Zwei reiten ins Glück - Aliza Korten - E-Book

Zwei reiten ins Glück E-Book

Aliza Korten

5,0

Beschreibung

Die Idee der sympathischen, lebensklugen Denise von Schoenecker sucht ihresgleichen. Sophienlust wurde gegründet, das Kinderheim der glücklichen Waisenkinder. Denise formt mit glücklicher Hand aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren. Der Jumbo setzte sich in Bewegung. Langsam und schwerfällig rollte er an. Zwei Stewardessen gingen durch die Reihen und prüften, ob alle Passagiere angeschnallt waren, ob niemand mehr rauchte. Der Jumbo-Jet startete in Nairobi, der Hauptstadt von Kenia. Er würde in Madrid zwischenlanden und dann weiterfliegen nach Ams­terdam. Es war ein Flug der holländischen Luftfahrtgesellschaft, und die Stewardessen sprachen außer Englisch und Französisch auch Deutsch. Eine von ihnen blieb vor Tom Weigand stehen. »Gibst du mir deine Jacke? Ich lege sie ins Hatrack?« »Was ist ein Hatrack?«, fragte der achtjährige Tom, der verweinte Augen hatte. »Ein Hatrack ist ein Ablagefach für leichte Sachen«, erklärte die Stewardess geduldig und freundlich. »Zum Beispiel für Hüte, Mäntel, Jacken und Decken.« Sie schob Toms Jacke in das Fach und schloss die Klappe wieder. Sven Weigand, zwei Jahre jünger als sein Bruder Tom, schaute der Stewardess ohne Interesse zu. Reihe für Reihe prüfend, ging die Stewardess weiter. Der Jumbo-Jet hatte inzwischen seine Startposition erreicht. Er blieb nun kurz stehen, und die schweren Motoren heulten auf, sodass die ganze Maschine bebte. Dann rollte der Jumbo mit Höchstgeschwindigkeit wieder an, hob ab und stieg steil zum Himmel empor. Tom und Sven hielten sich bei den Händen. Ihre Gesichter zeigten eine Mischung aus Aufregung, Angst und Neugier. Während des Starts mussten sich auch die Stewardessen setzen und anschnallen. Sobald die Maschine eine gewisse Höhe erreicht hatte, standen sie wieder auf. Sven Weigand saß am Fenster, auf dem Mittelsitz sein Bruder Tom und neben Tom eine hübsche jüngere Frau, die genauso unglücklich aussah wie die Kinder. Tom

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Seitenzahl: 123

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Sophienlust ab 211 – 241–

Zwei reiten ins Glück

Als für Tom und Sven die Welt wieder hell wurde

Aliza Korten

Der Jumbo setzte sich in Bewegung. Langsam und schwerfällig rollte er an. Zwei Stewardessen gingen durch die Reihen und prüften, ob alle Passagiere angeschnallt waren, ob niemand mehr rauchte.

Der Jumbo-Jet startete in Nairobi, der Hauptstadt von Kenia. Er würde in Madrid zwischenlanden und dann weiterfliegen nach Ams­terdam. Es war ein Flug der holländischen Luftfahrtgesellschaft, und die Stewardessen sprachen außer Englisch und Französisch auch Deutsch. Eine von ihnen blieb vor Tom Weigand stehen. »Gibst du mir deine Jacke? Ich lege sie ins Hatrack?«

»Was ist ein Hatrack?«, fragte der achtjährige Tom, der verweinte Augen hatte.

»Ein Hatrack ist ein Ablagefach für leichte Sachen«, erklärte die Stewardess geduldig und freundlich. »Zum Beispiel für Hüte, Mäntel, Jacken und Decken.« Sie schob Toms Jacke in das Fach und schloss die Klappe wieder.

Sven Weigand, zwei Jahre jünger als sein Bruder Tom, schaute der Stewardess ohne Interesse zu.

Reihe für Reihe prüfend, ging die Stewardess weiter. Der Jumbo-Jet hatte inzwischen seine Startposition erreicht. Er blieb nun kurz stehen, und die schweren Motoren heulten auf, sodass die ganze Maschine bebte. Dann rollte der Jumbo mit Höchstgeschwindigkeit wieder an, hob ab und stieg steil zum Himmel empor.

Tom und Sven hielten sich bei den Händen. Ihre Gesichter zeigten eine Mischung aus Aufregung, Angst und Neugier.

Während des Starts mussten sich auch die Stewardessen setzen und anschnallen. Sobald die Maschine eine gewisse Höhe erreicht hatte, standen sie wieder auf.

Sven Weigand saß am Fenster, auf dem Mittelsitz sein Bruder Tom und neben Tom eine hübsche jüngere Frau, die genauso unglücklich aussah wie die Kinder. Tom und Sven nannten sie Tante Simone, aber Simone Laaser war nicht die Tante der beiden Buben. Simone hatte Tom und Sven erst vor drei Wochen in Mombasa kennengelernt.

In der Mitte des Jumbo-Sets hinter dem Küchenaufbau unterhielten sich drei Stewardessen leise über Simone und die beiden Kinder. »Das ist die Frau des Safarileiters, der verunglückt ist.«

»Wer? Die Blonde neben den beiden Buben?«

»Ja«, bestätigte Stewardess Dorith. »Lest ihr denn keine Zeitungen?«

»Natürlich, jetzt erinnere ich mich. Sogar in Holland haben sie darüber berichtet. Die beiden Buben haben erst vor einem halben Jahr ihre Mutter verloren. Um sie abzulenken, nahm der Vater sie nach Kenia mit.«

»Stimmt. Er hatte beruflich in Nairobi und Mombasa zu tun. Auf einer Safari wurde er von einem angeschossenen Löwen zerrissen. Laaser kam ihm zu Hilfe und wurde von dem wütenden Tier ebenfalls tödlich verletzt. Seine Frau kehrt jetzt nach Deutschland zurück. Sie ist Deutsche.«

»Und die Kinder?«, fragte Dorith.

»Sie haben – soviel ich weiß – keine Angehörigen mehr. Sie sollen dem Roten Kreuz übergeben werden.«

»Und was geschieht dann mit den beiden?«

»Keine Ahnung.« Die Stewardess zuckte mit den Schultern. »Wahrscheinlich kommen sie in ein Waisenhaus.«

»Mein Gott …« Dorith schluckte. »Wie furchtbar.« Sie brachte es nicht fertig, Tom und Sven anzuschauen, als sie kurz darauf mit einem Getränkewagen durch den linken Gang fuhr.

Simone Laaser lehnte kopfschüttelnd ab, als die Stewardess ihr etwas zu trinken anbot. »Wollt ihr etwas?«, wandte sie sich an Tom und Sven.

»Nein, danke«, sagte Tom.

Sven fragte jedoch: »Kann ich eine Cola haben?«

»Selbstverständlich.« Dorith goß Coca-Cola in ein Glas mit Eiswürfeln und reichte es Sven. »Wenn du das Brett herunterklappst, hast du ein Tischchen, auf das du dein Glas stellen kannst.«

Simone half dem Jungen beim Herunterklappen.

»Magst du einen Schluck, Tante Simone?«

»Nein danke, Sven.« Simone strich ihm übers Haar. Sven trug den Schicksalsschlag leichter als sein Bruder. Wahrscheinlich, weil er das ganze Ausmaß der Tragödie noch gar nicht begriff.

Simone bemühte sich, nicht an Werner – ihren Mann – zu denken. Aber die Gedanken und Erinnerungen an ihn kehrten zurück wie eigensinnige Kinder. Sie dachte an die ersten Ehejahre, die sie und ihr Mann in Deutschland im Haus von Werners Eltern verbracht hatten. Damals hatten sie noch gehofft, Kinder zu bekommen. Nach fünf kinderlosen Jahren hatte jedoch ein namhafter Gynäkologe Simones letzte Hoffnung auf ein Kind zerstört. Sie war unfruchtbar, daran konnte die ganze moderne Medizin nichts ändern.

Simone schloss die Augen. Damals hatte ihre Ehe angefangen zu zerbröckeln. Kurz darauf hatte sich Werner entschlossen, nach Afrika zu gehen und seinen Jugendtraum zu verwirklichen. Er hatte Safarileiter werden wollen. Seine Eltern waren dagegen gewesen, Simone auch. Werner war trotzdem nach Afrika geflogen, und sie hatte ihn begleitet. Obwohl sie eigentlich keine richtige Ehe mehr geführt hatten, war sie bei Werner geblieben. Seit er die Lizenz, Safaris durchzuführen besaß, hatte er Urlauber und Touristen herumgefahren. Simone hatte in Mombasa am Meer gelebt. Jeden Monat hatte sie ihren Mann für ein paar Tage gesehen. Die meiste Zeit hatte er im Busch verbracht.

»Tante Simone, ich muss mal verschwinden.«

»Ich komme mit dir.« Simone stand auf und begleitete Sven zur Toilette.

Vor drei Tagen war der Vater von Tom und Sven in Nairobi beerdigt worden. Werners Sarg wurde nach Deutschland überführt. Darauf hatten seine Eltern bestanden. Erwarten dich in Amsterdam, hatten sie ihrer Schwiegertochter telegrafiert.

Simone hatte nie ein gutes Verhältnis zu ihren Schwiegereltern gehabt, und sie wusste auch, warum: Weil sie ihnen keine Enkelkinder geschenkt hatte und weil sie Werner nach Kenia begleitet hatte. »Du musst ihm diese verrückte Idee ausreden«, hatten die Schwiegereltern damals verlangt. Simone hatte es versucht, aber ohne Erfolg.

Die Wasserspülung rauschte, gleich darauf kam Sven aus der Toilette. Er griff nach Simones Hand und ließ sich von ihr zurückführen. Sie war der einzige Mensch, der ihm und seinem Bruder geblieben war. Er wollte ihre Hand nicht mehr loslassen. Doch er musste, um sich setzen zu können.

»Tante Simone?«

Simone schreckte aus ihren Gedanken auf. »Ja, Tommy?«

Tom schluckte. Sein Vater hatte ihn auch immer Tommy genannt, und jetzt war er tot. Dabei hatten sie noch vor einer Woche zusammen im Meer gebadet. Oder war es länger her?

Tom versuchte die Tage zu zählen. Dabei musste er wieder an das Begräbnis denken, und seine Augen füllten sich mit Tränen. Weil er sich schämte, schaute er schnell zum Fenster hinaus. Da spürte er eine Hand auf seiner Schulter. Sie gehörte Simone.

»Leg deinen Kopf an meine Schulter«, sagte Simone sanft.

Tom gehorchte und fühlte sich ein bisschen getröstet. Simone erinnerte ihn an seine Mutti. Nur schöner war sie. Er hob den Kopf, um ihr Gesicht zu sehen.

Simone griff in ihre Tasche. »Hier, Tommy.« Sie reichte ihm ein frisches Taschentuch.

Tom putzte sich die Nase und fuhr sich über die Augen. »Wir können nicht einmal Blumen auf Vatis Grab stellen«, murmelte er.

Was für ein Gedanke für einen achtjährigen Jungen, dachte Simone. »Der Friedhofswärter wird das Grab pflegen«, sagte sie. »Und wenn du erst älter bist, bringst du vielleicht selbst einmal Blumen hin.«

»Nein«, widersprach Tom ihr heftig. »Nie mehr fliege ich nach Afrika. Nie mehr.«

Ich auch nicht, dachte Simone.

Sven schaute schweigend zum Fenster hinaus. Er dachte noch nicht so weit wie sein Bruder.

»Tante Simone«, fragte Tom, »kommen wir jetzt in ein Heim, Sven und ich?«

Simone wusste nicht, was sie antworten sollte.

»Ich meine, weil wir doch jetzt niemanden mehr haben.« Fragend schaute er zu ihr empor, ängstlich auf ihre Antwort wartend.

Was sollte sie antworten? »Ich weiß es nicht«, sagte sie ehrlich. »Habt ihr denn wirklich keine Verwandten mehr? Keine Tante, keinen Onkel?«

Tom und Sven schüttelten gleichzeitig den Kopf. »Sonst wüssten wir das doch«, sagte Tom. »Ich habe Vati einmal gefragt, warum wir keine Tanten und Onkel haben. Und da hat er gesagt, das ist so, weil er keine Geschwister hatte und Mutti auch nicht. Hast du noch eine Tante oder einen Onkel?«

Simone schüttelte den Kopf. »Nein, ich habe auch keinen mehr.«

»Auch keine Oma und keinen Opa?«

»Nein.«

Sven überlegte. »Dann bist du ja auch ganz allein, Tante Simone?«

»Ja, Sven. Mir geht es genauso wie euch.« An ihre Schwiegereltern dachte Simone in diesem Moment nicht. Bertha und Manuel Laaser hatten sie von Anfang an abgelehnt. Erst recht dann, als sie ihnen keine Enkelkinder gebar.

»Bleib doch einfach bei uns, Tante Simone«, schlug Sven vor.

Gerührt streckte sie den Arm aus und streichelte die Wange des Jungen. »Das ist lieb von dir, Sven.«

»Willst du nicht?«, fragte Tom. Dabei dachte er: Vielleicht mag sie uns nicht.

Simone aber dachte an etwas ganz anderes. War diese treuherzige kindliche Frage nicht ein Wink des Schicksals? Sie hatte sich immer Kinder gewünscht, aber sie waren ihr versagt geblieben. Und nun hatte sie auch noch ihren Mann verloren. Sie war wirklich ganz allein. Genauso allein wie Tom und Sven.

Tom hatte den Blick gesenkt. Sie will nicht, dachte er. Sven dagegen schaute Simone fragend an. »Magst du uns nicht?«

Simone schluckte. »Doch, ich mag euch. Ich mag euch sogar sehr.«

»Dann bleib doch bei uns, Tante Simone. Bitte!« Svens Augen leuchteten auf, als er das sagte.

Das wäre wunderbar, dachte Simone. Mein Leben hätte dann wieder einen Sinn. Und Tom und Sven würde ich das Waisenhaus ersparen. Warum bin ich nicht selbst auf diese Idee gekommen? Lächelnd schaute sie Tom und Sven an und erklärte: »Wenn ihr wollt, bleiben wir zusammen.«

»Ist das wahr?«, fragte Tom atemlos. »Meinst du es ernst, Tante Simone?«

»Natürlich meine ich es ernst.« Simone lächelte noch immer. Bis ihr einfiel, dass sie so gut wie mittellos dastand. Ein Koffer mit Inhalt war alles, was ihr gehörte. Werners Verdienst hatte gerade immer für den Lebensunterhalt gereicht. Zum Sparen war nichts geblieben.

»Woran denkst du, Tante Simone?« Tom tastete nach ihrer Hand und hielt sie fest.

»Daran, dass ich kein Geld habe.« Es klang fast fröhlich. Simone machte sich keine Gedanken darüber. Irgendein Weg würde sich finden, um den Lebensunterhalt für sich und die Kinder zu verdienen. Und wohnen konnten sie ja vorerst bei den Schwiegereltern. Bertha und Manuel hatten sich immer Enkelkinder gewünscht. Sicher würden sie begeis­tert von der Idee sein, Tom und Sven zu behalten. Sie erzählte Tom und Sven von den Schwiegereltern.

Aufmerksam hörten Sven und Tom ihr zu.

»Und wenn sie uns nun nicht mögen?«, fragte Sven.

»Warum sollen sie euch nicht mögen, wenn ihr brav seid?«

»Wir sind ganz bestimmt brav«, sagte Tom schnell. Nun leuchteten auch seine Augen.

Vorübergehend vergaßen die beiden Buben das Unglück und den Verlust des Vaters. Als die Stewardess eine erste Mahlzeit servierte, aßen sie sogar.

Nach dem Essen wurde ein Film gezeigt. Simone kaufte drei Ohrhörer und erklärte Sven und Tom, wie sie funktionierten. »Jetzt könnt ihr vorn auf der Leinwand das Bild sehen und über die Ohrhörer verstehen, was sie sprechen.«

Simone selbst war an dem Film nicht interessiert. Sie schloss die Augen und hörte Musik. Dabei dachte sie an die Zukunft. Sie malte sich aus, wie sie Tom zur Schule begleitete und Sven in den Kindergarten brachte oder mit ihm spazierenging. Wie sie die Wochenenden gemeinsam mit den Kindern verbrachte und in den Ferien mit ihnen ans Meer fuhr. Das waren alles Dinge, von denen sie bis dahin stets geträumt hatte. Auch in ihrer Ehe.

Als Toms Kopf an ihrer Schulter schwer wurde, öffnete sie die Augen. Der Junge war eingeschlafen. Sven verfolgte gespannt den Film. Doch nach einer weiteren halben Stunde schlief er ebenfalls ein.

»Wir können einen Jungen auf zwei frei Mittelsitze legen«, sagte die Stewardess leise zu Simone. »Dann kann sich der andere hier auch langlegen. Kommen Sie, ich helfe Ihnen.«

Gemeinsam trugen die beiden Tom zur mittleren Sitzreihe. Er wachte nur kurz auf, schloss aber gleich wieder die Augen. Sven streckte seine Beine automatisch über den freigewordenen Sitz. Zärtlich strich Simone ihm eine dunkelblonde Haarsträhne aus der Stirn. Als sie hörte, dass er gleichmäßig atmete, schloss sie die Augen und träumte weiter.

Natürlich dachte sie daran, dass sie sich den Kindern nur dann würde ganz widmen können, wenn sie nicht arbeitete. Aber sie dachte auch daran, dass ihre Schwiegereltern vermögend waren und dass die große Villa halb leerstand. Bestimmt nehmen sie uns auf, dachte Simone. Es wäre schon eine große Hilfe, wenn ich keine Miete zahlen müss­te. Das Geld für den Lebensunterhalt könnte ich mir mit einer Halbtagsbeschäftigung verdienen.

Simone hatte vor ihrer Ehe als Sekretärin gearbeitet. Natürlich war das schon lange her, und sie hatte keine Übung mehr im Stenografieren und Maschineschreiben. Aber vielleicht würde sie auch etwas anderes finden und vielleicht … Ja, vielleicht würden sie die Schwiegereltern ein bisschen unterstützen. Sie hatten auch Werner regelmäßig einen Scheck geschickt.

Über diesen Gedanken schlief Simone ein. Sie wachte auf, als die Maschine in Madrid zwischenlandete. Ein Teil der Passagiere stieg aus, die meisten flogen weiter nach Amsterdam.

Tom und Sven wachten nicht einmal auf. Simone war froh, dass sie schliefen. Die Landung und alles danach würden anstrengend werden.

Die Zwischenlandung in Madrid dauerte nur eine halbe Stunde. Danach schlief auch Simone wieder ein, aber ihr Schlaf war jetzt ruhig. Sie träumte von Werner, dann von den verhältnismäßig friedlichen Löwen in den Naturparks, die sich jedoch plötzlich in wütende Bestien verwandeln konnten. Mit einem erstickten Schrei fuhr sie auf.

Sven erwachte, weil Simone seine Hand losließ. Verwirrt schaute er sich um.

»Schlaf weiter, mein Schatz, wir sind noch nicht da.« Sie streichelte ihn. Da schloss er beruhigt wieder die Augen.

Simone aber konnte nicht mehr schlafen. Sie stand auf, ging zur Toilette und erfrischte sich. Allmählich dämmerte draußen der Morgen. Die Stewardessen servierten Fruchtsäfte und Kaffee, und der Kapitän gab über Lautsprecher bekannt, dass Amsterdam nur noch eine halbe Flugstunde entfernt sei.

Simone weckte Sven und Tom, damit sie noch etwas essen konnten. Verschlafen rieben die beiden sich die Augen. »Sind wir schon da?«, fragte Sven.

»In einer halben Stunde landen wir in Amsterdam.«

Dorith, die Stewardess, brachte Kakao und Hörnchen. »Wenn ihr wollt, könnt ihr noch mehr bekommen.«

Doch Tom und Sven waren viel zu aufgeregt, um essen zu können.

»Bitte, schnallen Sie sich an, stellen Sie Ihre Rücklehnen senkrecht und stellen Sie das Rauchen ein«, sagte die Chefstewardess über die Lautsprecher. »Wir landen in fünfzehn Minuten in Amsterdam.«

Der Landeanflug hatte bereits begonnen, die Maschine verlor zusehends an Höhe.

»Das kitzelt im Bauch«, sagte Sven. Tom sagte, ihm sei schlecht. Schnell zog Simone eine Tüte heraus und drückte sie Tom in die Hand.

»Was soll ich damit?«, fragte er verständnislos.

»Für den Fall, dass du dich übergeben musst.«

»Da hinein?«, fragte Tom und verzog das Gesicht. »Kann ich nicht aufs Klo gehen?«

»Jetzt nicht mehr. Wir landen gleich. Da darf niemand aufstehen.« Sie sprach mit Tom und lenkte ihn ab, bis hinter den Wolken Amsterdam zu sehen war.

Zehn Minuten später landeten sie in Schiphgol, dem Flughafen von Amsterdam.

Mit Tom und Sven an der Hand betrat Simone die Ankunftshalle. Zuerst kam die Passkontrolle, dann die Zollkontrolle. Neben dem Beamten der Passkontrolle warteten ein Herr und eine Dame vom Roten Kreuz. Sie wollten Tom und Sven abholen.

Simone stellte sich vor: »Mein Name ist Laaser. Mein Mann kam zugleich mit dem Vater der Kinder um.«