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Seit Jahrzehnten erfreut sich das Genre des Heimat-Bergromans sehr großer Beliebtheit. Je hektischer unser Alltag ist, umso größer wird unsere Sehnsucht nach dem einfachen Leben, wo nur das Plätschern des Brunnens und der Gesang der Amsel die Feierabendstille unterbrechen.
Zwischenmenschliche Konflikte sind ebenso Thema wie Tradition, Bauernstolz und romantische heimliche Abenteuer. Ob es die schöne Magd ist oder der erfolgreiche Großbauer - die Liebe dieser Menschen wird von unseren beliebtesten und erfolgreichsten Autoren mit Gefühl und viel dramatischem Empfinden in Szene gesetzt.
Alle Geschichten werden mit solcher Intensität erzählt, dass sie niemanden unberührt lassen. Reisen Sie mit unseren Helden und Heldinnen in eine herrliche Bergwelt, die sich ihren Zauber bewahrt hat.
Dieser Sammelband enthält die folgenden Romane:
Alpengold 230: Viel zu schön, um Magd zu sein
Bergkristall 311: Weil er daheim ein Fremder war
Der Bergdoktor 1817: Sein Hass galt dem Bruder
Der Bergdoktor 1818: Unser Sommermärchen
Das Berghotel 167: Das verschwundene Ringlein
Der Inhalt dieses Sammelbands entspricht ca. 320 Taschenbuchseiten.
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Seitenzahl: 603
Veröffentlichungsjahr: 2025
BASTEI LÜBBE AG
Vollständige eBook-Ausgaben der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgaben
Für die Originalausgaben:
Copyright © 2016/2018 by
Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln
Vervielfältigungen dieses Werkes für das Text- und Data-Mining bleiben vorbehalten.
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
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Für diese Ausgabe:
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Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln
Covermotiv: © Boiko Olha / Shutterstock
ISBN: 978-3-7517-7838-1
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Cover
Titel
Impressum
Inhalt
Alpengold 230
Viel zu schön, um Magd zu sein
Bergkristall - Folge 311
Weil er daheim ein Fremder war
Der Bergdoktor 1817
Sein Hass galt dem Bruder
Der Bergdoktor 1818
Unser Sommermärchen
Das Berghotel 167
Das verschwundene Ringlein
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Contents
Viel zu schön, um Magd zu sein
Ein junges Dirndl bringt Verwirrung auf den Königshof
Von Sissi Merz
Als sich Mia Moser um eine Anstellung als Magd auf dem Königshof bewirbt, denkt Korbinian nicht lange nach und stellt das bildhübsche Madel ein. Die drei Brandstetter-Brüder Andreas, Korbinian und Lukas, die den größten und schönsten Hof in Schondorf gemeinsam führen, sind gleichermaßen fasziniert von dieser Schönheit.
Bei Andreas’ besserer Hälfte Johanna und Korbinians Verlobter Marion schrillen hingegen sämtliche Alarmglocken. Sie behalten die neue Magd genau im Auge, denn offenbar schäkert sie gerne ein wenig – allerdings nicht mit Lukas, dem jüngsten, noch ungebundenen Brandstetter. Dabei ist der unverbesserliche Schürzenjäger vollkommen hingerissen von dem Madel, doch egal, was er auch anstellt, die neue Magd zeigt ihm die kalte Schulter.
Was alle nicht wissen: Mia ist nicht zufällig auf den Königshof gekommen, sondern sie hat hier eine Mission zu erfüllen, und so, wie es aussieht, läuft für sie alles nach Plan …
Lukas Brandstetter legte an und zielte genau. Völlig ruhig hielt er das Gewehr, kein Muskel regte sich, er blinzelte nicht einmal.
Der Bursche atmete tief und gleichmäßig. Die innere Anspannung, unter der er stand, war ihm nicht anzusehen. Er wirkte ganz locker. Dann krümmte er den rechten Zeigefinger. Der Schuss peitschte auf und traf sein Ziel. Es krachte, als der Kopf des Adlers aus bemaltem Sperrholz vom Hals gerissen wurde, der bereits durch einige Schüsse brüchig geworden war. Der Kopf segelte zu Boden und gleich darauf auch der Rest des Adlers.
Einen Atemzug lang herrschte noch Totenstille, dann aber brach ein infernalischer Beifallssturm aus. Die Zuschauer klatschten und schrien, und auch einzelne begeisterte Jodler waren aus der Menge zu vernehmen.
Der hochgewachsene, fesche Bursche drehte sich um und grinste breit. Er zeigte zwei Reihen gesunder Zähne in einem markant männlichen Gesicht, das auf das weibliche Geschlecht ebenso unwiderstehlich wirkte wie der Rest des jüngsten Brandstetter. Er war eben ein Pfundskerl, ein echter Gebirgler, kernig und voller Tatkraft. Das hatte er nun erneut beim Königsschießen unter Beweis gestellt.
Seit Jahren war es Tradition, dass einer der drei Brandstetter-Brüder sich die Krone des Schützenkönigs holte. Lukas hatte dies nun zum dritten Mal geschafft. Und entsprechend ließ er sich feiern und bewundern.
Sepp Grasser, der erste Vorsitzende des Schützenvereins 1860 Schondorf e.V., trat vor und schüttelte dem Burschen, der ihn um gut einen Kopf überragte, herzlich die Hand. Während er ihm den Siegerpokal überreichte, dröhnte seine tiefe Bassstimme gegen den noch immer andauernden Jubel der Schondorfer an.
»Meine herzliche Gratulation, Lukas! Wie es ausschaut, sind die Burschen vom Königshof bei uns am Ammersee die besten Schützen. Sie lassen sich die Siegerkrone net streitig machen. Auch in diesem Jahr kommt unser Schützenkönig also vom Königshof!« Er klopfte Lukas jovial die Schulter, und dieser bedankte sich.
»Heut geht alles auf meine Rechnung!«, rief er dann fröhlich. »Also, worauf wartet ihr noch? Jetzt wird gefeiert!«
Der Jubel steigerte sich noch einmal, dann wurde das Starkbier angestochen, und bald kochte die Stimmung im Vereinsheim von Schondorf hoch. Bier und Enzian flossen in Strömen, denn alle wussten, was es hieß, wenn ein Brandstetter zum Feiern einlud.
Lukas genoss den Abend in vollen Zügen. Auch seine beiden älteren Brüder Andreas und Korbinian waren mit von der Partie.
Die zwei hatten die Trophäe auch schon einige Male abgeräumt. Auf dem Königshof, dem schönsten und größten Anwesen in Schondorf, gab es eine ganze Vitrine voller Pokale. Die Brandstetter-Brüder waren aber nicht nur gute Schützen, wie der Grasser-Sepp betont hatte, sie waren auch die größten Schürzenjäger am Ammersee.
Andreas, der Älteste und Erbhofbauer, ließ es in letzter Zeit etwas ruhiger angehen, denn er hatte im vergangenen Jahr geheiratet. Mit dreißig war er ein wenig vernünftiger geworden.
Die resolute Johanna Gruber hatte sein Herz gestohlen. Die schöne, willensstarke junge Frau ließ sich nichts gefallen. Andreas wusste, dass sie fuchsteufelswild werden konnte, wenn sie auch nur die Spur von einem Verdacht gegen ihn hegte. Er liebte ihr Temperament und ahnte, dass ihre heiße Eifersucht einer tiefen, wahren Liebe zu ihm entsprang. Deshalb dachte der Erbhofbauer nicht einmal mehr im Traum daran, auswärts zu »wildern«.
Doch wenn seine beiden jüngeren Brüder es krachen ließen, wollte er mit von der Partie sein. Er hatte Johanna plausibel machen können, dass er auf die zwei aufpassen und »das Schlimmste verhindern« wolle. Was er darunter verstand oder wie er dies bewerkstelligen wollte, hatte er allerdings nicht ganz deutlich machen können.
Andreas war klar, dass seine bessere Hälfte ihn ab Mitternacht mit Strafmaßnahmen erwarten würde. Deshalb hatte er sich vorgenommen, nicht zu spät heimzukommen, um seinen Schatz mit Busserln und treuen Blicken zu besänftigen. Schließlich war der Haussegen ihm wichtig.
Als es auf Mitternacht zuging, hatte die Stimmung im Vereinsheim ihren Höhepunkt erreicht. Lukas tanzte abwechselnd mit allen hübschen, verfügbaren Madeln, und Korbinian hatte es sich einfallen lassen, sein Starkbier aus einem schmalen Damenschuh zu schlürfen. Das dazugehörende Madel saß dabei natürlich auf seinem Schoß.
Bedachte man, dass Korbinian sich vor einem halben Jahr mit einem hübschen, anständigen Madel verlobt hatte, war dieses Verhalten nicht einfach hinzunehmen. Der Meinung war Andreas jedenfalls.
Er kämpfte sich durch die Menge der tanzenden und grölenden Feierwütigen. Es war schwer, sich gegen die Musik aus den Lautsprechern durchzusetzen.
»Wir sollten jetzt Schluss machen und heimgehen«, brüllte er in Korbinians Ohr. »Du willst doch morgen mit der Marion am Hohenberg kraxeln, net wahr?«
Sein Bruder starrte ihn mit glasigem Blick an und lachte dümmlich.
»Bis dahin ist noch viel Zeit«, lallte er. »Jetzt heb ich erst einmal ein bisserl mit der Lissi ab, gelt?«
Das Madel kicherte albern, als Korbinian ihr ein Busserl aufs üppige Dekolleté drückte.
Andreas verzog den Mund. Er warf einen Blick zu Lukas, der wieder einmal den Partylöwen spielte und der Mittelpunkt des feucht fröhlichen Geschehens war. Lukas würde sich kaum dazu bewegen lassen heimzugehen. Vermutlich feierte er wieder einmal bis zum Abwinken und landete dann mit einem beliebigen Madel im Bett.
Der Erbhofbauer ließ ihn gewähren, denn schließlich war der jüngste Brandstetter noch ungebunden und konnte tun und lassen, was er wollte.
Bei Korbinian sah das etwas anders aus. Auch wenn er noch so seine Probleme mit der Treue hatte, musste er sich doch allmählich daran gewöhnen, auf Marion Rücksicht zu nehmen. Und wenn er dies nicht von sich aus tat, würde Andreas eben ein wenig nachhelfen.
Entschlossen zog er Korbinian den Schuh aus der Hand, dann packte er den Rauschigen und warf ihn sich kurzerhand über die Schulter. Lissi sackte zur Seite und schlief ein. Sie schien ebenfalls deutlich einen über den Durst getrunken zu haben. Andreas kümmerte sich nicht weiter um das Madel.
Er schleppte seinen Bruder aus dem Saal und verfrachtete ihn in seinen Geländewagen. Als er selbst einstieg, schnarchte Korbinian bereits anhaltend und durchdringend.
Der Erbhofbauer hatte es bei einer Maß belassen, sodass er den Weg ins Dorf guten Gewissens mit dem Auto zurücklegen konnte.
Das Vereinsheim lag etwas außerhalb von Schondorf, die schmale Landstraße, die weiter nach Rieden und Weilheim führte, verlief direkt am Ammersee. Es war eine frische, sternklare Nacht im Oktober. Der Mond stand voll und rund über dem See und streute Silbertaler auf das schwarz wirkende Wasser.
Die Lichter von Schondorf glänzten direkt vor Andreas. Zu seiner Rechten erhob sich still und dunkel ein dichter Tann, dahinter ragte der karstige Gipfel des Hohenbergs in den klaren Nachthimmel.
Andreas war die Umgebung so vertraut, dass er auch mit verbundenen Augen seinen Weg gefunden hätte. Er war in Schondorf geboren und aufgewachsen und konnte sich nicht vorstellen, sein Leben woanders zu verbringen als in seinem Heimattal auf dem Königshof und mit seinen beiden Brüdern.
Die drei waren eine eingeschworene Gemeinschaft. Sie hatten die Eltern früh verloren. Der Vater war am Schlag gestorben noch vor seinem fünfzigsten Geburtstag, die Mutter hatte von jeher gekränkelt, hatte ein schwaches Herz gehabt.
Erinnerungen an die Kindheit verbanden sich für Andreas mit seinen Brüdern und der Hauserin Rosa, die besonders bei Lukas einst Mutterstelle vertreten hatte. Die gutmütige Seele hatte den mutterlosen Buben allerdings gnadenlos verwöhnt. Sie konnte ihm nie etwas abschlagen, und die Strenge, die Lukas gefehlt hatte, hatten seine älteren Brüder dann zu spüren bekommen.
Jetzt ging Rosa auf die siebzig zu, hatte den Haushalt auf dem Königshof aber nach wie vor im Griff. Andreas mahnte sie öfter kürzerzutreten, vom Ruhestand mochte sie allerdings nichts wissen.
»Wer rastet, der rostet«, war ihr Lieblingsspruch.
Und der Erbhofbauer ließ sie gewähren, denn in gewisser Weise gehörte Rosa längst zur Familie. Glücklicherweise verstand sie sich gut mit Johanna, und das machte es für sie einfach, manche Arbeit, die ihr zu schwer wurde, der Bäuerin zu überlassen.
Andreas setzte den Blinker und bog von der Landstraße auf die private Allee ab, die zum Königshof führte. Sie wurde von schlank gewachsenen Linden gesäumt und endete auf dem kunstvoll gepflasterten Wirtschaftshof.
Der Königshof stand hier bereits seit mehr als zweihundert Jahren. Das große Haupthaus mit dem imposanten, tief gezogenen Dach, die Nebengebäude und Stallungen sprachen von Reichtum und der Kontinuität vieler Generationen. Alles war gepflegt und durch ständige, fachkundige Renovierungsarbeiten in einem nahezu perfekten Zustand erhalten. Allein die reich beschnitzten Balken des Dachüberstandes aus antiker Eiche waren sehenswert.
Der Erbhofbauer stellte seinen Wagen in der Remise ab und stieg aus. Korbinian schlief noch immer. Mit einem Seufzer hievte sein Bruder ihn aus dem Auto und schleppte ihn ins nahe gelegene Gesindehaus, wo er in der ersten freien Kammer landete.
Jetzt, Mitte Oktober, waren die Saisonkräfte ausgestanden, es gab wieder etwas mehr Platz, bis die Holzknechte ihre Arbeit antraten, was nicht mehr lange dauern würde.
Andreas warf noch einen Blick auf seinen Bruder, der sich auf die Seite rollte und mit einem tiefen Seufzer wieder zu schnarchen anfing. Dann verließ er die Kammer und ging hinüber ins Haupthaus, wo er bereits erwartet wurde.
***
Rosa war noch nicht ins Bett gegangen. Das Rheuma, unter dem die Hauserin seit geraumer Zeit litt, setzte ihr zu. Bei dem kühlen, feuchten Herbstwetter ließen die Schmerzen sie nicht zur Ruhe kommen und verhinderten einen erholsamen Nachtschlaf. Deshalb saß sie in der Küche an der Eckbank, als der Bauer heimkam. Johanna hatte ihr Gesellschaft geleistet.
Die junge Bäuerin war sehr hübsch. In ihrem herzförmigen Gesicht leuchteten klare, grüne Augen. Andreas mochte die Grübchen in ihren Wangen besonders gern. Und ihr dunkles Haar glänzte im Schein der Küchenlampe, wie es ihr in üppigen Locken auf die Schultern fiel.
Der Bauer stellte einmal mehr fest, dass er noch immer so verliebt in Johanna war wie am ersten Tag. Ihre skeptische Miene und die kleine, steile Unmutsfalte zwischen den schön geschwungenen Brauen machten ihm jedoch sehr deutlich, dass nun nicht der richtige Zeitpunkt für romantische Anwandlungen war. Er lächelte Rosa freundlich zu, beugte sich über seine Frau und drückte ihr ein Busserl aufs Haar, um ihr Gelegenheit zu geben, seinen Atem zu prüfen. Dann bat er um ein Haferl Kaffee.
»Das mach ich schon«, sagte Johanna sofort, als Rosa aufstehen wollte. »Magst auch noch was?«
Rosa lehnte ab. In ihrem gutmütigen Gesicht bestachen die lichtblauen Augen, die einem jeden freundlich zuzulächeln schienen. Freilich hatten die Schmerzen der letzten Zeit einen Leidenszug um ihren Mund gelegt. Doch es schien unmöglich, ihr die positive Ausstrahlung zu nehmen. Die war da, und die blieb da.
So hatte Andreas die Hauserin immer gekannt, und er war überzeugt, dass sie sich bis zu ihrem letzten Tag nicht ändern würde.
»Wenn ich noch mehr Kaffee trink, steh ich nachher senkrecht im Bett«, scherzte sie. »Wie war das Königsschießen? Hat der Lukas sich wieder mal die Krone geholt?«
»Freilich, kennst ihn doch.« Andreas bedankte sich bei seiner Frau für den Kaffee und meinte: »Du hättest mitkommen sollen, Liebes. Ich hätte gern mit dir getanzt. Allein hat mir das Fest keinen rechten Spaß gemacht.«
»Ich halt nix von der Schießerei, das weißt du doch«, hielt sie ihm nachdenklich entgegen. »Es ist nur eine Prahlerei unter den Burschen. Und die Jagd mag ich auch net. Ich schau mir das Wild lieber lebendig im Forst an. Außerdem ist’s gewiss wieder hoch hergegangen. Sonst wären der Korbi und der Lukas doch wohl zusammen mit dir heimgekommen, net wahr?«
»Kennst doch den Lukas«, sagte der Erbhofbauer schmunzelnd. »Der lässt keine Feier aus. So ist er nun mal. Ich find, es ist besser, wenn er sich jetzt austobt. Dann stehen die Chancen net schlecht, dass er später ein vernünftiger Ehemann wird.«
»So einer wie du?«, neckte Johanna ihn.
»Vielleicht net ganz so vernünftig, aber er kann sich ja ein bisserl anstrengen«, ging er auf ihren scherzhaften Ton ein.
»Ich glaub net, dass der Lukas irgendwann erwachsen wird«, widersprach die Bäuerin ihrem Mann. »Er ist ja schon Mitte zwanzig. Und Anzeichen von Vernunft sucht man bei ihm bislang vergeblich. Bist net auch meiner Meinung, Rosa?«
Die alte Hauserin stand ein wenig schwerfällig auf und verabschiedete sich von den beiden.
»Ich muss ins Bett. Gute Nacht und bis morgen.«
»Warum hat sie mir denn keine Antwort gegeben?«, wunderte Johanna sich, nachdem Rosa die Küche verlassen hatte. »Ist der Lukas noch immer ihr Herzkind, auf das sie nix kommen lässt?«
»Mag sein«, sinnierte Andreas. »Es liegt aber wohl vor allem daran, dass du gerade einen wunden Punkt berührt hast. Die Rosa macht sich selbst Vorwürfe, weil sie den Lukas so verzogen hat.«
»Das ist aber Unsinn«, urteilte die Bäuerin überzeugt. »Mag sein, dass sie ihn als Kind verwöhnt hat. Aber irgendwann kommt der Punkt, wo man für sich selbst verantwortlich ist. Und den hat der Lukas schon lange erreicht.«
»Ich fürchte, mein Bruderherz sieht das ein bisserl anders«, sagte Andreas lachend. »Komm, lass uns auch ins Bett gehen, ich bin rechtschaffen müd. Und den Lukas werden wir eh net ändern.«
»Der Korbi scheint es heut ebenfalls zu übertreiben. Ich kann mir nicht denken, dass der Marion das gefällt.«
»Er schläft im Gesindehaus seinen Rausch aus. Ich hab ihn mitgebracht«, ließ er sie wissen.
»Das war sehr umsichtig von dir. Er scheint ebenso wenig Vernunft zu besitzen wie der Lukas.«
»Die Marion weiß ihn zu nehmen, keine Sorge. Der Korbi trinkt gern einen über den Durst und verfällt hernach in alte Unarten. Wenn aber jemand in der Nähe ist, der auf ihn achtet, geht’s net gleich arg aus.« Er trank seinen Kaffee aus und erhob sich. »Komm, Schatzerl, gehen wir schlafen.«
Johanna stellte die leeren Tassen in den Spüler, dann schaltete sie das Licht aus und folgte ihrem Mann, der an der Stiege auf sie wartete.
»Mei, Andi, du weißt schon, dass alle mich davor gewarnt haben, einen Brandstetter zu heiraten, gelt? Und wenn ich mir deine beiden Brüder anschaue, muss ich zugeben, dass diese Warnungen fei net aus der Luft gegriffen sind.«
»Du bist aber nicht mit meinen Brüdern verheiratet, sondern mit mir«, entgegnete er launig und legte einen Arm um ihre Schultern. »Klagen oder Beschwerden?«
Sie blickte mit leiser Skepsis zu ihm auf, wobei sich ein kleines Lächeln um ihren Mund legte, das versöhnlich wirkte.
»Im Moment net, aber das kann sich jederzeit ändern.«
»Nur net schwarzsehen«, riet er ihr, nahm sie kurzerhand auf seine starken Arme und trug sie die Stiege hinauf wie eine Braut. »Du hast mir mein Herz gestohlen, Johanna. Deshalb schau ich keine andere mehr an. Denn was kann ein Mann schon anfangen ohne sein Herz.« Er stellte sie auf die Füße, stahl ihr ein inniges Busserl und grinste ihr dann so frech zu, dass sie lachen musste.
»Ist schon recht, Andi. Ich hab dich ja auch lieb. Sonst hätte ich mich auf das Abenteuer einer Ehe mit einem Brandstetter ganz gewiss net eingelassen.«
***
Auch am Sonntagmorgen wurde auf dem Königshof zur gewohnten Zeit gefrühstückt. Rosa besuchte hernach den Gottesdienst und schaute auf dem Friedhof nach dem Grab der seligen Bauersleute. Seit Johanna Bäuerin auf dem Königshof war, begleitete sie die alte Hauserin regelmäßig.
An diesem Morgen wirkte sie jedoch ein wenig unausgeschlafen. Das mochte daran liegen, dass Andreas ihr in der vergangenen Nacht unbedingt noch einen schlagenden Beweis seiner aufrichtigen Liebe hatte liefern müssen. Wie zwei Frischverliebte hatten sie die Zeit vergessen und so eindeutig zu wenig Schlaf bekommen.
Der zufriedene Glanz in den Augen der Bäuerin sagte Rosa aber, dass in der Ehe des ältesten Brandstetters alles in bester Ordnung war. Und darüber freute diese sich von Herzen. Auch sie hatte wenig geschlafen, denn das Rheuma hatte einfach nicht aufgehört, sie zu plagen.
Im Vergleich zu Korbinian, der totenbleich an den Frühstückstisch geschlichen kam, waren sie allerdings beide das blühende Leben. Andreas’ jüngerer Bruder hockte sich mit teilnahmsloser Miene auf einen Stuhl und bat Rosa dann mit Flüsterstimme um zwei Kopfschmerztabletten. Wie er da so saß, regte sich im Herzen der alten Hauserin das Mitleid.
»Selbst schuld«, stellte sie dennoch streng fest. »Eigentlich solltest du diesen Zustand ohne Hilfsmittel aushalten, schließlich hast du ihn dir selbst zuzuschreiben. Aber ich denk an die Marion, die wird so keine Freud an dir haben.« Sie stellte ein Glas mit Wasser, in dem sie die Tabletten aufgelöst hatte, vernehmlich vor ihn auf den Tisch.
»Ich dank dir, Rosa, trotzdem«, brummte er und verzog angewidert den Mund, nachdem er das Glas geleert hatte.
»Was ist das eigentlich für eine Art und Weise, sich besinnungslos zu besaufen?«, haderte Rosa weiter. »Bloß weil dein Bruder Schützenkönig ist, musst du doch net zum Saufkönig werden. Denkst du eigentlich nie nach, bevor du etwas machst?«
»Sei halt friedlich, Rosa«, bat Korbinian gequält. »Es ist hoch hergegangen gestern im Vereinsheim. Ein jeder …«
»Ein jeder gewiss nicht«, schnitt sie ihm das Wort ab. »Der Andi war bei Verstand, als er heimgekommen ist.«
»Als Ehemann bleibt ihm ja auch nix anderes übrig«, scherzte der Bursche trocken.
»So ein Schmarrn! Und was ist eine Verlobung, ha?«
»Jetzt lass gut sein, Rosa«, bat Andreas begütigend. »Der Korbi wird beim Kraxeln gewiss wieder nüchtern werden. Und wenn net, gibt’s ja schließlich auch noch ein Sicherungsseil.«
»Aber net für seine Verlobung«, beharrte Rosa. »Wenn er so weitermacht, ist er die Marion irgendwann los. Und das tät dir nur recht geschehen, du liederlicher Kerl!«
»Was ist denn hier los? Streit und Zank am frühen Morgen?« Lukas betrat das Esszimmer und ließ sich bester Dinge am Tisch nieder. Er wirkte frisch und munter und bediente sich sogleich mit gutem Appetit.
Andreas hob irritiert die Augenbrauen.
»Hast du keinen Kater?«
»Gewiss net.« Lukas strahlte pure Selbstzufriedenheit aus. »Man muss nur wissen, wie man richtig feiert.«
»Hoffentlich hast keine Dummheiten gemacht, Bub«, murmelte Rosa besorgt. »Ich mein …«
»Ich weiß schon, was du meinst«, versetzte er, und sein Grinsen wurde anzüglich. »Keine Sorge, Rosa, ich werde mir meine Freiheit net stehlen lassen. Und ich geb keinem Madel eine Handhabe, wenn du verstehst, was ich damit sagen will …«
»Du bist ein großer Kindskopf, Lukas«, urteilte Johanna abfällig. »Was ist es schon für ein Verdienst, sich allerweil wieder aus allem herauszulavieren? Das Leben besteht fei net nur aus Sonntagskuchen.«
»Für mich schon, Schwägerin. Und ich werde dafür sorgen, dass das immer so bleibt.«
»Magst dich als alter Hagestolz von den jungen Madeln auslachen lassen?«
»Bis dahin fließt noch viel Wasser den Lech hinunter. Ich mach mir darüber Gedanken, wenn’s so weit ist«, versetzte er nonchalant. »Und heut zu Mittag wünsch ich mir einen saftigen Schweinsbraten mit Knödeln und Kraut, sozusagen als Königsessen. Gelt, Rosa, den Gefallen tust du mir doch? Keine kriegt die Kruste so hin wie du.«
»Ja, gewiss. Das gibt’s sowieso.« Sie lächelte verschämt, als er ihr ein Busserl auf die Wange drückte. »Ich hab mir schon gedacht, dass du wieder Schützenkönig wirst.«
»Da siehst es, Johanna, die Rosa kennt mich in- und auswendig. Deshalb versucht sie auch net, mich zu ändern.« Er trank seinen Kaffee aus, haute Korbinian mit Schwung auf den Rücken, dass dieser stöhnend zusammenzuckte, und meinte: »Pfiat euch, ich hab noch eine Verabredung vor dem Mittagsmahl. Man sieht sich!«
In der Diele traf Lukas mit Marion Aumüller zusammen. Das schlanke, sportliche Madel trug schon seine Kraxelkluft und wollte Korbinian abholen.
»Grüß dich, Marion«, sagte Lukas charmant. »Fesch schaust aus, wie eine ausgewachsene Amazone.«
»Sieh dich lieber vor«, riet sie ihm und schüttelte ihre kastanienbraunen Locken. »Solche Komplimente, die können schnell nach hinten losgehen.«
»Magst mich erschießen?«, frotzelte er.
»Das überleg ich mir noch. Denn damit würde ich der Menschheit womöglich einen Dienst erweisen. Von dir hört man ja schöne Sachen. Mindestens drei gebrochene Herzen hast du gestern Nacht zurückgelassen, als du mit der Heidi abgezogen bist.«
Lukas lachte gut gelaunt.
»Ja, die Madeln in Schondorf haben halt einen exzellenten Geschmack.«
»Eingebildet bist du gar net«, erwiderte Marion mit einem schmalen Lächeln.
»Ich sag’s nur, wie es ist. Und was deinen Liebsten betrifft, an dem wirst du heut wenig Freude haben. Der ringt nämlich noch mit einer ausgewachsenen Raubkatze. Bis dann!«
Wie aufs Stichwort erschien Korbinian, um seine Verlobte zu begrüßen. Als er ihr aber ein Busserl auf die zarten Lippen drücken wollte, schob sie ihn von sich.
»Rasier dich erst mal«, forderte sie. »Und eine Dusche könntest du auch brauchen. Musste das gestern wieder sein? Das ganze Dorf redet über deine peinlichen Ausschweifungen.«
»Ich hab nur ein bisserl gefeiert«, versuchte er, das Ganze herunterzuspielen. »Sei net fad, Schatzerl.«
»Geh lieber und mach dich menschlich, sonst unternehme ich heut meine Kraxeltour zusammen mit dem Leitinger-Toni«, warnte Marion ihn. »Der weiß mich zu schätzen und tät mich vom Fleck weg heiraten, wenn ich net auf die Schnapsidee verfallen wär, mich mit einem Brandstetter zu verloben.«
Korbinian zuckte zusammen, die Eifersucht packte ihn. Marion wusste ihn eben zu nehmen.
»Ich bin gleich bei dir, Schatzerl. Geh nur net weg!«, rief er hastig und eilte davon.
Das Madel seufzte. Ob es ihr tatsächlich gelingen würde, aus Korbinian noch einen anständigen Ehemann zu machen? Manchmal wagte sie, dies zu bezweifeln. Vermutlich wäre es vernünftiger, Toni Leitinger, den schneidigen Jungbauern aus Rieden, der sie sehr verehrte, zu erhören. Es gab dabei nur ein kleines Problem: Marion hatte nämlich nicht Toni lieb, sondern Korbinian …
***
Wenig später hatte Rosa das Mittagsmahl so weit vorbereitet, dass sie es der Küchenmagd überlassen konnte, um zur Kirche zu gehen. Johanna begleitete sie. Andreas hatte noch Schreibarbeiten zu erledigen, da das Schriftliche unter der Woche meist liegen blieb.
Während Lukas sich bei der lebenslustigen Heidi, namentlich Serviererin beim Ochsenwirt, noch einen liebevollen »Nachschlag« holte, kraxelten Marion und Korbinian an der Westwand des Hohenbergs.
Das junge Paar hatte sich bei dieser Sportart besser kennengelernt, denn sie waren beide passionierte Kraxler und Mitglieder im Alpenverein. Die Westwand des Hohenbergs kannten sie ganz genau, hatten diese Route schon unzählige Male hinter sich gebracht, allein und zusammen oder mit einer Seilschaft.
Das Wetter war ideal für eine solche Unternehmung. Die Herbstsonne schien mild vom klaren Himmel, und der Wind blies frisch auf der Höhe, sodass man nicht so schnell ins Schwitzen kam. Trotzdem ging es kaum voran. Marion hatte die Führung übernommen und musste immer wieder pausieren, weil Korbinian am Seil zog und sich über ihr Tempo beschwerte.
Schließlich wurde es dem Madel zu dumm. Marion verließ die von in den Fels geschlagenen Steigeisen vorgegebene Route und kletterte auf einen Vorsprung, wo man sicher rasten konnte. Ihr Verlobter gesellte sich zu ihr.
»Was ist denn los?«, wollte er wissen. »Wieso hast du dich net an die Route gehalten?«
»Wieso wohl? Weil ich einen Mehlsack am Haken hängen hab, der mich nach unten zieht«, schnaubte sie grimmig.
»Meinst du damit etwa mich?«, sagte Korbinian verwundert.
»Siehst du sonst noch jemanden hier?« Sie verdrehte die Augen. »Ich hätte es mir ja denken können. ›nein, Schatzerl, ich bleib net lang. Und trinken tu ich auch nix. Am Sonntag bin ich dann topfit!‹ Ja, mei, das merkt man. So viel kann ich also auf das geben, was du mir versprichst!«
»Momenterl mal. Ich hab dir angeboten, mich zu begleiten, aber du hast net wollen. Soll ich mich deswegen vielleicht den ganzen Abend an einem Kracherlwasser festhalten?«
»Zwischen einem Kracherlwasser und einem Vollrausch gibt’s ja wohl noch was anderes«, brach es da ärgerlich aus Marion heraus.
Sie war es einfach leid, ständig großzügig über etwas hinwegsehen zu müssen, das ihr zuwider ging.
»Ich konnte net mitkommen, weil ich bei einer Freundin zum Babysitten war. Das hatte ich schon vor Wochen abgemacht, und das hast du auch gewusst. Vielleicht hättest du diese damische Feier ja mal ausfallen lassen können, mir zuliebe! Aber so was kommt dir freilich nie in den Sinn. Weil du immer nur an dich denkst!«
»Das ist net wahr. Der Lukas hat mich gebeten, mitzukommen und ihm die Daumen zu drücken. Außerdem ist es bei uns Tradition. Das Königsschießen lassen wir Brandstetters uns nie entgehen. Dafür solltest du jetzt Verständnis haben, find ich.«
Marion bedachte ihren Verlobten mit einem ärgerlichen Blick und klickte das Führungsseil aus.
»Mach halt, was du willst. Dir ist ja eh alles wichtiger als ich!«, fuhr sie ihn an.
Noch ehe Korbinian reagieren konnte, war Marion flink wie ein Eichkatzerl von dem Felsvorsprung zurück in die Wand geklettert und stieg dann in flottem Tempo bergan.
Dem Burschen blieb nichts weiter übrig, als ihr zu folgen. Sein lädierter Zustand ließ es allerdings nicht zu, dass er etwas aufholte. Bald hatte er Marion aus den Augen verloren und musste sich geschlagen geben. Er keuchte die Wand hinauf und ärgerte sich dabei über sich selbst. Wie hatte er sich am Vorabend nur dermaßen gehen lassen können? Er fühlte sich wie ein nasser Sack, hätte sich am liebsten abgeseilt und wäre heimgefahren. Doch das ließ sein Stolz nicht zu.
Als er endlich die Hohenberghütte erreichte, war der Nachmittag bereits angebrochen. Korbinian beschloss, den Rückweg mit der Seilbahn zurückzulegen. Anders ging es nicht, wollte er nicht mitten in der Wand von der Dämmerung überrascht werden.
Marion würde ihm wieder Vorhaltungen machen, aber das war nicht zu ändern. Er würde sie schon versöhnen. Und hernach musste er sich wirklich am Riemen reißen. Schließlich hatte er Marion lieb und wollte sie nicht verlieren. Schon gar nicht wegen solch dummer Eskapaden, die eigentlich der Vergangenheit angehörten.
Die Hohenberghütte wurde von Schorsch Schlenz und seiner Tochter Tabea geführt. Sie war für ihre gute, bodenständige Küche bekannt, und es gab dort auch mehrere Fremdenzimmer.
Nach einem Aufstieg waren Marion und Korbinian meist auf ein Glas Grünen Veltliner eingekehrt. Der Bursche nahm deshalb an, dass seine Liebste ihn auf der Aussichtsterrasse erwarten würde. Bei dem schönen Sonntagswetter waren noch viele Ausflügler hier, Bergwanderer und Kraxler.
Das Lokal war gut besucht. Trotzdem sah Korbinian Marion sofort. Sie saß an einem Tisch direkt am Geländer, »ihrem« Tisch, wo sie sonst beisammengesessen und über die Kraxeltour geredet hatten, und sie war nicht allein.
Kein anderer als Toni Leitinger hockte ihr gegenüber. Und er hielt sogar ihre Hand! Korbinian schluckte. Er schloss die Augen und schaute dann ein zweites Mal hin. Doch es war kein Trugbild, das sich seinen Blicken bot, es war Wirklichkeit!
Die Eifersucht schoss wie eine Stichflamme in dem Burschen hoch und raubte ihm den Verstand. Bis er Marion kennengelernt hatte, war das Wort Treue für ihn eher ein Fremdwort gewesen. Er hatte sich nicht darum geschert, mit welchem Madel er ausging oder seinen Spaß hatte.
Aber dann hatte er sich ernsthaft verliebt. Und seither kannte er den brennenden Schmerz der Eifersucht nur zu genau. Und ausgerechnet Toni Leitinger, dieser eingebildete Angeber, der ihre Verlobung nicht respektierte und Marion einfach ungeniert weiter den Hof machte, hatte die Gelegenheit genutzt, um sich wieder einmal an sie heranzumachen!
Wie ein wilder Stier fegte Korbinian auf die beiden zu. Sein Kater war vergessen, er verspürte im Gegenteil den dringenden Wunsch nach einer zünftigen Rauferei. Und er malte sich bereits im Geiste aus, wie der teure Lederjanker seines Rivalen samt Träger in der Hohenbergklamm landete!
Als habe sie die mörderischen Fantasien ihres Verlobten gespürt, fuhr Marion erschrocken auf, als der Bursche sich nun vor ihnen aufbaute.
»Was hast denn du da zu suchen, du Hundling, gscherter!«, herrschte er seinen Nebenbuhler an. »Schleich di, aber ein bisserl flott, und lass es dir net noch einmal einfallen, meine Verlobte zu belästigen, sonst ramm ich dich ungespitzt in den Boden, host mi?«
»Korbi, lass den Schmarrn«, forderte Marion ungehalten.
Doch ihr Verlobter dachte nicht daran. Und Toni Leitinger fühlte sich bei der Ehre gepackt. Er sprang auf, bedachte den jungen Brandstetter mit einer ganzen Batterie an Schimpfwörtern und drohte ihm sogar mit der Faust.
Für Korbinian war das entschieden zu viel. Er stürzte sich auf den Burschen, und im Nu entbrannte eine verbissene Schlägerei, bei der so schnell kein Sieger festzustellen war. Dass dabei auch die Nachbartische in Mitleidenschaft gezogen wurden, war den Raufbolden ganz einerlei. Schorsch Schlenz allerdings nicht.
Während seine Tochter die Burschen mit einem Eimer kaltem Wasser begoss, griff der massige Wirt sich mit jeder Hand einen, schüttelte sie kräftig durch und beförderte sie unter dem Beifall der anderen Gäste zur Tür hinaus.
Marion, der dies äußerst peinlich war, beglich rasch die Rechnung.
»Ist ein Schaden entstanden, Schorsch?«, fragte sie den Bergwirt, als dieser zurückkehrte. »Wenn ja, sag es gleich, damit die zwei sich die Kosten teilen können.«
»Ist schon recht, Madel. Die paar Teller, die zu Bruch gegangen sind, machen mich net arm. Ich hab ja selbst nix gegen eine zünftige Rauferei, aber doch net mitten im Lokal. Was ist nur in deinen Verlobten gefahren?«
Das Madel schüttelte ärgerlich den Kopf.
»Das frag ich mich auch. Aber ich werd ihm den Schädel schon zurechtrucken!«
***
»Bedienung, zahlen!«
»Noch zwei Maß, bitt’ schön, Fräulein!«
»Eine Haxen mit Kraut und hernach ein Stamperl!«
»Geh, Mia, setz dich doch ein bisserl zu mir. Zum Saisonausklang fehlt mir nur deine Gesellschaft!«
Mia Moser, die fesche Bedienung vom Biergarten nahe dem Sendlinger Platz, wusste kaum, wo ihr der Kopf stand. Flink und geschickt lavierte sie zwischen den Tischen, über denen sich die Kastanien bereits gelb färbten, hin und her, servierte, kassierte und machte zu jedem unpassenden, plumpen Kompliment eine freundliche Miene.
Hans Weidinger, der Wirt, wusste, was er an Mia hatte. Die bildsaubere Kellnerin Mitte zwanzig war seine beste Kraft. Gut gewachsen, mit einem Gesicht zum Verlieben, in dem die himmelblauen Augen wie zwei Sterne leuchteten, und reichem, glänzendem Blondhaar, brachte sie sogar den gestandenen Großvater von einem halben Dutzend Enkeln noch zum Träumen.
Mia war aber nicht nur fleißig, sondern auch couragiert. Kein Bursche durfte ihr zu nahetreten, dann erntete er eine Watschen.
Der Biergartenwirt hatte vor ein paar Jahren miterlebt, wie Mia sich verliebt hatte. In einen feschen Hallodri, dem man den Schürzenjäger schon von Weitem hatte ansehen können. Wider alle Vernunft hatte sie ihm ihr Herz geschenkt und war bitter enttäuscht worden. Seither konnte keiner mehr bei ihr landen.
Das schöne Madel lebte bei seiner Tante im Münchner Stadtteil Haidhausen. Die beiden teilten sich eine geräumige Altbauwohnung, die auch genügend Platz für den kleinen Peter, Mias Sohn, bot. Ihr Gspusi mit dem Hallodri war nämlich nicht ohne Folgen geblieben.
Hans Weidinger bewunderte Mias Entschlusskraft. Ohne zu zögern, hatte sie sich für das Kind entschieden, etwas anderes wäre ihr nie in den Sinn gekommen. Und der kleine Peter, der heuer im zweiten Lebensjahr stand, war ein aufgeweckter Sonnenschein.
Ja, dieses Madel hatte alles im Griff. Nur schade, dass es für Mias verletztes Herz keine Heilung gab. Die herbe Enttäuschung hatte nämlich dafür gesorgt, dass sie von der Liebe absolut nichts mehr wissen wollte.
Pünktlich um achtzehn Uhr war Feierabend im Biergarten. Es war eh der letzte Tag der Freiluftsaison gewesen. Mia kassierte noch die letzten Gäste ab, dann kam sie in die Gaststube, um abzurechnen.
»Ab Montag hab ich Urlaub«, erinnerte sie ihren Chef. »Wir sehen uns dann in zwei Wochen wieder.«
»Hast du was vor, willst du verreisen?«, fragte er interessiert.
»Der Peter ist noch zu klein für eine Reise. Und die Tante plagt sich mit einer Bronchitis herum, die net besser werden will. Ich hab mir aber vorgenommen, ab und zu ein bisserl rauszufahren aus der Stadt und kraxeln zu gehen, solange das Wetter sich noch hält.«
»Dann wünsch ich dir einen erholsamen Urlaub, Mia. Und in vierzehn Tagen geht’s hernach mit frischem Schwung zurück in unsere Wirtsstube, gelt?«
»Bis dann, Chef!«, sagte das Madel lachend.
Wenig später hockte Mia in der S-Bahn. Sie legte noch einen Zwischenstopp ein, um ein paar Kleinigkeiten zu kaufen, denn sie hatte Peter versprochen, ihm etwas mitzubringen. Ursula hielt nichts davon, Kindern Süßigkeiten zu geben, aber der kleine Peter war ein Naschkatzerl. Und Mohrenköpfe liebte er über alles. Mia erstand einen Karton voll, dazu noch frisches Obst und die Abendzeitung.
Als die junge Kellnerin heimkam, war Peter gleich bei ihr und freute sich wie ein Schneekönig über die süße Leckerei. Liebevoll strich sie dem Buben über die blonden Locken und stellte einmal mehr fest, dass er seinem Vater immer ähnlicher wurde.
Klaus Wanninger, der schneidige Viehhändler aus dem Allgäu, der ihr Herz gestohlen und es dann, ohne mit der Wimper zu zucken, gebrochen hatte. Sie war so verliebt in ihn gewesen, hatte vom großen Glück geträumt, einer Hochzeit in Weiß und einem Leben voller Seligkeit. Doch er war einfach bei Nacht und Nebel verschwunden und hatte sich nie wieder bei ihr gemeldet.
Mia war sehr verzweifelt gewesen und hatte sich geschworen, sich nicht mehr zu verlieben, keinem Mann mehr zu trauen. Und bislang hatte sie sich an diesen Schwur gehalten.
»Grüß dich, Tanterl«, sagte sie freundlich zu Ursula, die in der Küche das Abendessen richtete.
Diese lächelte ihr zu und wollte wissen, wie ihr Tag gewesen sei.
»Leg die Füße hoch, Madel, und lass dich zur Abwechslung mal bedienen«, scherzte sie.
»Danke, Tanterl, das tut gut«, seufzte Mia.
Die eben noch entspannte Miene der Tante wurde allerdings umgehend ärgerlich, als Peter in der Küchentür auftauchte. Den Karton mit den Mohrenköpfen hatte er unter den Arm geklemmt und war gerade damit beschäftigt, das zweite Exemplar zu genießen.
»Mei, Madel, du sollst dem Buben doch keinen solchen Süßkram kaufen. Der ist schädlich für die Zähne. Und fürs Nachtmahl wird Peterle jetzt fei auch keinen Appetit mehr haben.«
Der Bub kletterte auf den Schoß der Mutter und machte ein schuldbewusstes Gesicht. Die großen rehbraunen Augen und der lustige Schokoladenmund bildeten dabei eine unwiderstehliche Mischung. Ursula konnte dem kleinen Burschen nicht lange böse sein.
»Er wird zu ebenso einem Schlawiner wie sein Vater«, sinnierte sie und schickte ihn ins Bad, damit er sich wusch. Als sie Mias Blick begegnete, bat sie: »Sei mir net bös, das hätte ich nicht sagen sollen.«
»Ist schon recht, es stimmt ja«, seufzte die junge Frau. »Dem Klaus hat man den Schlawiner schon von Weitem angesehen. Ich war selbst schuld, als ich auf ihn hereingefallen bin.« Sie erhob sich. »Ich schau mal nach, dass Peterle net das ganze Bad unter Wasser setzt. Was macht eigentlich deine Bronchitis?«
»Der Doktor hat mir was verschrieben, ich hoff, es hilft. Die Husterei am Abend und in der Nacht macht mir sehr zu schaffen.«
Nach dem Nachtmahl saßen Mia und ihre Tante noch bei einem Glas Wein gemütlich beisammen.
Sie unterhielten sich über dies und das, Ursula blätterte dabei die Abendzeitung durch, die ihre Nichte mitgebracht hatte. Unvermittelt stutzte sie, schlug eine Seite zurück und starrte dann einige Sekunden lang reglos auf ein Foto. Mia hatte gerade von ihren Plänen fürs Wochenende erzählt, da wollte sie nämlich gern kraxeln gehen.
»Wenn du dich net fit fühlst, musst du nicht mitkommen«, versicherte sie der Tante, die blass geworden war. »Ich bin dir deshalb nicht bös, ich kann ja auch …«
»Da, schau!« Ursula schob ihr die Zeitung zu. »Ist denn so was zu fassen?«
Nichts Böses ahnend nahm die junge Frau das Blatt und betrachtete die Seite mit den Regionalmeldungen. Es dauerte nur kurz, dann blieb ihr Blick an einem Bild hängen. Und sie verlor ebenfalls an Farbe.
»Aber das … ist doch net möglich!« Mia starrte auf das Foto, das ganz eindeutig Peters Vater zeigte. Klaus Wanninger aus dem Allgäu. Doch die Bildunterzeile passte ganz und gar nicht dazu.
»Auch in diesem Jahr wieder der Schützenkönig von Schondorf am Ammersee: Lukas Brandstetter«, war da zu lesen.
Mia hob schließlich den Blick und schaute ihre Tante an. Ihr Gesicht war ein einziges Fragezeichen.
»Was hat das zu bedeuten? Ich begreif gar nix mehr«, beschwerte die junge Frau sich. »Meinst, dass der Klaus einen Doppelgänger in Schondorf hat?«
»Ich hab einen anderen Verdacht«, sagte Ursula lächelnd. »Und der ist weitaus weniger harmlos.«
Sie nahm die Zeitung und las den kurzen Artikel, der neben dem Bild stand.
»Lukas Brandstetter ist der jüngste von drei Brüdern, die gemeinsam den Königshof in Schondorf bewirtschaften«, sagte sie dann. »Dir ist wohl klar, was das bedeutet? Peters Vater wohnt nur eine halbe Stunde Autofahrt von München entfernt. Und er hat sich unter falschem Namen in dein Herz geschlichen, der Hundling!«
Mia konnte es noch immer nicht fassen. Sie war wie vor den Kopf geschlagen und wusste nicht, was sie denken sollte. Ihre Gefühle fuhren Achterbahn. Die schlimme Enttäuschung, die dieser Mann ihr bereitet hatte, war plötzlich wieder ganz nah. Verzweiflung, Einsamkeit, Wut und Resignation wirbelten durch Mias Herz und nahmen ihr den Atem. Sie sah sich noch einmal vom Doktor kommen, mit der Sicherheit, in der Hoffnung zu stehen, aber zugleich ohne jede Hoffnung zu sein.
»Dieser Misthund!«, fuhr sie auf, grabschte die Zeitung und zerfetzte sie richtiggehend.
Ursula machte eine beschwichtigende Geste.
»Reg dich net auf, Mia. Freu dich lieber über diesen Zufall, den das Schicksal dir geschenkt hat. Jetzt weißt du, wer Peters Vater ist und wo er wohnt. Am besten gehst du morgen gleich zum Anwalt und verklagst ihn auf Kindesunterhalt. Das wäre die rechte Strafe für diesen Hallodri.«
Die junge Frau wurde langsam wieder ruhig. Und auch Mias Gedanken flossen wieder in geordneten Bahnen. Sie starrte eine Weile nachdenklich auf die Papierfetzen, dann legte sich ein schmales, entschlossenes Lächeln um ihren Mund.
»Das wäre zu einfach«, verkündete sie. »Ich hab eine bessere Idee. Ich werde meinen Urlaub dazu nutzen, diesem Mistkerl eine Lektion zu erteilen, die er sein Lebtag nimmer vergisst!«
Ursula schaute ihre Nichte unbehaglich an.
»Woran denkst du?«
»Das weiß ich noch net so genau. Aber mir wird schon was einfallen, Tanterl, keine Sorge …«
***
»Ich hoff, du hast dich wieder mit der Marion versöhnt. Die Vorstellung, die du auf der Hohenberghütten abgeliefert hast, war freilich nur peinlich.« Rosa musterte Korbinian streng. »Wie kann ein erwachsener Mensch sich bloß so damisch aufführen?«
»Ich hab halt rot gesehen, als dieser Leitinger um mein Madel herum geschwänzelt ist. Und ich kann daran nix falsch finden.«
Die alte Hauserin bekam schmale Augen.
»Beharrst du etwa auch noch auf diesem Schmarrn?«
»Freilich net«, gab Korbinian zu und senkte den Kopf. »Die Marion hat mir den Schädel zurechtgeruckt. Es kam halt alles zusammen an dem Tag. Ich hatte noch einen Kater, wir haben uns deshalb gestritten. Und dann dieser Stenz …«
»Gewiss war es Zufall, dass die Marion ihm dort begegnet ist. Was anderes kann ich mir net denken.«
»Er wusste, dass wir an dem Tag kraxeln gehen. Wahrscheinlich hat er diese Chance nutzen wollen, weil ich net ganz …«
»Weil ein jeder in Schondorf über deinen Vollrausch Bescheid wusste«, versetzte Rosa herb.
»Ja, wahrscheinlich.« Der Bursche seufzte, nahm sich ein Haferl Kaffee und kehrte dann ins Arbeitszimmer zurück, wo er mit den Lohnabrechnungen beschäftigt war. In diesem Moment wurde draußen am Klingelstrang gezogen. Korbinian ging die paar Schritte zur Haustür und öffnete. Er staunte nicht schlecht, denn davor stand ein Madel, so schön wie gemalt.
In dem ebenmäßigen Gesicht strahlten die himmelblauen Augen, ein feines, bescheidenes Lächeln lag um den schön geschwungenen Mund, und das blonde Haar schimmerte im matten Licht der Herbstsonne fast wie Gold.
Der Bursche kam ins Träumen bei diesem Anblick und räusperte sich ein wenig verlegen.
»Ja, was kann ich für dich tun, Madel?«, fragte er betont forsch.
»Bin ich hier richtig auf dem Königshof?«
»Freilich. Ich bin der Korbinian Brandstetter.« Er drückte ihr die Hand und machte eine einladende Geste. »Komm nur herein. Magst vielleicht die Bäuerin besuchen, die Johanna?«
»Oh nein, ich bin nur eine einfache Magd, die um Arbeit fragen möchte«, sagte das Madel lächelnd. »Habt ihr da vielleicht eine Anstellung für mich frei?«
Korbinian musste nicht lange überlegen. Ein solches Madel ließ man nicht mehr gehen. Es war eine wahre Augenweide. Dass weder Johanna noch Marion seine Meinung teilen würden, bedachte er in diesem Moment nicht.
»Ich denk schon. Wir brauchen immer gute Kräfte. Gehen wir doch ins Arbeitszimmer, da können wir uns in aller Ruhe unterhalten, gelt?«
»Ich heiße übrigens Mia Moser«, stellte sie sich vor und legte ihre schmale Rechte kurz in die Hand des jungen Brandstetters. Der folgte ihr wie hypnotisiert. Keinen Blick konnte er von dem schönen Madel lassen, kein Detail entging ihm. Nicht die wohlgeformten Beine, nicht der zarte Duft nach Veilchen oder das bezaubernde Lächeln.
Dieses Madel war eigentlich viel zu schön, um Magd zu sein. Er hätte sich Mia eher als Model auf dem Laufsteg vorstellen können oder als Schauspielerin. Dass sie auf dem Königshof arbeiten wollte und von nun an jeden Tag mit ihrer Schönheit erhellen würde, erschien ihm als echter Glücksfall.
»Sei mir net bös, wenn ich dich angestarrt hab. Aber du bist sehr hübsch«, sagte er, als sie vor dem Schreibtisch saß.
»Findest du, Bauer?«
»Gewiss.« Er lachte leise. »Kann es sein, dass du daheim keinen Spiegel hast?«
»Ans eigene Gesicht gewöhnt man sich irgendwann«, versetzte sie und stimmte in sein Lachen ein. »Und so hübsch bin ich ja nun auch wieder net.«
»Gib mir mal deine Zeugnisse«, bat er da, um ein wenig sachlichen Abstand zu gewinnen, denn Mia Moser verwirrte ihm bereits die Sinne. Dieses Madel war eine einzige Versuchung und würde gewiss zum Prüfstein für seine Standhaftigkeit werden.
Korbinian schaute sich die Unterlagen an.
»Hast du keine neueren Zeugnisse?«, fragte er. »Die hier sind schon ein paar Jahre alt.«
»In letzter Zeit hab ich nur gejobbt. Ich hab eine Weile in München gelebt, aber das Leben dort ist sehr teuer. Und ohne feste Anstellung ist es schwierig. Deshalb hab ich beschlossen, aufs Land zu gehen, um mir dort etwas zu suchen.«
»Und wieso kommst du ausgerechnet auf den Königshof?«
»Soll ich dir ein Geheimnis verraten, Bauer?«, fragte sie da vertraulich. Und als er nickte, fuhr sie fort: »Ich hab deinen Bruder, den Lukas, in der Zeitung gesehen, als Schützenkönig. Da stand, dass es hier drei Bauern hat. Und ich dachte mir, ein Hof, der drei Familien ernährt, wird auch mir noch ein Platzerl zum Leben und Arbeiten bieten können.«
Korbinian lachte schallend und gab ihr die Unterlagen zurück.
»Du bist richtig, Madel«, meinte er. »Im Grunde sind wir aber nur eine Familie. Der Andi, mein älterer Bruder, ist da der Bauer und verheiratet. Der Lukas und ich, wir sind beide ledig.«
»Aha. Und was heißt das für mich?«, kokettierte Mia.
»Das musst du schon selbst herausfinden, Madel«, gab er in gleicher Manier zurück. »Was mich angeht, bist du eingestellt. Die Rosa, unsere Hauserin, kann dir alles zeigen und dich da einsetzen, wo sie noch eine Kraft braucht.« Er erhob sich, um Mia in die Küche zu begleiten.
»Ich dank dir recht schön, Bauer«, sagte sie artig.
»Gern geschehen«, erwiderte er und lächelte ihr charmant zu.
In der Diele kam ihnen Andreas entgegen. Er war mit dem Tierarzt im Stall gewesen.
»Der Wurf Ferkel ist kerngesund, der Viehdoktor ist sehr zufrieden«, erklärte er.
»Wunderbar.« Korbinian grinste wie ein Weihnachtsmann. »Darf ich dir die Mia vorstellen, unsere neue Magd?«
Andreas stutzte kurz, dann schüttelte er dem Madel die Hand und hieß es willkommen. Anschließend verschwand er auffallend schnell im Arbeitszimmer.
»Wie kommst du dazu, eine solche Schönheit als Magd einzustellen?«, fragte er seinen Bruder vorwurfsvoll, als dieser hereinkam. »Das gibt nur Ärger mit den Weiberleuten. Und den Lukas wirst du mit Gewalt von ihr fernhalten müssen.«
»Gelt, sie ist bildsauber«, sinnierte Korbinian mit verträumten Augen. »So richtig was zum Anschmachten.«
»Der Lukas wird’s net dabei belassen. Schlimm genug, dass er sich als größter Platzhirsch vom Ammersee sieht. Ich will net, dass unser Haussegen schief hängt, weil er seine Eskapaden jetzt auch noch hierher verlagert.«
»Seit wann bist du denn so spießig? Ein bisserl Spaß muss sein, das war allerweil unser Motto. Und ich seh net ein, warum sich ausgerechnet jetzt etwas daran ändern soll.«
»Dann warte mal ab, was die Rosa, die Marion und meine Frau dazu zu sagen haben. Gewiss wird dir dabei ein Lichterl aufgehen oder vielleicht sogar zwei.«
***
Rosa gab sich leidlich freundlich der neuen Magd gegenüber, obwohl sie der gleichen Meinung wie der Bauer war. Johanna hingegen musste nur einen Blick auf Mia werfen, um auf der Stelle ins Arbeitszimmer zu stürmen.
»Diese Idee ist doch auf deinem Mist gewachsen!«, warf sie ihrem Mann vor. »Was hast du dir dabei gedacht, so eine als Magd einzustellen?«
»Die Mia ist vom Korbinian eingestellt worden«, korrigierte Andreas sachlich. »Sie scheint eine gute Kraft zu sein, deshalb seh ich keinen Grund, sie abzuweisen. Oder gibt es was, das ich übersehen habe, Schatzerl?«
Johanna blitzte ihre bessere Hälfte an.
»Das kann man wohl sagen!«, parierte sie. »Ich würde dir deshalb raten, auf der Stelle zum Augenarzt zu gehen!«
»Hannerl, ich bitt dich.« Andreas seufzte leise. »Die Mia ist ein hübsches Madel, na und? Was geht mich das an? Soll ich vielleicht bei jedem Holzknecht, der nach was ausschaut, auch gleich eifersüchtig werden? So kann man keine Ehe führen. Vertrauen heißt das Zauberwort.«
Die Bäuerin musterte Andreas abwägend.
»Ich werde diese Mia genau im Auge behalten«, meinte sie schließlich. »Sobald sich zeigt, dass sie hier net nur aufs Arbeiten ausgeht, fliegt sie. Also sieh dich besser vor, Andi!« Damit machte sie auf dem Absatz kehrt, fegte aus der Stube und knallte die Tür zu.
Der Bauer schüttelte leicht den Kopf. Er hatte sich also nicht getäuscht. Diese Mia würde noch viel Ärger machen.
Die neue Magd vom Königshof sorgte bereits am ersten Tag für Gesprächsstoff. Jeder, dem Mia über den Weg lief, bildete sich gleich eine Meinung. Und es war nicht schwer zu erraten, dass die männlichen Bewohner des Erbhofs ins Schwärmen gerieten, während die weiblichen sofort in Abwehrhaltung gingen.
Mia machte sich nichts aus diesen teils heftigen Reaktionen. Sie war es gewöhnt, nur wegen ihres Aussehens eingeschätzt zu werden. Außerdem hatte sie ja nicht vor, länger auf dem Erbhof in Schondorf zu bleiben. Sobald ihre heimliche Mission erledigt war, würde sie in ihr altes Leben nach München zurückkehren.
Vor dem Nachtmahl, das Bauersleute und Gesinde auf dem Königshof traditionell gemeinsam einnahmen, klopfte Mia dann aber doch das Herz bis zum Hals. Andreas und Korbinian hatte sie kennengelernt, Lukas aber war den ganzen Tag mit den neuen Holzknechten im Forst gewesen. Im Stillen fragte sie sich, wie er wohl auf das Wiedersehen mit ihr reagieren würde. Immerhin war es drei Jahre her, dass sie sich zum letzten Mal gesehen hatten. Und ihr Gspusi hatte nur ein paar Wochen gedauert.
Womöglich wusste Lukas gar nicht mehr, wo und wann sie einander begegnet waren. Umso besser. Dann würde sie ihn im Unklaren lassen und seinem Gedächtnis erst auf die Sprünge helfen, wenn sie zum großen Vergeltungsschlag ausholte. Solche Gedanken gingen ihr durch den Kopf, während sie im Esszimmer den großen Tisch deckte.
Johanna behielt die neue Magd dabei genau im Auge und musste feststellen, dass diese geschickt war und flink zu arbeiten verstand.
»Das ist wohl net der erste Tisch, den du deckst«, meinte sie, als Mia fertig war und mit dem leeren Tablett die Stube wieder verlassen wollte.
»Ich hab öfter in Biergärten gejobbt. Da muss man zügig arbeiten, sonst murren die Gäste«, erwiderte sie freundlich.
»Warum bist du eigentlich ausgerechnet zu uns gekommen, um nach Arbeit zu fragen? Es gibt schließlich hier in der Umgebung viele große Höfe.«
»Zufall. Ich fand den Hof sehr schön und hab es mir angenehm vorgestellt, hier zu leben und zu arbeiten.«
»Magst du dir einen Bauern anlachen und einheiraten?«, fragte Johanna sie auf den Kopf zu.
»Wie kommst du auf die Idee, Bäuerin? Ich kenn meinen Platz und weiß, wohin ich gehöre. Eine Magd ist keine Bäuerin.«
»So?« Johanna lächelte eigentümlich, sie nahm dem Madel diese Bescheidenheit nicht ab. »Manch einer hat sich schon in eine schöne Magd verliebt und sie zu seiner Bäuerin gemacht, hab ich mir sagen lassen. Ungewöhnlich ist das net. Und heutzutage schaut keiner mehr so genau auf Stand und Herkunft.«
»Ich dachte, auf dem Land gehen die Uhren noch anders«, versetzte Mia daraufhin spitz, denn sie hatte keine Lust, sich von der Bäuerin ausfragen zu lassen.
»Du wirst noch erleben, dass es überall im Leben ähnlich zugeht«, erwiderte Johanna daraufhin kühl. »Einer hat zu sagen, und der andere hat zu folgen.«
»So wird es wohl sein.« Mia lächelte und kehrte in die Küche zurück. Rosa wies sie an, das Essen herüberzubringen, und das Madel zog mit einem voll beladenen Tablett ab.
»Frech ist sie, diese Mia«, beschwerte sich Johanna. »Lässt sich nix sagen und ist recht schnippisch.«
»Sie kommt halt aus der Stadt und muss sich erst mal bei uns eingewöhnen«, meinte die alte Hauserin versöhnlich, doch die Bäuerin ließ das nicht gelten.
»Die führt was im Schilde. Beim Nachtmahl werde ich sie auf jeden Fall genau im Auge behalten. Ich wette mit dir, Rosa, dass sie sich gleich heut den rechten Brandstetter zum Einheiraten aussuchen wird, denk an meine Worte.«
Rosa lachte herzlich.
»Da wird sie net viel Glück haben. Der Korbi hat sein Herz längst verschenkt. Und der Lukas ist ein großes Kind, das wohl nie erwachsen werden will.«
»Das weiß die Neue aber noch net. Die geht auf ihr Ziel aus, davon kann mich keiner abbringen.«
Wenig später versammelten die Bewohner des Königshofs sich um den großen Tisch im Esszimmer. Andreas saß am Kopf der Tafel, seine Frau zu seiner Rechten. Gegenüber hatten Korbinian und Lukas ihren Platz. Mia hatte sich am anderen Ende der Tafel hinter dem hoch aufgeschossenen, hageren Großknecht Matthäus Walzer, den alle nur Bimberl nannten, versteckt.
Das Wiedersehen mit Lukas war nämlich ganz anders verlaufen, als sie es erwartet hatte. Der Bauer hatte sie kurz vorgestellt, sein jüngerer Bruder wirkte sehr interessiert. Die Blicke, mit denen er Mia abtaxiert hatte, waren eindeutig gewesen. Doch etwas anderes war ebenfalls eindeutig: Er hatte sie nicht wiedererkannt!
Mia war ernüchtert, und zugleich stieg Zorn in ihr auf. Vieles hatte sie erwartet, aber nicht diese vollkommene Gleichgültigkeit. Das machte dem Madel einmal mehr deutlich, wie Lukas wirklich war. Er hatte sie belogen, was seinen Namen und seinen Wohnort anging, und er hatte sie vermutlich bereits vergessen, als er aus München abgereist war.
Am liebsten hätte sie ihm zwei saftige Watschen verpasst und ihm die Wahrheit ins Gesicht gebrüllt. Doch sie ahnte, dass sie ihn auf diese Weise nicht beeindrucken konnte. Er würde ihr nicht glauben, würde Peters Existenz abstreiten oder doch zumindest seine Vaterschaft. Nein, das ging nicht. Sie musste bei ihrem ursprünglichen Plan bleiben, wenn sie ihn treffen wollte. Und das wollte sie. Mehr denn je!
***
Nach dem Nachtmahl half Mia beim Abspülen und räumte hernach das Geschirr weg. Sie ging Rosa zur Hand und stellte sich sehr geschickt an. Die alte Hauserin erwähnte dabei ihr Rheuma.
»Es gibt da eine gute pflanzliche Salbe, die soll besser wirken als Tabletten«, ließ Mia sie wissen. »Meine Tante hatte vor Jahren Gelenkschmerzen. Damit ist sie die schnell los geworden. Soll ich sie mal anrufen und nach dem Namen der Salbe fragen?«
Rosa war angenehm überrascht von der Hilfsbereitschaft des Madels.
»Ja, das wäre nett«, meinte sie. »Ich hab schon einiges eingenommen, was der Doktor mir verschrieben hat. Aber so recht geholfen hat nix. Mei, es wäre schön, mal wieder eine Nacht durchschlafen zu können.«
»Ich ruf die Ursula nachher sowieso an. Schließlich möchte ich wissen, wie es dem Peterle geht.«
»Und wer ist das?«, fragte Rosa interessiert. Da erst wurde Mia bewusst, dass sie sich verplappert hatte.
»Tante Ursulas Pudel«, behauptete sie rasch. »Er ist schon alt und ein bisserl wacklig auf den Beinen. Aber wir haben ihn alle ins Herz geschlossen.«
Rosa schien das nicht ganz zu glauben, aber Mia wechselte schnell das Thema und fragte die Bäuerin, was sie am nächsten Tag zu tun habe.
»Du kannst weiterhin in der Kuchel helfen, dabei stellst du dich geschickt an. Kannst du vielleicht auch kochen?«
»Für den Hausgebrauch. Wenn ich darf, beweise ich es dir.«
»Na, mal sehen. Dann mach jetzt Feierabend, es ist spät.«
»Danke schön und gute Nacht.«
Die alte Hauserin blickte dem Madel wohlwollend hinterher.
»Sie ist nett, wir sollten ihr eine Chance geben. Dass sie so außergewöhnlich hübsch ist, kann man ihr ja net vorwerfen.«
Johanna trank einen Schluck Kaffee.
»Das tu ich gewiss net«, sagte sie mit einem verhaltenen Lächeln. »Aber ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass sie was im Schilde führt. Ich werde sie im Auge behalten.«
Mia verließ das Haupthaus und wollte hinüber zu ihrer Kammer im Gesindehaus. Jetzt, Mitte Oktober, wurde es bereits zeitig dunkel. Der Himmel hatte sich zudem mit Wolken bezogen, aus denen es leicht nieselte, und ein frischer, kalter Wind wehte um die Hausecken. Es war eine unfreundliche Witterung, bei der man sich lieber drinnen als draußen aufhielt.
Lukas und Korbinian störte das Wetter aber nicht. Sie standen vor der Remise und debattierten darüber, welche Ersatzteile für die Reparatur eines Traktors besorgt werden mussten. Das schien allerdings nur ein Vorwand gewesen zu sein, denn kaum war Mia aufgetaucht, scherte der Traktor sie überhaupt nicht mehr.
Die Brüder steuerten auf das schöne Madel zu und bauten sich vor dem Eingang zum Gesindehaus auf.
»Na, Mia, wie gefällt es dir bei uns?«, fragte Korbinian.
»Bis jetzt ganz gut«, sagte sie und musterte ihn kühl.
»Du kommst also aus der Stadt. Meinst du denn wirklich, dass du dich hier bei uns auf Dauer wohlfühlen wirst?«
»Warum net? Wenn ich meine Arbeit schaffen kann und net belästigt werde, bin ich schon zufrieden.«
Korbinian stutzte, während sein Bruder zu lachen begann.
»Pass auf, Korbi, unsere neue Schönheit scheint Haare auf den Zähnen zu haben«, warnte er den anderen scherzhaft. Dann wandte er sich an Mia, betrachtete sie aufmerksam und fragte: »Kann es sein, dass wir uns schon mal begegnet sind? Irgendwie kommst du mir bekannt vor, Madel.«
»Ich hab ein Dutzendgesicht«, scherzte sie grimmig und wollte an den Brüdern vorbei im Gesindehaus verschwinden. Lukas hatte aber etwas dagegen und packte Mia um die schlanke Taille.
»Für so schnippische Antworten will ich ein Busserl«, forderte er. »Es gehört sich nämlich net, dass eine Magd frech zum Bauern ist, oder weißt du das nicht?«
Sie versetzte ihm eine Watschen und eilte dann ins Haus.
Korbinian lachte amüsiert auf.
»Die hat es dir gegeben. Schaut so aus, als ob du bei der Mia net so schnell zum Ziel kommst wie sonst. Sie ist schön und hat Charakter. So was findet man selten.«
»Das werden wir noch sehen.« Lukas schnaubte verächtlich. »Mir kann keine widerstehen. Auch die Mia net. Über kurz oder lang werde ich doch bei ihr landen.«
Korbinian legte ihm eine Hand auf den Rücken, gemeinsam gingen sie zurück zum Haupthaus.
»Ich weiß net recht, Lukas. Diesmal hast du dich, glaub ich, verrechnet.«
Mia stand mit wild pochendem Herzen direkt hinter der Tür des Gesindehauses.
»Darauf kannst du wetten«, murmelte sie. Und dabei blitzten ihre Augen kampfeslustig auf.
***
Einige Tage waren vergangen, und Mia lebte sich langsam auf dem Königshof ein. Jeden Abend rief sie ihre Tante an, erkundigte sich nach Peter und berichtete, was sie so erlebt hatte. Ursula war nach wie vor der Meinung, dass ihre Nichte einen Fehler beging.
»Du solltest kündigen und heimkommen«, riet sie Mia immer wieder. »Einem solchen Luftikus kannst du keine Lektion erteilen. Am End bist du es, die sich neu verliebt, und dann geht das ganze Elend wieder von vorne los.«
»Keine Sorge, das wird bestimmt nicht geschehen«, versicherte Mia ihr nachdrücklich. »Ich weiß genau, was ich will. Und ich werde mein Ziel erreichen. Wenn ich Schondorf verlasse, soll der Lukas ebenso unglücklich sein, wie ich es damals war. Nur dann bin ich zufrieden.«
»Hast du denn in der Zwischenzeit eine Idee, wie du das anstellen willst?«, fragte Ursula skeptisch.
»Freilich. Ich werde mit allen Mannsbildern in meiner Nähe flirten, nur net mit dem Lukas. Ich weiß schließlich, wie er tickt. Was er net kriegen kann, das reizt ihn. Und wenn es ihn erwischt hat, dann lasse ich ihn fallen.«
»Das ist ein gewagtes Spiel mit dem Feuer«, urteilte die Tante unbehaglich. »Willst du dich verbrennen, Mia?«
»Nein, aber ich will Rache. Der Lukas ist ein skrupelloser Egoist, den man nur mit seinen eigenen Waffen schlagen kann. Und genau das habe ich vor!«
Tatsächlich fiel es Mia nicht schwer, mit den Mannsbildern in ihrer Umgebung ein wenig zu tändeln. Als Kellnerin hatte sie viel Übung im unverbindlichen Flirten. Nie ließ sie einen näher an sich heran und ließ sich auch nicht einladen. Versuchte es einer des Nachts beim Fensterln, holte er sich höchstens kalte Füße, denn Mias Fenster blieb geschlossen. Zugleich war ihr Charme aber so anziehend, dass die Mannsbilder ihr trotzdem weiter nachliefen.
Freilich hielt Mia sich beim Bauern zurück, denn sie mochte Johanna und wollte deren Ehe nicht in Gefahr bringen. Doch ausgerechnet die Bäuerin misstraute ihr und war überzeugt, dass Mia heimlich und hinter ihrem Rücken auch mit Andreas schäkerte. Ständig behielt Johanna die neue Magd im Auge und bald hatte sie dabei Unterstützung.
Als Marion Aumüller einige Tage später Korbinian besuchen kam, musterte sie Mia ungläubig.
»Welcher der drei Brüder hat diese Magd eingestellt?«, fragte sie in einem stillen Moment. »Zutrauen tät ich es fei einem jeden.«
Johanna füllte zwei Haferln mit Kaffee und setzte sich zu dem Madel auf die Eckbank. Ihre Miene war ernst und besorgt.
»Der Korbi hat sie eingestellt, das sagt jedenfalls mein Mann. Ich hab allerdings den Verdacht, dass sie beide an dieser Sache beteiligt sind. Schließlich ist die Mia genau ihr Geschmack.«
»Und das lässt du dir gefallen?« Marion schnaufte ärgerlich. »Also ich net! Ich werde mal ein ernstes Wörterl mit dem Korbi reden, und zwar auf der Stell!«
Johanna wollte das Madel zurückhalten, doch Marion ließ sich nicht bremsen. Und so war es nicht verwunderlich, dass die Verlobten an diesem Tag im Streit auseinandergingen. Korbinian warf seiner Liebsten vor, ihm ständig grundlos zu misstrauen, und sie beschuldigte ihn, noch immer anderen Madeln hinterherzurennen. Ein Wort gab das andere, bis die Haustür krachend hinter Marion ins Schloss fiel.
Korbinian gab sich hernach zerknirscht.
»Dabei ist doch alles ganz harmlos«, versuchte er, sich vor Rosa zu rechtfertigen. »Die Mia ist ein anständiges Madel. Sie lacht gern mit einem und ist immer nett, aber das ist auch schon alles. Die Marion hat wirklich keinen Grund, mir deshalb Vorwürfe zu machen.«
Die alte Hauserin zeigte sich unbeeindruckt.
»Wie man sich bettet, so liegt man«, war alles, was sie dazu sagte. Und der Bursche zog beleidigt ab.
Mia war Marion lieber aus dem Weg gegangen. Es gefiel ihr selbst nicht, dass sie für so viel Unruhe und Ärger auf dem Königshof sorgte. Doch um ihr heimliches Ziel zu erreichen, musste sie nun mal mit jedem Mannsbild in der Nähe flirten oder doch zumindest so tun als ob.
Und wie es schien, zeigte ihre Taktik bereits Wirkung.
Lukas wunderte sich darüber, dass die schöne neue Magd stets freundlich und offenherzig auf einen jeden zuging, ihn aber links liegen ließ. Er hatte sich schon den Kopf darüber zerbrochen, was er wohl falsch gemacht haben könnte. Da Mia offenbar nicht auf einen direkten Flirt stand, versuchte er es nun mit Zurückhaltung und guten Manieren.