kapselfibrose ausgeschlossen wäre. Aber selbst wenn der Körper nicht auf ein Implantat reagiert, ist womöglich eine weitere Operation nötig, um die andere Brust in der Größe zu korrigieren, um ein gleichmäßiges Ergebnis zu erzielen. Ist das nicht ein bisschen viel Aufwand, um einem Mann zu gefallen?« fragte er nachdenklich.

Fee zuckte mit den Schultern.

»Ich denke, es geht nicht nur darum. Sicherlich leidet diese Frau unter dem teilweisen Verlust ihrer Weiblichkeit.«

»Kann eine Liebe diesen Mangel nicht ausgleichen?«

Fee blickte mit einem warmen Lächeln auf ihren Mann herab. Sie hatte ihm ein Glas Rotwein gebracht und saß nun auf der Lehne des Sessels. Sanft strich sie ihm über die Wange.

»Du scheinst zu vergessen, dass nicht jeder Mann zu so tiefer Liebe fähig ist wie du. Für manch einen spielen Äußerlichkeiten durchaus eine entscheidende Rolle.«

»Ob das soviel mit Liebe zu tun hat?«

»Das sei dahingestellt«, erklärte Felicitas liebevoll. »Mir ist es auf jeden Fall egal, wie du aussiehst. Ich würde dich auch mit einem Holzbein und einem Glasauge lieben«, brachte sie Leichtigkeit in das Gespräch, da sie bemerkt hatte, wie müde und nachdenklich ihr Mann war. Es wurde Zeit für ein wenig heitere Ablenkung. Dankbar nahm Daniel Norden diesen Wink seiner Frau auf. Er fühlte sich tatsächlich an diesem Abend müde und erschöpft. Doch Felicitas konnte ihn immer wieder zum Lachen bringen, ihn aufheitern. Auch das war ein unbezahlbares Geschenk ihrer Liebe, die ihr Leben so wunderbar und vollkommen werden ließ, wie es nun einmal war.

*

Summend und gut gelaunt, wie es ihre Art war, hantierte Terese Wolters in der Küche, als ihre Enkeltochter aus der Schule nach Hause kam. »Hallo, Oma«, begrüßte Melanie sie freudestrahlend, und Terese lachte zufrieden.

»Na, da hat ja jemand richtig gute Laune heute. Oder sagt man heute ›gut drauf‹?« erkundigte sich Terese augenzwinkernd.

»Du bist echt voll modern, Oma. Das ist toll«, strahlte Melanie. »Außerdem habe ich eine Neuigkeit: stell dir vor, Papa will mir ein neues Meerschweinchen kaufen.«

»Was denn? Noch eines?« staunte Terese nicht schlecht. Nur zu gut kannte sie die Abneigung ihres Sohnes gegen Haustiere. Da sie jedoch nicht wußte, wie die Untersuchung am vergangenen Tag ausgegangen war, zog sie missbilligend die Stirn in Falten. »Allerdings finde ich es gar nicht gut, dass ein krankes Tier gleich seinen Nachfolger vor die Nase gesetzt bekommt. Das ist nicht fair Tini gegenüber.«

»Aber Oma, wer hat denn gesagt, dass Tini krank ist? Sie ist nur einsam und braucht einen Spielgefährten. Das hat Ilka Papa und mir ganz genau erklärt.«

»Wer ist denn Ilka?«

»Na, die Tierärztin. Die macht jetzt die Arbeit statt Dr. Petersen.« Plötzlich verdunkelte sich Melanies so fröhliche Miene. Sie dachte daran, wie gut gelaunt ihr Vater mit der Ärztin umgegangen war und wie übellaunig er sich dagegen stets zu Hause zeigte. »Stell dir vor«, erklärte sie mit grimmiger Miene, »mit ihr hat er Spaß gemacht und war total freundlich. Und daheim bekommt er den Mund nicht auf.«

»Bist du eifersüchtig?« fragte Terese nach, die aufgrund dieser Beschwerde sofort hellhörig geworden war. »Nein, überhaupt nicht. Ilka ist so nett. Mich regt nur auf, dass Papa mit ihr lustig ist und mit uns nicht.«

»Es könnte ja sein, dass unsere Beschwerde gefruchtet und er sich unsere Worte zu Herzen genommen hat. Wer weiß, vielleicht ändert er sich doch wieder. Schließlich ist noch nicht aller Tage Abend«, erklärte Terese gedankenvoll und wandte sich wieder der Zubereitung des Mittagessens zu. »So, was muss ich als Nächstes tun? Ah ja, die Soße Hollandaise. Wo ist denn das Rezept? Hier haben wir es ja«, führte sie ein Selbstgespräch, während ihre Enkeltochter sie amüsiert musterte. »Meli, sei so gut und hol mir meine Lesebrille aus meiner Jackentasche. Jetzt ist es soweit, dass ich noch nicht mal mehr ein Rezept lesen kann.«

»Wird gemacht.« Froh, ihrer geliebten Oma zu Hilfe kommen zu können, eilte Melanie in den Flur zur Garderobe, um das Gewünschte zu besorgen. Gleich darauf kam sie zurück, in der einen Hand die Brille, in der anderen eine Visitenkarte, die sie aufmerksam las. »Oma, ist der Helmut ein echter König?«

»Wie bitte?« Verwirrt blickte Terese auf und entdeckte die Karte in der Hand ihrer Enkelin. Ein wenig zu barsch nahm sie sie ihr aus der Hand. »Wo hast du das her?« fragte sie hastig, und Meli sah sie erschrocken an.

»Das war mit der Brille in deiner Jackentasche.«

Terese warf einen Blick darauf, steckte die Karte in die Schürzentasche und atmete tief durch. Sie hatte Helmut König aus ihren Gedanken geschoben, doch jetzt drängte er sich mit aller Macht wieder in den Vordergrund. »Entschuldige, meine Süße. Ich wollte nicht so unfreundlich sein.«

»Schon gut, Oma. Ist das dein Zahnarzt?«

»Nein, wie kommst du denn darauf?«

»Da würde ich mich auch nicht freuen, wenn ich seinen Namen höre«, gab Melanie keck zurück und Terese lachte. »Du bist mir schon ein freches Mädel. Aber jetzt lauf und wasch dir die Hände. Da kommt dein Papa und es gibt gleich Essen.«

Doch statt der Anweisung ihrer Großmutter zu folgen, warf Melanie einen Blick aus dem Küchenfenster und stieß einen spitzen Schrei aus. Mit wenigen Schritten war sie an der Tür und riss sie auf.

»Papa, hast du einen Freund für Tini gekauft?« Angesichts der Freude, die im Gesicht seiner kleinen Tochter geschrieben stand, lächelte Guido. Doch er hatte einen weiteren Grund zur Freude, den er nicht preisgab.

»Frau Dr. Salmberg hat uns doch erklärt, wie sich das mit den Tieren und Menschen verhält. Da dachte ich mir, ich muss ihrer Aufforderung Folge leisten.«

»Seit wann hörst du auf die Anweisungen einer Frau?« mischte sich Terese augenzwinkernd ein, doch Guido schenkte der Bemerkung seiner Mutter keine Beachtung. »Das hier ist Tinis neuer Freund. Bevor die beiden sich kennenlernen, sollten wir aber erst zum Tierarzt mit ihm gehen und ihn gründlich untersuchen lassen. Ich habe ihn auf einem Bauernhof gekauft. Wer weiß, vielleicht hat er Flöhe oder anderes Ungeziefer, mit dem er Tini anstecken könnte.«

»Ilka kümmert sich bestimmt darum«, jubelte Melanie und nahm ihrem Vater vorsichtig die Schachtel aus der Hand, in der ein kleines, verschüchtertes Tier mit runden schwarzen Kieselaugen saß. »Och, bist du süß«, juchzte sie begeistert und streichelte über das seidige Fell. »Offenbar sorgt sich Frau Doktor nicht nur um das Wohlergehen des Meerschweinchens«, lächelte Terese mit einem ironischen Blick auf ihren Sohn. Der ignorierte seine Mutter zähneknirschend.

»Bring die Schachtel jetzt in dein Zimmer und komm zum Essen. Ich komme heute früher aus dem Büro, dann gehen wir zu Frau Dr. Salmberg«, forderte Guido seine Tochter auf und nahm drei Teller und Besteck aus dem Schrank, um den Tisch zu decken. Terese schwieg wohlweislich, um die gute Stimmung nicht zu verderben, zumal sie den Mund nicht zu voll nehmen wollte. Schließlich war sie, genau wie ihr Sohn, in Gedanken mit einem Menschen beschäftigt, den sie erst einmal gesehen hatte und der ihr dennoch, so sehr sie sich auch dagegen wehrte, nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte.

Verwundert starrte Arnold Petersen auf den Mann, der ihn mit selbstbewusster Miene entgegentrat.

»Herr Petersen, mein Name ist Julius Jordan. Ich bin ein Mitarbeiter der Firma, die Ihre Wohnung erworben hat.«

»Wie bitte?« fragte Arnold, sichtlich überrumpelt von diesem überraschenden Besuch. »Ich habe gar nicht gewusst, dass die Wohnung verkauft wurde.«

»Deshalb bin ich ja hier. Darf ich hereinkommen?« Ohne eine Antwort abzuwarten, schob sich Jordan, bewaffnet mit einer schwarzen, eindrucksvollen Aktentasche, an Arnold vorbei in die geschmackvoll eingerichtete Altbauwohnung. Neugierig glitten seine Blicke durch die Räume. »Schön haben Sie’s hier.«

»Ich wohne auch schon seit beinahe vierzig Jahren hier. Da hatte ich genügend Zeit, das Beste aus den Zimmern zu machen.«

»Sehr schön, wirklich.« Julius Jordan stellte seine Tasche auf einen Stuhl im Wohnzimmer und ging über das knarzende Parkett. Mit besorgtem Blick blieb er stehen. »Nanu, das klingt aber gar nicht gut.«

»Warum? Holz ist lebendiges Material. Es ist völlig normal, dass es Geräusche macht.«

»Nein, dass hier klingt, als ob unter dem Boden ein Hohlraum wäre. Das muss unbedingt überprüft werden.« Ungeachtet seiner Anzughose kniete sich Jordan auf den Boden, legte ein Ohr auf das Parkett und klopfte mit dem Finger auf das Holz. »Unverkennbar ein baulicher Mangel, der dringend behoben werden muss«, konstatierte er schließlich, richtete sich auf und entnahm seiner Aktentasche einen Block, auf dem er seinen Eindruck sorgfältig festhielt. »Was soll das heißen?«

»Darüber sprechen wir später. Zuerst möchte ich mir die Wohnung genauer ansehen.« Ohne Petersens Einverständnis abzuwarten, machte sich Jordan auf den Weg durch die Wohnung. Er klopfte mit den Fingerknöcheln gegen Wände, überprüfte Fliesen auf ihre Wandhaftung, drehte Heizkörper auf und wieder ab und maß den alten Boiler im Badezimmer mit einem abfälligen Blick. Seufzend beendete er schließlich seine Besichtigungsrunde. »Das sieht ja schlimmer aus, als ich dachte.«

»Wieso? Ich habe die Wohnung stets gepflegt und in Schuss gehalten. Der Besitzer war sehr zufrieden mit ihrem Zustand.«

»Das war ja auch ein alter Herr. Aber inzwischen sind moderne Zeiten angebrochen. Wir werden Ihre Wohnung auf den neuesten Stand bringen. Hinterher werden Sie sich fragen, wie Sie jemals in dieser Bruchbude leben konnten«, versicherte Julius Jordan mit einem überheblichen Lächeln. Er nahm an Arnolds rundem, antiken Esstisch Platz, um seine Notizen zu überfliegen. »Für die Renovierung veranschlage ich in etwa drei Monate.«

»Das ist nicht Ihr Ernst. Und wo soll ich in der Zwischenzeit wohnen?«

»Selbstverständlich können Sie gerne hierbleiben. Allerdings wird es zwischendurch etwas ungemütlich werden, wenn der Boden entfernt und modernes Laminat gelegt wird. Für die Dauer des Badumbaus haben Sie auch keine Waschmöglichkeiten zur Verfügung. Hinterher wird es dafür aber umso gemütlicher sein. Sie können sich freuen, auch wenn eine Mieterhöhung selbstverständlich nicht ausbleiben wird.«

»Und was ist, wenn ich mit diesen Maßnahmen nicht einverstanden bin?« erkundigte sich Arnold Petersen, dem der Ärger langsam aber sicher zu Kopf stieg.

Von diesem Einwand blieb Jordan jedoch völlig unbeeindruckt. Er lächelte maliziös.

»Gerne bezahle ich Ihnen einen Betrag von, sagen wir mal, fünftausend Euro Abfindung, wenn Sie sich eine neue Bleibe suchen.«

»Sie werfen mich aus meiner eigenen Wohnung? Das können Sie nicht. Nicht nach so langer Zeit.«

»Aber, aber, wer wird denn gleich so unfreundlich sein? Überlegen Sie es sich, noch haben Sie die Wahl.« Offenbar war Julius Jordan mit seinen Ausführungen am Ende angelangt. Während Petersen noch nach einer passenden Antwort suchte, packte er seine Unterlagen in die imposante Aktentasche und erhob sich. Mit großen Schritten ging er zur Tür. Bevor er die Wohnung verließ, drehte er sich noch einmal zu Arnold um. »Ich wußte, dass Sie einverstanden sein würden. Nächste Woche beginnen wir mit den Umbaumaßnahmen. Wenn Sie bitte so gut sind und in der Zwischenzeit dafür sorgen, dass unsere Arbeiter nicht durch herumstehende Sachen behindert werden. Sie wissen doch sicher: Zeit ist Geld.« Damit wandte er sich endgültig ab und ließ den verdutzten Arnold Petersen im Flur stehen. Seine lockeren Schritte hallten noch im Treppenhaus nach, als er den Altbau längst verlassen hatte. Deprimiert und ratlos schloss Arnold die Wohnungstür. Er setzte sich an den Tisch und legte den Kopf in die Hände, wie er es immer tat, wenn er nachdenken musste. Rasch wurde ihm bewusst, dass er sich zwar im Recht befand, ihm jedoch Kraft und Geld fehlte, um einen Anwalt mit der Vertretung seiner Interessen zu beauftragen. So erhob er sich schließlich und wählte die Nummer seiner Nichte Ilka Salmberg, um sich bei der kompetenten jungen Frau, die ihm über die Jahre eine wahre Freundin geworden war, einen Rat zu holen.

*

Unwillig schüttelte der Regisseur Josef Kunse den Kopf, nachdem die Szene, an der er mit seinem Schauspieler Henri Meinhold arbeitete, zum wiederholten Male nicht gelingen wollte.

»So geht das nicht, Henri. Da ist viel zu wenig Dramatik drin. Das muss glaubwürdiger rüberkommen. Ich will den Sprung aus dem Fenster haben. Es genügt nicht zu sehen, wie du durch die Scheibe gehst. Der Sturz in die Tiefe ist das Entscheidende. Das wird ein Kracher.«

Atemlos gesellte sich der Schauspieler zu seinem Regisseur. Sein gut aussehendes Gesicht war erhitzt und er wischte sich mit dem Handtuch, das ihm eine Assistentin mit verliebtem Blick reichte, den Schweiß von der Stirn. »Wie stellst du dir das vor?« fragte Henri, während er das Handtuch achtlos fallen ließ. Das Mädchen beeilte sich, es aufzuheben.

»Ganz einfach. Du musst es machen.«

»In Wirklichkeit aus dem zweiten Stockwerk durch das Fenster in die Tiefe springen? Das ist nicht dein Ernst. Für so was gibt es Stuntmen!«

»Gerade das will ich nicht. Ich will die echte Angst in deinem Gesicht, die Furcht in deinen Augen. Das funktioniert nur, wenn du es selbst machst«, erklärte Kunse, unbeeindruckt von den Einwänden seines Filmstars.

»Keine Chance, das mache ich nicht. Stell dir mal vor, was los ist, wenn mir dabei etwas passiert?«

»Das ist das Risiko. Aber du hast die Wahl. Entweder du machst es, oder du bist raus aus dem Projekt.«

»Das ist Erpressung«, empörte sich Henri, und sein hübsches Gesicht verzerrte sich ärgerlich. Er wußte so gut wie sein Regisseur, dass er in der Falle saß. Nach einem Knick in Henri Meinolds Karriere war dies das erste ansprechende Rollenangebot seit langer Zeit. Er konnte es sich nicht leisten, es abzulehnen, wollte er nicht den Rest seines Lebens als Kellner in einem Lokal fristen.

Der Regisseur Josef Kunse lächelte nur kühl, als er sich wieder dem Drehbuch zuwandte und die Änderung mit schwungvollen Buchstaben am Rand notierte.

»Das ganze Leben ist Erpressung. Wieso solltest ausgerechnet du davon verschont bleiben? Such dir eine anständige Schule, und laß dich auf diesen Stunt vorbereiten. Du hast genau eine Woche Zeit. Dann will ich die Szene im Kasten haben. Und jetzt machen wir weiter. Kinder, an die Arbeit.« Kunse schenkte seinem Hauptdarsteller keinerlei Beachtung mehr und klatschte in die Hände. Sofort huschten Mädchen in knapper Bekleidung und gut aussehende, aber glatte Männer über das Set, um ihre Plätze einzunehmen. Zähneknirschend gesellte sich Henri Meinhold zu ihnen und baute sich im Scheinwerferlicht vor den Kameras auf. Seine Partnerin wartete bereits auf ihn und strahlte ihn mit einem künstlichen Lächeln und weit aufgerissenen Augen an. Nur mit Mühe gelang es Meinhold, seine Abscheu zu unterdrücken und sich in Pose zu werfen. Einst hatte er davon geträumt, ein Weltstar zu werden. Nun spielte er in drittklassigen Produktionen zweifelhafte Charaktere und konnte nur darauf hoffen, eines Tages doch noch so reich und berühmt zu werden, wie er es in seinen kühnsten Träumen längst war.

*

Ein amüsiertes Lächeln umspielte das Gesicht der Tierärztin Ilka Salmberg, als sie im Wartezimmer schon einen Tag später erneut Melanie und ihren Vater Guido Wolters entdeckte. »Das ist ja ein schnelles Wiedersehen. Geht es Tini schlechter?«

»Nein, ganz im Gegenteil. Ich hab’ ihr erzählt, dass sie einen neuen Freund bekommt und sie ist schon ganz aufgeregt«, plauderte Melanie munter darauf los, als die Ärztin die Tür zum Behandlungszimmer hinter ihren Besuchern geschlossen hatte. »Das sind ja gute Nachrichten.« Ilka streifte Guido mit einem vielsagenden Blick, ehe sie sich über die Schachtel beugte, in dem das junge Meerschweinchen an einem Salatblatt knabberte. »Das ist aber süß.«

»Nicht wahr. Ich will sie Lilly nennen. Sie freut sich schon sehr auf Tini, aber Papa meinte, sie muss erst untersucht werden, ob sie ansteckende Krankheiten hat.«

»Ich glaube zwar nicht, dass sie krank ist. Aber dein Papa hat schon recht. Es schadet nicht, sie anzuschauen«, hütete sich Ilka, Guido in den Rücken zu fallen, obwohl sie natürlich wußte, dass dieser Besuch nur ein Vorwand dafür war, sie wiederzusehen. Das stand mehr als deutlich in seinem Gesicht geschrieben. »Weißt du eigentlich sicher, dass es ein Mädchen ist?«

»Die Leute auf dem Bauernhof haben mir das gesagt«, beeilte sich, Guido zu versichern. Ilka nickte und konzentrierte sich auf die Untersuchung. Mit sanftem aber bestimmte Griff hob sie das Tier aus seiner Schachtel, tastete es auf Auffälligkeiten ab und setzte es schließlich wieder unter gutem Zureden in die Kiste. Lächelnd kehrte sie an ihren Schreibtisch zurück, um ihre Untersuchungsergebnisse in den Computer einzugeben.

»Alles in Ordnung bis auf einen Punkt«, wandte sie sich schließlich an Vater und Tochter, die geduldig auf das Ergebnis warteten. Sofort weiteten sich Melanies Augen vor Schreck und ihre Hand fuhr in die Schachtel, um das Tierchen zu streicheln.

»Bitte, sag nicht, dass Lilly krank ist.«

»Mach dir keine Sorgen, meine Süße, dein neuer Freund ist vollkommen gesund. Es ist nur kein Mädchen, sondern ein kleiner Junge.«

»Das darf doch wohl nicht wahr sein«, stöhnte Guido entsetzt. »Dabei habe ich den Leuten extra gesagt, sie sollen darauf achten, mir ein Weibchen zu verkaufen.«

»Die Bestimmung des Geschlechts bei Meerschweinchen dieses Alters ist sehr schwierig und erfordert viel Erfahrung. Als Kind habe ich selbst eifrig Meerschweinchen und Hasen gezüchtet. Daher kenne ich mich gut aus«, lächelte Ilka sichtlich belustigt. »Ich fahre sofort und tausche das Tier um. Nachwuchs ist das Letzte, was ich haben will.«

»Nein, Papa, das darfst du nicht tun«, rief Melanie empört und schlang die Arme schützend um die Schachtel. »Ich geb’ ihn nie mehr wieder her.«

»Ich würde Ihnen auch dazu raten, ihn zu behalten. Meerschweinchen sind zwar friedliebende Tiere. Die Gefahr von Revierkämpfen ist aber bei zwei Weibchen sehr groß. Wenn Sie den Tieren ein friedliches Leben schenken möchten, sollten Sie den kleinen Jungen hierbehalten.«

»Und jede Menge Nachwuchs erzeugen.«

»Für Melanie wäre das sicher eine tolle Erfahrung, einmal zu sehen, wie das vonstattengeht«, erklärte Ilka geduldig und weidete sich an den glänzenden Augen des Kindes, dessen Blicke an ihren Lippen hingen. »Wenn es Ihnen zu viel wird, gibt es später Mitte und Wege, den Nachwuchs zu unterbinden.«

»Wir bekommen Meerschweinchenbabys«, jauchzte Melanie, noch ehe Ilka Salmberg ausgesprochen hatte. Guido warf einen Blick auf die Tierärztin, die ihn bittend ansah. Er seufzte ergeben. »Also schön, dann werde ich mal in den sauren Apfel beißen.« Guido zögerte einen Augenblick und dachte ganz kurz nach. Im Bruchteil einer Sekunde fasste er einen Entschluss. »Geh schon mal ins Auto, damit das Tier Ruhe bekommt«, forderte er seine Tochter auf. »Es ist ja ganz aufgeregt. Ich bezahle inzwischen die Rechnung.« Melanie war so begeistert über die Zukunftsaussichten, dass sie keinen Verdacht schöpfte. Als das Kind die Tür hinter sich ins Schloss gezogen hatte, machte Guido einen Schritt auf Ilka zu, die hinter ihrem Schreibtisch saß und ihn neugierig musterte.

»Dafür, dass Sie mir derart in den Rücken gefallen sind, sind Sie mir aber jetzt einen Gefallen schuldig«, erklärte er sichtlich nervös.

»Bin ich das?« ließ sich Ilka jedoch nicht so schnell beeindrucken. »Ich habe nur ausgesprochen, was ich denke. Und für ein Einzelkind wie Melanie ist es eine wichtige Erfahrung, mit Tieren aufzuwachsen.«

»Ich widerspreche Ihnen nicht, wenn Sie mir dafür versprechen, meine Einladung zum Essen anzunehmen.«

Guido bemerkte an Ilkas Blick, dass das ein gewagter Vorstoß war. Ihre Augen zogen sich zu engen Schlitzen zusammen, während sie über sein Ansinnen nachdachte. Schließlich seufzte sie.

»Also schön. Es ist zwar nicht meine Art, mit wildfremden Menschen auszugehen. Aber bei Ihnen werde ich mal eine Ausnahme machen.«

»Ich fühle mich geehrt. Kennen Sie das ›Unterbräu‹? Darf ich Sie morgen abend abholen und mit Ihnen dort zu Abend essen?« wagte er, ermutigt durch seinen offensichtlichen Erfolg, vorzuschlagen. Doch diesmal handelte er sich eine herbe Abfuhr ein.

»Ich kenne das ›Unterbräu‹ und werde um acht Uhr morgen abend dort sein. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen«, erklärte Ilka mit einem strengen Blick auf Guido Wolters.

Dem fehlten die Worte. Diese selbstbewusste Frau beeindruckte ihn über alle Maßen. Es würde nicht leicht sein, ihre Sympathie zu erwerben. So verabschiedete er sich betont zurückhaltend. Auf dem Weg zum Wagen, in dem Melanie bereits auf ihn wartete, kam ihm ein Gedanke. Seit dem Tod von Eva hatte er keine Frau mehr gefunden, die seinen Ehrgeiz derart herausgefordert hatte. Guido wollte Ilka beweisen, dass er ihr ein ebenbürtiger Partner war, ihrer Schärfe und ihrem Intellekt in nichts nachstand. Ein feines Lächeln umspielte ihre Lippen, als er den Motor startete. Die vage Hoffnung, durch Ilka Salmberg die Freude am Leben wiederzufinden, beflügelte seine Fantasie.

*

Nachdem Vater und Tochter die Praxis verlassen hatten, saß Ilka noch eine ganze Weile versonnen am Schreibtisch und hing ihren Gedanken nach. So kühl, wie sie sich Guido Wolters nach außen hin gab, so aufgewühlt war sie in ihrem Inneren. Doch so sehr sie sich wünschte, sich zugänglicher zu zeigen, so sehr stand sie sich selbst im Weg. Zu groß war die Enttäuschung, die sie mit ihrem Lebensgefährten Henri Meinhold hatte erleben müssen, als dass sie den Mut gehabt hätte, ihr Herz für einen neuen Mann zu öffnen. So seufzte sie schließlich und erhob sich, um den nächsten Patienten aufzurufen. Es handelte sich um eine junge Frau, die einen verspielten Hund an einer provisorischen Leine führte.

»Du bist ja ein ganz Netter«, begrüßte Ilka ihren neuen Patienten mit lockender Stimme, als das Tier schwanzwedelnd auf sie zukam. Sie ging in die Knie, um ihn besser streicheln zu können und verspielt, wie es junge Hunde nun einmal sind, biss er sie mit spitzen Zähnen in die Hand. »Aua, du Racker, das tut weh«, lachte Ilka. Sie zog die Hand zurück und betrachtete die kleine blutende Wunde.

»Entschuldigung, das hat er nicht böse gemeint«, erklärte Sabine Greiner und zog den stürmischen Hund an der Schnur zurück. »Cäsar ist immer so stürmisch.«

»Das ist ganz normal. Bitte kommen Sie herein«, forderte Ilka die Besitzerin freundlich auf und ging voraus ins Behandlungszimmer. »Wie alt ist er denn?«

»Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung. Er ist mir vor ein paar Tagen zugelaufen. Obwohl ich bei der Polizei war und im Tierheim, konnte kein Besitzer ermittelt werden. So habe ich beschlossen, ihn zu behalten.«

»Das ist ein feiner Zug von Ihnen. Zumal er ja kein Welpe mehr ist und somit sicher nicht leicht vermittelbar wäre. Dann wollen wir mal sehen.« Ilka hatte die kleine Wunde mit einem Pflaster versorgt und schenkte ihr nun keine weitere Beachtung mehr. Gründlich, wie es ihre Art war, untersuchte sie den jungen Hund, während Sabine Greiner zusah. »Und, ist er gesund?«

»Die Temperatur ist in Ordnung, die Augen sind klar, der Herzschlag normal«, erklärte Ilka und hielt sich den Hund vom Leib, der sehr zutraulich war und ständig nach ihren Händen zu schnappen versuchte. Inzwischen trug sie Latex-Handschuhe, die sie vor seinen gierigen Bissen retten musste. »Nachdem wir nicht wissen, ob er bereits gegen die gängigen Krankheiten geimpft ist, müssen wir auf jeden Fall eine Grundimmunisierung durchführen. Eine Wurmkur muss auch unbedingt sein. Wer weiß, wie lange der kleine Kerl schon alleine herumstromert und von was er sich ernährt hat.«

»Ich hatte noch nie einen Hund. Deshalb verlasse ich mich ganz auf Sie.«

»Dann sollten Sie auf jeden Fall eine Hundeschule mit Cäsar besuchen. Andernfalls haben Sie es schwer, dieses Temperament zu zügeln«, lächelte Ilka und verabreichte die nötigen Medikamente, die ein gesundes Hundeleben garantierten. Bald darauf verabschiedete sich Sabine Greiner, nicht ohne versprochen zu haben, für die Nachimpfungen wieder in die Praxis zu kommen. Ilka Salmberg setzte sich an ihren Schreibtisch und tippte den Bericht in den Computer ein. Die Wunde auf ihrem Handrücken beachtete sie nicht weiter und erhob sich schließlich, um den nächsten Patienten aufzurufen.

»Oma, wir bekommen Meerschweinchennachwuchs«, jubelte Melanie, als sie vom Besuch in der Tierarztpraxis zurückkehrte und, so gut das mit der Schachtel in der Hand möglich war, auf ihre Großmutter zustürmte. »Das weiß ich doch schon«, erwiderte Terese irritiert.

»Seit wann kannst du hellsehen?« bemerkte Guido mit einem neuen Funkeln in den Augen. »Du weißt zwar, dass ich ein Tier besorgt habe. Aber stell dir vor: unser neues Meerschweinchen ist kein Mädchen, sondern ein Junge.«

»Ich nenne ihn Charly. Und er wird sich schrecklich in Tini verlieben. Dürfen sich die beiden gleich kennenlernen?« wandte sich Melanie aufgeregt an ihren Vater, der lächelnd nickte. Wie ein Wirbelwind stob das Mädchen davon. Guido blickte ihr abwesend nach, ehe er in die Küche ging, um sich ein Glas Wasser einzuschenken. In Gedanken versunken starrte er aus dem Fenster. Terese, die ihm gefolgt war, warf ihm einen neugierigen Blick zu.

»Du siehst so verändert aus. Ist etwas passiert?« fragte sie schelmisch, obwohl sie genau wußte, welche Gedanken ihren Sohn beschäftigten.

Nur unwillig kehrte Guido in die Wirklichkeit zurück und musterte seine Mutter aufmerksam.

»Dasselbe könnte ich dich fragen. Sicher hast du dich nicht für mich so schick gemacht.«

Seit Jahren schien Guido in einer anderen Welt zu leben. Daher hatte Terese nicht damit gerechnet, dass ihm ihr schickes neues Kleid auffiel und das dezent geschminkte Gesicht. Nun war es an ihr zu erröten.

»Na ja, ich dachte mir, ich besuche einmal einen dieser Tanztees in der Nachbarschaft. Das soll ganz nett sein. Zumindest hat mir das eine Freundin erzählt«, log sie so ungeschickt, dass sich Guido ein lautes Lachen verkneifen musste. »Das sind ja ganz neue Züge an dir. Aber warum nicht? Soll ich dich hinbringen?«

»Nein, danke, ich finde den Weg schon selbst«, erklärte Terese brüsk, der es nicht recht war, dass ihr kleines Geheimnis so schnell ans Tageslicht kam. Mit einem raschen Gruß verabschiedete sie sich und verließ eilig das Haus. Eine lange vergessene Aufregung hatte ihren ganzen Körper ergriffen. Ganze Bienenschwärme summten in ihrem Magen, ihre Hände waren feucht und ihre Kehle trocken, als sie endlich das Café erreichte, aus dem altbekannte Melodien drangen. Unsicher warf sie einen Blick auf ihren Oberkörper und zog die Bluse gerade. Erleichtert stellte sie fest, dass ihr körperlicher Makel nicht zu erkennen war, und ihre Aufregung legte sich ein wenig. Ehe Terese eintrat, zwang sie ihren Atem zur Ruhe. Sie betupfte die Oberlippe mit einem handbestickten Taschentuch und drückte die Tür schließlich mit einem gelangweilt wirkenden Lächeln auf. Schummriges Licht empfing die junggebliebene Seniorin. Es dauerte eine Weile, ehe sich ihre Augen an die bunten Farbtupfen gewöhnten, die eine Spiegelkugel, die sich an der Decke drehte, an die Wände zauberte. Das Café war gut besucht und auf der Tanzfläche wiegten sich einige Paare, zumeist Frauen, die miteinander tanzten. Vereinzelt war auch ein Mann zu sehen. Terese widerstand dem ersten Impuls zu fliehen und nahm an einem freien Tisch Platz.

»Schöne Frau, was darf’s denn sein?« fragte ein junger Ober mit strahlendem Lächeln. Geschmeichelt lächelte Terese zurück. Seit ihrer Operation waren viele Jahre vergangen, in denen sie Fremde so gut wie möglich gemieden hatte. Nun spürte sie, wie wohl ihr die Worte des jungen Mannes taten und ihrer Eitelkeit schmeichelten. Errötend strich sie sich eine unsichtbare Strähne aus dem Gesicht.

»Ein Glas Champagner bitte«, erinnerte sie sich an Szenen aus Fernsehfilmen, in denen bei solchen Gelegenheiten immer dieses erlesene Getränk bestellt wurde. Nicht lange danach hatte ihr der ungewohnte Alkohol ein Strahlen in die Augen und rote Wangen gezaubert. Übermütig wippte Terese Wolters mit dem Fuß im Takt der Musik und beobachtete mit wachsendem Neid die sich wiegenden Paare. Die offensichtliche Abwesenheit von Helmut König, dessentwegen sie gekommen war, trübte ihre Freude. Über ihrer vagen Enttäuschung bemerkte sie nicht den Herrn, der sie längst erspäht hatte und nach einer Weile des Abwartens von hinten an ihren Platz trat.

»Schöne Frau, ich bin entzückt, Sie wiederzusehen.«

Erschrocken drehte sich Terese um und blickte direkt in das Gesicht von Helmut König.

»Herr König, das ist ja eine Überraschung!«

»Ich hoffe angenehmer Art.«

»Natürlich.« Hilflos musterte Terese die jugendliche Erscheinung. Tatsächlich sah König wesentlich besser aus als viele seiner Altersgenossen. Sein Äußeres war dezent und gepflegt. Der Hauch seines teuren Aftershaves raubte Terese beinahe den Atem. Panik ergriff ihr verwirrtes Herz. Sie dachte nur noch an Flucht, aller Mut war schlagartig aus ihrer Seele gewichen. »Ich muss jetzt leider gehen. Es war nett, Sie getroffen zu haben«, erklärte sie hastig und griff schon nach ihrer Handtasche, als König sie zurückhielt.

»Das können Sie mir nicht antun. Eben wollte ich Sie fragen, ob wir ein Tänzchen wagen sollen.«

»Lieber nicht. Ich habe Jahre nicht getanzt und bin vollkommen aus der Übung. Wahrscheinlich würde ich mich fürchterlich blamieren.«

»Meine Schönheit, was haben wir denn zu verlieren? Ich bin überzeugt davon, dass Sie tanzen wie eine Elfe«, ließ König diese Ausrede nicht gelten und zog Terese, die nur sanften Widerstand leistete, auf die Tanzfläche. Angstvoll blickte sie immer wieder hinab auf ihren Oberkörper. Würde Helmut König spüren, dass mit ihr etwas ganz anders war als mit anderen Frauen? Dass sie verstümmelt, nur noch eine halbe Frau war, wie sie sich selbst beständig einredete? Ängstlich beobachtete sie sein Gesicht. Doch Königs Miene war freudig überrascht, als er die ersten Schritte mit ihr wagte, und Terese entspannte sich zusehends. »Ich müsste sehr böse mit Ihnen sein«, murmelte er ihr ins Ohr, als er sie nach drei Tänzen endlich zurück an ihren Tisch führte. »Habe ich etwas falsch gemacht?« Vollkommen verunsichert blickte sie wieder hinab auf ihre hochgeschlossene Bluse. »Aber nein, ganz im Gegenteil. Was wäre mir entgangen, wenn Sie mir diesen Tanz verwehrt hätten.«

»Sie machen sich über mich lustig.«

»Terese, ich bitte Sie. Wissen Sie denn nicht, wie bezaubernd Sie sind? Attraktiv und begehrenswert wie ein junges Mädchen. Allerdings verstehe ich nicht, warum Sie so eine altmodische Bluse tragen. Mit Ihrer Figur könnten Sie sich mit Leichtigkeit ein wenig Dekolleté erlauben.«

»Das geht unmöglich«, erklärte Terese brüsk und verschämt und wand sich aus den Armen von Helmut König. »Es tut mir leid. Ich muss jetzt wirklich gehen.«

»Entschuldigen Sie, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten«, gab der sichtlich geknickt zurück. »Darf ich Sie nach Hause bringen?«

Terese zögerte. Sie verabscheute sich für ihr schlechtes Benehmen, für ihre genierte Zurückhaltung. Sie fühlte die Prothese wie einen Feind an ihrem Körper. Warum konnte sie nicht unversehrt wie alle anderen Frauen sein? Dann hätte sie ihr Leben wieder in vollen Zügen genießen können, an der Seite eines attraktiven und beeindruckenden Mannes wie Helmut König einer war. »Es wäre schön, wenn Sie mich begleiten würden«, gab sie schließlich schüchtern wie ein Backfisch zurück. König lächelte siegessicher, während er ihr den Arm reichte und zu einem Wagen führte, der vor dem Café geparkt war.

»Bitte schön!« Mit einer ausladenden Geste öffnete er ihr die Tür des schicken schwarzen Mercedes.

Terese erblasste, so beeindruckt war sie. Vorsichtig, als könnte sie an dem Gefährt etwas zerstören, stieg sie ein. »Das ist Ihr Wagen?«

»Früher habe ich immer einen Sportwagen gefahren. Inzwischen habe ich aber eingesehen, dass im Alter ein wenig Komfort durchaus angenehm ist.«

»Noch nie zuvor bin ich in so einem schicken Wagen gesessen«, erklärte Terese und strich ehrfürchtig über die grauen Lederpolster. »Dann wird es aber Zeit, schöne Prinzessin.« Geschmeidig glitt Helmut König hinters Steuer und machte sich auf den Weg. Noch ehe sich Terese Wolters wundern konnte, woher er ihre Adresse kannte, waren sie auch schon vor der schönen alten Villa angelangt, die sie mit ihrem Sohn und der Enkeltochter bewohnte. König stieg aus und öffnete ihr galant die Tür. »Darf ich Sie wiedersehen?« Er blickte ihr tief in die Augen, seine Stimme war rau. Ohne lange zu überlegen, antwortete Terese:

»Ich wüsste nicht, was ich mir mehr wünschen sollte.«

»Dann hole ich Sie morgen abend um acht Uhr ab und führe Sie in mein Lieblingsrestaurant aus. Einverstanden?«

Terese verschlug es die Sprache. Um ihre Verwirrung zu überspielen, nickte sie huldvoll und schwebte wie auf Wolken durch das Gartentor, über den Weg und zum Haus. Dort drehte sie sich noch einmal um, aber der Wagen von Helmut König war bereits verschwunden.

*

»Ich hab’ gewusst, dass das nicht gut geht«, stöhnte der Schauspieler Henri Meinhold mit schmerzverzerrtem Gesicht. Er lag auf dem Boden inmitten einer Menge Glasscherben und bedeckte mit den Händen den Brustkorb. Blut quoll durch den dünnen Stoff seines Hemdes. Ein durchtrainierter Mann kniete mit besorgtem Gesicht neben ihm. »Wir brauchen einen Arzt.«

»Bist du verrückt geworden? Ich mache weiter. Sonst bin ich meinen Job los.« Mühsam versuchte Henri, sich aufzurichten, sank aber sofort wieder stöhnend auf den Boden zurück. Die Glasscherben unter ihm knirschten. Sterne tanzten vor seinen Augen, ehe die Welt um ihn herum schwarz wurde. Der Lehrer der Stuntschule zögerte nicht lange. Er stand auf, lief zum Telefon und wählte die Nummer der Behnisch-Klinik. Nicht lange danach trafen die Sanitäter ein. Meinhold hatte das Bewusstsein noch nicht wiedererlangt. »Wie ist das geschehen?« erkundigte sich der Sanitäter, während er nach einer kurzen Untersuchung eine Kanüle in Henris Armvene legte und einen Infusionsbeutel in die Höhe hielt. »Dieser Anfänger bestand darauf, einen Sprung durch eine Glasscheibe zu machen. Ich habe versucht, ihm das auszureden, aber er war so verbohrt, dass es mir nicht gelungen ist, ihn zu überzeugen.«

»Immer diese leichtsinnigen Menschen. Das hat er jetzt davon. Ich verstehe nicht, wie man so leichtsinnig mit seiner Gesundheit umgehen kann«, erklärte der Fahrer des Notarztwagens, während er zusammen mit seinem Kollegen die Trage mit Meinhold darauf hochhob und in den Wagen schob.

»Der Mann ist Schauspieler. Es ging um seinen Job.«

»Für den er sein Leben aufs Spiel gesetzt hat«, bemerkte der Sanitäter lakonisch und verabschiedete sich. Mit Blaulicht verließ der Wagen den Hof.

Als Henri Meinhold wieder zu sich kam, blickte er sich verwundert um. Er lag in einem freundlichen Zimmer, das er noch nie zuvor gesehen hatte. Eine weiß gekleidete junge Frau huschte fast lautlos hin und her. Mit einem leisen Stöhnen machte er sich bemerkbar. Sofort war Schwester Grete an seiner Seite.

»Da sind Sie ja wieder, Herr Meinhold. Wie fühlen Sie sich?« fragte sie ihn mit einem strahlenden Lächeln und warf einen prüfenden Blick auf die Geräte, die die vitalen Funktionen des Patienten ununterbrochen aufzeichneten.

»Bin ich im Himmel und Sie mein rettender Engel?« fragte er mit schwacher Stimme.

Grete lächelte aufmunternd.

»Nicht ganz, aber fast. Sie sind in der Behnisch-Klinik und haben gestern eine Notoperation hinter sich gebracht. Wie geht es Ihnen? Haben Sie Schmerzen?«

»Wie gerädert. Das Luftholen tut weh.«

»Kein Wunder. Sie haben sich einige Rippenfrakturen zugezogen, eine davon ist in Ihre Lunge eingedrungen.«

»Woher kam all das Blut?« erinnerte sich Henri mit Schaudern an seine Verletzung.

»Das rührte von einer tiefen Schnittwunde her. Wenn Schauspieler öfter so halsbrecherische Sachen machen müssen, um erfolgreich zu sein, dann würde ich an Ihrer Stelle lieber darauf verzichten.«

»Woher wissen Sie, dass ich Schauspieler bin?« erkundigte sich Henri. Trotz seiner Schmerzen gewann die Eitelkeit rasch wieder Oberhand.

»Ich habe einen Ihrer Filme gesehen, der mir sehr gefallen hat. Allerdings ist er schon etwas älter«, erklärte Grete. »Aber nun haben wir genug geplaudert. Jetzt wird geschlafen, damit Sie bald wieder gesund sind und mir ein Autogramm geben können.« Sie zwinkerte ihm zu, zog die Decke gerade und verließ auf leisen Sohlen das Zimmer. Henri blickte ihr nach, ehe er folgsam die Augen schloss. Hatte er eben noch mit seinem Schicksal gehadert, blickte er angesichts der hübschen Schwester und ihren bewundernden Worten, wieder positiver in die Zukunft. Ehe er einschlief, gaukelten bunte Bilder vor seinem inneren Auge. Er sah einen roten Teppich, den er zur Preisverleihung mit einer schönen Frau am Arm hinaufschritt. Zunächst meinte er, Schwester Grete in seine Träume verwoben zu haben. Als er aber näher hinsah, erkannte er seine ehemalige Lebensgefährtin Ilka Salmberg, von der er sich im Streit getrennt hatte. Seit Wochen hatte er es vermieden, an sie zu denken. Warum kam sie ihm gerade jetzt in den Sinn? Doch ehe er eine Antwort auf diese Frage fand, war er auch schon eingeschlafen.

Voller Bewunderung saß Guido Wolters am Tisch des noblen Restaurants, in das er Ilka Salmberg ausgeführt hatte und konnte den Blick nicht von seiner schönen Begleiterin wenden. Hatte sie ihn zunächst nur wegen ihrer spröden Zurückhaltung gereizt, war er im Laufe des Abends ihren Reizen immer mehr verfallen. Ilka war nach und nach aufgetaut, und sie hatten sich angeregt über Gott und die Welt unterhalten, Gemeinsamkeiten entdeckt und viel gelacht. Nun schwiegen sie schon eine geraume Weile, und die Luft zwischen Ihnen knisterte wie elektrisiert.

»Woran denken Sie?« fragte Guido endlich mit rauer Stimme.

Ilka warf ihm einen schiefen Blick zu und errötete zart im sanften Kerzenschein.

»Daran, dass ein interessanter, gut aussehender Mann wie Sie keine Frau an seiner Seite hat. Ich frage mich, warum das so ist.«

Guido zögerte einen Moment. Er forschte in Ilkas Gesicht und wußte mit einem Mal, dass sie eine Frau war, der man die Wahrheit sagen musste. »Wissen Sie, meine Ehe war nicht besonders glücklich. Als ich meine Frau Eva kennenlernte, war ich jung und unerfahren. Sie war eine hübsche, lebenslustige Person und beeindruckte mich über alle Maßen. So verliebten wir uns ineinander. Es war wie im Rausch. Als wir endlich aufwachten und feststellten, dass wir im Grunde gar nicht zusammenpassten, war es zu spät. Eva war schwanger mit Melanie. So beschlossen wir, es trotzdem miteinander zu versuchen«, erinnerte er sich zögernd. »Im Nachhinein gesehen war das wohl ein Fehler.«

»Menschen sind auf der Welt, um Fehler zu machen.«

»Mag sein. Dennoch hätten wir uns mit etwas Weitsicht viel ersparen können. Wir wollten unserer Tochter mit Gewalt eine glückliche Familie vormachen, was natürlich nicht gelingen kann. Immer häufiger gab es Streit wegen Kleinigkeiten, worunter Melanie sehr litt. Das habe ich Eva im Laufe eines Abends vor vielen Jahren vorgeworfen.« Guidos Stimme war immer leiser geworden. Nun verstummte er ganz.

»Sie müssen mir das alles nicht erzählen, wenn Sie nicht wollen«, erklärte Ilka rasch, die begriffen hatte, welche Wunden sie mit ihrer Frage aufgewühlt hatte. Aber nun war es zu spät, einen Rückzieher zu machen. Guidos Blick machte ihr klar, dass er bereit war, sich ihr ganz zu öffnen. Das machte ihr Angst, aber noch ehe sie ihn davon abhalten konnte, erzählte er weiter.

»Ich spreche zum ersten Mal mit einem anderen Menschen über diese Sache. Vielleicht ist endlich die Zeit gekommen, diese Geschichte zu überwinden und abzuschließen. Eva und ich hatten an diesem Abend einen so heftigen Streit wie nie zuvor. Als sie meinen Vorwurf hörte, verließ sie wie von Sinnen das Haus und stürzte davon. Ich lief ihr nach und versuchte, sie zurückzuhalten. Aber es war zu spät. Ich sah nur noch die Rücklichter ihres Wagens, als sie mit Vollgas davonfuhr. Es war das letzte Mal, dass ich meine Frau lebend sah.«

»Du meine Güte, das ist ja schrecklich.« Ilka schlug sich die Hand vor den Mund. »Seitdem leiden Sie unter Ihrem schlechten Gewissen, nicht wahr? Es muss so sein, ich sehe es Ihnen an. Daher die Trauer und Verzweiflung in Ihren Augen.«

Guido schenkte ihr einen dankbaren Blick. Sie hatte ihn ohne große Erklärungen verstanden. »Genau so ist es. Nacht für Nacht habe ich Evas zorniges Gesicht gesehen, den kreischenden Motor des Wagens gehört, als sie davonfuhr. Manchmal meinte ich, verrückt zu werden. Ich hatte sie nicht mehr geliebt. Aber ihren Tod, nein, den hatte ich nicht gewollt. Schließlich war sie die Mutter meiner Tochter. Es hätte eine Lösung gegeben«, seufzte er bedrückt.

Die Offenheit dieses Mannes rührte Ilka zutiefst. Obwohl sie sich ihrer Gefühle für Guido ganz und gar nicht sicher war, überwand sie ihre Zurückhaltung. Unwillkürlich griff sie nach seiner Hand und drückte sie fest. »Es spricht für Sie, dass Sie nicht an diesem Erlebnis zerbrochen sind.«