Overlord – Light Novel, Band 06 - Kugane Maruyama - E-Book

Overlord – Light Novel, Band 06 E-Book

Kugane Maruyama

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Beschreibung

Im Königreich Re-Estize beherrscht die finstere Organisation »Acht Finger« die kriminelle Unterwelt. Doch in letzter Zeit hat sie einige Rückschläge erlitten und so ihre mächtigste Kampftruppe, die »Sechs Arme«, in Bewegung gesetzt. Um die Prinzessin und das Land zu schützen, treten ihnen die »Blauen Rosen«, Abenteurer des Adamantit-Ranges, entgegen. Inmitten dieser entscheidenden Schlacht regt sich der geheimnisvolle Dämon Jaldabaoth. In den heftigen Konflikt verwickelt, wird die königliche Hauptstadt von seltsamen Flammen eingehüllt.

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Seitenzahl: 455

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Kapitel 6: Unruhe in der königlichen Hauptstadt: Einleitung

 

 

 

1

 

 

 

3 später Flammenmond (September), 17:44 Uhr

 

Die Tür des Salons öffnete sich langsam.

Sie war gut geölt und hätte sich mühelos aufschieben lassen sollen, dennoch bewegte sie sich nur träge und schwergängig, als würde sie gegen etwas ankämpfen. Bei der Geschwindigkeit hätte man meinen können, dass sie Sebas Tians Gedanken las.

Sollte die Tür wirklich wissen, was in diesem Augenblick in ihm vorging, so wäre es ihm lieber gewesen, sie hätte sich überhaupt nicht geöffnet, stattdessen gab sie allerdings den Weg in den Salon frei.

Der Raum war genau wie immer, von den vier Heteromorphen, die dort auf ihn warteten, konnte man das nicht behaupten.

Einer ähnelte einem eisblauen Samurai. Seine eisige Aura war deaktiviert, während er mit einer silbernen Hellebarde in der Hand strammstand.

Ein anderer war ein Dämon. Welche Gedanken verbarg er wohl hinter seiner sarkastischen Miene?

Und in den Armen des Dämons lag ein Engel, der wie ein Fötus wirkte, dessen Flügel an vertrocknete Äste erinnerten.

Zu guter Letzt …

»Ich bitte ehrfürchtig, meine Verspätung zu entschuldigen.«

Während er seine Stimme mit reiner Willenskraft zur Ruhe zwang, verneigte sich Sebas mit fast schon religiöser Ehrerbietung in Richtung des einzigen sitzenden Wesens im Raum – als Haushofmeister und Butler bekleidete er unter seinen Kollegen eine der höchsten Positionen, doch das Wesen, das in ihm gleichzeitig Schrecken und Ehrfurcht weckte, gehörte zu den Absoluten, den einundvierzig Erhabenen Wesen.

Ainz Ooal Gown.

 

Er war der Herrscher der Großen Gruft von Nazarick, der über uneingeschränkte Macht gebot. Der Stab von Ainz Ooal Gown in seiner Hand verströmte eine schwarze Aura.

In seinen leeren Augenhöhlen glomm ein rötlicher Schimmer. Sein Blick musterte Sebas Tian von Kopf bis Fuß – obwohl er den Kopf gesenkt hielt, spürte er es.

Die Bewegung der Luft verriet ihm, dass Ainz ungeduldig wurde und theatralisch abwinkte.

»Schon in Ordnung. Mach dir deswegen keine Gedanken, Sebas. Ist ja auch meine eigene Schuld, dass ich unangekündigt aufkreuze. Wichtiger ist, solange du da drüben verneigt herumstehst, kommen wir nicht weiter. Rein mit dir.«

»Mein Gebieter!« Als Antwort auf die würdevolle Stimme hob Sebas Tian den Kopf und trat bedächtigen Schrittes ein – und augenblicklich lief es ihm kalt den Rücken hinunter. Seine scharfen Sinne spürten meisterhaft verborgene Feindseligkeit und Mordlust.

Langsam ließ er den Blick wandern. Die beiden Ebenenwächter in seinem Sichtfeld schienen ihn nicht weiter zu beachten – zumindest wäre das der Eindruck, den ein Unbeteiligter bekäme.

Sebas hingegen durchschaute die Situation.

Die herrschende Anspannung war alles andere als freundschaftlich. Tatsächlich stellte sie das genaue Gegenteil dar. Diese Art von Wachsamkeit fand man für gewöhnlich nicht unter Verbündeten.

Er verstand ihre Vorsicht und der Druck, den diese bei ihm auslöste, weckte in ihm die Frage, ob jeder der Anwesenden seinen wilden Herzschlag hören konnte.

»Ich denke, du solltest genau dort stehen bleiben.« Demiurges kalte Stimme ließ Sebas Tian abrupt anhalten.

Demiurge deutete auf eine Stelle, die ein wenig abseits ihres Gebieters lag. Natürlich nicht so weit entfernt, dass eine Unterhaltung dadurch erschwert würde, zudem war sie für eine Audienz mit einem Ranghöheren angemessen. Aber für gewöhnlich merkte Ainz an, Sebas sei zu weit entfernt, und forderte ihn auf, ein Stück näher zu kommen. Sein Schweigen in dieser Situation schuf eine Kluft, die breiter wirkte als der tatsächliche Abstand zwischen ihnen, und das bereitete ihm große Sorgen.

Darüber hinaus handelte es sich um die optimale Entfernung für einen Angriff durch Cocytus, was ihn nur noch nervöser machte.

Zusammen mit Sebas Tian hatte auch Solution den Raum betreten, allerdings stand sie jetzt direkt neben der Tür.

»Nun denn …« Ainz knackte mit den Knöcheln, obwohl nicht ganz klar war, wie er das anstellte, da seine Finger aus fleischlosen Knochen bestanden. »Als Erstes frage ich dich, ob ich erklären muss, warum ich hier bin.«

Dafür konnte es nur einen Grund geben. Allein die Umstände machten das deutlich.

»Nein, das ist unnötig.«

»Dann würde ich es gerne von dir persönlich hören, Sebas. Ich habe diesbezüglich keinen Bericht erhalten, aber wie es aussieht, hast du dir vor Kurzem ein Schoßhündchen zugelegt. Stimmt das?«

Ich wusste es.

Sebas fühlte sich, als hätte ihm jemand einen Eiszapfen in den Rücken gerammt. Gleich darauf bemerkte er, dass er seinem Herren nicht geantwortet hatte, und beeilte sich, das nachzuholen. »Ja, mein Gebieter!«

»Du hast nicht sofort geantwortet, Sebas. Ich frage dich erneut: Stimmt es, dass du ein niedliches kleines Schoßhündchen aufgelesen hast und dich nun darum kümmerst?«

»Ja, das stimmt!«

»Gut. Dann will ich Folgendes wissen. Warum hast du das nicht gemeldet?«

»Nun …« Während er zu Boden starrte, zitterten Sebas Tians Schultern ein wenig. Was kann ich sagen, um das Schlimmste zu vermeiden?

Sebas stand schweigend da, während Ainz ihn beobachtete und sich langsam in seinem Sessel zurücklehnte. Außer dem damit verbundenen unnatürlich lauten Quietschen war nichts zu hören. »Was ist los, Sebas? Sieht so aus, als würdest du wie ein Schwein schwitzen. Wenn du ein Taschentuch brauchst, kann ich dir gerne eines leihen …« Mit einer übertrieben ausholenden Geste zauberte Ainz von irgendwoher ein schneeweißes Taschentuch hervor, das er zwischen Daumen und Zeigefinger hielt. Gleichgültig warf er es in Sebas Tians Richtung. Das Tuch öffnete sich, flatterte über den Schreibtisch hinweg und fiel sanft zu Boden.

»Ich gestatte dir, es zu benutzen.«

»Vielen Dank mein Gebieter.« Sebas trat einen einzelnen Schritt vor, nahm das Stofftuch an sich. Dann zögerte er.

»Keine Bange, da klebt nicht das Blut deines Schoßhundes dran oder so. Ich ertrage es nur nicht, dich so verschwitzt zu sehen.«

»Oh … Verzeiht mein ungebührliches Aussehen.« Sebas Tian entfaltete das Taschentuch, um sich die ölige Feuchtigkeit von der Stirn zu wischen. Der Stoff saugte mehr als erwartet auf und verfärbte sich dunkel.

»Nun denn, Sebas. Ich habe dich mit dem Befehl in die königliche Hauptstadt geschickt, dir ein umfassendes Bild von allem zu machen, und diese Beobachtungen an Nazarick weiterzuleiten. Das habe ich getan, weil es ohne entsprechendes Wissen schwierig ist, die wertvollen Informationen vom Müll zu trennen. Und in all den von dir eingereichten Dokumenten hast du bisher sogar so Kleinigkeiten wie Gerüchte erwähnt, die dir auf der Straße zu Ohren gekommen sind, richtig?«

»Ja, das ist korrekt.«

»Also, Demiurge, nur zur Bestätigung, was hast du zu sagen? Ich habe dir Sebas’ Dokumente gegeben, um einen Blick darauf zu werfen, oder? Hat er irgendwo sein Schoßhündchen erwähnt?«

»Nein, Lord Ainz. Ich habe sie mehrmals gelesen, konnte darin allerdings nicht den geringsten Hinweis darauf entdecken.«

»Verstehe. Also, Sebas. Unter Berücksichtigung dieser Tatsachen frage ich dich noch mal: Warum hast du nichts davon erwähnt? Ich will wissen, warum du meine Befehle ignoriert hast. Waren die Worte von Ainz Ooal Gown es nicht wert, von dir befolgt zu werden?«

Die Frage erschütterte den Raum wie eine geräuschlose Explosion.

Sebas Tian beeilte sich verzweifelt zu antworten. »Natürlich waren sie das, mein Gebieter. Ich dachte nur nicht, dass die Angelegenheit eine Erwähnung wert wäre.«

Schweigen breitete sich aus.

Sebas fühlte sich, als würden sich die blutrünstigen Blicke von vier Wesen in ihn bohren. Sie stammten von Cocytus, Demiurge, dem Engel in Demiurges Armen und Solution, die ihn auf Befehl ihres Herren, ohne zu zögern, angreifen würde.

Sebas Tian fürchtete den Tod nicht unbedingt. Er würde sich mit dem größten Vergnügen für Nazarick opfern. Doch der Gedanke, als Verräter zu sterben, ließ sogar den hart gesottenen Butler schaudern. Als Schöpfung eines der Einundvierzig Erhabenen Wesen wusste er, es gab keine größere Schmach, als wegen Hochverrats hingerichtet zu werden.

Sebas stand erneut der Schweiß auf der Stirn, als Ainz endlich wieder das Wort ergriff. »Du sagst also … es war nichts weiter als eine leichtfertig getroffene Entscheidung deinerseits?«

»Ja, genau wie Ihr sagt, Lord Ainz. Bitte vergebt mir meinen dummen Fehler!«

»Hmm … ich verstehe.«

Sebas Tian hörte Ainz’ emotionslose Stimme mit weiterhin entschuldigend gesenktem Kopf. Da er noch lebte, hatte sich die Stimmung gebessert, wenn auch nur geringfügig. Doch er kam nicht dazu, sich zu entspannen – da Ainz kurz darauf etwas sagte, das Sebas das Herz bis um Hals schlagen ließ.

»Solution, hole Sebas’ Schoßhündchen her.«

»Zu Befehl.«

Solution verließ den Raum, schloss die Tür leise hinter sich. Sebas Tians scharfe Sinne spürten, wie sie sich entfernte.

Er schluckte schwer.

Es waren vier Heteromorphe anwesend: Ainz, Cocytus, Demiurge und der eigenartige Engel. Demiurge sah nicht unbedingt wie ein Heteromorph aus, bei den anderen hingegen war dies auf den ersten Blick erkennbar.

Verbergen sie ihre Gestalt nicht, weil es kein Problem darstellt, wenn sie sie sieht?

Sollte ein Mitglied der Großen Gruft von Nazarick beschließen, jemanden zum Schweigen zu bringen, geschah das immer mit dem Tod.

Ich hätte sie gehen lassen sollen.

Im Geiste schüttelte Sebas Tian den Kopf. Für derartige Gedanken war es nun zu spät.

Es dauerte nicht lange, bis er zwei Präsenzen wahrnahm, die sich dem Raum näherten.

Was soll ich tun?

Er verlagerte seine Konzentration, starrte ins Leere. Sobald sie den Raum betrat, musste er eine Entscheidung treffen – und es gab nur eine einzige Option. Er spähte zu Demiurge hinüber, der ihn weiterhin beobachtete, dann zu Ainz. Hilflos ließ er den Blick sinken. Es klopfte an der Tür, dann wurde sie geöffnet. Ganz wie erwartet erschienen zwei Frauen – Solution und Tsuare.

»Das ist sie.«

Obwohl er sie nicht ansah, hörte er, wie ihr beim Eintreten kurz der Atem stockte. War sie von Demiurges Aussehen eines leibhaftigen Teufels verblüfft? Bebte sie beim Anblick des riesigen hellblauen Insektes Cocytus vor Angst? Fürchtete sie sich vor dem verstörenden Engel? Oder starrte sie Ainz ehrfürchtig an, der den Tod selbst verkörperte? Empfand sie all diese Dinge vielleicht sogar gleichzeitig?

Das Erscheinen des Menschen ließ das Missfallen der Wächter auflodern. Gewissermaßen war Tsuare das fleischgewordene Symbol für Sebas Tians Vergehen. Die ihr entgegenbrandende Feindseligkeit ließ sie zittern.

Die Abneigung der Absoluten dieser Welt, der Wächter Nazaricks, hatte bereits viele geringere Wesen in Furcht und Schrecken versetzt. Es war erstaunlich, dass sie nicht in Tränen ausbrach.

Sebas drehte sich nicht um, dennoch spürte er Tsuares Blick auf seinem Rücken. Anders ausgedrückt, sie schöpfte aus seiner Anwesenheit Mut.

»Demiurge, Cocytus, hört auf. Nehmt euch ein Beispiel an Victim«, forderte Ainz leise und die Atmosphäre im Raum schlug um. Nun, der einzige Unterschied war das Verschwinden des gegen Tsuare gerichteten Hasses. Nach der Zurechtweisung der beiden Wächter hob Ainz langsam die linke Hand in Richtung des Mädchens. Dann drehte er die Handfläche zur Decke, winkte sie gelassen näher. »Komm herein, Tsuare, Sebas’ menschliches Schoßhündchen.«

Als würden seine Worte sie dazu zwingen, machte sie einen stockenden Schritt in den Raum hinein, dann einen weiteren.

»Da du nicht wegläufst, musst du mutig sein. Oder hat dir Solution verraten … dass Sebas’ Schicksal auf deinen Schultern lastet?«

Die nach wie vor zitternde Tsuare antwortete nicht. Sebas Tian spürte, wie ihr Blick auf seinen Rücken angespannter wurde. Das vermittelte ihre Gedanken deutlicher, als Worte es vermocht hätten.

Da sie sich nun bei ihnen im Raum befand, trat Tsuare, ohne zu zögern, an Sebas’ Seite. Cocytus begab sich langsam hinter sie.

Sie packte den Saum von Sebas Tians Jacke. Das erinnerte ihn plötzlich an ihre erste Begegnung in der Gasse, als sie seine Hose gepackt hatte. Gleichzeitig überkam ihn Bedauern – wäre er intelligenter vorgegangen, würde nichts hiervon passieren.

Demiurge starrte Tsuare kalt an. »Auf die Knie …«

Ein Fingerschnippen.

Demiurge gehorchte seinem Herren augenblicklich und hielt den Mund.

»Schon gut. Alles in Ordnung, Demiurge. Ich bewundere ihren Mut, nicht vor mir zu flüchten, und verzeihe ihre Ungezogenheit.«

»Mein Fehler, mein Gebieter.«

Ainz nahm die Entschuldigung mit einem wohlwollenden Nicken an. »Ah.« Während er sich zurücklehnte, knarrte der Sessel. »Lass mich dir als Erstes meinen Namen verraten. Ich bin Ainz Ooal Gown – Sebas’ Gebieter.«

Das stimmte.

Ainz Ooal Gown – eines der Einundvierzig Erhabenen Wesen – hatte die absolute Gewalt über Sebas Tian; dazu gehörte auch, ob er lebte oder starb.

Dergleichen von seinem uneingeschränkten Herrscher zu hören stellte die größte Wonne dar, die man sich vorstellen konnte. Doch aus irgendeinem Grund empfand Sebas nicht die Zufriedenheit, die er erwartet hätte; tatsächlich spürte er so wenig, dass er besorgt erschauderte. Das lag nicht an Tsuares Anwesenheit. Einen Moment lang hatte er praktisch vergessen, dass sie überhaupt da war. Es gibt einen anderen …

Während diese Gedanken durch seinen Verstand wirbelten, ging die Unterhaltung weiter.

»Oh, i…ich …«

»Mach dir keine Gedanken, Tsuare. Ich weiß ein wenig über dich. Und an mehr bin ich auch nicht interessiert. Du kannst einfach ruhig sein und da stehen bleiben. Du wirst bald verstehen, warum ich dich kommen ließ.«

»I…in Ordnung.«

»Nun denn …« Das Glimmen in den leeren Augenhöhlen veränderte sich. »Sebas, ich möchte dich etwas fragen. Ich habe dir befohlen, bei deinem Auftrag keine Aufmerksamkeit auf dich zu ziehen, oder etwa nicht?«

»Das habt Ihr, mein Gebieter.«

»Stattdessen hast du wegen dieser wertlosen Frau allerlei Problemen Tür und Tor geöffnet. Irre ich mich da?«

Bei dem Wort wertlos zuckte Tsuare zusammen, doch Sebas Tian antwortete, ohne darauf zu achten. »Das tut Ihr nicht, mein Gebieter.«

»Du warst nicht der Ansicht, dass du meine Befehle damit ignorierst?«

»Ich bedaure zutiefst, dass mein unüberlegtes Handeln Eure Unzufriedenheit erregt hat, Lord Ainz. Ich werde dafür sorgen, dass so etwas nicht noch einmal vork…«

»In Ordnung.«

»Häh?«

»Ich sagte: ›In Ordnung.‹« Ainz änderte seine Haltung, der Sessel ächzte erneut. »Jeder macht Fehler. Sebas, ich verzeihe dir deinen dummen Fehltritt.«

»Ich danke Euch untertänigst, Gebieter.«

»Wie dem auch sei, Fehler müssen gesühnt werden. Mit dem Tod. Also los.«

Die Anspannung im Raum verstärkte sich abrupt; es schien, als würde die Temperatur um ein paar Grad fallen. Nein, das stimmte nicht. Das galt nur für Sebas Tian. Die anderen Mitglieder Nazaricks waren nicht davon betroffen.

Er schluckte.

Wen sollte er töten? Die Frage erübrigte sich. Doch auch wenn er die Antwort kannte, drängte das Verlangen, sich zu irren, ihn dazu, dennoch nachzufragen – selbst wenn er es nicht wollte. »Was meint … Ihr, mein Gebieter …?«

»Hm … Ich meine, wenn du den Ursprung deines Fehlers auslöschst, können wir einfach sagen, dass es nie geschehen ist. Wenn der Grund für dein Fehlverhalten bestehen bleibt, würde das als falsches Signal für die anderen dienen, denkst du nicht? Du bist Nazaricks Butler – du solltest die Kontrolle haben. Darum können wir die Dinge ja wohl kaum so belassen, wie sie sind.«

Sebas Tian schluckte, bevor er tief einatmete. Seine Atmung war sonst stets ruhig, selbst im Angesicht eines mächtigen Feindes, doch nun japste er wie ein kleines Tier, das einem Raubtier gegenüberstand.

»Sebas. Bist du ein Hund, der m… den Einundvierzig Erhabenen Wesen gehorcht? Oder handelst du nach eigenem Ermessen?«

»I…«

»Du musst nicht antworten. Zeige es mir.«

Einen Moment lang schloss Sebas Tian die Augen.

Er zögerte einen Sekundenbruchteil lang. Nein, eine Ewigkeit, die andere einen Sekundenbruchteil genannt hätten. Lange genug, dass Cocytus, Demiurge und Solution – fanatische Anhänger der Erhabenen Wesen – ihr Missfallen kundtaten.

Dann – endlich – entschied er sich.

Sebas Tian war der Butler von Nazarick.

Sonst nichts.

Seine törichte Unentschlossenheit hatte zu diesem Moment geführt. Hätte er um Erlaubnis gebeten, wäre es nie dazu gekommen.

Es war einzig und alleine seine Schuld.

In seine Augen trat ein harter Schimmer – der Glanz von Stahl. Dann drehte er sich zu Tsuare um. Sie ließ seine Jacke los. Ihre Finger verweilten einen Moment lang in der Luft, bevor ihre Hand hilflos herabsank. Sie musste seine Miene gesehen haben, seine Entscheidung.

Lächelnd schloss sie die Augen. In ihrem Gesicht waren weder Verzweiflung noch Angst zu erkennen. Sie wusste, was geschehen würde, und akzeptierte ihr Schicksal. Ihr Gesicht war das einer Märtyrerin.

Sebas Tian bewegte sich genauso gelassen. Sein Herz schlug bereits wieder so ruhig und gleichmäßig wie immer.

Dort stand ein Diener, der Nazarick voll und ganz ergeben war. Für einen loyalen Untertan gab es keinen Grund, den Befehl seines Herren nicht zu befolgen. Er befreite sich von seinem Zögern. Es blieb nichts außer inniger Ergebenheit.

Seine fest geschlossene Faust raste mit einer Geschwindigkeit auf Tsuares Kopf zu, die einen sofortigen, gnädigen Tod versprach.

Und dann …

 

… wurde sie von etwas Hartem aufgehalten.

»Was soll das …? Warum behinderst du mich?«

»NGH …«

 

Sebas Schlag, der Tsuares Kopf hätte zertrümmern sollen, war abgefangen worden.

Cocytus hatte an Tsuares Kopf vorbei gegriffen, um die Faust aufzuhalten. Die Augen des Mädchens waren nach wie vor geschlossen.

Wenn er einen Schlag abwehrt, den ein Erhabenes Wesen befohlen hat, bedeutet das, er rebelliert?

Doch Sebas Tians Frage wurde sofort beantwortet.

»Tritt zurück, Sebas.«

Obwohl er höchst irritiert und von Verwirrung erfüllt war, hatte er den Arm bereits gehoben, um ein weiteres Mal zuzuschlagen, bis er Ainz hörte. Augenblicklich entspannte er sich. Es war keine an Cocytus gerichtete Zurechtweisung, sondern ein Befehl an Sebas, nicht weiterzumachen. Daraus ließ sich schließen, es war von vornherein vorgesehen gewesen, dass Cocytus den Schlag abwehrte.

Das alles war ein Plan gewesen, um Sebas Tian auf die Probe zu stellen.

Tsuare öffnete die Augen einen Spalt weit und schien zu begreifen, wie knapp sie dem Tod entgangen war. Sobald ihr Leben nicht länger in Gefahr war, riss die Anspannung wie eine Leine, woraufhin sie mit Tränen in den Augen anfing zu beben. Ihre Beine zitterten dermaßen, dass die Gefahr bestand, sie könnte zu Boden stürzen, doch Sebas trat nicht vor, um sie zu stützen. Oder besser gesagt, er konnte nicht.

Was könnte er jetzt noch tun? Er hatte sie im Stich gelassen.

Ohne auf Tsuares Angst zu achten, fingen Ainz und Cocytus an, sich zu unterhalten.

»Cocytus, hätte der Angriff die Frau getötet?«

»OHNE JEDEN ZWEIFEL. DIESER SCHLAG HÄTTE ZUM SOFORTIGEN TOD GEFÜHRT.«

»Dann lautet mein Urteil hiermit, dass Sebas’ Loyalität über jeden Zweifel erhaben ist. Gut gemacht, Sebas.«

»Mein Gebieter!« Sebas neigte mit harter Miene den Kopf.

»Demiurge, irgendwelche Einwände?«

»Keine, mein Gebieter.«

»Cocytus?«

»KEINE, MEIN GEBIETER.«

»Victim?«

»Pfirsich-Ton-Scharlach-Traube-Braun-Asche. <Keine, mein Gebieter.>«

»Okay, dann zum nächsten Diskussionspunkt.« Mit einem Fingerschnippen stand Ainz auf und breitete die Arme aus. Seine Robe bauschte sich. »Ich denke, dank Sebas’ und Solutions Arbeit verfügen wir nun über genug Informationen. Es gibt keinen Grund, noch länger hierzubleiben. Ich befehle, dass ihr das Herrenhaus mit sofortiger Wirkung verlasst und nach Nazarick zurückkehrt. Sebas, du bist für das weitere Schicksal dieser Frau verantwortlich. Da es keinen Zweifel an deiner Loyalität gibt, würde ich dir am liebsten sagen, dass ich dir keine Vorschriften mache, was du mit ihr tun sollst, allerdings sollten wir uns darüber Gedanken machen, bevor wir sie gehen lassen. Stimmst du mir zu, dass es zu Problemen führen könnte, sollte sie irgendwem von Nazarick erzählen, Demiurge?«

»Das tue ich in der Tat. Solange wir es mit unbekannten Feinden zu tun haben, sollten wir vermeiden, dass sich Informationen über uns verbreiten.«

»Was sollten wir demnach unternehmen?«

»Möglicherweise sollten wir ein paar Dinge überprüfen.«

»Stimmt. Sebas, warte noch eine Weile, bevor du Tsuare beseitigst. Ich glaube nicht, dass du sie töten musst, aber mit Sicherheit kann ich das noch nicht sagen.«

Sebas Tian konnte seine Überraschung darüber, dass nicht einmal Ainz, der oberste Herrscher von Nazarick, eine sofortige Entscheidung in Bezug auf Tsuares Schicksal treffen konnte und diese vorläufig offen ließ, nicht verbergen. »Lord Ainz, ist mein Fehler der Grund für unseren Rückzug aus diesem Herrenhaus … aus der königlichen Hauptstadt?«

»Irgendwie schon, aber nicht wirklich. Wie schon gesagt, ich denke, wir haben hier fast alles in Erfahrung gebracht, was wir herausfinden können. Länger hierzubleiben wird uns nicht viel nützen. Ich glaube, es ist sicherer, wenn wir abrücken. Demiurge, ich bringe Victim zurück. Gib ihn her.«

Nachdem er den Babyengel von Demiurge entgegengenommen hatte, wirkte Ainz einen Zauber. »Greater Teleportation!« Gleichzeitig vollführte er mit seinem Umhang eine ausschweifende Bewegung. Dann verschwand er in einer rabenschwarzen Kugel, die augenblicklich in sich selbst zusammenfiel.

Sebas war von der eigenartig theatralischen und so bisher nie vorgekommenen Abreise kurz verblüfft, fing sich jedoch schnell wieder. »Nun, sie macht einen müden Eindruck, ich werde ihr also gestatten, sich in ihrem Zimmer etwas auszuruhen. Es ist doch kein Problem, wenn ich sie hinbringe, oder, Demiurge?«

»Nein. Es ist, wie du sagst, Sebas.« Demiurge lächelte dämonisch, während er elegant auf die Tür deutete, als wollte er Nur zu sagen. »Denke bloß daran, dass man dich erneut rufen könnte. Ich glaube nicht, dass du dir Sorgen machen musst, aber ich habe keine Lust, in der Hauptstadt nach dir zu suchen.«

»Komm mit.«

»Ja«, antwortete Tsuare heiser, während sie Sebas Tian hinterhertrottete.

Sie verließen den Raum, folgten dem Flur. Beide schwiegen und irgendwann kam die Tür zu Tsuares Zimmer in Sicht. Sie hatten keine große Entfernung zurückgelegt, trotzdem fühlte es sich an, als wären sie ewig unterwegs gewesen.

Dort angekommen schien es, als hätte sich Sebas endlich dazu entschlossen, das Wort zu ergreifen. »Ich werde mich nicht entschuldigen.«

Er spürte, wie sie hinter ihm zusammenzuckte.

»Aber es ist meine Schuld, dass man mir befohlen hat, dich zu beseitigen. Wäre ich anders vorgegangen, wäre es nicht dazu gekommen.«

»Meister Sebas …«

»Ich bin Lord Ainz und den Einundvierzig Erhabenen Wesen gegenüber loyal. Sollte es erneut zu einer solchen Situation kommen, würde ich nicht anders handeln … Darum denke ich, du solltest gehen und in der Welt der Menschen glücklich werden. Ich werde für dich um Erlaubnis fragen. Lord Ainz sollte in der Lage sein, deine Erinnerungen zu manipulieren. Wir beseitigen die schlechten, danach kannst du gehen.«

»Was ist mit Euch?«

»Die an mich sollten ebenfalls gelöscht werden. Das kann zu nichts Gutem führen.«

»Was wäre denn ›gut‹?«

Er spürte die Willenskraft hinter den Worten, darum drehte sich Sebas Tian zu ihr um. Was er sah, war eine Frau, die ihn mit Tränen in den Augen anfunkelte. Ein wenig verunsichert überlegte er, was er sagen könnte, um sie zu überzeugen.

Selbstverständlich war Nazarick ein außergewöhnlich wunderbarer, von den Göttern gesegneter Ort. Doch diese Ansicht vertraten lediglich Sebas Tian und die anderen, die von den Einundvierzig Erhabenen Wesen erschaffen worden waren, bis hin zum niedersten Untergebenen der Großen Gruft.

Ein gewöhnlicher Mensch ohne jegliche Begabung oder Kräfte könnte einen solchen Ort niemals als Zuhause betrachten. Und er bezweifelte, dass man Tsuare, einen Schwächling, dessen Leben beinahe wertlos war, dort akzeptieren würde. Nein, ohne Schutz durch den allumfassenden Herrscher Nazaricks wäre das unmöglich.

»Wie gesagt: Du solltest gehen und in der Menschenwelt glücklich werden.«

»Ich werde glücklich sein, wo immer Ihr seid, Meister Sebas. Darum bitte ich Euch, nehmt mich mit.«

Als Tsuare ihre Wünsche so deutlich ausdrückte, weckte sie damit sein Mitleid.

»Es scheint, die vergangenen Tage haben dir ein wenig Freude bereitet, aber auch nur, weil dein Herz dank der Hölle deines bisherigen Lebens abgestumpft ist.«

Sie hatte das Schlimmste durchgemacht, was diese Welt zu bieten hatte, darum redete sie sich ein, sie könnte an diesem schwierigen Ort ein angenehmes Leben führen – mehr nicht. So lautete Sebas’ Einschätzung, doch Tsuare lachte.

»Ich denke nicht, dass ich noch in der Hölle bin. Ich kann mich satt essen und Ihr ermöglicht es mir, einer ehrlichen Arbeit nachzugehen. Ich bin in einem winzigen Dorf geboren worden und aufgewachsen. Das Leben dort war auch entbehrungsreich.« Einen Moment lang schien es, als würde sie etwas weit Entferntes anstarren. Sie riss sich fast augenblicklich zusammen und sah Sebas Tian in die Augen. »Wir haben die Felder bestellt, während wir Hunger litten, doch der Gutsherr hat stets den Großteil der Ernte für sich beansprucht. Es blieb kaum genug, um unseren Magen zu füllen. Und zu allem Überfluss behandelte er uns wie Spielzeug. Er hat mich vergewaltigt und gelacht, während ich schrie. Er hat gelacht! Ich …«

»Ich verstehe.« Tsuare lächelte sachte, als er sie an seine Brust zog und die Arme um ihre bebenden Schultern legte. Wie zuvor weinte sie, als wäre ein Damm gebrochen, er spürte, wie ihre Tränen sein Hemd tränkten.

Die Welt, in der sie ihr bisheriges Dasein gefristet hatte, konnte keinesfalls alles sein, was ihr Leben zu bieten hatte. Trotzdem repräsentierte es ihr Verständnis von der menschlichen Gesellschaft.

Sebas überlegte.

Was wäre das Beste? Egal wie oft er darüber nachdachte, er kam immer zur selben Antwort. Allerdings bestand die Möglichkeit, dass er seinen Herrn damit verärgern und ein weiteres Mal den Befehl erhalten würde, Tsuare zu töten.

»Du solltest wissen, dass du sterben könntest.«

»Solltet Ihr es sein, der mich tötet, sterbe ich wenigstens durch die Hand, die mir Wärme gespendet hat, als ich nichts weiter als eine atmende Leiche war …«

Die Art und Weise, wie sie zu ihm aufblickte, verlieh Sebas Tian die notwendige Entschlossenheit. »Na schön, Tsuare. Ich bitte Lord Ainz um Erlaubnis, dich nach Nazarick mitzunehmen.«

»Vielen Dank.«

»Es ist noch zu früh, mir zu danken. Deine Bitte könnte zu einem weiteren Befehl führen, dich zu t…«

»Ich weiß.«

»Ich … verstehe.«

Seine Arme um Tsuare lockerten sich, doch sie blieb, wo sie war. Sie packte Sebas’ Jacke, blickte mit schimmernden Augen zu ihm auf.

Sie musterte ihn erwartungsvoll. Das begriff er instinktiv, allerdings verstand er nicht, worauf sie hoffte. Aber er erinnerte sich an etwas, dessen er sich vergewissern wollte.

»Nur um sicherzugehen: Du wirst es nicht bedauern, der Welt der Menschen den Rücken zu kehren? Es gibt keinen Ort, wo du lieber hinmöchtest?« Ein Leben in Nazarick bedeutete nicht zwangsläufig, dass sie nie wieder Kontakt zur Welt der Menschen haben könnte – es lag nicht in seiner Absicht, sie einzusperren –, dennoch bestand die Möglichkeit, dass es für sie kein Zurück geben würde.

»Ich … würde gerne meine kleine Schwester wiedersehen. Aber mein Wunsch, die Vergangenheit zu vergessen, ist stärker …«

»Ich verstehe. Bitte geh vorerst auf dein Zimmer. Ich kehre zu Lord Ainz zurück.«

»Na schön …«

Tsuare ließ Sebas Tians Jacke los, stattdessen schlang sie die Arme um seinen Hals. Er ließ es sich nicht anmerken, hatte jedoch keinen Schimmer, was er jetzt tun sollte. Sie ignorierte seine Ahnungslosigkeit und reckte sich auf die Zehenspitzen.

Ihre Lippen begegneten sich.

Die sanfte Berührung dauerte nur einen Moment lang. Tsuare zog sich fast augenblicklich zurück. »Das kribbelt.« Sie entfernte sich einen Schritt von ihm, strich mit den Fingern über ihre Lippen. »Das war mein erster glücklicher Kuss.«

Sebas bekam kein Wort heraus, sie hingegen strahlte ihn förmlich an.

»Ich werde hier warten. Wir sehen uns bald, Meister Sebas.«

»Ä…ähm … j…ja. Bitte warte ein wenig.«

 

»Was ist passiert? Du bist ja ganz rot im Gesicht …«

Das war das Erste, was er beim erneuten Betreten des Salons zu hören bekam. Als er begriff, dass er errötet war, bemühte sich Sebas Tian, tief und gleichmäßig zu atmen. Es ziemte sich nicht für einen Untergebenen, seinem Herren in einem derart aufgewühlten Zustand unter die Augen zu treten. Fast hätte er seine Lippen berührt, hielt sich jedoch zurück, während er die Miene eines vorbildlichen Dieners aufsetzte.

»Nichts, Sir Demiurge.«

»Du musst mich nicht mit ›Sir‹ ansprechen, Sebas. Du kannst genauso reden, als wäre Lord Ainz – das einzige absolute Erhabene Wesen – hier. Was denkst du, Cocytus?«

»DEM STIMME ICH ZU.«

Sebas bestätigte, dass er verstand.

Fünf Minuten später wurde der Raum verzerrt. Als sich das Wellen schlagende Gefüge der Realität wieder beruhigte, erschien eine Gestalt. Selbstverständlich war es Ainz. Er hatte den Stab von Ainz Ooal Gown nicht länger bei sich und Victim war ebenfalls fort.

Sebas Tian, Cocytus, Demiurge und Solution ließen sich mit gesenktem Kopf auf ein Knie sinken.

»Danke, dass ihr hier seid.« Ainz ging um den Schreibtisch herum, um sich in den Sessel zu setzen. »Erhebt euch.«

Die vier standen sofort auf, sahen Ainz an, der besonders gut gelaunt wirkte.

»Nun denn, nun denn, Demiurge. Das wäre wohl der Beweis, dass du ein alter Schwarzseher bist. Ich habe keinen Moment lang geglaubt, dass uns Sebas hintergehen würde. Ihr seid einfach paranoid. Ich habe sogar im Thronsaal nachgesehen.«

»Ich bitte um Vergebung. Und danke, dass Ihr meine eigenwillige Auffassung zumindest in Erwägung gezogen habt.«

»Schon in Ordnung. Selbst mir entgeht manchmal was. Ich finde deine Aufmerksamkeit beruhigend. Und ich bin nicht so kleinlich, mich deswegen zu beschweren.« Demiurge verneigte sich tief, was Ainz zum Anlass nahm, jemand anderen anzusehen. »Nun denn, wir wollten darüber sprechen, was mit der Frau passieren soll, stimmt doch, Sebas?«

Sebas’ Körper war gespannt wie eine Bogensehne. Er presste ein »Ja, mein Lord« hervor, nur um dann zu zögern. Nach einem kurzen Blick auf Ainz’ Miene fragte er entschlossen: »Was sollen wir mit ihr machen?«

Nach kurzem Schweigen antwortete Ainz mit einer Gegenfrage: »Hm, ich vermute, wenn wir sie gehen lassen, wird man von Nazarick erfahren?«

Als Ainz den Blick auf Demiurge richtete, nickte dieser bestätigend. »Ja, das ist korrekt. Aber was sollen wir tun?«

»Wir sollten einfach ihre Erinnerungen verändern. Danach müssen wir … ihr nur etwas Geld in die Hand drücken und sie irgendwo aussetzen.«

»Lord Ainz, ich denke, sie zu töten wäre viel einfacher und sicherer«, gab Demiurge zu bedenken, wozu Solution zustimmend nickte.

Ainz musterte die beiden und dachte: Wenn beide so denken …

Innerlich geriet Sebas in Panik. Sobald sich ihr Gebieter für ein Vorgehen entschieden hatte, würde es schwierig sein, ihn umzustimmen. Obwohl man ihn begnadigt hatte, hatten Demiurge, Cocytus und Solution im Moment vermutlich keine besonders hohe Meinung von Sebas. Sollte er unbedacht eine abweichende Sichtweise vorbringen, bestand die Gefahr, dass sie es ihm übel nahmen. Dennoch musste er es sagen.

Sebas öffnete den Mund, um Demiurge zu widersprechen. Doch Ainz ergriff das Wort, bevor er dazu kam.

»Nein, Demiurge. Ich mag sinnloses Töten nicht. Oder vielmehr: Wenn man einen Schwächling tötet, steht er einem später nicht mehr zur Verfügung. Wir sollten darüber nachdenken, wie sie uns lebendig von Nutzen sein könnte.«

Sebas unterdrückte sein erleichtertes Seufzen. Noch hatte Ainz nicht über Tsuares Schicksal entschieden. Noch bestand Hoffnung.

»Wie Ihr befehlt. Dann … sollen wir sie auf meiner Farm zur Arbeit einsetzen?«

»Ach, stimmt, du hast da auch Khimaira, richtig? Übrigens, was hältst du davon, ein paar von ihnen zu schlachten, um sie zu essen? Wir müssen Nazaricks Nahrungsmittelsituation verbessern.«

Demiurge wandte den Blick von Ainz ab, der leise vor sich hin murmelte: »Khimaira-Steak … nein, Burger …«, und starrte ins Leere.

Dann riss er sich zusammen. »Das Fleisch ist nicht besonders gut … nicht wirklich zum Verzehr geeignet. Ich glaube kaum, dass es wert ist, im glorreichen Nazarick gegessen zu werden …« Demiurges Lächeln unterstrich diese Beurteilung. »Nun, der Ausschuss wird an die anderen verfüttert, allerdings in Form von Hackfleisch, da sie es unverarbeitet nicht anrühren wollen.«

»Hmm. Sie fressen ihre eigenen Artgenossen? Dann sind sie wirklich nichts weiter als Tiere.«

»Genau wie Ihr sagt, Lord Ainz. Sie sind so dumm, und genau das macht sie zu derart drolligen Wesen. Wie dem auch sei, sie fressen alles, auch Weizen. Wenn Ihr also einen Überschuss hättet, wärt Ihr so gütig, mir einen Teil davon zukommen zu lassen? Was wir stehlen können, deckt unseren Bedarf nicht …«

»Sie sind für unsere Scroll-Produktion unerlässlich. Also sollten wir sie nicht hungern lassen. Ja … Sebas, bevor du abrückst, kaufe eine große Menge Weizen, der dann zu Demiurge geliefert wird.«

»Wie Ihr befehlt. Ich denke, für die benötigte Menge miete ich ein Lagerhaus an, um den Weizen vorübergehend unterzubringen. Wie soll ich ihn nach Nazarick bringen?«

»Hmm … Wende dich an Shalltear, damit sie Gate benutzt. Es macht dir doch nichts aus, dich danach um alles Weitere zu kümmern, oder, Demiurge?«

»Natürlich nicht. Wir kümmern uns dann um den Weitertransport.«

»Gut. Übrigens, Demiurge, deine Arbeit übertrifft die aller anderen in Nazarick; ich kann dir gar nicht genug danken.«

»Danke, Lord Ainz! Das spornt mich unheimlich an, weiterhin mein Bestes zu geben.«

»Ähm, nun, beruhige dich. Ich will dich was fragen. Bist du sicher, dass du nicht überfordert bist? Ich rufe dich, wann immer ich dich brauche, du leitest die Farm für den Scroll-Nachschub, du erstellst Pläne für das Demon King-Vorhaben … Ich habe dir eine Menge wichtiger Dinge aufgehalst. Darum frage ich mich, ob es dir wirklich gut geht.«

Demiurge strahlte übers ganze Gesicht. Es war ein angenehmes Lächeln, ohne bösartige Hintergedanken, wie Sebas Tian es noch nie bei ihm erlebt hatte.

»Ich danke Euch vielmals. Ich bin Eure Sorge nicht würdig, niemals, doch macht Euch keine Gedanken. Ich empfinde meine Arbeit als äußerst erfüllend und derzeit ist nichts davon eine Bürde. Sollte ich das Gefühl bekommen, Hilfe zu benötigen, lasse ich es Euch wissen.«

»Verstehe, verstehe.«

Der zufriedene Klang der Stimme seines Herren veranlasste Sebas, die Stirn zu runzeln, während er über die wahre Natur von Demiurges Farm nachdachte.

Da er ebenfalls ein Diener der Erhabenen Wesen von Nazarick war, kannte Sebas Tian Demiurges Persönlichkeit in- und auswendig. Auf keinen Fall leitete er lediglich einen einfachen Zuchtbetrieb, selbst wenn es dabei um Monster wie Khimaira ging …

Ein Gedanke durchzuckte Sebas’ Verstand … da er plötzlich genau wusste, um was für Zuchtvieh es sich handelte.

Konnte er Tsuare wirklich an einen solchen Ort schicken? Demiurge würde sich für ihre körperliche Unversehrtheit verbürgen, allerdings war zu bezweifeln, dass das auch für geistige Gesundheit gelten würde.

Das Gespräch der beiden ebbte ab. Wenn ich mich zu Wort melden möchte, ist jetzt die richtige Gelegenheit dazu, entschied er und sprach seinen Herren an. »Lord Ainz.«

»Hmm? Was gibt es, Sebas?«

»Wenn Ihr keine Einwände habt …« Er zögerte. Es war ein Risiko. Ein äußerst großes, gefährliches Risiko. Aber er musste es wagen. »Ich würde Tsuare gerne in der Großen Gruft von Nazarick arbeiten lassen.«

Alle musterten Sebas schweigend, Ainz sagte leise: »Ich habe Cocytus eben eine ganz ähnliche Frage gestellt: Was hätten wir davon?«

»Zum einen, Tsuare ist in der Lage, Mahlzeiten zuzubereiten. Derzeit können nur zwei Personen in Nazarick kochen, der Koch und sein Stellvertreter. Ich erlaube mir, Yuri und die anderen auszuschließen. Mit Hinblick auf die Zukunft denke ich, es wäre von Nutzen, mehr Personal zu haben, das kochen kann. Zum anderen glaube ich, versuchsweise einen Menschen in Nazarick arbeiten zu lassen, würde uns nützliche Erkenntnisse bringen. Ich denke, wenn eine niedere Lebensform wie sie dort leben kann, wäre das ein vielversprechender Präzedenzfall. Zusätzlich …«

»Schon gut, schon gut.« Ainz hob eine Hand, um die Litanei darüber, wie sich Tsuare nützlich machen könnte, zu beenden. »Ich verstehe, Sebas. Ich verstehe sehr genau, was du mir sagen willst. Ich habe selbst schon darüber nachgedacht, unseren Mangel an Köchen anzugehen.«

»Aber Lord Ainz, ist sie denn auch imstande, Gerichte zuzubereiten, die Nazarick würdig sind?«

Sebas Tian durchbohrte Demiurge mit einem lodernden Blick. Der Teufel begegnete ihm mit einem Lächeln.

Drecksack. Sebas ließ die Worte noch auf seiner Zunge sterben.

Ainz mochte ihm vergeben haben, Demiurge hingegen ganz offensichtlich nicht. Das war bestimmt der Grund dafür, warum er es Tsuare so unangenehm wie möglich machen wollte.

»Das ist äußerst wichtig, oder? Wie sieht es damit aus, Sebas?«

»Tsuare bereitet Hausmannskost zu. Ob das Essen Nazarick würdig ist … lässt sich schwer sagen.«

»Hausmannskost?« Demiurge schnaubte spöttisch. »Ich bezweifle, dass in Nazarick große Nachfrage nach Pellkartoffeln und Ähnlichem herrscht.«

»Ich finde, dass Demiurge zu vorschnell urteilt. Ihr Talent für klassische Gerichte legt nahe, wenn wir den Koch damit beauftragen, sie zu unterrichten, kann sie ihre Repertoire sicher erweitern. Wir sollten nicht nur ihre derzeitigen Fähigkeiten berücksichtigen, sondern auch ihr zukünftiges Potenzial.«

»In dem Fall möchte ich, dass sie in meinem Betrieb aushilft. Das ganze Fleisch durch den Wolf zu drehen ist harte Arbeit.«

»Ich …«

Die lautstarke Unterhaltung der beiden ging weiter. Ainz sah dem Ganzen zu.

Er beobachtete sie und zugleich die Szenerie, die sich hinter ihnen entfaltete – die Gestalten ihrer Erschaffer, eine Vision längst vergangener Tage.

 

 

»Wo geht es denn heute hin?«

»Wir ziehen gegen den Fire Giant in die Schlacht.«

»Nein, gegen den Demonic Ice Dragon.«

»Hmm … Ulbert, erinnerst du dich nicht? Wir haben doch gesagt, wir schnappen uns die raren Drops von diesem Fire Giant, diesem Boss namens Surtr.«

»Erinnerst du dich nicht, Touch? Manche Leute müssen Demonic Dragons jagen, um die Bedingungen für den Wechsel zur Spezialklasse zu erfüllen.«

»Kann ja sein, aber Yamaiko braucht die raren Drops, um stärker zu werden.«

»Ach nein, das ist nicht unbedingt nötig …«

»Original Fire, stimmt’s? Das bedeutet, sie braucht auch Original Ice, oder? Also kümmern wir uns erst um den Demonic Dragon.«

»Ich habe echtes Geld bezahlt, um eine bessere Droprate zu bekommen. Surtrs normale Rate liegt unter der des Demonic Dragons, denkst du also nicht, wir sollten uns erst darum kümmern?«

»Das nächste Mal zahle ich.«

»A…aber …«

»Vielleicht sollten wir uns in den Abgrund stürzen und sexy Monster wie Succubi jagen?«

»Mein herzallerliebstes Brüderchen, halt die Klappe.«

»Wenn wir uns schon mit Dämonen anlegen, dann lieber mit den Seven Sin Lords, obwohl ich denke, das verlangt eine Menge Vorbereitung.«

»Touch, jetzt ist nicht der passende Zeitpunkt, um deinen Kopf durchzusetzen. Wenn du dich mal umschaust, wer hier verfügbar ist, wird klar, dass wir viel bessere Chancen haben, den Demonic Ice Dragon zu töten.«

»Ooh, du bist ja wohl hier derjenige, der seinen Kopf durchsetzen will. Außerdem sind wir nicht die Art von Spielern, die immer möglichst effizient vorgehen.«

»Kommt schon, es gibt keinen Grund, dass unsere stärkste Casterin und unser stärkster Warrior miteinander streiten …«

»Die beiden waren schon immer so, selbst damals, als sie sich zum ersten Mal bei mir gemeldet haben.«

»Ganz toll von Touch, einen rosa Fleischknüppel wie dich anzuschreiben.«

»Bukubukuchagama und Peroroncino, ihr müsst eure Waffen weglegen, verstanden? Sonst benutze ich meine Kräfte als Gildenmeister.«

»Hat nicht irgendeine Gilde die Seven Sin Lords besiegt?«

»Sieht so aus, als wäre Pride dabei draufgegangen. Jemand hat online was dazu gepostet.«

»Wenn man alle sieben besiegt, bekommt man ein World-Item, oder? Immerhin sind sie World-Feinde.«

»Da wir gerade von World-Items sprechen, wir sollten den Caloric Stone als Kern benutzen und den stärksten Golem aller Zeiten erschaffen.«

»Sei kein solcher Noob, ich glaube, es wäre besser, wenn wir ihn in eine Waffe einarbeiten.«

»Eine Rüstung wär ebenfalls nicht schlecht, aber das ist nur meine Meinung.«

»Nun, wir haben einige Möglichkeiten. Wir können damit auch eine Bitte an die Admins stellen, wir sollten also nichts überstürzen.«

»Ja, da hast du recht, Momonga.«

»Wir haben eine Methode gefunden, den Caloric Stone zu bekommen, so oft wir wollen; das Ganze verbraucht bloß eine Menge Metall aus den Sieben Verborgenen Minen.«

»Das ist so ein Stress. Solange uns die Minen nicht alleine gehören, gibt es keine Garantie, dass wir ihn erhalten.«

»Ja, die Minen werden von allen Gilden kontrolliert, wenn wir das Ding also jetzt verwenden, bekommen wir vermutlich nie wieder die Gelegenheit dazu. Und ich glaube kaum, dass wir uns mit den anderen darauf einigen können, abwechselnd in die Minen zu gehen … Was wäre, wenn wir Trinity einige Infos verkaufen? Damit könnten wir ein paar gierige Leutchen dazu bringen, sich gegenseitig den Schädel einzuschlagen, während wir uns die Minen klammheimlich unter den Nagel reißen.«

»Du meinst, wir sollen dieselbe Information gleichzeitig an die Coalition verkaufen, damit sie deswegen mit den anderen aneinandergerät? Typisch Squishy Moe. Ein richtiger Taktiker …«

»Apropos Coalition, ich habe gehört, sie arbeiten an einer weiteren Allianz.«

»Was? Warum denn?«

»Angeblich haben sie irgendeiner Gilde ein World-Item gestohlen, was natürlich dazu führte, dass diese Gilde ihre Pläne geändert hat.«

»Ach je. Na, ich denke, das läuft wie beim letzten Mal. Bündnisse zwischen hochrangigen Gilden halten nie lange …«

»Warum lassen wir nicht Momonga entscheiden?«

»Das wäre angemessen. Was sollen wir tun, oh Gildenmeister?«

»Häh? Wovon redet ihr? Ich habe mir Mühe gegeben, eure Unterhaltung zu ig… häh? Ihr fragt mich? … Meine Fresse … Am besten machen wir es wie immer – Mehrheitsentscheid, dann gibt’s später kein Gemecker.«

»Keine Einwände von mir.«

»Von mir auch nicht.«

»Dann nehmen wir ein neues Goldstück für Ulbert und ein altes für Touch. Okay, haltet alle eure Münze bereit. Die beiden tragen gleich ihre Argumente vor!«

 

 

»… BEHERRSCHT EUCH. IHR BEFINDET EUCH IN DER PRÄSENZ VON LORD AINZ!«

Der Streit zwischen Sebas Tian und Demiurge hatte sich immer weiter hochgeschaukelt, bis Cocytus’ Stimme die beiden wie ein Eimer kaltes Wasser traf.

Als sie sich zu ihm umdrehten, stellten sie fest, dass Ainz sie konzentriert anstarrte, und ihr Gesicht wechselte die Farbe. Die flackernden Flammen in seinen leeren Augenhöhlen ließen keinen Rückschluss auf seine Gefühle zu, doch die Macht in seinem Blick war unbestreitbar.

Als sie begriffen, dass eine gewalttätige Zurechtweisung durchaus angebracht war, rissen sie sich augenblicklich zusammen.

»Bitte verzeiht mein schändliches Benehmen, Lord Ainz.«

»Ich bitte für dieses törichte Verhalten um Verzeihung.«

Seine Reaktion auf ihre Verneigung und Entschuldigung war äußerst eigenartig. »Ah-hahaha!« Plötzlich erfüllte Gelächter den Raum … ein schallendes, vergnügtes Lachen.

Weder Cocytus, noch Demiurge, Sebas oder Solution hatten Ainz jemals so ausgelassen lachend erlebt. Das Ganze war dermaßen unbegreiflich, dass sie nur blinzelnd dastanden.

»Schon in Ordnung. Ich vergebe euch! Ja! Manchmal muss man einfach streiten … ah-hahaha!«

Es war ein absolutes Mysterium, was Ainz’ Herz dermaßen berührt hatte, trotzdem atmete Sebas Tian erleichtert auf; es sah so aus, als würde sich alles irgendwie zum Guten wenden.

»Ah-haha … Pff, vielleicht habe ich mir das zu lange verkniffen …«

Plötzlich beruhigte sich ihr Gebieter wieder, so abrupt, als wäre ein Faden gerissen, doch nicht nur Sebas hatte das Gefühl, dass seine Laune nach wie vor recht heiter war.

Ainz sprach ihn fröhlich an. »Ich verstehe, was du mir sagen willst, Sebas, doch einen Menschen in die Große Gruft von Nazarick einzuladen wäre … nun ja, du weißt schon. Ich möchte Tsuare trotzdem sehen. Hol sie her.«

»Was? Ähm … ja, mein Lord! Wie Ihr befehlt.« Obwohl ihn Ainz’ seltsame Bitte verwirrte, verließ Sebas Tian zügig den Raum und kam mit Tsuare zurück.

»Lord Ainz, hier ist sie.«

»Ja, bring sie zu mir …« Ainz lehnte sich in seinem Sessel vor. Es war eigenartig, wie genau er sie betrachtete.

Sebas musterte sie aus dem Augenwinkel, fragte sich, ob sie etwas getan hatte, um sich seinen Unmut zuzuziehen, sie sah jedoch genauso aus wie zuvor. Er konnte sich nicht vorstellen, was der Grund für das Verhalten seines Gebieters sein könnte.

»Es besteht auf jeden Fall eine Ähnlichkeit«, murmelte Ainz, wobei es den Eindruck machte, als hätte er dies gar nicht laut aussprechen wollen. »Danke, dass du hier bist, Tsuare. Lass mich dir zuerst Folgendes sagen: In der Regel warne ich niemanden zweimal. Ich respektiere die Entscheidungen anderer Leute, selbst wenn sie zu unvorteilhaften Ergebnissen führen. Nachdem das geklärt ist, möchte ich dich um etwas bitten. Wenn du mich anlügst, ist unser Gespräch beendet, das Gleiche gilt, wenn mir deine Antwort nicht gefällt.«

Sebas Tian, der neben ihr stand, hörte, wie sie lautstark schluckte. Das war eine vollkommen natürliche Reaktion. Im Angesicht einer solchen Drohung war sie vermutlich darüber besorgt, was wohl als Nächstes geschehen würde.

»Nun denn, die Bitte. Nenne mir deinen vollen Namen.«

Sebas verstand nicht, was Ainz damit bezweckte. Warum fragt er ausgerechnet danach?

Aus dem Augenwinkel beobachtete er, wie sie sich gehetzt im Raum umschaute. Die Reaktion sagte mehr als tausend Worte.

Antworte ehrlich, flehte Sebas Tian stumm.

Nicht einmal ihm hatte sie ihren vollen Namen genannt, es konnte also sehr gut sein, dass es damit etwas auf sich hatte, das sie nicht jedem anvertrauen wollte. Doch seinen Gebieter anzulügen würde zwangsläufig zum schlimmstmöglichen Ergebnis führen.

Das Schweigen dauerte so lange, dass Ainz allmählich ungeduldig wurde, als sie schließlich so leise wie das Summen eines Moskitos murmelte: »Tsu…Tsuare…Tsuareninya.«

»Und dein Nachname?«

»Tsuareninya Veyron.«

»Verstehe … verstehe … Dann frage ich dich, Tsuareninya, möchtest du zur Großen Gruft von Nazarick – das Land, über das ich herrsche – mitkommen und dort leben …? In der Großen Gruft von Nazarick gibt es keine Menschen. Nicht, dass sich das nie ändern könnte, doch im Moment ist das so. Darum bin ich mir nicht sicher, ob sie ein geeigneter Wohnort für dich wäre … Weißt du, ich stelle dir auch frei, eine beträchtliche Geldsumme von mir anzunehmen, und irgendwo weit weg im Land der Menschen zu leben.«

Das Angebot war dermaßen großzügig, dass sie sich fragte, warum er es ihr machte, dennoch antwortete sie, ohne auch nur einen Sekundenbruchteil lang zu zögern: »I…ich möchte bei Meister Sebas leben.«

Ainz nickte langsam.

Erstaunlicherweise nahm das rote Leuchten in seinen leeren Augenhöhlen einen wärmeren Ton an.

»Nun gut. Hört, meine Untergebenen.«

Jeder nahm Haltung an und Tsuare beeilte sich, es ihnen nachzumachen.

»Tsuareninya steht von jetzt an unter unserem Schutz, bei meiner Ehre als Ainz Ooal Gown. Wir können dich als Gast der Großen Gruft von Nazarick willkommen heißen, aber was möchtest du?«

»Da… das ist sehr gütig von Euch, a… aber bitte lasst mich für Meister Sebas arbeiten.«

»Wenn das dein Wunsch ist. Dann machen wir Tsuareninya probeweise zu einer Maid, die Sebas direkt untersteht. Sebas, gib ihr eine angemessene Aufgabe. Gleichzeitig benennen wir die Plejaden zu Pleïaden um und tauschen die Teamführung wie angeordnet aus. Allerdings ziehen wir Yuri Alpha nicht von ihrem aktuellen Standort ab, wodurch sie weiterhin stellvertretende Anführerin bleibt.«

Solution verneigte sich tief.

»Und sagt allen Mitgliedern der Großen Gruft von Nazarick, dass Tsuareninya unter dem ausdrücklichen Schutz von Ainz Ooal Gown steht und sie an ihrer Seite arbeiten wird.«

Außer Ainz und Tsuare verbeugten sich alle Anwesenden augenblicklich.

»Demiurge, hast du irgendwelche Einwände gegen meine Entscheidung?«

»Keinen einzigen, mein Gebieter. In der Großen Gruft von Nazarick ist Euer Wort Gesetz. Dennoch kann ich mir vorstellen, dass es vielen schwerfallen wird, einen Menschen in unserem gesegneten Land willkommen zu heißen. Wie soll ich es ihnen erklären?«

»Wenn wir zurückdenken, hat Nazarick auch Yamaikos kleine Schwester, eine Elfe, willkommen geheißen. Dass sie ein Mensch ist, sollte sie daher nicht automatisch disqualifizieren. Wenn wir das täten, dann …«, während er weitersprach, wanderte Ainz’ Blick zu Solution, »müssten wir auch deine kleinste Schwester verstoßen.«

»Ich bin mir nicht sicher, ob man ein unsterbliches Wesen als Mensch bezeichnen kann, aber …«

»Hmm, das stimmt, Solution. Nun denn, Demiurge. Sag ihnen, so lauten meine Worte. Und wenn jemand damit ein Problem hat, soll derjenige zu mir kommen, damit ich mich erklären kann.«

»Wie Ihr befehlt. Was mich angeht, ich habe keine weiteren Fragen.«

»In Ordnung, zusammengefasst bedeutet das also: Wir beginnen unseren Abzug aus diesem Herrenhaus. Alle hier stationierten Wächter kehren mit sofortiger Wirkung nach Nazarick zurück. Sebas und Solution, eure letzte Aufgabe in der königlichen Hauptstadt wird darin bestehen, den von Demiurge angeforderten Weizen zu kaufen und einzulagern. Sobald das erledigt ist, bringt ihn Shalltear mit Gate nach Nazarick. Ich denke, das war alles, oder?«

Alle verneigten sich wortlos und nach einem kurzen Blick beeilte sich Tsuare, es ihnen gleichzutun.

»Was machen wir mit Tsuareni… mit Tsuare, Sebas? Soll ich sie mitnehmen oder kümmerst du dich darum?«

»Ich denke, es wäre in mehr als einer Hinsicht weniger beunruhigend für sie, wenn sie bei mir bleibt.«

»In Ordnung, verstanden. Also, Sebas, Solution, holt alle Wächter her. Ich schicke sie mit meiner Magie zurück.«

»Wie Ihr befehlt.«

 

Während er den anderen drei dabei zusah, wie sie den Raum verließen, fragte Demiurge Ainz: »Kennt Ihr diese Frau?«

Ohne zu antworten, erhob sich Ainz langsam aus dem Sessel, wandte sich der Wand zu, als würde dort jemand stehen. Nach kurzem Schweigen erwiderte er: »Demiurge, ich bin der Ansicht, man sollte Freundlichkeit mit Freundlichkeit vergelten, so wie man Schaden mit Schaden sühnen sollte. Auf die gleiche Weise sollten auch Schulden beglichen werden.«

Aus dem Nichts brachte er ein Buch zum Vorschein. Der brüchige Ledereinband wurde notdürftig von einer Schnur zusammengehalten.

»Ich habe eine Version, die mir der Bibliothekar übersetzt hat, doch das ist das Original. Dieses Tagebuch gehörte … einem Mädchen, das unheimlich wütend war, weil ein Adeliger ihre Schwester entführt hatte …«

In einem Dorf lebten einst zwei Schwestern, die sich sehr lieb hatten. Ihre Eltern waren früh gestorben, ohne den Mädchen viel zu hinterlassen, aber sie kamen zurecht und waren füreinander da.

Dann, eines Tages, nahm sich der allseits unbeliebte Herr der Ländereien die ältere der Schwestern zur Geliebten. Hätte auch nur die geringste Möglichkeit bestanden, dass sich ihr Leben dadurch bessern würde, hätte die jüngere ihre Tränen zurückgehalten und sich stattdessen für sie gefreut. Doch die Gerüchte legten nahe, dass ihre Schwester nichts weiter als ein Spielzeug sein würde, das er wegwarf, sobald es ihn langweilte.

Sie sollte recht behalten. Rasend vor Zorn verließ sie ihr Dorf, um eine Möglichkeit zu finden, ihre Schwester zu retten – ansonsten interessierte es ja niemanden.

Irgendwann entdeckte sie, dass sie über magisches Talent verfügte, also lernte sie, diese Macht zu benutzen, um ihrer Schwester zu helfen. Doch bevor sie die Gelegenheit dazu hatte, kam sie ums Leben.

In dem Tagebuch stand allerhand, doch auf der letzten Seite befand sich ein schlichter Satz, der zwei Abenteurer lobte, Momon und Nabe, mit denen sie sich auf die Suche nach Kräutern gemacht hatte.

»Ich habe dank dieses Tagebuchs viel über diese Welt erfahren, darum stehe ich in deiner Schuld. Diese Schuld werde ich nun bei deiner älteren Schwester begleichen.« Ainz strich über den blassen Ledereinband und ließ das Buch wieder dorthin verschwinden, wo er es hergeholt hatte.

»Dann, Lord Ainz, möchte ich Euch um einen Gefallen bitten.«

»Was für einen, Demiurge?«

»Beim Lesen von Sebas’ Berichten bin ich über etwas Interessantes gestolpert und habe mich gefragt, ob ich etwas Zeit haben könnte, um dem nachzugehen.«

»Etwas hat dein Interesse geweckt?«

»Ja, es gibt da einen Ort, den ich gerne besuchen möchte. Ich würde gerne bis zu Eurer Rückkehr wieder hier sein, ich muss jedoch erst danach suchen, was zu Verzögerungen führen könnte … Es wäre undenkbar unverschämt von mir, Euch warten zu lassen, mein Gebieter, aber wenn es möglich wäre, bitte ich Euch …«

Ainz antwortete gut gelaunt, um den verkniffen dreinblickenden Demiurge zu beruhigen: »Kein Problem. Du handelst schließlich zum Wohle Nazaricks, oder? Wenn ich deswegen ein wenig warten muss, stört mich nicht im Geringsten. Du solltest dich auf den Weg machen.«

»Vielen Dank!«

2

 

 

 

4 später Flammenmond (September), 15:01 Uhr

 

Sebas Tians und Solutions arbeitsreicher Tag brach früh morgens an.

Sie hätten ohne ein Wort verschwinden können, doch ihren hart erarbeiteten Ruf als Händler zu ruinieren wäre reine Verschwendung, darum beschlossen sie, so zu tun, als würden sie ins Imperium zurückkehren.

Solution war jedem nur einmal begegnet, trotzdem nahm Sebas sie mit, damit sie jedem Händler und Gildenmitglied, mit dem sie zu tun gehabt hatten, mitteilen konnten, dass sie in Kürze abreisen würden.

Allerdings konnte man diese Besuche nicht einfach auf ein paar Minuten beschränken; wenn man gute zwischenmenschliche Beziehungen pflegen wollte, war etwas Tratsch unvermeidbar. Zudem hatte kein Mann etwas dagegen einzuwenden, sich mit einer so schönen Frau wie Solution zu unterhalten, was das Ganze nur zusätzlich in die Länge zog. Aus diesem Grund dauerte jeder Besuch eine halbe Stunde oder länger, wodurch es bereits ziemlich spät war, als sie den letzten endlich hinter sich hatten.

»Das hat viel Zeit verschlungen, dafür sind die vorübergehende Einlagerung und der Transport des Weizens erledigt. Jetzt sollte unserer Rückkehr nach Nazarick nichts mehr im Weg stehen, oder?«

Solution klang überglücklich – eine Seltenheit für sie. Sebas Tian wusste, sie freute sich auf ihre Rückkehr in die Große Gruft von Nazarick und sie war zufrieden darüber, die Befehle ihres Gebieters ausgeführt zu haben. Da sich Sebas um den Großteil der Informationsbeschaffung in der Stadt gekümmert hatte, hatte sie vermutlich das Gefühl gehabt, nur wenig Gelegenheit zu bekommen, wirklich etwas beizutragen.

Die Abschiedsbesuche gehörten zu ihrer Arbeit und ermöglichten es Solution, in ihrer Rolle als Dame des Hauses zu glänzen, was die Sache vermutlich sehr befriedigend für sie gemacht hatte. Sie schien sogar kurz davor zu stehen, ein fröhliches Liedchen zu summen.

Tatsächlich hatte sich ihre gute Laune bei den Gesprächen mit den diversen Händlern positiv auf ihre Verhandlungen ausgewirkt. Der Weizengroßeinkauf und die anschließende Lagerung waren erstaunlich günstig gewesen.

Eine schöne Dame zu sein bringt seine Vorteile mit sich. Während er darüber nachsann, hielt Sebas Tian die Kutsche auf dem Gelände des Herrenhauses an und ging zusammen mit Solution zur Tür.

Er zog den Schlüssel aus der Tasche, schob ihn ins Schloss. Doch als er ihn drehte, ertönte nicht das übliche Klicken. Misstrauisch runzelte Sebas die Stirn, warf einen Blick zu Solution.

Nicht abgesperrt?

Als er gegen den Knauf drückte, öffnete sie sich einen Spaltbreit. Sie hatten Tsuare alleine gelassen. Sie würde niemals ohne Begleitung aus dem Haus gehen.

»Am Schlüsselloch sind mehrere frische Kratzer. Sehr gut möglich, dass jemand das Schloss gekn…«

Ohne Solution aussprechen zu lassen, stieß Sebas Tian die Tür auf. Er zog die Möglichkeit einer Falle nicht einmal in Erwägung. Wenn es eine gab, würde er sie zermalmen.

Der Großteil der Inneneinrichtung war bereits abtransportiert worden, wodurch sich das Herrenhaus unbewohnt und leer anfühlte. Er ging hinein, aktivierte alle seine Wahrnehmungsfähigkeiten und suchte nach dem Chi eines Lebewesens … nach Tsuare. Doch es gab keinerlei Anzeichen für einen Menschen.

»Tsuare! Tsuare, bist du hier?«, rief er, während er von einem Zimmer zum nächsten lief. Er suchte überall, ohne Erfolg. Sie war nicht nur nirgends zu finden, es gab auch keinerlei Hinweise darauf, was mit ihr geschehen war. Als wäre sie vom Erdboden verschluckt worden.

Nein, es ist eindeutig jemand eingebrochen. Ich rieche kein Blut, also hat man sie einfach mitgenommen. Es ist eine Entführung und sie werden Lösegeld …

Sebas ballte die Fäuste. Wie ich mir bereits dachte, es war ein Fehler, sie hier alleine zu lassen. Er ärgerte sich über seine Entscheidung.

Er hatte sich unwohl dabei gefühlt, Tsuare im Herrenhaus zurückzulassen. Dank ihrer Begegnung mit dieser Unterweltorganisation hatte er damit gerechnet, dass es zu weiteren Problemen kommen könnte.

Er war nur deshalb ohne sie aufgebrochen, weil sie sich noch immer vor anderen Leuten und der Außenwelt fürchtete. Sie litt nach wie vor unter ihrem Trauma. Ihr gefasstes Auftreten während der Audienz mit seinem Gebieter und den anderen ließ sich vermutlich dadurch erklären, dass sie sie nicht als Personen betrachtete. Sie hatte nicht wie jemand reagiert, der tiefe seelische Narben mit sich herumtrug, sondern vielmehr wie ein normaler Mensch, der sich in Gesellschaft von Monstern befand. Sogar sie in der Kutsche warten zu lassen hätte zum Problem werden können, was zu seiner Entscheidung geführt hatte, sie im Herrenhaus zu lassen.

Er hatte zudem angenommen, die völlige Zerstörung des Bordells würde dazu führen, dass ihre Feinde Zeit brauchen würden, um sich neu zu formieren und einen Angriff zu planen. Nun musste er feststellen, dass er zu optimistisch gewesen war.

Besorgt eilte Sebas Tian den Flur entlang, als ihn ein Ruf stehen bleiben ließ. Die Stimme kam aus dem Salon.

»Meister Sebas, hier drin.«

»Solution! Ist sie dort?«