Die zwei Jesusknaben - Josef F. Justen - E-Book

Die zwei Jesusknaben E-Book

Josef F. Justen

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Beschreibung

In der Heiligen Schrift verbergen sich unzählige Geheimnisse, die sich uns Menschen nicht so ohne weiteres erschließen. Somit ist es auch keineswegs verwunderlich, dass die Theologen und Exegeten sie nicht zu entschlüsseln vermögen. Diese Mysterien können nur von einem hohen Geistesseher und Eingeweihten - wie insbesondere Rudolf Steiner (1861 bis 1925) einer war - enträtselt und der Menschheit offenbart werden, wenn es für sie an der Zeit ist. In diesem Büchlein geht es um ein besonders großes Geheimnis, das den Menschen lange Zeit nicht preisgegeben werden durfte, weil sie es bis vor gut 100 Jahren noch nicht hätten verstehen und vertragen können. Dieses Geheimnis betrifft die Wesenheit des Jesus von Nazareth, der im 30. Lebensjahr zum Träger des Christus wurde. Für einige Leser mag es nun etwas schockierend, vielleicht sogar anstößig sein, im Folgenden zu erfahren, dass in Bethlehem zwei verschiedene Jesusknaben zur Welt kamen. In dieser Schrift soll dargestellt werden, warum es notwendigerweise dieser zwei Jesus-Persönlichkeiten bedurfte, wodurch sie sich unterschieden und was ihre Mission war. Die Zeit des blinden und naiven Glaubens, der in früheren Zeiten noch hinreichend war, ist längst vorbei. Wir müssen uns heute mit all unseren Seelenkräften bemühen, um ein Verständnis für dieses große Mysterium gewinnen zu können.

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Seitenzahl: 179

Veröffentlichungsjahr: 2025

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In Jesus trat der Christus

als Mensch in die Erdenwelt.

Jesu Geburt auf Erden

ist eine Wirkung des Heiligen Geistes,

der um die Sündenkrankheit

an dem Leiblichen der Menschheit

geistig zu heilen, den Sohn der Maria

zur Hülle des Christus bereitete.

Rudolf Steiner[1]

Dieses Buch kann als eine komplett überarbeitete und ganz erheblich ergänzte und erweiterte Neuauflage unserer 2020 erschienenen Schrift »Die zwei Jesusknaben und ihr Heranreifen zum Christus-Träger« betrachtet werden.

Anlässlich des 100. Todestages Rudolf Steiners am 30. März 2025, dem wir die tiefen Erkenntnisse verdanken, die in diesem Buch dargestellt werden, haben wir uns im Gedenken daran zu dieser Überarbeitung entschlossen.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1 Die Kindheitsgeschichte Jesu in den Evangelien

1.1 Geburt und frühe Kindheit Jesu

1.1.1 1. Schilderung

1.1.2 2. Schilderung

1.1.3 Ein Vergleich der beiden Schilderungen

1.2 Widersprüche in den Erzählungen über die Geburt und Kindheit Jesu

1.2.1 Die Abstammung Jesu

1.2.2 Die Geburtsstätte Jesu

1.2.3 Der Wohnort der Eltern Jesu

1.2.4 Die Anweisung, dem Knaben den Namen »Jesus« zu geben

1.3 Ungereimtheiten in den Erzählungen über die Kindheit Jesu, die Fragen aufwerfen

1.3.1 Geschehnisse, über die nur Lukas schreibt

1.3.2 Geschehnisse, über die nur Matthäus schreibt

1.4 Woher wussten Lukas und Matthäus eigentlich von den Ereignissen, über die sie berichten?

1.5 Die Auflösung der

scheinbaren

Widersprüche in den beiden Kindheitsschilderungen

1.6 Warum scheint es im konfessionellen Christentum nicht bekannt zu sein, dass es zwei Jesusknaben gab?

2 Was ist der Mensch? – Die Wesensglieder des Menschen

(Exkurs)

2.1 Der physische Leib

2.2 Der Ätherleib

2.3 Der Astralleib

2.4 Das Ich

2.5 Körper, Seele und Geist

2.6 Zukünftige Wesensglieder

2.6.1 Das Geistselbst

2.6.2 Der Lebensgeist

2.6.3 Der Geistesmensch

3 Die zwei Jesusknaben

3.1 Der nathanische Jesusknabe

3.1.1 Eigenschaften und besondere Fähigkeiten des nathanischen Jesusknaben

3.1.2 Die Verbindung des Buddha mit dem nathanischen Jesusknaben

3.1.2.1 Die Darbringung des Jesuskindes im Tempel

3.1.2.2 Die ›himmlischen Heerscharen‹ bei den Hirten

3.1.3 Die Mutter des nathanischen Jesus

3.2 Der salomonische Jesusknabe

3.2.1 Der Besuch der Weisen aus dem Morgenland

3.2.2 Das Ich des salomonischen Jesus

3.2.3 Eigenschaften und besondere Fähigkeiten des salomonischen Jesusknaben

3.2.4 Die Mutter des salomonischen Jesus

4 Jesus von Nazareth

4.1 Die ›Verschmelzung‹ der beiden Jesusknaben

4.2 Die unbekannten achtzehn Jahre im Leben des Jesus von Nazareth

4.2.1 Das erste prägende Seelenerlebnis Jesu

4.2.2 Das zweite prägende Seelenerlebnis Jesu

4.2.3 Das dritte prägende Seelenerlebnis Jesu

4.2.4 Das höchst bedeutsame Gespräch mit seiner Mutter

5 Johannes der Täufer und die Menschwerdung Christi

5.1 Johannes der Täufer und seine Mission

5.2 Die Menschwerdung Christi

5.3 Christus-Jesus

5.4 Meister Jesus

5.5 Sophia – die Mutter Jesu

Anhang

Rudolf Steiner und die Anthroposophie

Die zwei Jesusknaben in der Malerei

Quellennachweis

Literaturverzeichnis

Buchempfehlung

Ich bin überzeugt,

dass die Bibel immer schöner wird,

je mehr man sie versteht, das heißt,

je mehr man einsieht und anschaut,

dass jedes Wort, das wir allgemein auffassen

und im Besonderen auf uns anwenden,

nach gewissen Umständen,

nach Zeit- und Ortsverhältnissen

einen eigenen, besonderen,

unmittelbar individuellen Bezug gehabt hat.

Johann Wolfgang von Goethe

Vorwort

In der Heiligen Schrift verbergen sich unzählige Geheimnisse, die sich uns Menschen nicht so ohne weiteres erschließen. Somit ist es auch keineswegs verwunderlich, dass die Theologen und Exegeten sie nicht zu entschlüsseln vermögen.

Diese Mysterien können nur von einem hohen Geistesseher und Eingeweihten – wie insbesondere Rudolf Steiner (1861 bis 1925) einer war – enträtselt und der Menschheit offenbart werden, wenn es für sie an der Zeit ist.

In diesem Büchlein geht es um ein besonders großes Geheimnis, das den Menschen lange Zeit nicht preisgegeben werden durfte, weil sie es bis vor gut 100 Jahren noch nicht hätten verstehen und vertragen können. Dieses Geheimnis betrifft die Wesenheit des Jesus von Nazareth, der im 30. Lebensjahr zum Träger des Christus wurde.

Für einige Leser mag es nun etwas schockierend, vielleicht sogar anstößig sein, im Folgenden zu erfahren, dass in Bethlehem zwei verschiedene Jesusknaben zur Welt kamen. In dieser Schrift soll dargestellt werden, warum es notwendigerweise dieser zwei Jesus-Persönlichkeiten bedurfte, wodurch sie sich unterschieden und was ihre Mission war.

Die Zeit des blinden und naiven Glaubens, der in früheren Zeiten noch hinreichend war, ist längst vorbei. Wir müssen uns heute mit all unseren Seelenkräften bemühen, um ein Verständnis für dieses große Mysterium gewinnen zu können.

»Wenn die Menschen die Wahrheit gewöhnlich gern einfach haben möchten, so rührt das von der menschlichen Bequemlichkeit her, die sich nicht gerne viel Begriffe machen will; aber die größten Wahrheiten sind auch nur durch die größten Anstrengungen der geistigen Kräfte zu schauen. Wenn der Mensch schon die größten Anstrengungen machen muss, um eine Maschine zu beschreiben, so darf er erst recht nicht verlangen wollen, dass die größten Wahrheiten auch die einfachsten sein sollen. Die Wahrheit ist groß und deshalb kompliziert, und wir müssen unsere geistigen Kräfte schon anstrengen, wenn wir nach und nach die Wahrheiten verstehen wollen, die sich auf das Ereignis von Palästina beziehen. Es möge sich auch keiner dem Einwand hingeben, dass die Dinge zu kompliziert dargestellt würden; sie werden so dargestellt, wie sie sind, und sie sind so, weil wir es mit der größten Tatsache der Erdenentwickelung zu tun haben.«[2]

Anmerkungen:

»Alle aus unterschiedlichen Quellen entnommenen Zitate in diesem Buch sind kursiv gedruckt.«

»Zitate aus der Heiligen Schrift sind eingerückt.«

»Die im Text eingebetteten Original-Zitate aus Büchern und Vorträgen Rudolf Steiners sind in einer anderen Schriftart gedruckt, um auf den ersten Blick als solche erkannt zu werden.«

Alle Zitate aus dem Neuen Testament sind – soweit nicht anders angegeben – in der Übersetzung von Heinrich Ogilvie (1893 bis 1988), Gründungsmitglied und Priester der Christengemeinschaft, wiedergegeben.

Alle älteren Zitate in diesem Buch sind an die heute gültige Rechtschreibung angepasst.

Kapitel 1

Die Kindheitsgeschichte Jesu in den Evangelien

In diesem einleitenden Kapitel wollen wir den Blick darauf richten, was man den Evangelien über die Geburt und die Kindheit Jesu entnehmen kann.

Wie wir sehen werden, wird man dabei auf einige Widersprüche und Ungereimtheiten stoßen.

1.1 Geburt und frühe Kindheit Jesu

Wenn jemand, der sich auf die Evangelien beruft, über die Geburt und frühe Kindheit Jesu erzählen möchte, so könnte er zu einer der beiden folgenden Schilderungen greifen.

1.1.1 1. Schilderung

In der Stadt Nazareth in Galiläa lebte eine Jungfrau. Ihr Name war Maria. Sie war verlobt mit einem Manne namens Joseph aus dem Hause Davids.

In der Zeit, als Elisabeth mit Johannes dem Täufer im sechsten Monat schwanger war, wurde der Engel Gabriel von Gott zu Maria gesandt. Als der Engel ihr dann erschien, begrüßte er sie, sprach sie als »Begnadete« an und sagte, dass der Herr mit ihr sei.

Maria war aufgrund dieser erhabenen Erscheinung und dieses außergewöhnlichen Grußes ganz außer sich und verstand die Worte des Engels nicht. Gabriel sagte ihr, sie solle sich nicht fürchten. Dann verhieß er ihr, dass sie schwanger werde und einen Sohn gebären werde, den sie Jesus nennen solle. Dieser werde ein Sohn des Höchsten genannt werden und Gott, der Herr werde ihm den Thron seines Vaters David geben. Er werde für alle Zeiten König sein über das Haus Jakobs.

Maria war ganz bestürzt und verstand die Prophezeiung nicht, da sie sich nicht bewusst war, jemals mit einem Mann zusammen gewesen zu sein. Folglich konnte sie sich nicht erklären, dass sie schwanger war oder werden könnte. Da antwortete ihr der Engel, dass der Heilige Geist über sie kommen und die Kraft des Höchsten sie überschatten werde. Weiter sagte er, dass der Sohn, den sie gebären werde, »Sohn Gottes« genannt werde.

Dann verließ der Engel sie wieder.

In jenen Tagen, als Quirinus Statthalter von Syrien war, erging ein Erlass des Kaisers Augustus: Alle Bewohner des Reiches sollten sich registrieren lassen. Es war die erste Volkszählung. Alle machten sich auf in ihre Vaterstadt, um sich eintragen zu lassen.

Auch Joseph, der aus der Sippe Davids stammte, befolgte die Anweisung und zog mit seiner schwangeren Frau nach Bethlehem in Judäa, der Stadt Davids, um sich dort registrieren zu lassen.

Als sie dort angekommen waren, kam für Maria die Stunde ihrer Niederkunft und sie gebar einen Sohn, ihren erstgeborenen. Da die Familie keine Herberge fand, wickelte sie das Kind in Windeln und bettete es in eine Krippe.

In der Gegend waren Hirten auf dem Feld, die bei ihrer Herde Nachtwache hielten. Da erschien ihnen plötzlich ein Engel des Herrn. Die Hirten wurden von mächtiger Furcht ergriffen. Der Engel beruhigte sie und sagte, dass sie sich nicht fürchten müssten, da er eine große Freude, die für alle Menschen bestimmt sei, zu bringen habe.

Dann verkündete der Engel, dass der Heilsbringer in der Stadt Davids geboren sei, und dass sie das neugeborene Kind in Windeln gewickelt in einer Krippe liegend finden werden.

Plötzlich waren bei dem Engel die himmlischen Heerscharen, die Gott mit erhabenen Worten priesen.

Als die Engelerscheinungen vorüber waren, beschlossen die Hirten, sich sofort auf den Weg nach Bethlehem zu machen, um Zeugen von diesem Ereignis zu werden.

Als sie dort ankamen, fanden sie Maria und Joseph sowie das Kind, das in einer Krippe lag. Sie berichteten von den Worten, die der Engel zu ihnen gesprochen hatte, und alle, die es hörten, staunten.

Dann kehrten die Hirten wieder heim. Sie priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten.

Als der Knabe acht Tage alt war, musste er nach jüdischem Brauch beschnitten werden. In diesem Zuge wurde ihm der Name Jesus gegeben, wie es der Engel Gabriel der Maria aufgetragen hatte.

Als vierzig Tage nach der Geburt Jesu die Tage der Reinigung erfüllt waren, musste Jesus als erstgeborener Sohn Marias im Tempel symbolisch dem Herrn übergeben bzw. »dargebracht« werden, wo er durch ein Geldopfer ausgelöst werden konnte.

Als Maria und Joseph den Jesusknaben gerade in den Tempel hineintrugen, um ihn darzubringen, trat ein alter Mann namens Simeon heran. Dieser fromme und gerechte Mann hatte die Weissagung empfangen, dass er nicht eher sterben werde, bis er den Gesalbten des Herrn erblickt habe.

Als dieser das Kind sah, war er ganz entzückt, nahm es auf seine Arme und pries Gott. Dann segnete er Jesu Eltern, die über das, was er sagte, sehr verwundert waren.

Nachdem die Eltern alles nach dem jüdischen Gesetz vollbracht hatten, kehrten sie nach Nazareth zurück.

1.1.2 2. Schilderung

In der Stadt Bethlehem in Judäa lebte in der Zeit des Königs Herodes ein Mann namens Joseph aus dem Hause Davids. Joseph war verlobt mit einer Frau, die den Namen Maria trug.

Noch ehe die beiden zusammenzogen, wurde Maria schwanger. Joseph, der ein gerechter Mann war, wollte Marias Geheimnis nicht dem Gerede der Menschen preisgeben. So beschloss er, sie in Stille zu verlassen.

Da erschien ihm im Traum ein Engel des Herrn und trug ihm auf, Maria als seine Frau zu sich zu nehmen, da sie ein Kind erwarte, das unter dem Walten des Heiligen Geistes empfangen worden sei. Dem Sohn, den sie gebären werde, solle er den Namen Jesus geben.

Nachdem Joseph aus dem Traum erwachte, befolgte er das Geheiß des Engels. Er nahm seine Frau zu sich in sein Haus. Als Maria dann einen Sohn gebar, gab er ihm den Namen Jesus.

Nachdem Jesus geboren war, kamen Priesterweise bzw. Sternenkundige aus dem Morgenland nach Jerusalem. Sie suchten nach dem, der als König der Juden geboren war, um ihm zu huldigen. Sie hatten seinen Stern aufgehen sehen, der sie bis hierher geführt hatte.

Als Herodes davon Kunde erhielt, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem. Er ließ alle Hohenpriester und Schriftgelehrten zusammenkommen, um von ihnen einen Hinweis darauf zu erhalten, wo der Messias geboren wurde. Sie sagten ihm, dass der Messias gemäß dem Wort des Propheten in Bethlehem in Judäa zur Welt kommen werde.

Dann berief Herodes heimlich die Priesterweisen herbei und ließ sich von ihnen genau die Zeit angeben, wann der Stern erschienen war. Anschließend sandte er sie nach Bethlehem und gab ihnen den Auftrag, gründlich nach dem Kind zu forschen und ihm unter dem Vorwand, dem Kindlein auch huldigen zu wollen, anschließend Bericht zu erstatten.

Daraufhin machten sich die Weisen auf den Weg. Der Stern, den sie im Aufgehen gesehen hatten, zog vor ihnen her, bis er an dem Orte stehenblieb, wo das Kind war.

Es ergriff sie übermächtige Freude. Sie traten in das Haus ein und sahen das Kind mit seiner Mutter. Sie fielen vor ihm nieder und huldigten ihm. Dann öffneten sie ihre Schatzkästen und schenkten dem Kindlein ihre Gaben: Gold, Weihrauch und Myrrhe.

Im Traum empfingen die Weisen die Aufforderung, nicht zu Herodes zurückzukehren. So zogen sie auf einem anderen Weg zurück in ihr Land.

Als sie weggezogen waren, erschien Joseph im Traum wieder der Engel des Herrn und wies ihn an, mit dem Kind und seiner Mutter nach Ägypten zu fliehen, weil Herodes nach dem Kind suchen lasse, um es zu töten.

Joseph stand auf und nahm noch in der gleichen Nacht das Kind und seine Mutter und machte sich mit ihnen auf den Weg nach Ägypten.

Als Herodes gewahr wurde, dass die Priesterweisen ihn getäuscht hatten, geriet er in großen Zorn. Er sandte seine Leute aus und befahl ihnen, alle Knaben im Alter von bis zu zwei Jahren in Bethlehem und der ganzen Umgebung zu töten. Dadurch – so glaubte er – würde auch der neugeborene König der Juden, der ihm seinen Thron streitig machen könnte, getötet werden.

Nachdem Herodes gestorben war, erschien Joseph in Ägypten erneut der Engel des Herrn im Traum und gab ihm die Anweisung, mit dem Kind und der Mutter wieder in das Land Israel zurückzukehren.

Da stand Joseph auf, nahm das Kind und seine Mutter und kehrte in das Land Israel zurück.

1.1.3 Ein Vergleich der beiden Schilderungen

Für einen Leser, der in einem christlichen Umfeld aufgewachsen ist, dürften diese beiden Erzählungen gewiss nicht neu sein. Er wird das, was das Neue Testament über die Geburt und die frühe Kindheit Jesu schildert, schon im Religionsunterricht, in der Kirche oder auch im Familienkreis häufig gehört haben.

Dennoch könnte er – insbesondere dann, wenn er die Evangelien noch nie sehr gründlich und aufmerksam gelesen haben sollte – ein wenig verwundert sein. Er wird vielleicht glauben, dass die ihm vertraute Kindheitsgeschichte Jesu, die man oftmals auch als »Weihnachtsgeschichte« bezeichnet, hier auseinandergerissen und in zwei recht verschieden klingende Geschichten verpackt wurde. Schließlich kennen wir alle das Szenario, das in den vielen Krippen, die in Kirchen, öffentlichen Einrichtungen und auch in etlichen Wohnstuben zur Weihnachtszeit aufgestellt werden, dargestellt wird.

In diesem findet man bekanntlich sowohl die Hirten als auch die Weisen aus dem Morgenland, die üblicherweise als die »Heiligen Drei Könige« bezeichnet werden.

Von den Königen ist aber in der ersten Schilderung und von den Hirten in der zweiten nicht die Rede.

Also könnte ein solcher Leser vermuten, dass die biblische Erzählung über die Geburt und die frühe Kindheit Jesu hier zersplittert worden ist.

Das ist aber keineswegs der Fall! Richtig ist das Gegenteil: Die uns vertraute Erzählung der Geburt und Kindheit Jesu stellt vielmehr eine Vermischung zweier verschiedener Berichte dar. Auf künstliche Art werden in der üblichen Weihnachtsgeschichte zwei völlig verschiedene Schilderungen zu einer Legende verwoben.

Die erste Schilderung, die hier gegeben wurde, orientiert sich sehr, sehr eng – zum Teil sogar fast wörtlich – an dem, was der Evangelist Lukas[1] erzählt. Die zweite lehnt sich sehr eng an den Bericht an, den Matthäus[2] gibt. Lukas und Matthäus sind im Übrigen die einzigen Evangelisten, die über die Geburt und frühe Kindheit Jesu schildern. Sie werden in der kompletten Heiligen Schrift nichts Wesentliches über die Kindheit Jesu finden, was über das hier Dargestellte hinausginge. Es gibt nur eine Ausnahme, auf die wir an späterer Stelle Kapitel 4, S. →ff.) noch ausführlich eingehen werden. Gemeint ist damit die Erzählung von dem zwölfjährigen Jesus im Tempel, die wir im Lukas-Evangelium finden.

Am Rande sei noch erwähnt, dass sich interessanterweise weder bei Lukas noch bei Matthäus ein Hinweis darauf finden lässt, dass ein Ochse und ein Esel an der Krippe standen, wie wir das aus vielen Erzählungen und Darstellungen kennen. Diese Information findet man nur im »Pseudo-Matthäus-Evangelium«, das zu den Apokryphen, also denjenigen Schriften gehört, die nicht in den Kanon der Bibel aufgenommen wurden. Hier heißt es:

»Am dritten Tage nach der Geburt des Herrn verließ Maria die Höhle und ging in einen Stall. Sie legte den Knaben in eine Krippe, und ein Ochse und ein Esel beteten ihn an. Da ging in Erfüllung, was durch den Propheten Habakuk gesagt ist: ›Zwischen zwei Tieren wirst du erkannt‹.«

1.2 Widersprüche in den Erzählungen über die Geburt und Kindheit Jesu

Wenn man die beiden Kindheitserzählungen bei Lukas und Matthäus aufmerksam und unbefangen liest, kommt man nicht umhin zuzugeben, dass diese nicht nur höchst unterschiedlich, sondern sogar sehr widersprüchlich sind.

Wir wollen zunächst diese ganz offensichtlichen Widersprüche betrachten.

1.2.1 Die Abstammung Jesu

Der erste und deutlichste Widerspruch, der im Grunde gar nicht zu überlesen ist, betrifft die Abstammung bzw. die Vorfahren Jesu. Wie Sie im Neuen Testament nachlesen können, geben sowohl Lukas[3] als auch Matthäus[4] die Abstammung Jesu sehr ausführlich an. Solche Geschlechtsregister wurden im jüdischen Kulturkreis stets ganz gewissenhaft geführt, so dass man gröbere Fehler oder Irrtümer ausschließen kann. Es werden in den beiden Evangelien die männlichen Vorfahren – bis hin zu Jesu Vater Joseph – aufgelistet. In der heutigen Genealogie würde man bei dieser Auflistung von der »Stammlinie« sprechen. Lukas beginnt bei Adam (76 Generationen), Matthäus beginnt ›erst‹ bei Abraham, dem Stammvater der Juden (42 Generationen). Von Abraham bis zu König David (14 Generationen) sind beide Generationenfolgen identisch. Gemäß beiden Evangelisten stammt Jesus also aus dem Königshause David ab. Bis dahin kann man somit noch nicht von einer widersprüchlichen Darstellung sprechen.

Nun kommt aber der entscheidende Unterschied!

Gemäß Lukas gehört Jesus der nathanischen Linie an. Er ist also ein Nachfahre von Davids Sohn Nathan. Laut der Darstellung, die man bei Matthäus findet, entstammt er der salomonischen Linie und ist somit ein Nachfahre von Davids Sohn Salomon, einem Bruder Nathans. Ab David treten in den beiden Linien lediglich drei gleiche Namen auf: Salathiel und Zorobabel sowie Joseph als Vater. Ob mit diesen Namen dieselben Persönlichkeiten gemeint sind, wollen wir zunächst noch offenlassen.

Natürlich sind diese Unstimmigkeiten in den Abstammungslinien auch schon den Kirchenvätern des frühen Christentums aufgefallen. Da das Problem nicht lösbar zu sein schien, entschloss man sich dazu, der Auflistung der Vorfahren eine bloß symbolische Bedeutung beizumessen. Über diese Sichtweise sind die Theologen und Kirchenlehrer bis zum heutigen Tag nicht hinausgekommen. So schrieb auch der ehemalige Papst Benedikt XVI. (1927 bis 2022) in seinem 2012 erschienenen Buch »Jesus von Nazareth«:

»Wie soll man das erklären? Abgesehen von Elementen, die dem Alten Testament entnommen sind, haben beide Autoren mit Überlieferungen gearbeitet, deren Quellen wir nicht rekonstruieren können. Es scheint mir schlicht überflüssig, Hypothesen darüber aufzustellen. Beiden Evangelisten kommt es nicht auf die einzelnen Namen an, sondern auf die symbolische Struktur, in der sich der Ort Jesu in der Geschichte darstellt.«[5]

Wenn man zu bequem ist, sich um ein wahres Verständnis für die Heilige Schrift zu bemühen, könnte man mit diesem Totschlagargument auch gleich bei allen Stellen in der Bibel, die man nicht sofort versteht, sagen, sie hätten nur eine symbolische Bedeutung! So könnte man selbst die Auferstehung und die Himmelfahrt Christi als etwas nur Symbolisches herabwürdigen und entweihen!

Es soll hier darauf verzichtet werden, auf weitere ›geistreiche‹ Erklärungen einzugehen, die andere ›findige‹ Theologen und Exegeten in den letzten Jahrhunderten geliefert haben, um den Widerspruch in den beiden Abstammungslinien vermeintlich aufzulösen.

Es mag für viele etwas erstaunlich sein, dass die Aufzählung der Vorfahren Jesu mit »Joseph«, der ja nach allgemeiner Anschauung nicht sein leiblicher Vater ist, endet. Insbesondere im konfessionellen Christentum geht man davon aus, dass Jesus von Maria, seiner Mutter, jungfräulich, also ohne einen menschlichen Zeugungsakt empfangen worden sei und dass der Joseph somit sein Zieh- oder Stiefvater gewesen wäre.

Wäre Joseph nicht der leibliche Vater Jesu, so würden die angegebenen Ahnenreihen, die ja eine Aussage über die Vererbungsströme und Blutslinien treffen sollen, überhaupt keinen Sinn ergeben.

1.2.2 Die Geburtsstätte Jesu

Der zweite Widerspruch bezieht sich auf die Geburtsstätte Jesu. Beide Evangelisten berichten übereinstimmend, dass Jesus in Bethlehem geboren wurde.

Allerdings erzählt Lukas, dass Maria den Knaben in eine (Futter)-Krippe legte, weil die Eltern keinen Platz in einer Herberge fanden:

»Es geschah aber, als sie dort waren, dass für Maria die Stunde ihrer Niederkunft kam, und sie gebar ihren Sohn, den erstgeborenen, und wickelte ihn in Windeln und bettete ihn in eine Krippe, denn in der Herberge selbst war für sie kein Raum.«

(Lukas 2, 6f.)

Es ist anzunehmen, dass diese Krippe sich in einem Stall, vielleicht auch in einer Höhle oder Grotte befand. Dem bereits erwähnten »Pseudo-Matthäus-Evangelium«, in dem die Geburtsgeschichte Jesu etwas ausgeschmückt wird, ist zu entnehmen, dass Maria mit dem Knaben erst am dritten Tag nach der Geburt die Höhle, in der Jesus wohl geboren wurde, verließ und in einen Stall ging, wo sie den Knaben in eine Krippe legte S. →).

Gemäß Matthäus lag das neugeborene Kind jedoch in einem Haus, in das die drei Weisen aus dem Morgenland eintraten, um ihm zu huldigen. Dort heißt es:

»Als sie den Stern erschauten, erfüllte sie übermächtige Freude. Sie traten in das Haus ein, sahen das Kind mit Maria, seiner Mutter, fielen vor ihm nieder und huldigten ihm.«

(Matthäus 2, 10f.)



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