Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Der alte erfahrene Kapitän Schwarzbart erzählt dem Affen Mikado seine wundersamsten Erlebnisse. Diese Geschichten stammen aus einer Zeit, als die Nacht noch gut war, also aus der Gute-Nacht-Zeit oder als man unter Bettgeschichten noch etwas anderes verstand als heute. Davon gab es unendlich viele, viele sind in den Köpfen der Zuhörer verschwunden. Und einige sind hiermit jetzt auf Papier festgehalten, in einem abgeschlossenen Buch verwahrt worden und hoffen, von dort in Augen, Ohren und Köpfen fliehen zu können. Die Bilder von Ugne Esther N´'kaya unterstreichen in ihrer filigranen, bezaubernden und ausdrucksstarken Art die Erzählungen dieses geheimnisvollen Kapitäns.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 116
Veröffentlichungsjahr: 2024
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Für Celestine
Die Perlenliebe
Geheimnisvolle Abenteuer –Abenteuerliches Geheimnis
Dreifach vergoldeter (Müll-)Eimer
Reise zu den Sternen
Verschlossene Ohren
Die Kokosralley
Die verbüchste Büchse
Das Loch – Gefüllt mit Nichts
Die geperlte Hand
Gefangen in der endlosen Spiegelwelt
Blumiges Abenteuer oder: Viel Geld für nix
Springende Erdperlen
Der buchstäblich größte Ballgegner
Auf millimetergerader Wellenfahrt
Der Sternfisch
Der eingefangene Wind
Der trockene Wassermarathon
Rauchende Träume
Vor einem Monat habe ich zwei seltsame Briefe bekommen. Einen Brief von der Vereinigung der Bäume und einen Brief von der Gewerkschaft der Kugelschreiber, weil meine Einleitungen in den Büchern immer viel zu lang seien. Aber immerhin habe ich es noch nicht geschafft, eine Einleitung zu schreiben, die länger als das eigentliche Buch ist. Das kann nur bedeuten, dass meine Einleitungen noch immer zu kurz oder die Bücher noch immer zu lang sind.
Aber die Bäume haben mir gedroht, wenn ich mich nicht kürzer fasse, dass mir künftig jedes Mal bei einem Spaziergang ein Blatt auf den Kopf fällt, auf dem entweder hundert Spinnen sitzen oder ein Blatt, auf dem vorher ein Vogel mit Bauchgrimmen gesessen hat. Und die Kugelschreiber damit, dass sonst alle meine 16 Enkelkinder mit einem Kugelschreiber an jedem Finger und einem Kugelschreiber an jeder Zehe meine Arme und Beine mit Graffiti anmalen. Sind Sie schon einmal von 320 Kugelschreibern gleichzeitig angemalt worden? Obwohl, vielleicht könnte ich mich nachher als Kunstwerk verkaufen? Auweia, die Einleitung.
Diese Geschichten stammen aus einer Zeit, als die Nacht noch gut war, also aus der Gute-Nacht-Zeit oder als man unter Bettgeschichten noch etwas anderes verstand als heute und die ich deshalb mal am-Bett Geschichten oder vor-Bett Geschichten nennen will. Davon gab es unendlich viele, viele sind in den Köpfen der Zuhörer verschwunden, viele einfach in der dunklen Nacht oder in unsichtbaren Löchern, die es besonders abends überall in der Luft gibt, weil wir Menschen so viel Luft rausgeatmet haben und die Bäume die Löcher nachts erst wieder zustopfen müssen, sonst würden nicht nur Geschichten, sondern ganze Menschen oder mit der Zeit lange Busse in diesen Löchern verschwinden. Einige schlafen noch irgendwo auf gekringelten Bändern, die mit Buchstabenkleber bestrichen sind und alle Wörter festhalten, die man in ihrer Nähe spricht. Und einige sind hiermit jetzt auf Papier angekettet, in den abgeschlossenen Käfig eines Buches eingesperrt worden und hoffen, von dort in Augen, Ohren und Köpfen fliehen zu können.
Ich liebe Musik und ich liebe besonders die Musik von Brahms. Er sieht nämlich wie ein Zwillingsbruder von Schwarzbart aus. Wenn ich ihn treffe, muss ich ihn das mal fragen. Und außerdem war der Klavierlehrer von meinem Klavierlehrer ein Schüler von Brahms. Mein Klavierlehrer hieß Hansen, über ihn könnte ich unglaubliche Geschichten erzählen, dagegen ist Schwarzbart vielleicht gar nichts. Sein Name kommt hoch vom Norden, wo das Meer immer hin- und her- schwappt, manchmal so viel wegschwappt, dass es leer ist und sich alle fragen, „Watt is denn jetzt los“ und manchmal so viel herschwappt, dass alles überläuft, jeder bis zum Knie nasse Füße bekommt und auch wieder fragt, „Watt is denn nu schon wieder los?“ Und der Lehrer von meinem Klavierlehrer war ein Schüler von Brahms und Brahms kam auch vom Norden, wo das Meer hin- und herschwappt. Das ist kein Seemannsgarn, höchstens Meeresgarn. Ich brauche nur vier Schritte auf dem Klavier zu laufen und lande bei Brahms. Aber wer läuft schon auf einem Klavier? Höchstens die Finger. Die können nicht sprechen, nur schreiben. Leider haben sie mir noch nie geschrieben, ob sie beim Laufen über dem Klavier Brahms getroffen haben. Aber sie haben mir mal geschrieben, dass das ganze Gequatsche von schwarz und weiß, schwarzen Fingern, weißen Fingern, schwarzen Tasten, weißen Tasten, blöder, blöder, blöder Blödsinn ist, also Blödsinn hoch drei, weil bei schwarzen Fingern genauso schöne Töne auf einem Klavier herauskommen wie bei weißen Fingern, wenn sie übers Klavier laufen, und die Musik am schönsten klingt, wenn die schwarzen Tasten mit den weißen zusammen bunt spielen.
Und der Zwilling von Schwarzbart, also Brahms, hat auch Musik für ein großes Orchester geschrieben. Ein Orchester sieht vielleicht komisch aus. Ein dicker Kontrabass, eine Geige als superschlankes Modell, ein Fagott als brummender Bär, eine Oboe als quakende Ente. Aber keiner lacht über den Anderen, sie lachen alle zusammen über alles Mögliche, nur nicht über den Anderen. Lachen nicht, weil der Andere anders aussieht, weil jeder gelernt hat, es macht am meisten Spaß, wenn man zusammen Krach macht und dazu braucht es eben auch jeden, egal, wie er aussieht, Hauptsache, er kann Krach machen.
Oh je, jetzt bin ich im Meer der Töne und nicht im Meer der Wassertropfen gelandet. Macht nichts, da wir gerade am Quatschen waren. Bei Brahms hat mich immer geärgert, dass er eine Menge aufgeschriebener Ideen in den Papierkorb geschmissen hat, weil sie ihm nicht gefallen haben. Diesen Papierkorb hätte ich gern. Leider ist er schon geleert worden, weil es nur fleißige Müllmänner gibt, die jeden Papierkorb spätestens nach einer Woche leeren. Wenn bereits früher der Müll verbrannt wurde, sind die vielen Noten und Ideen aus Brahms Papierkorb aus dem Müllbrennschornstein in die Luft geflogen und fliegen jetzt um unsere Köpfe, leider ohne, dass wir es merken. Und leider sind von Schwarzbart auch viele Geschichten im Papierkorb der Abendluft verschwunden. Das aber ärgert wohl nur mich. So habe ich wenigstens etwas mit Brahms gemeinsam.
Übrigens, in einem Punkt bin ich sogar besser als Brahms. Für seine erste Sinfonie soll er von der ersten Idee bis zum Ende, hat er selbst gesagt, 21 Jahre gebraucht haben. Meine Schwarzbart-Geschichten sind über 40 Jahre alt geworden, bevor sie von der Idee endlich auf dem Papier gelandet sind. Das hat Brahms zum Glück nicht geschafft.
Auweia, es wird bald Ärger geben mit der Vereinigung der Bäume und der Gewerkschaft der Kugelschreiber, wenn ich nicht endlich aufhöre. Aber wie komme ich von der Musik, von Brahms, zurück zu einem alten Kapitän, der über unzählige Wassertropfen fährt und jeden einzelnen Wassertropfen mit Namen kennt?
Da muss mir noch so ein cooler Typ wie Brahms helfen. Er heißt Mendelssohn und der hat ein Stück geschrieben: „Meeresstille und glückliche Überfahrt“. Dazu hat er sich ein Gedicht vom Fürsten der Wörter, von Goethe, abgeguckt. Leider ist wegen der anderen Buchstaben hier kein Platz mehr, das Gedicht aufzuschreiben. Aber wer dieses Gedicht liest und dann mit geschlossenen Augen die „Meeresstille und glückliche Überfahrt“ von Mendelssohn hört, kann sogar den Wind sehen und kann hören, wie salzige Lufttropfen auf seinem Kopf tanzen. Und kann damit ein bisschen verstehen, wie sich der alte Schwarzbart auf seinen vielen Abenteuerreisen gefühlt hat. Und Mikado? Ach ja, der Affe, der hat Glück gehabt, zu ihm kann ich hier kein Quatschseemannsgarn mehr schreiben, wegen der Bäume und der Kugelschreiber und wegen vielem anderen mehr. Aber das ist wieder eine andere Geschichte, eine andere Einleitung, davon später, vielleicht, vielleicht ein anderes Mal, aber nur vielleicht.
Denn aus der Ferne sehe ich bereits die ersten Töne anfliegen und tatsächlich, an jedem Ton hängt ein Tropfen aus dem riesigen Meer. Ach, was rede ich. Jeder Ton ist ein Meerestropfen. Endlich verstehe ich, warum Noten, Töne aussehen, wie sie aussehen, wie Wassertropfen, zumindest die gesungenen, sie sind einmal durch die Spucke des Mundes geflogen, bevor sie durch die Luft in unser Ohr gelangen. Auweia, ich mache jetzt besser wirklich Schluss… Denn wer hat schon gerne Spucke im Ohr?
Sie kennen mein zweites Abenteuer noch nicht?
Mikado sah den alten Kapitän verständnislos an. Sie kannten sich erst wenige Tage, wie sollte er bereits von allen Abenteuern wissen?
Nein, erwiderte der Affe kurz, wie sollte ich auch.
Gut, räusperte sich Schwarzbart, ich möchte Sie noch etwas anderes fragen.
Mikado betrachtete Schwarzbart. Um seinen Hüften trug er einen breiten Gurt mit einer alten Pistole.
Schießen Sie los, ich meine mit Ihrer Frage, nicht mit dem Revolver.
Keine Sorge, sie dient nur der Tarnung. Sagen Sie, waren Sie schon einmal verliebt?
Ich, verliebt?, Mikado kicherte, jeden Tag bin ich verliebt.
Sie glücklicher, unterbrach Schwarzbart, er war, zumindest gefühlt, 105 Jahre alt, da existiert das Verliebtsein nur noch auf einer weit entfernten Insel in der Vergangenheit.
Jeden Tag, Sie sind zu beneiden. Darf ich fragen, in wen?
Sie dürfen, entgegnete Mikado. In Bananen. Man sagt doch, wenn man jemanden liebt: Ich habe dich zum Fressen gern. Und Bananen habe ich jeden Tag zum Fressen gern.
Nun veralbern Sie mich aber, entrüstete sich Schwarzbart, ich meine, so richtig verliebt, in ein Affenmädchen?
Sie meinen, wenn man stundenlang nebeneinandersitzt, auf einer Wiese, sich die Wolken oder eine Blume ansieht und keiner von beiden weiß, was er sagen soll?
Ja, bestätigte Schwarzbart, oder wenn man vor einem Schrank steht, sich für ein Rendezvous anzieht und sich nicht entscheiden kann, welches der eineinhalb Hemden das richtige ist. Ich war einmal verliebt, vor ungefähr 80 Jahren. Eine Inselschönheit, ich sehe sie noch heute, als sie vor mir stand: Smaragdgrüne Augen, weiche Haut wie eine Rose, lange schwarze Haare, die sie noch nie im Leben geschnitten hatte und deshalb zusammengebunden in einem Rucksack trug, weil sie sonst wie eine 10 Meter lange Schleppe über die Erde geschleift wären. Es gab damals ein Problem. Wissen Sie, ich traute mich nicht, Sie anzusprechen. Wenn man verliebt ist, wagt man auf einmal die tollkühnsten Dinge, für die einfachsten Sachen fehlt einem aber der Mut.
Wo ist das Problem? fragte Mikado. Ich hätte ihr eine Haarspange aus einem Fischskelett, eine Fußbadschüssel aus einem riesigen Schildkröten-panzer, vielleicht einen Rucksack aus Bananenbaumblättern oder eine Perle vom Meeresgrund geschenkt und schon wäre ich mit ihr im Gespräch.
Perle vom Meeresgrund, wiederholte Schwarzbart, das war es, Sie haben einen guten Riecher. Es fand nämlich ein Wettbewerb in Tiefseetauchen statt. Wer die schönste Perle fand - die prächtigsten finden sich immer an den tiefsten Wasserstellen - sollte die Inselschönheit zur Frau bekommen. Und ich, ich konnte damals weder schwimmen noch tauchen.
Ein Freund riet mir, mich nachts bei sternenklarem Himmel auf die Klippen zu stellen, auf eine Sternschnuppe zu warten und mir dann etwas zu wünschen, zum Beispiel die schönste Perle zu finden. Meinen Wunsch dürfe ich natürlich nicht verraten, sonst würde er nicht in Erfüllung gehen.
Darin bestand das nächste Problem. Ich hatte noch nie gehört, dass sich ein Wunsch beim Anblick einer Sternschnuppe erfüllte, egal, ob man den Wunsch geheim hielt oder verriet. Irgendwo musste ein Fehler stecken und ich beschloss, nicht nur nach einer Sternschnuppe Ausschau zu halten, sondern sie auch einzufangen, um ihr Geheimnis zu enträtseln, den Fehler aufzudecken, sicher zu gehen, dass mein Wunsch in Erfüllung ging.
Eine Sternschnuppe fangen, wiederholte Schwarzbart. Sie ist zu heiß zum Anfassen, fliegt zu weit oben, es war unmöglich. Aber ich wusste, dass Sternschnuppen aus Erz, Eisenerz, bestehen. Also kaufte ich den größten Magneten der Welt und transportierte ihn auf dem Seeweg zur Insel.
Dann schleppte ich ihn auf eine Klippe, richtete ihn zum Himmel und wartete auf die Nacht. Nach zwei Stunden schoss eine Sternschnuppe am Nordstern vorbei. Deutlich bemerkte ich, dass ihr Flug plötzlich einen Bogen machte und sie direkt auf mich zuraste. Im letzten Augenblick sprang ich zur Seite und die Sternschnuppe prallte mit einem furchtbaren Knall auf den Magneten. Dabei entwickelte sich eine höllische Hitze, der Magnet begann zu schmelzen und die zähe Masse schoss über meine Füße, brannte sich in meine Haut ein. Seitdem sind meine Füße übrigens magnetisch, ich darf deshalb nur auf Schiffen aus Holz fahren, an Metall bleibe ich sofort haften. Dafür kann ich seitdem kopfüber an Decken laufen. Sie müssen wissen, dass eine Decke aus Steinen und Stahlträgern besteht. Und ich klebe an den Stahlträgern, als hätten meine Füße im Sekundenkleber gebadet.
Mikado dachte nach. Er rieb sich oft Hände und Füße mit Bananenschalen ein, wenn er auf einem Urwaldweg schliddern wollte, weil es im Urwald weder Eis noch Schnee gab. Über einen Weg schliddern, das machte Spaß, aber verkehrt herum an einer Zimmerdecke kleben, welchen Sinn sollte das machen. Bevor er etwas sagen konnte fuhr der alte Kapitän fort:
Später, vielleicht später, vielleicht erzähle ich Ihnen später, was sich alles anstellen lässt, klebt man mit seinen Füßen an der Decke...
Wir waren bei der Sternschnuppe stehengeblieben, dieses fürchterlich heiße Ding klebte noch immer an meiner Hose, die langsam in Rauch aufging. Ungeduldig wartete ich, bis sich die Sternschnuppe abgekühlt hatte. Jetzt konnte ich sie genauer beobachten. An ihrer Unterseite hing ein Zettel, der aus einem feuerfesten Papier bestand, sonst wäre er verbrannt. Und auf dem Zettel hatte jemand geschrieben:
Sternschnuppe Nummer XZ3N7, gilt nur für Kinder im Alter von 10 Jahren, 9 Monaten, 3 Wochen, 7 Tagen und 12 Stunden, gilt nur beim Betrachten in der Zeit von 24.00 Uhr bis 01.00 Uhr am 1 April.
Jetzt verstand ich auch, warum selten ein Wunsch beim Betrachten von Sternschnuppen in Erfüllung geht. Jede Sternschnuppe gilt nur für ein ganz bestimmtes Lebensalter und dann auch nur zu einer ganz bestimmten Zeit. Sie können sich ausrechnen, wie selten ein 10 Jahre, 9 Monate, 3 Wochen, 7 Tage und 12 Stunden altes Kind am 1 April in der Zeit von 24.00 Uhr bis 01.00 Uhr eine, und dann noch eine ganz bestimmte, Sternschnuppe ansieht. Und ich, ich hätte eine Sternschnuppe für 30jährige gebraucht, so alt war ich damals, aber eine andere Sternschnuppe tauchte in dieser Nacht nicht mehr auf, keine Sternschnuppe für einen 30 Jahre alten verliebten Kapitän.
Beim Wort Sternschnuppe fing Schwarzbart an, zu träumen. Seine Gedanken schwebten 70 Jahre zurück. Er sah sich in der langen Kette der jungen Männer, die nacheinander von der höchsten Klippe sprangen, um die schönste Perle aus dem Meer zu holen.