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Anliegen des Projekts Haiku heute ist die Förderung des deutschsprachigen Kurzgedichts. In der vorliegenden Ausgabe des Jahrbuchs finden sich 664 Haiku von 143 Autoren, die im Jahre 2024 geschrieben oder erstmals veröffentlicht wurden. Sie stehen als gute Beispiele für die ganze Spannbreite des gegenwärtigen deutschsprachigen Kurzgedichts. Viele der Texte wurden 2024 in den verschiedenen Organen der Haikuliteratur veröffentlicht, manche erblicken hier erstmals das Licht der Öffentlichkeit.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2025
Haiku heute
Im Gegenlicht
Haiku-Jahrbuch 2024
Edition Blaue Felder, Tübingen
Was ist ein Haiku?1
Haiku sind Kurzgedichte. Ihre besonderen Merkmale:
Kürze: Sie werden meist in drei Zeilen gesetzt.
Gegenwärtigkeit: Haiku sind in der Gegenwart. Wenn andere Zeiten vorkommen, dann sind es Erinnerungen oder Zukunftsfantasien, die jemand in der Gegenwart hat.
Konkretheit: Haiku stellen ein Erleben konkret dar, sinnlich miterlebbar, sie reden nicht abstrakt über die Welt, sondern zeigen sie.
Offenheit: Nach dem Lesen sollte ein Nachhall, etwas Ungesagtes, offen Gelassenes bleiben.
Endreime und Überschriften gibt es nicht.
Impressum
Haiku heute ist ein Projekt zur Förderung des deutschsprachigen Kurzgedichts.
www.haiku-heute.de erstellt aus den dort eingereichten Texten Monatsauswahlen. Die Jahrbücher versammeln davon die interessantesten Verse jedes Jahres, ergänzt durch nur für das Jahrbuch eingereichte Haiku und weitere Texte.
Edition Blaue Felder, Volker Friebel,
Denzenbergstraße 29, 72074 Tübingen (Deutschland)
www.volker-friebel.de
Redaktion, Gestaltung, Foto: Volker Friebel
Lektorat: Elisabeth Menrad
Veröffentlicht: April 2025
Alle Rechte liegen bei den Autoren.
Inhalt
Vorwort
Haiku
Sonderbeiträge
Tan-Renga
Ukraine-Krieg
Das Haiku-Jahr
Bücher
Das Netz
Autoren
Archiv
Das Haiku-Jahrbuch erscheint seit dem Jahr 2003. Ziel ist es, Herausragendes aus dem Strom der geschriebenen und veröffentlichten Texte festzuhalten, ein Gedächtnis des deutschsprachigen Haiku aufzubauen und zugänglich zu machen.
Die vorliegende Ausgabe des Jahrbuchs enthält 664 Haiku von 143 Autoren, die im Jahre 2024 geschrieben oder erstmals veröffentlicht wurden. Sie stehen als gute Beispiele für die ganze Spannbreite desgegenwärtigen deutschsprachigenKurzgedichts.
Diesem Vorwort folgt der Hauptteil des Buchs, mit den aufgenommenen Kurzgedichten, aufgeführt unter den alphabetisch gesetzten Autorennamen. Diese Texte stammen vor allem aus der Netzpräsenz ‚Haiku heute‘, die monatlich eine Auswahl erstellt (eingereicht wurden dort 2024über 5.000 Texte, davon veröffentlicht 943), außerdem aus den Publikationen der Deutschen Haiku-Gesellschaft (Vierteljahresschrift ‚Sommergras‘), aus dem halbjährlich erscheinenden ‚Chrysanthemum‘ sowie aus direkt für dieses Jahrbuch eingereichten Texten.
Es folgen Sonderbeiträge: vier Tan-Renga (zweigliedrige Kettengedichte) als Beispiele für die Möglichkeit, gemeinsam zu dichten, sowie eine Haiku-Sequenz.
Ein letztes Kapitel, ‚Das Haiku-Jahr‘, skizziert den Stand und die Entwicklung im deutschsprachigen Kurzgedicht 2024.
Am Schluss steht das Autorenverzeichnis.
Alle Texte wurden von Volker Friebel ausgewählt, kritisch unterstützt durch Elisabeth Menrad. Prosa ohne Verfasserangabe stammt von Volker Friebel.
Allen Menschen, die Texte eingereicht haben, unseren Dank für ihre Beteiligung, auch wenn nicht alle Beiträge genommen wurden. Wir versuchen bei der Auswahl eine möglichst breite Auffassung von Haiku gelten zu lassen. Trotzdem werden immer wieder auch Texte abgewiesen, die eigentlich gut sind – weil sie Haiku aus vergangenen Jahren ähneln, weil sie zu lang oder zu kurz erscheinen, weil ihnen wichtige Merkmale eines Haiku fehlen, so Gegenwärtigkeit und Konkretheit, oderweil sie sprachliche Probleme aufweisen. Jeder nicht aufgenommene Text kann durch eine Überarbeitung gewinnen.
Die Verse gehen nun hinaus in die Welt, sie mögen Freude verbreiten und bei aller Verschiedenheit ein Miteinander bezeugen, das immer da ist, wenn wir uns unserer Menschlichkeit zuwenden. Sie mögen uns der Natur und auch der von uns selbst geschaffenen Welt im Augenblick des Erlebens näher bringen, besonders dem, was uns hilft und uns heilt, das im Glück, im Licht, im Lachen und in der Trauer und Dunkelheit ist.
Elena Abendroth
die Nase im Wind
Fliederduft
Stunden mit dir
Er ist fort
Im See spiegeln sich
Kumuluswolken
Schneeberge
ein Zitronenfalter findet
mich
Marita Bagdahn
Heute
besucht sein Grab
das Eichhörnchen
Neumond –
das Haus des alten Nachbarn
leer geräumt
Putztag
ich poliere das Gesicht
im Spiegel
Trauerfeier
Halt suchen
an den flackernden Kerzen
Christa Beau
Urlaubsende
auf dem Dach des Autos
letzter Schnee
Psychiatrie
in einer Weihnachtskugel
mein Gesicht
Daniel Behrens
Volontärsarbeit –
der Kaffee
schon wieder verunglückt ...
Der Igel rollt sich
zum Ball –
Kinder wollen nur spielen ...
Schreibfluss –
das langsame Trocknen
der Tinte ...
Pilger-Berg ...
Darüber nur noch
der offene Himmel ...
Nachthimmel –
das Herz für alle Sterne
zu klein ...
Thomas Berger
In Mondes Schatten
schleicht ein Katzentier umher
ein Weggenosse
Martin Berner
noch ein Morgen
er jubiliert
mit den Mauerseglern
Toilette
nach dem Abspülen
noch ein Danke
wieder Streit
er wird grob
zu seinem Bonsai
Krieg und Kriegsgeschrei
sie lehnt sich
an einen Baum
mannshohe Gräser
mit denen
übers Vergehen reden
Winterbestattung
die Witwe
in Netzstrümpfen
Nachrichtenorkan
er sucht Schutz
beim Geißblatt
Herbstastern verblüht
dem Freund
geht es etwas besser
Wolfgang Beutke
Nachrichtenflut ...
dieses Rauschen im Regen
Rashomon
Lidwina Bilgerig
Im Altersheim
rote Lippen soll man küssen
klingt durch den Gang
Katja Birkeneiche
Glasmusik
ein Bach
fliesst durch vier Hände
Siegrun Bleschke
In lichtem Grün
von Blüte zu Blüte taumelnd
tanzt er sein Leben
Christof Blumentrath
das Bad ist frei!
beim Frühstück reden sie
über uns
unser kleiner Fluss
heute spiegelt sich in ihm
nichts
neunter Monat
lächelnd blickt sie
zum Vollmond
Adrian Bouter
Felsenkloster
die ausgetretenen Stufen
zum Himmel
schließe deine Augen Mohnblumen
Balkon
eine Krähe stiehlt Brot
das ich gebe
wirbelnde Blätter
finden nie einen Platz ...
deine letzten Worte
Dulzimer solch stille Akeleien
Notausgang –
ein Schlaflied aus Regen
singt mich
fernes Donnern die Ohren der Hirsche
Ölfrachtzug die Monotonie der Dunkelheit
Sichelmond
von Stille zu Stille
die Heuschrecke
wie man ein Flugzeug baut Herbstregen
unberührte Kiefern
der schmale Pfad
kennt kein Ende
Claudia Brefeld
blaue Stunde
der Mond duftet nach
Pflaumenblüten
rücklings im Gras
den endlosen Himmel
umarmen
altersgebeugt
an seinen Memoiren
Ich mach' mir die Welt
Christa Bringmann
Eierlikör,
der letzte Wunsch
des Sechsundneunzigjährigen
Brigitte ten Brink
es war einmal ...
Schneewittchens Haar
immer noch schwarz
auf der Schaukel
ein Kinderlachen fliegt
hoch zu den Wolken
die Antwort
auf all ihre Fragen
Zeitungsrascheln
Blick aus dem Fenster
zu dünn die Haut für den Gang
vor die Tür
wir übermalen dunkle Tage
mit Licht
Ralf Bröker
erster Frost
wir kuscheln uns
in alte Zeiten
deine Prinzessinnenkrone
zwischen Bio-Büchern
Regel-Heften
in der neuen Küche
finde deine Tasse
am alten Platz
nach dem Streit
du weinst in einem anderen Raum
auf kahlen Feldern
meiner Heimat
Feuersteine
Heiner Brückner
das neue Jahr
beginnt mit dem Nebel
vom alten
Im rostigen Helm
des Urgroßvaters das Nest
Turteltauben
Kapellenfenster
die Gottesanbeterin
andächtig
Der Gastarbeiter
zur Rente in der Heimat
ein Zugereister
Dem steinernen Gott
wächst Moos auf den Augen
Spatzen zetern
Horst-Oliver Buchholz
erster Pinselstrich
mein Bild von ihr
endlos
Nebeltage –
der Lerche Gesang
öffnet den Himmel
wie ruhig der Mond steht
im Dunkel der Welt
Stefanie Bucifal
Neujahrsnacht
ich drehe und wende
und drehe mein Blei
Lebenslinien
deine Hände
winterhart
Herbstzeitlose
wie es wäre
sich selbst zu genügen
Pitt Büerken
Bleiglasfenster
Christi Geburt im Licht
der Leuchtreklame
nach dem Tango
sie flüstern einander
Lügen ins Ohr
neue Ernte
die ersten Äpfel
nicht vegan
Sonntagmorgen
die Kirchenglocken läuten
die Kneipen füllen sich
Christian W. Burbach
Dezembermond
im Karpfenteich fische ich
nun Lichter