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„Fermer“ ist der Debütroman von Hanns-Josef Ortheil. Er erschien 1979 und wurde nach seinem Erscheinen sehr schnell zu einem Kultbuch der jungen Generation, die sich mit dem jungen Fermer auf eine weit ausschwingende, Motiven der Romantik nachspürende Deutschland-Reise begab. Untergründig geht es dabei um die Rückgewinnung eines poetischen Heimatempfindens, das sich weder in der Idylle einrichten, noch an früheren Heimat-Traditionen orientieren kann. Radikal subjektiv, „eigensinnig“ und doch emphatisch ist Fermers Reise, die von Liebe, Freundschaft, „poetischer Geselligkeit“ und dem Glauben an die Möglichkeit des Glücks getragen wird.
„Fermer“ wurde mit dem ersten „Aspekte“-Literaturpreis des ZDF für den besten deutschsprachigen Debütroman des Jahres ausgezeichnet.
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Seitenzahl: 442
Veröffentlichungsjahr: 2013
»Fermer« ist der Debüt-Roman von Hanns-Josef Ortheil. Er erschien 1979 und wurde nach seinem Erscheinen sehr schnell zu einem Kultbuch der jungen Generation, die sich mit dem jungen Fermer auf eine weit ausschwingende, Motiven der Romantik nachspürende Deutschland-Reise begab. Untergründig geht es dabei um die Rückgewinnung eines poetischen Heimatempfindens, das sich weder in der Idylle einrichten noch an früheren Heimat-Traditionen orientieren kann. Radikal subjektiv, »eigensinnig« und doch emphatisch ist Fermers Reise, die von Liebe, Freundschaft, »poetischer Geselligkeit« und dem Glauben an die Möglichkeit des Glücks getragen wird. »Fermer« wurde mit dem ersten »Aspekte«-Literaturpreis des ZDF für den besten deutschsprachigen Debütroman des Jahres ausgezeichnet.
Hanns-Josef Ortheil wurde 1951 in Köln geboren, er lebt als Schriftsteller in Stuttgart und Wissen an der Sieg und lehrt als Professor für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Seit vielen Jahren gehört er zu den bedeutendsten deutschen Autoren der Gegenwart, sein Werk ist mit vielen Preisen ausgezeichnet worden, zuletzt mit dem Brandenburger Literaturpreis, dem Thomas-Mann-Preis der Hansestadt Lübeck, dem Georg-K.-Glaser Preis, dem Koblenzer Literaturpreis und dem Nicolas Born-Preis. Sein Werk erscheint im Luchterhand Verlag.
Hanns-Josef Ortheil
Fermer
Roman
btb
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Genehmigte Ausgabe Dezember 2007, btb Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München
Copyright © Hanns-Josef Ortheil
»Fermer« erschien zuerst 1979 im S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main.
Umschlaggestaltung: Design Team München unter Verwendung eines Motivs von Egon Schiele, Die Brücke, 1913, Öl auf Leinwand / The Yorck Project
KS . Herstellung: BB
ISBN 978-3-641-10870-0V002
www.btb-verlag.de
»Ob ich nun auf einem so verzweifelten Spaziergang den Weg ins Freie und in die alte poetische Heimat gefunden habe, ob sich nicht vielmehr Aktenstaub statt Blütenstaub angesetzt hat ... überlasse ich Ihrem bewährten Urteil.«
Joseph von Eichendorff, Brief vom 2. Dezember 1817 an Friedrich Freiherrn de la Motte Fouqué
An einem Vorfrühlingsabend kehrte der junge Fermer nicht mehr in die Kaserne zurück. Es war noch recht kühl, doch waren die ersten Anzeichen des nahenden Frühlings zu bemerken. »Es tut sich etwas«, dachte Fermer, »scheint nicht alles aufspringen zu wollen?«
Um den Vollmond flogen eilend Wolkenfetzen, die sich sofort wieder zerstreuten; die sonst fahle Himmelsdecke war an einigen Stellen weit aufgerissen, und Fermer konnte die leuchtenden Sterne erkennen. Auch die Lastschiffe, die den Fluß hinauffuhren, schienen schneller zu fahren. Auf einem Schiff flatterten Wäschestücke an einer Leine, und eine Tür war so weit geöffnet, daß der Lichtschein auf ein neben der Wäsche stehendes Fahrrad fiel.
»Warum nicht sofort aufbrechen?« dachte Fermer und ging schneller voran. Das Neonlicht zwischen den Platanen am Ufer schien so hell auf die Knospen der Sträucher, daß sie künstlich zu sein schienen. Doch als Fermer plötzlich den noch schwachen Gesang eines Vogels hörte, war auch diese Künstlichkeit so unwichtig geworden wie die anderen verstummten Geräusche. Er wechselte singend den Schritt, begann zu laufen und hielt eine Zeitlang das Tempo eines Schiffes mit.
Schließlich erreichte er die Brücke, die aus der Stadt zu den Vororten führte, und als er sich auf ihrer Mitte umdrehte, sah er die Silhouette der Stadt wie ein eben fertig gewordenes Bild vor sich liegen.
Auf einigen Hochhäusern wechselte die Leuchtschrift. Manche Gebäude waren in gelbes Licht getaucht und erschienen wie Ton, der eben zu erstarren begann. Von den dunklen Häuserreihen hoben sich die langen Antennen ab, die in den erleuchteten Horizont ragten. Fermer erkannte die Hotelfassaden am Ufer. In den hell erleuchteten Rechtecken der Fenster bewegten sich Menschen; manche hatten sich auch hinausgelehnt und schauten auf den Fluß. In einem Fenster sah Fermer eine Frau, die sich vor einem Spiegel hin und her zu bewegen schien.
Das Hupen eines Lastschiffes weckte ihn aus seiner Vertiefung, und er ging schneller voran.
Der Fluß war an dieser Stelle sehr breit. Er teilte sich vor einer Insel, floß wieder zusammen und verschwand zwischen den an beiden Ufern sich erstreckenden Hügelketten. In der Nähe der Stadt war er noch von Fabriken und Schornsteinen eingefaßt; doch am Horizont wurde er immer mehr zu einer kaum noch gekrümmten Linie, die sich in die Linien der bewaldeten Hügel einordnete. Dort in der Ferne zitterten kleine Lichter in der allmählich immer stärker hereinbrechenden Dunkelheit.
Fermer verließ die Brücke über einen schmalen Steg, der zu einer Ulmenallee am Ufer führte. Er wußte seine Unruhe kaum zu beherrschen. Eingefaßt von den Bäumen, ging er im schwachen Wind. Hier bewegte sich alles, und laut wie nie erschien ihm das Rauschen des Wassers.
Er blickte zu der Reihe der alten Häuser hinüber, die nahe am Weg lagen. Einige hatten noch kleine Erker im ersten Stockwerk, von denen man über den Fluß auf die gegenüberliegende Stadt blicken konnte. Hier und da war auch eine Tür zum Balkon leicht geöffnet; ein Vorhang wehte nach draußen, oder ein schwaches Licht fiel auf die Efeuranken, die sich um die Vorbauten schlossen.
Lange blieb sein Blick an diesen Häusern hängen; er spürte die Ruhe, die sich in ihrem Inneren ausgebreitet hatte. Vögel kreisten über dem Fluß und flogen kreischend hinter den Schiffen. Im Geäst der Bäume hielten Krähen ein, der Wind war stärker geworden. Die Wolken schienen sich der Erde zu nähern, und über ihnen klaffte der dunkle Himmel, dessen Mitte der Mond noch hielt.
Er wollte weitergehen und steckte die Hände in die Taschen des Mantels, nach Wärme suchend. Im letzten Aufblicken bemerkte er eine Gestalt, die eine der schon geöffneten Türen weiter aufsperrte und auf den kleinen Vorbau hinaustrat. Sie lehnte sich auf die Brüstung und blickte in die Ferne. Sah er nicht deutlich eine Hand, die über dem Geländer lehnte, und flatterten nicht die Haare im Wind?
Fermer hielt wie erstarrt inne und glaubte, lange nichts Schöneres gesehen zu haben. Langsam trat er zurück ins Dunkel der Bäume, ängstlich schon, die Schöne könne in jedem Moment verschwinden und er allein zurückbleiben. Doch zugleich fühlte er auch schon, wie weit er von ihr entfernt war; ruhig schauend stand sie lange und schien den Wind nicht zu bemerken, während es um Fermer lauter wurde. Er wußte nicht, ob es das Rauschen des Flusses war, und drehte sich zum Wasser um. Das Ufer lief in langen Steinbänken aus, und zwischen den aufgeschichteten Steinen lagen Autoreifen und Abfall. Dort schlugen die Wellen mit dumpfem Geräusch an, während die Möwen noch niederfielen, um den angetriebenen Unrat aufzunehmen.
Als er sich wieder umdrehte, war die Gestalt verschwunden. Die Tür stand noch einen Spalt offen, und der schwere Vorhang wehte nach draußen. Inzwischen aber war auch das gedämpfte Licht im Inneren des Zimmers verloschen. Fermer ging langsam am Fluß entlang und redete sich zu, nicht in Traurigkeit zu verfallen. Er spürte eine milde Schwäche, die sich während des Gehens nicht aufhob, und atmete kräftiger durch. Ihm gerade gegenüber lag die Insel, die den Fluß teilte. Ihre dunklen Baumreihen hoben sich vom hell beschienenen Wasser ab. Bis auf das Klatschen der Wellen am Ufer und das ferne Summen der Autos war nichts zu hören.
Er wußte nicht, wohin der Weg führte, und blickte zur Insel, als habe er ein Ziel gefunden. Nur wenig bewegten sich dort die schweren Bäume hin und her; dunkel und still lag das Land in der erregten Umgebung.
Nicht weit entfernt sah er einen Bootssteg; dort hoffte er zu finden, was er brauchte. Das Bootshaus war abgeschlossen, aber am Ende des Steges war ein Kahn an einen hölzernen Pfeiler gekettet. Er ging auf ihn zu über den schwachen, knarrenden Steg und sah sein zitterndes Spiegelbild in den Wellen. Die Kette war leicht zu lösen; neben den Ruderbänken lagen die Ruder auf dem Boden des Bootes. Der Lack glänzte im Mondschein. Er setzte sich auf das Ende des Steges; seine Beine hingen über dem Wasser. Die Strömung war nicht stark, der Mond beschien die Strecke. Er glaubte, es sei einfach hinüberzukommen.
Die Erinnerung an die verschwundene Gestalt aber ließ ihn nicht los. Er beugte sich über das Wasser, als könne er so leichter vergessen. Die Arme erschienen ihm seltsam schwer, die Luft war knapp geworden, sein Atem ging rasch.
Schließlich löste er die Kette, die ins Boot rasselte, sprang hinter ihr her, balancierte den Kahn aus, setzte die Ruder ein und fuhr mit einigen kraftvollen Stößen los. Als er die Bewegung des Kahnes wahrnahm und sah, daß er langsam vorwärts kam, während das Wasser leicht an die Ränder klatschte, wuchs mit jedem Stoß sein Vertrauen zu sich selbst. Er atmete tiefer ein und bemerkte die Rinne, die der Kahn in die Wellen zog. Vom Ende des Bootes reichten die beiden Linien bis ans Ufer und hielten eine still gewordene Fläche. Die Möwen flogen flach hinter ihm; es schien beinahe zu stürmen, und doch wußte er, daß er es sich nur einbildete. Die Wellen gingen so hoch wie zuvor, und die Ulmen am allmählich verschwindenden Ufer bewegten sich nur schwach. Einmal mußte er vor Erschöpfung die Ruder loslassen, und der Kahn trieb ein wenig in der Strömung. Als Fermer sich umwandte, erkannte er schon die wild ineinandergewachsenen Baumgruppen, kleinere Büsche am Ufer und den schmalen Sandstreifen davor; mit jedem Ruderstoß näherte er sich einer Stille, die ihm groß und schwer erschien. Der Wind schwächer, nur die langsame Bewegung der Bäume, das Rascheln der Büsche in der Dunkelheit. Das Boot lief auf den Sandstreifen, und Fermer sprang heraus, um es vom Wasser wegzuziehen. Als er aufblickte, lag ihm gegenüber die Allee der Ulmen, hinter denen sich die alten Häuser verbargen, wie ein längst verlassenes Land, das er anschaute wie ein Fremder.
Er zwängte sich zwischen den Büschen hindurch und erreichte einen schmalen Pfad, der ins Dunkel führte. Durch die Baumreihen gelangte er in freieres Gelände. Er stolperte gegen die harte Erde eines Ackers und erkannte eine Wiese, die von Pappeln eingesäumt war. So war er an der anderen Seite der Insel angekommen und stand jetzt der Stadt gegen über, deren Bild grell aufleuchtete, flackernd wie ein Feuer, das noch im Wasser zu glühen schien. Es leuchtete stärker als zuvor und hob sich wie ein unruhig zitterndes Relief von der dunklen Umgebung ab.
Dahinter aber brodelte es; manchmal flogen Lichtfetzen hinaus über die Häuserfassaden im Vordergrund und verglühten wie Sternschnuppen im Dunkel. Auch war es lauter geworden – im fernen Dröhnen hörte er Autohupen und ein sich regelmäßig wiederholendes Zischen.
Er sah zum Bootshafen, erkannte die dunklen Lagerschuppen und die Schienen, auf denen im Sommer die Boote ins Wasser gelassen wurden. Zwischen den hohen Hotelfassaden riß es manchmal hell auf, und auf der breiten Uferstraße bildete der unablässige Strom der vorüberfahrenden Wagen ein helles Band, von dem sich die verblichenen Stämme der Straßenbäume abhoben. Flußabwärts die weißen Rückseiten der Wohnwagen in der Nähe der Schrebergärten; dort führte die Eisenbahnbrücke über den Fluß, über die die Züge glitten, in der Ferne flimmernde Ketten erleuchteter Fenster, die aufzuckten und verbrannten.
Er saß jetzt ruhiger, an eine Pappel gelehnt und fühlte, daß der innere Druck nachließ. Er schaute zum Mond, der zwischen den schnell ziehenden Wolken immer wieder hervortrat, und konnte sich wortlos nicht mehr an das erinnern, was vorgefallen war. Er wußte, daß etwas in ihm aufgebrochen war, und einmal nahm er den Kopf zwischen die erkalteten Hände.
So blieb er sitzen, bis die ersten Lichter verloschen und der Verkehr verebbte; längst waren die meisten Hotelfenster verdunkelt. Es war sehr kühl geworden, und als er die Kälte endlich bemerkte, stand er langsam auf und ging den Pfad zurück. Am Rand der Wiese traf er auf eine Hütte, die Tür war geöffnet. Im Inneren waren Hacken und Schaufeln gegen die morsche Holzwand gelehnt, einige Torfsäcke lagen herum. Er breitete sie in einer Ecke aus und zog die Tür an.
In seinem Kopf brauste es noch eine Weile, das Geräusch des Wassers war ihm einmal ganz nahe, als stehe das Wasser schon vor der Tür; dann glaubte er das Pfeifen eines Zuges zu hören, lange noch das monotone Summen der Autos. Ihm war, als sei er in ein stürmisches Dunkel gefallen. Die Bilder verschoben sich zu Leuchtzeichen.
Spät erst legte sich der Aufruhr durch die tiefe Müdigkeit; endlich schlief er ein.
Früh am Morgen erwachte Fermer, und mit den ersten Bewegungen wußte er, daß er jetzt schon gesucht wurde. Die Angst stieg scharf in ihm auf, er spürte die pochende Leere des Magens. Wie zum Hohn war es trüb, als er die Tür aufstieß, dunkle Wogen dicht über der Ebene. Nur am Horizont war der verdüsterte Himmel noch hell.
Erst jetzt bemerkte er, wie laut es schon um ihn geworden war. Aus der Nähe kam das Schürfen eines Baggers, das Rasseln von Ketten; auf der Brücke huschten die Wagen unter den noch schwach leuchtenden Straßenlampen.
Als habe er die rechte Zeit verpaßt, beeilte er sich, zurück zum Boot zu kommen. Es lag auch wirklich noch da, wo er es in der Nacht untergebracht hatte. Er schaute sich nicht mehr um, sondern schob es sofort ins Wasser, sprang hinein und ruderte zurück.
Er blickte nicht um sich, sondern ruderte so schnell es ging. Schließlich legte er mit dem Boot am Steg an, kettete es fest und ging sofort, ohne sich auch nur noch einmal umzuschauen, über den Steg zurück durch die Ulmenallee, in der der Wind noch rauschte.
Vor Anstrengung und Widerwillen gegen alles, was um ihn war, konnte er nicht mehr weitergehen. Er setzte sich auf eine Bank und nahm den Kopf zwischen die Hände, ließ ihn aber bald schon vor Müdigkeit fast auf die Brust fallen. Die Empfindungen waren schwach, nur die Aufregung blieb, und er wußte nicht, ob es Angst war oder die noch nicht verblaßte Erinnerung an die vergangene Nacht.
Er schüttelte sich und vermied es, zur Stadt zu blicken. In der Nähe roch das Wasser des Flusses stark nach Öl; er kam vom Uferweg ab und erreichte die Autostraße. Eine Bushaltestelle war nicht weit entfernt, und unter dem Wartehaus standen die Menschen schon eng nebeneinander, als habe es längst begonnen zu regnen. Einige schauten zu ihm hinüber, und für einen Moment empfand er die Gefahr, bemerkt und erkannt zu werden. Aber die Müdigkeit war so groß, daß dieser Gedanke schnell wieder verschwand; er ging auf das Wartehaus zu und stellte sich zu den Wartenden.
Sie machten ihm Platz; als er unter ihnen stand, bemerkte er sofort, daß niemand sprach. Einige hielten Zeitungen in der Hand; zum Lesen hatten sie die Blätter in der Mitte geknickt. Eine junge Frau mit einem roten Kopftuch blickte zu ihm, und er glaubte, ein Lächeln zu bemerken; doch die Frau wandte den Kopf sofort wieder ab, schaute auf die Finger, die sie vor dem Körper spreizte, und öffnete eine schwarze Handtasche.
Als wenig später der Bus kam, stiegen alle schweigend ein und setzten sich sofort ruhig hin. Im Wagen war der Geruch von Fäulnis, Urin und dem Papier der Zeitungen so stark, daß er sich beherrschen mußte, um sich nicht zu übergeben. Er blickte aus dem Fenster auf den grauen Fluß, den der Bus eben überquerte und bemerkte erst jetzt die junge Frau mit dem Kopftuch, die sich neben ihn gesetzt hatte, und, als sie seinen Blick spürte, leise zu sprechen begann.
Er müsse eine schlimme Nacht hinter sich haben, so müde wie er aussehe. Hier habe sie ihn noch nie gesehen; dabei kenne sie beinahe jeden in dieser Gegend. Fermer konnte sie nicht ansehen und hörte still zu, zum Fenster hinausschauend. Es gelang ihm nicht, zwischen den dichten Baumreihen am Ufer der Insel hindurch auf die Hütte zu blicken.
Die Frau erzählte weiter; sie sei Serviererin in einem Café. Morgens müsse sie früh zur Stelle sein, am Bahnhof ständen zu dieser Zeit immer einige Leute herum, die einen warmen Raum und etwas zu trinken brauchten.
Sie sprach langsam, nickte manchmal auch zwischen den Sätzen mit dem Kopf und blickte dabei lange auf eine Stelle. Ihr Sprechen beruhigte ihn. Für einen Moment kam es ihm vor, als kenne er sie schon lange. Bei diesem Gedanken mußte er lächeln, und sie schien es zu bemerken, denn auch sie lachte plötzlich, als habe sie etwas Lustiges gesagt. Ein Mann blickte sich um, und Fermer schaute schnell wieder zum Fenster hinaus.
Bald mußte der Regen beginnen. Im Bus war es jetzt warm. Fermer blieb still, weil ihm nichts einfiel; auch die Frau hatte das Sprechen aufgegeben. Ihm aber wurde es wohler; fast war er schon belustigt, als der Bus die Brücke verließ und nach einer Kurve in die große Straße einbog, die in die Stadt führte.
Er glaubte, den Gedanken an die Zukunft wieder ertragen zu können. Seine Sicherheit wuchs, je länger der Bus fuhr. Er wünschte sich, noch lange so neben der ruhig schauenden Frau sitzen zu dürfen. Die ihm plötzlich zugefallene Freiheit wollte er vorerst nicht aufgeben. Als er daran dachte, wurde er für einen Augenblick wieder so aufgeregt, daß er schlukken mußte, um sich zu beruhigen. Die Zukunft erschien wie eine grenzenlose Landschaft; bei diesem Gedanken beugte er sich zu der Frau hinüber und sagte fast übermütig, daß er in ihr Café kommen wolle.
Als sie ihn kurz anschaute, erkannte er die tiefe Müdigkeit in ihren Augen.
Am Bahnhof stiegen sie aus, die Frau deutete auf das nahe Café, und Fermer sagte ihr, daß er wenig später kommen werde. Er wollte sich eine Zeitung besorgen und ging in den Bahnhof, wo vor einem Stand die Zeitungsstöße lagen. Der Verkäufer holte sie gerade herein und schnitt mit einem Messer die Kordel durch, mit der die Bündel umschnürt waren. Er legte die Zeitungen aus, während neben Fermer schon einige Männer warteten, die schweigend das abgezählte Geld hinlegten und sich eine Zeitung vom Stoß nahmen.
In der Wartehalle saßen schlafende Männer; einem war der Kopf weit nach hinten auf die Lehne gesunken. Eine Frau kehrte den Unrat zusammen.
Auf dem großen Platz vor dem Bahnhof verfolgten sich schon die Tauben und drehten sich umeinander im Kreis. Als Fermer auf sie zuging, flogen sie auf, kreisten über dem Platz, landeten auf dem Dach des Bahnhofes und schüttelten das Gefieder. Der Platz war noch fast leer; nur die Straßenfeger in ihren orangenen Überzügen kehrten den Dreck zwischen den Straßenbahnschienen zusammen, und wenig später fuhr eine Maschine hinter ihnen her, die Wasser über den Boden sprühte, so daß die Papierfetzen zur Seite flogen.
Es war noch dunkler geworden, und als die Straßenbahnen und Autobusse vor dem Bahnhof hielten, flüchteten die Ausgestiegenen mit schnellen Schritten in die breiten Straßen, die vom Bahnhof ins Innere der Stadt führten, als duckten sie sich unter dem sich immer mehr zusammenziehenden Himmel. Nur in der Weite der Straßenschluchten war der Horizont hell aufgebrochen; die Dunkelheit aber schien alle Hoffnung aufzuschlucken, und schon bald, nachdem die Straßenbahnen gehalten hatten, waren die großen Straßen wieder leer, und nur Fermer behielt noch seinen langsamen Schritt bei, während die Ampeln an den Kreuzungen unermüdlich umsprangen. Fermer sah, als er ins Innere der Stadt ging, die noch unaufgeschnürten Zeitungsstöße vor den Tabakläden, die Katzen, die von einem Brunnen ins Dunkel eines Hauseinganges flüchteten, auch die noch geschlossenen Türen der Kaufhäuser, hinter ihnen die Fahrräder, an Schaufensterpuppen gelehnt.
Durch die Fußgängerzonen preßte der Wind Zeitungsblätter und Papierfetzen, die an den Blumenständen hängenblieben; Pappbecher kollerten in die Rinnsale. Die Geschäfte waren noch geschlossen, nur in einigen Bäckereien gingen schon Verkäufer umher und brachten Netze mit frisch gebackenen Brötchen nach draußen, wo der Motor eines wartenden Wagens noch lief.
Auf einem der weißen Stühle zwischen den Blumenständern, die aneinandergekettet waren, saß ein alter Mann und prostete Fermer mit einer Flasche zu. Der aber ging weiter. Er freute sich auf das Café, das erwärmt sein würde, und schüttelte sich in der Kälte des Windes, der stark durch die Straßen fegte und die dunklen Wolkenberge bewegte.
Als er aber wenig später in eine der kleinen Nebenstraßen einbog, die hinab zum Marktplatz führte, und die auf dem Platz schon aufgebauten Obst- und Gemüsestände erkennen konnte, kam ihm ein grüner Wagen langsam entgegen, und erst allmählich begriff er, daß es ein Polizeiwagen war. Die schmale Straße war sonst leer, er hörte das gleichmäßige Summen des Motors. Er erschrak und war im gleichen Moment doch schon fest entschlossen, seine Freiheit zu verteidigen. Er ging etwas schneller voran, in die Ferne schauend, wo es hell war über dem großen Gefälle der von der Dunkelheit überdeckten Häuser. Er nahm seine Schritte wahr, spürte, wie die Füße aufsetzten; es ärgerte ihn, daß er keine Tasche trug, nichts in der Hand hielt außer der Zeitung. Schon wagte er kaum noch zu schlucken; die Zeitung unter den Arm geklemmt, versuchte er, gleichgültig weiterzugehen. In seinem Kopf tickte es, als laufe die Zeit ab, während der Wagen langsam an ihm vorbeirollte und er die Stimmen des Polizeifunks hören konnte. Die Polizisten schauten an ihm vorbei, und ihr Blick schien in der Ferne hängengeblieben zu sein.
Fermer ging, langsam ausatmend, weiter wie auf Zehenspitzen; der Druck der plötzlichen Anspannung wich von ihm und machte einer Freude Platz, die er schließlich nicht mehr zu beherrschen wußte. Er nahm die Zeitung in die rechte Hand, und während er vor Glück zu laufen begann, schlug er mit ihr in die Luft.
Er hielt erst ein, als er am Marktplatz ankam und einige Frauen, die an den Gemüseständen hantierten, verwundert aufblickten, als sie die schnellen, weit hallenden Schritte hörten. Die vollen Kisten mit Gemüse und Obst wurden ausgeladen und auf die Stände geschoben, die vor dem befürchteten Regen überdacht waren. Eimer wurden mit Wasser gefüllt und Blumensträuße hineingestellt. Eine Frau packte auf ihrem Stand Tüten mit Gewürzen aus, es roch stark nach Anis, Lauch und Rosenkohl.
Er wusch sich die Hände und das erhitzte Gesicht mit dem Wasser des Marktbrunnens, und als er sich über den Brunnenrand beugte, erkannte er staunend seine weitaufgerissenen Augen und das wirre Haar.
Eilig nahm er dann den Weg zum Café, den Wind ließ er an sich vorbeistreichen mit dem milden Gefühl, daß er ihm durch den Kopf wehe.
Als er die Glastür des Cafés aufstieß, blickte ihn die Serviererin an, als habe sie auf ihn gewartet. Er setzte sich an einen der kreisrunden Tische, und sie kam hinter der Theke hervor. Als sie sich zu ihm niederbeugte, las er ihren Namen, Anna, auf einem weißen Schildchen über der linken Brust. Er bestellte ein Frühstück und bemerkte, als er sich umschaute, einige Männer, die meist allein an den Tischen saßen und rauchten.
Wenig später wurde das Frühstück auf einem Tablett gebracht. Anna setzte es vorsichtig auf dem Tisch ab, hob die Gegenstände langsam herunter und setzte sich schließlich auch.
Er konnte sie nicht unbefangen anschauen und ahnte doch, während er den Kaffee aus der Kanne in die Tasse füllte, daß sie ihm gerade ins Gesicht blickte. Der Wind in seinem Kopf verwehte, und die Wärme stieg allmählich in ihm hoch. Im Hintergrund spielte ein Kofferradio. Er erzählte vom Morgen in der Stadt und der Weite des Marktplatzes, auf dem die Verkäufer begonnen hatten sich einzurichten. Während er sprach, hörte er die Zeitansagen im Radio, später den Wetterbericht und die Nachrichten für die Autofahrer. Aber alles verhallte in der Stille des Raumes.
Er trank den Kaffee langsam aus und bat Anna um einen Cognac, den sie lächelnd holte. Durch die schmutzigen Gardinen konnte er auf den Vorplatz des Bahnhofs schauen. Vor dem Fenster liefen die Menschen jetzt zahlreicher vorbei als zuvor; an den sich biegenden schlanken Birken erkannte er das heftige Wehen des Windes. Anna kam mit dem Cognac zurück, und er nahm einen großen Schluck, der ihn noch mehr erwärmte und den er, während er weiter erzählte, in sich verrinnen spürte.
Er wurde gesprächiger und legte einmal seine Hand, ohne zu zögern, aber wie unbeabsichtigt, auf Annas Finger, die sie nicht bewegte. Kurz darauf entschuldigte sie sich, als sie an einen anderen Tisch gerufen wurde, um zu kassieren.
Jetzt wurde die Tür schon häufiger geöffnet, der Wind stieß für einen Augenaufschlag herein, und jemand setzte sich an einen Tisch. So füllte sich das Café langsam immer mehr, während Fermer seinen Cognac austrank, einen neuen bestellte und zum Bahnhof hinüberschaute.
Er hatte große Lust zu verreisen und stellte sich die einfahrenden Züge vor, in denen er verschwinden und durch die er in eine ganz andere Gegend entlassen werden könnte. Die Möglichkeit, sich so der Verfolgung zu entziehen, lockte ihn.
Er stellte sich Bahnübergänge vor, an denen der Zug vorbeifahren mußte, die wartenden Fußgänger mit den Regenschirmen vor den geschlossenen roten Schranken, die Regennässe auf den Schindeln der Häuser, die in den Gemüsegärten in der Nähe der Bahngeleise Arbeitenden, die aufschauten bei der Vorbeifahrt des Zuges, die Burgen auf den Höhen am Fluß und die regenblaue Breite des Flusses selbst, die sich vor ihm auftun würde wie ein nie zu vergessendes Zeichen. Tief über der Flußebene würden die dunklen Wolken stehen und sich bis an die Abhänge der Weinberge drängen, wo die Rebstöcke noch kahl und dunkel waren. Und der Boden zwischen ihnen wäre schon umgepflügt und überall die Erwartung auf die Helligkeit hinter diesem Dunkel der Wolken.
So träumte er vor sich hin und achtete nicht mehr darauf, wieviel er schon getrunken hatte. Leicht hatten ihn seine Gedanken aus dem verqualmten Raum geführt; er dachte sich immer neue Landschaften aus, sah sich auf Landstraßen entlanggehen, die in grüne Täler verliefen, wo die Äcker braun und naß sich gegen die Wiesen und die noch unbelaubten Wälder abhoben, die ersten kräftigeren Farben, an denen die Augen lange hängenbleiben mochten.
Lange saß er so an seinem Tisch, und erst als er sich wieder nach Anna umschaute, bemerkte er die Umgebung und sah, daß er das leere Glas in der Hand hielt. Er bestellte noch einen Cognac und hörte, daß es der vierte war. Verwundert stellte er fest, wie voll es inzwischen geworden war. Die ersten Schüler waren hereingekommen, drei schmächtige Jungen, die sich über ihre Hefte beugten und die Ergebnisse ihrer Arbeiten miteinander verglichen, während sie Zigaretten zwischen den Fingern hielten, darauf achtend, daß die Asche nicht aufs Papier fiel.
Als Fermer sie sah, lehnte er sich wie unter der Last einer Erinnerung zurück, und indem die Geräusche des Raumes, das Klirren der Teelöffel auf den Untertassen, die Ansagen des Radios, leiser wurden, entstand das Bild seiner Schulzeit, die erst wenige Monate zurücklag und von der er sich doch schon so weit entfernt fühlte, daß er sie begreifen und betrachten konnte wie etwas längst Vergangenes ...
Träumend noch saß Fermer in dem inzwischen wieder leerer gewordenen Café. An einer Fensterseite warteten noch zwei Männer, die einen Koffer neben dem Tisch abgestellt hatten. Auch der Vorplatz des Bahnhofs hatte sich geleert, und die Straßenbahnen fuhren leise vor und verschwanden ebenso still wieder zwischen den Häusern. Es regnete noch ein wenig, und einmal kam Anna mit einem nassen Regenschirm, den sie schnell ausschüttelte, ins Café zurück, nachdem sie draußen eine Schachtel Zigaretten geholt hatte. Sie hatte sich nur wenig um Fermer gekümmert, da sie zu beschäftigt gewesen war, und Fermer war es recht so, denn der Alkohol hatte ihn in seinen Gedanken gleichsam sanft beflügelt und ihm die Vergangenheit zugeführt wie eine schon liebgewordene Erinnerung. Er wußte aber, daß Anna sich wenig später zu ihm setzen werde, und er wartete darauf, in seine Träume versponnen, nachdem er die Zeitungen beiseite gelegt hatte, in denen er nicht zu lesen vermochte, weil die kurzen Artikel die Aufmerksamkeit nicht gefangenhielten und sie sofort wieder in die Leere entließen. Der Ton in den Zeitungen war oft ein seltsam mißgelaunter, nörgelnder, und die meisten Schreiber kamen ihm vor wie von aller Kraft und Lust verlassene Menschen, die sich selbst längst aufgegeben hatten.
Dann aber begann Anna die Tische zu ordnen; sie zog die Decken zurecht, stellte die Blumenvasen in die Mitte, leerte die Aschenbecher und stellte das Geschirr zusammen. Als sie fertig war, verschwand sie für eine Weile, und als sie wieder hinter der Theke hervortrat, lief schon eine andere Bedienung durch den Raum.
Anna hatte die Haare zusammengebunden, und im ersten Moment erkannte Fermer sie nicht, als sie sich an seinen Tisch setzte und ihn aufforderte, mit ihr hinauszugehen. Er suchte noch nach Geld, doch sie sagte ihm, daß sie alles bereits erledigt habe, und fast zog sie ihn mit zur Tür, vor der beide einen Moment stehenblieben, während Anna einen Schirm öffnete, ihn Fermer in die Hand drückte und sich dann bei den ersten Schritten einhängte, als seien sie ein längst miteinander vertrautes Paar.
Noch nie war Fermer so durch die Straßen gegangen. Er hatte vor diesen Posen der Zusammengehörigkeit immer einen nicht geringen Abscheu empfunden, doch jetzt fiel es ihm leicht, denn sie hatten nur einen Schirm, und der Regen fiel immer dichter. Auch war er so gut gegenüber der Umwelt versteckt, und Anna, die schnell neben ihm herlief, schien ihn gleichsam wie ein fremder Mantel zu bergen und zu schützen. Sie gingen eine der breiten Straßen hinunter, und Anna erzählte noch von der Arbeit, die sie ›unterhaltend ‹ nannte und deren Vor- und Nachteile sie bemüht verständlich zu machen suchte.
Sie arbeitete mit größeren Unterbrechungen schon seit zwei Jahren als Aushilfskellnerin in diesem Café; die Arbeit dauerte nur den halben Tag, so daß sie nicht eben viel Geld erhielt. Das Stipendium für ihr Studium, sagte sie, reiche nicht aus; so sei ihr jedes Trinkgeld wichtig. Eigentlich sei die Stimmung im Café meist eine sorgenvolle; schon die Gastarbeiter hätten diesen gegenwartsleeren Blick, den sie in der Nähe des Bahnhofs nicht zu unterdrücken vermochten. Einmal habe ein Türke schon früh am Morgen leise zu singen begonnen und so allein an seinem Tisch gesessen, daß der eigentlich sehr muntere Gesang ihr vorgekommen sei wie ein Lied auf den eigenen Tod.
Fermer hörte zu, während sie von den Erlebnissen mit den Gästen berichtete, und ging fast heiter neben ihr. Sie bogen in eine kleinere Straße ein, und er fragte sie, welchen Eindruck er denn auf sie gemacht habe. Sie blickte, während sie weitergingen, zu ihm auf, und antwortete, daß er ihr wie ein Neuling vorgekommen sei, so unbeholfen habe er den Alkohol getrunken und so unverhohlen den anderen bei ihren Verrichtungen zugeschaut. Er habe weder die unaufmerksam selbstgewisse Haltung der Schüler noch die weltverlorene der Einzelgänger an den Tischen, sondern die eines eben in der Stadt angekommenen Fremden, der sich noch neugierig umsehe.
Der Alkohol machte Fermer beinahe gesellig, und obwohl er eine nicht geringe Schwäche in den Beinen spürte, ging er aufgeräumt voran. Er legte seinen Arm um ihre Schultern und hielt den Schirm noch umständlich in der Linken, als Anna ihn darauf aufmerksam machte, daß es längst zu regnen aufgehört hatte.
Sie zog ihn in ein Kaffeegeschäft und holte sofort zwei Tassen, als habe sie für ihn zu sorgen. Das Geschäft war überfüllt, denn es war die Zeit der Mittagspause, und die Angestellten standen schwatzend an den hohen kleinen Tischen und nippten an ihren Tassen. Anna aber kümmerte sich nicht darum; sie stützte sich gleich mit beiden Armen auf, schob ihren Kopf nahe an den Fermers heran und blickte ihm, während sie sprach, angespannt und doch belustigt in die Augen. Sie fragte ihn, was er denn verbrochen habe, daß er so unsicher herumstehe; sie höre gerne zu, wenn er überhaupt von sich erzählen wolle.
Fermer glaubte plötzlich, daß die anderen sie hören könnten, und er sah doch Anna vor sich, als seien sie allein – so vertraut, so nahe. Zum ersten Mal seit langem verschwand die Kälte, die ihn sonst von seiner Umgebung trennte; spürte er sonst in jeder Bewegung die Fremdheit der anderen, die ihm Mühe machte, von sich selbst zu erzählen, so spielte diese Fremdheit jetzt keine Rolle mehr.
So begann er leise zu erzählen, anfangs noch sorgsam darauf achtend, daß niemand sie verstehen konnte, beschrieb er die Vorgänge in der Kaserne; auch er hatte den Kopf jetzt vorgeschoben, und so sah er Anna genauer aus der Nähe, die Sommersprossen auf der Nase und die von der Hitze des Raumes geröteten Backen, die großen Augen und die breite Stirn. Er spürte die Wärme ihres Körpers, und das beruhigte ihn und stärkte sein Vertrauen.
Während er von seiner Flucht erzählte und sie still zuhörte, indem sie durch die Scheiben des Geschäftes nach draußen schaute, störten ihn auch die anderen nicht mehr; zwei Verkäuferinnen standen still hinter dem Verkaufstisch. Manche der Herumstehenden blätterten in den Zeitungen und sahen nur kurz auf, um noch einmal an der Tasse zu nippen. Eine alte Frau kramte in der Einkaufstasche und zog etwas Kuchen heraus. An einer Wand hingen Photographien eines Hafens, wo aus großen Schiffen die Kaffeebohnensäcke ausgeladen wurden. Daneben waren auf einer Weltkarte die Orte bunt eingezeichnet, wo der Kaffee gepflanzt worden war.
Fermer merkte, daß er von seiner Flucht noch nicht in der angemessenen Weise erzählen konnte. Bei der Schilderung des Kasernenlebens verstrickte er sich in Einzelheiten, berichtete von Bestrafungen, einem Selbstmord, der vor kurzem in einer der Arrestzellen geschehen war, den Schikanen des Reinigungsdienstes. Doch all das Erzählte ging nicht ineinander auf; er bemerkte, daß er von sich zu erzählen habe und daß dazu seine ganze Geschichte notwendig sei. Deshalb kürzte er endlich den Bericht ab und gab nur noch an, daß er sich, wie er sagte, bei ›Nacht und Nebel‹ davongemacht habe. Die genaueren Umstände aber verschwieg er und fühlte sich doch um so mehr erinnert an die vergangene Nacht, die alles in ihm aufgerissen hatte, eine dunkle, lang angestaute Erwartung und das nicht mehr unterdrückte Vertrauen zu sich selbst.
Als er am Ende war, sah Anna lächelnd zu ihm auf, als habe er ihr ein Geständnis gemacht; während sie ihre Tasche in die Hand nahm, küßte sie ihn kurz auf die Stirn, er aber wußte nicht, ob sie ihn überhaupt verstanden hatte. Auch dieser Kuß schien nicht viel zu bedeuten, und er empfand ihn als Trost. Die Sekretärinnen, die in einer Ecke standen und vorhin noch leise gekichert hatten, schauten ernst zu ihnen herüber, und Fermer hielt diesen Blicken nicht stand, drehte sich um und nahm Anna am Arm, während sie hinausgingen.
Sie gingen eine Weile schweigend nebeneinander her. Mit dem Regen war auch die Dunkelheit des Himmels beinahe verschwunden. Ein frischer Wind trieb die Wolken schnell in die Ferne des Gebirges. Auf den Balkonen der Mietshäuser flatterten schon wieder einige Wäschestücke. Nach einer Weile aber nahm Anna Fermer bei der Hand und sagte ihm, als habe sie verstanden, er solle den Mut nicht verlieren. Sie habe eine große Zahl von Freunden, die ihn nicht im Stich lassen würden.
Er aber ging unruhig weiter. Die Erzählung hatte ihn an die möglichen Folgen seiner Flucht erinnert; er stellte sich vor, daß er jetzt bereits gesucht wurde, und er fühlte die Anspannung im Magen, die Schwäche der Glieder. Die so weit und offen vor ihm liegende Zeit erschien ihm plötzlich bedrohlich; er fürchtete sich vor der Unbeständigkeit, und auch Annas Gegenwart empfand er nicht als Hilfe. Auch sie schien unsicher durch die von der plötzlich durchgebrochenen Sonne hier und da grell aufgehellten Straßen zu gehen. Es war, als seien sie in eine Grube gefallen und als probten sie schweigsam und verbissen den Ausstieg.
So gingen sie, eingetaucht in ihre schwankenden Überlegungen, stumm nebeneinander her, und auch wenn Anna zuweilen vor einem Schaufenster haltmachte, deutete doch ihr weiter Blick, den sie auf die Auslagen warf, nur an, daß sie durch die in der Nähe liegenden Dinge hindurchschaute in eine Ferne, deren Boden sich nicht herstellen lassen wollte.
Sie machten halt in einem Garten, der zu einem Gasthaus gehörte und durch ein hohes Gitter von der schmalen Straße getrennt war. Um einen mächtigen Kastanienbaum waren Bänke, Stühle und Tische aufgestellt, und als sie in den Garten traten, war ein Mann dabei, die Bänke mit einem Tuch abzuwischen. Über dem Eingang des Hauses, dessen Tür man ausgehängt hatte, standen einige Fenster offen. Das Klappern von Geschirr und eine leise Musik waren zu hören. Während Anna im Haus verschwand, lehnte sich Fermer gegen den großen Baum und sah sich um. Der Boden war noch feucht und das Holz der Bänke noch aufgeweicht vom Regen.
Sie waren im ältesten Teil der Stadt, und wenn man über das Gitter schaute, sah man auf die frisch geweißten Fassaden der Fachwerkhäuser. Die Straßen hier waren eng und für Fahrzeuge gesperrt. Viele Dächer krönten noch spitze, kleine Schornsteine, aus denen der Rauch in den sich aufklärenden Himmel stieg. Die Luft war klar und angenehm, und zwischen die verwinkelten Häuser streuten sich die Sonnenstrahlen, denen sich in einer Ecke des Gartens zwei Katzen entgegenstreckten. Aus den Straßen drang Hundegebell und das Rufen spielender Kinder herüber. Über einigen Tischen hingen Lampions, von denen noch das glitzernde Wasser auf den Boden tropfte.
Die hellen Lichtbündel verstärkten das Leuchten der Kieselsteine auf dem Boden. Von einer Kirche tönten Glockenschläge durch das Viertel, und die Hunde antworteten aufheulend. Gegenüber stand die Tür eines Bäckerladens weit geöffnet, in der ein Mann mit weißer Schürze stand und durch das Gitter, vor dem die dunklen Rhododendronsträucher schon dicke Knospen trugen, zu Fermer herüberblickte.
Anna kam mit einer Flasche Wein zurück und stellte zwei Gläser dazu auf den Tisch. Sie schenkte den Wein ein, und nachdem beide getrunken hatten, lehnten sie sich gegen den Baum, während noch einige Tropfen herunterfielen und die Sonne doch schon mild auf die Flasche fiel, so daß der Wein golden vor ihnen aufleuchtete. Fermer zog die Beine an den Körper, und er hörte Anna zu, die zu erzählen begann, als habe sie eben auf diese Geste gewartet.
Früher seien an den langen Sommerabenden hier Straßenmusikanten vorbeigekommen; man habe Tische und Bänke zur Seite gestellt, und so sei der Garten zu einem großen Platz geworden und dazu voll von Menschen, die auf dem Boden gesessen und ruhig der Musik zugehört hätten. Es gebe Gitarrenspieler in der Stadt, die es manchmal spielend eine ganze Nacht lang ausgehalten hätten, so lange, bis sie ihrer Melancholie überdrüssig geworden seien und die Trunkenheit sie überrascht habe.
Oft habe man das Gefühl, daß die Menschen, die sich hier aufhielten, an irgendwelchen Eindrücken gescheitert seien. Hier aber, unter dem großen Baum, falle manchmal die Schwere und Unbeweglichkeit von den Gliedern. Freilich gäbe es auch solche, die dieses Erlebnis, das einen in günstigen Momenten wie der Schlag eines Zufalls überfalle, künstlich herbeizuführen wünschten. So werde auf den Toiletten an jedem Abend Rauschgift gehandelt, und je später der Abend werde, um so hektischer seien die Anstrengungen, davon etwas zu erhalten. Mehrmals in der Woche komme es daher zu Razzien; stets tauchten die Polizisten in ziviler Kleidung auf, mischten sich unter die Leute, nutzten ihre Hinfälligkeit aber im rechten Moment aus; dann merke man an der sich plötzlich verbreitenden Unruhe sofort, was passiert sei. Einigen gelinge es, noch schnell zu entkommen; sie seien mit ein paar hastigen Sätzen aus dem bunt erleuchteten Garten ins Dunkel verschwunden; zu diesem Zeitpunkt aber ständen schon zwei, drei andere mit erhobenen Händen an einer Wand zur Durchsuchung. Die Drogen kämen meist durch die amerikanischen Soldaten unter die Leute. Seien sie schon von den Menschen in der Stadt ausgeschlossen in die Ghettos ihrer Kasernen, so gäbe es einzig hier für sie eine Sprache und eine Leistung, auf die sie sich etwas zugute hielten. Viele jüngere Mädchen seien auch vom exotischen Gebaren dieser Soldaten fasziniert und lauerten ihnen hier an jedem Abend auf. Diese Amerikaner, die noch am Abend, überrannt vom Alkohol, den sie nicht vertrügen, unbeholfen an Bänken und Tischen rüttelten, seien aber in Liebesdingen so vorsichtig und beinahe zärtlich, daß die Mädchen sich durch soviel Rücksicht beinahe geehrt fühlten. Gerade die Verliebtheit dieser Soldaten sei eine stille, etwas verschämte, und sie passe zu den Pudelmützen, die einige von ihnen über die kurz geschorenen Haare gestreift hätten. Sie habe sich einmal überlegt, warum diese Soldaten hier so erfolgreich seien, und sie glaube, daß ihr Verhalten eine Mischung von Unbeholfenheit, Scheu, ja Höflichkeit und einem nicht zu übersehenden kraftmeierischen Gebaren sei, das den jüngeren Mädchen imponiere und ihnen die Illusion gäbe, in einem ganz anderen Land zu leben.
Anna trank ihr Glas leer, an dem sie zuvor nur genippt hatte. Fermer hörte ihr gerne zu; er wunderte sich über ihre nicht zu verdrängende Munterkeit, die sich auf ihn übertrug. So erzählte Anna weiter von den Säufern und Clochards, die an manchen Abenden hier aufkreuzten und sich wie die Kinder füttern und verwöhnen ließen. Einer von ihnen liege manchmal wie der Prophet Jeremias taub für die Außenwelt an diesem Baum und beklage so laut das Elend der Welt, deren baldiges Ende er voraussehe, daß spät in der Nacht noch die Fenster der Nachbarhäuser aufgingen und die Bürgerfrauen in ihren Nachthemden und den verknoteten Haarnetzen laut Ruhe forderten.
Der Wein sei hier gut und billig, denn der Wirt besitze eine Lage draußen an den Abhängen des Gebirges, und im Herbst nähme er einige Burschen, die nichts mit sich anzufangen wüßten, mit zur Lese; dann gäbe es Zwiebelkuchen und den frischen, gärenden, noch trüben Most, der so rauschend in den Köpfen verdampfe, daß an diesen herbstlichen Tagen der Lärm besonders groß sei und viele auf den Bänken ständen. Im Winter aber ziehe man sich ins Haus zurück, und dort sei es meist ruhiger, wenn der Ofen, der für den ganzen Laden reichen müsse, mit Brennholz vollgestopft werde. Lärmend finde man sich erst im Frühling wieder unter dem großen Baum ein, und dann werde der Winter singend und schreiend vertrieben. Jetzt seien eben die ersten wärmeren Tage in Sicht, und die Gesellen seien noch nicht aus ihren Winterlöchern, in denen es zugig hergehe und die fast ausnahmslos in diesem alten Teil der Stadt lägen, hinter den manchmal wie sehnsüchtig geöffneten Dachluken, aus denen man doch nichts gewahr werden könne als den nächtlichen Sternenumkreis der Welt und den trübe scheinenden Mond.
Anna deutete mit dem Kopf zum Gartentor, durch das vier Neger eingetreten waren mit langen, schlaksigen Schritten; einer knickte nach fast jedem Schritt kurz in den Knien ein, ein anderer trug eine weiße Felljacke, die er unablässig öffnete und schloß, als müsse er sich einige Sonnenstrahlen zufächeln. Sie sangen ohne Unterbrechung und gestikulierten mit den Händen in der Luft. Einer bog den Körper manchmal weit zurück und deutete mit den auf- und niedertanzenden Fingern der Rechten an, daß er ein Solo zu blasen habe, während die anderen fast unbeweglich und zusammengeduckt neben ihm standen und die unsichtbaren Trommeln nur wenig schlugen.
Plötzlich gab einer von ihnen ein Zeichen, daß man sich leiser verhalten solle. Sofort stellten sich die anderen auf die Zehenspitzen und gingen nebeneinander, vorsichtig tastend, auf eine Ecke des Gartens zu, wo Fermer erst jetzt ein Mädchen erkannte, das schlafend am Gitter lehnte. Der Kopf war auf die Brust gesunken und nur die kurzen schwarzen Haare waren zu sehen. Sie hatte die Beine lang ausgestreckt und übereinander geschlagen, und die beiden Hände lagen auf dem Boden, die Handflächen nach oben neben dem langen blauen Kleid, das bis zu den Füßen reichte. Der Zug der Pantomimen bewegte sich tänzelnd auf sie zu, und alle vier bildeten einen Kreis um die Schlafende; erst als einer von ihnen sich still hinkniete, folgten ihm auch die anderen. Leise summend bewegten sie sich hin und her; die Hände erhoben, schwankten sie mit den langen Oberkörpern im Rhythmus der Musik.
Inzwischen war ein Clochard das kleine Treppchen zum Garten hinaufgestiegen. In seinem langen zerschlissenen Mantel ging er fast bis in die Mitte des Gartens; der Mantel war weit geöffnet, ein langer Schal fiel auf den Boden und wedelte zwischen den langsam vorstakenden Füßen hin und her. Stumm blickte er zu der Gruppe hinüber, nahm, als das Mädchen langsam den Kopf hob, sich noch zerstreut die Haare ordnete und verwundert auf die vor ihr Knieenden und Summenden blickte, den großen Hut, dessen Krempe ihm fast das Gesicht verdeckte, ab und grüßte, sich tief verneigend, zu der Erwachten hinüber.
Sacht standen die Neger auf und hoben das Mädchen in die Höhe. Sie trugen es sanft schaukelnd zu einer Bank und stellten es auf das noch feuchte Holz, während der Alte im Gasthaus verschwand.
Als Anna das Mädchen auf der Bank erkannte, um das die Neger jetzt einen tanzenden Kreis bildeten, winkte sie ihm zu; es schien Anna zu kennen, denn es sprang sofort herunter und gab ihr einen Kuß.
Jetzt sei der Frühling nicht mehr weit, sagte Anna, und das Mädchen setzte sich zu ihnen an den Baum und erwiderte, indem sie abwechselnd Anna und Fermer anschaute, ja, jetzt habe man doch schon die Ahnung der besseren Zeit. Sie habe sich in den letzten Wochen kaum noch herausgetraut und sich in ihrem Zimmer fast gelähmt gefühlt. Selbst die lustigste Musik habe ihr nicht helfen können; denn der Regen und die dunkle Wolkendecke hätten alle Fröhlichkeit erstickt. Der Alte kam mit einer Flasche zurück und setzte sich dazu. Das ist ein Wetter zum Heiraten, sagte er und grinste Fermer an, der nicht wußte, was er sagen sollte. Erst vor kurzem habe er sich von einem Heiratsinstitut Unterlagen zuschicken lassen. Er kramte in den weiten Manteltaschen und zog ein Blatt heraus, auf das er einige Photos geklebt hatte. Die Auswahl sei nicht zu verachten. Es gäbe da eine gutgestellte Witwe mit zwei fast schon erwachsenen Kindern, die sich nach einem ruhigen und musischen Partner sehne. Und er deutete auf eines der Bilder, vor sich hinlachend, während Anna ihn aufforderte, sich doch bald, gerade im Frühling, zu bewerben. Sicher habe er gute Chancen, da er überall als ruhig und zuverlässig bekannt sei. Ja, erwiderte der Alte mit erhobenem Zeigefinger, und was wichtig ist: ich spiele ein Instrument. Dabei zog er eine Mundharmonika aus der Tasche und hämmerte gegen den Baumstamm, um den Speichel herauszuklopfen.
Das Mädchen, das inzwischen aus der Flasche des Alten getrunken hatte, forderte ihn auf, etwas zu spielen; er lehnte sich zurück und blies eine Melodie vor sich hin, indem er mit der Linken den Takt schlug und mit der Rechten das Instrument hielt.
Fermer wurde nun doch wieder an sich erinnert. Er fühlte sich seit langem zum ersten Mal wieder wohl in der Gemeinschaft von Menschen, in deren Gemütern sich die Verachtung der Welt in das Lachen über sie aufgelöst hatte. Alles in ihm aber war so gern zum Ernst gestimmt, und es war ihm, als müsse er diesen Ernst herunterwürgen und in seinem Kopf, der ihm so schwer und einfältig vorkam, einen Spalt ins Freie suchen.
Die Neger saßen jetzt still an einem Tisch und hörten der Musik zu. Das Mädchen blickte stumm vor sich hin, und Anna summte leise die Melodie mit.
Fermer aber war sein verhaßter Ernst wie eine Mahnung an ein erst zu erreichendes Leben, das er sich in der Gemeinschaft der anderen kaum vorstellen konnte. Manchmal war er verliebt in seine Einsamkeit und machte sich vor, das Leben der anderen bereits zu kennen. Ihm fehlte das dauernde Interesse an ihrem Leben, wie ihm oft das Interesse an den eigenen Handlungen abkam. Hatten seine Freunde früher nach Dingen und Menschen gesucht, die zu ihnen paßten, und in dieser Wahl die Möglichkeit ihres Lebens gesehen, so war ihm diese Suche wie das Spiel von Kindern vorgekommen, die ihre Förmchen in den Sand drückten, ohne zu bemerken, wie groß und gleichsam unendlich die Welt sie umstand.
