Blutstropfen - Die Geschöpfe der Finsternis, Band 2: Das Dunkle im Licht - Rowena Crane - E-Book

Blutstropfen - Die Geschöpfe der Finsternis, Band 2: Das Dunkle im Licht E-Book

Rowena Crane

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Beschreibung

Tina lebt, ist aber am Boden zerstört, denn Angelo hat sie verlassen. Freunde helfen ihr, wieder gesund zu werden. Doch nur er vermag es, ihre Seele zu heilen. Neue Gefahren kommen auf beide zu – und das in Form der schönen Hexe Sarah, die Tina entführt. Sie soll das Pfand für etwas sein, das Sarah unbedingt will, um ihre magische Kraft zu stärken …
Knapp dem Tod entronnen, lauern weitere Gefahren. Damian verfolgt unbeirrt seinen Plan, seinen Bruder und dessen Freundin zu vernichten. Er findet Cynthia, Angelos ehemalige Begleiterin, und manipuliert sie für seine Zwecke. Cynthia ist ein williges Opfer und beansprucht Angelo wieder für sich. Tina sieht den Kampf, das Ende und auch die schrecklichen Folgen voraus. Verzweifelt kämpft sie, um Angelos Leben und ist sogar bereit, ihr eigenes für ihn zu opfern …

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Rowena Crane

 

 

Die Geschöpfe der Finsternis

 

Blutstropfen

 

Eine Vampir-Saga

 

 

Band 2: Das Dunkle im Licht

 

 

 

 

 

 

Impressum

Neuausgabe

Copyright © by Authors/Bärenklau Exklusiv

Cover: © by Sofia Steinbeck nach Motiven, 2025 

Korrektorat: Katharina Schmidt

 

Verlag: Bärenklau Exklusiv. Jörg Martin Munsonius (Verleger), Koalabärweg 2, 16727 Bärenklau. Kerstin Peschel (Verlegerin), Am Wald 67, 14656 Brieselang

www.baerenklauexklusiv.de / info.baerenklauexklusiv.de

 

Die Handlungen dieser Geschichte ist frei erfunden sowie die Namen der Protagonisten und Firmen. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig und nicht gewollt.

 

Alle Rechte vorbehalten

 

Das Copyright auf den Text oder andere Medien und Illustrationen und Bilder erlaubt es KIs/AIs und allen damit in Verbindung stehenden Firmen und menschlichen Personen, welche KIs/AIs bereitstellen, trainieren oder damit weitere Texte oder Textteile in der Art, dem Ausdruck oder als Nachahmung erstellen, zeitlich und räumlich unbegrenzt nicht, diesen Text oder auch nur Teile davon als Vorlage zu nutzen, und damit auch nicht allen Firmen und menschlichen Personen, welche KIs/AIs nutzen, diesen Text oder Teile daraus für ihre Texte zu verwenden, um daraus neue, eigene Texte im Stil des ursprünglichen Autors oder ähnlich zu generieren. Es haften alle Firmen und menschlichen Personen, die mit dieser menschlichen Roman-Vorlage einen neuen Text über eine KI/AI in der Art des ursprünglichen Autors erzeugen, sowie alle Firmen, menschlichen Personen , welche KIs/AIs bereitstellen, trainieren um damit weitere Texte oder Textteile in der Art, dem Ausdruck oder als Nachahmung zu erstellen; das Copyright für diesen Impressumstext sowie artverwandte Abwandlungen davon liegt zeitlich und räumlich unbegrenzt bei Bärenklau Exklusiv. Hiermit untersagen wir ausdrücklich die Nutzung unserer Texte nach §44b Urheberrechtsgesetz Absatz 2 Satz 1 und behalten uns dieses Recht selbst vor. 13.07.2023 

Inhaltsverzeichnis

Impressum 

Das Buch 

Die Geschöpfe der Finsternis 

Blutstropfen 

Das Dunkle im Licht 

Vorwort 

Bei Freunden 

Neubeginn bei Vollmond 

Offenbarungen 

Entscheidungen 

Die Hexenmutter 

Entführung 

Liebe und Freundschaft 

Missverständnisse 

Erinnerungen 

Im Paradies 

43 

Zusammentreffen 

Drohende Gefahr 

Ablenkung 

Für seine Liebe muss man kämpfen 

Warten 

Von Rowena Crane sind weiterhin erhältlich: 

 

Das Buch

 

 

Tina lebt, ist aber am Boden zerstört, denn Angelo hat sie verlassen. Freunde helfen ihr, wieder gesund zu werden. Doch nur er vermag es, ihre Seele zu heilen. Neue Gefahren kommen auf beide zu – und das in Form der schönen Hexe Sarah, die Tina entführt. Sie soll das Pfand für etwas sein, das Sarah unbedingt will, um ihre magische Kraft zu stärken …

Knapp dem Tod entronnen, lauern weitere Gefahren. Damian verfolgt unbeirrt seinen Plan, seinen Bruder und dessen Freundin zu vernichten. Er findet Cynthia, Angelos ehemalige Begleiterin, und manipuliert sie für seine Zwecke. Cynthia ist ein williges Opfer und beansprucht Angelo wieder für sich. Tina sieht den Kampf, das Ende und auch die schrecklichen Folgen voraus. Verzweifelt kämpft sie, um Angelos Leben und ist sogar bereit, ihr eigenes für ihn zu opfern …

 

 

***

Die Geschöpfe der Finsternis

Blutstropfen

 

Eine Vampir-Saga, Band 2:

Das Dunkle im Licht

 

 

Vorwort

 

Wer denkt schon über die Liebe nach?

Was sie bedeutet – was es heißt zu lieben?

Liebe ist Geben und Nehmen.

Liebe ist Glück und bringt Seligkeit.

Liebe baut auf Vertrauen.

Liebe macht Lust auf mehr, sie beschwingt.

Liebe ist Sehnsucht und bringt Traurigkeit.

Wenn man liebt, ist man für Opfer bereit.

Man steht für den Anderen ein.

Liebe bringt auch Leid und Schmerz.

Schmerz, der so groß sein kann, dass man daran zerbricht.

Für seine Liebe muss man kämpfen.

Erst die Liebe lässt uns das Leben leben.

Für meine Liebe will ich leben und kämpfen.

Wenn es sein muss … sterben.

 

 

Bei Freunden

 

Mir war kalt, so kalt. Ich wollte mich bewegen, doch es ging nicht. Ich spürte meinen Körper nicht mehr. Etwas berührte mich an der Wange. Es verbrannte mir die Haut, so heiß fühlte es sich an. Dann spürte ich gar nichts mehr. Es wurde noch dunkler, als es schon war.

Jemand sprach mit mir. Nicht laut. Es war jemand in meinem Kopf. Die Stimme war klar und kindlich. Ich fror auch nicht mehr. Mir war warm, fast zu warm.

»Du musst leben.«

»Wofür?«, fragte ich.

»Für dich und deine Kinder. Und für ihn.«

»Er ist fort.«

»Ja, er ist fort. Er wird wiederkommen. Schon bald.«

»Nein.«

»Ich weiß es. Vertrau mir! Du wolltest doch leben. Lebe Tina, lebe!«

Ich entschloss mich weiterzuleben, weil ich dem Kind glaubte. Doch ich war zu schwach, um den Anfang zu machen und fiel zurück in die Nacht.

Angelo stand vor mir und lächelte mich an. »Ich liebe dich«, flüsterte er mir zu. Doch dann veränderte sich sein Gesicht. Er hatte Blut an den Lippen. Gequält sah er mich an.

»Es tut mir leid. Ich muss dich verlassen. Ich kann nicht bleiben. Bitte verzeih mir, wenn du kannst.«

Plötzlich war er nicht mehr da.

»Nein. Angelo, bleib! Bitte bleib!«, rief ich ihm hinterher. Doch er hörte mich nicht. Ich lief ihm nach. Er war fort. Er hatte mich verlassen. Weinend und vor Verzweiflung ließ ich mich fallen.

Ich schrie und bäumte mich auf. Doch jemand drückte mich wieder herunter und hielt mich fest.

»Sie hat hohes Fieber«, hörte ich jemanden wie durch eine Nebelwand sagen. Dann spürte ich, wie man mir in den Arm stach.

»Sie muss viel trinken.« Es hörte sich besorgt an.

Mir wurde heiß. Ich wollte mich von der Decke befreien. Da spürte ich eine kalte Hand auf meiner Stirn. Es war angenehm und meine Anspannung löste sich etwas. Dann schlief ich wieder ein.

»Tina, bist du wach?«, fragte Jessica in meinem Kopf.

»Nein«, antwortete ich ihr unwillig.

Die Stimme kicherte. »Warum antwortest du dann?«

Ich wollte mit niemanden reden. Ich wollte allein sein mit mir und meinen Gedanken. Also sperrte ich sie aus. Jessica, das kleine süße Mädchen mit den dunkelblauen Augen. Sie war seit Kurzem bei Greta und Janos, ihrer neuen Pflegeeltern. Jessica war ein besonderes Kind mit Gaben, die sich erst richtig entwickeln sollten. Für mich war sie ein Wunder. Ich liebte dieses Kind. Trotzdem schloss ich sie jetzt von meinen Gedanken aus.

Langsam öffnete ich die Augen und sah mich um. Ich lag in einem rustikal eingerichteten Zimmer. Mein Versuch, mich aufzusetzen, schlug fehl. In meinem Kopf fing es an, sich zu drehen, und er tat mir weh. Auch mein Körper meldete sich bei mir mit Schmerzen. Ich stöhnte leise auf und schloss wieder meine Augen. Was war eigentlich geschehen? Ich holte mir die schmerzlichen Erinnerungen zurück. Angelo hat mich verlassen. Er hatte von mir getrunken, nachdem wir miteinander geschlafen hatten. Ich hatte seinen Biss nicht einmal gespürt. Am nächsten Morgen war er fort. Mit einem Brief hatte er sich von mir verabschiedet. Ich war wie versteinert, hatte es nicht begriffen. Als ich aus der Erstarrung aufgewacht war, bin ich Hals über Kopf zu seinen Eltern nach Budapest gefahren, weil ich hoffte, dass sie mir helfen würden. Doch sie waren nicht da. Das Haus war verschlossen. Ich erinnerte mich, dass ich mich an die Tür gelehnt hatte. Ich wollte nicht mehr weitersuchen; ich hatte nicht mehr die Kraft. Wo sollte ich auch hin? Wieder spürte ich die Kälte, die mich dort erfasst hatte.

Damian! Damian war auch dort gewesen. Angelos Zwillingsbruder – was hatte er dort gewollt? Er hatte mich ausgelacht, mir nicht geholfen. Er hatte seine Chance gehabt, sie aber nicht genutzt. Doch nun wusste er, dass ich über ihn und seine Familie Kenntnis habe, dass ich das Familiengeheimnis kenne. Damian würde immer ein gefährlicher Gegner für mich und Angelo sein.

Aber wie kam ich hierher? Ich konnte mich nicht mehr erinnern. War es wichtig? Nein, es war nicht wichtig. Nichts war mehr wichtig, weil er nicht mehr bei mir war.

Meine Gedanken wanderten zu Angelo.

»Wo bist du? Komm zurück! Ich flehe dich an. Bitte!«

Mir liefen die Tränen aus den Augen und nässten das Kissen.

»Weine ruhig! Das wird dir helfen«, sagte Jessica zu mir. Ich hatte nicht gehört, dass sie das Zimmer betreten hatte. Ich öffnete die Augen und sah in ihr ernstes Gesicht. Sie gab mir ein Taschentuch.

»Ich habe dir doch gesagt, dass wir uns bald wiedersehen werden.« Sie lächelte wehmütig, doch dann sah sie mich ernst an.

»Du hast uns erschreckt. Warum hast du uns nicht schon früher Bescheid gesagt?«, fragte sie mit einem Vorwurf in der Stimme. Ich antwortete ihr nicht und schaute weg. Was sollte ich ihr auch sagen? Ich war so verzweifelt, dass ich an nichts anderes mehr gedacht hatte, als zu sterben. Angelo war fort. Er war einfach gegangen, nur weil er von mir getrunken hatte. Ich fand es nicht schlimm. Doch er schon, denn er hatte sein Versprechen mir gegenüber gebrochen. Er wollte kein menschliches Blut trinken – nie mehr. Vor allem nicht meins. Seit fast 200 Jahren hatte er keinen Menschen mehr angegriffen, um sich von seinem Blut zu ernähren. Für einen Vampir ist das ungewöhnlich. Doch er hatte es geschafft. Angelo ernährte sich nur von Tieren, die er jagte.

»Du willst nicht mit mir reden. Du lässt mich auch nicht deine Gedanken hören. Warum nicht?«, fragte Jessica traurig und sagte enttäuscht: »Wir wollen dir nur helfen.«

»Ich weiß«, sagte ich leise zu ihr. »Ich kann nicht, Jessica. Ich kann nicht.«

»Er wird zurückkommen. Glaub es mir!«, versuchte sie mich zu trösten und mir neue Hoffnung zu geben. Doch es war zwecklos.

»Ich kann nicht. Es war so endgültig«, antwortete ich ihr hoffnungslos. Die Tür öffnete sich und plötzlich stand Georg vor dem Bett. Jessica verließ das Zimmer.

»Georg. Du bist hier?«, sagte ich überrascht. Er setzte sich auf den Rand des Bettes und sah mich mit einem besorgten Gesichtsausdruck an. Dann nahm er meine heiße Hand in seine kalten Hände. Mich durchfuhr ein angenehmer Schauer. Ich schloss kurz meine Augen und atmete tief ein.

»Warum hast du mich nicht angerufen?«, fragte er mich mit vorwurfsvollem Ton.

»Angelo hat sämtliche Telefonnummern von meinem Handy gelöscht. Ich konnte dich nicht anrufen«, erwiderte ich leise.

»Du hättest zu mir kommen können«, meinte er dann zerknirscht. Ich sah ihn nur stumm an. Diese Möglichkeit hatte ich gar nicht in Betracht gezogen.

»Ich hatte Angst um dich. Es war nicht so einfach, dich am Leben zu erhalten.«

Fragend sah ich ihn an.

»Du hast aufgegeben, wolltest sterben. Richtig?«, schlussfolgerte er. Ich nickte und sah von ihm mit leerem Blick weg.

»Du dummes Kind. Man beendet nicht so einfach sein Leben, wenn man noch so viel vor sich hat. Auf dich wartet noch so Vieles«, fuhr er mich schroff an.

»Ich will das alles nicht ohne ihn«, flüsterte ich, denn ich fühlte mich so verloren.

»Tina, lass ihm etwas Zeit! Er wird wiederkommen. Was hätte ich ihm sagen sollen, wenn du gestorben wärst. Du weißt, was er dann vorhat.« Georg sah mich eindringlich an, und ich erschrak. Ja, ich wusste, was Angelo tun wollte. Aber, er hatte mich doch verlassen. Warum sollte er dann den Tod für sich suchen? Er hatte doch keinen Grund mehr dazu. Als wenn Georg meine Gedanken erraten hätte, sagte er: »Tina. Er liebt dich. Du bist sein Leben. Wenn dir etwas geschieht, wird er sich dafür verantwortlich machen. Ob er nun hier ist oder woanders. Du musst mir glauben«, drang er weiter auf mich ein. Eindringlich sah er mich mit einem besorgten Gesicht an.

»Ich würde es ja so gern. Aber ich kann nicht.« Ich schaute Georg gequält an.

»Hab Vertrauen!«, erwiderte er leise und gab mir einen Kuss auf die Stirn. Ich stöhnte, denn die Kälte war so angenehm auf meiner Haut, da mir so heiß war.

»Was hast du?«, fragte er erschrocken.

»Mir ist so heiß«, flüsterte ich.

»Ja – du glühst schon wieder«, stellte er besorgt fest.

»Es tut mir gut, wenn du mich berührst. Du bist so kalt. Kannst du dich nicht zu mir legen?«, fragte ich ihn, ohne weiter zu überlegen und mir über eventuelle Folgen klar zu sein. Ich fühlte, dass ich wieder schwächer wurde.

»Ich glaube, das ist keine so gute Idee«, bemerkte er zurückhaltend. »Ich werde dir eine Spritze geben.«

»Bitte, Georg. Ich verbrenne«, hauchte ich nur noch und schloss meine Augen. Ich spürte, wie Georg mir die Nadel in den Arm stach. Doch er tat, worum ich ihn gebeten hatte. Er zog sich bis zu seiner Shorts aus und legte sich zögernd zu mir. Ich spürte angenehm seine Kälte. »Darf ich?«, flüsterte ich und wartete erst gar nicht seine Antwort ab. Ich legte mich mit dem Kopf auf seine Brust und den Arm über seinen kalten Körper. Er versteifte sich, aber blieb stumm liegen.

»Danke«, hauchte ich und schlief Sekunden später ein. Als ich das nächste Mal wach wurde, war ich wieder allein. Ich fühlte mich immer noch elend. Doch mir war nicht mehr heiß. Dankbar erinnerte ich mich an Georgs Hilfe, mir etwas von seiner Kälte zu geben. Ich hoffte nur, dass es ihm nicht zu schwergefallen war und machte mir keine weiteren Gedanken darüber.

Greta kam zur Tür herein. »Hallo, Tina. Ich bringe dir etwas zu essen. Du musst wieder zu Kräften kommen. Seit zwei Tagen hast du schon nichts Festes mehr zu dir genommen«, sagte sie vorwurfsvoll. Sie half mir, dass ich mich im Bett aufrichten konnte und stellte mir dann das Tablett auf den Schoß. Mir wurde leicht schwindlig und ich schloss die Augen.

»Tina?«, fragte Greta besorgt. Ich machte meine Augen wieder auf.

»Nein, nein. Es geht schon«, beruhigte ich sie. »Wo ist Georg?«, fragte ich.

»Ich habe ihn vorhin nach Hause gebracht«, antwortete sie mir.

»Kommt er wieder her?«, wollte ich wissen, denn er hatte sich nicht verabschiedet. Das hätte ich ihm übelgenommen.

»Ja, in zwei Stunden hole ich ihn wieder.«

Ich schaute Greta an und sah, wie erschöpft sie aussah. Mein schlechtes Gewissen griff nach mir. »Greta, es tut mir so leid. Ich mache euch solche Umstände. Das ist unverantwortlich von mir«, sagte ich schuldbewusst.

»Ja. Das ist es«, schimpfte sie. »Was hast du dir nur dabei gedacht? Du hast doch Freunde, die du um Hilfe hättest bitten können.« Greta stand vor mir und hatte ihre Fäuste an die Hüfte gestemmt.

»Du bist verärgert. Ich verstehe das«, sagte ich leise. Ich hatte keine Ahnung, wie viel Kraft und Energie es Greta kostete, wenn sie sich mit Georg zu ihm nach Hause versetzte und ihn auch wieder abholte. Ich wusste auch nicht, wie oft sie es in vierundzwanzig Stunden tat. Doch ich war ihr unendlich dankbar.

»Nein, Tina. Das verstehst du falsch. Ich bin nicht verärgert. Ich habe mir Sorgen um dich gemacht, und das tue ich immer noch. Ich mag dich nämlich«, erwiderte sie nun mit ruhiger Stimme.

»Es tut mir leid. Entschuldige bitte. Aber ich …«, schluchzte ich.

»Nicht, Tina. Es wird alles wieder in Ordnung kommen«, unterbrach sie mich tröstend. »Komm, iss jetzt was! Sonst wird das Essen noch kalt«, forderte sie mich dann auf.

Ich zwang mich, ein paar Bisse zu mir zu nehmen. Dann legte ich das Besteck beiseite.

»Du musst mehr essen. Wie willst du wieder zu Kräften kommen?«, ermahnte Greta mich. »Dann trink wenigstens das Glas leer!«, sagte sie und schüttelte missbilligend den Kopf. Ich tat ihr den Gefallen. Danach nahm sie mir das Tablett weg und verließ das Zimmer. Ich legte mich wieder hin.

»Jessica?« Ich rief sie, in der Hoffnung, dass sie meinen stillen Ruf auffing.

»Ja, ich komme«, hörte ich sie sagen. Sie betrat das Zimmer und stellte sich vor das Bett. Mit ernsten Augen musterte mich das kleine blonde Mädchen.

»Komm, setz dich zu mir!«, forderte ich sie auf. Sie setzte sich mir gegenüber auf das Bett.

»Danke«, sagte ich zu ihr.

»Wofür bedankst du dich?«, fragte sie erstaunt.

»Ich glaube, dass du einen großen Anteil daran hattest, dass man mich gefunden hat«, antwortete ich ihr.

»Ich sah Bilder mit deinen Gedanken, als ich fragte, wo du bist. Ich schickte sie zu Oliver, der mit seinen Freunden unterwegs war«, erzählte sie stolz.

»Sie suchten Damian?« Eigentlich war es keine Frage, sondern eher eine Feststellung. Meine Frage war beantwortet, warum er beim Haus seiner Eltern war. Dort durfte nicht gekämpft werden – neutrale Zone.

»Ja, warum fragst du?« Jessi sah mich verwundert an.

»Er war dort. Du weißt, wer er ist?«

»Ja«, antwortete sie mir und fuhr fort. »Oliver hatte dich gefunden und versucht, dich zu wärmen. Dann schickte ich die Bilder zu Greta. Sie hat dich hierhergebracht. Keiner wusste, was er machen sollte. Greta hat sich zu Onkel Georg versetzt und ist mit ihm hergekommen. Er hat viele Stunden an deinem Bett verbracht.« Traurig sah sie mich an.

»Du hättest sterben können«, dachte sie.

»Ich bin gestorben, Liebes. Ich bin innerlich tot«, erwiderte ich und schloss für einen Moment meine Augen, denn in mir war alles leer, aber der Schmerz blieb.

»Möchtest du allein sein?«, fragte sie. Ich sperrte sie wieder aus. Sie sollte meine innere Verzweiflung nicht sehen. Jessi war ein Kind, doch viel zu reif für ihr Alter.

»Nein, bleib ruhig. Erzähl mir, wie es dir hier geht«, forderte ich sie auf.

»Es gefällt mir hier. Alle sind sehr nett, besonders Oliver. Er spielt viel mit mir, wenn er Zeit hat. Er ist lustig«, berichtete sie mir. Dabei hellte sich ihr Gesicht auf, und ihre blauen Augen strahlten. »Greta übt fast jeden Tag mit mir. Sie zeigt mir viel. Ich kann jetzt schon über eine größere Entfernung Gedanken hören und verschicken. So wie du«, sagte sie und schaute mich prüfend an.

»Jessica. Ich verstehe es nicht. Ich habe das früher nie gekonnt. Ich träume, kann Gedanken hören und mich ohne Worte mit jemand unterhalten. Es kommt so plötzlich. Es muss doch einen Grund dafür geben. Es verunsichert mich und macht mir auch noch Angst. Vor allem meine Träume.« Ich war so mutlos, denn ich fühlte mich überfordert mit allem.

»Du musst davor keine Angst haben. Es wird bald zur Selbstverständlichkeit werden. Ich weiß, wovon ich rede.« Sie lächelte mich an und ich dachte: Dieses kleine, zierliche Mädchen versucht dir Dinge zu erklären, die nicht einmal ein Erwachsener erklären könnte. Doch sie macht es mit einer Ernsthaftigkeit, die man nur bewundern kann.

Ich nahm dieses Kind ernst und das spürte sie.

»Du kannst Wunden heilen. Klappt das immer noch?«, fragte ich sie dann.

»Ja, deine Wunde am Hals habe ich heilen lassen. Doch ich konnte dir bei dem Fieber und deinem Schmerz nicht helfen.« Sie klang frustriert.

»Du darfst dir nicht zu viel abverlangen. Ich glaube, dass das nicht gut für dich wäre«, gab ich zu bedenken.

»Ja. Das sagt Greta auch. Ich muss Geduld haben«, sagte sie und lächelte mich an.

»Ich habe dich bei dem Theaterstück beobachtet und war sehr überrascht. Du warst toll. Der letzte Satz ›und nun lebten sie beide glücklich und zufrieden zusammen für immer und ewig‹ stammte von dir. Du hattest mich dabei angesehen. Wie bist du darauf gekommen?«

»Ich glaube, dass es so sein wird. Ihr beide gehört zusammen«, sagte sie mit fester Stimme und blickte mich mit ihren blauen Augen ernst an. Wieder meldete sich der ziehende Schmerz. Ich wollte, es wäre so. Ich wünschte mir, dass Jessica Recht bekam.

»Du hast die Gefühle der Kinder beeinflusst und auch mich im Bus beruhigt. Wie geht das voran?«, wollte ich wissen, auch um mich abzulenken.

»Daran haben wir wenig gearbeitet. Ich probiere es manchmal bei Oliver, weil er oft verärgert oder enttäuscht von seinen Ausflügen wiederkommt. Das klappt ganz gut. Ich darf mich von ihm dabei nur nicht erwischen lassen«, grinste sie.

»Warum nicht?«, wollte ich wissen.

»Er droht mir dann immer mit dem bösen Wolf, der mich in den Wald bringen wird zu der alten Waldhexe. Aber ich weiß, dass er nur Spaß macht. Greta schimpft dann immer mit ihm, wenn er das sagt«, lachte sie fröhlich. Doch ich sah in diesem Moment eine alte gebeugte Frau, die mich mit kalten, gelben Augen ansah. Ich zuckte kurz zusammen, doch da war dieses Bild schon wieder verschwunden. Jessica hatte es nicht bemerkt. Ich lächelte sie an. »Bist du hier glücklich?«

»Ja.« Sie strahlte regelrecht.

»Ich freue mich so für dich, Jessi.« Ich meinte es ernst. Ich wollte, dass sich ihre Wünsche und Träume erfüllten. Jessica umarmte mich und gab mir einen Kuss auf die Wange.

»Hm. Du fühlst dich wieder sehr warm an. Aber Onkel Georg kommt ja bald.«

»Onkel Georg – das hört sich lustig an« stellte ich fest.

»Was sagt er dazu?«

»Er findet es klasse«, lachte sie.

»Du sprichst Greta mit dem Vornamen an. Ist ihr das recht?«, wollte ich wissen.

»Sie sagt nichts dazu, denn sie hatte sich mir so vorgestellt. Ich würde beide gern als meine Eltern haben. Aber ich traue mich nicht zu fragen. Vielleicht ist es auch noch zu früh«, erklärte sie mir und sah mich dabei mit ernsten Augen an. »Sie haben ja ein eigenes Kind«, meinte sie noch.

»Jessica. Oliver ist ein erwachsener Mann«, hielt ich ihr vor. »Genau genommen könnten sie deine Großeltern sein. Doch in diesem Fall sehe ich es so, dass sie doch lieber deine Eltern sein sollten. Ich denke, dass sich beide freuen würden, wenn du sie als deine Eltern haben willst.«

»Kannst du sie nicht fragen?«, bat sie. »Ich mache dir einen Vorschlag. Wir machen es beide zusammen, und dann, wenn du es möchtest«, schlug ich vor. Jessica strahlte mich wieder an. »Danke! Ich hab dich lieb!«, rief sie und umarmte mich wieder.

»Ich dich auch, mein Schatz«, sagte ich etwas leiser.

»Jessi, du musst mir einen Gefallen tun. Ich muss zur Toilette. Außerdem möchte ich duschen oder baden. Egal was! Mir ist schon wieder so heiß.«

»Warte einen Augenblick!«, sagte sie, sprang vom Bett und verließ das Zimmer. Dafür kam Oliver herein.

»Hier wird meine Hilfe benötigt?«, fragte er lachend, schaute mich aber verlegen an. Ich stöhnte innerlich auf. Nicht Oliver. Ich kann mich doch von ihm nicht ins Bad bringen lassen. »Hallo«, sagte ich nur und wurde rot. Anscheinend erriet er meine Gedanken und erklärte mir mit einem schiefen Grinsen: »Keine Angst. Ich bringe dich nur ins Bad. Meine Mutter wird da sein und dir helfen.« Ich nickte nur. Eigentlich hatte ich mir das alles selbst eingebrockt. Nein, sagte ich mir dann. Der wahre Schuldige war Angelo. Erneut stach der Schmerz zu.

Oliver ging sehr behutsam mit mir um. Vorsichtig, als wäre ich eine zerbrechliche Puppe, hob er mich aus dem Bett und trug mich wie eine Feder ins Bad. Ich atmete seinen Duft ein, der mich wieder an Sandelholz erinnerte. Er war so warm, dass mir noch heißer wurde. Ich stöhnte auf.

»Was hast du?«, fragte Oliver erschrocken.

»Mir ist so heiß. Ich halte das nicht aus«, antwortete ich ihm mit schwacher Stimme.

»Es tut mir leid«, sagte er.

»Du kannst doch nichts dafür«, flüsterte ich. Er setzte mich auf einen Stuhl. Greta war bereits im Bad und stellte sich zu mir. Oliver verzog sich wortlos. Greta half mir auf die Toilette zu kommen und in die Wanne zu steigen. Das Wasser war angenehm kühl, und ich schloss meine Augen. Ich wusste, dass Greta sich neben die Wanne gesetzt hatte und mich besorgt beobachtete. Trotz des kühlen Wassers glühte mein Körper weiter. Es wurde sogar noch schlimmer. Ich stöhnte, weil ich das Gefühl hatte, zu verbrennen. Greta rief erschrocken nach Oliver, der sofort in das Bad gestürmt kam.

»Ihr geht es wieder schlechter. Wir müssen sie ins Bett bringen. Mit meiner Kunst kann ich ihr nicht helfen. Ich habe es versucht. Ich werde Georg holen, und dann müssen wir beraten, was wir tun können«, sagte sie besorgt.

Oliver hob mich aus der Wanne, und Greta trocknete mich ab. Dann zog sie mir das leichte Nachthemd über. Schweigend trug er mich ins Zimmer und legte mich ins Bett. Er wollte mich zudecken, doch ich wehrte schwach ab. Ich brannte innerlich. Oliver setzte sich etwas abseits von mir. Ich versuchte meine Augen zu öffnen.

»Warum setzt du dich von mir weg?«, fragte ich kaum hörbar.

»Er ist ein Narr«, knurrte er wütend.

»Ja. Du hast recht. Doch versetze dich in seine Lage. Wie würdest du reagieren?«, hauchte ich. Dann wurde mir so heiß, dass ich alles in einem glühenden Rot sah. Ich keuchte, denn ich stand plötzlich im Feuer. Zum Schreien hatte ich nicht mehr die Kraft.

Ich hörte sie erzählen. Doch es schien mir, als würden sie weit entfernt von mir sein. Dumpf und verzerrt schwappten die Stimmen zu mir herüber.

»Ich kann ihr nichts Weiteres geben. Die Medikamente schlagen nicht an. Ich kann mir nicht erklären, woran das liegt«, hörte ich Georg sagen. Seine Stimme klang verzweifelt.

»Auch meine Kunst hilft ihr nicht. Aber wir müssen doch etwas tun«, sagte Greta.

Lasst mich doch gehen! Es tut so weh. Bitte, wollte ich sagen, doch ich bekam kein Wort heraus.

»Ich laufe zur alten Hexe im Wald«, verkündete Oliver.

»Nein, das wirst du nicht tun«, rief seine Mutter erschrocken.

»Aber sie ist die Einzige, die Tina vielleicht noch retten könnte. Bedenke, wie alt sie schon ist«, widersprach er unwillig. Dann herrschte Stille.

Alte Hexe aus dem Wald, dachte ich und sah das Bild einer alten, gebeugten Frau mit kalten, gelben Augen.

»Vielleicht hat Oliver recht. Wenn unsere Kunst versagt, sollte sie es versuchen. Ich werde sie bitten«, beschloss Georg.

»Nein«, sagte Greta bestimmend. »Ich werde gehen.«

Dann war es wieder still im Raum. Ich spürte eine kalte Hand auf meiner Stirn, welche die Hitze in meinem Kopf milderte.

»Leg dich wieder zu ihr!«, forderte Oliver. »Ich würde es tun, wenn ich könnte.«

Ich spürte, wie Gregor sich wortlos zu mir legte und mich zu sich heranzog. Sein Körper war so angenehm kalt. Er milderte das Brennen in mir. Greta war wieder zurück.

»Was hat sie gesagt?«, fragte Oliver angespannt.

»Nichts. Wir sollen Tina zu ihr bringen. Georg. Hilf mir, sie anzuziehen! Du musst mitkommen. Ich werde sie hinbringen und dort auf dich warten. Oliver, du gehst zu Jessica. Sie soll es noch einmal versuchen. Pass auf sie auf!«, befahl sie. Ich ließ alles mit mir geschehen. Ich hätte mich auch gar nicht wehren können. Kalte Luft streifte mich, und dann lag ich auf etwas Hartem.

»Ah. Das ist also die Auserkorene von unserem besonderen Vampir«, hörte ich eine kratzige Stimme sagen. »Zieh sie aus!«, befahl sie dann.

»Ja, Großmutter«, antwortete ihr Greta leise. Es hörte sich unterwürfig an.

»Ah, der Vampirdoktor ist auch schon da. Tritt ruhig ein! Heute darfst du. Wenn wir hier fertig sind, nicht mehr. Hilf ihr!«, forderte sie mit einem harten Ton.

»Gut, ihr seid fertig. Geht hinaus und wartet, bis ich euch rufe!«, sagte sie dann schroff. Die alte Hexe fing an, mich zu befingern. Sie legte ihre rauen Hände an den verschiedensten Stellen meines Körpers und murmelte Unverständliches vor sich hin.

»Dein Körper ist gesund. Du hast das Gift der Vampire in dir. Wenig, aber es schützt dich vor einer Schwangerschaft mit ihm. Das hat der Vampirarzt gut hinbekommen«, krächzte sie. »Mach deine Augen auf!«, befahl sie mir.

Ich konnte es nicht. Es ging nicht. Ich wollte es ihr sagen, aber ich bekam kein Wort heraus. »Ich schaffe es nicht. Bitte quäle mich nicht«, sprach ich sie gedanklich an.

»Oh, da hat ja jemand eine Gabe. Sie schickt mir ihre Gedanken. Interessant«, kicherte sie spröde. »Wissen sie davon?«, fragte sie zurück. Doch ich hatte diese Tür bereits wieder verschlossen.

»Sehr gut. Sehr gut«, murmelte sie und strich mit ihren rauen Fingern über mein Gesicht.

»So – jetzt öffne deine Augen!« Sie musste mit dieser Berührung etwas ausgelöst haben, denn ich konnte nun meine Lider heben. Ich sah in ein kaltes, gelbes Augenpaar. Vor Schreck schloss ich meine Augen wieder.

»Sieh mich an und schau nicht weg!«, forderte sie hart. Ich tat jetzt, was sie befahl.

Die alte Hexe senkte ihren Blick in mein Innerstes.

»Aha«, murmelte sie. »Deine Seele ist krank. Du musst sie selbst heilen, sonst wird der Schmerz dich töten.«

»Wie?«, fragte ich mit schwacher Stimme. »Kannst du mir helfen?«

Listig sah sie mich an. »Ich kann dir etwas geben, das dich vergessen lässt.«

»Nein.« Ich riss meine Hände hoch und wehrte diesen Vorschlag ab. »Ich will nichts von dem vergessen. Ich will ihn nicht vergessen.« Dann ließ ich sie wieder kraftlos fallen.

»Dann wird das dein Tod sein«, krächzte sie.

»Dann soll es so sein«, hauchte ich kraftlos.

»Hm. Du scheinst diesen Vampir wirklich zu lieben.« Dabei sah sie mich nachdenklich an. »Ich werde dir jetzt etwas geben, das dir das Fieber nimmt. Doch deine Seele werde ich nicht heilen können. Das kann nur er«, erklärte sie mir.

»Ihr könnt hereinkommen und sie anziehen«, rief sie Greta und Georg zu. »Hast du alles mitgehört, Vampir? Dann komm zu mir!«, forderte sie mürrisch. Ich hörte nur noch Bruchstücke, wie … bis zum nächsten Vollmond … da sein … wenn nicht … Fieber … zu schwach … sterben … ihn finden.

Plötzlich stand sie vor mir und gab Greta einen kleinen Becher.

»Gib ihr das! Sie soll nichts verschütten. Achte darauf!«, zischte sie. Dann verschwand sie aus meinem Blickfeld. Georg stützte mich, und Greta hielt mir den Becher hin. Sie half mir, ihn zum Mund zu führen. Bitter wie Galle schmeckte das Gebräu. Es kratzte mir in meinem Hals. Heiß gelangte es in meinen Magen. Urplötzlich bekam ich Krämpfe, bäumte mich auf und fing an zu schreien. Georg drückte mich auf die harte Unterlage. Ich schrie immer noch und versuchte mich aus seiner Umklammerung zu befreien. Der Schmerz wurde so unerträglich, dass ich ins Dunkle fiel und ich endlich erlöst wurde.

Ich wachte wieder in dem Bett auf, das in dem rustikalen Zimmer stand. Die Hitze war aus meinem Körper verschwunden. Doch ich hatte einen bitteren Geschmack im Mund. Ich konnte mich noch gut an alles erinnern, was geschehen war. Die alte Waldhexe hatte mir einen Trank gemixt, der mir das Fieber genommen hatte. Doch die Leere und der Schmerz waren geblieben. Langsam versuchte ich aufzustehen und tastete mich bis zur Tür. Ich wollte ins Bad, um diesen bitteren Geschmack loszuwerden. Als ich die Tür öffnete, stand plötzlich Oliver vor mir. Ich bekam einen Schreck und verlor dabei den Halt. Doch er fing mich auf, wollte mich aber zurück ins Zimmer tragen.

»Wo willst du allein hin? Du bist noch zu schwach auf den Beinen«, tadelte er mich. Eine steile Falte war zwischen seinen Augenbrauen.

»Ich muss ins Bad«, sagte ich leise.

»Oh, entschuldige. Ich werde Greta rufen«, murmelte er verlegen.

»Nein, nein. Du kannst mich hinbringen. Den Rest werde ich allein schaffen. Du kannst ja auf dem Flur warten«, gab ich ihm zu verstehen.

»Gut. Aber dann werde ich Greta holen. Ich muss schlafen gehen, denn ich war die ganze Nacht unterwegs«, erklärte er mir.

»Warum?«, wollte ich wissen. Oliver sah mich an. Ihm war anzusehen, dass er überlegte, ob er es mir sagen sollte.

»Damian ist in der Nähe. Du brauchst mich damit nicht schonen«, sagte ich und nahm ihm somit die Entscheidung ab. Überrascht schaute er mich an.

»Woher weißt du das?«

»Er war dort, Oliver. Er war beim Haus, als ich zu Angelo wollte. Doch es war keiner da. Ich habe gewartet. Ich hoffte, dass doch noch jemand kommen würde und bin eingeschlafen. Damian hat mich geweckt. Ich bat ihn um Hilfe, aber er verweigerte sie mir. Dann ist er gegangen«, brach es aus mir heraus.

»Um welche Hilfe hattest du ihn gebeten?«, fragte Oliver mich mit einem merkwürdigen Unterton.

»Ich wollte sterben«, sagte ich leise. Oliver zog scharf den Atem ein und presste mich an sich, dass es weh tat.

»Warum? Ist dir dein Leben denn gar nichts wert?«, fragte er verbittert.

»Das war es. Ich wollte wieder leben. Ich hatte es mir fest vorgenommen. Doch ohne ihn ist es kein Leben. Ich lebe nicht mehr. Ich bin nur noch da«, versuchte ich ihm zu erklären. Oliver schüttelte den Kopf.

»Das kann ich nicht akzeptieren. Sieh mich an, Tina!« Ich schaute in seine braunen Augen, die mich bittend ansahen.

»Ich würde dir helfen, wieder leben zu können und nicht nur da zu sein. Wenn er nicht wieder kommen sollte, denk darüber nach! Ich werde …« Meine Hand legte sich auf seinen Mund. »Danke!«, sagte ich nur und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Ich hatte seine Gedanken gelesen. Er würde mir immer ein guter Freund sein und auf mich achten. Vielleicht auch irgendwann etwas mehr als nur ein Freund. Aber ich wollte das nicht. Ich war nicht für ihn bestimmt. Und er durfte sich nicht aus Freundschaft für mich opfern. Das würde ich nie zulassen.

Ich liebe Angelo. Er war es und würde es für immer sein. Bis das der Tod uns trennt, dachte ich traurig. Oliver trug mich ins Bad und setzte mich dort ab.

»Ich hole Greta«, sagte er und ließ mich allein. Ich wusch mich, putzte mir die Zähne und gurgelte x-mal. Aber ich wurde diesen bitteren Geschmack im Mund nicht los.

»Du musst etwas trinken und essen«, sagte Greta, die ins Bad gekommen war.

»Ich möchte mich anziehen. Ich will nicht mehr den ganzen Tag im Bett liegen«, teilte ich ihr mit. Sie nickte und begleitete mich ins Zimmer, wo ich mich anzog. Wir gingen bis zur Treppe, an die ich heruntersah. Mir wurde schwindlig, und ich stütze mich an der Wand ab. Doch Oliver war schon zur Stelle und brachte mich nach unten. Dort setzte er mich auf die Couch im Wohnzimmer seiner Eltern.

»Ich dachte, dass du schon schläfst«, murmelte ich.

»Ich habe gewartet, bis du fertig bist. Denn ich war mir nicht sicher, ob du alles schon allein schaffen würdest. Doch jetzt werde ich gehen«, erklärte er mir und verließ das Zimmer.

Janos kam mit einem Tablett. Das stellte er auf den Tisch.

»Guten Morgen, Tina!«, begrüßte er mich und sah mich ernst an.

»Guten Morgen!«, erwiderte ich und senkte meinen Blick.

»Wie geht es dir heute?«

»Schon besser? Es tut mir leid, dass ich euch solche Umstände mache«, antwortete ich zurückhaltend.

»Das muss es nicht. Werde gesund! Aber jetzt iss! Ach – und das soll ich dir noch geben.« Er hatte die Schachtel mit den Pillen in der Hand. Sie mussten sie in meiner Tasche gefunden haben. Ich starrte sie an und nahm sie ihm mechanisch ab.

»Danke«, murmelte ich. Dann ließ Janos mich allein. Ich schaute auf das kleine Päckchen. Warum sollte ich sie jetzt noch nehmen? Er ist doch fort. Er wird nicht wiederkommen. Der Schmerz hatte wieder sein Messer gezogen und schnitt mir weitere Wunden ins Herz. Ich stöhnte, und mir liefen die Tränen über meine Wangen.

»Du weinst.« Jessica war ins Zimmer gekommen und setzte sich an meine Seite.

»Es tut so weh«, klagte ich.

»Ich weiß. Ich spüre deinen Schmerz.« Das Mädchen sah mich mit traurigen Augen an. Sie nahm meine Hand und schloss ihre Augen. Ich merkte, wie ich ruhiger wurde und der Schmerz nachließ.

»Iss! Und nimm die Tablette!«, forderte sie mich auf. Ich drückte sie mechanisch aus der Folie und steckte sie mir in den Mund. Jessica lächelte mich an und reichte mir den Tee. Dann aß ich das erste Mal wieder richtig Frühstück. Mittags verwöhnten Greta und Janos mich mit gutem ungarischem Essen. Sie zwangen mich, auch etwas zum Abendbrot zu mir zu nehmen. Früh ging ich ins Bett, denn der Tag war anstrengend für mich gewesen, obwohl ich nichts gemacht hatte. Schnell fiel ich in den Schlaf, doch mich holten die Träume wieder ein.

Angelo stand lächelnd vor mir. »Ich liebe dich«, flüsterte er mir zu. Aber dann veränderte sich sein Gesicht. Er hatte Blut an seinen Lippen. Gequält sah er mich an.

»Es tut mir leid. Ich muss dich verlassen. Ich kann nicht bleiben. Bitte verzeih mir, wenn du kannst.«

»Nein. Angelo, bleib! Bitte bleib!«, rief ich ihm hinterher. Doch er hörte mich nicht. Ich lief ihm nach. Er hatte mich verlassen. Es war so still um mich herum. Ich war leer, bis auf den Schmerz, der mich erfasst hatte. Ich fühlte, wie alles in mir zerbrach, dass ich sterben würde.

Doch dann hörte ich ihn fragen: »Tina, geht es dir gut?«

»Angelo. Wo bist du?«, rief ich.

»Geht es dir gut?«, fragte er nochmals.

»Nein«, antwortete ich.

»Bist du krank?«, fragte er besorgt.

»Ich werde sterben«, rief ich ihm traurig zu.

»Nein.« Es klang wie ein Schrei.

»Ich werde sterben«, wiederholte ich.

»Das wirst du nicht. Lebe!«, forderte er mich auf.

»Nicht ohne dich. Bei Vollmond werde ich sterben, wenn du nicht zu mir zurückkommst«, flüsterte ich nur noch.

Ich wachte auf. Mir war plötzlich eiskalt. Ich schaute mich fassungslos um, denn ich stand nur in meinem Nachthemd vor dem Haus von Olivers Eltern und blickte in den Wald. Langsam ging ich auf das Haus zu.

Janos und Greta kamen angelaufen.

»Was machst du hier draußen?« Beide starrten mich entsetzt an.

»Ich weiß nicht. Ich bin hier aufgewacht«, sagte ich leise vor Kälte zitternd. Janos nahm mich auf den Arm und trug mich nach oben. Dort legte er mich ins Bett.

»Es tut mir leid. Ich habe geträumt und bin dort aufgewacht«, erzählte ich ihnen.

Greta kam mit heißem Tee und reichte ihn mir.

»Schlaf weiter! Wir werden auch wieder ins Bett gehen«, sagte sie. Dabei sah sie Janos an. Ich wusste, dass sie diese Nacht nicht mehr richtig schlafen würden, weil sie auf mich achten wollten. Sie verließen das Zimmer. Ich starrte zur Decke.

Es dauerte, bis ich wieder einschlief. Dieser Schlaf bis zum nächsten Morgen blieb erfreulicherweise traumlos.

Der nächste Tag verlief genau wie der vergangene. Auch die Nacht ähnelte der vorherigen. Ich träumte und stand wieder vor der Tür. Janos brachte mich sofort wieder ins Bett und schüttelte nur mit dem Kopf. Sein Blick war mehr als besorgt. Greta sah mich ebenfalls wortlos voller Sorge an. Ihr Blick sprach Bände. In der nächsten Nacht war Vollmond. Angelo war nicht gekommen. Ich weinte mich in den Schlaf.

Am Morgen aß ich kaum etwas zum Frühstück. Ich ging wieder auf mein Zimmer und verfiel ins Grübeln. Ich konnte nicht hierbleiben. Greta und Janos machten sich zu viele Sorgen um mich. Immer war jemand von ihnen in meiner Nähe und umsorgte mich. Ich konnte das nicht weiter zulassen und entschloss mich, zu gehen. Doch dies musste ich heimlich tun, denn sie würden mich nie gehen lassen. Das wusste ich.

Es war Silvester, der letzte Tag des Jahres. Beide würden in der Csárda sein, um ihre Gäste zu bewirten. Beim Frühstück fragten sie, ob ich nicht gern mitkommen wollte, um mich abzulenken. Doch ich lehnte dankend ab. Oliver sollte bei mir bleiben. Auch das hatte ich abgelehnt. Sie sollten feiern gehen. Ich erklärte ihnen, dass ich versuchen würde, zu schlafen. Sie verabredeten aber, dass sie abwechselnd zu mir sehen wollten. Ich nickte zu dem Besprochenen nur.

Zum Mittagessen ging ich wieder nach unten. Sie warteten schon alle auf mich.

»Hast du geschlafen?«, fragte Greta und musterte mich.

»Nein. Aber ich habe mich ausgeruht. Ich konnte nicht schlafen«, antwortete ich ihr. Sie gab sich dem Anschein nach damit zufrieden. Nach dem Mittag war ich mit Jessica allein. Wir schauten uns Märchenbücher an. Zum Abend kam Greta und nahm das Mädchen mit. Gegen 22 Uhr kam sie mit Jessi zurück und brachte sie ins Bett. Sie schaute noch bei mir herein. Ich versicherte ihr, dass alles in Ordnung war. Dann wurde es still im Haus. Diese kurze Zeit nutzte ich. Ich zog mich an und schlüpfte aus dem Haus. Ich lief in den Wald und verschloss meine Gedanken. Ich wollte allein sein, allein mit mir. Der Schmerz hatte sich wieder so stark ausgebreitet, dass er mir die Luft zum Atmen nahm. Ich lief nun nicht mehr. Doch ich ging, ohne zu wissen wohin, immer weiter, immer tiefer in den Wald hinein. Der Mond, der voll am Himmel strahlte, ließ unwirkliche Schatten zwischen den Bäumen entstehen. Doch ich achtete nicht darauf. Ich achtete nur auf meinen Schmerz.

Plötzlich stand ich am Rand einer kleinen Lichtung. Ich ging bis zur Mitte, setzte mich in die Hocke und schloss meine Augen. Ein paar Augenblicke später ließ ich mich nach hinten fallen und schaute zum Mond.

Vollmond. Es ist Vollmond. Er ist nicht gekommen. Dafür werde ich heute gehen, dachte ich wehmütig. Liebe bringt Leid und Schmerz. Schmerz, der so groß sein kann, dass man daran zerbricht. 

Ich schloss meine Augen und klammerte die Kälte aus, die mich bereits erfasst hatte. Ich stellte mir vor, dass ich auf meiner Lichtung liegen würde. Dabei zog ich mir die Bilder vor mein inneres Auge und betrachtete sie. Die Sonne schien mir wärmend ins Gesicht. Ich fing an zu träumen.

Alles war grün und die Blumen blühten. Ich setzte mich auf und sah, wie Angelo lächelnd auf mich zukam. Ich sprang auf und lief ihm entgegen. Er fing mich lachend auf. Wir küssten uns. »Ich liebe dich«, flüsterte er mir ins Ohr.

»Ich liebe dich auch«, sagte ich. Dann sah ich ihn traurig an. »Ich werde sterben, Angelo.« »Nein, das wirst du nicht«, widersprach er.

»Doch, ich sterbe schon jetzt. Du bist nicht gekommen. Es ist Vollmond.« Traurig sah ich ihn an. Ich fühlte, dass mein Herz immer langsamer schlug. Ich atmete kaum noch. Langsam glitt ich aus Angelos Armen.

»Lebe Tina, lebe! Kämpfe! Ich bin hier. Verlass mich nicht!«

»Bitte, atme Tina, atme! Ich bin hier! Oh mein Gott, hilf mir, dass sie lebt!« Wie durch eine Nebelwand hörte ich, wie Angelo meinen Namen rief, wie er verzweifelt um Hilfe flehte.

Aber ich träumte doch – es war keine Wirklichkeit. Bis – ja, bis ich seine kalten Lippen auf meinem Mund spürte. Er war gekommen – und hat mich gefunden. Könnte er nun auch meine Seele heilen? Oder war es schon zu spät? Ich wusste es nicht. Ich atmete einmal tief ein. Doch ich schaffte es nicht, mein Herz schneller schlagen zu lassen.

Ich spürte, wie er mich von der Lichtung wegbrachte. Immer wieder flehte er: »Atme, du musst atmen! Bitte, du musst leben.« Angelo brachte mich zu Olivers Eltern.

»Sie ist wieder total unterkühlt. Wir müssen sie aufwärmen. Schnell!«, rief Greta voller Sorge. Janos holte mehrere Wärmflaschen und legte sie ins Bett. Die Wärme, die in mich hineinfloss, ließ meinen Atem sich wieder normalisieren und mein Herz im richtigen Rhythmus schlagen. Ich schlief bis zum Morgen, ohne zu träumen oder zu schlafwandeln. Ich wurde wach, doch ich ließ meine Augen geschlossen. Hatte ich das alles nur geträumt? Ich versuchte mich zu erinnern. Wie kam ich hierher? Ich war doch im Wald auf einer Lichtung gewesen. Dort hatte ich von Angelo geträumt. Ich hatte geträumt, dass er mich gefunden hat, dass er wieder hier bei mir war.

Es war nur ein Traum. Nur ein Traum, dachte ich verzweifelt. Ich drehte mich auf die Seite und rollte mich ein. Der Schmerz zerriss mich, und ich fing an zu weinen. Kalte Hände berührten mich und wollten mich zurückdrehen. Doch ich stemmte mich dagegen.

»Lass mich, Georg. Bitte!«, schluchzte ich.

»Tina«, hörte ich ihn sagen. Dies war nicht Georgs Stimme. Langsam drehte ich mich zurück, doch ich ließ meine Augen geschlossen. Ich hatte Angst, sie zu öffnen. Wenn alles immer noch ein Traum war. Wenn ich doch noch schlief.

»Sieh mich bitte an! Tina, ich bin hier«, hörte ich ihn leise und sanft sagen.

»Nein, das bist du nicht. Ich träume«, flüsterte ich.

»Du träumst nicht. Sieh mich an!«, forderte er mich auf.

»Ich kann nicht«, stieß ich leise hervor.

»Gut, dann versuche ich es anders«, murmelte er.

Ich spürte, wie seine Lippen von meiner Wange zu meinem Mund streiften und dort eine heiße Spur hinterließen. Vorsichtig begann er mich zu küssen. Mit seiner Zunge teilte er zaghaft meine Lippen. Leise stöhnte ich auf, denn das war zu real, als dass ich es träumte. Ich umschlang ihn mit meinen Armen und erwiderte seinen Kuss.

Er wollte sich entfernen, doch ich ließ es nicht zu.

»Nein, bitte nicht«, hauchte ich und drängte mich ihm entgegen.

»Ich kann nicht«, vernahm ich von ihm mit rauer Stimme.

»Doch. Es ist egal. Ich will es so. Weise mich nicht ab!«, flüsterte ich und schob meine Hände unter seinen Pullover. Er stöhnte auf und wollte meine Hände wegschieben.

»Nein! Bitte«, sagte ich mit zitternder Stimme. Gequält sah er mich an. Er rang mit sich und seinen Gefühlen. Es war mir egal. Ich wollte darauf jetzt keine Rücksicht nehmen, und er sollte es auch nicht.

Langsam beugte er sich zu mir und küsste mich wieder. Er zog mir das Hemd aus und legte sich dann selbst unbekleidet zu mir. Zärtlich, mehr vorsichtig, fast zurückhaltend, wanderten seine Hände und Lippen über meinen Körper. Ich brannte vor Sehnsucht nach ihm. Ich drängte mich ihm entgegen und küsste ihn. Dann spürte ich seine Kälte in mir. Ich keuchte. Welch ein Gefühl? Langsam, dann schneller werdend, begann er sich zu bewegen. Mein Atem und mein Herzschlag setzten für mehrere Momente aus.

Noch atemlos küsste ich ihn. Ja, das war kein Traum. Er war wieder bei mir. Aber hatte ich jetzt die Gewissheit, dass er bleiben würde? Angelo lag nun bei mir an der Seite.

Ich öffnete meine Augen und sah direkt in seine. Sie sahen mich voller Liebe an, dass es schmerzte. Es war der Schmerz, der versuchte, den Schmerz der Leere zu verdrängen. Dieser hatte aber noch nicht die genügende Kraft. Ich schaute an die Zimmerdecke. Tränen schlüpften ungewollt aus meinen Augen, die ich wieder schloss. Angelo beugte sich über mich und küsste sie mir weg.

»Kannst du mich immer noch nicht ansehen?«, fragte er mit trauriger Stimme.

Nun tat ich es. »Ich liebe dich, Angelo.« Ich befühlte mit meinen Fingerspitzen die Haut von seinem Gesicht, die nicht mehr kalt war. Er ergriff und küsste sie.

»Ich liebe dich, Tina.« Er sah mir tief in die Augen.

»Du bist wieder hier?«, fragend sah ich ihn an. Er lehnte seine Stirn an meine Schulter und stöhnte. »Ich hätte dich nun schon fast zweimal getötet. Doch dieses Mal warst du schon für mich verloren. Dein Herz hat kaum noch geschlagen. Ich wollte dich vor mir schützen, aber ich hätte dich fast in den Tod getrieben. Das werde ich mir nie verzeihen.«

»Wirst du wieder gehen?«, fragte ich mit zitternder Stimme. Ich musste es wissen. Ich wollte es jetzt wissen.

»Willst du, dass ich gehe? Ich werde es akzeptieren«, sagte er mit tiefer Traurigkeit in seiner Stimme.

»Wirst du wieder gehen?«, fragte ich noch einmal, ohne auf sein Gesagtes zu reagieren. »Nein. Ich werde dich nie mehr verlassen. Nie mehr. Es sei denn, dass du es so willst. Ich habe gesehen, wie der Tod nach dir gegriffen hat. Ich habe ihn gerufen, weil ich dich allein gelassen hatte«, antwortete er. Gequält sah er mich an.

»Was hättest du gemacht, wenn du von meinem Tod erfahren hättest?« Ich kannte bereits die Antwort, doch ich wollte, dass er es mir noch einmal sagte.

»Ich wäre dir gefolgt«, sagte er leise. Ich schüttelte verständnislos den Kopf.

»Kannst du mir verzeihen? Wenn nicht, ich kann es verstehen«, fragte er mich. Seine Augen sahen mich flehend an.

»Du bist hier. Nur das ist wichtig.« Ich schenkte ihm mein verzeihendes Lächeln. »Küss mich!«, forderte ich ihn dann auf und umarmte ihn.

 

 

Neubeginn bei Vollmond

 

Es war Neujahr an diesem Morgen. Als Angelo und ich ins Wohnzimmer kamen, saßen alle vier dort: Greta, Janos, Oliver und Jessica. Das kleine Mädchen sprang von dem Sessel und lief mir entgegen. Sie strahlte mich mit ihren klaren blauen Augen an.

»Ich habe es dir doch gesagt. Er wird kommen. Bist du jetzt glücklich?«

»Ja. Das bin ich«, antwortete ich ihr und drückte ihr einen Kuss auf die Wange.

»Ein glückliches neues Jahr wünschen wir euch beiden«, rief uns Janos mit einem zufriedenen Lächeln zu.

»Danke. Das wünschen wir euch auch«, sagte Angelo. »Und ich möchte mich bei euch allen bedanken, was ihr für Tina getan habt. Ich weiß, dass ich euch das nicht vergelten kann. Doch ich verspreche euch, dass ich jetzt immer für sie da sein werde. Ich werde sie nie mehr verlassen.«

Greta und Janos nickten und Janos erwiderte: »Das hoffen wir. Aber du brauchst es uns nicht vergelten. Auch du warst für uns da, als wir Hilfe benötigten. Freunde helfen einander.« Nur Oliver sah Angelo verärgert an.

»Sie hat so gelitten. Wir haben Ängste ausgestanden. Tu das nie wieder!«, brummte er. »Oliver!«, ermahnte Greta ihn.

»Nein, Greta. Lass ihn! Es ist in Ordnung«, sagte Angelo zu ihr. Jessica nahm seine Hand und sah ihn an. Angelo ging zu ihr in die Hocke. Sie schauten sich beide in die Augen. Er nickte und sie lächelte. Dann stellte er sich wieder hin.

Greta stand auf und zog mich in die Küche.

»Du musst etwas essen, bevor ihr losfahrt.«

»Wir fahren los? Wohin?«, fragte ich überrascht.

»Wir fahren zu meinen Eltern – wenn du nichts dagegen hast«, sagte Angelo und sah mich dabei liebevoll an. Ich hatte nichts dagegen. Doch es kam für mich so plötzlich. Ich wäre gern noch einen Tag geblieben. Als wenn er es spüren würde, was ich dachte, sprach er weiter. »Wir können aber noch bleiben.«

Ich nickte und schaute zu Greta, die mich anlächelte.

»Schön, dass ihr noch bleiben wollt. Dann machen wir es uns heute so richtig gemütlich«, rief sie erfreut. Sie schob mich zum Tisch und stellte mir etwas zu essen hin. Ich trank von dem Tee und blickte dabei zu ihr.

»Georg hat sich nicht verabschiedet. Kommt er noch einmal her?«, fragte ich sie.

»Ach Gott!«, rief sie aus. »Das habe ich total vergessen. Ich soll das besondere Mädchen von ihm grüßen. Er freut sich, dass du wieder so weit in Ordnung bist. Nein. Er kommt nicht.« »Ich habe mich nicht einmal bei ihm bedanken können«, murmelte ich enttäuscht.

»Das wirst du noch. Ruf ihn später an!«, schlug Angelo vor. Ich nickte.

»Ich schlage vor, dass ihr beide nachher etwas spazieren geht. Ich bereite das Essen für heute Mittag vor. Danach gehen wir zum gemütlichen Teil über«, meinte Greta und sah dabei Angelo an. Ihr Blick war eindringlich. Ich spürte, dass sie wollte, dass er mit mir reden sollte. Er senkte seine Lider. Unter ihrem Blick fühlte er sich nicht wohl.

Als ich fertig war, scheuchte sie uns aus der Küche. Wir zogen uns an und verließen das Haus. Schweigend gingen wir nebeneinander. Nach einer Weile blieb ich stehen, doch ich drehte mich nicht zu ihm hin.

»Warum sind wir hier?«, fragte ich leise.

»Wir müssen uns unterhalten«, antwortete er.

»Weil Greta es will?«, fragte ich pikiert.

»Nein. Ich möchte es. Sie hat nur schneller für eine Gelegenheit gesorgt. Wir sollten miteinander reden«, gab er mir zu verstehen. Ich drehte mich zu ihm um und sah an.

»Gut. Reden wir.«

»Erzähl mir, was du gemacht hast, als du festgestellt hattest, dass ich fortgegangen war!«, verlangte er. Dabei schaute er mich eindringlich an. Erschrocken drehte ich mich weg und stieß den Atem aus meiner Lunge.

»Verlang das nicht von mir!«, flüsterte ich.

»Ich will es wissen«, forderte er und stellte sich dicht hinter mich. Ich stöhnte und schlang meine Arme um meinen Körper. Der Schmerz griff wieder nach mir, doch Angelo zeigte kein Erbarmen. »Erzähl es mir!«

Nur zögerlich fing ich an zu reden.

»Ich … ich war am Boden zerstört.«

»Und … weiter!«

»Ich habe deinen Brief so oft gelesen, dass ich ihn auswendig hersagen kann. Ich wollte dich anrufen. Du hast die Nummer von meinem Handy gelöscht. Als ich dein Haus verschlossen hatte, war es so endgültig. In mir zerbrach etwas. Es tat so weh, obwohl in mir alles so leer war.« Ich atmete tief ein. »Bitte, Angelo. Nicht!«, hauchte ich.

»Weiter!«, forderte er. Ich krümmte innerlich mich und hielt kurz den Atem an. Langsam begann ich wieder zu erzählen. »Ich bin zu deinen Eltern gefahren. Ich hoffte, dass du bei ihnen wärst. Aber – es war niemand da. Ich konnte nicht mehr weiter und setzte mich an die Tür. Es war so kalt, Angelo, so kalt. Ich fror. Ich schlief dort ein. Auf einmal war Damian da. Er weckte mich. Ich … ich bat ihn um … um Hilfe, doch er gab sie mir nicht. Dann war ich wieder allein. Ich wäre erfroren, wenn Oliver und Greta mich nicht entdeckt und geholt hätten. Jessica hat sie zum Haus deiner Eltern geführt. Ich bekam hohes Fieber. Greta holte Georg. Er bemühte sich sehr. Aber auch er konnte nicht helfen. Greta brachte mich zu der alten Waldhexe, die mir etwas Scheußliches zu trinken gab. Die Schmerzen, die ich bekam, als ich dieses Gebräu getrunken hatte, waren höllisch. Aber das Fieber war weg. Sie prophezeite, dass nur du mich wieder heilen könntest. Das würde aber nur geschehen, wenn du bis zum Vollmond zu mir zurückkommen würdest … Wärst du nicht gekommen, könnte ich nicht mehr bei dir sein. … Warum nur? Warum bist du gegangen?« Ich drehte mich wieder zu ihm um und sah ihn anklagend an. Er hielt meinem Blick nicht stand und wandte sich von mir ab. Ich spürte, wie es ihn quälte und er sich schuldig fühlte.

»Ich habe mein Versprechen gebrochen, dir nie etwas zu tun. Ich stand im Bad vor dem Spiegel und sah dein Blut an meinen Lippen, Tina. Ich habe mich vor mir selbst geekelt. Dann sah ich dich leblos im Bett liegen. Dein weißer Körper schimmerte im Dunkeln wie Porzellan und verströmte deinen wunderbaren Duft. Ich musste mich zwingen, das Zimmer zu verlassen. Da stand mein Entschluss fest. Ich musste gehen, um dein Leben nicht zu zerstören«, sagte er voller Bedauern.

»Du bist zurückgekehrt. Warum?«

»Ich hörte dich in meinen Träumen. Du hast mich angefleht. Doch gestern rief Jessica um Hilfe. Wir waren gerade beim Haus meiner Eltern angekommen. Sofort lief ich hierher. Greta war ebenfalls hier. Sie erzählte mir, dass du in den Wald gelaufen bist und warum. Erst da begriff ich, was ich dir angetan hatte.« Er drehte sich mir wieder zu und blickte in meine Augen. Sehnsüchtig sahen sie mich an.

»Du bist meine Bestimmung, mein persönliches Himmelreich und meine Hölle. Ohne dich zu leben, ist mir nicht mehr möglich. Ich werde nicht mehr von deiner Seite weichen. Diesmal werde ich mein Versprechen nicht brechen. Hier und jetzt schwöre es dir.« Er nahm mich in seine Arme und hielt mich fest.

»Aber wenn mein Duft dich wieder einmal dazu verführt, von meinem Blut zu trinken? Es kann doch immer wieder passieren.« Ich blickte forschend in sein schönes Gesicht.

»Ich werde mein Versprechen nicht wieder brechen. Meine Mutter möchte dir gern dazu etwas sagen«, erwiderte er mir.

»Angelo, warum machst du es dir und mir so schwer? Erfülle meinen Wunsch! Mach mich zu dem, was du bist!«, forderte ich ihn mit fester Stimme auf.

»Noch nicht. Es wird der Tag kommen, an dem er deine Bitte erfüllen wird«, hörten wir plötzlich eine kratzige Stimme. Ich erschrak und klammerte mich an Angelo. Vor uns stand die alte Hexe aus den Tiefen des ungarischen Waldes.

»Hallo, Großmutter«, begrüßte Angelo sie und wandte sich zu ihr.

»Hast es also doch noch rechtzeitig geschafft«, krächzte sie und starrte ihn an. »Wenn das Mündel nicht gewesen wäre, läge sie bereits bleich im Wald.«

»Ich möchte Ihnen für Ihre Hilfe danken«, sagte ich zu ihr. Sie musterte mich mit ihren kalten Augen, dass es mir eisig den Rücken herunterlief.

»Ich will deinen Dank nicht. Ihr beide seid mir etwas schuldig. Vergesst es nicht! Ich werde mir diese Schuld zuerst von dir einfordern.« Sie zeigte mit ihrem knochigen Zeigefinger auf Angelo, drehte sich dann um und verschwand vor unseren Augen.

»Du kennst sie?«, fragte ich ihn, immer noch erschrocken.

»Ja, sie hatte meiner Mutter geholfen, mich und Damian auf die Welt zu bringen«, antwortete er mir verärgert. »Ich mag dieser Hexe nichts schuldig sein. Sie ist sehr alt, gerissen und gefährlich«, zischte er.

»Aber sie hat mir geholfen«, wandte ich ein.

»Nicht wirklich, Tina. Sie hat nur das Fieber beseitigt. Doch sie hat dich nicht geheilt. Sie hätte dich sterben lassen«, knurrte er wütend.

»Was wird sie von dir wollen?«, fragte ich, weil ich mir nicht vorstellen konnte, was es sein könnte.

»Mein Blut. Aber sie bekommt es nicht von mir«, zischte er wieder. »Du hast gesehen, wie sie aussieht. Sie möchte wieder schön sein. Und das war sie. Angeblich ist mein Blut eine Zutat zu einem Trank, der sie verjüngt.« Er schüttelte unwillig den Kopf und lachte spöttisch. »Warum gerade deins?«, wollte ich wissen. Sie hätte sich doch von irgendeinem anderen Vampir etwas geben lassen oder holen können.

»Weil ich durch meine Eltern und die Geburt etwas Besonderes bin. Nur ich, nicht Damian oder ein anderer Vampir«, gab er mir zu verstehen.

»Warum gibst du es ihr nicht?« Ich verstand ihren Wunsch, wieder jung auszusehen. »Niemals«, rief er. »Sie lebt nicht umsonst im Wald, weit weg von den Menschen. Ihre Zauberkunst nutzt sie nicht immer zum Guten. Oft praktiziert sie schwarze Magie. Ich will es mir gar nicht ausmalen, was passieren könnte, wenn sie wieder jung und schön ist. Du hast doch ihre Augen gesehen. Sie waren einmal tiefblau«, erklärte er mir. Ja, ich verstand. Doch wie wollte er dieser Hexe entfliehen, wenn sie sich die Schuld einforderte? Ich konnte mir auch nicht vorstellen, was sie sich von mir erwartete.

Er unterbrach meine Gedanken. »Du sagtest, dass Damian dort war. Was wollte er?«

»Ich weiß es nicht?«, antwortete ich. Ich hatte so gehofft, dass er mich nicht auf ihn ansprechen würde.

»Du hast Damian um Hilfe gebeten. Was sollte er für dich tun?«, bohrte Angelo weiter. Sein Blick war lauernd, als erwartete er, dass ich ihm etwas verheimlichen würde. Ich fühlte mich gerade sehr unwohl und verunsichert.

»Er sollte mir den Schmerz nehmen. Er sollte von mir trinken und mich sterben lassen«, sagte ich leise und sah in sein Gesicht, dass zur Maske wurde. »Es wäre so ein Leichtes für ihn gewesen. Doch er tat es nicht. Er hat sich amüsiert und mich ausgelacht. Dann ist er gegangen«, murmelte ich verbittert, weil die Erinnerungen noch zu schmerzlich und frisch waren.

»Er glaubt also, dass ich dich verlassen habe. Du bist nicht mehr interessant für ihn. Das ist gut. Mit seinem Hohn kann ich leben«, sagte er in einem harten Ton.

»Angelo. Er weiß es. Er weiß, dass ich euer Geheimnis kenne. Es tut mir so leid«, erklärte ich ihm und sah ihn schuldbewusst an.

»Nein, das muss es nicht. Er hätte es sowieso irgendwann erfahren«, meinte er dazu und zog mich wieder zu sich heran. »Tina, wirst du mir jemals verzeihen können?«, fragte er. Sein Blick war von Trauer und Schmerz erfüllt. Ich sah ihn an und sprach mit ihm, ohne zu reden. Er sollte endlich wissen, was er so schon seit einer Weile ahnte.

»Spürst du es denn nicht? Ich habe es doch schon. Dafür liebe ich dich zu sehr.«

Angelo zog überrascht eine Augenbraue hoch.

»Du kannst es doch?«

»Ja, ich wollte es dir zeigen.« Ich lächelte ihn an und verschloss die Tür wieder.

»Was? Lässt du mich nicht mehr hinein?«, lachte er.

»Küss mich!« Ich schloss meine Augen und wartete, dass er seine Lippen auf meine legte. »Ich liebe dich«, hörte ich ihn sagen. Dann lagen seine Lippen auf meinem Mund.

»Ich möchte dir noch eine Frage stellen. Deine Antwort ist mir sehr wichtig. Sei ehrlich, ja?« Bittend sah er mich an.

»Das werde ich«, versprach ich.

»Hattest du es gespürt, hattest du Schmerzen, als ich dich gebissen und von dir getrunken hatte?«

Ich versuchte mich zu erinnern. »Nein. Es war kein Schmerz. Es war, als wenn ich schweben würde. Nur kurz«, antwortete ich ihm und sprach leise weiter. »Nein, den Biss habe ich nicht gespürt. Und ich fand es auch gar nicht schlimm. Es machte mir nichts aus.«

Scharf zog er seinen Atem ein und sah mich ungläubig an.

»Wirklich, Angelo«, versicherte ich ihm und lehnte mich an ihn. »Warum hast du eigentlich keine spitzen Eckzähne?«, fragte ich wie nebenbei. Das beschäftigte mich bereits, seit Damian mich gebissen hatte. Angelo schob mich etwas von sich, blickte mich an und schmunzelte.

»Was?« Ich sah ihn fragend an. Waren das nur Märchen, die ich gelesen hatte? Hatte man es ihnen nur angedichtet?