Niemand wusste von ihrem Leid - Patricia Vandenberg - E-Book

Niemand wusste von ihrem Leid E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Dr. Norden ist die erfolgreichste Arztromanserie Deutschlands, und das schon seit Jahrzehnten. Mehr als 1.000 Romane wurden bereits geschrieben. Die Serie von Patricia Vandenberg befindet sich inzwischen in der zweiten Autoren- und auch Arztgeneration. Am Flughafen war ein Kommen und Gehen wie an jedem Tag. Wiedersehensfreude und Abschiedsschmerz begegneten sich gleichermaßen. »Lächel, Reni«, sagte Tobias Bürger zu seiner jungen Frau. »Ich möchte dein Lächeln mitnehmen. Zwei Monate sind schnell herum, und Japan ist meine große Chance. Wenn ich zu­rückkomme, werde ich Leiter der Exportabteilung, und dann bekommen wir auch ein eigenes Haus. Das hast du dir immer gewünscht.« Renate Bürger, erst seit sieben Monaten verheiratet, hatte jetzt keinen anderen Wunsch als den, dass ihr Mann bei ihr bleiben sollte. Sie war abergläubisch, denn gestern hatte sie einen Spiegel heruntergeworfen. Sieben Jahre Pech sollte das bedeuten. Nein, so wollte sie nicht denken. Tobias würde in zwei Monaten zurück sein. Sie wollte ihn doch nicht in seinem beruflichen Aufstieg hemmen. Ihm war nichts in den Schoß gefallen. Er hatte sich alles schwer erkämpfen müssen. Und sie hatte auch nicht viel mit in die Ehe gebracht. Die Einrichtung ihres Appartements und ein klappriges Auto, dazu noch ein paar tausend Euro auf dem Sparkonto, die aber für Anschaffungen draufgegangen waren. Sie verdiente recht gut als Telefonistin in einer Fabrik, aber sie war eine hübsche junge Frau und kleidete sich auch gern schick. Ein letzter Kuss noch, dann ging Tobias, drehte sich noch einmal um und winkte zurück.

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Seitenzahl: 154

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Dr. Norden Bestseller – 137 –Niemand wusste von ihrem Leid

Patricia Vandenberg

Am Flughafen war ein Kommen und Gehen wie an jedem Tag. Wiedersehensfreude und Abschiedsschmerz begegneten sich gleichermaßen.

»Lächel, Reni«, sagte Tobias Bürger zu seiner jungen Frau. »Ich möchte dein Lächeln mitnehmen. Zwei Monate sind schnell herum, und Japan ist meine große Chance. Wenn ich zu­rückkomme, werde ich Leiter der Exportabteilung, und dann bekommen wir auch ein eigenes Haus. Das hast du dir immer gewünscht.«

Renate Bürger, erst seit sieben Monaten verheiratet, hatte jetzt keinen anderen Wunsch als den, dass ihr Mann bei ihr bleiben sollte. Sie war abergläubisch, denn gestern hatte sie einen Spiegel heruntergeworfen. Sieben Jahre Pech sollte das bedeuten. Nein, so wollte sie nicht denken. Tobias würde in zwei Monaten zurück sein. Sie wollte ihn doch nicht in seinem beruflichen Aufstieg hemmen. Ihm war nichts in den Schoß gefallen. Er hatte sich alles schwer erkämpfen müssen. Und sie hatte auch nicht viel mit in die Ehe gebracht. Die Einrichtung ihres Appartements und ein klappriges Auto, dazu noch ein paar tausend Euro auf dem Sparkonto, die aber für Anschaffungen draufgegangen waren.

Sie verdiente recht gut als Telefonistin in einer Fabrik, aber sie war eine hübsche junge Frau und kleidete sich auch gern schick.

Ein letzter Kuss noch, dann ging Tobias, drehte sich noch einmal um und winkte zurück. Heiße Tränen stiegen in Renates Augen, und schnell lief sie dann aus der Halle.

Verwirrt und traurig wie sie war, suchte sie vergeblich nach ihrem Wagen auf dem riesigen Parkplatz, bis ihr dann einfiel, dass sie ja mit dem neuen von Tobias gekommen waren. Den zu fahren war sie nicht gewohnt, und sie hatte höllische Beklemmungen, bis sie ihn dann durch das Gewühl gebracht hatte.

Zuerst wollte sie einmal weg von den vielen Menschen, und gar nicht mehr sehen, wie nacheinander die großen Maschinen starteten, und eine von diesen trug ihren Tobias davon, in ein fremdes Land, das auch für besonders aparte Mädchen bekannt war. Ja, eifersüchtig konnte Renate auch sein, denn Tobias war ein gut aussehender Mann, dem viele Frauen nachschauten.

Sie kannten sich seit zwei Jahren. Gleich am ersten Tag, als Renate ihre Stellung angetreten hatte, trafen sie sich in der Kantine. Allerdings hatte er da schon seinen Wechsel im Auge, und so suchte er sehr schnell die Bekanntschaft des reizenden, natürlichen jungen Mädchens.

Es war ihm recht, dass sie nicht in einer Firma blieben, denn bei aller erwachenden Liebe zu Renate hatte er auch seine Karriere im Auge.

Allerdings auch die Heirat, da er Konkurrenz zu fürchten hatte und sich Renate nicht wegschnappen lassen wollte. So war die Hochzeit bald geplant worden. Sie richteten sich eine nette Dreizimmerwohnung ein, aber ein Kind planten sie erst für die Zeit, wenn sie ein Haus haben würden. Sie waren ja beide noch jung. Und dann sollte Renate natürlich gar nicht mehr berufstätig sein.

Es redete ihnen niemand hinein. Tobias hatte keinen engen Kontakt zu seinen Eltern, die schon seit vielen Jahren geschieden waren und andere Partner gefunden hatten. Renates Eltern lebten bei der ältesten Tochter, die mit einem gutsituierten Lebensmittelkaufmann verheiratet war. Sie hatte drei Kinder. Der Vater half im Geschäft mit, die Mutter führte den Haushalt. Sie hatten Renate und Tobias eine sehr schöne Hochzeit ausgestattet, aber sie hatten ihr Zuhause und lebten harmonisch und zufrieden in der kleinen Stadt.

So war Renates Leben bisher sehr erfreulich verlaufen, ohne Konflikte, da ihre erste Liebe auch die einzige bleiben sollte.

Renate fuhr nun recht langsam durch unbelebte Straßen. Sie hatte Zeit. Sie hatte sich freigenommen für diesen Tag, aber jetzt wollte sie nicht gleich in die Wohnung zurückkehren, die ihr so leer erschien, wenn ihr Mann nicht da war.

Dann war sie auf einer Straße, die durch ein Wäldchen führte, eine unbekannte Gegend war das, und gar zu weit wollte sie doch nicht von ihrer Wohnung abkommen.

Sie sah den Wegweiser, auf dem Westkreuz stand. Ja, da kam sie doch wieder in eine ihr bekannte Gegend. Vorsichtig bog sie in die breite Autostraße ein, und gleich darauf wurde sie von einem gelben Wagen überholt, der sie fast noch gestreift hätte.

»Rowdy«, murmelte Renate, aber dann sah sie, wie der Wagen plötzlich anhielt. Es ging alles sehr schnell. Eine Tür zur Straßenseite wurde aufgestoßen, eine Frau sprang heraus, der Wagen raste weiter, und fast hätte Renate die Frau überfahren, denn sie stolperte und fiel auf die Straße.

Mit kreischenden Bremsen hielt Renate an, maßlos erschrocken und kreidebleich sprang sie heraus und eilte zu der Frau.

Da sah sie, dass diese hochschwanger war, und Renates Entsetzen wurde noch größer.

Sie beugte sich zu der Frau hinab, die sie aus schreckensvollen Augen anblickte.

»Das wollte ich nicht, nein, das nicht«, stammelte sie.

»Können Sie aufstehen? Ich bringe Sie zu einem Arzt«, sagte Renate.

Autos fuhren vorbei. Keines hielt an. Es war nur gut, dass Renates Wagen so stand, dass dieser jungen Frau nicht noch mehr passieren konnte, bis sie sich mühsam aufgerappelt hatte. Sie war völlig erschreckt, aber sie musste wohl vorher schon erschreckt worden sein, da sie so unbedacht auf die Straße gestürzt war.

»Die Leitner-Klinik«, flüsterte die Fremde. »Ich wollte dorthin.«

»Ist das in der Nähe?«, fragte Renate, ihr behutsam in den Wagen helfend. Und dabei dachte sie, was sie wohl tun solle, wenn die werdende Mutter jetzt ihr Kind bekäme.

»Es ist nahe, ganz nahe«, flüsterte die junge Frau. »Es tut mir leid, Sie sind so freundlich.« Aber dann stöhnte sie schmerzhaft auf, und Renate bekam es wieder mit der Angst. Wie sie die Leitner-Klinik dann tatsächlich fand, wusste sie später nicht mehr zu sagen, und da kam auch schon ein hochgewachsener Mann, der zu seinem Wagen eilte, der in unmittelbarer Nähe dort stand, wo Renate angehalten hatte.

»Helfen Sie mir«, rief sie, »bitte, ich habe eine werdende Mutter im Wagen. Sagen Sie Bescheid in der Klinik.«

»Ich bin Arzt«, sagte er. Und schon war er bei der stöhnenden Frau. Und so machte Renate Bürger die Bekanntschaft von Dr. Norden. Seinen Namen erfuhr sie gleich. Aber sie wollte auch wissen, was nun mit ihrem Schützling passieren würde. Sie hatte Zeit. Sie war dann sogar froh, dass sie abgelenkt wurde von ihren sehnsüchtigen Gedanken, die sonst ständig bei Tobias gewesen wären.

Dr. Norden hatte jetzt natürlich keine Zeit, sich mit ihr zu unterhalten. Dr. Leitner kam herbeigeeilt, Schwester Marga folgte ihm. Die Fremde wurde auf eine Trage gelegt und zum Operationssaal gefahren. Sie hatte das Bewusstsein verloren.

»Wir bräuchten einige Auskünfte«, wandte sich Dr. Norden jetzt an Renate. »Personalien, behandelnder Arzt, Adresse und so weiter.«

»Ich weiß nichts«, sagte Renate und erzählte rasch, was geschehen war.

»Um ein Haar hätte ich sie überfahren«, sagte sie bebend, »aber ich habe sie nicht mal gestreift. Nein, ich glaube, dass es so ist. Es hat dann niemand gehalten. Was sollte ich tun?«

»Sie haben das Richtige getan«, sagte er.

»Sie wollte zur Leitner-Klinik.«

Er runzelte leicht die Stirn. »Nun, dann wird sie schon mal hier gewesen sein«, sagte er. »Darf ich um Ihre Personalien bitten?«

»Renate Bürger«, antwortete sie geistesabwesend. »Ich habe meinen Mann zum Flughafen gebracht. Er musste eine Auslandsreise antreten. Ich weiß gar nicht, wie ich in diese Gegend gekommen bin.« Sie blickte auf. »Ich bin jetzt froh, dass ich dieser jungen Frau nicht geschadet habe, dass ich ihr helfen konnte. Es wird ihr doch zu helfen sein«, sagte sie monoton.

Das wusste er im Augenblick auch noch nicht, und Dr. Leitner war auch nicht gerade zuversichtlich. Aber er erinnerte sich, diese Frau schon einmal gesehen zu haben. Er wusste nur nicht wann, und an den Namen konnte er sich auch nicht gleich erinnern. Jetzt war auch keine Zeit für Überlegungen. Er musste das Kind auf operativem Weg holen, denn die Herztöne waren schon kaum noch vernehmbar.

*

Renate wartete in der Klinik. Sie brachte es nicht über das Herz, einfach so zu verschwinden. Dr. Norden, den sie außerordentlich sympathisch gefunden hatte, erklärte ihr, dass er leider in seine Praxis zurück müsse. Er hatte nur einen akuten Fall, eine Patientin mit starken Blutungen hergebracht.

Renate dachte jetzt über diese fremde junge Frau nach. Warum mochte sie so schnell aus dem Wagen gesprungen sein, warum war dieser so rasch weitergefahren. Dann kam es ihr in den Sinn, dass nicht ein Mann, sondern eine Frau am Steuer gesessen hatte. Ja, beim Nachdenken wurde es ihr bewusst. Es war ihr unheimlich zumute. Angstvoll klopfte ihr Herz. Sie wusste nicht, wie lange sie schon gewartet hatte, als Schwester Magda aus dem OP kam und sagte: »Das Kind lebt.«

»Und die Mutter?«, fragte Renate leise.

»Wir denken schon, dass sie auch am Leben bleibt. Aber jetzt ist ihr Zustand noch kritisch. Es war der achte Monat, aber der Junge ist ganz gut entwickelt. Unser Doktor hätte gern mit Ihnen gesprochen. Es ist sehr nett, dass Sie gewartet haben.«

»Es hätte schlimm ausgehen können«, stammelte Renate. »Gut, dass ich so langsam gefahren bin. Mein Gott, es ist nicht auszudenken …«

»Kommen Sie, trinken Sie einen Schluck«, sagte Schwester Magda fürsorglich.

Der Kaffee tat Renate gut. Ihr Gesicht bekam wieder Farbe. Dann kam Dr. Leitner und nahm sie mit in sein Zimmer. Er bat sie, ihm den Hergang nochmals zu schildern, und nun war Renate schon in der Lage, ihm ruhiger antworten zu können.

»Es war ein gelber Wagen, und eine Frau saß am Steuer«, sagte sie. »Ja, ich bin überzeugt, dass es eine Frau war. Sie hatte langes blondes Haar.«

»Auch Männer tragen das Haar lang, manchmal noch, wenn es auch wieder aus der Mode kommt«, sagte Dr. Leitner mit ruhiger Stimme. »Mir ist der Name der Patientin eingefallen, Frau Bürger. Sie war vor einigen Monaten hier. Ihnen war sie also nicht bekannt?«

»Aber nein. Sind Sie misstrauisch?«

»Nein, ich nicht, aber in diesem Fall könnten Ihnen auch unbequeme Fragen gestellt werden.«

»Inwiefern?«

»Man springt doch nicht aus einem Auto, das erst kurz angehalten hat, wenn man im achten Monat schwanger ist. Es sieht sehr nach Flucht aus.«

»Ja, so sah es allerdings aus«, erwiderte Renate nachdenklich. »Momentan war ich geschockt, aber ich hatte Zeit, alles zu überdenken.«

»Das Autokennzeichen haben Sie sich wohl nicht gemerkt?«, fragte er.

»Nein, dazu ging alles zu schnell. Ich bin froh, dass ich die Frau nicht überrollt habe. Mein Gott, das wäre doch entsetzlich gewesen. Was ist mit dieser Frau?«

»Sie heißt Stefanie Klee. Ich habe inzwischen festgestellt, dass sie bei mir im zweiten Monat der Schwangerschaft war. Sie war sehr deprimiert, als ich ihr bestätigte, dass sie schwanger sei. Sie fragte mich, ob hier die Möglichkeit bestünde, ein neugeborenes Kind zur Adoption freizugeben. Ich sagte ihr, dass dies immer möglich sei. Dann kam sie allerdings nicht mehr. Ich sah sie heute wieder. Sie haben nicht die Absicht, das Kind zu adoptieren?«, fragte er dann sehr direkt.

Fast entsetzt blickte ihn Renate an. »Aber nein, ich bin jung verheiratet. Wir wollen selbst Kinder haben. Aber erst, wenn unsere Existenz gesichert ist, wenn wir einem Kind auch alles bieten können.«

Diese jungen Leute, dachte Dr. Leitner. Alles wollten sie perfekt haben. Erst eine perfekt eingerichtete Wohnung, ein Auto, dann alles für das Kind, das eingeplant wurde in den Ablauf. Aber irgendetwas an Renate bestimmte ihn doch zu der Überzeugung, dass sie auch Gefühl hatte. Sie hatte einer fremden Frau geholfen, ihr das Leben gerettet, und nun sagte Renate auch noch: »Ich habe zwar nicht viel Geld, aber wenn ich dieser jungen Frau irgendwie helfen kann, tue ich es gern.«

»Jetzt werden wir ihr erst mal zum Überleben helfen«, sagte Dr. Leitner.

»Darf ich sie besuchen und mich nach ihrem Befinden erkundigen?«, fragte Renate.

Er sah sie nachdenklich an. »Wenn Sie ihr wirklich helfen wollen, könnten Sie noch etwas tun. Sie gab uns damals eine Adresse an. Ob sie stimmt, weiß ich nicht. In diesem Fall möchte ich nicht die Polizei einschalten, obgleich das angebracht wäre nach diesem mysteriösen Vorgang. Aber wenn eine unbeteiligte Person sich erkundigt, wäre es schon eher festzustellen, ob sie wirklich Stefanie Klee heißt und die Adresse, die sie angab, stimmt. Sie sind etwa in einem Alter mit ihr. Sie könnten sich als eine Freundin ausgeben. Die Wohnung liegt etwa fünfzehn Kilometer entfernt, aber da Sie einen Wagen haben, wäre sie schnell zu erreichen. Eigentlich dürfte ich dies alles nicht sagen, aber es geht um ein junges Leben, Frau Bürger.«

»Sie können sich darauf verlassen, dass ich schweige«, sagte Renate. »Ich möchte selbst wissen, wie es zu diesem dramatischen Zwischenfall kam. Ich möchte, dass sie lebt. Ich hatte in meinem Leben noch nie so viel Angst. Und wenn ich auch daran denke, was mir hätte passieren können, wenn ich sie überfahren hätte – mit dem Wagen meines Mannes dazu, und er ist auf dem Weg nach Japan. Er muss doch jetzt auf sein Prestige bedacht sein.«

Erst viel später sollte sie sich dar­über klar werden, welche Gedanken ihr da in den Sinn gekommen waren. Sie bekam von Dr. Leitner einen Zettel mit einer Adresse und erfuhr auch, wie sie am besten dort hingelangen könnte.

»Ich sage Ihnen Bescheid, Herr Dr. Leitner. Hoffentlich kann ich etwas in Erfahrung bringen.«

*

Renate musste lange suchen, bis sie das kleine Häuschen fand, das zwar der Adresse nach noch zur Fichtenstraße gehörte, aber zu dieser keineswegs passte, denn da standen nur moderne Neubauten, und dieses kleine Haus mit den grünen Fensterläden schien vergessen worden zu sein vom Fortschritt. Es war zwar frisch getüncht und das Gärtchen war sehr gepflegt, aber irgendwie kam Renate es so vor, als gehöre es nicht zu den andern, und vielleicht war es dieser Stefanie Klee auch so ergangen. Unwillkürlich kam Renate auch dieser Gedanke, denn an der Gartentür stand der Name Klee.

Sie läutete. Eine schlicht gekleidete Frau mit blauer Schürze, mittleren Alters mochte sie sein, aber schwer einzuschätzen, kam heraus. Renate blickte in ein rundes Gesicht. Sie hatte sich alles zurechtgelegt, was sie sagen wollte, aber ihre Stimme wollte ihr dann doch nicht so recht gehorchen.

»Sie wünschen?«, fragte die Frau leise.

»Spreche ich mit Frau Klee?«, fragte Renate. Die Ältere nickte. »Ich wollte mich mal nach Stefanie erkundigen«, sagte Renate. »Ich habe so lange nichts von ihr gehört.«

»Woher kennen Sie meine Tochter?«, fragte Frau Klee.

»Vom Geschäft her«, erwiderte Renate ausweichend. Sie hatte zwar keine Ahnung, wo Stefanie gearbeitet haben mochte, aber irgendwo würde sie schon gearbeitet haben, meinte sie.

»Stefanie wohnt schon einige Monate nicht mehr hier«, sagte Frau Klee. »Und wenn der Mallnitz Sie schickt, gebe ich gar keine Auskunft.«

»Ich weiß nichts von einem Mallnitz«, sagte Renate, und das stimmte ja. »Ich habe mich gut verstanden mit Stefanie, aber ich habe eben auch lange nichts mehr von ihr gehört.«

»Wenn ich nur wüsste, wo sie steckt«, sagte Frau Klee. »Wenn es mir nur jemand sagen könnte. Mein Mann bereut es ja schon lange, dass er sie aus dem Haus gewiesen hat.«

Die Tränen standen ihr in den Augen und saßen ihr in der Kehle. So wagte Renate intuitiv einen weiteren Vorstoß.

»Wegen des Babys?«, fragte sie leise.

»Davon wissen Sie?«, fragte Frau Klee.

»Ja, das war das Letzte, was ich von Stefanie gehört habe. Können wir nicht offen sprechen, Frau Klee? Ich möchte Stefanie gern helfen.«

»Das wollen wir doch auch«, schluchzte Frau Klee auf. »Wenn wir nur wüssten, wo sie ist.«

Fast hätte es Renate verraten, aber dann ging es ihr durch den Sinn, dass sie kaum noch etwas über die Hintergründe erfahren hätte, und sie dachte auch daran, dass Stefanies Leben immer noch an einem hauchdünnen Faden hing.

In ihrem Beruf als Telefonistin hatte sie manches erfahren, was nicht für ihre Ohren bestimmt war. Sie hatte Beherrschung und Diskretion gelernt.

»Würden Sie mir sagen, was passiert ist?«, fragte sie. »Vielleicht bringe ich heraus, wo Stefanie sich aufhält, aber dann könnte ich ihr am besten helfen, wenn ich weiß, was sie in Schwierigkeiten gebracht hat.«

»Der junge Mallnitz natürlich«, stieß Frau Klee hervor. »Wir haben doch gleich gewusst, dass das nicht gut gehen kann. Die bilden sich doch Gott weiß was ein, seit sie zu Geld gekommen sind. Da war Stefanie nicht mehr gut genug für den Klaus. Aber sie haben es ja auch geschafft, dass er auf und davon ist, vielleicht sogar mit Stefanie.«

»Klaus Mallnitz?«, fragte Renate staunend, denn den Namen hatte sie schon einmal gehört. Mallnitz, das war ein Zuliefererbetrieb für die Fabrik, in der sie beschäftigt war. Persönlich hatte sie zwar nie etwas mit Mallnitz zu tun gehabt, aber Gespräche mit ihm hatte sie oft vermittelt.

»Sie meinen die Weberei Mallnitz?«, fragte sie gedankenvoll.

»Tuchfabrik nennen sie sich jetzt«, sagte Frau Klee. »Ich muss vorsichtig sein. Mein Mann darf nicht hören, dass ich darüber rede. Er ist nämlich wieder sehr krank.«

»Könnten wir uns anderswo unterhalten, Frau Klee?«, fragte Renate.

»Nein, das geht nicht. Ich kann ihn nicht allein lassen. Aber wir könnten in den Garten gehen.«

Und das taten sie. Sie setzten sich auf eine Bank unter einen Apfelbaum.

»Wenn mein Mann ruft, muss ich aber ins Haus«, sagte Frau Klee. »Ich bin ja froh, wenn ich mit jemandem sprechen kann, der meine Stefanie kennt. Sehen Sie, es war so, dass wir zuerst gar nicht gewusst haben, warum sie die Stellung im Kaufhaus aufgegeben hat und zu Mallnitz ging. Aber dann ist die Frau Mallnitz mal zu mir gekommen und hat gesagt, dass sie es nicht wollen, dass ihr Sohn mit Stefanie geht. Klaus könnte eine andere Partie machen. Zuerst haben sie nämlich in einem Haus gewohnt, das nicht viel größer war als unseres, aber als sie dann im Lotto gewonnen haben, haben sie sich einen Bungalow bauen lassen, und dann hatten sie eine Fabrik und keine Werkstatt mehr. Wie das eben so ist, wenn man plötzlich reich wird. Aber heimlich hat sich Stefanie dann wohl immer noch mit Klaus getroffen. Es konnte wirklich kein sehr gutes Ende nehmen. Sie kam dann ja auch daher und sagte, dass sie ein Kind bekommen würde.«

»Wie lange ist das her?«, fragte Renate.

»So an die sieben Monate. Da hat mein Mann natürlich gleich gefragt, wer der Vater ist, und sie hat es nicht sagen wollen, aber es kann ja nur der Klaus gewesen sein. Stefanie hat doch keinen andern gehabt. Da gab es dann den Krach, und mein Mann hat gesagt, dass sie gehen soll, und sie ist gegangen. Seitdem haben wir nichts mehr von ihr gehört.«

»Und auch nicht nach ihr geforscht?«, fragte Renate.

»Wo denn? Der Klaus ist doch dann auch verschwunden. Das habe ich erfahren. Man hört ja, was die Leute reden, und weit wohnen die Mallnitzens nicht.«