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Glauben Sie an das Unerklärliche? Haben Sie sich schon einmal dabei ertappt, ein Türklappen zu hören, auch, wenn die Tür verschlossen war? Was haben Sie dann gedacht? Vielleicht nicht sehr viel, denn Sie haben diesen Vorfall schnell weggeschoben und schließlich vergessen. So tun es wohl die meisten Menschen. Doch es gibt auch Leute, die wollen diesen Dingen auf den Grund gehen. Einerseits sind es ganz normale Menschen, andererseits sind es so genannte Geisterjäger, Ghost Hunter. Kommen Sie einfach mit auf eine Tour mit den Ghost Huntern, lesen Sie aus den Erfahrungsberichten und Erzählungen. In diesem Buch erleben Sie einige Begebenheiten, die nur schwerlich zu erklären sind. Es mögen unerklärliche Begebenheiten sein, doch es könnten auch Ereignisse sein, die einen tieferen Sinn ergeben. Wahr oder nicht - lassen Sie zu, dass es Dinge in diesem Universum geben mag, die eben nicht rational zu erklären sind. Denn das Leben lässt sich nicht immer genau erklären - und schon gar nicht völlig verstehen. Es ist unfassbar und oftmals ziemlich merkwürdig.
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Seitenzahl: 374
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Der Übergang
Ein verrückter Traum
Ausgebrannt
Eine Liebe
Das Geisterhaus
Mein schönstes Geschenk
Der Lottogewinn
Das alte Auto
Das alte Ehepaar
Steffen
Die Gedenktafel
Der Schornsteinfeger
Zeit des Lebens
Der alte Ring
Das Wunder
Beta 3
Besuch
Die Heilung
Der Fremde
Das Amulett
Die alte Schreibmaschine
Ingos Erkenntnis
Mutters Licht
Lina und Lex
Verfolgt
Teufelsbrigg
Der Geist von Martins Grove
Waldspaziergang
Träume
Herzstechen
Engel der Träume
Amalia
Seltsamer Unfall
Winchester
Der Sprung
Schwarzer Rauch
Sonja
Auf der Reise
Die Zigeunerin
Engel des Glücks
Wiedersehen
Koma
Die böse Schwester
Großmutters Spiegel
Sein größter Kampf
Stille Nacht
Die Gitarre
Die Träne des Engels
Der Zauber
Der Flachmann
Klassentreffen
Der letzte Gast
Der Schneider
Engel der Hoffnung
Die Kamera
Der Gerichtsmediziner
Weihnachten an Ausfahrt 77
Eigentlich hatte ich mir meine freien Tage etwas anders vorgestellt. Ich wollte in den Süden, um noch ein paar Sonnenstrahlen zu tanken, bevor der Winter mit seiner Eiseskälte über uns Nordeuropäer gnadenlos hereinbrach. Kurz vor der gebuchten Reise jedoch erhielt ich einen Anruf vom Reiseveranstalter, dass man die Reise wegen einer Grippeepidemie stornieren müsste. So entschied ich mich, im Lande zu bleiben. Zwar fand ich das nicht unbedingt so prickelnd, war aber dennoch froh, endlich einmal ausspannen zu können.
Die kleine Pension, weit draußen im Märkischen hatte irgendetwas. Und jetzt im Herbst kamen auch kaum Gäste. So erfreute ich mich ganz allein der Herrlichkeit des Seins.
Der Kaffee schmeckte immer und ich hatte genügend Zeit, das reichhaltige Frühstücksbuffet zu genießen. Ich konnte außerdem meine täglichen Spaziergänge ausdehnen, wie es mir gefiel. Die seltsamen Ereignisse begannen an einem Samstagabend.
Den ganzen Tag war ich unterwegs. Sogar in das etwas weiter entfernte Moorgebiet wagte ich mich. Sandra, die Pensionsbesitzerin hatte mich zwar gewarnt, dort nicht allein hin zu gehen. Aber meine Neugierde trieb mich regelrecht dorthin. Immerhin war ich bisher noch nie in einem Moor unterwegs.
Das Gebiet konnte man nicht ganz übersehen. Nebelschleier waberten über die feuchten Wiesen. Als es auch noch zu regnen begann, wollte ich wieder zur Pension zurück. Doch der Nebel war so stark geworden, dass ich mich verlief. Leicht genervt hockte ich mich auf einen morschen Baumstumpf und kramte mein Handy aus der Hosentasche. Es war nicht zu glauben, aber der Akku war leer.
„Mist!“, rief ich laut. „Das ist ja wie einem Horrorfilm!“
Es nutzte nichts. Ich musste warten bis sich der Nebel etwas gelichtet hatte. Doch das konnte Stunden dauern. Irgendwelche komischen Szenarien gingen mir durch den Kopf. Ich sah mich schon von wilden Fabelwesen aus den Tiefen des Moores verfolgt. Da ich nicht der Typ langem Zögerns war, schulterte ich meinen Rucksack und lief vorsichtig los. Das seichte Gras bewegte sich schon unter meinen Füßen. Und ich hatte nur noch einen einzigen Gedanken – hoffentlich versinke ich nicht.
Als der Boden unter meinen Füßen so langsam wieder etwas fester wurde, vernahm ich ein seltsames Surren in der Luft. Es hörte sich an wie ein herannahender Bienenschwarm. Das Surren wurde immer lauter. Ich blieb stehen und starrte in die Luft. Es war klar, dass ich bei diesem Nebel nichts erkennen konnte. Trotzdem beunruhigte mich das Geräusch. Das Surren war jetzt so stark, dass mich das starke Bedürfnis plagte, sofort wegzurennen. Angst kam auf und ich spürte meine feuchten Hände.
Plötzlich tanzten um mich herum unzählige schwarze Kreise. Sie tanzten auf und nieder und bewegten sich rasend schnell. Dann verbanden sich die unzähligen Kreise zu einem einzigen riesigen schwarzen Kreis. In seinem Inneren erkannte ich so etwas wie ein Gebäude. Zumindest sah es so aus. Aber es hätte auch alles anders sein können. Immerhin konnte ich vor lauter Angst keinen klaren Gedanken mehr fassen. Der riesige schwarze Kreis blieb minutenlang vor mir stehen. Dann wurde er blasser und verschwand schließlich ganz.
Ich hatte mich derart erschrocken, dass ich mich auf die feuchte Wiese fallen ließ. Was konnte das nur gewesen sein? Hatte ich vielleicht eine Halluzination? Manche sagen, dass es im Moor Irrlichter geben sollte. War das vielleicht ein solches?
Meine Gedanken schossen Purzelbäume. Glücklicherweise verschwand der Nebel so langsam. Ich hatte wieder freie Sicht und konnte sehen, in welche Richtung ich gehen musste, um zum festen Land zurück zu kehren. Als ich in der Pension eintraf, stürzte Sandra mir schon entgegen.
„Mann, da sind Sie ja endlich. Ich habe Sie schon angerufen. Doch Ihr Handy …“
Ich musste derart verdutzt geschaut haben, dass Sandra stutzte.
„Was haben Sie denn? Sie sehen ja aus, als hätten Sie ein Gespenst gesehen. Ihre Redaktion hat angerufen. Sie sollen die noch fehlenden Texte bis heute Abend faxen.“
Ich nickte nur und meinte, dass ich erst einmal einen Schnaps brauche. Die Texte wollte ich später an die Redaktion faxen. Sandra setzte sich mit mir in die leere Gaststube. In diesem Moment hatte ich mir gewünscht, doch unter vielen anderen Gästen sein zu können. Die Einsamkeit hier draußen machte mich nicht unbedingt ruhiger.
Aber nach dem zweiten Wodka und den neugierigen Blicken der hübschen Wirtin Sandra wich die Nervosität einem permanenten Mitteilungsbedürfnis. Die Flasche Wodka wurde leerer, Sandra immer interessanter und meine Zunge immer lockerer.
Als Sandra von dem schwarzen Kreis hörte, wurde sie plötzlich sehr ernst. Ihre ernsten Blicke flogen irritiert in der Gaststube umher. Schließlich meinte sie: „Das hat mir vor drei Wochen schon einmal ein Gast berichtet. Doch er konnte mir nichts mehr darüber erzählen.“
Mit lallender Stimme erkundigte ich mich nach dem Grund, warum dieser ominöse Gast nicht mehr sprechen konnte. Sandra meinte nur, dass man seine Leiche Tage später im Moor gefunden habe.
Als man ihn schließlich bergen wollte, verschwand er vor den Augen des Bergungstrupps plötzlich in einem solchen schwarzen Kreis. Ich erschrak. Seine Leiche? Ich konnte es nicht glauben.
Völlig entkräftet und todmüde verschwand ich erst einmal in mein Zimmer. Ich musste dringend ins Bett. Am folgenden Tag fühlte ich mich einfach furchtbar. Der Kater saß in jedem meiner Knochen. Da half auch die halbe Kanne Kaffee nicht viel. Sandra hingegen schien gut gelaunt und fröhlich. So, als habe sie unser Gespräch letzte Nacht nicht weiter beeindruckt. Auch bemerkte ich, dass einige neue Gäste in der Gaststube saßen und sich angeregt unterhielten. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Ich fühlte mich nicht mehr so einsam und allein hier draußen.
Lächelnd kam Sandra an meinen Tisch und bat mich, später noch einmal ins Büro zu kommen. Sie habe mir noch etwas zu erzählen. Nachdem ich mein Frühstück verdrückt hatte, ging ich zu ihr. Sie erzählte mir von Gegenständen, die plötzlich verschwunden seien. Auch seien Bäume, die gerade erst gepflanzt wurden, plötzlich völlig verdorrt umgefallen. Autos seien verschwunden. Sandra hatte, während sie erzählte, Tränen in den Augen.
Völlig aufgelöst meinte sie, dass das der eigentliche Grund sei, warum sie kaum Gäste hatte. So etwas spräche sich natürlich schneller herum als es einem lieb sei. Die wenigen Gäste, die ihr noch die Treue hielten, konnten aber den Umsatz nicht mehr steigern. Und irgendwann müsste sie wohl Insolvenz anmelden. In ihren Augen entdeckte ich Traurigkeit und Verzweiflung. Was musste diese kleine Frau in den letzten Monaten gelitten haben. Trotzdem ließ mich der Gedanke nicht los, dass all das mit diesem schwarzen Kreis zu tun haben musste. Ein seltsamer Verdacht, vielleicht auch endlose Neugierde machte sich in irgendeinem Hinterstübchen meines Journalisten-Gehirnes breit. War dieser simple schwarze Kreis vielleicht doch ein Irrlicht oder sogar ein schwarzes Loch?
Mir war nicht wohl bei diesem Gedanken. Trotzdem ich eine unglaubliche Angst hatte, noch einmal ins Moor zu gehen, war die Neugierde doch stärker. Sie hämmerte in mir wie ein Vorschlaghammer gegen die Wand. Diesmal achtete ich darauf, dass mein Handy geladen ist. Auch packte ich mehr Esswaren und Getränke in meinen Rucksack als gestern. Ich vereinbarte mit Sandra eine Uhrzeit, zu welcher ich mich auf jeden Fall bei ihr melden würde. Sollte ich mich zum vereinbarten Zeitpunkt nicht melden, sollte sie die Polizei informieren.
Mit meiner Digitalkamera bewaffnet zog ich schließlich los. Wohl war mir nicht. Doch ich wollte unbedingt herausbekommen, was es mit diesem seltsamen Phänomen auf sich hatte. An Zauberei oder gar Mystik glaubte ich nicht. Für meine Beobachtungen, wie auch für den rätselhaften Tod und das Verschwinden des Gastes musste es eine Erklärung geben.
Das Moor lag in seiner Riesenhaftigkeit und Unwirklichkeit ruhig und seltsam friedlich vor mir. Ich traute dieser vermeintlichen Stille jedoch nicht so recht. Kaum zu glauben, was ich am gestrigen Tage hier erlebt hatte.
Um etwas gemütlicher zu sitzen hatte ich mir einen aufklappbaren Campingstuhl mitgenommen. Auf einer kleinen und relativ stabilen Anhöhe baute ich mein kleines Lager auf. Dort ging ich sicher, dass mich das Moor nicht verschlingen würde oder ich irgendwo unbemerkt versank.
Nachdem ich ein paar Züge aus meiner Wasserflasche genommen hatte, wartete ich geduldig ab. Sandra rief an, fragte, ob mir schon etwas Verdächtiges aufgefallen sei. Ich verneinte, bemerkte jedoch, dass sich wieder dieser seltsame Nebel bildete. Auch bemerkte ich, dass die Handyverbindung immer schlechter wurde. Schließlich und unvermittelt brach sie ab. Und wie gestern kroch wieder diese merkwürdige Angst in mir hoch.
Diesmal aber verdrängte ich sie erfolgreich. Der Nebel war unterdessen so stark geworden, dass ich nichts mehr erkennen konnte. Ich schaute auf meine Armbanduhr. Die vereinbarte Zeit war noch nicht herangekommen. Ich hatte noch ca. eine halbe Stunde Zeit. Das gab mir die nötige Sicherheit, auszuharren.
Plötzlich hörte ich aus der Ferne wieder dieses seltsame Surren. Rasch kam es näher. Dann tanzten wieder unzählige schwarze Kreise vor meinen Augen. Und wie gestern verbanden sie sich zu einem einzigen riesigen Kreis. In seinem Inneren erschien wieder dieses Gebäude, welches ich nur schemenhaft erkennen konnte. Wie gebannt starrte ich auf das Phänomen. Dann fasste ich mich endlich, hielt meine Digitalkamera auf das Szenario. Entnervt und doch ruhiger als gestern schaute ich erneut auf die Uhr. Immer noch keine Minute vergangen – ich erschrak – es musste Zeit vergangen sein. Es mussten mindestens zehn Minuten vergangen sein, doch meine Uhr zeigte nichts mehr an. Sie schien stehengeblieben zu sein. Was ging hier nur vor?
Ich nahm all meinen noch vorhandenen Mut zusammen und schritt auf den schwarzen Kreis zu. Nichts geschah. Jetzt stand ich unmittelbar vor ihm. Würde er mich nun verschlingen? Was würde passieren, wenn ich einfach in ihn hineintrete? Ich hob den Fuß und schritt in das Dunkel des Kreises.
Augenblicklich nahm mich der Kreis in sich auf und ich begann mich zu drehen – schneller und schneller – mir wurde jedoch nicht schwindelig. Gleichzeitig raste ich auf das vermeintliche Gebäude zu. Meine Gedanken schienen sich ebenso schnell, wie ich auf das Gebäude zu raste, zu bewegen. War das tatsächlich ein schwarzes Loch? Und wo würde ich ankommen? Ich schloss meine Augen und vergaß Raum und Zeit. Um mich herum breitete sich eine fremdartige Welt aus. Überall leuchteten frische grüne Wiesen. Der Himmel färbte sich mal blau mal weiß, und über mir schwebte eine riesige violette Sonne. Dann spürte ich einen heftigen Schmerz im Rücken.
Langsam erwachte ich aus meinem unwirklichen Traum. Um mich herum befanden sich unzählige Apparaturen. Überall piepte und rauschte es. Irgendwelche Geräte leuchteten in allen möglichen und unmöglichen Farben. Eine Person mit einem weißen Mundschutz beugte sich über mich. Dann drehte sich die Person um und meinte in einer recht verständlichen Sprache: „Er kommt wieder zu sich!“
Erleichtert, noch am Leben zu sein, rappelte ich mich auf. Die Person entpuppte sich als älterer Herr, der sich seinen Mundschutz vom Gesicht zog. Schließlich lachte er und sagte laut: „Na, das hat doch geklappt! Nur mit dem Ort funktioniert es noch nicht so ganz!“
Entgeistert schaute ich dem Mann ins Gesicht. Ich wusste nicht, was da geschah. Doch eines schien mir klar, ich musste eine größere Strecke zurückgelegt haben. Denn im Moor befand ich mich nicht mehr und meine Pension konnte ich nirgends entdecken.
Später stellte sich heraus, dass ich tatsächlich durch ein schwarzes Loch gereist war. Dieses Loch führte mich geradewegs zum einem Observatorium in der Schweiz. Seit einiger Zeit führte man dort Experimente zur Erforschung des Urknalls durch. Dabei erzeugte man ganz nebenbei dutzende kleine schwarze Löcher.
Der Professor hatte herausgefunden, dass diese schwarzen Löcher ganz gezielt Materie in sich aufnehmen, um diese in ungeheurer Geschwindigkeit an jedes beliebige Ziel zu transportieren. Wie dies genau funktionierte, wollte man mir nicht erklären. Vielleicht wusste man es auch noch nicht so genau.
Als ich wieder zu Sandra in die Pension zurückkehrte, erzählte ich ihr meine unfassbaren Erlebnisse. Ich berichtete ihr auch von meinem Traum innerhalb des schwarzen Lochs. Vielleicht, so vermutete ich, sind ja auch die Gegenstände in diesen Löchern verschwunden? Sandra konnte das alles nicht wirklich zu beruhigen.
Nervös strich sie sich ihre langen blonden Haare aus dem Gesicht. Schließlich erzählte sie mir von dem Gast, den man seinerzeit tot vor dem schwarzen Loch gefunden hatte. Zunächst fand ich nichts Aufregendes an ihrem Bericht. Doch was sie dann sagte, verschlug mir die Sprache. Der tote Gast sei bei meinem Verschwinden im schwarzen Loch ganz plötzlich wieder aufgetaucht. Man fand ihn an genau der Stelle, an welcher ich das schwarze Loch entdeckte, und er war lebendig und kein bisschen gealtert …
Die Sonne schien und der Wind wehte ganz leise. Es war kühl, dennoch konnte Elli entspannt auf ihrer kleinen Dachterrasse, hoch über Hollywood, sitzen, um ein wenig zu träumen.
Es war ein merkwürdiger Tag. Ganz tief in sich spürte sie ein Gefühl, welches sie bisher nicht kannte. War das Sehnsucht? Immer hatte sie ein offenes Ohr für die Sorgen der anderen. Alle heulten sich immer nur bei ihr aus.
Sicher, sie tat es gern und sie hatte zu allen ihren Bekannten ein sehr gutes Verhältnis. Aber gerade heute spürte sie ganz deutlich, dass ihr irgendetwas fehlte.
Irgendetwas schien nicht wie sonst. Sie schaute sich um; diese herrliche Dachterrasse, dieser wunderbare blaue Himmel, das Vogelgezwitscher. All das hatte sie doch immer gewollt? Sie ließ sich in die weichen Polster ihres Gartensessels zurückfallen und schloss verzückt die Augen.
Ganz langsam erhob sich ihre Seele und flog federleicht und einem Vogel gleich in den makellosen Himmel hinauf. Unter sich sah sie ihr Haus, ihre Terrasse, ihre Freunde – alles verschwand schließlich in dichten Nebelschleiern.
Und als sie so flog, da wurde ihr plötzlich klar, dass ihre Träume ganz anders waren als ihr Leben. Hier oben, in dieser endlosen Weite, da fühlte sie sich plötzlich frei und weit entfernt von all den kleinlichen Alltagsgeschichten dort unten. Sie fühlte eine unbändige Kraft in ihrem Leibe und einen unbezwingbaren Drang, Neues zu erleben, das Alte endgültig abzuschütteln.
Sie sah keine Barriere, die sie aufzuhalten drohte. Nichts hielt sie auf – sie konnte fliegen und atmen, grenzenlos.
Plötzlich riss der Nebel vor ihren Augen abrupt auf und gab die Sicht auf eine endlose Steppenlandschaft frei. Über ihr brannte heiß die Sonne, die Luft flirrte, und nur schemenhaft konnte sie etwas Dunkles am Horizont sehen.
Dieser dunkle Schatte formte sich mehr und mehr zu einem schwarzen Band. Es wurde größer, länger und reichte vom Horizont bis hin zu ihr. Jetzt erkannte sie es: es war eine lange Straße, und sie landete unmittelbar darauf.
Neugierig schaute sie in alle Richtungen dieses öden Landes. Plötzlich erschrak sie – hinter ihr stand ein bulliges Motorrad – sie kannte das Modell – es war eine Harley! Ihre üppigen Chromteile blitzten wie Edelsteine in der Sonne.
Vor Schreck sprang sie zur Seite, doch die Harley stand einfach nur so da. Aufgeregt zog sie und an ihrer Jacke und dabei bemerkte sie, dass sie eine Lederkombi trug.
„Unglaublich!“, stieß sie erstaunt hervor, „Das ist ja total easy!“
Und weil sie niemanden im weiten Umkreis sehen konnte, dem das Motorrad gehören könnte, keimte in ihr der Verdacht, dass es wohl ihre eigene Maschine sein musste. Es war alles wie im Märchen. Sie wusste nicht einmal, wo sie sich befand. Aber das schien angesichts dieser unglaublichen Situation völlig egal.
Sie wollte plötzlich nur noch eines: auf die Harley steigen und losfahren! Die Hitze brannte ihr gnadenlos ins Gesicht und der Schweiß rann ihr über den Rücken.
„Also los!“, rief sie laut, stieg auf und fuhr los. Und welch Wunder, es war beinahe so, als ob sie ihr ganzes Leben mit dieser Maschine gefahren sei. Sie fuhr diese Legende eines Motorrades nahezu blind. Der tiefe brummende Ton der Maschine ließ ihr Herz höherschlagen.
Ein Schild am Straßenrand fiel ihr ins Auge. „ROUTE 66“ stand darauf. Jetzt hielt sie es nicht mehr aus – sie gab der Maschine die Sporen und brauste wie ein Pfeil über den Highway. Und es ging immer geradeaus, kilometerweit, stundenlang.
An einer alten windschiefen Hütte hielt sie an. Der aufgewirbelte Staub klebte an ihrem Gesicht. Mit dem Arm wischte sie sich den Dreck vom Gesicht und stieg ab. Über dem Eingang hing ein hölzernes Schild. „6-9-12-35-17-1“ stand da in großer Schrift zu lesen.
Sie wunderte sich zwar, dass man dieser Kneipe keinen richtigen Namen gegeben hatte, sondern nur Zahlen. Aber es war ihr egal – sie hatte Durst und einen Riesenappetit.
Entschlossen trat sie ein. In der kleinen gemütlichen Gaststube saß niemand. Sie schien ganz allein hier zu sein.
Plötzlich erschien ein kleiner alter Mann hinter dem Tresen und fragte interessiert: „Na, bei der Hitze noch unterwegs? Ich bring Ihnen ´n Wasser und ´ne Wurst. Sie sehen so aus, als ob Sie was vertragen könnten.“
Elli nickte nur und lächelte verlegen. Dann nahm sie am Tresen Platz und öffnete ihre Lederkombi ein ganz klein wenig. Sofort drang die aufgewirbelte Luft des Deckenventilators an ihre Haut …
„Herrlich“, stöhnte sie nur und lehnte sich entspannt zurück.
Der Alte kam mit einem großen Tablett zurück. Darauf befand sich ein Krug mit kristallklarem Wasser und ein Teller mit zwei leckeren Bratwürsten.
„Hier, jetzt hauen Sie erst mal richtig rein. Geht aufs Haus!“
Elli bedankte sich und fragte dann nach den merkwürdigen Zahlen über dem Eingang. Der Alte grinste nur und begann zu erzählen:
„Ach wissen Sie, damals, als wir in diese Gegend kamen, haben wir hier nach Gold geschürft. Anstatt eines sinnlosen Namens habe ich einfach die Nummer meines Claims für diese Kneipe genommen. Etwas Besseres ist mir eben nicht eingefallen. Aber sagen Sie mal, wie haben Sie es nur geschafft, bis hierher vorzudringen? Seit Tagen ist hier keiner mehr vorbeigekommen. Scheint wohl in der Nähe von Diggers-Point eine Havarie gegeben zu haben. Die haben da öfter mal ´n Brückenschaden. Kein Wunder, bei dem Hochwasser dort.“
Elli schaute den Alten misstrauisch an. Hochwasser? Wieso Hochwasser? Nirgendwo an der Straße hatte sie Hochwasser gesehen. Und über eine Brücke war sie auch nicht gefahren. Hatte sich der Alte geirrt?
Das frische Wasser tat gut und die Würste gaben wieder neue Kraft. Der Alte musterte sie und meinte dann: „Na ich sehe schon, Sie wollen gleich wieder weiter, was? So ist´s recht, Mädel. Und vergiss nicht Lotto zu spielen, ist ´ne Menge im Jackpot. Gute Fahrt!“
Elli verabschiedete sich ebenfalls und verließ die Hütte. Draußen hatte es wohl einen Wetterumschwung gegeben. Es regnete in Strömen und die Dunkelheit breitete sich gespenstisch über der verlassenen Gegend aus. Dennoch wollte sie zurück zu der Stelle, wo sie die Harley gefunden hatte. Vielleicht gehörte sie ja doch nicht ihr.
Schnell schwang sie sich auf die Maschine und fuhr in das immer heftiger werdende Unwetter hinein. Instinktiv schaute sie auf ihr Handgelenk, wollte nach der Uhrzeit sehen. Doch ihr Handgelenk war leer. Keine Uhr, kein Ortsschild, nichts, nur Dunkelheit, Regen und Sturm!
Plötzlich zog auch noch ein Gewitter auf. Grelle Blitze zuckten auf die Fahrbahn nieder und der laute Donner ließ den Boden erbeben. Ein Weiterfahren schien einfach unmöglich.
An einer kleinen Schonung hielt sie an. Zwischen den Bäumen entdeckte sie eine Erdhöhle. „Vermutlich der eingestürzte Eingang zu einer der alten Goldminen“, murmelte sie vor sich hin. Vorsichtig legte sie das Motorrad ins Gras und kroch in die enge Grube. Zwar rieselte andauernd Erde herunter, doch wenigstens war es trocken und warm. Hundemüde legte sie sich auf den Boden und schloss ihre Augen …
Irgendein lästiger nagender Ton dröhnte wie eine Bohrmaschine in ihren Ohren. Das Geräusch wurde lauter und lauter – was war das nur? Ein herannahender Truck, ein Motorrad, ein Auto?
Langsam öffnete sie die Augen – da ertönte erneut das seltsame Geräusch – jetzt hörte sie es ganz deutlich! Erschrocken fuhr sie hoch – wo war sie nur? Sie lag nicht mehr in der engen Erdhöhle, sondern auf einer Terrasse, hoch über dem Lichtermeer einer großen Stadt – und das Geräusch? Ja, richtig, es klingelte!
Langsam kehrte sie in die Wirklichkeit zurück. Es war ihre Terrasse, auf der sie wohl eingeschlafen sein musste. In der Zwischenzeit war es Nacht geworden. An der Tür stand ihre Nachbarin, Frau Schulze. Sie brachte ein Päckchen Kaffee. Sozusagen als Dankeschön, weil Elli ihr einmal ausgeholfen hatte.
Als die Nachbarin gegangen war, schaute sich Elli im Spiegel an. Doch da stand keine wilde Harley-Bikerin in schwarzer Lederkombi und wüsten Haaren. Da schaute ihr eine blasse übermüdete, etwas mollige und mies gelaunte Hausfrau entgegen, die so gar nicht nach Lust und Großer Welt aussah. Und morgen musste sie also wieder in die Firma und den ganzen Tag funktionieren, wie alle, wie jeder, wie immer …
Sie schüttelte sich. Beinahe so, als wollte sie sich diesen abgestandenen Muff von der Seele schütteln. Sehnsüchtig dachte sie an den endlosen Highway, an die chromblitzende Harley, an den Alten und an diese windschiefe Kneipe an der Straße. Und sie spürte wieder diesen Drang nach Freiheit, nach Luft und Leben. Sie atmete tief ein, doch hier roch es nur nach Spießigkeit, Alltagstrott und Langeweile. Und sie vermisste ihren Traum so sehr.
Ihr fielen die letzten Worte des alten Mannes ein. Sie sollte das Lotto spielen nicht vergessen. Aber wie oft hatte sie das schon versucht und niemals Glück gehabt?
In der darauffolgenden Woche spielte sie dennoch mit. Und weil in ihr noch immer dieser Traum im Kopf herumgeisterte, fielen ihr die rätselhaften Zahlen über dem Eingang der alten Kneipe wieder ein. Kurzerhand nahm sie genau diese Zahlen und gab den Spielschein ab.
Und sie konnte es nicht glauben, sie gewann den Jackpot! Es gab 6 Millionen. Laut jubelnd konnte sie ihr Glück nicht fassen.
Tage später gab sie die kleine Wohnung auf und ging nach Australien. Dort kaufte sie sich eine Harley und eine alte, abgewetzte schwarze Lederkombi.
Schließlich schloss sie sich einer Biker-Clique an, die jeden Tag auf dem endlosen Highway unterwegs war. Heute hier und morgen dort – und immer irgendwo.
Endlich spürte sie die Freiheit, die sie sich immer so sehr erträumt hatte. Endlich spürte sie Leben!
Und plötzlich wusste sie es: auch ohne Lottoschein hätte sie das alles schaffen können, wenn sie sich nur viel eher getraut hätte. Es war doch nur ein Schritt, der in die langersehnte Freiheit führte. Es lag ganz allein an ihr selbst.
Jetzt hielt sie das Glück in ihren Händen und spendete eine ansehnliche Summe einem Kinderhilfswerk. Und manchmal, wenn sie mit den anderen Bikern durch die Nacht fuhr, glaubte sie, in der Ferne die matten Lichter der windschiefen Hütte am Straßenrand zu erkennen. Und sie hörte die Stimme des alten Mannes, der leise zu ihr sagte: „So ist´s recht, Mädel“
An jenem Abend saß ich mal wieder ganz allein zu Haus in meiner winzigen Wohnung in Hollywood. Nachdenklich fragte ich mich, wie das alles noch weitergehen sollte. Ich fühlte mich schlecht, ausgebrannt und leer. Unendlich viele Bilder flogen mir durch die jammernde Seele. Ich sah die Vergangenheit, die zahllosen Erlebnisse und die guten und schlechten Tage. Und ich erkannte die tiefe Traurigkeit, die in meiner Einsamkeit lag.
Da klingelte das Telefon. Mutter rief an. Wie schon so oft machte sie sich große Sorgen um mich. Zwar erzählte ich ihr nichts von meinem Gefühl. Doch sie schien meine Verzweiflung und meine Traurigkeit zu spüren. Und sie tröstete mich, dass es irgendwann auch wieder bergauf gehen würde.
An diesem Abend hatte ich noch eine Verabredung mit einem Geschäftspartner. Ich konnte ihn nicht warten lassen, denn das Geld musste ja verdient werden. So verabschiedete ich mich schnell. Mutter sagte an diesem Abend etwas sehr Merkwürdiges. Sie meinte, dass ich unbedingt vorsichtig fahren sollte. Und es sei gar nicht gut, heute noch weg zufahren …
Ich konnte meinen Termin jedoch nicht platzen lassen und fuhr los. Es hatte zu regnen begonnen und die Straße glänzte im Scheinwerferlicht derart, dass ich zeitweise kaum etwas sehen konnte. Da ich es eilig hatte, fuhr ich recht schnell, doch die Sicht wurde immer schlechter.
Plötzlich vernahm ich ein Geräusch, welches sich wie eine Stimme anhörte. Nervös schaute ich zum Radio. Doch das hatte ich nicht eingeschaltet. Die Stimme wurde lauter und rief plötzlich: „Fahr jetzt langsamer! Sofort!“
Ohne weiter darüber nachzudenken, nahm ich den Fuß vom Gaspedal und bremste augenblicklich stark ab. Da sah ich es auch schon: auf meiner Fahrspur flogen mir zwei grell aufblitzende Scheinwerferkegel entgegen.
Ich erschrak fürchterlich, schaute zum Straßenrand. Ich rechnete schon mit dem Schlimmsten, wollte das Auto im letzten Moment nach rechts lenken, um vielleicht irgendwo im Graben zum Stehen zu kommen.
Alles ging ganz schnell! Kurz vor mir bog das Fahrzeug wieder auf seine Fahrspur ein und raste knapp an mir vorbei. Ich atmete auf und spürte, wie mein Herz in der Brust raste. Auf dem nächstbesten Parkplatz hielt ich den Wagen an und stieg aus. Ich brauchte erst einmal Luft.
Der heftige Regen prasselte mir auf den Anzug und durchnässte mich bis auf die Haut. Doch das war mir in diesem Augenblick völlig egal. Mit zitternden Beinen lehnte ich mich an mein Auto und kramte das Handy aus der Hosentasche. Ich sagte den Termin ab. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich wieder einen klaren Gedanken fassen konnte.
Plötzlich wurde mir klar, dass es nichts Wichtigeres gab, als das Leben. Ja, plötzlich hatte ich so viel Zeit. In diesen Minuten nahm ich mir vor, nichts mehr so eng zu sehen. Und das Gejammer, wenn es mal nicht so lief, wollte ich mir abgewöhnen. Stattdessen wollte ich froh sein und das Leben spüren.
Als ich Mutter anrief und ihr schilderte, was ich soeben erlebt hatte, wurde sie ganz schweigsam. Dann meinte sie nur: „Ich wusste das. Aber ich konnte dich nicht aufhalten. Ich bin froh, dass es dir gut geht.“
Die seltsame Stimme hatte ich nie wieder gehört.
Eine kleine Melodie ging mir nicht mehr aus dem Sinn: You don´t bring me flowers. Sanft war sie, wie dieses Mädchen aus einer anderen Welt. Sie hieß Ann, eine zauberhafte dunkelhäutige Sängerin. Wir lernten uns in New York kennen. Einfach so, auf einer Bank im Central Park. Ich wollte über die Menschen nach dem Terroranschlag vom 11. September schreiben. Ich schaute in ihre Gesichter, die mir endlose Geschichten erzählen konnten. Und ich schaute auf diese riesige faszinierende Stadt mit ihren unzähligen Gefühlen, Sehnsüchten und Hoffnungen. Diese Stadt mit ihrem ständigen Auf und Ab.
Immer und überall hier spürte ich den stetigen Puls dieser unergründlichen Metropole.
Die Joggerin, die sich an diesem Septembermorgen auf die Bank neben mich setzte, kam mir gerade recht. Ich wollte ihr Fragen stellen, wollte sie in ein Gespräch verwickeln. Ich wollte von ihr erfahren, wie sie diesen verhängnisvollen 11. September erlebte.
Die junge gutaussehende Frau schien völlig außer Puste zu sein. Sie atmete schnell und musste plötzlich niesen.
„Na, ist wohl doch ein bisschen kühl heut Morgen?“, fragte ich sie grinsend. Doch sie winkte nur ab, wollte eigentlich gleich weiterlaufen. Mir gefiel diese Frau. Ihre Spontaneität, ihre Sicherheit – ich fand das einfach toll.
Etwas verwegen fragte ich noch schnell: „Kann ich Sie irgendwo wiedersehen?“
Im gleichen Augenblick jedoch fand ich diese Frage blöd und wollte mich entschuldigen. Als sie jedoch lächelnd nickte, hielt ich sofort inne.
„Klar“, antwortete sie kurz entschlossen. „Heute Abend, 19 Uhr im Jingle-Club, Ecke 114! Findest Du schon!“
Während sie das sprach, rannte sie auch schon wieder weiter. Ich schmunzelte, rief noch ein „OK“ hinter ihr her.
Dann hockte ich den ganzen Tag in meinem Hotelzimmer und überlegte. Ich erwischte mich bei dem albernen Gedanken, mich irgendwie schön für sie machen zu wollen. Aber vielleicht hatte sie ja auch schon einen Freund. Sicher hatte sie das! Ganz sicher, oder?
Die Zeit schien einfach nicht vergehen zu wollen. Ich zählte die Stunden, die Minuten bis zu unserer Verabredung. Als es endlich soweit war, vergaß ich mein Outfit und sprang, so wie ich war, in ein Taxi. Als ich dem Taxifahrer meinen Zielort mitteilte, schaute der mich misstrauisch an.
„Was wollen Sie denn beim Jingle-Club“, fragte er mich mit gesenkter Stimme. Ich erzählte ihm von meiner Verabredung.
„Na, Sie müssen es ja wissen“, raunte der Taxifahrer mit verkniffenem Gesicht und fuhr los.
Als wir am Zielort eintrafen, konnte ich meine Enttäuschung kaum verbergen.
„Ich hab´s Ihnen ja gleich gesagt“, spottete der Taxifahrer, „das ist hier ´ne ganz heruntergekommen Gegend. Hier will keiner gern her.“
Ich gab dem Fahrer das Geld und der brauste eiligst davon. Ich schaute mich um. Tatsächlich schien diese Gegend schon bessere Zeiten gesehen zu haben. Die alten Häuser sahen aus wie Ruinen, um die sich lange keiner mehr gekümmert haben musste. Manche Gebäude waren zusammengefallen. Schutt und Müll lagen überall auf der löcherigen Straße verteilt. Wie kam nur eine so schöne Frau dazu, sich hier zu verabreden?
Etwas weiter von mir entfernt fiel ein schwacher Lichtschein auf die Straße. Langsam lief ich dorthin. Das Licht fiel aus einem ziemlich heruntergekommen Lokal. Ich ging hinein, setzte mich entschlossen an die Bar und bestellte mir einen Drink.
Ungefähr eine halbe Stunde musste vergangen sein, doch meine Verabredung kam nicht. Immer wieder schaute ich durch die schlecht geputzten Fenster auf die Straße hinaus. Ohne Erfolg.
So trank ich einen Whisky nach dem anderen und fühlte mich schon recht lebhaft. Da wurde die Beleuchtung etwas heruntergedreht. Rote Scheinwerfer flammten auf und beleuchteten eine kleine Bühne gegenüber von meinem Tisch. Eine Stimme rief über Mikrofon: „Ladys and Gentleman! Hier ist der Star des heutigen Abends, Ann!“
Der rote Vorhang glitt zur Seite – und da stand sie, diese wunderschöne junge Frau, meine Verabredung! Ganz in Schwarz war sie gekleidet und irgendwie erschien sie mir noch schöner als heute Morgen. Sie begann, ein wunderschönes Lied zu singen: You don´t bring me Flowers …
Ich hatte Tränen in den Augen. Das Lied war noch nicht verklungen, da applaudierte ich. Irgendein Säufer rief aus einer Ecke: „Bravo Ann! Weiter so!“
Ich fühlte mich gut und doch schlecht, fand es endlos traurig, dass diese wunderschöne Frau in einem solchen miesen Lokal auftreten musste.
Ann stieg wie ein großer Star von der Bühne und setzte sich an meinen Tisch.
„Schön, dass Du gekommen bist. Na, wie war ich?“, fragte sie mich leise.
Ich schaute lange in ihre großen braunen Augen.
„Du warst großartig“, hauchte ich und hatte in dieser Sekunde längst vergessen, was ich sie eigentlich fragen wollte. Ich schaute sie nur an und war wie verzaubert. Sie lächelte nur und meinte, dass sie gleich wieder auf die Bühne müsse.
„Klar“, sagte ich verständnisvoll, „ich verstehe schon. Kommst Du dann wieder her?“
„Ich weiß es nicht“, antwortete sie mit ernster Miene. Sie war plötzlich so ernst, als hätte ich etwas Schlimmes gesagt. „Ich darf mich nicht mit den Gästen abgeben. Ich freue mich aber, wenn Du ab und zu mal kommst.“
Bei diesen Worten liefen ihr Tränen über die Wangen.
Plötzlich griff sie in ihre Tasche und holte einen Briefumschlag heraus. Unter dem Tisch steckte sie ihn mir heimlich zu.
„Pass gut auf ihn auf“, flüsterte sie. „Wenn mir etwas zustößt, behalte ihn für Dich. Mach´s gut. Ich muss wieder auf die Bühne.“
Mit einem gekonnten Satz sprang sie auf und lachte, als sei gar nichts gewesen. Verwundert schaute ich ihr hinterher. Als sie ihren Song beendet hatte, verschwand sie hinter der Bühne und die roten Scheinwerfer verloschen.
Ich fragte eine Bedienung nach ihr. Doch die recht freizügig gekleidete Dame schüttelte nur mit dem Kopf. „Nein, das geht nicht“, sagte sie dann traurig. „Vielleicht ist es besser, wenn Sie jetzt gehen.“
Ich konnte meine Trauer kaum verbergen. Dennoch zahlte ich und fuhr mit einem Taxi zurück zum Hotel.
Die ganze Nacht brachte ich kein Auge zu. Ann ging mir nicht mehr aus dem Sinn. Was meinte sie nur und was hatte es mit diesem vermeintlichen Brief auf sich? Ich nahm mir vor, gleich am nächsten Morgen noch einmal zu dieser Bar zu fahren. Vielleicht gelang es mir ja doch noch, Ann zu finden und mit ihr zu sprechen.
Ein komisches Gefühl machte sich in meinem Magen breit – ein seltsam flaues Gefühl – war das Liebe?
Am nächsten Morgen ließ ich mir einen Mietwagen buchen und fuhr schon recht zeitig los. Ich wollte mir diese Gegend bei Tageslicht betrachten. Doch an der Stelle, wo gestern noch diese einsame Bar stand, befand sich heute eine verlassene Ruine. Lediglich über dem verfallenen Eingang konnte ich die teilweise zerbrochenen Buchstaben entziffern: Jingle-Club.
Zwei Penner torkelten an mir vorüber. Ich rief laut: „Wo ist denn die Bar? Gestern war hier noch eine Bar. Sie nannte sich Jingle-Club. Wo ist das alles hin?“
Die beiden Penner lachten laut: „Hey Du Spinner! Was für ´ne Bar? Hier ist schon lange nichts mehr! Den Schuppen haben die Cops schon vor Jahren ausgehoben. War ein Drogenmarkplatz, Du verstehst? Gib lieber ein paar Dollar rüber!“
Verstört kramte ich in meiner Jackentasche und drückte einem der beiden Trunkenbolde schließlich einen Zehn-Dollar-Schein in die Hand. „Danke Euer Gnaden!“, rief der hinter mir her.
Verwirrt lief ich um das Gebäude herum, schaute durch die zerbrochene Scheibe ins Innere. Doch mehr als zerbrochene Stühle und Tische konnte ich nicht erkennen. Überall lagen Glasscherben und Müll – hier musste schon seit Jahren keiner mehr gewesen sein.
In diesem Augenblick fiel mir der Briefumschlag, den mir Ann heimlich zugesteckt hatte. Ich zog ihn aus der Tasche und faltete ihn vorsichtig auseinander. Auf fleckigem, zerrissenen Papier stand dort geschrieben: „Hallo, ich habe eine letzte Bitte an Dich. Geh in die Bar und schau unter den Tresen. Dort findest Du eine Urne. Begrabe sie auf dem Friedhof. Anbei liegt ein goldener Ring. Er ist das Wertvollste und Teuerste, was mir blieb. Er ist ein Erbstück meiner Mutter. Löse ihn ein und bezahle die Beerdigung davon. Dann finde ich endlich meine Ruh. In Liebe, Ann.“
Ich konnte nicht glauben, was ich da las. Ich hatte Tränen in den Augen und las den Brief wieder und wieder. Ann war also eine Seele, die noch immer nicht zur Ruhe gekommen war. Doch wie war sie zu Tode gekommen? Wer hatte diese Urne unter dem Tresen versteckt? Ich erhielt keine Antwort auf diese Fragen.
Durch ein zerbrochenes Fenster kletterte ich in das Gebäude und suchte an der Stelle, wo der Tresen gestanden haben musste. Und tatsächlich! Unter einer alten verwitterten Bierleitung, zwischen Steinen, Unrat und Dreck ertastete ich einen Gegenstand. Ich zog ihn heraus und hielt eine Urne in der Hand.
Mit den Fingern wischte ich den Schmutz ab und las den eingravierten Namen: Ann.
Ich kümmerte mich um die Beisetzung und bezahlte alles. Die schönsten Blumen stellte ich auf ihr Grab. Und ihren goldenen Ring behielt ich in Gedenken an diese einzigartige Frau.
Monate später wurde mir vieles klar. Ann war wohl noch einmal zurückgekommen, weil ihre Seele keine Ruhe fand. Ich war auserwählt, um ihr diesen letzten Dienst zu erweisen. Jetzt, nach all den vielen Jahren, konnte ihre rastlose Seele endlich Frieden finden. Mir jedoch blieb nur ein goldener Ring und dieses Lied von ihr, welches ich in so manch lauer Nacht noch höre: You don´t bring me Flowers.
Irgendetwas ist in diesem Haus! An diese Worte erinnere ich mich noch heute mit Schaudern. Eigentlich wollte ich nie wieder darüber sprechen. Trotzdem kommt die Erinnerung immer wieder hoch.
Ich kam gerade von einer Geburtstagsfeier und wollte nach Hause. Die Fahrt bis zur Autobahn hatte ich mir etwas leichter vorgestellt. Doch es stürmte und schneite wie seit Langem nicht mehr. Die Scheinwerferkegel meines Wagens suchten vergeblich nach der Straße in dem immer dichter werdenden Schneetreiben.
Schließlich wurde klar, dass ein Weiterfahren einem Selbstmord gleichen würde. Irgendwo hielt ich den Wagen an. Ich musste schleunigst eine Pension finden, um nicht vom Schnee lebendig begraben zu werden. So fuhr ich weiter bis es wirklich nicht mehr ging. Ich wusste nicht einmal mehr, ob ich mich überhaupt noch auf einer Straße befand. Der Blizzard tobte wie ein bösartiges Ungeheuer.
Glücklicherweise stand nicht weit entfernt ein Haus. Es lag einsam mitten im Schnee und sah schon recht verfallen aus. Doch aus den Fenstern fiel ein schwacher Lichtschein. Also wohnt hier auch jemand, dachte ich mir.
Ich stieg aus und stemmte mich mühevoll gegen die eisigen Schneeböen. Eine Klingel fand ich nicht, so pochte ich mehrmals gegen die alte Holztür. Doch es öffnete niemand.
Der Sturm heulte unheilvoll um die Ecken und blies mir immer wieder neuen Schnee in die Augen.
„Hallo!“, rief ich so laut ich konnte, „Ist jemand zu Hause!“
Endlich öffnete sich die Tür einen winzigen Spalt. Eine alte Frau steckte ihren grauhaarigen Kopf hindurch und fragte dann mit zittriger Stimme: „Was wünschen Sie junger Mann?“
Fröstelnd bat ich um ein Nachtquartier. Die Alte musterte mich misstrauisch von oben bis unten. Dann nickte sie zufrieden und kicherte leise vor sich hin.
„Na, komm schon rein, Söhnchen. Komm nur rein.“
Schnell stapfte ich hinein und klopfte mir die Schuhe ab. Dann schaute ich mich verwundert um. Überall standen alte Kommoden, die wohl schon bessere Zeiten gesehen haben mussten. Der Fußboden war schmutzig und Spinnweben hingen an den Wänden. Im düsteren Licht der Deckenlampe konnte ich die Alte besser erkennen. Sie trug ein langes schwarzes Kleid und ihr faltiges Gesicht schien verhärmt und kränklich. Fahl und leblos schauten ihre Augen zu mir herüber.
Schließlich sagte sie leise: „Ich hol Dir erst mal einen heißen Tee. Und gegessen hast Du sicher auch noch nichts.“
Mit diesen Worten verschwand sie in einem Nebenraum. Irgendwann brachte sie mir einen Kräutertee und eine heiße Bockwurst.
„Nun stärke Dich erst einmal, Söhnchen“, meinte sie noch. „Ich zieh mich jetzt zurück. Kannst da drüben auf dem Sofa schlafen. Da liegt auch eine warme Decke. Gute Nacht Söhnchen.“
Sie schaute sich noch einmal um, während sie in dem vermeintlichen Nebenraum verschwand. Es war, als wollte sie mir noch etwas sagen. Doch ich war zu müde, um sie danach zu fragen. Ich schlürfte meinen heißen Tee und verschlang die Bockwurst. Dann legte ich mich auf das gemütliche Sofa und schlief ein.
Wie lange ich schlief, weiß ich nicht mehr. Irgendwann riss mich ein lauter Schrei aus dem Schlaf. Ich fuhr hoch und starrte in die Dunkelheit. Was war das? Wer hatte da geschrieben? Ging es der Alten nicht gut? Ich suchte nach einem Lichtschalter. Ich fand ihn, knipste mehrmals, doch das Licht ließ sich nicht einschalten.
Glücklicherweise hatte meine Uhr eine Beleuchtung. So konnte ich wenigstens die Zeit ablesen – es war kurz nach 1. Mir fiel die eisige Kälte auf, die wie ein Windstoß durch die Räume fuhr.
Plötzlich vernahm ich eine Stimme, sie flüsterte: „Irgendetwas ist in diesem Haus. Helfe mir, helfe mir!“
Ein eisiger Schauer lief mir über den Rücken. Eilig zog ich mich an und rief noch einmal nach der Alten. Doch es kam keine Antwort. Mir wurde klar, dass hier irgendetwas nicht stimmte. Was ging hier nur vor? Nervös schaute ich zum Fenster. Es war zerschlagen und der eisige Wind fuhr wie ein scharfes Schwert herein. Vor dem Fenster sah ich eine Gestalt. Ich erschrak – war das die Alte? Hatte sie vielleicht Spaß daran, mir einen Schrecken einzujagen?
„Wer sind Sie!“, rief ich laut und zog mir dabei die Jacke über. Die Gestalt rührte sich nicht, flehte nur: „Hilf mir, bitte hilf mir! Irgendetwas ist in diesem Haus! Bitte hilf mir.“
Nachdem ich meine Mütze aufgesetzt hatte, schaute ich nochmals zum Fenster. Doch die Gestalt schien verschwunden zu sein. Ich wollte noch einmal zum Fenster, um mich zu überzeugen, dass dort niemand war. Doch dazu kam ich nicht mehr.
Das Haus begann plötzlich hin und her zu schwanken. Krachend fielen die Möbel um und in den Mauern bildeten sich lange Risse. Splitternd zerbrachen die Scheiben und ich hatte nur noch einen Gedanken: nichts wie raus!
Panisch rannte ich los, durch die halbwegs noch intakte Tür hinaus ins Freie. Mein Fahrzeug stand unter einem hohen Baum. So war es nicht total eingeschneit. Mit zittrigen Händen schob ich den Schnee von der Scheibe, stieg ein und fuhr los.
Noch einmal schaute ich in den Rückspiegel. Doch was war das? Entsetzt stellte ich fest, dass das Haus eingestürzt war. Außerdem flog eine beängstigende, rot schimmernde Gestalt auf mein Fahrzeug zu. Wie von Sinnen gab ich Gas und raste davon!
Irgendwann erreichte ich eine Kreuzung und bog auf eine befahrene Straße ab. Ich bebte am ganzen Leibe. Hatte ich jetzt schon Halluzinationen? Noch einmal schaute ich in den Rückspiegel – doch da war nichts mehr.
Ich fuhr bis zur Autobahn. An einer großen Raststätte hielt ich schließlich an. Noch immer völlig durcheinander brauchte ich erst einmal einen Cognac. Ich setzte mich an einen Tisch, an welchem bereits zwei Trucker genüsslich ihr riesiges Steak verzehrten.
Schnell kam ich mit ihnen ins Gespräch, denn ich musste jetzt dringend mit jemandem reden.
Als ich den Cognac intus hatte, kehrten auch die Lebensgeister zurück. Wohlige Wärme stieg in den Kopf und in die Beine, und meine Zunge wurde locker wie es selten war.
In allen Einzelheiten berichtete ich den beiden von meinem schier unglaublichen Erlebnis. Schweigend schauten sie mich an. Ihre Gesichter wurden plötzlich sehr ernst.
Einer der beiden fasste sich und meinte nur: „Das war das Haus der alten Agathe. Sie ist bei einem Brand vor vielen Jahren ums Leben gekommen. Die Überreste ihres Hauses liegen noch heute an der Stelle herum. Man sagt, ihre Seele komme seitdem nicht mehr zur Ruhe. In mancher Winternacht erscheint sie Vorbeifahrenden und gewährt ihnen Unterkunft. Sie sucht wohl noch immer den Brandstifter. Der soll angeblich rot ausgesehen haben und konnte fliegen. Manche sagen, es sei der Teufel gewesen“
Das Wichtigste auf dieser Welt
Ist stets das Leben und die Kraft
Ist Hoffnung, die uns sicher hält
Und Liebe, die uns leidend macht
Es war im Sommer 69. Ich lebte von meinem Mann getrennt – er arbeitete im Ausland, ziemlich weit weg. Sicher, es war schwer, den Jungen allein großzuziehen. Ich arbeitete damals in Chemnitz als Säuglings- und Kinderkrankenschwester in drei Schichten. Auch wenn wenig Zeit blieb, unternahm ich so oft ich konnte etwas mit meinem Sohn. Stundenlang gingen wir spazieren. Und als ich ihm das lang ersehnte Fahrrad schenkte, konnte er unterwegs sein und mit seinen Freunden baden fahren.
Meine Mutter half mir in dieser schweren Zeit wo sie nur konnte. Mit vereinter Kraft kamen wir über die Runden. Und obwohl die damalige DDR viel für junge Mütter tat, musste man doch zusehen, wie man die Dinge unter einen Hut bekam.
In diesem Sommer jedenfalls war es besonders schön. Es war ein wunderschöner Sommer am Meer – ein FDGB-Ferienplatz, der kaum Wünsche offenließ.
Meinem Sohn gefiel es am Meer. Er war und ist eine regelrechte Wasserratte.
Doch bereits auf der Heimreise hatte ich immer wieder diese bohrenden Schmerzen im Oberbauch. Ich konnte es mir einfach nicht erklären. All diese wundervollen Tage am Meer, die Wanderungen, das Schwimmen – ich hatte nie etwas bemerkt. Und nun?
Pit, mein damals achtjähriger Sohn, durfte nichts von alledem mitbekommen. Darauf achtete ich sehr. Doch in der Nacht, als wir im Schlafwagen in die Heimat zurückfuhren, konnte ich vor Schmerzen kein Auge zu tun.
Nervös lief ich den langen Gang vor dem Abteil auf und ab. Der Schaffner fragte mich, ob er mir helfen könnte. Doch ich winkte nur ab und zwang mir dabei ein verkrampftes Lächeln aufs Gesicht. Irgendwie musste es gehen! Natürlich fielen mir seine besorgten Blicke auf – wieder und wieder kam er aus seinem Dienstabteil und rollte bedenklich mit den Augen.
Am nächsten Morgen, längst hatte ich den Frühstücksbeutel aus der Reisetasche gekramt und die Thermoskanne mit Früchtetee auf die Ablage unterm Fenster abgestellt, weckte ich meinen Sohn. Verschlafen schaute er mich an. „Wir sind bald da. Komm, Du musst noch etwas frühstücken“, sagte ich leise. Die Schmerzen hatten merkwürdigerweise etwas nachgelassen.
Auf dem Chemnitzer Hauptbahnhof half mir der Schaffner aufopferungsvoll, die schweren Koffer aus dem Abteil zu tragen.
„Kann ich sonst noch was für Sie tun, junge Frau?“, fragte er nur. Ich verneinte.
„Na denn, kommen Sie gut heim“, entgegnete er noch immer ziemlich sorgenvoll.
Pit sprang schon übermütig auf dem Bahnsteig herum und zählte die einfahrenden Züge. Ich war glücklich, ihm wieder einen schönen Urlaub ermöglicht zu haben.