The Rising of the Shield Hero – Light Novel 14 - Kugane Maruyama - E-Book

The Rising of the Shield Hero – Light Novel 14 E-Book

Kugane Maruyama

0,0
8,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

Um den gegenwärtigen Kaiser von Q'ten Lo zu stürzen, hat Naofumi sich mit den Revolutionären verbündet. Stück für Stück drängen sie die Anhänger der Regierung zurück und widmen sich den Problemen des Landes. In der alten Hauptstadt angekommen, trifft Naofumi auf ein seltsames Mädchen ohne Orientierungssinn. Merkwürdigerweise weist es starke Ähnlichkeiten mit Sadina auf. Besteht eventuell eine Verbindung zwischen ihnen?

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 322

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



INHALTSVERZEICHNIS

Prolog: Der Vormarsch wird besprochen

Kapitel 1: Die gebannte Riesenschlange

Kapitel 2: Zusammenführung der Hochrüstmethoden

Kapitel 3: Das Schwert der dunklen Wolken

Kapitel 4: Rückenwind

Kapitel 5: Informationen über den Feind

Kapitel 6: Die Verwendung des Qi

Kapitel 7: Die Orientierungslose

Kapitel 8: Boss

Kapitel 9: Die mordende Miko

Kapitel 10: Die Hochrüstmethoden des Schildes

Kapitel 11: Einstweilige Rückkehr

Kapitel 12: Begegnung der Generationen

Kapitel 13: Die einstige Kaiserin

Kapitel 14: Monsterfurcht

Epilog: Abenddämmerung

Prolog: Der Vormarsch wird besprochen

 

 

»Verschaffen wir uns mal einen Überblick. Zuerst …«

Ich hatte alle in die Villa in der Hafenstadt kommen lassen, damit wir beschließen konnten, wie es weitergehen sollte. Es war der Morgen nach der Siegesfeier, die ebenfalls hier stattgefunden hatte. Überall lag noch reichlich Müll vom Saufgelage herum, was mich an die verdreckten Veranstaltungsorte denken ließ, wie man sie nach den Feuerwerken in Japan vorfand – es war ja immerhin ein japanisch angehauchtes Reich. Großes Gestöhne im Raum. Abgesehen von meinen Gefährten wirkten alle ziemlich schlapp.

»Was ist denn mit euch los? Wolltet ihr nicht eine Revolution starten, angeführt von Raphtalia?«

Die Begeisterung vom Vorabend schien verflogen. Sie hatten alle blasse Gesichter und ächzten vor sich hin. »W… Wasser …«

»Das kommt nur, weil du gestern unbedingt mit allen um die Wette trinken musstest«, rügte Raphtalia Sadina.

»Huch?«

»D… Die Gerüchte … stimmen«, krächzte einer von Sadinas Kontrahenten. »Wer mit der ehemaligen mordenden Miko trinkt, wird niedergemacht …«

Die sahen tatsächlich aus, als stünden sie kurz vor dem Ableben. Vier hatten sich schon entfernt, um sich zu übergeben, und bisher war noch keiner von ihnen zurück. Waren die tatsächlich alle so verkatert? Und nun? Vielleicht war es doch besser, bei der Planung eher auf meine Gefährten zu setzen als auf die Kämpfer, die hier zu uns gestoßen waren.

Q’ten Lo wurde im Augenblick korrupt regiert und die Bevölkerung stand unter beträchtlicher Belastung. Die Attentäter, die Raphtalia nach dem Leben trachteten, genossen die Unterstützung der verdorbenen Regierung. Seit unserer Ankunft meldeten sich alle, die die Revolutionsbewegung unterstützen wollten. Wir hatten den Hafen besetzt, und im selben Moment war in der Stadt der Festtrubel ausgebrochen – die langen Jahre voller Trübsal waren vorbei. Selbst jetzt ging es noch hoch her und laute, fröhliche Stimmen wehten zu uns herüber.

»Die Götter des Weins müssen diese Frau lieben. Es würde niemanden wundern, wenn sie immer noch irgendwo am Feiern wäre …«

»Das ist aber auch kein Wunder, wenn man bedenkt, mit was für einem Ungeheuer sie unterwegs ist. Der isst ja ungerührt dieses Obst, das als Grundzutat des miesesten Fusels dient – da nähme ja selbst der Gott des Weins Reißaus!«

Warum sahen plötzlich alle mich an? Fanden sie mich so gruselig, bloß weil ich Lukolfrüchte aß?

»Ich kann wirklich nicht nachvollziehen, warum ich hier als Ungeheuer beschimpft werde.«

Ich, Naofumi Iwatani, stammte eigentlich aus Japan, spielte im Moment jedoch in einer fremden Welt den Helden des Schildes. Die Rolle war mir allerdings aufgezwungen worden, nachdem man mich hierher beschworen hatte. Erst seit Kurzem war mir bewusst, dass der Schildheld in jedem Reich unterschiedlich behandelt wurde.

Aber ehe ich darauf näher eingehe, will ich über diese Welt sprechen, in die ich gerufen wurde. Hier gab es Level wie in einem Computerspiel, die sich steigern ließen, indem man Monster besiegte und Erfahrungspunkte sammelte. Mit ihren Features wie Attributen und so war diese Welt für einen Gamer aus dem Japan der Gegenwart leicht zu verstehen. Man musste sich lediglich konzentrieren, dann konnte man sich seine Werte im Detail ansehen. Man fühlte sich unweigerlich, als wäre man in eine Videospielwelt beschworen. Von dieser Leichtverständlichkeit durfte man sich jedoch nicht täuschen lassen.

Man hatte auserwählte Helden beschworen, damit die diese Welt gegen die sogenannten Wellen des Untergangs verteidigten. Für mich, der ich von solchen Geschichten umgeben gewesen war, hätte dies eigentlich ein wahr gewordener Traum sein müssen. Doch das Reich, das mich beschworen hatte, hatte den Schildhelden aus religiösen Gründen als einen Teufel erachtet. Ich war in verschiedene Intrigen verwickelt worden und benahm mich daher teils merkwürdig – auch wenn es komisch war, so was über sich selbst zu sagen.

Wie das wohl gelaufen wäre, wenn Schildwelt mich beschworen hätte, ein Reich voller Subhumanoide und Tiermenschen, wo man an den Schildhelden glaubte? Wäre ich dort gelandet, hätte man mich wohl wie einen Gott behandelt, mich wertgeschätzt. Andererseits erinnerte ich mich noch genau daran, wie sie dort versucht hatten, mir einen Harem aus ihren Adelsfrauen anzudrehen, weil sie unbedingt göttlichen Nachwuchs wollten.

Was war wohl wünschenswerter: dass sie einen zu Unrecht anklagten und ohne eine Münze fortjagten, oder dass sie einen wie einen Zuchthengst behandelten? Offen gesagt war mir Letzteres ebenso zuwider … Von so was wollte ich überhaupt nichts mehr wissen.

Jedenfalls war ich verschiedensten Komplotten und Scherereien entgangen, und jetzt war ich hier.

»Das ist doch wirklich ein Trauerspiel«, empörte sich Atla über die Verkaterten, und Fohl quittierte es mit einem spöttischen Laut.

Die beiden waren Sklaven, die ich gekauft hatte. Sie gehörten zur Hakuko-Art, die in Schildwelt einen hohen Rang einnahm. Atla wirkte auf den ersten Blick wie ein harmloses, kleines Mädchen. Es steckte jedoch eine ziemliche Kampfsportlerin in ihr. Vor Kurzem hatte sie mit ihren Fähigkeiten sogar die heißblütigen Schildwelter umgestimmt. (Eigentlich gäbe es zu den Vorfällen noch einiges anzumerken, aber da alles gut ausgegangen war, möchte ich vorerst dazu schweigen.) Den Machthabern zufolge taugte sie jedenfalls als spirituelles Vorbild für das Volk.

Ich wusste ja nicht so recht. Wenn ich an ihre übertriebenen Treueschwüre dachte …

Fohl war mehr oder weniger eine Dreingabe. Wobei das auch wieder nicht so ganz stimmte, denn eigentlich hatte ich zuerst bloß ihn kaufen wollen. Atla war zu der Zeit noch krank und schwach gewesen und ihr großer Bruder hatte sie nach Kräften gepflegt. Mittlerweile war sie jedoch genesen und es ging ihr schon fast zu gut. Seither wurde Fohl nur noch herumgeschubst. Beim Kauf hatte ich angenommen, Fohl würde der Nützlichere sein, und jetzt war Atla, die es bloß im Doppelpack dazugegeben hatte, mit einem Mal die Stärkere.

Allmählich sah es allerdings so aus, als würde sich der Abstand verringern. Fohl hatte gelernt, die Gestalt eines Tiermenschen anzunehmen, die eines weißen Tigers, und er war auch ziemlich gewachsen. Zudem konnte er neuerdings sogar komplett zu einem weißen Tiger werden. Die Bedingungen waren aber noch unklar und erforderten weitere Erforschung.

Um nach Q’ten Lo zu gelangen, hatten wir über Schildwelt reisen müssen, und dabei hatten sich die beiden als sehr nützlich erwiesen. Sie schienen dort ein hohes Ansehen zu genießen. Sollte ich meine Aufgabe in dieser Welt einmal erfüllt haben und wieder nach Japan zurückkehren, würde man sie wohl als Machthaber willkommen heißen.

»Wenn ich Minderjährigen Alkohol geben würde, bekäme ich wohl doch Ärger«, überlegte ich laut.

»Herr Naofumi, empfehlt mir nur jedes erdenkliche Gift – ich werde es bereitwillig trinken!«

»Was?!«, rief Fohl. »Das würdest du Atla machen lassen?«

»Quatsch! Benutz doch mal dein Gehirn!«

So ging das die ganze Zeit mit den beiden.

»Wo ist eigentlich Itsuki?«

Itsuki Kawasumi, der Held des Bogens, war aus einem anderen Japan beschworen worden. Wie ich hatte auch er einiges durchgemacht – wir waren beide Witch zum Opfer gefallen. Ihretwegen hatte er jetzt psychische Probleme, von denen er sich noch erholen musste. Als Kämpfer konnte ich ihn aber immerhin schon einsetzen.

»Der ist mit Rishia irgendwelche Quellen von Q’ten Lo sichten gegangen«, sagte Raphtalia. »Ich denke, sie sind bald zurück.«

Na ja, wir kamen hier wohl auch ohne sie zurecht. Rishia war sehr gewissenhaft und würde bestimmt nicht zulassen, dass irgendwer sich betrank. Im Augenblick kümmerte sie sich um Itsuki, obwohl er sie in der Vergangenheit grausam im Stich gelassen hatte. Irgendwann war ihre Kampffähigkeit erblüht, und sie hatte Itsuki, der der Finsternis erlegen war, besiegt und ihn überredet, sich wieder zu fangen. Ja, sie hatte eine heldinnenhafte Entwicklung durchlaufen.

In letzter Zeit hielt sie sich ziemlich im Hintergrund. Eigentlich war ihre Stärke ohnehin eher ihr Intellekt. Ich setzte auf jeden Fall großes Vertrauen in sie, sowohl in ihren Charakter als auch in ihre Fähigkeiten.

»Jedenfalls seht ihr Verkaterten mal zu, dass ihr wieder auf die Beine kommt. Die Zeit drängt, das ist euch klar, oder?«

Wie waren wir überhaupt in diese Situation gelangt?

Der Ursprung lag in Raphtalias Herkunft. Raphtalia hatte geschworen, an meiner Seite zu kämpfen. Sie war so etwas wie meine rechte Hand. Anfangs war sie meine Sklavin gewesen und ich ihr Meister, mittlerweile nahm ich jedoch eher eine Vaterrolle ein. Der Stress hatte jedenfalls begonnen, als ich Raphtalia im Dorf Lurolona auf meinem Lehen gebeten hatte, eine Miko-Tracht anzuziehen. So eine hatte sie in Kizunas Welt getragen, und sie hatte ihr großartig gestanden. Darum hatte ich gewollt, dass sie auch hier eine Miko-Tracht trug. So hatte das Verhängnis jedoch seinen Lauf genommen, denn diese hatte in der Heimat von Raphtalias Eltern eine besondere Bedeutung.

Es hatte sich herausgestellt, dass Spione aus Q’ten Lo sie die ganze Zeit aus dem Verborgenen heraus überwacht hatten; selbst als sie ganz am Boden gewesen war, waren sie ihr nie beigesprungen, sondern hatten bloß zugesehen. Und dann hatten diese Idioten ihr auch noch nach dem Leben getrachtet und geschworen, ihr ohne Unterlass Attentäter auf den Hals zu hetzen. So großherzig war ich nicht, dass ich das einfach schweigend hinnahm. Raphtalias Wohlergehen stand für mich auf der Prioritätenliste ziemlich weit oben. Immerhin hatte sie mir in meiner schwersten Zeit als Kameradin treu zur Seite gestanden. Und deswegen würde ich die Bewohner Q’ten Los, die diese Attentate veranlasst hatten, büßen lassen.

Mit dem Ziel waren wir in das Reich eingedrungen. Es war von Wasser umgeben und eine Barriere schützte es vor Eindringlingen. Die Einreise war somit schwierig, weswegen wir uns entschieden hatten, mit einem Handelsschiff aus Schildwelt einzureisen. Während der Überfahrt waren wir vom Meer her angegriffen worden. Wir hatten die Attentäter zwar zurückschlagen können, aber dabei hatte der Wasserdrache, der die See um Q’ten Lo beschützte, Raphtalia, Sadina, Gaelion und mich ins Meer gerissen und verschleppt. Anschließend hatte er uns allerdings geholfen, und so waren wir letztlich vor den anderen in Q’ten Lo angekommen.

An Land hatten wir dann mit Raluva gesprochen. Er war der Bürgermeister der Hafenstadt und Anführer der Widerstands­bewegung gegen den Herrscher, der sich Kaiser nannte. Mit sei­ner Hilfe hatten wir dann die Hafenstadt unter unsere Kontrolle gebracht und die Beamten besiegt.

Währenddessen hatten wir auch noch den Lehrmeister des Waffenhändlers kennengelernt … aber die Geschichte lasse ich erst mal aus.

Jetzt steckten wir in den Vorbereitungen für den Vormarsch, gegen diese Verrückten vorzugehen, und hatten alle Hände voll zu tun. Eine Sache war bei alledem am Wichtigsten. Es gab hier einen Kaiser, der denselben Klannamen trug wie Raphtalia. Ehe wir den nicht aus dem Weg geräumt und bewiesen hatten, dass Raphtalia die rechtmäßige Kaiserin war, würden die Attentate nicht aufhören. Deswegen bereiteten wir nun in der besetzten Hafenstadt unseren Vormarsch vor.

Glücklicherweise war der derzeitige Kaiser in der Achtung des Volks gerade sehr gesunken: Er hatte nämlich einen Erlass zur Ehrung aller Lebewesen herausgegeben und bestrafte jetzt törichterweise alle, die Monster töteten. Der Stern dieser Regentschaft war am Sinken – und diese Gelegenheit mussten wir nutzen. Wie unzufrieden die Menschen waren, erkannte man daran, dass die Siegesfeiern immer noch andauerten.

»Kyuaaaa.«

»Die feiern immer noch«, rief Filo. »Ich will da hiiin …«

»Kyuakyua, Kyuaaa.«

»Hmpf! Meister hat mich immer noch lieber als dich.«

Die beiden, die sich da im Garten böse anfunkelten, waren Filo und Gaelion. Filo gehörte zu den Filolials, eine Vogelmonsterart, die sich auf besondere Weise entwickelte, wenn ein Held sie aufzog. Im Augenblick befand sie sich in der Gestalt eines kleinen blonden Mädchens mit blauen Augen und Flügeln auf dem Rücken, aber in Wahrheit war sie ein voluminöser Vogel mit kräftigen Beinen, nicht ganz ein Strauß, aber von ähnlicher Form. Sie war aus einem Ei geschlüpft, das ich aus einer Laune heraus bei einer Monsterei-Lotterie gekauft hatte. In letzter Zeit erlebte sie zwar eine Pechsträhne, hatte jedoch vor Kurzem Fitoria, die Filolial-Königin, wiedergesehen und von ihr verschiedene Segnungen erfahren. Ihre Kampffähigkeiten waren ziemlich angestiegen.

Gaelion war ein Drache, und dieses Art verstand sich nicht gut mit den Filolials. Meistens war er in seiner Babyform unterwegs, aber wenn es drauf ankam, nahm er die Form eines ausgewachsenen Drachen an und kämpfte mit. Er hatte eine gespaltene Persönlichkeit, denn zwei Seelen teilten sich seinen Leib. Gerade trat der Kindergaelion zu Tage, dem der Körper eigentlich gehörte. Der andere kam heraus, wenn man ihn rief: Es war die Persönlichkeit des erwachsenen Gaelion, gegen den wir gekämpft hatten, nachdem er zum Zombiedrachen geworden war. Die beiden waren im selben Körper beheimatet.

Gaelions Halter war eigentlich ich, aber Wyndia, eine meiner Sklavinnen im Dorf, kümmerte sich als Pflegemutter um ihn. Im Augenblick war sie jedoch zusammen mit Rato, einer Alchemistin aus Faubrey, in Schildwelt und widmete sich ganz der Erforschung der dortigen Ökosphäre. Aus dem Grund war Gaelion gerade mit mir unterwegs.

Wenn es drauf ankam, konnte ich mich sowohl auf Filo als auch auf Gaelion verlassen. Wegen ihrer unterschiedlichen Arten verstanden sie sich zwar nicht besonders und zankten immerzu, aber da brauchte ich mich nicht groß reinzuhängen.

»Jedenfalls müssen wir bald unseren Kurs bestimmen, sonst verpassen wir noch unsere Chance.«

»Stimmt«, sagte Raphtalia.

Raluva, der Bürgermeister, kam stöhnend dazu. Er schüttelte den Kopf, war aber wohl wieder nüchtern.

»Wo in Q’ten Lo ist der Kaiser gerade überhaupt?«, fragte ich. »Ob wir ihn nun abmurksen oder das anders angehen, ich will’s schnell vom Tisch haben.«

Ich breitete eine Landkarte aus. Das Reich war nicht so groß wie Melromarc oder Schildwelt, schien jedoch eine ähnliche Dichte wie Japan zu haben. Im Augenblick befanden wir uns im Westen.

»Der Kaiser unserer Zeit befindet sich in dieser Stadt, die als Hauptstadt fungiert.«

Raluva zeigte auf eine Stelle im Osten. Die Form des Landes unterschied sich zwar ziemlich von der Japans, aber wir befanden uns sozusagen gerade in Kagoshima, und Raluva zeigte auf Tokyo … oder vielleicht die Region Chiba. Ach, die Länder waren wohl doch zu unterschiedlich, um Japan als Maßstab zu nehmen.

»Nanu?« Sadina legte den Kopf schief. »Das ist aber eine andere Hauptstadt als zu Schwesterchens Zeiten.«

Sie war in diesem Reich geboren. Doch dann hatte es sie zusammen mit Raphtalias Eltern nach Melromarc verschlagen. In Lurolona füllte sie die Position einer älteren Schwester aus, auf die sich alle verlassen konnten, und auch für Raphtalia nahm sie diese Rolle ein. Sie vertrug ungewöhnlich viel Alkohol und trank regelmäßig alle anderen unter den Tisch. Sie war ständig gut gelaunt. Mir ging sie bloß auf die Nerven, um ehrlich zu sein. Eine mächtige Kämpferin, eine typisch japanische Schönheit, die sich in einen Orca-Tiermenschen verwandeln konnte.

»Als der gegenwärtige Kaiser an die Macht kam, verlegte er seinen Sitz fort aus der Stadt, in der Generationen von Kaisern residiert hatten. Deswegen sollten wir vielleicht erst einmal die sogenannte alte Hauptstadt besetzen. Sie ist auch günstig gelegen und wird uns bei allen weiteren Unterfangen große Dienste erweisen.«

»Kühn, nach all den Generationen die Hauptstadt aufzugeben«, sagte Sadina.

Raluva nickte. »Es gab auch viele Gegenstimmen, aber die Maßnahme wurde mit Gewalt durchgesetzt. An der neuen Hauptstadt wird immer noch gebaut.«

Es lag nicht allein am Erlass zur Ehrung aller Lebewesen – dieser unfähige Herrscher tat einfach immer das Gegenteil dessen, was vernünftig wäre. Da bekamen sie es in Melromarc ja noch besser hin.

»Bei der Verlegung ging’s doch sicher in Wahrheit darum, dass Geld in die Taschen der Gefolgsleute wanderte, oder?«

»Durchaus … Es gibt da ein böses Weib, das ein enges Ver­hältnis zum vorletzten Kaiser hatte. Diese Frau soll wohl der Ansicht gewesen sein, die Hauptstadt bekomme ihrer Haut nicht …«

»Was für eine Logik ist das denn? Die zieht doch bestimmt im Hintergrund die Strippen, oder?«

»So ist es«, sagte Raluva. »In Wahrheit hält die dämonische Makina alle Macht in den Händen.«

Ich lag auch noch richtig? Nicht zu fassen … Wenn diese Bande derart verdorben war, dann war es ja kein Wunder, dass das Volk Raphtalia so bereitwillig als wahre Kaiserin anerkennen wollte. Die alte Hauptstadt aufgrund von Korruption aufgegeben …

»Der Standort bietet nicht nur territoriale Vorzüge, die Herrin Raphtalia hätte dort auch Gelegenheit, die kaiserliche Zeremonie abzuhalten.«

Die Territorialfrage mal beiseite, verstand ich den letzten Punkt nicht so recht.

»Das verstehst du bestimmt nicht, kleiner Naofumi, oder?«, fragte Sadina. »Die Zeremonie würde Raphtalia ermöglichen, ebenfalls die Segnungen zu verwenden, von denen unsere Gegner die ganze Zeit Gebrauch machen. Gelingt uns das, könnten auch wir diese Kräfte einsetzen.«

»Ach ja? Hm …«

Hatte man den kaiserlichen Segen, so wurden innerhalb der durch die Kirschblütensteine erschaffenen Zone die vier heiligen Waffen geschwächt, während die Kräfte der eigenen Kameraden stiegen. Außerdem konnte man per Astral Enchant die Werte der Gefährten anheben. Und über diese Kräfte würden also auch wir verfügen können.

»In der alten Hauptstadt gibt es einen Ort, der einem das himm­lische Mandat zuerkennt«, erklärte Sadina. »Wenn Raphtalia dort die Zeremonie durchführt, dann erlangt sie ebenfalls diese Kräfte, verstehst du?«

»Dann ist es wohl am dringlichsten, in die alte Hauptstadt vorzurücken …«

Der gegenwärtige Kaiser war ja anscheinend in diese neue Hauptstadt im Osten übergesiedelt. Wie dumm, einfach einen derart wichtigen Standort aufzugeben! Aber für uns war es gar nicht schlecht, auch wenn es noch viele ungeklärte Faktoren gab. Zuerst mussten wir uns nur gut überlegen, wie wir weiter vorgehen sollten. Der Wasserdrache hatte Gaelion ja per Kristallkugel verschiedene Informationen zukommen lassen. Dies war wohl ein guter Moment, darauf zurückzugreifen.

»Also zur Strategie. Halten wir fest, dass wir erst mal nur die Hafenstadt als Basis haben.«

»Das Gerücht, dass wir die Regierungsleute vertrieben haben, samt unserer Ausrufung des Widerstands, werden wir in den Nachbarstädten und -dörfern verbreiten. Dann ist es bloß eine Frage der Zeit, bis sie ihre Zustimmung bekunden.«

»Schön und gut, aber Zeit haben wir nicht. Wir müssen uns für zwischendurch was anderes überlegen.«

»Genau«, sagte Raphtalia. »Immerhin muss auch Lurolona weiter aufgebaut werden … Und der nächste Feind hält sich schon bereit.«

»Ja, ich hab nicht die Absicht, ewig in diesem Reich zu bleiben.«

Ich legte ein Blatt Papier neben die Karte und notierte meine Vorschläge.

»Erste Option: In aller Ruhe das Reich zu erobern, ist zu müh­selig; fallen wir also schnell beim Kaiser ein und entscheiden die Angelegenheit mit einem Schlag.«

Sadina hatte mir erklärt, es könne gefährlich werden, wenn wir das Reich nicht in die Knie zwangen. Für einen derartigen Eroberungsfeldzug fehlte uns meines Erachtens jedoch die Zeit. Deswegen wollte ich lieber schnell den Boss erledigen und die Sache so beenden.

»Es gibt jedoch Probleme dabei: Der Feind ist in der Überzahl, und wir haben die falschen Waffen.«

Das Reich verfügte nämlich über eine besondere Technik, um Heldenwaffen, also auch meinen Schild, zu schwächen. Deswegen waren wir als Helden gerade extrem schlecht aufgestellt. Wenn der Feind unsere Hochrüstmethoden unwirksam machen und zugleich sich selbst boosten konnte, würde uns ja nichts anderes übrig bleiben, als uns allein mithilfe unserer hohen Level und Werte durchzuboxen, und das würde dann doch schwierig. Wir hatten zwar mittlerweile Waffen bekommen, mit denen wir die Neutralisierungseffekte abmildern konnten, aber das Power-up unserer Gegner ließ sich damit nicht verhindern. Unter diesen Bedingungen konnte ein Einmarsch ins Feindeslager mächtig nach hinten losgehen.

»Der Plan klingt mal wieder ganz nach dir, kleiner Naofumi.«

»Ist bloß leider nicht so realistisch.«

Wir durften nicht waghalsig werden und uns am Ende noch selbst ans Messer liefern.

»Ich denk auch gerade darüber nach, uns vom Meister des Waffenhändlers Waffen anfertigen zu lassen.«

Der hatte nämlich bisher in Q’ten Lo die gute Ausrüstung hergestellt. Er war ein Frauenliebhaber durch und durch; man konnte ihn gut Motoyasu Nr. 2 nennen. Allerdings wusste er auch alles Mögliche über die Technologie des Reichs und konnte uns vielleicht Waffen bauen, die uns beim Angriff den entscheidenden Vorteil brachten. Im Augenblick hatte er sich mit dem Waffenhändler in der Schmiede zurückgezogen. Und aktuell gab es noch zu viele Unbestimmtheiten, daher würden wir es wohl kaum so brachial angehen können.

»Großartig, Herr Naofumi«, jubelte Atla, offenbar anderer Ansicht.»Ihr seid ein wahrer Gott. Tretet Raphtalias Sippe in den Staub und zeigt ihnen, wo ihr Platz ist!«

Tja, so ungefähr mochte es in Schildwelt gelaufen sein. Ich beschloss, Atla nicht weiter zu beachten. Gerade hatte ich nicht die Zeit, mich mit ihr zu befassen.

»Nun zur zweiten Option: Wir versammeln alle Unterstützer hinter Raphtalia und erobern nach und nach das Reich; aus Schildwelt lassen wir mehr Güter und Kämpfer bringen; außerdem sammeln wir weiter Leute ein, die gegen die Politik des Kaisers sind. Das dauert insgesamt vielleicht länger, wäre aber wohl sicherer als der erste Plan.«

»Ganz schön knifflig«, überlegte Fohl, die Arme verschränkt. Ich hatte ihn ja eher für einen Haudegen gehalten. Hatte ich mich getäuscht?

»Ein Eroberungsfeldzug … Mein Herz schlägt höher bei diesem Gedanken«, sagte Atla. »Wir sollten massenhaft Kämpfer aus Schildwelt hinschicken, damit sie gleich wissen, mit wem sie es zu tun haben.«

Atla war klar die Motiviertere der beiden, wenn ihre Denkweise auch etwas Barbarisches an sich hatte – was ja andererseits nichts Neues war.

»Ich würde es gern schnell zu einem Ende bringen«, sagte Raphtalia, »aber es scheint mir doch ungewiss, ob uns in unserer gegenwärtigen Verfassung eine Infiltration gelingen würde.«

»Genau«, sagte ich.

Wenn wir unseren Kopf gebrauchten, bekamen wir es vielleicht sogar irgendwie hin. Aber ich musste zugeben, dass mir die Sache auch zu heikel war.

»Raph?«

Plötzlich kam Raphi gähnend angetapst. Sie war eine Gehilfin, erschaffen mit Raphtalias Haar, und eigentlich ein Monster, etwas zwischen Tanuki und Waschbär. Sie war mein Lieblingshaustier, und ich verhätschelte sie mehr als die anderen beiden, die sich immer noch im Garten niederstarrten. Sie hatte allerlei Fähigkeiten und war mir in Notlagen immer sehr nützlich. Wenn sie am Kampf einen Tag zuvor auch nicht teilgenommen hatte.

»Ich habe auch zuerst daran gedacht, sofort einzudringen und den Kaiser zu besiegen«, sagte Raphtalia. »Aber die Krone ist ohnehin in Schwierigkeiten. Vielleicht wäre es daher doch besser, Schritt für Schritt vorzurücken.«

Sicherer wäre es wohl, da hatte sie recht. Wir mussten auch ans Danach denken. Mit etwas Glück konnten wir die Menschen in diesem Reich für uns gewinnen, sodass sie uns im Kampf gegen die Wellen zur Seite stehen würden.

»Das klingt allerdings ziemlich zeitaufwändig.«

Es hatte keinen Sinn, den Feind zu besiegen, wenn wir nicht zugleich auch seinen Willen brachen. Selbst wenn wir das Oberhaupt ausschalteten, stand längst nicht fest, dass wir das Land auch beherrschten. Das Ganze weckte Erinnerungen an Itsukis Revolution. Die hatte sich in einem Nachbarreich Melromarcs ereignet, und er hatte daran teilgenommen. Es war dem Revolutionsheer auch tatsächlich gelungen, den König zu stürzen und das Reich unter Kontrolle zu bringen. Aber das Volk hatte weiterhin gehungert, und so war das Ganze am Ende sinnlos gewesen.

Man musste stets das Wesentliche einer Situation erfassen. Wenn die korrupte Regierung die Ursache war, dann mochte es zwar so aussehen, als müsste man bloß denen die Köpfe einschlagen, und schon wäre das Problem gelöst. Aber würde sich die Lage tatsächlich bessern, bloß weil man einen schlechten Regenten stürzte?

»Tja, vielleicht ist es doch übereilt, gleich am zweiten Tag nach der Einreise einen Entschluss fassen zu wollen.«

»Könnte sein«, sagte Raphtalia.

»Es ist aber auch Fakt, dass wir diese Angelegenheit schnell entscheiden müssen. Behaltet das alle im Hinterkopf.«

»Verstanden«, riefen die Krieger.

»Raluva, wenn die Krone erfährt, dass wir die Hafenstadt besetzt halten, startet die vielleicht eine Großoffensive. Mach das Militär für diesen Fall bereit. Ob wir nun einen Krieg führen oder den Anführer erledigen, an dieser Tatsache ändert sich nichts.«

Aber das war ihm bestimmt auch selbst klar, ohne dass ich es ihm sagen musste. Mir traute ich in dieser Hinsicht nicht mehr zu als einem Spezialisten wie ihm.

»Jawohl!«

»Und danach … sollte Raphtalia vielleicht in ihrer Miko-Tracht eine Parade anführen, um die Moral der Stadtbewohner zu stärken.«

Im Moment waren wir zu wenige und auch zu unbekannt. Nun hatten wir die Gelegenheit, in ganz großem Stil eine alternative Kaiserin zu präsentieren. Raphtalia stach mit ihrer Schönheit hervor und würde sich bestens eignen, um das Volk aufzuwiegeln. Der gegenwärtige Kaiser, der so schlecht regierte, bekam es mit einer Herausforderin zu tun, die wirklich bereit war, ihn von seinem Thron zu stürzen. In Hinblick auf das, was kam, galt es nun, diesen Plan weiter zu verbreiten.

»Läuft’s schon wieder darauf hinaus? Wieso motiviert das bloß alle so, mich in diesem Aufzug zu sehen?«

»Na, weil’s dir so gut steht.«

Das zumindest konnte ich ihr versichern: Diese Miko-Tracht stand ihr einfach wahnsinnig gut. Und das galt nicht nur für Hakamas. Nein, in diesen speziellen Sachen hatte sie eine ganz wundersame Ausstrahlung. Womöglich bewies dies, dass sie die wahre Kaiserin war.

»Raph.«

Auch Raphi stimmte mir zu. Für sie würde ich später auch noch eine Miko-Tracht anfertigen lassen.

»Wir wären gar nicht in dieser Lage, wenn du mich nicht gezwungen hättest, die Miko-Tracht anzuziehen.«

»Na und? Diese Typen haben bei deinem Unglück einfach bloß zugesehen. Das allein ist Grund genug.«

Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich mich hier bloß aus der Verantwortung stahl. Was die getan hatten, war einfach unverzeihlich.

»Raphtalia«, sagte Atla, »ich beneide dich um diese Tracht, die dir Herrn Naofumis Gunst einbringt. Es erfüllt mich mit Eifer­sucht.«

Raphtalia seufzte und sah sie müde an. »Könnte ich sie dir überlassen, ich täte es gern.«

»Diese Herablassung kannst du dir sparen! Sag, Bruder, gibt es für die Hakuko nicht auch besondere Kleidung?«

Wieso stritten die schon wieder? Und wieso zog sie ihren Bruder da mit rein?

»Doch, die gibt’s! Die besorgen wir uns das nächstes Mal!«

Oh, jetzt trat plötzlich ein breites Lächeln auf Fohls Gesicht. Freute er sich, weil sie ihn um Hilfe bat? Es schien ja auch selten genug zu geschehen, dass sie sich auf ihn verließ. Vielleicht war es das erste Mal seit ihrer Krankheit.

»Ich werde Herrn Naofumis Herz schon erobern, du wirst schon sehen!«

»Dann streng dich mal an!«

War das alles nervig. Ich wollte bloß schnell Raphtalia in ihrer Tracht sehen, als Balsam für meine Augen.

»Hmpf?!« In dem Moment hörte Gaelion auf, sich mit Filo zu zanken, und blickte irgendwohin.

»Hmmm?« Filo zeigte eine ganz ähnliche Reaktion.

»R… Raph?«

»Was ist los?«, fragte ich die drei.

Etwa im selben Moment hörte ich von fern her ein gewaltiges Rumpeln.

Kapitel 1: Die gebannte Riesenschlange

 

 

»Was ist da los? Haben die Stadtbewohner es mit dem Feiern übertrieben?«

»Dafür klang das zu seltsam, finde ich.«

»Ich spüre einen merkwürdigen Qi-Strom.«

Filo hatte im richtigen Moment die Filolialform angenommen. Ich stieg auf ihren Rücken und blickte in die Richtung, aus der der Lärm gekommen war: Bei den Bergen vor der Stadt stieg eine Staubwolke auf. Da waren wir doch vorbeigekommen, als wir in Q’ten Lo eingereist waren. Dort war das Hügelgrab gewesen.

»W… Was war das für ein Krach?«

»Ganz schön laut …«

Das waren Rishia und Itsuki, die gerade von ihrer Recherchetour zurückkehrten.

»Unmöglich … Das wird doch nicht …« Raluva brach ab. Sprachlos starrte er in die Richtung des Hügelgrabs.

»He, Jungchen!« Der Waffenhändler kam angerannt, seinen Lehrmeister, Motoyasu Nr. 2, im Schlepptau.

»Oha, die Krone macht ja vor nichts Halt. Ist es so wichtig, die Stellung zu verteidigen?«

Der Schürzenjäger schirmte sich mit den Händen die Augen ab und blickte ungläubig zu dem Hügelgrab.

»Was ist denn da los?«, fragte ich.

»Dir muss ich gar nichts sagen, Mistkerl! Spielst dich hier bloß auf, willst keinen Harem … Ich werf mein Wissen doch nicht vor die Säue!«

Mann, ging mir der Typ auf die Eier!

»Mensch, Meister … Lass es mal gut sein.« Der Waffenhändler packte Motoyasu Nr. ٢ mit einer Hand am Kopf.

»Auauauau! Lass los, Erhard …«

Den würde ich bestimmt nicht in Raphtalias Nähe lassen. Das kam gar nicht infrage.

»Herr Naofumi? Hör auf, mir über den Kopf zu streicheln. Ich bin nicht Raphi!«

»Raph.«

Sadina hatte es auch mitbekommen. Damit hatte ich den Meister ärgern wollen.

»Ach, aber Schwesterchen verrätst du’s doch bestimmt?«

»Aber natürlich, schönes Fräulein, dir sag ich es gern!«

Motoyasu Nr. 2 – durch und durch!

»An jener Stätte ist ein Ungeheuer versiegelt, das diesem Reich vor langer Zeit großen Schaden zugefügt hat. Natürlich, so steht es geschrieben, hat der Kaiser jener Zeit einen Bann darauf gesprochen.«

»Sadina, so was hast du doch erzählt, als wir da vorbeigekommen sind. Also haben sie es nicht besiegt?«

»Vielleicht erinnere ich mich falsch … Ich dachte, das sei bloß eine Gedenkstätte.«

»Es ist einer dieser Orte, über die nur Wenige im Reich Bescheid wissen.«

Hm … War das dann womöglich ein Monster wie die Geisterschildkröte, dessen Aufgabe es eigentlich war, die Welt zu beschützen?

»Es soll hier gebannt und festgehalten worden sein, um die Barriere zwischen Q’ten Lo und der Außenwelt zu festigen. Man erachtet es als einen der göttlichen Stützpfeiler des Reichs.«

»Das ist also tatsächlich eine Schutzgottheit?«

»Die Regierungsbeamten scheinen das zu denken.«

Dann waren sie wohl ergebene Gläubige? Raphtalias Klan stand dann aber anscheinend über allem. Zimperlich waren sie jedenfalls nicht. Einfach so ein gebanntes Monster zu entfesseln …

»Das kann dann aber richtig brenzlig werden …«

»Jetzt sag endlich, was da los ist!«

Motoyasu Nr. 2 kratzte sich am Kopf, zeigte auf die Stätte und murmelte: »Der jetzige Kaiser, dieser Lausebengel, liebt Monster abgöttisch. Vor Kurzem sagte er: ›Wir müssen dafür sorgen, dass die Bürde unserer Schutzgötter etwas leichter wird.‹ Dann ist er herumgereist und hat allerorts den gebannten Ungeheuern Kirschblütensteine und seinen Segen gespendet …«

»Ist der blöde oder was?!«

Schon bei unseren vorherigen Gegnern hatten wir kaum gewusst, wie wir mit ihnen fertig werden sollten! Und den gleichen Segen hatte er auch irgendwelchen Ungeheuern verliehen, die irgendwann mal das Reich verwüstet hatten? Hatte der sie nicht mehr alle? Wenn man die Monster wiedererweckte, konnte das zu einer unabwendbaren Katastrophe führen, das war doch offensichtlich!

Jetzt verstand ich viel besser, warum der Wasserdrache dem Kaiser feindlich gesinnt war und uns geholfen hatte, ins Reich zu kommen. Wenn so ein Hallodri ein Reich regierte, konnte das einfach nicht gut sein. Das Ganze erinnerte mich unangenehm an den Tyrant Dragon Rex. Es roch nach Verzweiflung, als wollte der Kerl sagen: Wenn ihr mir die Herrschaft entreißen wollt, dann werden wir eben alle zusammen sterben. Bestimmt hatten die gedacht, wir stellten keine große Bedrohung war. Doch jetzt, da wir im Land waren, gerieten sie plötzlich in Panik.

Das alles wurde wirklich immer idiotischer. Meine Werte waren durch einen Fluch gesenkt, und unsere Gegner verfügten über die Fähigkeit, meinen Schild zu schwächen. Auf diese Weise konnte ich nicht vernünftig kämpfen. Eine Widrigkeit nach der anderen. So langsam hing es mir zum Hals heraus.

»Hm …«

Aber vielleicht konnten wir das ausnutzen. Dass unser Gegner ein gebanntes Monster befreit hatte, ließ sich eventuell gegen ihn verwenden. Was hätte es wohl für eine Wirkung aufs Volk, wenn Raphtalia, die zukünftige Kaiserin, das entfesselte Monster erschlug? So würde der Gegensatz zwischen der gegenwärtigen Regierung und der Revolutionsarmee nur noch augenfälliger: Erstere kämpfte gegen das Volk, letztere dafür. Ja, eigentlich kam es uns gut zugute, dass das Reich so korrupt regiert wurde. So bestand kein Mangel an Angriffspunkten.

»Kyuakyuakyua!«

Ich stieg auf Gaelions Rücken, der nun riesig geworden war. Er konnte fliegen, daher kamen wir mit ihm schneller ans Ziel.

»Dann mal los! Jetzt kommt’s aufs Tempo an. Filo, lass dich nicht unterkriegen und lauf uns hinterher. Wenn du vor Gaelion ankommst, reite ich das nächste Mal auf dir.«

»Grrrrr! Ich geb alleees!«

»Ah, warte!«, rief Raphtalia.

»Los geht’s«, sagte Sadina.

»Schnell, Bruder«, drängte Atla. »Ich weiß zwar nicht, ob wir helfen können, aber wir stehen ihnen zur Seite.«

»Und ob!«, rief Fohl.

Die vier folgten mir. Raphi nahm ich natürlich auf den Arm.

»Itsuki, Rishia, reitet auf Filo und folgt und schnell.«

»In Ordnung.«

»Ojeeee … Aber es wäre falsch, jetzt einen Rückzieher zu machen!«

»Und wir laufen dann mal lieber weg«, sagte der Lehrmeister. »Sollten die Damen in Schwierigkeiten geraten, empfehle ich, den Kerl da dem Monster zum Fraß vorzuwerfen und euch in Sicherheit zu bringen.«

Motoyasu Nr. 2 sollte bloß aufpassen. Den würde ich mir nämlich später noch vorknöpfen.

»Reiten wir los.«

Der apathische Itsuki stieg zusammen mit Rishia auf Filo.

»Ey! Wieso muss ich den Bogenmann tragen?«

»Kyuaaa.«

Gaelion ließ Filo einfach schimpfen. Mit Triumphgebrüll schwang er sich in die Lüfte.

»Gegen Gaelion verlier ich niiicht!«

Oho, Filo legte sich ganz schön ins Zeug. Sie sprang von Dach zu Dach, um uns auf den Fersen zu bleiben. Klasse Wettrennen … Vielleicht gewann sie ja sogar.

»Kyuaaaaaaa!«

Gaelion schlug seinerseits kraftvoll mit den Flügeln. Ja, man musste die beiden nur gegeneinander aufstacheln, dann ging alles ruckzuck.

 

»Was kommt da denn raus?«

Der Grabhügel brach auf, und das darin eingesperrte Ungeheuer stieg daraus empor. Mit acht rotglühenden Augenpaaren blickte es um sich und suchte nach Beute. Spitze Fangzähne wuchsen aus seinen acht Mäulern hervor, und in regelmäßigen Abständen zuckten Zungen daraus hervor wie Flammen. Es hatte Grubenorgane, mit dem es Wärme wahrnehmen konnte. Damit machte es seine Opfer ausfindig.

»Eine Hydra?«, analysierte der alte Gaelion. Das ist ganz sicher ein unangenehmer Gegner.«

So konnte man das Monster vielleicht auch nennen, aber eigentlich entsprach es doch eher dem achtköpfigen Drachen aus der japanischen Mythologie.

Jetzt hatte es sich ganz aus dem Grabhügel hervorgearbeitet und blickte uns an. Auf seinem Rücken war ein geweihtes Strohseil befestigt, und ich sah auch etwas in der Farbe von Kirschblüten leuchten. Das achtköpfige Schlangenmonster zischte uns bedrohlich entgegen. Die Bezeichnung lautete »Gebannte Riesenschlange«.

»So weit ich’s sehe, ist das Monster mit einem Kirschblütenstein und einem Segnungsseil ausgestattet. Damit wird es sich bestimmt ganz schön hochpowern.«

»Sssssss …«

Die Bestie zischte, und ihr Giftatem schlug uns entgegen.

»Oha …«

Gaelion schlug mit den Flügeln und wich aus. Das Ungeheuer war von dem Licht umgeben, das der Kirschblütenstein abstrahlte. Es schuf eine jener Zonen, in denen die Kräfte unserer Heldenwaffen blockiert wurden. Zudem lag ein Segen auf dem Monster. Um es zu erlegen, mussten wir jedoch ganz nah heran, mitten in dieses Kraftfeld hinein. Das waren aber ziemlich harte Bedingungen.

»Wenn wir es zu ruhig angehen, verwüstet es noch die Stadt«, sagte Raphtalia.

Als es sah, dass wir auf Distanz gingen, ließ es von uns ab und begann stattdessen, sich auf die Stadt zuzubewegen. Wenn es merkte, dass wir uns näherten, gab es uns offenbar den Vorrang und griff uns an. Gleich das nächste Ziel schien jedoch die Stadt zu sein. Ausgesprochen unerfreulich.

»Ach, es soll ruhig ein bisschen Schaden anrichten. So steigt nur die Antipathie gegen die Krone.«

»Herr Naofumi!«

»Ja, schon gut. Mit unseren Kirschblütensteinwaffen können wir ja einigermaßen kämpfen. Dann müssen wir wohl.«

»Herrje.«

»Ein schwieriges Problem«, brummte Gaelion.

Sollten wir also mal einen Angriff wagen?

»Los! Attacke!«

Gerade wollte die Riesenschlange in die Stadt eindringen, da prallte sie gegen eine unsichtbare Mauer.

»W… Was ist das?«

»Kleiner Naofumi, schau!«

Ich folgte Sadinas Fingerzeig und sah, dass die Lichtkirschbäume hell aufleuchteten und so etwas wie einen Schutzwall bildeten. Diese Bäume waren in Q’ten Lo heimisch und ließen sich auf verschiedene Weise nutzen. Bargen sie etwa auch die Kraft in sich, Ungeheuer abzuwehren?

»Hm?«, machte Gaelion. »Ich spüre irgendeine Drachenkraft. Eilt uns womöglich der Wasserdrache zu Hilfe?«

»Das klingt vielversprechend.«

»Aber ob er noch rechtzeitig kommt?«, fragte Raphtalia.

Es war zu erkennen, dass die Widerstandskraft der Wand allmählich abnahm. Wir mussten umgehend einen Angriff starten. Als Gaelion gelandet war, sprangen wir ab, und Sadina nahm ihre Tiermenschengestalt an.

»Wir müssen wohl, oder?«, meinte Raphtalia.

»Scheint so. Wenn wir dieses Ungeheuer nicht erledigen, kön-nen wir uns den Gedanken, dieses Reich zu regieren, gleich abschminken.«

Wir hatten es hier mit einem Monstrum zu tun, das mit Anti-Helden-Ausrüstung ausgestattet war. Irgendwie mussten wir ständig unter solch nachteiligen Bedingungen kämpfen.

»Wir gehen an die Spitze und bauen eine Kirschblütensphäre auf.«

Ich musste meinen neuen Power-up-Skill anwenden und zugleich Unterstützungsmagie auf meine Mitstreiter wirken. Das Problem war nur, das die Multiplikatoren der Waffen eingeschränkt waren. Die Nachforschungen hatten ergeben, dass ich die Kirschblütensphäre nur benutzen konnte, wenn gerade eine jener von Kirschblütensteinen geschaffenen Zonen aktiv war.

»Shooting Star Shield! Air Strike Shield!« Ich wehrte eine Attacke der Riesenschlange ab. »Itsuki, du hast deine Kirschblütenwaffe angewählt, oder?«

»Ja, habe ich.«

Itsuki redete wegen seines Fluchs zwar monoton, befolgte aber brav meine Anweisungen. Er musste nur geschickt aus den Hochrüstkategorien auswählen, dann würde er gut zurechtkommen. Eigentlich war mir diese Version von ihm sogar lieber. So stresste er nicht ständig irgendwie rum.

»Dann kämpf damit. Alle anderen Waffen funktionieren mit Sicherheit nicht.«

»Verstanden.«

Würde er von außerhalb der Zone angreifen können? Seine Pfeile mussten ja in die Zone eindringen.

»Wäre allerdings gar nicht lustig, wenn Astral Enchant auf dem Monster liegt …«

Koppelte sich das Ungeheuer mit den anderen Ungeheuern, würde es sicher noch mächtiger als die Geisterschildkröte.

»So leicht ist diese Technik doch sicher nicht anzuwenden«, meinte Sadina. »In dem Fall wäre die Verteidigung der Stadt wohl auch auf einen Schlag zusammengebrochen.«

»Auch wieder wahr. Aber Raphtalia hat ja jetzt sowieso eine Kontertechnik drauf.«

»Soll ich dann den Anfang machen?«

»Ja, die Kirschblütenzone können wir nicht aufheben, aber vielleicht können wir irgendwie den Segen unschädlich machen?«

»Ja, ich denke, das geht.«

Auf jeden Fall mussten wir uns jetzt auf den Feind konzentrieren.

»Ich streng mich auch aaan!«, rief Filo.

»Kyuaaaa!«

»Dem werde ich es schon zeigen!«, sagte Atla.

»Aber hallo!«, stimmte Fohl zu.

Schön, wie motiviert sie sich alle zeigten … Aber kämen sie zurecht?

»Wartet mal alle. Falls ihr beim Annähern merkt, dass eure Kräfte schwinden, zieht euch etwas zurück.«

»Ähm, aber die Waffenonkel haben uns doch Sachen gegeben!«, sagte Filo.

»Das stimmt.«

Alle Hände, Pfoten und Klauenfüße hielten Waffen, an denen Kirschblütensteine angebracht waren. Angeblich würde diese Ausrüstung dafür sorgen, dass die Segnungen der Heldenwaffen weniger stark beschnitten wurden. Die Hingabe des Waffenhändlers rührte mich. Er hatte sofort angefangen, solche Sachen für mich herzustellen, sodass wir auf den schlimmstmöglichen Fall vorbereitet waren.

»Er hat gesagt, dass wir die ab jetzt benutzen sollen.«

»Damit wir nicht ins Hintertreffen geraten.«

»Kyua!«

»Was höre ich da?«, sagte Atla.

Plötzlich umklammerte sie Fohl von hinten, stieß ihm in die Flanke und versuchte dabei, ihm seinen Panzerhandschuh zu klauen.

»A… Atla?! Uff! L… Lass das! Was machst du denn?«

»Den überlässt du mir, Bruder!«

»Du hast doch auch einen gekriegt.«

»Dieser Schürzenjäger hat dabei meine Hand gehalten. Das war eklig. Deswegen hab ich ihn weggeworfen. Und jetzt ist keine Zeit, ihn mir zurückzuholen.«

Motoyasu Nr. 2 hatte ihn ihr persönlich überreicht? Und sie hatte ihn einfach weggeworfen?

»Meine aaauch!«, sagte Filo. »Aber er hat so schön gefunkelt, da hab ich ihn behalten.«

»Bruder, gib ihn mir!«