Sagen aus Litauen - Erik Schreiber - E-Book

Sagen aus Litauen E-Book

Erik Schreiber

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Beschreibung

Dieses Taschenbuch beschreibt Märchen und Sagen aus Litauen. Die baltischen Staaten waren schon immer faszinierend. Die Märchen und Sagen werden aus alten Quellen bezogen und neu veröffentlicht. Mit dem vorliegenden Buch lernt man mit den Sagen und Märchen nicht nur die eigene Heimat besser kennen, sondern auch die Märchen der fremden Lande, die doch so vertraut sind.

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Seitenzahl: 177

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Herausgeber

Erik Schreiber

Märchen Sagen und Legenden

Märchen aus Litauen

Saphir im Stahl

Märchen Sagen und Legenden 25

e-book: 290

Titel: Märchen aus Litauen 1

Erscheinungstermin: 01.04.2025

© Saphir im Stahl Verlag

Erik Schreiber

An der Laut 14

64404 Bickenbach

www.saphir-im-stahl.de

Titelbild: unbekannt

Lektorat: Peter Heller

Vertrieb neobook

Herausgeber

Erik Schreiber

Märchen Sagen und Legenden

Märchen aus Litauen

Saphir im Stahl

Vorwort

Um die Märchen des litauischen Volkes auch denen zugänglich zu machen, die der litauischen Sprache nicht mächtig sind, habe ich einige Märchensammlungen nach diesen gesucht. Wichtig erschien mir dabei, dass die alte Sprache beibehalten wurde, die im Original benutzt wurde.

Ob überall das Rechte getroffen wurde, wage ich zu bezweifeln. Aber der Wille zählt.

Eine Sammlung litauischer Märchen tritt hier nicht zum ersten Mal ins Licht der Literatur, aber sie wird zu wenig gewürdigt.

Gerne hätte ich mehr Märchen mitgeteilt. Daher wird es wohl noch einen Zweiten Band geben, je nachdem wie viele Märchen ich finden kann. Dabei kommt es durchaus vor, das ein oder mehrere Märchen in einer Sammlung mehrfach auftreten. Das liegt daran, dass die Märchen in Litauen selbst unterschiedlich erzählt werden. Ich legte Wert darauf, vor allem mündlich erzählte Märchen zu veröffentlichen. Der Reichtum der litauischen Nation an Märchen ist sehr groß. Allerdings wird der aufmerksame Leser erkennen, dass die Grundlagen dieser Märchen auch in anderen Ländern erzählt werden.

Die Reihe Märchen, Sagen und Legenden wird nicht nur als e-book, sondern auch als Taschenbuch weitergeführt.

Inhaltsverzeichnis

Kieselchen und Beerchen

Vom schlauen Mädchen

Vom hörnenen Manne

Von dem Menschen und dem Fuchs

Vom Igel, der die Königstochter zur Frau bekam

Vom alten Schimmel, dem Wolfe und dem Bären

Von der schönen Königstochter

Vom schlauen Jungen

Vom Häuslerssohn, der einen sehr reichen Herrn dran kriegte

Vom Dümmling und seinem Schimmelchen

Vom Däumling

Vom Nachschrapselchen

Vom Dummbart und dem Wolf, der sein Freund war

Von den drei Königssöhnen

Von den drei Brüdern und ihren Tieren

Vom Fuchs

Vom Grünbart

Vom Mädchen und ihrem Freier

Vom Jäger und den Laumes

Von den zwei Waisenkindern

Von den drei Brüdern und der alten Hexe

Von der Edelmannstochter, die Soldat wurde

Von dem Königssohn, der auszog, um seine drei Schwestern zu suchen

Von dem Fischerssohn, den ein Teufel davontrug

Von dem Mädchen, das eine Hexe zur Stiefmutter hatte

Von einem Besenbinder

Vom alten Weibe, das schlauer war als der Teufel

Von den Räubern und der Prinzessin, die einem Drachen versprochen war

Kieselchen und Beerchen

Kieselchen war ein sehr guter Junge. Er hütete gern das Vieh, er liebte die Tiere, die Vögel und die Pflanzen. Während des Hütens schnitzte er aus Holz allerlei Figuren, Löffel oder Pfeifen, oder er sammelte Beeren und Pilze für seine Mutter.

An einem schönen Sommertag fand Kieselchen am Wegrand eine große reife Erdbeere. Er setzte sich auf einen Baumstumpf, nahm diese Erdbeere in die Hand, betrachtete sie und sprach zu sich selbst: „Ach, wenn sich doch die Beere jetzt in ein hübsches Mädchen verwandelte! Dann würden wir beide Vieh hüten und singen, Beeren sammeln und spielen.“

Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als die Erdbeere plötzlich zu Boden fiel und ein schönes Mädchen in einem roten Kleidchen mit grünen Schleifen im blonden Haar vor ihm stand. Kieselchen blieb vor Staunen der Mund offen. Das schöne Mädchen aber verneigte sich vor ihm, lächelte allerliebst und sprach: „Hab keine Angst vor mir, Kieselchen. Ich werde dir beim Hüten helfen, dann hast du keine Langeweile mehr.“

Kieselchen war froh und teilte sogleich das Frühstücksbrot, das seine Mutter ihm mitgegeben hatte, mit dem Mädchen, dem er den Namen Beerchen gab. Beerchen war ein lustiges Mädchen. Den ganzen Tag sang und spielte es mit Kieselchen und erzählte ihm viele schöne Geschichten aus dem Wald. Inzwischen war es Abend geworden, und Kieselchen sprach zu dem Mädchen: „Beerchen, die Sonne bereitet sich zum Schlafen vor, es wird Zeit, das Vieh heimzutreiben. Das werden wir jetzt gemeinsam tun. Meine Mutter ist gut, sie wird dich wie die eigene Tochter aufnehmen.“

„Nein, Kieselchen“, erwiderte Beerchen. „Du musst allein gehen. Ich bleibe hier. Ich krieche unter einen Baumstumpf und verbringe dort die Nacht. Wenn du morgen früh wieder kommst und rufst: “Beerchen, komm heraus!“, werde ich unter dem Baumstumpf hervorkriechen.“ Kieselchen trieb das Vieh heim, während Beerchen im Wald zurückblieb.

Als er am nächsten Morgen das Vieh wieder hinaustrieb und zu dem Baumstumpf kam, rief er: „Beerchen, komm heraus!“ Sogleich kroch Beerchen hervor und beide hüteten das Vieh bis zum Abend.

So ging das nun alle Tage. Der schöne Sommer war bald dahin, und der Herbst nahte. Das Laub wurde gelb und fiel ab. Die Luft war kühl. Im Walde wurde es immer trauriger.

Eines Morgens sprach Beerchen zu Kieselchen: „Ich fange an zu frieren und kann nicht länger hierbleiben.“

„Bleib noch ein wenig, Beerchen, bleib doch noch“, bat der Junge. „Ohne dich ist es hier gar nicht mehr schön.“ Beerchen aber hörte nicht auf Kieselchen.

Es wurde immer kälter. Der Himmel hatte sich bezogen, und es regnete oft. Kieselchen kam wie jeden Tag mit seiner Herde zu dem Baumstumpf und rief: „Beerchen, komm heraus!“ Aber Beerchen kam nicht. Da schaute Kieselchen unter den Baumstumpf und fand Beerchens Kleider, die der Wind zerzaust und der Regen durchweicht hatte.

Kieselchen trauerte so sehr, dass ihm vor Schmerz das Herz brach: Er fiel zu Boden und verwandelte sich in einen Stein. Der Wind fegte die Blätter der Bäume zusammen und deckte Kieselchen zu.

Die Kühe muhten, die Schafe blökten und riefen nach ihrem Hütejungen. Kieselchen aber blieb ein Stein, er durchlitt die bittere Winterkälte und wartete auf den kommenden Sommer und auf sein Beerchen.

Von den beiden Hühnchen

Es war einmal ein Hähnchen und ein Hühnchen. Das Hähnchen hieß Kikerikas, und das Hühnchen hieß Putputute. Das Hühnchen legte ein goldenes Ei und brütete ein goldenes Küchlein aus. Sie nannten das Küchlein Zupzuputis.

Einmal flog der böse Habicht herbei und trug das Hühnchen Putputute fort. Das goldene Küchlein Zupzuputis verwaiste. Das Hähnchen führte ein anderes Hühnchen heim, und das hieß Kokorene. Das Hühnchen Kokorene legte ein schwarzes Ei und brütete ein schwarzes Küchlein aus. Und es sprach: „Diesem Küchlein müssen wir einen langen und schönen Namen geben. Je länger und schöner sein Name sein wird, um so länger und schöner wird auch sein Leben sein.“

Und sie nannten es:

Unserlieblingzupulupublauaugkaputapuganzschwarzschuschumuschuscharfaugokokoko- schnellfußutututuwieselflinkerkodkodakovatersöhnchenkikerikasmamaslieblingkokorenegrünschnäbligergoldkamm.

So ein langer und schöner Name war das!

So lebten die beiden Hühnchen miteinander. Das goldene Hühnchen musste immer arbeiten, doch das schwarze Hühnchen trieb niemand zur Arbeit an. Bevor jemand so einen langen Namen hervorgebracht hätte, riefen alle lieber Zupzuputis herbei:

„Zupzuputis, geh, hol Wasser!“

„Zupzuputis, grab Regenwürmer aus!“

„Zupzuputis, fang Würmer!“

Und das schwarze Hühnchen mit dem langen Namen lag nur faul in der Sonne und machte überhaupt nichts.

Einmal stahl sich der Fuchs in den Hof und fing das goldene Hühnchen. Das Hühnchen Kikerikas sah das und krähte: „Der Fuchs hat Zupzuputis gefangen!“

Dies vernahmen das Schwein, der Hund und der Ziegenbock, und sofort liefen sie dem Fuchs nach. Der Fuchs erschrak, lies das goldene Hühnchen schnell fallen und rannte davon. Am nächsten Tag kehrte der Fuchs zurück und fing das schwarze Hühnchen. Das Hühnchen Kokorene bemerkte es und begann zu rufen:

„Unserlieblingzupulupublauaugkaputapuganzschwarzschuschumuschuscharfaugokokokoschnellfußutututuwieselflinkerkodkodakovatersöhnchenkikerikasmamaslieblingkokorenegrünschnäbligergoldkamm wurde vom Fuchs gefangen und verschleppt!“

Doch ehe sie das alles hervorgegackert hatte, war der Fuchs längst auf und davon und hatte das schwarze Hühnchen gefressen. Und so hatte das schwarze Hühnchen wegen seines langen Namens ein gar kurzes Leben.

Vom schlauen Mädchen

Es fuhr einmal ein Herr und ein Kutscher, und sie kamen zu einem Haus und da spann ein Mädchen. Der Herr schickte den Kutscher zu dem Mädchen, um etwas zu trinken aus dem Haus zu holen, aber das Mädchen sagte: „Bärtiges (d.h. alus, Hausbier; man denke an die Grannen der Gerste) habe ich nicht, und das aus dem Stillen gelaufene (d.h. Wasser) wird er vielleicht nicht trinken.“

Der Herr aber, der das hübsche Rätsel zu lösen wusste, sagte zu ihr: „Bist du so schlau, so werde auch ich so schlau sein. Wenn du zu mir kommen wirst, weder nackt noch bekleidet, weder zu Pferd noch zu Fuß noch zu wagen, weder auf dem Wege noch auf dem Fußpfad noch neben dem Wege, im Sommer und zugleich im Winter, so werde ich dich heiraten.“

Da entkleidete sie sich und hing sich ein Netz um und setzte sich auf einen Geißbock und ritt zum Herren hin immer im Fahrgeleise und ging in einen Wagenschuppen und stellte sich da zwischen einen Schlitten und einen Wagen. Jetzt war sie gekommen weder nackt noch bekleidet, weder zu Pferd noch zu Fuß noch zu Wagen, weder auf dem Weg noch auf dem Fußpfad noch neben dem Weg, im Sommer und zugleich im Winter. Aber der Herr wollte sie nicht heiraten und schickte sie nach Hause und ließ ihr abgekochte Eier bringen. Diese Eier sollte sie von einer Henne ausbrüten lassen. Das Mädchen aber kochte Gerstenkörner ab und schickte sie dem Herren hin, die sollte er säen; wenn sie keimen und grünen würden, da würde sie auch die Hühnchen ausbrüten lassen. Da sagte der Herr: „Diese Gerstenkörner werden freilich nicht keimen und du wirst keine Grütze für jene Hühnchen machen können.“ Da muste er sie heiraten.

Darnach kamen drei, die im Streit miteinander lagen, zu dem Herren, um sich Recht zu holen; der Eine hatte eine Peitsche, der Andere einen Wagen und der Dritte eine Stute, und die Stute hatte ein Fohlen. Sie stritten sich nun: Der Eine sagte „Das ist das Fohlen meiner Peitsche;“ der Andre sagte: „Das ist das Fohlen meines Wagens;“ der Dritte sagte „Das ist das Fohlen meiner Stute.“

Der Herr aber war nicht im Stande, ihren Streit zu schlichten. Da sandte er zu seiner Frau; diese hieß sie sich ein Netz holen, führte sie auf den Berg und ließ sie fischen; und sie konnten da nicht fischen. Da sagte sie zu ihnen „So wenig ihr auf dem Berge fischen könnt, so wenig kann eine Peitsche ein Fohlen haben und ein Wagen auch nicht, sondern nur einzig und allein eine Stute kann ein Fohlen haben.“

Vom hörnenen Manne

Es war einmal ein Mensch, der hatte drei Kälber, und mit den Kälbern ging er durch einen Wald und begegnete einem andern, der hatte drei Hunde, der sagte „Tauschen wir, ich gebe dir die drei Hunde und du gibst mir die drei Kälber; die Hunde werden dir aus jeder Not helfen.“

Da tauschten sie. Der Eine zog mit seinen Hunden weiter und kam an ein Haus und ging da hinein, fand aber keinen Menschen, und wie er sich umsah, da erblickte er in der Stube eine Flinte, einen Säbel und eine Flasche. Die Flasche öffnete er und versuchte sich etwas auf den Finger zu gießen, um zu sehen, was darin sei. Wie er nun etwas auf den Finger goss, da überzog sich der Finger mit dem Öle und ward wie Horn, und er konnte weder mit dem Messer noch mit dem Säbel das Horn abschneiden. Da nahm er das Öl aus der Flasche und wusch sich damit am ganzen Leibe; da ward er am ganzen Leibe wie Horn. Flasche, Flinte und Säbel nahm er mit und kam in eine Stadt, die war ganz mit schwarzem Scharlach ausgeschlagen. Da ging er ins erste Haus zum Zöllner und fragte, weshalb die Stadt so schwarz ausgeschlagen sei. Der sagte „Das ist deswegen, weil der König jedes Jahr eine seiner Töchter einem Drachen geben muss, und jetzt wird der König wiederum um eine Tochter kommen“. Und die Tochter war schon gebunden, denn am folgenden Tage hätten sie sie hinaus führen müssen. Da ging der Mensch mit den Hunden zum Könige und sagte, er werde seine Tochter vom Drachen erlösen; und der König versprach ihm die Tochter zur Frau zu geben, wenn er sie befreien werde. Sodann ging er auf den Berg, auf welchen der Drache zu kommen pflegte. Da lag ein großer Stein: den Stein bestrich er mit jenem Öle. So oft aber der Drache her flog, pflegte er sich auf diesen Stein zu setzen und des Wagens zu harren, auf welchem man die Königstochter hinaus fuhr. Als nun diessmal der Wagen heran kam und nicht mehr weit vom Drachen war, da wollte er sich erheben, aber er hob den ganzen Stein mit sich in die Höhe. Da ließ der Drache vor Wut eine zwölf Klafter lange Lohe aus seinem Rachen gehen. Der Mann aber stieg vom Wagen und hieb dem Drachen mit dem ersten Hiebe fünf Häupter ab und mit dem zweiten eben so viele, und mit vier Hieben hatte er ihm seine zwölf Häupter sämtlich abgehauen: da wars mit dem Drachen alle. Jetzt band der Mann das Fräulein los und fuhr mit ihr heimwärts. Während des Fahrens schlief er aber ein, denn er war sehr müde geworden von der großen Arbeit. Als er nun eingeschlafen war, da wollte ihn der Kutscher ermorden, und als das Fräulein schreien wollte, drohte er sie mit dem Säbel zu erstechen. Sodann nahm er jenen Mann, warf ihn aus dem Wagen und grub ihn ein. Dem Fräulein aber sagte er „Schwörst du mir nicht, dass ich dich erlöst habe, so ersteche ich dich auch.“ Da schwur sie ihm, dass er sie vom Drachen erlöst und dass sie ihn zu heiraten habe.

Aber die drei Hunde legten sich auf den Grabhügel, unter welchem der hörnene Mann begraben war. Da kam ein Mensch mit einem Spaten; da gruben die Hunde fort und fort mit den Pfoten in die Erde, und als der Mensch das sah, fing er auch an zu graben und grub den hörnenen Mann aus, und wie er ihn ausgegraben und ihn betrachtet hatte, fand er, dass er schlafe. Da weckte er ihn und sprach zu ihm „Warum kriechst du lebend in die Erde?“

Jener aber wusste jetzt nicht, wo er war. Er ging nun allein in die Stadt, schrieb einen Brief, wickelte den Brief in ein Schnupftuch des Fräuleins, band es einem der Hunde um den Hals und sandte ihn zum Könige, wo bereits die Hochzeit des Kutschers und des Fräuleins vor sich ging. Der Hund kam hin, näherte sich dem Fräulein und legte seinen Kopf auf ihre Knie; da bemerkte sie, dass das ihr Schnupftuch sei, und fand den Brief und erfuhr so, dass jener Mann noch am Leben sei. Da schrieb sie ihm auch einen Brief und band den Brief in dasselbe Schnupftuch und sandte ihn durch denselben Hund hin. Wie er sah, dass die Stadt jetzt mit rotem Scharlach ausgeschlagen war, da sprach er wie der bei jenem Zöllner ein und fragte, weshalb die Stadt so rot ausgeschlagen sei. Der sagte ihm: „Ein Kutscher hat eben des Königs Tochter vom Drachen befreit und da gibt sie ihm der König zur Frau.“

Da ging er schnell zum Könige, und wie er hinkam, machte er sich in die Nähe des Fräuleins und fragte sie: „Wer von uns hat dich befreit, ich oder der Kutscher?“

Sie erwiderte „Du,“ und erzählte ihm alles, wie er eingeschlafen sei und wie sie dem Kutscher habe schwören müssen. Jetzt sann sie nach, wie sie die Sache klug angreifen könne und ging hinein und sprach zu allen Anwesenden:

„Ich verlor einmal den Schlüssel meines Schrankes und ließ mir einen neuen machen, aber jetzt habe ich den alten Schlüssel wieder: welcher Schlüssel wird nun der bessere sein, der alte oder der neue?“

Da sagten alle: „Der Alte ist besser;“ und so sagte auch der Kutscher. Da ging sie hinaus, führte den hörnenen Mann mit sich in die Stube, wo alle Hochzeitsleute waren, und sagte: „Das ist mein alter Schlüssel, den ich verloren hatte.“ Da sahen alle, was das für ein Schlüssel sei, aber der Kutscher erschrak sehr. Da sagte sie „Der hat mich befreit, nicht du.“ Und sie ergriffen den Kutscher und ließen ihn umbringen.

Von dem Menschen und dem Fuchs

Einst pflügte ein Mensch am Rand eines Waldes, im Gebüsch aber lag ein Bär. Der Bär rief „Mensch, Mensch, ich werde deine Ochsen zerreissen!“

Da kam ein Fuchs zu dem Menschen gelaufen und sprach „Was gibst du mir? So will ich deine Ochsen retten.“

„Ich will dir einen Sack voll Hühner bringen“, antwortete der Mensch. Der Fuchs wars zufrieden und lief in den Wald hinein.

Drauf kam er von einem andern Ende wieder herbeigelaufen und rief „Mensch, Mensch, hast du hier keine Bären, Rehe, Wölfe und Eber gesehn? Der Herr macht eben im Wald ein Treiben.“

Der Mensch sagte „Nein“, und da sprach der Fuchs:

„Ei was liegt denn dorten im Strauch?“

„Das ist ein gerodeter Baumstumpf“, antwortete der Mensch. Drauf der Fuchs „Wenn das ein gerodeter Baumstumpf wäre, so wären doch die Äste abgeschnitten!“ Damit lief er wieder in den Wald, der Bär aber sprach „Mensch, hack mir die Füsse ab!“

Jetzt kommt der Fuchs zum zweiten Mal aus dem Wald gelaufen und spricht „Mensch, Mensch, hast du keine Bären, Rehe und Wölfe gesehn? Der Herr macht eben im Wald ein Treiben.“

Der Mensch sagte „Nein“, und da sprach der Fuchs:

„Ei was liegt denn dorten im Strauch?“

„Da liegt ein Stück Bauholz“, erwiderte der Mensch.

„Wenn das“, sagte darauf der Fuchs, „ein Bauholz wäre, so wäre doch in das Ende eine Axt eingehauen!“ Damit lief er wiederum in den Wald, der Bär aber rief „Mensch, hau mir die Axt in den Kopf!“

Abermals kam jetzt der Fuchs zum Menschen gelaufen und sprach „Du siehst, ich habe deine Ochsen vom Tod errettet, da bring mir also morgen die Hühner, die du mir versprochen hast.“ Am andern Morgen steckte der Mensch zwei Hunde in einen Sack und trug sie hin. Der Fuchs aber kam heran und sagte:

„Lass nur die Hühner heraus, Mensch, ich werde sie mir schon fangen.“

„So komm dicht heran“, sagte der Mensch, der Fuchs aber sprach:

„Lass sie nur los, ich werde sie schon packen.“ Da schüttelte der Mensch seinen Sack aus, und wie die Hunde jetzt dem Fuchs nachsetzten, da lief der Fuchs stracks auf sein Loch los. Als er glücklich drin war, sprach er „Ihr Äuglein, ihr Äuglein, woran dachtet ihr mir unterwegs?“

„Wir guckten geschwind, um nur den stracksten Weg ins Loch zu nehmen.“

Und er fragte die Beine „Ei und ihr Beinchen, woran habt ihr mir gedacht?“

„Ei wir liefen geschwind, um nur so flink als möglich ins Loch zu kommen.“ Und wieder zum Schwanz sprach er „Ei und du Schwänzlein, was dachtest denn du?“

Das Schwänzlein aber antwortete und sprach „Ei ich wedelte und pinselte nach allen Seiten, auf dass Braunchen und Scheckchen (die Hunde) dich hurtiger fingen.“ Da steckte der Fuchs den Schwanz zum Loch hinaus und sagte „Zimzili bimbili, da hast du den Schwanz!“ Und da bekamen die Hunde den Fuchs zu fassen und zerrissen ihn.

Vom Igel, der die Königstochter zur Frau bekam

Es war einmal ein Mann, der hatte keine Kinder, und da ging er einst in den Wald und fand dort einen Igel und nahm sich den Igel mit nach Haus. Eines Tags sprach der Igel zu ihm „Ich will doch unsere Sau in den Wald austreiben und hüten.“

Der Alte versetzte „Was kannst du austreiben! Du kommst ja selbst kaum von der Stelle.“ Aber der Igel trieb die Sau doch in den Wald und hütete sie dort drei Jahre und trieb sie in der ganzen Zeit nicht ein. Die Sau aber bekam Ferkelchen, und die Ferkelchen bekamen wieder Ferkelchen, und schließlich war es eine große, große Schweineherde. Nun kam einmal ein Offizier in den Wald, um da zu jagen, und er verirrte sich. Da sah er die Schweine und wollte zusehn, wo der Hirt wäre, der die Schweine hütete. Da erblickte er an einer Fichte den Igel und fragte ihn „Wo ist der Hirt, der diese Schweine hütet?“

Antwortete ihm der Igel „Der Hirt von diesen Schweinen der bin ich.“

Da fragt' ihn der Offizier „Wie muss ich gehn, um aus dem Wald herauszukommen?“

Und der Igel erwiderte „Wenn du mir deine Tochter gibst, will ich dich aus dem Wald herausführen.“

„Zeig mir nur den Weg, so magst du meine Tochter haben“, sagte der Offizier, und der Igel führte ihn aus dem Wald und kehrte dann wieder zu seinen Schweinen zurück. Ein ander Mal kam ein Königssohn in den Wald und jagte, und auch der verirrte sich. Er sah die Schweine und wollte den Hirten suchen, da erblickte er den Igel, der lag wieder bei der Fichte, und der Königssohn fragte ihn „Wo ist der Hirt, der diese Schweine hütet?“