Luftschlangen und Petticoats - Gudrun Leyendecker - E-Book

Luftschlangen und Petticoats E-Book

Gudrun Leyendecker

0,0

Beschreibung

Das Leben auf dem Bonner Venusberg 1959 wird geprägt von Menschen, die den Weltkrieg mit all seinen Schrecken gerade hinter sich gelassen haben. Die Zeit des Wirtschaftswunders lässt das äußere Bild blühen, aber fühlen sich diese Menschen jetzt in der neuen Zeit voller Hoffnung? An einem Tag wie jeder andere verschwindet die elfjährige Schülerin Lavinia völlig unerwartet. Draußen scheint die Sonne auf die exklusiven Villen des Nobelviertels. Es ist ein Tag wie jeder andere, doch das Mädchen kommt am Mittag nicht von der Schule nach Hause. Der Roman zeigt ein Zeitbild des Jahres 1959

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 155

Veröffentlichungsjahr: 2025

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhaltsangabe

Das Leben auf dem Bonner Venusberg 1959 wird geprägt von Menschen, die den Weltkrieg mit all seinen Schrecken gerade hinter sich gelassen haben. Die Zeit des Wirtschaftswunders lässt das äußere Bild blühen, aber fühlen sich diese Menschen jetzt in der neuen Zeit voller Hoffnung?

An einem Tag wie jeder andere verschwindet die elfjährige Schülerin Lavinia völlig unerwartet. Draußen scheint die Sonne auf die exklusiven Villen des Nobelviertels. Es ist ein Tag wie jeder andere, doch das Mädchen kommt am Mittag nicht von der Schule nach Hause.

Der Roman zeigt ein Zeitbild des Jahres 1959

Gudrun Leyendecker ist seit 1995 Buchautorin. Sie wurde 1948 in Bonn geboren.

Siehe Wikipedia.

Sie veröffentlichte bisher über 100 Bücher, unter anderem Sachbücher, Kriminalromane, Liebesromane, und Satire. Leyendecker schreibt auch als Ghostwriterin für namhafte Regisseure. Sie ist Mitglied in schriftstellerischen Verbänden und in einem italienischen Kulturverein. Erfahrungen für ihre Tätigkeit sammelte sie auch in ihrer Jahrzehntelangen Tätigkeit als Lebensberaterin.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Epilog

Kapitel 1

Marianne steht am Gartenzaun des gepflegten Gartens, der das elterliche Haus, die Villa der Telemanns umgibt. „Schade, dass du gestern nicht beim Sommerfest warst“, bedauert sie mich. „Holger hatte seine Trompete dabei, und seine Freunde haben eine Klasse Tanzmusik gespielt. Es war ein so schöner Abend!“

„Das liegt daran, dass ich vorgestern mit Gaby und Johannes noch ziemlich lange den Raum für euch geschmückt habe“, scherze ich. „Ich habe dreißig Luftballons und fünf Pakete bunter Luftschlangen verbraucht. Der Küster hat mir noch einen ganzen Karton voller Papiergirlanden aus seinem Keller geholt, und Gaby hat aus Taschentüchern Papierblumen gezaubert.“

Marianne staunt. „Dann warst du bestimmt erst um Mitternacht zu Hause.“ Sie grinst. „Es ist immer dasselbe: Die einen haben die Arbeit und die anderen das Vergnügen.“

„Ich musste für meine Prüfung büffeln, aber beim nächsten Mal bin ich wieder dabei. Hat es sich denn für dich gelohnt? Abgesehen davon natürlich, dass die Jungs bestimmt wieder tollen Jazz gemacht haben.“

„Am Anfang ist tatsächlich der Pfarrer mal kurz hereinspaziert. Er hat uns einen schönen Abend gewünscht. Danach hat er uns zum Glück in Ruhe gelassen, und wir konnten sogar unseren Schmuse-Blues tanzen.“

Ich sehe sie aufmerksam an. „Und mit welchem Typ hast du dann getanzt?“

„Mit Andy natürlich“, und er hat mich auch gestern nach Hause gebracht.“

„Und?“ sage ich erwartungsvoll.

„Ja, ja ich weiß schon, was du hören willst. Und ja, wir haben uns geküsst, direkt vor der Haustür, und das obwohl meine Eltern beide zu Hause waren. Aber immerhin bin ich neunzehn Jahre alt, genau wie du, und damit sind wir schon bald erwachsen.“

„Davon musst du deine Eltern sicher noch überzeugen“, vermute ich. „Bis vor kurzer Zeit musstest du immer noch ziemlich früh zuhause sein.“

Marianne seufzt. „Ich denke, meine Eltern werden mich noch so lange wie ein Kind behandeln, bis ich ausziehe. Sicher ist es bei vielen Eltern so, aber hier auf dem Venusberg, wo nicht nur der Adel, sondern auch der Geldadel wohnt, sind wir als „höhere Töchter“ etwas benachteiligt. Wir dürfen noch immer nur das, was dem guten Ton entspricht.“

„Wenn ich meine Ausbildung beendet habe, werde ich auf jeden Fall in Köln Kunst studieren und mir dafür dort ein Zimmerchen suchen“, verrate ich ihr meine Zukunftspläne. „Dann muss ich mir nicht mehr die altmodischen Sprüche anhören über das, was man tut und was nicht.“

In diesem Augenblick tritt Mariannes Mutter zu uns. „Lavinias Eltern haben gerade bei uns angerufen, weil ihre Tochter heute Mittag nicht nach Hause gekommen ist. Wisst ihr vielleicht etwas darüber? Habt ihr sie möglicherweise irgendwo gesehen?“

Ich runzele die Stirn. „Warum hat sie bei euch angerufen?“

Meine Freundin antwortet prompt. „Lavinia geht wie meine kleine Schwester Sabine ebenfalls in die Clara-Schumann-Schule in Bonn, sie sind jetzt am selben Tag beide elf Jahre alt geworden. Das hat mir Sabine vor ein paar Tagen noch erzählt.“

„Meine kleine Tochter ist heute Mittag pünktlich von der Schule zurückgekommen“, berichtet Mariannes Mutter. „Jetzt ist sie gerade in der Klavierstunde. Ich werde sie natürlich auch fragen, ob sie was über Lavinia weiß.“

„Ich bin eben erst von meinem Betrieb zurückgekommen“, erkläre ich. „Daher weiß ich nichts Näheres über dieses Mädchen. War sie denn heute in der Schule?“

Frau Telemann nickt. „Ja, das konnte eine andere Mitschülerin schon bestätigen.“

„Vielleicht hat sich Lavinia mit irgendeiner Mitschülerin verquatscht, oder der Bus ist ausgefallen“, überlegt ihre Tochter. „Es gibt doch jede Menge Gründe, warum sie jetzt vielleicht noch unterwegs sein muss. Warum macht sich ihre Mutter denn so viel Sorgen?“

„Ich habe mit Frau Mesini länger telefoniert“, berichtet Mariannes Mutter. „Es geht dort im Haushalt alles sehr diszipliniert zu, und jeder, der etwas außer der Reihe tut, meldet sich umgehend.“

Ich staune. „Eine sehr ordentliche Familie, mit ganz exakten Regeln, so etwas gibt es natürlich hier bei uns auf dem Venusberg. Aber man muss doch immer einkalkulieren, dass unverhoffte Umstände eine Verspätung bewirken können.“

„Es sind jetzt schon drei Stunden später“, weiß Frau Telemann. „Und Lavinias Mutter hat im Moment keine sehr guten Nerven, weil sie sich auch noch um ihre ältere Tochter Nora kümmern muss. Sie ist leider krank und braucht viel Aufmerksamkeit.“

„Was hat sie denn?“ will Marianne wissen.

„Es geht um irgendeine Nerven-Krankheit, über die man nicht spricht. Diese Sachen sind tabu.“

„Das tut mir leid“, teile ich den beiden anderen mit. „Und warum spricht man nicht darüber?“

Frau Telemann verschränkt die Arme vor der Brust. „Es gehört zum guten Ton, dass man in solchen Sachen sehr diskret ist, um andere Menschen nicht in Verlegenheit zu bringen. Ein Gespräch darüber wäre den Mesinis bestimmt unangenehm.“

Ich seufze. „Naja, wenn sie es so wollen, dann fragen wir halt nicht weiter nach. Sollen wir denn einmal nach Lavinia suchen?“

„Das wäre ganz lieb von euch“, findet sie. „Habt ihr denn ein paar Ideen, wo sich das Mädchen aufhalten könnte? Hat sie viele Freundinnen?“

Marianne hebt kurz die Schultern. „Keine Ahnung. Ich kenne Lavinia kaum. Kennt meine kleine Schwester denn ihren Freundeskreis?“

„Das weiß ich leider nicht“, antwortet die Mutter mit Bedauern. „Aber ihr könntet Sabine von der Klavierstunde abholen. Sie weiß bestimmt mehr darüber.“ Frau Telemann schaut kurz auf ihre Armbanduhr. „Die Stunde muss gleich zu Ende sein. „Wenn ihr euch beeilt, dann könnt ihr die Kleine noch erwischen, bevor sie zur Volkstanzgruppe der Kirchengemeinde geht.“

„Sie hat ein volles Programm“, bemerke ich. „Da hat sie bestimmt viel Spaß.“

Mariannes Mutter lächelt nachsichtig. „Sabine ist ein Nachkömmling, das ist fast so schlimm wie ein Einzelkind. Deswegen lasse ich es zu, dass sie oft mit vielen Gleichaltrigen zusammenkommt. Und hier auf dem Venusberg bietet die Kirche sehr viel für Kinder und Jugendliche an. Da weiß man doch, dass sie gut aufgehoben sind. Vom Kindergarten über die Volkstanzgruppen, die Chöre und die Laienspielgruppen bis hin zu den Tanzfesten wird alles gut organisiert.“

„Langweilig wird es einem hier bestimmt nicht“, bestätige ich ihr.

„Man passt in diesem Viertel gut auf, dass keiner unter die Räder kommt“, fügt Marianne scherzhaft hinzu.

„Dann wollen wir doch einmal dafür sorgen, dass es auch so bleibt“, finde ich und hake mich bei meiner Freundin ein. „Suchen wir deine kleine Schwester und fragen sie nach Lavinias Freundinnen!“

Kapitel 2

„Ich bin auf jeden Fall nicht Lavinias Freundin“, teilt uns Mariannes Schwester Sabine mit. „Sie kann sich zwar benehmen, aber in vielen Dingen passt sie doch nicht zu uns anderen Mädchen unseres Alters. Sie ist ein bisschen schüchtern und still, sogar in den Schulstunden. Und außerdem hält sie immer noch die Freundschaft zu Barbara, das nehmen ihr viele übel.“

„Barbara? Das sagt mir Moment gar nichts“, bemerke ich. „Wer ist sie denn?“

„Sie wohnt am Waldrand in dieser Hütte, und das immer noch, obwohl der Krieg doch schon eine ganze Weile vorbei ist.“

„Was ist denn daran so schlimm?“ erkundigt sich Marianne. „Der Vater ist ein Handwerker, die werden jetzt auch bald mehr Geld verdienen, wenn das große Häuschen bauen losgeht.“

Sabine protestiert. „Ach, das kannst du nicht verstehen. In dem Häuschen stinkt es muffig, und die Kinder der Familie duften genauso. Zu den Kindergeburtstagen wurde Barbara von niemandem eingeladen, außer von Lavinia. Und Lavinia ist sogar dorthin gegangen und hat dieses Mädchen in dem muffigen Häuschen besucht. Jeder weiß, dass diese Familie nicht so lebt wie wir anderen hier alle.“

„Was machen die denn anders?“ möchte ich wissen.

„Da räumt keiner auf, und wenn der Vater abends nach Hause kommt, hat er schon viel getrunken. Manchmal singt er auch schon auf der Straße. Die gehören doch zu den Asozialen“, behauptet Sabine.

„Der Vater geht fleißig arbeiten“, weiß Marianne. „Du solltest nicht so schnell mit deinem Urteil sein und nicht so abfällig reden!“

„Die Kinder kriegen jede Menge Spielzeug“, berichtet die kleine Schwester weiter. „Aber da schaut keiner, ob die Schulaufgaben gemacht werden oder nicht. Deshalb musste Barbara auch schon in der Volksschule ein Jahr wiederholen, und sie ist bis jetzt noch dortgeblieben, während die meisten von uns Venusberger Mädchen in die Bonner Gymnasien gehen. Nur ein paar, die gehen auf die Realschule. Verstehst du jetzt, warum Sabine nicht zu uns passt?!“

Marianne stöhnt. „Natürlich könnt ihr jetzt nicht zusammen Hausaufgaben machen, das sehe ich ein. Aber ihr werdet doch mit dem Mädchen auch über andere Dinge reden können. Als ich in eurem Alter war, gab es nicht nur die Schule, die uns interessierte. Ich verstehe euch nicht. Der Krieg ist wirklich noch nicht lange vorbei, und nicht jeder hat schon wieder alles, so wie unsere Eltern, die hauptsächlich in der Politik oder in der freien Wirtschaft wieder Fuß gefasst haben. Wie kann man da nur so hochnäsig sein!“

„Sind wir ja gar nicht! Aber ich kann mir nicht immer die Nase zuhalten, wenn ich mit den Kindern dieser Familie zusammen bin. Ich muss einen anderen Weg gehen, ich will mal Lehrerin werden.“

Marianne seufzt. „Da musst du aber noch viel lernen, liebes Schwesterlein. Da sind auch nicht alle Kinder gleich, sondern kommen aus verschiedenen Schichten und müssen gerecht behandelt werden.“

Sabine hebt den Kopf hoch. „Ich werde Studienrätin am Gymnasium, da sind nur die „höheren Töchter“.

„Sie sind bestimmt nicht einfacher“, verrate ich ihr. „In meiner Klasse waren die Töchter hoher Politiker. Ja, die Mädels kamen schon gestylt und mit Dauerwelle in die Quinta, trippelten auf goldenen Sandalen mit hohen Absätzen zum Unterricht, trugen elegante Kostüme von französischen Modeschöpfern. Sie erzählten von Partys, wenn ihre Eltern unterwegs waren, und da floss der Alkohol nicht weniger reichlich als bei Barbaras Vater. Das alles kam nur nicht so in die große O¤ ffentlichkeit, diese Mädchen hatten die Möglichkeit, alles besser zu verheimlichen.“

„Na und? Solche Mädchen gibt es bei uns in der Klasse auch. Und wenn die schlechte Noten in der Schule haben, gehen die Eltern einfach hin und reden mit den Lehrern. Danach sieht das Zeugnis wieder gut aus.“

„Und das findest du gut?“ erkundige ich mich entsetzt.

„Heute kann man für Geld doch alles erreichen“, findet Sabine. „Das ist eben so. Und wenn man Geld hat, dann ist man wer.“

„Das ist deine Meinung“, sagt Marianne mit trauriger Stimme. „Die wirst du bestimmt noch ändern müssen. Aber jetzt denk einmal scharf nach: Wo könnte Lavinia jetzt sein? Kannst du mir alle ihre Freundinnen nennen?“

„Sie kannte auch Jungen, vielleicht ist sie ja mit einem von ihnen durchgebrannt“, scherzt die kleine Schwester.

„Kannst du mir auch einen Namen nennen?“ frage ich erwartungsvoll.

Sabine überlegt. „Einer heißt Georg Meyerdorf, aber er ist nicht ihr Freund, sie sind nur das letzte Jahr in der Don-Bosco-Schule hier oben zusammen in die vierte Klasse gegangen. Da haben sie sich was angefreundet. Jedenfalls konnten die gut miteinander reden. Er wohnt übrigens in der Siedlung, den Reihenhäusern der großen Wohnungs-Baugesellschaft.“

„Und jetzt? Sind sie noch befreundet?“ erkundigt sich Marianne. „Könnte Georg wissen, wo Lavinia jetzt ist?“

„Weiß ich nicht so genau. Ihr müsst es eben bei ihm versuchen. Im Gymnasium tuschelt sie gerade viel mit Regine. Die zwei haben offenbar ein paar Geheimnisse. Aber den Weg dorthin könnt ihr euch jetzt sparen. Regine wohnt irgendwo im Bonner Norden, und ihre Eltern sind ganztags berufstätig. Ab mittags geht sie dann jeden Tag zu einer Tante, die wohnt irgendwo im Vorgebirge. Wenn ihr von der etwas wissen wollt, müsst ihr schon abends dorthin gehen, wenn die Eltern wieder zu Hause sind. Aber versucht es zuerst einmal mit Georg! Vielleicht weiß der ja etwas.“

„Und du? Kannst du uns nicht mehr über Lavinia sagen?“ bohrt die Schwester weiter.

Sabine schüttelt den Kopf. „Nee, wir haben nicht viel miteinander zu tun. Sie gehört nicht zu denen, die in der Klasse zum Kreis der Elite dazu gehören. In der Schule ist sie so durchschnittlich, man hört einfach nicht viel von ihr.“

„Macht ihr irgendetwas gemeinsam?“ frage ich nach.

„U¤ berhaupt nicht, auch nicht in der Schule. Sie mag wohl genau wie Regine den Kunst- und den Deutschunterricht ganz gern. Da haben die beiden ziemlich gute Noten, und beim Schultheater sind sie auch schon aufgetreten. So etwas macht den beiden wohl mehr Spaß, da haben sie beim letzten Theaterstück richtig aufgedreht und viel Beifall geerntet. Das war irgend so ein lateinisches Stück. Aber das ist nichts für das wirkliche Leben. Ich gehöre wenigstens zu einer Clique dazu, und wer das nicht schafft, der ist schon abseits.“

„Das ist doch schon mal was“, findet Marianne. „Dann hoffen wir, dass uns jetzt Georg mehr sagen kann.“

Sabine verabschiedet sich eilig von uns. „Ich muss jetzt auch weiter, hab jetzt noch einen Pflicht-Termin, damit ich aus meiner Clique nicht ausgeschlossen werde. Bis später dann! Und viel Erfolg!“

Kapitel 3

Marianne eilt nach Hause, um von dort aus mit Lavinias Mutter zu telefonieren. Sie möchte ihr mitteilen, dass Regine möglicherweise momentan am meisten über das verschwundene Mädchen weiß. Ich folge der Hauptstraße in das winzige Zentrum. In der nächsten Telefonzelle blättere ich in dem dicken gelben Buch und finde die genaue Adresse des Jungen, der Lavinias Freund sein soll.

Tatsächlich habe ich Glück! Georg, ein schlanker, großer Junge mit braunem, welligem Haar und blaugrünen Augen öffnet mir die Tür und sieht mich freundlich an. „Was gibt es?“ fragt er interessiert und führt mich ins Wohnzimmer. „Ich kenne dich, so vom Sehen her. Der Venusberg ist klein. Da hat jeder jeden schon mal irgendwo gesehen.“

Ich nicke. „Das stimmt. Du kommst mir auch irgendwie bekannt vor. Aber tatsächlich geht es jetzt diesmal nicht um dich, sondern um eine Schulfreundin von dir, um Lavinia.“

Er runzelt die Stirn. „Was ist mit ihr?“

„Sie ist heute Mittag nicht von der Schule nach Hause gekommen.“

Er kneift die Augen zusammen. „Das würde sie nie tun. Ihre Eltern sind streng, ganz besonders ihr Vater.“

„Kennst du ihn?“

„Sie hat mir schon viel von ihm erzählt.“

„Sind das Geheimnisse, oder könnte etwas davon wichtig sein, damit wir Lavinia besser finden können.“

„Wenn du meinst, dass er sie schlägt, dann bist du auf dem Holzweg. Nein, früher, da gab es schon mal einen kleinen Klaps, davon hat sie mir erzählt. Aber jetzt ist er einfach nur noch sehr streng, und sie darf nicht mal ihre Meinung sagen.“

„Das ist leider noch in vielen Familien so“, sage ich betrübt. „Kinder müssen leider sehr oft immer noch brav und still dasitzen, und ihre Meinung wird nicht respektiert, ja manchmal darf sie noch nicht einmal geäußert werden. Hast du ein Beispiel dafür, wie Lavinia behandelt wurde?“

Georg nickt. „Sie hatte mal eine Stunde früher frei in der Schule, und da hat sie mich besucht. Ich habe ihr meine neuesten Schallplatten gezeigt, und wir haben ein bisschen gequatscht. Eine Freundin hat sie zu Hause verpfiffen. Das hat ein Riesen-Theater gegeben, und er hat sie beschimpft und so getan, als ob sie ein Verbrechen begangen hätte.“

„Warum denn das?“

„Die Leute würden etwas reden, würden über sie die Nase rümpfen, wenn sie zu mir kommt, wenn meine Mutter nicht zu Hause ist. Meine Mutter geht den ganzen Tag arbeiten, dann könnte ich ja nie Freunde zu Besuch haben. Der ist wirklich ein bisschen komisch, ihr Vater. Er meinte, das gehört sich nicht, und man müsse auch den Schein des Anstands waren.“

„Ein bisschen viel Schein hier auf dem Venusberg“, finde ich. „Das war bestimmt schrecklich für sie.“

Georg nickt. „Sie war völlig entsetzt. Sie hat gar nicht verstanden, was ihr Vater eigentlich wollte. Sie kam sich überhaupt nicht schuldig vor, denn sie hatte ja nichts getan. Wir haben einfach nur nett zusammengesessen und eine Menge geredet.“

„Und ihre Mutter? Wie ist die? Genauso streng?“

„Nein, die war eigentlich meist nett zu ihr, aber sie hat natürlich die Meinung des Vaters gelten lassen, nach außen hin. In solche Dinge hat sie sich dann nicht eingemischt.“

„Und das Elternhaus sonst, ich habe gehört, dass eine ihrer Schwestern krank ist. Weißt du davon auch etwas?“

„Natürlich, aber darüber darf ich nicht sprechen, das habe ich Lavinia hoch und heilig versprochen. Jedenfalls hatten beide Eltern bisher deswegen immer viel Schwierigkeiten, denn sie haben sich sehr viel gestritten.“

„Schwierigkeiten? Womit?“

„Sie streiten sich halt oft, und manchmal verlässt die Mutter dann für ein paar Tage das Haus, und die Kinder fragen sich, ob sie überhaupt wiederkommt. Bisher ist sie immer wieder gekommen, aber Lavinia fürchtet trotzdem, dass da mal etwas schief gehen könnte.“

„Wie streiten sie denn? Weißt du darüber etwas?“

„Ich sollte es lieber nicht verraten, denn es hilft bestimmt nichts bei der Suche. Sie sind halt dann sehr laut, sie schreien und da fliegt schon einmal etwas durch die Gegend. Aber nein, sie tun sich körperlich nicht weh. Sie sagen sich nur fiese Dinge, und das findet Lavinia furchtbar.“

„Dann ist es ja gut, dass du ihr zuhörst“, finde ich. „Halten denn die Geschwister zusammen?“

„Meistens schon“, berichtet Georg. „Die beiden Brüder und die zwei Schwestern sind schon etwas älter und schon nicht mehr so oft zu Hause.“

„Da konntest du mir ja nun schon eine ganze Menge erzählen“, lobe ich ihn. „Weißt du jetzt, wo sich Lavinia aufhalten könnte? Ist sie vielleicht weggelaufen?“

„Nein, das würde sie ihren Eltern nie antun. Vielleicht hatte sie einen Unfall. Irgend so etwas muss es sein.“

„Hoffentlich nicht“, antworte ich seufzend. „Könnte sie jetzt auch bei einer Freundin sein, der es schlecht geht und die vielleicht keine Hilfe hat? Möglicherweise sind sie ohne Telefon?“

„Sie ist jetzt viel mit Regine zusammen. Ab und zu besucht sie auch noch Barbara. Aber der Weg ist ihr inzwischen unheimlich geworden.“