Silvia-Gold 229 - Marlene Menzel - E-Book

Silvia-Gold 229 E-Book

Marlene Menzel

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Beschreibung

Die Geschwister Mara, Patrick und Elli könnten unterschiedlicher nicht sein: Mara führt ein scheinbar perfektes Vorstadtleben, in dem alles nach Plan läuft. Patrick wechselt seine Partnerinnen wie andere Leute ihre Klamotten. Und die freiheitsliebende Elli ist mit Anfang zwanzig so unsicher, dass sie vor jeder wichtigen Entscheidung zurückschreckt - auch in der Liebe. Doch die drei müssen sich zusammenraufen, als ihre verstorbene Großmutter Christa ihnen ein ungewöhnliches Vermächtnis hinterlässt: Um das Erbe antreten zu können, müssen sie einen ganzen Winter gemeinsam in ihrer abgelegenen Hütte am See verbringen. Im Schneesturm eingeschlossen und von der Außenwelt abgeschnitten, wird das kleine Haus schnell zum Schauplatz alter Konflikte und neuer Enthüllungen. Jeder von ihnen muss sich nicht nur den wilden Naturgewalten stellen, sondern auch seinen eigenen Ängsten und ungelösten Problemen.


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Seitenzahl: 141

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Cover

Alle unter einem Dach

Vorschau

Impressum

Alle unter einem Dach

Wie drei ungleiche Geschwister wieder zusammenfinden

Von Marlene Menzel

Die Geschwister Mara, Patrick und Elli könnten unterschiedlicher nicht sein: Mara führt ein scheinbar perfektes Vorstadtleben, in dem alles nach Plan läuft. Patrick wechselt seine Partnerinnen wie andere Leute ihre Klamotten. Und die freiheitsliebende Elli ist mit Anfang zwanzig so unsicher, dass sie vor jeder wichtigen Entscheidung zurückschreckt – auch in der Liebe.

Doch die drei müssen sich zusammenraufen, als ihre verstorbene Großmutter Christa ihnen ein ungewöhnliches Vermächtnis hinterlässt: Um das Erbe antreten zu können, müssen sie einen ganzen Winter gemeinsam in ihrer abgelegenen Hütte am See verbringen. Im Schneesturm eingeschlossen und von der Außenwelt abgeschnitten, wird das kleine Haus schnell zum Schauplatz alter Konflikte und neuer Enthüllungen. Jeder von ihnen muss sich nicht nur den wilden Naturgewalten stellen, sondern auch seinen eigenen Ängsten und ungelösten Problemen.

»Elli, wo sind die zwölf Pakete Handschuhe hin, die auf der Liste stehen?«

Elli sah auf und legte den Stapel Handtücher beiseite. »Welche Handschuhe? Müssten die nicht im Lager liegen wie immer?«, antwortete sie Schwester Margot.

An ihrer hochgezogenen Augenbraue erkannte Elli, dass sie wieder einmal einen Fehler gemacht hatte. Das war bereits der dritte oder vierte diese Woche, und sie hatten erst Mittwoch.

Margot verschränkte ihre wulstigen Arme vor der ausladenden Brust und verengte die starren grauen Augen. Sie war anderthalb Köpfe kleiner, aber Elli hatte furchtbare Angst vor der biestigen Krankenschwester, der sie seit drei Wochen zur Seite stand.

Hätte ich doch besser mal studiert oder wenigstens meine Ausbildung abgeschlossen, dachte sie und biss sich auf die Wange.

Margot schien auf eine Erklärung zu warten, die Elli nicht hatte. »Nehmen wir an, dass du die Klinik nicht bestohlen hast, dann hast du aber zumindest die Inventur falsch gemacht.«

Ihr schnarrender Tonfall schmerzte in Ellis empfindlichen Ohren. Sie senkte den Kopf. »Tut mir leid. Wird nicht wieder vorkommen.«

»Ganz genau, weil ich es dieses Mal weitergeben muss. Du kennst die Regeln. Der Chefarzt könnte meinen, dass du uns bestiehlst. Ich werde ein gutes Wort für dich einlegen, muss ihm allerdings Meldung machen.«

Elli ballte die Fäuste. »Aber das sind doch nur Handschuhe!«

»Was, wenn du in Zukunft auch Medikamente falsch dosierst?« Margot schüttelte den Kopf, als könnte sie es nicht fassen. »Ich wusste gleich, dass du hier nicht richtig bist. Wir brauchen junge Leute, die anpacken können und arbeiten wollen.«

»Aber ich will beides! Wie kannst du so etwas sagen, nur weil ich ein paar Handschuhe zu viel aufgeschrieben habe, die nun nicht da sind?«

Margot plusterte ihre Wangen auf und entließ hörbar die Luft. »Elli, das heute war nur einer von vielen Fehlern. Du arbeitest kaum mit, steckst mit dem Kopf ständig in den Wolken und träumst vor dich hin, obwohl du aufpassen solltest. Das hier ist ein Krankenhaus und kein Spielplatz für Uniabbrecher, die ihre Zeit bis zur nächsten Chance an der Hochschule absitzen wollen. Hier werden Leben gerettet oder verloren. Hier geht es um alles oder nichts. Verstehst du das?«

Elli öffnete den Mund, doch kein Laut war zu hören. Sie schloss erst ihn und dann ihre Augen. »Ich weiß. Entschuldige«, sagte sie kleinlaut.

Sie hatte es mal wieder verbockt, und das nach nur drei Wochen. Ein neuer Negativrekord!

»Weißt du was?« Sie schlüpfte bereits aus dem blauen Kasack, den hier alle Schwestern und Pfleger trugen.

»Was soll das werden?«

Elli reichte ihr die Arbeitskleidung. Sie trug ein dünnes Tanktop darunter. »Ich kündige.«

»Nun sei nicht albern. Sicher gibt dir Dr. Müller noch eine Chance. Wir sind sowieso höllisch unterbesetzt.«

»Damit ich mir beim nächsten Fehler wieder blöd vorkomme? Nein, danke, Margot. Ich glaube, das hier ist einfach nichts für mich.«

Elli schenkte der herrischen Schwester ein Lächeln, weil diese auf einmal sogar um sie kämpfte.

Ich würde immer ihr Opfer sein und ihre Launen ertragen müssen, sprach sie auf sich selbst ein, um ja keinen Rückzieher zu machen.

Elli machte auf dem Absatz kehrt und ging Richtung Umkleidekabine davon. Da sie noch in der Probezeit war, war es unproblematisch, hier und heute das Handtuch zu werfen. Sie würde sich dennoch ordnungsgemäß beim Chef abmelden.

Als sie endlich allein war, setzte sie sich und atmete durch. Sie hatte das Gefühl, versagt zu haben, und gleichzeitig fühlte sie sich befreit.

Elli wusch ihre Hände und Arme, desinfizierte sich sicherheitshalber, obwohl sie heute noch keine Proben und Patienten berührt hatte, und zog sich um.

Aus ihrer Tasche im Spind zog sie ihr Smartphone und wählte Marcels Nummer. Wenn sie jemand aufmuntern konnte, dann er.

»Da du bereits vor der Mittagspause anrufst, statt zu arbeiten, nehme ich an, dass man dich rausgeworfen hat?«, meldete er sich mit einem Lächeln in der Stimme.

»Du bekommst diesmal nur die halbe Punktzahl«, konterte Elli und klemmte sich das Handy zwischen Ohr und Schulter, um sich die Stiefel zuzubinden. »Ich habe selbst gekündigt. Aber ehrlicherweise muss ich sagen, dass sie mich so oder so bald rausgeworfen hätten. Das hier war nicht meine Welt. Ich wäre niemals eine Krankenschwester geworden. Die Arbeitszeiten sind extrem, und das Gehalt ist zu gering für den ganzen Aufwand.«

»Aber du hättest etwas Nützliches beisteuern können, Schatz.«

Ellis Ohren klingelten. »Nenn mich bitte nicht so. Wir sind schon seit Jahren getrennt.«

»Du bleibst für mich trotzdem immer mein größter Schatz, das weißt du.«

Das Lächeln in seiner warmen Stimme war noch da, obwohl Elli ihm einen Korb nach dem anderen gab.

Sie war einfach nicht bereit für diese Beziehung gewesen und wollte nun lieber die Freundschaft mit Marcel retten.

Er war ein liebenswerter, hilfsbereiter, attraktiver Mann, der bereits auf dem Abschlussball ihrer Schule ein Auge auf Elli geworfen hatte. Im Anschluss hatten sie sich ein paarmal getroffen und miteinander geschlafen, aber Elli hatte sich nie richtig festlegen wollen, weil sie immer das Gefühl gehabt hatte, sonst etwas zu verpassen.

Als sie nach mehreren Umwegen dann doch in einer Beziehung gelandet waren, hatte sie sich sofort eingeengt gefühlt und das Ganze lieber in Freundschaft beendet.

Marcel würde eines Tages über sie hinwegkommen und sich anderweitig umsehen. An gutem Aussehen und Intelligenz mangelte es dem Jurastudenten jedenfalls nicht.

»Nun stehe ich wieder ohne Job da«, sagte sie, um das Thema zu wechseln.

Er seufzte leise, weil er ihren Plan natürlich durchschaute. Immer wenn es ernster wurde, wich Elli aus und redete lieber über etwas anderes als ihre Beziehung. Zum Glück spielte er mit.

»Das ist bereits der dritte Job in einem halben Jahr. Du hast einen größeren Verschleiß an Jobs als dein Bruder bei den Frauen.« Er lachte. »Wie geht es Patrick eigentlich?«

Elli holte tief Luft. »Keine Ahnung, und das darf gern so bleiben«, antwortete sie gepresst. Wäre sie heute bei besserer Laune gewesen, hätten sie über das angespannte Verhältnis zu Mara und Patrick reden können. »Ich habe die beiden seit drei Jahren weder gesehen noch gesprochen.«

Marcel wusste sofort, dass er das Thema nicht wieder anschneiden sollte, wenn er einen netten Abend bei Kerzenschein, Pizza und Naturdokus verbringen wollte, die Elli so gern sah, wenn sie Entspannung brauchte.

Sie kämmte ihre braunen Locken etwas zu hektisch durch und riss sich schmerzhaft ein paar Haare aus. Die blonden Strähnchen mussten unbedingt aufgefrischt werden, weil die Farbe sie sonst zu sehr an ihre Geschwister erinnerte, die denselben langweiligen Braunton hatten wie ihre verstorbene Mutter.

»Wie wäre es mit einem Job in der Veterinärmedizin?«, fragte sie frei heraus und steckte die Bürste weg. Danach warf sie sich ihren Rucksack auf den Rücken und löschte das Licht in der Umkleidekabine.

»Du zwischen kratzenden Katzen und schnappenden Hunden?« Wieder lachte Marcel.

»Ich liebe Hunde, wie du weißt.«

»Ja, aber keine Reptilien und Vögel. Vor Letzteren hast du sogar ziemlichen Respekt, hast du mir bei unserem ersten Date gebeichtet. Die Schnäbel und starren Augen machen dir Angst.«

Wo er recht hatte ...

»Na schön, dann lieber etwas anderes.« Elli stieß die Tür zum Treppenhaus auf. »Ich habe es nun bereits im Supermarkt, als Sprechstundenhilfe meines Hausarztes, beim Anpacken im Möbelgeschäft, in einer Tierhandlung und als Krankenschwester versucht. In einer Kanzlei wollten sie mich nicht sehen, weil ich keinerlei Abschlüsse vorzuweisen habe, und als Lehrerin brauche ich mich deshalb auch gar nicht erst zu bewerben. Selbst Quereinsteiger brauchen eine Berufsausbildung.« Sie klang mit jedem Wort frustrierter. »Also wird es wohl doch die große Karriere bei einer Fastfood-Kette.«

»Nun sieh doch nicht gleich schwarz, Scha ... Elli.« Gerade noch die Kurve bekommen. »Du wirst deine Bestimmung finden, da bin ich mir sicher. Es war eben noch nicht das Richtige dabei. Eigentlich ist es doch großartig, dass du so schnell weißt, was du nicht willst.«

Nun musste Elli lachen. »Ich? Ich weiß überhaupt nichts. Du weißt am besten, dass ich mich bei gar nichts entscheiden kann und immer auf dem Sprung bin. So bin ich nun einmal, und ich werde mich wohl nie ändern, auch wenn du das hoffst. Bitte zieh weiter, Marcel, und häng nicht an mir. Du hast was Besseres verdient.«

»Sag so etwas nicht, das klingt, als wolltest du für immer aus meinem Leben verschwinden«, erwiderte er niedergeschlagen.

Das wäre wohl das Beste für dich, dachte sie, entschied sich aber zu einer anderen Antwort.

»Du weißt, wie wichtig du mir bist. Aber das Leben geht weiter, und du möchtest nicht ewig hoffen und bangen. Da draußen ist sicher eine erfolgreiche Notarin, die nur auf einen feschen Anwalt wie dich wartet.«

»Noch bin ich keiner, und bis dahin ist es ein langer Weg.«

Elli seufzte wehmütig, als sie endlich vor der richtigen Tür stand. »Ich wünschte, ich hätte deine Weitsicht. Du setzt dir Ziele und verfolgst sie jedes Mal strikt, bis du sie erreichst.«

»Auch das ist nicht immer das, was ein Leben ausmacht, Elli. Gib mir ruhig etwas von deiner Brausebirne ab, dann ist mein Leben weniger langweilig und geordnet. Ein bisschen Chaos kann nicht schaden.«

Sie verabredete sich mit Marcel vor ihrer Wohnung und legte auf. Danach hob sie den Arm zum Klopfen.

»Guten Tag, Frau Heyn!«, hörte sie eine tiefe Stimme in ihrem Rücken und wandte sich um. »Wollten Sie zu mir? Wieso sind Sie denn nicht in Ihrer Arbeitsbekleidung? Sie werden doch nicht etwa krank?« Dr. Müller öffnete die Tür und ließ sie vorangehen.

Es tat Elli im Herzen weh, ihm zu erklären, dass sie kündigte und andere Wege einschlug, weil die Arbeit im Krankenhaus doch nichts für sie war.

Augen zu und durch, dachte sie und brachte es hinter sich.

Glücklicherweise war der Chefarzt ein freundlicher und nicht nachtragender Mann, der ihr viel Glück wünschte und sie jederzeit willkommen hieß, wenn sie es sich anders überlegte.

Als Elli vor der Klinik stand, raufte sie sich die schulterlangen Haare und ging wütend auf und ab. Sie musste ihre Gedanken sortieren, bevor sie zur Haltestelle ging und nach Hause fuhr, wo womöglich Marcel bereits auf sie wartete, weil er heute keine Vorlesung hatte.

Für gewöhnlich ließ er alles stehen und liegen, wenn Elli ihn brauchte. Etwas, das viele Frauen sicher toll gefunden hätten, aber sie war anders und mochte es nicht, wenn ihr ein Mann hinterherlief, Elli seine ewige Liebe schwor und alles für sie tat.

Wieso kann ich nicht ein Mal im Leben alles richtig machen? Warum will ich mich partout nicht entscheiden? Was bereitet mir solche Angst, dass ich überall davonlaufe?

Keine dieser Fragen konnte sie sich beantworten und lehnte im Bus ihren Kopf gegen die kalte Fensterscheibe, um sich wenigstens ein bisschen zu entspannen, ehe sie auf den anhänglichen Marcel traf. Dessen Nähe tat ihr zwar gut, aber er übertrieb es meistens und wollte dann gar nicht mehr gehen oder am liebsten mit ihr auf der Couch kuscheln wie ein richtiges Pärchen.

Sie bereute es, ihm wieder einmal von ihrer Misere erzählt zu haben. Aber außer Marcel hatte sie niemanden, mit dem sie reden konnte, nicht einmal mehr mit Mara und Patrick.

Monatelang hatte sie die beiden aus ihrem Kopf verdrängt, aber nun fragte sie sich ebenfalls, was sie wohl machten und wie es ihnen ging.

Schnell steckte sie sich kabellose Kopfhörer in die Ohren und verband diese über Bluetooth mit ihrem Handy. Als die ersten Bässe ihr Gehör trafen, verschwanden die Bilder ihrer Geschwister so schnell, wie sie aufgetaucht waren. Endlich entspannte Elli bei Hardrock und lauten Stimmen.

Doch als wäre dieser Tag nicht schon schlimm genug gewesen, ploppte ausgerechnet jetzt die E-Mail ihres Familienanwalts Dr. Martin Kramm auf, der die Heyns seit der hässlichen Scheidung ihrer Eltern vertrat und ihnen in allen Belangen rund um die Beerdigung ihrer Mutter geholfen hatte. Dank ihm trugen alle drei Kinder auch wieder den Nachnamen der Mutter, statt an ihren schlechten Vater erinnert zu werden.

Elli überflog die Nachricht und musste sie dreimal lesen, um den Inhalt zu verstehen. Sie drehte im Anschluss die Musik noch etwas lauter, um die Gedanken in ihrem Kopf zu übertönen.

♥♥♥

Mara sank gegen die breite Brust ihres Mannes und schöpfte dort neuen Mut. Sie hatte nicht umsonst Angst vor dem nächsten Besuch im Krankenhaus gehabt. Wenigstens war sie mit diesem Gefühl nicht allein.

Kaum hatte sie das Zimmer ihrer achtjährigen Tochter Anja verlassen, wich alle Kraft aus ihr, und sie schluchzte leise in Daniels Hemd.

Ihr Mann streichelte Mara über den Rücken und küsste ihr dunkles Haar. Sie musste die Brille absetzen und putzen, um noch etwas zu sehen, denn das Glas beschlug so nah an seinem warmen Körper.

»Es wird alles gut.«

»Das hast du auch schon vor einem halben Jahr gesagt, und nun sieh, wo wir heute stehen – wo sie steht.« Mara deutete verzweifelt zur Tür, hinter der ihr kleines Mädchen mit einem Schlauch im Arm und einer Beatmungsmaske lag. »Sie sollte rausgehen und spielen, toben und Freunde finden, zur Schule gehen wie ganz normale Kinder in ihrem Alter ...«

»Ich weiß. Das ist nicht fair, aber wir können es nicht ändern. Alles, was in unserer Macht steht, haben wir getan. Sie ist nun in den besten Händen.«

Einerseits hatte sie Daniels innere Ruhe und seinen Pragmatismus immer geliebt, doch heute hätte sie sich etwas mehr Emotionen und Wut von ihm gewünscht, um nicht allein damit zu sein. Sollte er ruhig Gott und die Welt dafür verfluchen, dass es ausgerechnet ihre Anja getroffen hatte ...

Mara verspürte diese Wut jeden Tag, seit sie die Diagnose kannten. Ihre Tochter litt an Lupus, einer chronischen Autoimmunerkrankung, die die eigenen Organe und das Immunsystem angriff und eine fortschreitende Schwäche verursachte.

Jeder Infekt bedeutete für Anjas Körper eine riesige Herausforderung.

Und von Mal zu Mal reagierte sie mit gravierenderen Symptomen.

Heute waren sie vom Kinderarzt wegen einer Lungenentzündung ins Krankenhaus geschickt worden. Ihre Kleine bekam ohne Hilfe nicht genug Sauerstoff.

Das anschließende Gespräch mit Dr. Martens, Anjas behandelndem Arzt, war nicht zufriedenstellend, sondern schürte nur noch mehr Angst um das Leben ihrer Tochter.

»Aber kann man denn gar nichts tun?«, wisperte Mara und hielt Daniels Hand immer verkrampfter.

Er ließ sich den Schmerz nicht anmerken, als sich ihre Fingernägel in sein Fleisch bohrten. Tapfer hielt er ihr die Taschentücher hin.

»Es tut mir leid, dass ich Ihnen noch keine guten Nachrichten überbringen kann, aber wir arbeiten stetig an einer Lösung.«

Das klingt, als wäre ihr Kind eine verfluchte Mathematikaufgabe! In ihr grollte es, doch sie blieb ruhig, wie sie es immer vor anderen war. Mara verlor selten die Fassung, sondern versuchte, erwachsen und mit Weitsicht an die Dinge heranzugehen.

Seit sie sich von ihrer Familie gelöst hatte, verlief ihr Leben endlich wieder in geordneten Bahnen – hatte sie gedacht. Nun wurde es durch Anjas Diagnose vollkommen auf den Kopf gestellt und ließ sie als Mutter verzweifeln.

Daniels Entsetzen über die Hilflosigkeit des Facharztes zeigte sich nur in seinem kalkweißen Gesicht. Er sah aus, als müsste er sich jeden Augenblick übergeben.

»Es gäbe da eine Möglichkeit«, sagte der Mann im weißen Kittel und lehnte seine Arme auf den breiten Schreibtisch.

Beide Elternteile rutschten bis an die Stuhlkante vor.

Dieser eine Satz reichte aus, damit Mara neue Hoffnung schöpfte. Sie griff nach jedem Strohhalm, den man ihr reichte. »Wovon sprechen Sie? Eine neue Studie, an der unsere Tochter teilnehmen könnte?«

»Nicht direkt. Die Studien werden bereits in den USA durchgeführt, das Mittel wird längst an Probanden getestet. Aber ich könnte vereinbaren, dass Anja ebenfalls behandelt wird. Bislang gibt es gute Ergebnisse.«

»Dann tun Sie das bitte«, sagte Daniel ebenso ruhig wie der Mediziner. »Wieso haben Sie das nicht längst gemacht, statt abzuwarten, dass unser Kind immer schwächer wird? Anja leidet in diesem Bett. Vielleicht erreicht sie durch das schlechte Immunsystem nie ein Erwachsenenalter.«

Der Arzt hob beschwichtigend die Hände. »Sachte, Herr Wagenstedt. Wir müssen mit den Mitteln arbeiten, die uns gegeben sind, und erst jetzt wurde die Studie offengelegt.«

»Wo ist der Haken?«, fragte Mara klar heraus. »Es gibt doch immer einen.«