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May beobachtete mich. Ich spürte ihre Blicke so deutlich, als würden sie mich tatsächlich berühren. Es war kurz vor Mitternacht. Keiner von uns beiden konnte auch nur an Schlaf denken. Wir saßen nur da, als warteten wir auf etwas. Nicht nur auf Fendrich Altman, der einfach davongefahren war, ohne sich von uns aufhalten zu lassen. Nun, im Grunde genommen hatten wir es ja noch nicht einmal versucht. Und irgendwie wussten wir beide nicht, wieso wir uns dermaßen zurückgehalten hatten. Das alles war sowieso eine Situation, in der man eigentlich in jeglicher Hinsicht überfordert war. Wir beide waren immerhin tot! Unser Leben war vorbei! Wir saßen hier und wussten: Wir waren nur noch Schattenwesen!
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Seitenzahl: 90
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Mark Tate und der Schattenkönig: Gruselkrimi: Neuer Mark Tate Roman 15
Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Bathranor Books, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von
Alfred Bekker
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© dieser Ausgabe 2025 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen
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Alles rund um Belletristik!
Von W. A. Hary
May beobachtete mich. Ich spürte ihre Blicke so deutlich, als würden sie mich tatsächlich berühren. Es war kurz vor Mitternacht. Keiner von uns beiden konnte auch nur an Schlaf denken. Wir saßen nur da, als warteten wir auf etwas. Nicht nur auf Fendrich Altman, der einfach davongefahren war, ohne sich von uns aufhalten zu lassen.
Nun, im Grunde genommen hatten wir es ja noch nicht einmal versucht. Und irgendwie wussten wir beide nicht, wieso wir uns dermaßen zurückgehalten hatten. Das alles war sowieso eine Situation, in der man eigentlich in jeglicher Hinsicht überfordert war.
Wir beide waren immerhin tot!
Unser Leben war vorbei! Wir saßen hier und wussten: Wir waren nur noch Schattenwesen!
*
Und ich dachte nicht zum ersten Mal wieder an den Daedrafürsten. Hatte er nicht behauptet, dies alles sei wichtig für die weitere Zukunft?
Welche Zukunft denn jetzt noch? War sie denn nicht ganz im Gegenteil für immer verbaut?
Denn noch einmal: Wir waren keine Menschen mehr.
Es machte uns schier wahnsinnig, wenn wir nur versuchten, darüber nachzudenken.
Ich sprang auf einmal auf und begann unruhig hin und her zu laufen.
„ Es macht mich ganz krank“, sagte ich zu May. „Altman verschwindet plötzlich, reichlich eigenartige Erklärungen dafür gebend, und wir sitzen hier herum und hoffen, dass ich nicht zum Werwolf werde.“
Am Fenster blieb ich stehen, riss die Übergardine beiseite.
Der Vollmond. Es sah aus, als habe er ein Gesicht.
Ich öffnete das Fenster und lehnte mich hinaus. Genießerisch atmete ich die kühle, würzige Bergluft ein.
Eigentlich fühlte ich mich in diesem Moment ganz normal lebendig. Das war ja das Widersinnige! Und in meinem Innern spürte ich den Werwolf, der herauskommen wollte. Als hätte der Vollmond tatsächlich die Macht, dies zu provozieren. Noch gelang es mir, ihn zu zügeln.
Oh, wir hätten hier einen schönen Urlaub verbringen können. Sanft wellte sich das Land zu meinen Füßen. Dahinter die aufragenden Berge. In etwa fünf Meilen Luftlinie funkelnde Lichter. Bei jedem Licht ein Menschenschicksal.
Ich schloss die Augen. Ja, hier oben war es recht einsam, doch für uns konnte das gegenwärtig nur richtig sein.
Ich wollte mich wieder vom Fenster abwenden, da erstarrte ich unwillkürlich. Täuschte ich mich, oder stand eine schwarze Gestalt im Schatten der verkrüppelten Tannen?
Mein Herz schlug unwillkürlich ein paar Takte schneller. Ich blickte genauer hin. Möglich, dass ich mich irrte, aber ich hätte schwören können, dass da tatsächlich jemand war.
In diesem Augenblick kam in den schwarzen Schatten Bewegung. Er kam näher. Für Sekunden stand mein Herz still. Meine Hände umklammerten so fest den Fenstersims, dass die Knöchel weiß hervortraten - so weiß wie das Gesicht des Fremden.
Jetzt sah ich ihn genauer. Hatte ich für einen Moment gehofft, es sei Altman, der zurückgekommen war, so sah ich mich jetzt getäuscht. Es war eine hohe Gestalt, in einen schwarzen, fast bodenlangen Umhang gehüllt. Das Gesicht war ein weißer Fleck in der Dunkelheit. Nur die Augen in dem wächsernen Antlitz schienen zu leben. Eine unglaubliche Kälte ging von ihnen aus, spürbar bis zu mir herauf.
Unvermittelt wandte sich die Gestalt ab, trat in den Schatten der Tannen und... verschwand. Ich konnte sie nirgendwo mehr entdecken.
Ich rieb mir die Augen und zog mich zurück.
„ Was ist los?“, erkundigte sich May besorgt.
„ Nichts.“ Ich schüttelte benommen den Kopf und schloss das Fenster.
Durch die Scheibe hindurch spähte ich erneut hinaus. Die Tannen bewegten sich im sanften Wind. Mit einem Ruck zog ich den Vorhang zu. Einen Moment lang blieb ich regungslos stehen.
May näherte sich mir langsam.
„ Du kannst mir nichts vormachen“, sagte sie leise. „Warum sagst du nichts? Spürst du den Zwang zur Verwandlung?“
Ich kam zu keiner Antwort, denn in diesem Augenblick pochte es von draußen gegen die Tür.
Wir fuhren zusammen wie unter einem Peitschenhieb. Gehetzt blickte sich May um. Wer konnte das sein, um diese Zeit? Fendrich Altman? Sie ging hinüber, fasste nach dem Türgriff.
„ Nein“, keuchte ich hinter ihr.
Ich spürte etwas in mir, was ich nicht erklären konnte. Es machte mir regelrecht Angst.
Erstaunt wandte May den Kopf.
„ Es ist nicht Fendrich Altman“, sagte ich heiser. „Ich - ich ahne es.“
Ich wollte auf sie zugehen, aber meine Beine versagten mir den Dienst. Irgendetwas Unerklärliches ging mit mir vor sich. Verdammt, spürte May denn nichts davon?
Eine steile Falte war indessen auf ihrer Stirn erschienen. Sie lauschte in sich hinein. Abermals klopfte es. Diesmal eindringlicher, wenn auch nicht direkt aufdringlich. Entschlossen öffnete May, trotz meiner Warnung.
Sie konnte nichts erkennen, trotz ihrer Nachtsichtigkeit seltsamerweise. Doch, eine dunkle Gestalt.
Ich sah an May vorbei. Eiskalte Schauer liefen mir über den Rücken, während ich unfähig war, mich zu bewegen. Die Gestalt trat näher, kam ins Licht. Der weite, schwarze Umhang wehte in dem Wind, der durch die Tür hereinkam und eiskalt in jeden Winkel drang.
Ich fühlte mich auf einmal wie ein Eisklotz, erfroren, eben zu keiner Bewegung fähig. Langsam glitt mein Blick an dem wehenden Umhang empor, blieb an dem fremden Gesicht hängen. Es kostete mich unendlich viel Mühe.
Nein, dieses Gesicht war alles andere als bleich. Es war tiefbraun gebrannt. Der Mund lächelte fast spöttisch. Die Oberlippe zierte ein verwegenes Bärtchen.
Ich wollte schon aufatmen, die Beklemmung wollte mich verlassen, aber dann wanderte mein Blick über die gerade Nase weiter nach oben, zu den Augen, und ich hatte im nächsten Augenblick das Gefühl, ein Blitz habe mich getroffen. In diesen Augen loderte ein unheimliches, grausames Feuer.
„ Sie sollten die Tür wieder schließen, Frau Barcleys“, riet der Mund, den ich plötzlich als schmal und brutal empfand.
Ich runzelte irritiert die Stirn. Wie kam der Fremde auf den Namen Barcleys?
Dann wusste ich es. Altman hatte unterwegs so die eigentlichen Besitzer der Berghütte bezeichnet.
May lachte. Es war ein helles Lachen - wie tausend feine Glöckchen.
Ich erschrak. Wann hatte ich es zum letzten Mal gehört? May war auf einmal wie ein junges Mädchen, das erstmals der großen Liebe begegnete.
Mein Gott!, dachte ich. Es gelang mir, den Arm zu heben und mit der Hand über meine Stirn zu reiben, um so endlich den Alpdruck loszuwerden.
Die Tür schloss sich. Der Fremde kam mit wehendem Umhang näher.
„ Mich dünkt, Verehrtester, eine Krankheit mag Euch heimgesucht haben. Ich sehe Euch an, dass Euer Körper Kraft verloren hat.“
Es hatte schrecklich ölig und unecht geklungen - so, als wäre er gar nicht von dieser Welt.
Von dieser Welt?
Ich sah dem Fremden in die Augen. Mir schwindelte. Alles war so unwirklich. Meine Gedanken verwirrten sich mehr und mehr. Da war wieder dieses Feuer im Innern. Es loderte und brannte. Und da waren Funken, die übersprangen auf mich, die auch in mir ein Feuer zu entfachen begannen - ein Feuer, das schmerzte, das mich von innen heraus auszuhöhlen drohte.
Der Fremde verbeugte sich galant vor May, deren Gesicht ein seltsam entrücktes Lächeln zeigte.
„ Verzeiht, Madam, dass ich vergaß, mich vorzustellen. Es ist schier unverzeihlich, aber ich...“
„ Wer sind Sie?“, brachte ich endlich hervor. Es klang wie das Knurren eines gereizten Hundes.
Der Fremde unterbrach sich einen Moment.
„ Schon wieder muss eine Entschuldigung über meine Lippen. Oh, Madam, ich bin in der Tat untröstlich. Mir scheint, so ich mich nicht irre, dass es meine Art zu sprechen ist, die Ihrem Gatten missfällt. Nicht wahr, Mr. Barcleys?“
„ Mein Name ist Mark Tate“, keuchte ich.
Der Fremde tat erstaunt.
May gönnte mir einen flammenden Blick.
„ Mark, ich bitte dich. Kannst du nicht etwas höflicher sein, unserem Gast gegenüber?“ Sie wandte sich wieder dem Fremden zu. Zum zweiten Mal ertönte dieses engelhafte Lachen, das geeignet gewesen wäre, mich in den siebenten Himmel zu heben, das jedoch ganz und gar... nicht mir galt.
Nicht mir!
Der Fremde lächelte entwaffnend.
„ Ich habe gefragt, wer Sie sind!“, knurrte ich böse.
Ich spürte etwas in mir. Es war nicht die Verwandlung zum Werwolf, die sich anbahnte, aber etwas durchaus Ähnliches. Der Fremde hingegen schien nicht sonderlich beeindruckt zu sein. Er nahm Mays Rechte und küsste sie flüchtig. Die Berührung schien sie zu elektrisieren. Ein überirdischer Glanz erhellte ihr Gesicht.
„ Mein Name ist Gulliver Tolin.“ Der Fremde machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ich weiß, fürwahr ein hässlicher Name, weil im Grunde genommen viel zu gewöhnlich für den einzig wahren Schattenkönig. Ich bin fast geneigt, mich seinetwegen zu entschuldigen.“
Er nannte sich allen Ernstes selbst den Schattenkönig?
Nein, er war kein Mensch. Genauso wenig wie May und ich hier und jetzt. Unsere Körper waren tot. Das hatten wir erfahren. Wir waren nicht mehr dieselben. Aber dieser hier… Der einzig wahre Schattenkönig?
Ich konnte und wollte es nicht glauben.
„ Wieso?“, säuselte May indessen verzückt, „ich finde den Namen wunderschön. Ich könnte ihn immer wieder hören - von Euren Lippen, mein König...“
In gespieltem Erschrecken hob der Fremde beide Arme.
„ Nicht, meine Liebe, sprecht ihn nicht aus, den Namen. König genügt. Nie sollte ein hässliches Wort über Eure Lippen kommen - nicht in meiner Gegenwart.“ Er gönnte mir einen Blick, der normalerweise eine Bombe zum Zünden gebracht hätte - allein, ich fühlte mich nur schrecklich elend und unglaublich unterlegen.
„ Oh, noch ein Wort zu meiner Art zu sprechen, Madam Barcleys.“ Der Fremde verbeugte sich abermals galant. „Es ist weniger die Herkunft, die es notwendig macht, denn eher eine Art - nun, lasst es mich einfach formulieren und doch treffend: eine schlechte Gewohnheit.“
„ Was könnte größer sein als Eure Bescheidenheit?“ May sang es beinahe. „Wie könnte ich beschreiben, wie wunderbar es klingt, wenn Sie etwas sagen?“
„ Was führt Sie hierher?“, stammelte ich.
Niemand indessen achtete noch auf mich.
„ Ich muss gestehen“, flötete meine liebste May, die mich längst vergessen zu haben schien, „auch ich heiße nicht Barcleys, sondern Harris. Ja, May Harris ist mein Name. Paul Barcleys ist wohl der Besitzer dieser Hütte, jedoch...“
„ Kein Wort mehr, Madam.“ Der Fremde schien immer größer zu werden, bis er für eine plötzliche Verbeugung aus der Mitte seines schlanken Körpers heraus nach vorn klappte. „Kein Geheimnis soll Eure herrlichen Lippen verlassen. Und dennoch will ich mich erdreisten, Euch eine Einladung zu überbringen. Kommt in mein Haus, das ganz in der Nähe steht. Seid mir willkommen.“ Er warf einen Blick auf mich. „Beide!“, fügte er kühl hinzu.
Er schwebte fast, als er zur Tür ging.
Ich spürte die Aura, die diesen Mann umwehte, fast körperlich. Wie gern hätte ich mich auf ihn gestürzt, den Unverschämten windelweich geprügelt, doch es war mir unmöglich, auch nur einen Finger zu rühren.
Wie aus weiter Ferne hörte ich die Stimme, die sagte:
„ Auch meine Schwester wird zugegen sein. Sie wird Euch gern empfangen, Mr. Tate.“
Die Tür schloss sich hinter dem Mann, der das Grauen in mir zurückließ.
Allmählich jedoch kam ich zumindest halbwegs wieder zu Sinnen.
Ich musste mich setzen. Momentan war es mir unmöglich, mich um May zu kümmern.
Ich dachte wieder an den Daedrafürsten:
„ In was hast du uns da eigentlich hineingeraten lassen? Offensichtlich sogar in voller Absicht?“
Ich schloss die Augen, aber es half mir einfach nicht, mich zu konzentrieren.
„ Dies alles muss einen Sinn haben. Ja, muss es.“
Aber mir wollte es einfach nicht einfallen.
Noch nicht jedenfalls…
*