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Irgendwann in ferner Zukunft: Einst hat der Astronaut Perry Rhodan die Menschen zu den Sternen geführt. Als er jedoch aus einer langen Stasis erwacht, ist nichts mehr so, wie es einmal war. Mehr als drei Jahrhunderte sind vergangen. Das Sternenreich der Terraner ist zerschlagen, die Erde entvölkert. Immerhin haben mehrere von Rhodans engsten Weggefährten überlebt. Nach vielen Hindernissen erreichen sie Gäa – die Welt, auf der die Menschen der Erde eine Zuflucht gefunden haben. Aber im Zentrum der Milchstraße lauert eine feindliche Macht, die meist als Paragon bezeichnet wird. Dahinter verbirgt sich der Garbeschianer Amtranik, getrieben von einem unversöhnlichen Hass auf die Menschheit. Deshalb besteht auch auf Gäa stets die Gefahr einer Invasion durch Amtraniks Soldaten – den Weg hierfür bereiten soll DIE WAFFE DER LABORI ...
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Seitenzahl: 220
Veröffentlichungsjahr: 2025
Band 347
Die Waffe der Labori
Michael Tinnefeld / Ruben Wickenhäuser
Cover
Vorspann
1. Powlor Ortokur
2. Imara Tugh
3. Powlor Ortokur
4. Powlor Ortokur
5. Atlan da Gonozal
6. Powlor Ortokur
7. Atlan da Gonozal
8. Wie hält man eine Labori gefangen?
9. Powlor Ortokur
10. Powlor Ortokur
11. Tagrep Kerrek
12. Perry Rhodan
13. Gucky
14. Atlan da Gonozal
15. Powlor Ortokur
16. Perry Rhodan
17. Atlan da Gonozal
18. Gucky
19. Atlan da Gonozal
20. Atlan da Gonozal
21. Powlor Ortokur
22. Xarfax: Sprengung
23. Powlor Ortokur
24. Atlan da Gonozal
25. Atlan da Gonozal
26. Powlor Ortokur
27. Powlor Ortokur
Impressum
Irgendwann in ferner Zukunft: Einst hat der Astronaut Perry Rhodan die Menschen zu den Sternen geführt. Als er jedoch aus einer langen Stasis erwacht, ist nichts mehr so, wie es einmal war.
Mehr als drei Jahrhunderte sind vergangen. Das Sternenreich der Terraner ist zerschlagen, die Erde entvölkert. Immerhin haben mehrere von Rhodans engsten Weggefährten überlebt. Nach vielen Hindernissen erreichen sie Gäa – die Welt, auf der die Menschen der Erde eine Zuflucht gefunden haben.
Aber im Zentrum der Milchstraße lauert eine feindliche Macht, die meist als Paragon bezeichnet wird. Dahinter verbirgt sich der Garbeschianer Amtranik, getrieben von einem unversöhnlichen Hass auf die Menschheit.
Deshalb besteht auch auf Gäa stets die Gefahr einer Invasion durch Amtraniks Soldaten – den Weg hierfür bereiten soll DIE WAFFE DER LABORI ...
1.
Powlor Ortokur
Chaos in Sol-Town
Gäa stirbt, dachte Powlor Ortokur.
Die Augen des Oxtorners brannten, während er im Holo seines Multifunktionsarmbands das Ausmaß der Zerstörung sah. Er konnte – er wollte es einfach nicht glauben! Gypsplantagen von der Größe eines halben Kontinents welkten dahin.
Eine Hunderte Kilometer durchmessende Pyrocumuluswolke türmte sich über dem betroffenen Areal auf, eine meteorologische Seltenheit, die nur über stark erhitzten Gebieten auftrat, wie bei Vulkanausbrüchen oder nuklearen Explosionen. Was für eine furchtbare Waffe hatte das verursacht? War es dieselbe, die schon in den vergangenen beiden Tagen für das erste Absterben der 5-Vegetation gesorgt hatte?
Angefangen hatte es mit dem brennenden Weltraumwald, dessen Bild sämtliche Nachrichtenmedien von Gäa beherrscht hatte. Der Brand hatte zwar gelöscht werden können, aber der Anblick der in Flammen stehenden Pflanzen hatte Ortokur physische Schmerzen verursacht. Am Ende hatte es sich jedoch nur als Ablenkungsmanöver herausgestellt. Das eigentliche Ziel des Anschlags war die Narahula-Plantage auf Pront gewesen, dem größten Kontinent des Planeten, der sich vom Äquator bis weit ins südliche Polarmeer erstreckte. Sogenannte Dürrebrüter hatten das Katarakt-Gyps befallen und ein explosionsartiges Wachstum ausgelöst. Die Pflanzen waren abgestorben und zu Staub zerfallen.
Vor wenigen Minuten hatte es abermals einen Anschlag auf Pront gegeben. Diesmal schienen jedoch sämtliche Anbaugebiete des Katarakt-Gyps geschädigt zu sein. Welche Stufen der Zerstörung waren von dieser Waffe noch zu befürchten?
Tränen lösten sich aus seinem Augenwinkel. Ortokur hätte es gern verhindert. Er wusste, dass ihn viele wegen seines kantigen, breiten Gesichts mit den dicht behaarten, knöchernen Brauenwülsten für einen harten Kerl hielten.
Aber eigentlich sahen Oxtorner aus wie normale Terraner mit lediglich etwas kräftigerer Statur. Ihre olivbraune Haut schimmerte zwar manchmal ölig. Denn sie waren genetisch veränderte Menschen, angepasst an die harschen Bedingungen der Kolonialwelt Oxtorne. Körperliche Robustheit war dort in vielen Situationen überlebensnotwendig. Sie schützte aber nicht vor Gefühlen.
Ortokur gehörte zu Reginald Bulls Wissenschaftlichem Beraterstab und war Gäas führender Experte für die 5-Vegetation. Auf seinem Heimatplaneten hatte die Entwicklung dieses besonderen Zweigs der Flora seinen Ausgang genommen. Hinter seinem Rücken hatten manche seine Funktion als »5-Ökologen« verballhornt. Anfangs hatte ihn das noch gestört. Inzwischen bezeichnete er sich selbst so.
Auf einmal stand Gucky an seiner Seite. Der Mausbiber reichte Ortokur, der knapp zwei Meter maß, gerade bis zur Hüfte. Ortokur ließ den Arm sinken. Hatte der parabegabte Ilt die Gedanken des Wissenschaftlers belauscht? War er dazu überhaupt wieder in der Lage? Zuletzt war der Mausbiber derart erschöpft gewesen, dass er keine seiner Psi-Kräfte mehr einzusetzen vermochte. Immerhin schien er nun wieder teleportieren zu können. Allerdings machte er weiterhin einen bemitleidenswerten Eindruck. Sein Fell war verschwitzt und strähnig.
Ihre Blicke trafen sich, und für einen Moment erschien das Chaos in den Straßen von Sol-Town wie eingefroren. Dann legte der Ilt den Kopf schief, als erhielte er eine nur für ihn hörbare Botschaft, und verschwand wortlos wieder.
Dabei hatte es zuletzt eine gute Nachricht gegeben. Eine Agentin von Paragon war gefasst worden, bevor sie mehr Unheil anrichten konnte: die Labori Imara Tugh. Ortokur hatte Berichte über die ungewöhnliche Kraft und Aggressivität dieser Spezies gelesen. So ein Wesen gefangen zu nehmen, war keine Kleinigkeit.
Aber – bevor sie mehr Unheil anrichten konnte? Ortokur lachte bitter auf. Wie sollte das möglich sein: noch mehr Unheil?
Die riesigen Gypsfelder auf Gäa hielten den Hyperkatarakt in Gang. Zu Recht hieß es Katarakt – nicht Bächlein! Es handelte sich um kaum vorstellbare fünfdimensionale Energiesturzfluten.
Ortokur wusste, dass die Tesserakte der Posbis ihre Energie aus einer sogenannten Hyperkaskade bezogen. Für das Gyps galt das Gleiche. Das natürliche Energiegefälle zwischen Hyper- und Normalraum setzte die Kaskade in Gang. Das exotische Schleierkraut Gypsophila emollira, zumeist nur Gyps genannt, wirkte in den Hyperraum hinein, ohne Teil von ihm zu sein, und verstärkte diese Energieströme, die wiederum den Margor-Schwall speisten. Wie ein Schutzwall umschloss dieses hyperenergetische Wirbelfeld weiträumig das System der Sonne Mokosch und ihren einzigen Planeten Gäa, die erdähnliche Welt, auf dem die Bevölkerung von Terra und seiner Kolonien vor fast dreieinhalb Jahrhunderten Schutz gesucht und gefunden hatte.
In diesem eigentlich unüberwindlichen Abwehrschirm klaffte nun ein Riss. Exakt das war das Ziel des Anschlags von Imara Tugh gewesen. Vermutlich hatte sie den Margor-Schwall sogar komplett kollabieren lassen wollen und war während ihrer Sabotage gefasst worden, ohne ihr Werk vollenden zu können. Vielleicht wäre dies das noch größere Unheil gewesen.
Aber die bisherigen Schwächen des Schutzwalls reichten bereits aus. Paragon, der unheimliche Gegner aus dem Milchstraßenzentrum, machte sich zweifellos schon zum Schlag bereit, um die ihm verhasste Menschheit endgültig zu vernichten.
Gucky materialisierte erneut neben ihm. »Wir brauchen dich!« Der Ilt ließ Ortokur hatte keine Zeit, zu antworten, sondern berührte ihn, und begleitet von einem leichten Schwindelgefühl veränderte sich Ortokurs Umgebung.
Er duckte sich reflexartig, als ein Blitz über ihn hinwegzuckte.
»Ja, diese Dinger haben es in sich«, piepste der Ilt. »Sie erinnern an die Bezierblitze von Naat, und sie werden häufiger.«
Ortokur konnte Gucky über den Lärm hinweg kaum verstehen. Überall schrien Menschen durcheinander, ein Sturm heulte, und zu allem Überfluss versperrte ein nahezu waagerechtes Schneegestöber die Sicht und verwirbelte die Geräusche zu einer dumpfen Kakofonie. Omar Hawk rannte ihn beinahe über den Haufen, dicht gefolgt von seinem Okrill.
Der wie mit Puderzucker bestreute Arm des Ilts wies auf ein graues Gebilde. Der Wind verebbte unvermittelt, als habe ihn jemand abgeschaltet. Der Schnee fiel zu Boden, und die Sicht klarte auf.
Etwas war auf einen parkenden Großraumgleiter gefallen. Dieses Etwas war groß, möglicherweise ein Trümmerstück. Ortokur nahm an, dass es vom nahen Wolkenkratzer stammte.
Ein Blick nach oben bestätigte seine Vermutung. Schwarze Wolken quollen aus dem Hochhaus. Dort war wohl einer dieser Blitze eingeschlagen und hatte ein Feuer entfacht. Teile der Fassade hatten sich gelöst und waren heruntergefallen.
Von dem Gleiter drang ein Knirschen herüber. Aus dem Innern erklangen Schreie. Weitere Bruchstücke lagen um das Fahrzeug verstreut.
Ortokur setzte sich in Bewegung. »Was ist mit deiner Telekinese?«, fragte er und warf einen Blick über die Schulter.
Gucky war zurückgeblieben, schüttelte den Schnee ab und fasste sich an die Stirn. Litt er Schmerzen? Von ihm war offenbar keine Hilfe zu erwarten.
Ortokur bezog neben Hawk Stellung, der prüfend das Trümmerstück betaste. Hawks Okrill Watson, der einer terranischen Riesenkröte ähnelte, allerdings mit acht Beinen, sprang aufgeregt hinter seinem »Herrchen« hin und her und schnalzte. Seine Zungenspitze sprühte Funken. Das Wesen machte den Eindruck, als sei es zwar aufgewühlt, genieße die Aufregung aber geradezu. Ortokur bewunderte diese Tiere, die wie er selbst und Hawk von Oxtorne stammten. Für den Bruchteil einer Sekunde dachte er wehmütig an seine Heimat, die Terraner gern als eine Extremwelt bezeichneten, und das nicht nur wegen der dort herrschenden 4,8 Gravos.
»Los!«, rief Hawk.
Beide Oxtorner stemmten das Fassadenbruchstück in die Höhe, um den rückwärtigen Teil des eingedellten Fahrzeugdachs zu entlasten. Ortokur blickte in die bangen Gesichter der Insassen. Die Glassitscheiben des Gefährts waren zerbrochen. Splitter knirschten unter Ortokurs Stiefeln. Aber sie konnten die Personen nicht einfach durch die Öffnungen herausziehen, diese waren viel zu eng.
Da erst bemerkte Ortokur die Anwesenheit von Perry Rhodan und Thora Rhodan da Zoltral. Wahrscheinlich hatte der Ilt auch sie, Hawk und Watson herteleportiert, so wie Ortokur selbst.
Der hochgewachsene Terraner und seine Frau hatten, woher auch immer, unterarmgroße Prallfeldprojektoren organisiert. Sie setzten die Geräte wie Hebel am vorderen Teil des Bruchstücks an. Das Verhalten der beiden rang Ortokur Respekt ab. Sie hatten, ohne zu zögern, die Besprechung nach dem Anschlag auf die Gypsplantagen unterbrochen und sich mit den anderen in die Krisengebiete von Sol-Town begeben, als die Wetterextreme zunahmen. Sie scheuten sich nicht, sich die Hände schmutzig zu machen.
Ortokur ächzte, während er das nach oben gestemmte Bruchstück mit aller Kraft nach vorn schob. Er war deutlich älter Hawk, aber trotzdem um ein Vielfaches kräftiger als jeder terrastämmige Mensch.
Das Fassadenbruchstück bewegte sich. Zentimeter für Zentimeter schoben die beiden Oxtorner es seitlich über das Gleiterdach, während Rhodan und seine Frau am anderen Ende unterstützend die Prallfeldhebel ansetzten. Dann geschah das Unglück: Das Trümmerstück brach in der Mitte durch und schmetterte erneut auf das Fahrzeug. Ein ängstlich klingender Aufschrei tonte aus dem Gleiter.
Ortokur bemerkte den Ilt, der offenbar herangewatschelt war. Gucky zuckte, als habe er einen Schlag erhalten, dann fiel er reglos zu Boden.
Hawk kletterte auf das Fahrzeug hinauf. Ein heikles Unterfangen, denn damit erhöhte er das Gewicht, das auf dem Gleiterdach lastete, um Hunderte Kilogramm. In gebückter Haltung stützte er sich am verstärkten Rand der Passagierkabine ab und presste mit anschwellender Brust und einem urweltlichen Brüllen das Fassadenbruchstück zur Seite. Ortokur nahm es entgegen und lenkte es von der Mitte des Fahrzeugs weg, musste aber aufpassen, nicht selbst darunter begraben zu werden.
Hawk hangelte sich zum zweiten Bruchstück, wieder unterstützt von Rhodan und Thora. Ortokur bedeutete den Gleiterinsassen, von den zerbeulten Fensteröffnungen zurückzutreten. Er umwickelte seine Hände mit einem Kleidungsfetzen, der in der Nähe gelegen hatte, und zerrte seinerseits mit einem Aufbrüllen, als wollte er in Konkurrenz zu Hawk treten, die Öffnung auseinander. Es knirschte abermals, gefolgt von einem Aufschrei der Insassen. Es funktionierte.
Ein quiekender Laut erklang. Das zweite zu Boden gleitende Fassadenbruchstück hatte den Okrill, getroffen. Vermutlich hatte sich Watson aber nur erschreckt. Denn um einen Okrill ernsthaft zu verletzen, bedurfte es erheblich mehr als eines Trümmerstücks.
Dann flammte ein blassgrünes Leuchten auf. Endlich! Jemand zerpulverte das zweite Bruchstück, das an einer Kante noch immer auf das Fahrzeugdach drückte, mit einem Desintegrator. Der Wind trug die flimmernden Molekülwolken davon.
Rhodan trat an Ortokurs Seite und redete beruhigend auf die Leute im Gleiter ein. Ortokur zog die ersten Verletzten heraus, die von Sanitätern in Empfang genommen wurden.
Omar Hawk sprang vom Dach des Fahrzeugs, landete neben seinem Okrill und boxte ihm grob auf die Schnauze. Watson schloss die Facettenaugen und schnurrte wie eine Katze, allerdings zehnmal so laut, sodass es eher einem Grollen glich.
Nachdem alle Passagiere gerettet waren, eilte Rhodan zu seiner Frau, die neben Gucky hockte. Der Kopf des Mausbibers ruhte in ihrem Schoß. Ortokur ging hinterher.
»Ist er bewusstlos?«, fragte Rhodan.
Thora Rhodan da Zoltral schüttelte ihr weißblondes Haar, das wie die goldroten Iriden ihre arkonidische Herkunft verriet. Das Kopfschütteln hatte sie von den Terranern übernommen.
»Ich bin wach, Großer«, sagte Gucky. Die Lider hielt er dennoch geschlossen. »Aber dieser Planet gibt mir den Rest. Du weißt ja: Die Zeitbrunnenpassage von Styx nach Gäa hat mich arg mitgenommen. Ich vermute, das hängt mit dem Margor-Schwall zusammen. Erst diese stechenden Kopfschmerzen, dann der Ausfall der Telekinese. Jetzt geht gar nichts mehr. In meinem Kopf tobt ein wild gewordener Haluter.«
Immerhin kann der Mausbiber noch drauflosplappern, dachte Ortokur.
Rhodan rief einen der Sanitäter zu sich. Wenig später lag der Ilt auf einer Antigravtrage und schwebte in Richtung der Notaufnahme der Klinik, die Ortokur nun ganz in der Nähe entdeckte.
Ernst blickte Rhodan in die Runde. »Wir haben viel zu besprechen und eine wichtige Entscheidung zu treffen. Es geht um das Schicksal dieses Planeten, des Katarakt-Gyps und der Menschheit.«
Ja, das Gyps! Wie recht Rhodan hatte! Der Schmerz war wieder da, als hätte Imara Tugh nicht nur die riesigen Gypsplantagen, sondern auch Ortokur persönlich attackiert.
»Wir müssen die anderen wieder zusammenrufen«, sagte Rhodan. »Findet heraus, wo sich Atlan und der Vario-Fünfhundert aufhalten. Und Dun Vapido, der Chefmeteorologe. Bull muss ebenfalls her, was wohl das Schwierigste werden dürfte.«
Ortokur erinnerte sich, dass Bull sich abgesetzt hatte, bevor die Notrufe aus der Stadt auf sie eingeprasselt waren und sie die Krisenbesprechung unterbrochen hatten, um vor Ort Erste Hilfe zu leisten. Reginald Bull war der Protektor der Menschheit auf Gäa. In dieser Funktion musste er fraglos gerade anderen Pflichten nachkommen.
Perry Rhodan wies unterwegs auf den Eingang zum Hospital. »Wir werden unsere Lagebesprechung dort fortsetzen. Ich möchte in Guckys Nähe bleiben.«
Ortokurs Multifunktionsarmband vibrierte. Eine holografische Textnachricht leuchtete über dem Gerät auf: »Familiärer Notfall!«
2.
Imara Tugh
Zur Rede gestellt
Der Kriegerinstinkt in Imara Tugh ließ sie aufheulen. Mit aller Kraft stemmte sie sich gegen die Fesselfelder, die sie in einer drei Meter durchmessenden Panzerplastsphäre hielten. Ihr kugelförmiger Torso schwebte in der Luft, die mehrgelenkigen Beine hingen einen halben Meter über dem Boden. Sie waren genau wie ihre Arme energetisch fixiert. Im Innern der Kugel herrschte Schwerelosigkeit. Damit nicht genug: Dreifach gestaffelte Schutzschirme, zwischen denen Vakuum herrschte, sorgten für eine zusätzliche Abschottung.
Aber all das war eher lächerlich. Der wahre Grund für ihre Hilflosigkeit machte Tugh beinahe wahnsinnig.
Wir können die Hochenergieschirme von Loowern durchdringen! Gegen deren technologisches Niveau sind diese Terraner rückständig! Und nun komme ich noch nicht mal gegen ein einfaches Fesselfeld an.
Ihre Gelenke knackten, während sie ihre Gliedmaßen erneut bis zum Äußersten anspannte. Sie spürte, wie ihre Knochen vibrierten. Schmerz schoss durch ihre Arme und Beine, aber sie hieß ihn willkommen. Es fühlte sich an wie die Knochenzwingen, die sich Labori als Selbstbestrafung anlegten.
Der Schmerz rief die Erinnerung an die vielen Anlässe wach, zu denen sie sich auf diese Weise gezüchtigt hatte. Und an die ziellose Wut und den begründeten Zorn, den sie während jener Bestrafungen empfunden hatte – Zorn über Schwäche und Versagen, über Dinge, die Labori nicht taten.
»Verringern Sie Ihren Kraftaufwand, sonst nehmen Ihr Knochengerüst und Ihre Muskulatur Schaden«, mahnte die emotionslose Stimme einer Positronik.
Tugh hätte beinahe aufgelacht. Diese Maschine wollte ihr etwas über ihren Körper erzählen! Sie wusste selbst, wo ihre Grenzen lagen. Sie hatte sie oft genug ausgetestet. Krieger wussten sogar im Zustand höchster Wut genau, wie weit sie gehen durften.
Sie bezweifelte ohnehin, dass sie überhaupt noch imstande wäre, sich Schaden zuzufügen, denn Tugh fühlte sich schwach. Das war ein Zustand, der für eine Labori inakzeptabel war. Zugleich war es die eigentliche Ursache dafür, weshalb sie sich nicht befreien konnte. Die Nähe von Gyps beeinträchtigte ihre Fähigkeiten. Die Terraner hatten sich das vorsätzlich zunutze gemacht, da war sie sich sicher. Sie hatten die Gypskonzentration um ihr Gefängnis vermutlich so weit erhöht, wie es in ihrer Macht stand.
Tugh ertrug den Gedanken nicht, dass sie damit Erfolg gehabt hatten. Sie hatten eine Schwäche ausgenutzt – sie, eine Labori, hatte eine Schwäche! Das allein wäre Anlass genug, bei sich nächstbietender Gelegenheit wieder Knochenzwingen anzulegen.
Ein rhythmisches, gelbes Leuchten ergoss sich über die Rotunde, die ihr Gefängnis umgab. Mehrere Kampfroboter kamen herein. Sie ähnelten Raptoren aus der terranischen Urzeit, die auf zwei kräftigen Hinterbeinen staksten und anstelle von Armen eine Batterie schwerer Strahlenwaffen trugen. Ihre Schutzschirme waren aktiviert. Zwei von ihnen waren zusätzlich mit Strahlern zur medizinischen Betäubung und mit Injektoren ausgestattet worden.
Durch winzige Strukturlücken der Schutzschirmstaffeln ihrer Kugelzelle und luftdichte Röhrenfelder schlängelten sich flexible Tentakel in ihren Kerker.
Dann sediert mich eben!, dachte sie. Ich werde euch trotzdem zu fassen kriegen.
Die Tentakel senkten sich auf sie herab. Und sie konnte nichts – nichts! – dagegen tun.
Sie meinte schon, die Öffnungen der Schläuche auf ihrer Haut zu spüren, da erschlafften sie plötzlich und wurden ruckartig zurückgezogen. Die Kampfroboter drehten sich synchron um und eilten aus der Halle.
Etwas stimmt nicht, dachte die Labori. Was ist so schwerwiegend, dass sogar die Kampfroboter aus meinem Gefängnis abgezogen werden?
Die Akustikfelder in ihrer Kugel übertrugen das Krachen mehrerer Explosionen. Ein Techniker, der eben noch die Sicherheitsapparaturen neu justiert hatte, eilte über die Rotunde in Richtung Ausgang. Tugh erwog gar nicht erst, ihm etwas zuzurufen – es wäre vermutlich ohnehin nicht übertragen worden –, sondern stellte sich nur vor, wie sie ihn mit bloßen Klauen zerfetzen wollte.
Ein weiteres Mal grollte Donner durch die Halle. Diesmal erzitterten sogar Boden und Wände unter der Explosion. Der Techniker blieb stehen und ließ ein großes Hologramm vor sich entstehen, ohne daran zu denken, dass die Labori es ebenfalls sehen konnte; vielleicht war es ihm einfach egal.
Das Holo zeigte eine Gesamtansicht des Planeten Gäa. Das Satellitenbild erklärte die Aufregung, den Alarm und die Explosionen.
Gäa wurde angegriffen. Zuerst erspähte Tugh nur die Pyrocumuluswolken heftiger Explosionen auf der Oberfläche, die in die Luft emporstiegen: Atompilze, die von der Vernichtung ganzer Landstriche verkündeten. Die Fusionsplasmaladungen von Impulsgeschützen regneten wie glühende Kometen auf den Planeten herab, erhitzten sprunghaft die Atmosphäre und verursachten Orkane, die über den Boden hinwegfegten. Trotzdem stocherte Abwehrfeuer von der Oberfläche aus in den Himmel, die Energieschirme der Kampfschiffe einer gewaltigen Invasionsflotte flackerten unter den erbarmungslosen Einschlägen von Thermostrahllanzen.
Sie haben keine Chance, dachte Tugh. Ist das alles, was die Gäaner zur planetaren Verteidigung aufzubieten haben? Das ist erbärmlich!
Sie erinnerte sich an den Kampf gegen die Senter, ein Volk, das sich unbegreiflicherweise gegen den Bund von Garb erhoben hatte. Die Senter hatten immerhin eine Art Minisonnen gegen die Laboriflotte in Stellung gebracht, was die Garbeschianer ein Viertel ihrer Kriegsschiffe gekostet hatte, und darüber hinaus das Leben des Garb-Vavit Malukathai. Dagegen war das, was die Gäaner den Angreifern entgegenstellten, geradezu lächerlich.
Große Schutzschirme hatten Städte und Verteidigungseinrichtungen bisher vor dem Plasmabrand geschützt. Aber nun stürzten sich riesige Schwärme schwarzer Sturmbeißkapseln auf Gäa hinab.
Das ist der Angriff von Hordenschiffen!, begriff Tugh. Und sie vernichten den Planeten nicht einfach, weil ein Bodenangriff für die Labori in den Sturmbeißkapseln eine gute Übung ist. Wenn auch eine sehr leichte.
Eine Beißkapsel vermochte sich durch die Schutzschirme eines feindlichen Raumschiffs zu bohren und einen einzelnen Labori an Bord zu bringen, um es zu erobern oder meist einfach nur zu vernichten. Sturmbeißkapseln waren das Äquivalent für planetare Operationen.
Der gäanische Techniker raufte sich die Haare, während er den Untergang seines Planeten beobachtete. Endlich kam er auf den Gedanken, sich um das eigentlich Wichtige zu kümmern. Er aktivierte ein zweites Hologramm mit einer halbtransparenten Volldarstellung der Raumstation, die Tughs Gefängnissphäre enthielt. Mehrere Bereiche pulsierten in hellem Warnrot, andere waren gelb eingefärbt.
Dann erbebten beide Holos, verzerrten sich und erloschen. Der Techniker nahm durch die Tür Reißaus. Sie schloss sich hinter ihm.
Das ist eine Enteroperation!, erkannte Tugh. Aber keine gewöhnliche, sonst hätten sie höchstens eine einzige Beißkapsel geschickt. Sie wissen, dass ich hier bin!
Plötzlich registrierte sie, dass die Kraft der Fesselfelder nachließ.
Nein, es ist anders: Ich werde wieder stärker! Der Gypseinfluss lässt nach. Sie konzentrierte sich und bündelte ihre Kraft. Diesmal hatte sie Erfolg. Stück für Stück drückte sie ihre Arme und Beine in die Fesselfelder, nutzte sie sogar, um sich in der Schwerelosigkeit voranzuschieben.
Dann versagten die Fesselfelder gänzlich. Tugh kauerte sich an der Panzerplastwand zusammen und stieß sich mit voller Kraft ab. Das Material der diagonal gegenüberliegenden Seite barst unter ihrem Aufprall. Sie krallte sich an den Bruchkanten fest und schob sich Stück für Stück durch die externe Schirmfeldstaffel. Es war unsagbar anstrengend und tat weh, aber das stachelte sie nur weiter an. Nun wünschte sie, der Techniker wäre noch da gewesen, damit sie ihn hätte zerreißen können.
Aber dazu habe ich gleich noch ausreichend andere Gelegenheiten, dachte sie.
Erneut erbebte die Station unter den Einschlägen von Geschossen. Qualm drang aus einem Raum, der durch die doppelten Panzerplastscheiben in der Hallenwand zu sehen war, welche die Rotunde umschloss. Die Sperrschirme vor Tughs Kerkersphäre flackerten und erloschen. Mit einem Triumphschrei sprang sie aus den Scherben ihres Gefängnisses. Der Ausbruch hatte sie Kraft gekostet.
Belanglose Nachwirkungen!, tat sie es ab. Ich konnte mich aus den Fesselfeldern befreien. Das beweist, dass die Wirkung des Gyps nachlässt – dieses Mordkraut dürfte das Erste sein, was die Horde ins Visier genommen hat. Sie hat fortgeführt, was ich mit der Vernichtung der Gypsplantagen begonnen habe!
Sie sah das Glitzern des Holoemitters, den der Techniker aktiviert hatte. Das Hologramm baute sich kurz wieder auf. Nun war darin der Weltraumwald zu sehen, der in Gäas Ionosphäre schwebte, und er stand in Flammen. Pulsierende Feuerblumen fraßen sich durch das organische Gewebe und nährten sich an dem wenigen Sauerstoff, den die Pflanzen erzeugten.
Dann erlosch die Darstellung. Die Hallenbeleuchtung fiel aus. Stattdessen züngelte der geisterhafte Widerschein eines Brandherds durch die transparenten Panzerplastwände in die Rotunde. Überlastetes Material der Orbitalstation lärmte ohrenbetäubend, klang wie das Stöhnen und Jammern eines lebendigen Wesens. Imara Tugh mochte diese Geräuschkulisse. Sie kündigte Tod und Vernichtung an.
Für andere.
Sie federte in den je zwei Kniegelenken ihrer Beine, als die Notbeleuchtung erglomm, nahm die Tür in den Blick und katapultierte sich gegen den Stahl.
Zu schwach!, dachte sie, als sie davon abprallte. Gerade wollte sie zu einem erneuten Rammstoß ansetzen, da glitt das Schott von selbst beiseite.
Tugh konnte sich im letzten Moment davon abhalten, einfach hindurchzuspringen. Im Türrahmen erschien der gefiederte Kopf eines mehr als zwei Meter großen Vogelwesens. Es trug außer einem Gürtel mit verschiedenen miniaturisierten Gerätschaften nur einen Helm unter dem Arm. Sein Federkleid hatte einen speckigen Glanz. Das Sekret, mit dem das Wesen sich eingerieben hatte, hatte außergewöhnliche Eigenschaften und ermöglichte ihm sogar einen kurzzeitigen Aufenthalt im Weltraum.
»Inquästor!«, stieß Tugh hervor und knickte mit ihren Beinen verblüfft ein, sodass ihr kugelförmiger Oberkörper fast bis auf den Boden sank.
Das Vogelwesen klapperte mit dem Reißhakenschneideschnabel. Auf seinem Kopf stellte sich eine Federkrone auf. Beides Anzeichen für äußersten Unwillen, wusste Tugh. Erleichterung über ihre Rettung fühlte sie keine, das wäre einer Kriegerin unwürdig gewesen. Stattdessen kochte Wut in ihr. Sie hasste Rhoarxi. Noch mehr hasste sie den Gedanken, dass sie bei diesem Inquästor für ihre Befreiung in der Schuld stand.
»Imara Tugh!«, herrschte der Rhoarxi sie an. »Ich bin Inquästor Gammorosch. Eine Labori hat sich fangen lassen, wie ich sehe!«
Tugh sank tiefer in sich zusammen. Die Worte des Inquästors schmerzten sie wie frisch angelegte Knochenzwingen.
»Den Okrill, der mich mit einem Stromschlag gelähmt hat, hätte ich normalerweise zerrissen!« Ihre Beißzangen knackten. »Aber das Gyps hat mir Kraft geraubt. Nur deshalb konnte dieses Tier mich überwältigen!«
»Sie wurden besiegt!« Gammoroschs Tonfall war unbarmherzig. Die Station erzitterte unter ihren Füßen. Die Notbeleuchtung flackerte. Der Inquästor schenkte dem keine Beachtung. Er starrte durch seine blanken, schwarzen Raubvogelaugen auf Tugh herab.
Die Labori musste all ihre Willenskraft aufbieten, um seine demütigende Feststellung zu bestätigen. »Das ist richtig.«
In ihrem Innersten verspürte sie das dringende Bedürfnis, das Vogelwesen mit ihren Klauen zu zerfetzen. Aber kein Hass vermochte so groß zu sein, um einen derart monströsen Gedanken in die Tat umzusetzen. Vor ihr stand ein Inquästor, vergleichbar höchstens mit einem Lordrichter – eins der höchsten Ämter im Bund von Garb, für den zu kämpfen der einzige Sinn ihres Lebens war. Umso tiefer reichte die Scham.
»Ja, ich wurde besiegt«, gab sie erneut zu. Das Gefühl der Erniedrigung war unbeschreiblich.
Der Inquästor nahm ihr Geständnis ohne sichtbare Regung zur Kenntnis. »Hordenführer Amtranik hat berichtet, dass Sie den Menschen zugeneigt sind.«
Imara Tugh musste sich beherrschen, um nicht zusammenzuzucken.
»Geben Sie mir Gründe, warum ich Sie nicht ins Garbogthera zurückschicken sollte. Oder müssen wir Ihre Nachsicht mit den Gäanern vielleicht sogar einer näheren Inspektion unterziehen?«
Er will mir Verrat vorwerfen! Erneut kochte Wut in ihr hoch. Es war eine hilflose Form von Wut, und es gab kaum etwas, das sie mehr hasste als Hilflosigkeit. »Ich bin nicht nachsichtig gewesen! Niemals!«, setzte sie sich zur Wehr.
»Ihr Hordenführer hatte einen anderen Verdacht geäußert.«
Das Licht erlosch, von irgendwo drangen gedämpfte Schmerzensschreie zu ihnen. Schmerzensschreie von Gäanern, von Weichen. Zwar gehörte der Inquästor auch zu den Weichen, aber ein Vergleich verbot sich von selbst. Gäaner waren Unwürdige. Sie waren nicht nur keine Gegner für Labori, sondern feige und angsterfüllt waren sie obendrein, diese Gäaner.
»Sie sind Amtranik nur zuvorgekommen«, erwiderte Tugh. »Für ihn habe ich die Invasion von Gäa vorbereitet! Wir wollten den Planeten vernichten.«
»Das hat der Hordenzug Ihnen ja nun abgenommen«, stellte Gammorosch fest. »Wir setzen fort, was vor dreieinhalb Jahrhunderten abgebrochen worden ist. Sie wären ohnehin am Margor-Schwall gescheitert. Ein wenig Gyps hat schon ausgereicht, damit Sie gegen einen Okrill unterliegen, gegen ein wildes Tier!«
»Ich habe einen Weg durch den Margor-Schwall gebahnt«, begehrte Tugh auf. »Amtranik sammelt seine Flotte bei einem unweit entfernten Planetoiden und hätte Gäa überrannt, wenn Sie ihm nicht zuvorgekommen wären!«
»Das Schwert der Ordnung schneidet schnell«, entgegnete der Inquästor. Sein Hakenschnabel näherte sich Tughs Gesicht, sodass sie direkt in das Paar schwarz glänzender Augen sah. »Imara Tugh, der Verdacht lastet schwer auf Ihnen, dass Sie die Gäaner geschont haben könnten. Dass Sie sich haben besiegen lassen, erhärtet den Verdacht, das ist Ihnen sicher klar. Kein Labori lässt sich von ein paar Terranern gefangen setzen! Auch nicht, wenn sie einen Okrill bei sich haben. Ich gebe Ihnen die Gelegenheit, einen ersten, kleinen Schritt zu Ihrer Rehabilitierung zu unternehmen.«
An seinem Anzug blinkte eine Anzeige. Der Luftdruck im Raum sank. Zugleich gellten Alarmpfeifen. Sie meldete vermutlich einen Riss in der Außenhülle der Orbitalstation und das Versagen der automatischen Versiegelung.
Gammorosch blieb davon völlig unbeeindruckt. Im Gegenteil ließ er seinen Helm fast schon gleichgültig an seiner Hand pendeln.
Er fuhr fort: »Sagen Sie mir, wo Amtranik seine Flotte sammelt. Der Bund von Garb fordert Ihre Loyalität nicht, er erwartet sie von Ihnen.«