Blutstropfen – Die Geschöpfe der Finsternis, Band 1: Existent - Rowena Crane - E-Book

Blutstropfen – Die Geschöpfe der Finsternis, Band 1: Existent E-Book

Rowena Crane

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Beschreibung

Tina erwartet nicht mehr viel von ihrem Leben, denn ein Schicksalsschlag hat ihr seelisches Gleichgewicht zum Wanken gebracht. Sie zieht sich zurück, ist trost- und kraftlos, hat keine Hoffnung auf Änderung. Sie fühlt sich einsam und allein. So oft es ihr möglich ist, begibt sie sich zu der kleinen Lichtung im nahegelegenen Wald. Und hier entscheidet sich ihr Schicksal.
Der Mann, der sich Tina nähert, ist ein Unsterblicher, ein Vampir.
Konflikte, Hindernisse und Gefahren kommen auf beide zu und müssen von ihnen bewältigt werden. Und dann geschieht das Unvermeidliche …

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Rowena Crane

 

 

Die Geschöpfe der Finsternis

 

Blutstropfen

 

Eine Vampir-Saga

 

 

Band 1: Existent

 

 

 

 

 

 

Impressum

Neuausgabe

Copyright © by Authors/Bärenklau Exklusiv

Cover: © by Sofia Steinbeck nach Motiven, 2025 

Korrektorat: Katharina Schmidt

 

Verlag: Bärenklau Exklusiv. Jörg Martin Munsonius (Verleger), Koalabärweg 2, 16727 Bärenklau. Kerstin Peschel (Verlegerin), Am Wald 67, 14656 Brieselang

www.baerenklauexklusiv.de / info.baerenklauexklusiv.de

 

Die Handlungen dieser Geschichte ist frei erfunden sowie die Namen der Protagonisten und Firmen. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig und nicht gewollt.

 

Alle Rechte vorbehalten

 

Das Copyright auf den Text oder andere Medien und Illustrationen und Bilder erlaubt es KIs/AIs und allen damit in Verbindung stehenden Firmen und menschlichen Personen, welche KIs/AIs bereitstellen, trainieren oder damit weitere Texte oder Textteile in der Art, dem Ausdruck oder als Nachahmung erstellen, zeitlich und räumlich unbegrenzt nicht, diesen Text oder auch nur Teile davon als Vorlage zu nutzen, und damit auch nicht allen Firmen und menschlichen Personen, welche KIs/AIs nutzen, diesen Text oder Teile daraus für ihre Texte zu verwenden, um daraus neue, eigene Texte im Stil des ursprünglichen Autors oder ähnlich zu generieren. Es haften alle Firmen und menschlichen Personen, die mit dieser menschlichen Roman-Vorlage einen neuen Text über eine KI/AI in der Art des ursprünglichen Autors erzeugen, sowie alle Firmen, menschlichen Personen , welche KIs/AIs bereitstellen, trainieren um damit weitere Texte oder Textteile in der Art, dem Ausdruck oder als Nachahmung zu erstellen; das Copyright für diesen Impressumstext sowie artverwandte Abwandlungen davon liegt zeitlich und räumlich unbegrenzt bei Bärenklau Exklusiv. Hiermit untersagen wir ausdrücklich die Nutzung unserer Texte nach §44b Urheberrechtsgesetz Absatz 2 Satz 1 und behalten uns dieses Recht selbst vor. 13.07.2023 

Inhaltsverzeichnis

Impressum 

Das Buch 

Die Geschöpfe der Finsternis 

Blutstropfen 

Existent 

Vorwort 

September 

Oktober 

Das Ende des Wartens 

Gefühle 

Willkommen 

Paris 

Georg – ein guter Freund 

November 

Probleme 

Ungarn 

Dezember 

Jessica 

Erfüllung 

Droge Blut 

Von Rowena Crane sind weiterhin erhältlich: 

 

Das Buch

 

 

Tina erwartet nicht mehr viel von ihrem Leben, denn ein Schicksalsschlag hat ihr seelisches Gleichgewicht zum Wanken gebracht. Sie zieht sich zurück, ist trost- und kraftlos, hat keine Hoffnung auf Änderung. Sie fühlt sich einsam und allein. So oft es ihr möglich ist, begibt sie sich zu der kleinen Lichtung im nahegelegenen Wald. Und hier entscheidet sich ihr Schicksal.

Der Mann, der sich Tina nähert, ist ein Unsterblicher, ein Vampir.

Konflikte, Hindernisse und Gefahren kommen auf beide zu und müssen von ihnen bewältigt werden. Und dann geschieht das Unvermeidliche …

 

 

***

Die Geschöpfe der Finsternis

Blutstropfen

 

Eine Vampir-Saga, Band 1:

Existent

 

 

Vorwort

 

Es ist still hier.

Es ist immer still hier an diesem Ort.

Hier, wo jeder seine letzte Ruhestätte findet.

Ich stehe hier und fühle nichts.

Ich bin innerlich kalt und leer.

Ich bin allein, ganz allein.

Ich kann nicht mehr weinen.

Wozu auch? Es hilft ja doch nicht. Die Kälte und Leere bleibt.

Warum ist der Mensch nur so vergänglich?

Und warum oft so plötzlich, so unerwartet?

Das Leben ist zu kurz, viel zu kurz.

Nie hatte ich vorher darüber nachgedacht. Doch nun tue ich es immer wieder.

Ich muss leben.

Ich will leben.

Und ich will lange, sehr lange leben.

Ich will nicht vergänglich sein.

Nicht die nächsten hundert Jahre.

Dafür würde ich alles tun!

Ich trat ins Licht und nahm mir vor, wieder leben zu lernen. Auch wenn Schmerz, Kälte und Leere meine Begleiter sein würden.

Es heißt doch: Die Zeit heilt alle Wunden. Mit Narben kann man auch leben.

In mir keimte wieder Hoffnung. Ich hatte das unbestimmte Gefühl, dass mir jemand dabei helfen wird. Und der mir wichtig sein wird, sehr wichtig sogar.

 

 

September

Ein Hauch von Mystik

 

Die Sonne gab auch an diesem Tag ihr Bestes. Es war Samstag, wieder ein Wochenende von so vielen. Und es war Altweibersommer, der sich anstrengte sich von seiner allerbesten Seite zu zeigten, denn in zwei Tagen sollte der Herbst anfangen zu regieren.

Ich saß am Rand einer (meiner) Lichtung im Wald, der nur ein paar Kilometer von meinem Wohnort entfernt war, und las in einem Buch. Seit letzter Zeit begab ich mich sehr oft hierher; so oft es mir nur möglich war. Dieser Ort war von einer Stille eingehüllt, die ich brauchte. Es war ein wunderbares Fleckchen Natur, eine Insel der Ruhe.

Im Frühling zeigt sich das zarte Grün mit Vergissmeinnicht und Gänseblümchen, im Sommer ist alles bedeckt von einem bunten Blumenmeer, im Spätsommer und Herbst blüht an vereinzelten Stellen das Heidekraut. Jetzt war noch alles wunderbar grün und einige wilde Sommerblumen wiegten sich leicht im warmen Wind. Manchmal kann ich auch einen Hasen, ein Reh oder auch einen Fuchs auf diesem schönen Flecken Natur beobachten. Wenn es windstill ist, können sie mich ja nicht wittern.

Aber es gibt da jemanden an meiner Seite, der nicht die nötige Toleranz besitzt und durch sein ungestümes Verhalten ziemlich schnell dafür sorgt, dass ich nicht lange genug die Tiere beobachten kann. Meine Schweizer Sennenhündin Kessy. Sie begleitet mich stets bei meinen Spaziergängen und genießt es, hier an meiner Seite zu liegen.

Verträumt saß ich nun da auf meiner Decke, die Hündin neben mir, die ich mit einer Hand hinter ihrem Ohr kraulte. Sie knurrte wohlig vor sich hin. Das Buch hatte ich beiseitegelegt und schaute mit geschlossenen Augen in Richtung Sonne. Ich wollte unbedingt die noch wärmenden Strahlen aufsaugen, denn schon für die nächsten Tage war unbeständiges Wetter angesagt. Ich brauche die Sonne und ihre Wärme. Sie lässt mich spüren, dass ich lebe.

Regen, Nässe, Kälte, Eis und Schnee – auf diese Dinge kann ich voll und ganz verzichten. Sie bringen meine Laune oft auf den Tiefpunkt. Wiederum finde ich eine Schneelandschaft wunderschön, wenn die Strahlen der Sonne sich in den winzigen Eiskristallen brechen. Man steht in einem Meer von Diamanten, die in den wunderschönsten Regenbogenfarben schillern.

42 Jahre alt. Oh Gott!, bin ich alt! Und mit jedem Tag werde ich unaufhaltsam älter. Noch zeigen sich keine Falten, nur ein paar Lachfalten an den Augen. Aber man geht auf die 50 zu, was ziemlich frustrierend ist. Ich möchte nicht alt werden und faltig und runzlig aussehen. Ich finde es grausam, dass mit dem Alter unser Körper so langsam zerfällt, man hilflos wie ein Baby wird, aber meist noch bei gutem Verstand ist. Dafür sind wir nicht lange genug auf dieser Welt, um alles richtig und tiefgründig zu erleben. Unsere Zeit ist einfach zu kurz bemessen. Einigen ist es nicht einmal bestimmt, ein hohes Alter zu erreichen. Manche gehen noch früher von uns, was ich schmerzlich erfahren musste. 

Seit fast einem halben Jahr lebe ich allein. Mein Mann verunglückte mit dem Betriebswagen, als er auf dem Heimweg war. Ein entgegenkommender, viel zu schnell fahrender Kleinbus stieß frontal beim Überholen mit dem Fahrzeug meines Mannes zusammen. Beide haben diesen Crash nicht überlebt. Nach diesem Unglück konnte ich eine Weile nicht arbeiten, hatte das Gefühl durch Nebelwände zu gehen, wollte mit niemanden reden und nichts hören.

Meine Tochter und mein Sohn besuchten mich, so oft es ihnen möglich war, und sie telefonierten weiterhin regelmäßig mit mir.

Doch nach drei langen Wochen sagte ich mir, dass ich etwas tun musste, sonst würde ich verrückt werden. Also ließ ich mich gesundschreiben, fuhr wieder zur Schule und machte meinen Job. Aber etwas hatte sich in mir geändert. Irgendetwas war zerbrochen, das einen Hohlraum in mir erzeugte. Er ließ sich nicht füllen. Ich wollte es auch nicht. Ich unternahm nicht mal einen Versuch – ließ es nicht zu.

Die Arbeit mit den Kindern lenkt mich ab. Ja, sie macht mich in gewisser Weise froh. Und sie hält mich von meinen Grübeleien ab. Als Schulleiterin einer Grundschule mit circa 200 Kindern hat man schon sein Tun. Zusammen mit meinen neun Kolleginnen und Kollegen waren wir schon eine gute Truppe. Doch sowie ich zu Hause war, war die Leere wieder spürbar. Zu viel Stille, weil jemand fehlte.

Ich saß immer noch regungslos da, auf meiner Decke und hielt mein Gesicht zur Sonne gerichtet. Noch waren die Strahlen warm auf meiner Haut. Ich seufzte und merkte, dass Kessy den Kopf hob und mich ansah. Ich schaute zu ihr und stupste ihr mit dem Zeigefinger an ihre Nase. Dann griff ich zu meinem Buch. Es handelte von Legenden und Mythen, von Werwölfen und Vampiren. In letzter Zeit las ich viel von diesem mystischen Zeug, denn gerade das lenkte mich ab von dem, was geschehen war. Es versetzte mich in eine andere Welt. Eine Welt, in der auch ich leben könnte.

Träume! Was wären wir doch ohne unsere Träume?

Ich schüttelte den Kopf.

Meine Gedanken flossen wieder zu dem Inhalt des Buches. Ein Vampir verliebte sich in eine Frau, die ein Mensch war und machte sie mit ihrem Einverständnis zu seiner Gefährtin, was mit sehr viel schriftstellerischem Geschick geschildert wurde. Die Frau war nun sehr glücklich, da sie ja nicht mehr alterte. Und sie konnte bei der Liebe ihres Lebens sein – für immer! Der Vampir war ihr Held und Beschützer. Er zeigte ihr alles, damit sie auch in ihrem neuen Leben zurechtkam. Es war sehr einfühlsam und fesselnd geschildert worden.

Wenn so viel über sie – Vampire, Werwölfe, Elfen – schon seit Jahrhunderten berichtet und geschrieben wurde und immer noch wird, müssen sie doch existiere, sinnierte ich. Was wäre, wenn sie kein Mythos sind? Was, wenn mir so etwas wie dieser Frau im Roman zustoßen würde? Würde ich das wirklich wollen? Ja! Ich träumte davon, einem Vampir zu begegnen – und würde mit ihm gehen.

Ich schüttelte den Kopf und schimpfte still mit mir.

Hast du ’nen Stich? Komm wieder zu dir! Du fantasierst ja.

»Komm Kessy! Wir müssen nach Hause.« Ich legte die Decke zusammen, nahm das Buch und die Leine. Langsam gingen wir zum Wagen. Den hatte ich circa zehn Minuten von der einsamen Lichtung entfernt hinter einem Busch am Waldweg geparkt. Es führte kein Weg zu diesem Ort. Darum wurde er wohl auch nur von mir besucht, weil ihn kaum einer kannte – oder zu meinem Glück, sie nicht zu schätzen wusste. Man muss, wenn man zu der Lichtung gelangen will, zwischen hohen Bäumen durchgehen. Es sind meist alte Buchen mit einer vollen Krone, deren Laub bereits angefangen hatte, sich rotbraun zu färben. Man sieht nur wenig vom Himmel, wenn man nach oben schaut. Und wenn die Dämmerung einsetzt, ist es hier bereits ziemlich dunkel. Man muss aufpassen, wohin man tritt.

Manchmal vergaß ich die Zeit beim Lesen und Träumen. Dann tastete ich mich immer durch den Wald bis zum Wagen. Gut, dass ich die Hündin dabei hatte. Sie gab mir stets genügend Sicherheit. Trotzdem kam ich mir meist etwas unwohl vor. An diesem Abend besonders. Ich hatte das merkwürdige Gefühl, wieder einmal angestarrt zu werden. Dieses Gefühl hatte ich seit ein paar Monaten des Öfteren, jedoch nicht so intensiv wie in gerade diesem Moment. Langsam schaute ich mich um, konnte aber nichts entdecken.

In der Dämmerung sieht sowieso alles anders aus. Weil ich mich nun aber doch etwas unwohl fühlte, versuchte ich, schneller zu gehen. Ich musste nur aufpassen, dass ich nicht irgendwo hängenblieb oder sogar stolperte und hinfiel.

Wieder schaute ich mich um. Aber da war nichts! Meine Augen konnten nichts und niemanden ausmachen. Es war nur ein Wald voller Bäume – mehr nicht!

Ich fragte mich, was auf einmal mit mir los war. Früher wäre ich in so einer Situation in Panik ausgebrochen und gerannt – trotz der Gefahr, zu fallen. In mir fühlte nur eine unbestimmte Unruhe, die kaum auf Angst beruhte, sondern mehr und mehr auf Neugier. Ich blieb stehen, machte meine Augen zu und atmete tief ein. Während ich so dastand, fing Kessy leise an zu knurren. Ich öffnete die Augen und schaute in die Richtung, in die der Hund blickte. Es war bereits so dunkel durch die eingebrochene Dämmerung, dass man nur noch ein Stückchen in den Wald hineinsehen konnte, obwohl es noch gar nicht so spät war.

Aber da, wo Kessy hinschaute, war nichts zu erkennen. Doch plötzlich, eigentlich fast zu schnell für meine Augen, flog ein grauer Schatten zwischen den Bäumen hindurch, vielleicht zehn höchstens zwanzig Meter von uns entfernt. Es dauerte nicht mal eine Sekunde.

Was war das denn?, dachte ich verwundert. Kessy knurrte immer noch. Jetzt sollte ich doch eindeutig Angst haben, aber meine Neugier war stärker. Ich starrte weiter in den Wald und hoffte, dass sich das eben Gesehene noch einmal wiederholen würde.

Nein, das tat es nicht!

Was hatte ich denn erwartet? Dass plötzlich eine Figur wie aus dem Nichts aus einem Roman vor mir stand und mich entführte?

Himmel, ich muss aufhören diese Geschichten zu lesen, dachte ich seufzend. Aber nur in der Realität zu leben – dieser Gedanke bereitete mir persönlich Sorgen.

Es ist zu schön, sich beim Lesen treiben zu lassen. Ich vergaß dabei meinen Kummer. Auch die Leere war kaum noch spürbar.

Ich wandte mich zu Kessy und sagte: »Ist gut, da ist nichts. Komm! Genug für heute. Ab zum Auto!« So stiefelten wir in Richtung Wagen, ohne dass ich noch einmal den Versuch machte, mich umzudrehen. Ich hatte auch nicht mehr das Gefühl, dass mich etwas aus den Tiefen des Waldes anstarrte.

»Man, ich leide wohl schon unter Halluzinationen«, murmelte ich vor mich hin und schüttelte wieder den Kopf. Beim Wagen angekommen, öffnete ich die Heckklappe meines silbernen Nissan X-Trails, ließ Kessy hineinspringen und schloss diese wieder. Für einen Augenblick lehnte ich mich noch an die Fahrertür, schloss die Augen und atmete die herrliche Waldluft ein. Urplötzlich bekam ich erneut das Gefühl, dass Augen auf mir ruhten. Ein Seufzer entschlüpfte mir, und ich öffnete die Augen. Da ich schon vorher nichts gesehen hatte, wollte ich mir nicht noch einmal die Mühe des Umsehens machen. Darum öffnete ich die Fahrertür und stieg ein. Starten, Licht an, Gurt anlegen, leise Musik aus dem Radio, Rückwärtsgang rein, dann los!

Morgen ist Sonntag. Es wäre schön, wenn sich das Wetter wenigstens bis zum Abend noch halten würde, dachte ich, während ich mich der Straße näherte.

Wir kamen diesmal spät am Abend nach Hause. Es war auf der Lichtung einfach zu schön gewesen, um zu früh in das leere Haus zurückzukehren. Zuerst versorgte ich den Hund, legte noch die gewaschene Wäsche aus der Waschmaschine in den Trockner, ging dann in die Küche und räumte noch etwas auf. Ich war ja allein. Da gab es nicht viel zum Räumen.

Ich nahm mir Mineralwasser mit ins Wohnzimmer, setzte ich mich vor den Fernseher und zappte einmal rauf und wieder runter. Es gab nichts, was mich wirklich interessierte. Okay, sagte ich mir und machte den Fernseher aus, ging ins Bad und duschte ausgiebig mit fast schon zu heißem Wasser. Dampfend verließ ich die Dusche, frottierte mich ab, putzte die Zähne und kuschelte mich dann in mein Bett. Zuerst überlegte ich noch, ob ich ein paar Seiten lesen sollte. Aber ich entschied mich dagegen, machte das Licht aus und schloss die Augen. Es dauerte auch nicht lange, bis ich einschlief.

Wenn ich mich lange an der frischen Luft aufhielt, sorgte diese dafür, dass ich verhältnismäßig schnell in den Schlaf sank. Seit dem Unglück sind meine Nächte stets traumlos gewesen. Ich schlief immer wie ein Stein, bin aber morgens nie richtig ausgeruht gewesen, sodass ich meist Ringe unter den Augen hatte und ziemlich blass war. Ich war auch sonst nie richtig sonnengebräunt gewesen, sondern bekam dann ein paar Sommersprossen in Höhe der Wangenknochen. War eben ein blasser Typ – wie mein Vater.

In dieser Nacht träumte ich nach langer Zeit das erste Mal wieder. In meinem Traum befand ich mich auf der Lichtung, lag auf meiner Decke und las in einem Buch.

Ich bemerkte nicht, dass die Dämmerung hereinbrach, so vertieft war ich. Plötzlich knackte es. Jemand musste auf einen morschen Zweig getreten sein. Ich schaute in die Richtung, woher das Geräusch gekommen war. Ein Reh sprang aus dem Wald heraus, lief mit schnellen Sprüngen auf die andere Seite der Lichtung und verschwand dort. Bei dieser Beobachtung hatte ich mich aufgesetzt und überlegt, wovor es wohl flüchtete. Plötzlich traf mich ein eiskalter Windhauch und wehte mir die Haare ins Gesicht. Außerdem nahm ich noch einen grauen Schatten wahr, der sich unheimlich schnell in die Richtung bewegte, in der das Reh verschwunden war. Mir war plötzlich unheimlich kalt.

Dieser Umstand weckte mich. Ich setzte mich auf, um mich zu sammeln. Ich war einigermaßen erstaunt. Ich – ich hatte geträumt. War das gut? Hatte dies etwas zu bedeuten? Quatsch! Ich versuchte mich an den Traum zu erinnern, was mir erstaunlicher Weise ganz gut gelang. Meistens konnte ich mich an meine Träume nicht erinnern. Aber ich war zu müde, um darüber weiter nachzudenken. Es war eben nur ein Traum. Ich legte mich wieder hin und schlief auch sofort ein. Diesmal träumte ich nicht mehr.

Es bereits hell, als ich die Augen aufschlug. Nach langer Zeit fühlte ich mich ausgeruht. Ich setzte mich auf und versuchte mich noch einmal an den Traum zu erinnern. Ein paar Bilder zeigten sich in meinem Kopf. Ich grübelte noch etwas darüber nach, aber es wurde für mich viel zu wirr. Darum stand ich auf, um ins Bad zu gehen. Ich zog mich an und versorgte Kessy. Dann machte ich mir mein Frühstück.

Skeptisch schaute ich an diesem Morgen immer wieder aus dem Fenster. Es zogen zwar Wolken auf, aber die Sonne strahlte noch durch ihnen hindurch. Das Thermometer zeigte siebzehn Grad an. Das würde heißen, wenn die Sonne blieb, könnte es noch ein schöner Tag werden. Kurz entschlossen steckte ich mir ein Paar Müsliriegel ein, nahm eine Flasche Mineralwasser, holte mein Buch und sicherheitshalber meine Jacke. Dann schnappte ich mir den Autoschlüssel vom Haken.

Kessy freute sich wie immer auf den Spaziergang, was sie mir schwanzwedelnd vorführte. Ich ließ sie in den Wagen springen. Bevor ich losfuhr, schob ich noch eine CD rein und wartete, bis die Musik leise an zu klingen begann. Diesmal war es etwas Klassisches, von Schubert Wanderer – Fantasie. Brahms, Granados, Debussy und noch einige andere begeisterten mich mit ihren Klavierstücken. Aber es muss was Langsames sein in Andante oder auch Adagio. Natürlich höre ich auch Modernes, Rock- und Popmusik, alles entsprechend passend zu meiner Stimmung. In letzter Zeit passte diese Art von Musik jedoch nie.

Nach einer kurzen Fahrt war ich schon im Wald und parkte wieder an meiner gewohnten Stelle dicht am Busch. Ich ließ Kessy herausspringen. Dabei schaute ich zum Himmel. Noch sah alles gut aus. So spazierten wir beide los. Erst war immer der Hund dran, dann ich. Das heißt, erst eine Runde gehen, dann zur Lichtung. Dort lesen und träumen.

Wir gingen, manchmal liefen wir beide auch ein Stück, bis wir wieder beim Nissan ankamen. Das war schon so etwas wie Routine. Kessy genoss diese Spaziergänge. Unterwegs gab es immer wieder die unterschiedlichsten Gerüche für einen Hund, die man auch immer wieder neu erschnüffeln musste. Ohne Leine ließ ich sie aber nicht mehr laufen, denn einmal fand Kessy die Spur von einem Rehkitz, das sich im hohen Gras versteckt hatte. Wie ein Pfeil flitzte die Hündin in die Richtung und legte sich auf das verängstigte Tier. Sie wartete geduldig, bis ich bei ihr war. Ganz außer Atem sah ich die Dramatik und hörte das klägliche Jammern des gefangenen Tieres. Diesen Ton werde ich wohl nie vergessen.

Stolz präsentierte mir Kessy ihren Fang, den sie freiwillig nicht aufgeben wollte. Ich zog sie mit der Leine von dem jungen Reh runter, was ziemlich mühsam war. Sie ist ja nicht nur groß, sondern hat auch Kraft, die sie jetzt einsetzte. Aber ich schaffte es. Dabei beobachtete ich das Kitz und hoffte, dass es jetzt nicht noch aufspringen würde. Das hätte die Sache ziemlich kompliziert, denn das Jagdfieber war eindeutig ausgebrochen und nun nicht mehr zu unterbinden. Doch das Tier blieb still liegen, als ob es instinktiv wusste, dass es nicht weglaufen durfte. Es zitterte am ganzen Körper und schaute mich mit seinen großen Augen an, die vor Angst ganz schwarz waren. Dabei stellte ich fest, wie schön sie waren, umrahmt von langen schwarzen Wimpern. Seit diesem Erlebnis bestand Leinenpflicht!

Wir hatten unsere Runde geschafft. Ich ging zum Auto, um mir meinen Rucksack zu holen, in dem ich bereits vorher alles verstaut hatte. Das Wetter hielt sich immer noch gut. Es war wärmer geworden, aber es zogen jetzt schon mehr Wolken am Himmel ihre Bahn. So machten wir uns beide auf den Weg durch den Wald zu meinem persönlichen Eiland. Dort breitete ich die Decke aus und setzte mich. Kessy legte sich, wie immer, an meine Seite. Ich stützte mich mit den Händen nach hinten ab und neigte mein Gesicht der Sonne zu, die ihre warmen Strahlen zu mir sandte. Ich genoss diesen Moment und sog die Wärme in mich auf.

Es war bereits Mittag, und ich ermahnte mich, etwas zu essen und zu trinken. Ich aß meine beiden Müsliriegel, von denen Kessy auch ein Stückchen abbekam. Dabei trank ich reichlich vom Mineralwasser. Dann vertiefte ich mich für längere Zeit in mein Buch und begab mich auf die Reise ins Land der Mythen.

Ich hatte schon ziemlich lange gelesen, als Kessy sich plötzlich aufsetzte und leise anfing zu knurren. Vorsorglich hielt ich die Leine fester – man kann ja nie wissen – und sah mich um. Dabei sprach ich beruhigend auf sie ein. Ich konnte nichts erkennen. Da war niemand. Keine Menschenseele. Ich fing an, Kessy hinter dem Ohr zu kraulen und blickte mich dabei nochmals um.

Nichts!

Aber ich hatte wieder das merkwürdige Empfinden, dass mich jemand anstarrte.

Nun stand ich doch auf und schaute mich nach allen Seiten um. Es machte mich unsicher. Denn wenn der Hund etwas spürte, dann war da etwas. Nur was? Oder sollte ich fragen, wer? Ich hatte aber immer noch keine Angst. Mehr erfasste mich eine neugierige Unruhe, wer oder was es wagte, mich hier an meinem geliebten, für mich reservierten Platz zu beobachten und meine Ruhe zu stören. Zu meinem Verdruss machte sich nun auch noch Ärger in mir breit. Ich setzte mich wieder hin und fing an, vor mich hin zu schimpfen. Es war nicht sehr nett, was ich da leise von mir gab. Aber es war ja auch für keine fremden Ohren bestimmt.

»Kessy, leg dich hin!«, bestimmte ich und versuchte, weiter zu lesen. Aber es gelang mir nicht. Das Gefühl, beobachtet zu werden, verstärkte sich mit jeder Minute mehr. Kessy knurrte immer noch leise, was mich zusätzlich nervös machte. Ich sprang wieder auf und rief: »Ist da jemand?«

Klar, dass ich keine Antwort bekam. Von wem denn auch? Ich packte alles zusammen und schimpfte dabei vor mich hin.

»Was soll das? Da ist nichts. Vielleicht ein Fuchs oder ein Vogel. Man, du bist ganz schön daneben.« Kessy schulte mich von unten an. Ich war ihr wohl gerade nicht geheuer.

»Komm!«, sagte ich nur brummig, und wir gingen zum Wagen. Es war noch früh am Nachmittag, aber ich wollte nach Hause. Außerdem musste ich noch etwas für die Schule vorbereiten. Auf dem Rückweg begleiteten mich wieder das Gefühl, dass mich unsichtbare Augen beobachteten.

Und dann sah ich etwas, was mir doch die Sprache verschlug. Hinter meinem Nissan parkte ein Wagen. Ein ziemlich großer schwarzer Wagen.

Was soll das? Was hat der hier zu suchen?, fragte ich mich ärgerlich. Ich ging näher und erkannte, dass es ein BMW war. Ein ziemlich teurer Wagen. Pechschwarz mit stark getönten Scheiben. Ich ließ Kessy in den Nissan springen, schloss die Heckklappe und ging zu dem schwarzen Auto. Neugierig versuchte ich ins Innere zu schauen, aber die dunklen Scheiben ließen keinen Blick zu. Enttäuscht ging ich langsam zu meinem Wagen, lehnte mich an die Fahrertür und schaute auf das fremde Fahrzeug. Dabei überlegte ich, wer hier mit seinem teuren Auto im Wald parkte und das noch hinter meinem. Wieder fühlte ich Blicke auf mich ruhen. Also, jetzt war hier irgendwo jemand. Da war ich mir ganz sicher – logisch. Das war eine Tatsache. Doch was tat der hier? War er bereits einer von diesen fanatischen Pilzsammlern? Oder vielleicht …?

Da fiel mein Blick auf etwas, was mich wütend machte. Dieses teure Etwas stand ziemlich dicht hinter meinem Nissan. Für mich eindeutig zu dicht. Mein Wagen stand mit der Front sehr nah am Busch. Da konnte ich nicht weiter ran, ohne den Lack auf der Haube zu zerkratzen.

Ich ging näher heran, um zu sehen, wie viel Platz zwischen beiden Fahrzeugen war. Ich stellte nochmals fest: für mich zu wenig. Ich schimpfte schon wieder und das nicht grundlos, denn ich wollte das teure Stück beim Zurückstoßen ja nicht rammen. Sonntagsfahrer war noch eine nette Bezeichnung für das besonders intelligente Einparken des Fahrers. Irgendwie hatte ich das komische Gefühl, dass in diesem Moment jemand leise lachte.

»Klar«, rief ich in den Wald hinein. »Mach dich ruhig lustig! Ist nicht meine Schuld, wenn das gute Stück ’ne Beule abkriegt.« Ich stakste wütend zu meinem Wagen und stieg ein. Wieder vernahm ich wie eine Halluzination ein leises amüsiertes Lachen. Ich startete und fuhr nun x-mal rückwärts und wieder vorwärts, immer darauf bedacht, nicht den schwarzen BMW zu rammen. Gott sei Dank hatte ich einen Sensor, der mir mit einem Piepton sicher mitteilte, wenn am Heck irgendetwas im Weg war. Sonst hätte ich hier für nichts garantieren können. Rückwärtsfahren war für mich sowieso jedes Mal eine neue Herausforderung.

»Der kann sich frischmachen, wenn der mir über den Weg läuft«, schimpfte ich immer noch auf dem Nachhauseweg. Zu Hause angekommen, ließ ich Kessy auf dem Grundstück laufen und fuhr den Wagen gleich in die Garage. Ich besitze ein Haus mit einem kleinen Hof und einer größeren Gartenfläche, sodass auch hier der Hund genügend Auslauf findet, wenn wir nicht in den Wald zum Spazieren gehen können.

Als ich in die Küche kam, sah ich auf dem Tisch einen Teller mit selbstgebackenem Kuchen stehen. Daneben lag ein Zettel, auf dem stand: Lass es dir schmecken! Mutti.

Na, von wem sonst! Also waren sie wieder hier, um zu schauen, ob es mir gut geht. Ich nahm das Telefon und rief meine Eltern an. Sie wohnen in der gleichen Stadt, nur auf der entgegengesetzten Seite. Gleich nach dem zweiten Klingeln nahm man ab.

»Hallo, Mutti! Hier ist Tina. Danke für den Kuchen. Ich bin eben gekommen und mache mir gleich einen Tee dazu.« Ich erwartete natürlich sofort wieder ein Feuerwerk an Fragen.

»Wo warst du denn? Warum rufst du nicht an? Warst du wieder allein im Wald? Wir würden doch mit dir mitkommen, damit du nicht immer allein gehst.«

Ich unterbrach sie.

»Mutti, ich war spazieren. Du hättest auch auf dem Handy anrufen können. Du weißt doch, dass ich immer Kessy dabeihabe. Sei nicht böse, aber ich muss noch was für die Schule tun. Ich melde mich.«

»Bettina, das sagst du immer. Ich mache mir nur Sorgen um dich.« Ich hörte sie seufzen. Da war es wieder. Diese Fürsorge, die mich erdrückte.

»Mutti, das braucht ihr nicht. Mir geht es gut. Ich melde mich. Versprochen. Tschüss!«

Wir legten beide fast gleichzeitig auf. Ich liebe meine Eltern, aber ich musste mit mir selbst klarkommen und manches braucht eben seine Zeit. Und ich wollte mir so viel Zeit nehmen, wie nötig war. Dass wir mal gemeinsam spazieren gehen können, mag ja noch gehen. Aber dann nicht dort. Und nur dann, wenn ein Besuch meiner Insel, mein Ort der Zuflucht, nicht möglich war. Diesen Platz will ich nicht teilen. Er gehört mir!, dachte ich.

Ich machte mir Tee und aß gedankenversunken ein Stück von dem Kuchen. Dann räumte ich alles weg, setzte mich an meinen Schreibtisch und schaltete den Computer an. Vor meinem inneren Auge tauchte plötzlich der BMW aus dem Wald auf. Neugier erfasste mich. Ich googelte BMW und klickte die Homepage von BMW an. Hier klickte ich im Menü auf das X und dann auf Konfigurator. Da war er: Himmel, der hat 355 PS unter der Haube. Will dieser Typ Rennen fahren?

Ich klickte weiter.

Wow! Stolzer Preis! Garantiert hat der auch noch paar zusätzliche Raffinessen. Das wird wohl den Preis noch in die Höhe getrieben haben.

Ich schüttelte den Kopf und sagte laut: »Angeber!« Trotzdem musste ich mir eingestehen, dass mir der Wagen gefiel. Sogar sehr gut gefiel. Man ist ja nicht verpflichtet zu rasen, wenn man so einen Wagen fährt. Na ja, was soll`s!

Ich machte mich nun bei, meine Mathestunden vorzubereiten. Dafür brauchte ich nicht lange, druckte das Geschriebene aus und verstaute es in meine Tasche. Ich erledigte noch ein paar häusliche Sachen, wie Wäsche zusammenlegen und Blumen gießen. Dann setzte ich mich auf die Couch und blätterte die Werbung durch. Nach einer Weile stand ich wieder auf und ging duschen. Ich zog mich gleich bettfertig an. Ich wollte ja nicht noch irgendwohin.

Und dann stand ich wieder im Wohnzimmer. Es war einfach noch zu früh, ins Bett zu gehen. Zum Fernsehen hatte ich eigentlich keine Lust. Es gab sowieso nichts Gescheites.

Obwohl, die Nachrichten müsste man sich ruhig mal wieder ansehen, dachte ich mir. Also ließ ich mich auf die Couch fallen, zog die Beine an, schaltete den Fernseher ein, suchte den richtigen Sender und wartete darauf, dass die Nachrichten kamen. Es lief gerade wieder so eine dämliche Soap. Die Leute fielen dort nacheinander immer wieder von einem Extrem ins andere. Langweilig! Ich machte den Ton etwas leiser und ließ meine Gedanken kreisen. Klar, dass sie in den Wald zu dem von mir eingebildeten Lachen wanderten. Ich versuchte für mich zu klären, ob ich es wirklich gehört hatte oder ob es nur eine Sinnestäuschung war. Das Ergebnis war miserabel, denn ich kam zu keinem vernünftigen Schluss. Wieder einmal sagte ich mir: Das kommt davon, wenn man so viel von dem Zeug liest, was du gerade wieder am Wickel hast.

Endlich kamen die Nachrichten. Es gab nichts Weltbewegendes in Wirtschaft und Politik. Der Wetterbericht kündigte für den nächsten Tag an, was an diesen Sonntag schon hätte eintreffen sollen. Gut, dass es nicht so gekommen war. Morgen war laut Kalender Herbstanfang. Das Wetter stellte sich bereits darauf ein. Jetzt begannen die Jahreszeiten, die mich einschränkten. Das machte mich traurig. Ich nahm die Fernbedienung und schaltete den Fernseher aus. Langsam ging ich die Treppe hinauf und trabte ins Bad. Dort schaute ich in den Spiegel und starrte mich an. So stand ich eine Weile da. Dann fing ich an, schief zu grinsen und steckte mir selbst die Zunge aus. Was ich dort im Spiegel sah, stellte mich noch einigermaßen zufrieden. Ich hatte trotz einer Gewichtsabnahme von über zehn Kilogramm eine glatte Haut. Ich konnte wieder Größe 38 tragen, was mich innerlich sehr befriedigte. Alles war noch am rechten Fleck, und so sollte es auch noch lange, lange bleiben.

Ich putzte mir die Zähne, kämmte noch einmal mein blondes schulterlanges Haar und ging dann ins Bett. An diesem Abend erlaubte ich es mir, noch ein paar Seiten zu lesen. Als ich schläfrig wurde, legte ich das Buch beiseite und machte das Licht aus. Schnell fiel ich in den Schlaf und träumte wieder diesen Traum. Doch diesmal hörte ich auch das leise amüsierte Lachen, das von der gegenüberliegenden Seite der Lichtung herüberklang, in der das Reh und der Schatten im Wald verschwunden waren. Doch es ärgerte mich nicht. Ich freute mich sogar darüber. Traumlos schlief ich weiter, bis der Wecker am Montagmorgen klingelte.

Ich öffnete die Augen und bekam gleich schlechte Laune, als mein Blick zum Fenster wanderte. Es zeigte sich mir ein grauer Himmel mit tiefhängenden Wolken. Das bedeutete Regen.

»So ein Mist! Herbstanfang – passt ja!«, maulte ich und ging ins Bad. Ich zog mir meine dunkelgrüne Bluse über und die Jeans an. Kessy bekam ihr Futter und noch eine Streicheleinheit. Dann ging ich wieder in die Küche, um eine Kleinigkeit zu essen.

Dann schnappte ich mir meine Jacke, schlüpfte in meine Ballerinas und machte mich mit dem Wagen auf zur Schule, die sich circa zwanzig Kilometer von meinem Wohnort entfernt in einer weiteren Kleinstadt befand. Diese Schule ist ein über hundert Jahre altes Backsteingebäude, vor dem sich praktischer Weise gleich ein Parkplatz für das Lehrerkollegium befand.

Ich war an diesem Morgen wieder einmal die Erste, die dort eintraf.

Mal sehen, was uns diese Woche bringt, dachte ich und öffnete die große Eingangstür. Ich ging gleich in mein Büro. Dort setzte ich mich an meinen Schreibtisch und schaute aus dem Fenster. Es hatte gerade an zu regnen angefangen. Ich seufzte, denn ich hatte mir gewünscht, dass sich die Sonne durchkämpfen würde. Diesmal traf die Wettervorhersage hundertprozentig zu.

Nun konzentrierte ich mich auf den Schreibkram, der bewältigt werden musste. Dafür hatte ich zwei Stunden Zeit. Erst dann würde ich die Mathestunden in den beiden zweiten Klassen geben.

Der Tag lief ereignislos ab. Es regnete sich ein, sodass der Spaziergang ausfiel.

Am nächsten Morgen kam mir Peggy bereits im Flur entgegengelaufen. Sie war diesmal die Erste. Peggy war eine jüngere Kollegin von dreißig Jahren, schlank, mit blonden, kurzgeschnittenen Haaren, die sie etwas wuschelig stylte. Das stand ihr außerordentlich gut und ließ sie jugendlich aussehen. Sie leitete eine zweite Klasse, in der ich selbst Mathematik unterrichtete. Bei den Kindern war sie sehr beliebt. Man sah ihr an, dass sie aufgeregt war.

Ich stöhnte innerlich auf. Das sah nach Problemen aus. Sie hielt einen Brief in der Hand, mit dem sie umher wedelte.

»Tina, ich habe die Zusage«, rief sie schon von Weitem.

Sag ich doch. Probleme, dachte ich nur und seufzte innerlich.

Peggy hatte sich für ein Hilfsprojekt in Afrika mit ihrem Freund beworben. Mit dem neuen Jahr sollten sie dort beginnen und für mindestens drei Jahre bleiben. Vorher mussten sie aber noch zu einem Kurs, der zwei Monate dauern sollte. Das wurde ihnen in diesem Brief mitgeteilt, den ich bereits überflogen hatte, bis wir beide das Büro betraten.

Also wird mir diese Kollegin ab dem 1. November fehlen. Toll! Und wo kriege ich jetzt einen Ersatz her?, sinnierte ich.

»Setz dich bitte!«, forderte ich sie auf und musterte sie. Ihr stand die Freude im Gesicht geschrieben. Also versuchte ich mich mit ihr zu freuen. Das Schauspielern fiel mir hier nicht so schwer, da ich es in letzter Zeit oft praktizierte. Reiner Selbstschutz!

»Na, Peggy! Das ist ja eine Überraschung. Ich freue mich für euch, dass es geklappt hat. Du bist ja ganz aus dem Häuschen.«

Sie strahlte über das ganze Gesicht und ich fing an, sie etwas zu beneiden. Diese überschwängliche Freude, die es für mich schon eine Weile nicht mehr gab. Und sie würde in einer Gegend arbeiten, wo es warm war und es viel Sonne gab. Ich seufzte und schaute sie an. Peggy sah mir an, dass etwas in meinem Kopf vor sich ging.

»Tina, nun musst du ja doch einen Ersatz für mich finden. Es tut mir leid!«

»Tja«, antwortete ich. »Das werde ich wohl müssen. Aber darüber mach dir mal keine Gedanken! Das werde ich schon hinkriegen – hoffe ich! Du musst die Eltern informieren, und bereite die Kinder deiner Klasse langsam auf dein Weggehen vor! Du weißt, dass sie dich lieben. Erzähl ihnen, was du da machen wirst und wie es dort aussieht! Na, du weißt schon …« Peggy nickte und verließ dann das Büro.

Klasse!, dachte ich. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass Peggy den Zuschlag erhalten würde. Nun hatte ich wirklich ein Problem. Wo bekam ich so schnell einen Ersatz her? Ich nahm mir das Telefon und rief meine Chefin im Schulamt an. Sie nahm auch gleich ab und ich schilderte das Problem. Sie hatte die Kopie des Schreibens seit dem Morgen auch auf dem Tisch und meinte, dass sie sich um einen Ersatz kümmern wollte. Wie schnell es ging und ob es zum November klappte, konnte sie mir aber nicht versprechen. Als ich den Hörer auflegte, sagte ich laut zu mir: »Na, das kann ja heiter werden!«

Es hatte aufgehört zu regen, als ich nach Hause kam. Ich zog mich um und sah die Post durch. Nichts Wichtiges, viel Werbung. Meine Gedanken hingen noch in der Schule, als ich meinen Tee trank. Ich schaute aus dem Fenster. Kein Sonnenstrahl zeigte sich. Egal! Ich griff mir meine Regenjacke und zog meine Stiefel an. Dann lief ich auf den Hof, um Kessy zu holen. Wir fuhren in den Wald. Spazieren gehen konnte ich ja trotzdem, aber auf der Lichtung träumen, fiel mit Sicherheit aus. Ich parkte den Wagen wieder an der gewohnten Stelle, ließ Kessy raus und wir spazierten los. Als wir zurückkamen, traute ich meinen Augen nicht. Ich sah ihn bereits von Weitem. Da stand wieder dieser glänzend schwarze BMW.

Wieso steht der schon wieder da?

Als wir bei den Fahrzeugen ankamen, sah ich, dass er wieder viel zu dicht an meinem stand. Ich konnte es nicht fassen.

So bekloppt kann man doch nicht sein oder will der Typ mich ärgern?

Unschlüssig stand ich nun da. In meiner aufsteigenden Wut wäre ich am liebsten in meinen Wagen gestiegen und hätte ihn gerammt. Kurz entschlossen stapfte ich in Richtung meiner Lichtung. Ich hoffte, wenn ich von dort wieder zurück sein würde, wäre er vielleicht weg. Kessy trottete brav neben mir her. Dann standen wir beide auf der Lichtung. Ich schaute mich um. Langsam schloss ich die Augen und atmete tief ein. Die feuchte Luft vom Regen ließ bereits einen Duft des Herbstes zu. Dies würde sich in den nächsten Wochen verstärken, wenn sich das Laub weiter färbte und dann zu Boden fiel. Wie ruhig es doch hier war. Nur ein paar Vögel zwitscherten ab und zu. Dann war wieder alles still.

Da war es plötzlich wieder – das Gefühl, dass Blicke auf mir ruhen würden. Ich stand ganz still, öffnete nur leicht meine Augen und tastete so das Gelände und dessen Rand ab. Nichts! Urplötzlich wehte ein kalter Windhauch an meinen Rücken entlang, der meine Haare nach vorn schob. Mit diesem Hauch hörte ich auch ganz leise ein amüsiertes Lachen. Dieses Lachen, das ich nun schon zum dritten Mal hörte. Ich konzentrierte mich ganz auf das Geschehen. Ruckartig drehte ich mich um und schaute aufmerksam nach links und rechts und sah dabei – nur für einen Bruchteil einer Sekunde – einen schnellen grauen Schatten im Wald verschwinden. Auch Kessy reagierte, die ruhig neben mir gesessen hatte. Sie sprang auf und fing wieder an zu knurren.

Spätestens jetzt sollte ich doch vor Angst wieder zurück zum Wagen laufen. Nein – ich stand da wie angewurzelt und dachte angestrengt über dieses Phänomen nach. Kessy knurrte immer noch. Ihre Nackenhaare hatten sich hochgestellt. Wenn mir jetzt jemand zu nahe gekommen wäre, den hätte sie nicht ungeschoren davonkommen lassen.

Ich war immer noch in meinen Grübeleien versunken, sodass ich es gar nicht bemerkt habe, dass es wieder leicht angefangen hatte zu regnen. Ich schob mir meine Kapuze über den Kopf. »Komm Kessy! Bevor wir hier noch ordentlich nass werden. Wir fahren nach Hause. Hier passiert ja doch nichts mehr.« Ich sollte aber nicht recht behalten. Kessy blieb wachsam. Sie tänzelte unruhig neben mir her. Leise sprach ich auf sie ein, damit sie mich nicht plötzlich doch noch durch den Wald schleifen würde. Denn, wenn dieser Hund Anlauf nimmt und man nicht darauf eingestellt war, könnte das ziemlich unangenehm und auch schmerzlich werden.

So gingen wir ein Stück in Richtung Wagen. Doch dann blieb ich stehen und befahl dem Hund, sich zu setzen. Ich schaute in die Runde, sogar in die Baumkronen, weil ich wieder diesen Blick spürte, der mittlerweile so intensiv war, dass es mich fröstelte. Kessys Knurren wurde lauter und drohender. Wieder spürte ich so urplötzlich, genau wie auf der Lichtung, einen kalten Windhauch im Rücken. Doch diesmal fehlte dieses Lachen. Dadurch, dass ich die Kapuze wegen dem Regen aufgesetzt hatte, flogen mir meine Haare nicht ins Gesicht. So konnte ich beim Umdrehen schneller beobachten, wie ein grauer Schatten mit einer Schnelligkeit, die eigentlich unfassbar war, hinter einer besonders dicken Buche verschwand.

»Was soll dieses Versteckspiel? Wer bist du? Was willst du von mir? Warum zeigst du dich nicht?«, rief ich in den Wald hinein.

Kindergartenspiele, dachte ich noch verärgert. Ich ging mit schnellen Schritten in Richtung der Buche. Dorthin, wo der Schatten verschwunden war. Kessy beäugte mich wieder, lief aber artig neben mir her.

Einmal stolperte ich über einen heruntergefallenen Ast, weil ich konzentriert die Umgebung der besagten Buche beobachtete.

»Autsch! So ein Mist!«, fluchte ich, stand schnell wieder auf und ging zielstrebig weiter. Endlich war ich bei der Buche angelangt, ohne dass sich etwas Auffälliges gezeigt hatte. Ich umkreiste den Baum, schaute auch in seine Krone – nichts. Ich war so verärgert, so frustriert, dass sich Tränen in meinen Augen sammelten. Am Baum gelehnt, versuchte ich wieder meine Fassung zu finden und schloss die Lider. Dabei liefen mir die Tränen über die Wangen, die ich mit meinem Ärmel wegwischte.

»Nicht weinen!«, hörte ich plötzlich eine Stimme flüstern, die mich zu streicheln schien. Mir wurde ganz flau im Magen. Ich konnte mich nicht bewegen. Ich wollte mich auch nicht bewegen. Ich wollte dieses Flüstern, das eindeutig männlich war, noch einmal hören.

»Warum zeigst du dich nicht? Was soll dieses Versteckspiel?«, flüsterte ich zurück, in der Hoffnung, dass man mir antworten würde. Ich wartete. Dann endlich.

»So viele Fragen«, hörte ich, und sie entschwand mit einem leisen Lachen. Ich hatte immer noch die Augen geschlossen und war ganz in Gedanken versunken. Ich hatte eben etwas erlebt, was gar nicht sein konnte, was es nicht geben konnte. Realistisch gesehen – unmöglich! Aber ich wollte nicht realistisch sein. Wozu auch? Es nahm mich gefangen und – ich wünschte mir mehr davon.

Kessy stupste mich mit ihrer Schnauze an und holte mich aus meiner Versunkenheit zurück. Sie hatte die ganze Zeit still bei mir gesessen. Ich legte die Stirn in Falten. Das war schon merkwürdig, dass sie diesmal nicht geknurrt hatte. Aber darüber wollte ich mir nicht den Kopf zerbrechen.

Jetzt erst merkte ich, dass es heftiger regnete. So gingen wir mit schnellen Schritten zum Auto. Diesmal achtete ich darauf, wo ich hintrat. Als wir beide auf den Waldweg trafen, sah ich, dass der BMW weg war. So blieb mir eine weitere Schimpfkanonade erspart.

Auch an diesem Abend ging ich zeitig ins Bett und las noch ein paar Seiten. Da ich aber merkte, dass ich mich nicht auf den Inhalt konzentrieren konnte, legte ich das Buch zur Seite. Meine Gedanken kreisten immer noch um das Erlebte vom Nachmittag. Ich hoffte, dass es davon noch viele weitere Kapitel dazu geben würde. Mit diesem Wunsch schlief ich ein, aber es wurde eine unruhige Nacht.

Allein stand ich auf meiner Lichtung. Es war ein trüber Tag. Plötzlich sprang ein Reh auf die noch grüne Wiese und blieb ein paar Meter vor mir stehen. Mit seinen großen, dunkelbraunen Augen sah es mich ängstlich an. Ich wollte ihm sagen, dass es vor mir keine Angst haben müsste. Aber es drehte sich um, hetzte über die Lichtung und verschwand im Wald. Doch wie aus dem Nichts streifte mich ein eiskalter Windhauch, der mich frösteln ließ. Ich sah, wie ein schneller, grauer Schatten kurz über dem Boden in die Richtung flog, in der das Reh gelaufen war. Ich war starr vor Schreck, konnte mich nicht rühren. Dann hörte ich das ängstliche Weinen des Rehs. Nein, nein, nein! Ich wollte es nicht hören. Ich hielt mir die Ohren zu und kniff die Augen zusammen. Abrupt war es auf einmal still. Ich fühlte innerlich, dass dem Reh etwas zugestoßen war. Mir liefen die Tränen über die Wangen.

Jemand flüsterte mir ganz in meiner Nähe zärtlich, aber auch traurig zu: »Nicht weinen! Es ist notwendig.«

»Warum?«, fragte ich flüsternd zurück.

»So viele Fragen«, war die Antwort, und die Stimme entfernte sich mit einem traurigen Lachen.

»Geh nicht!«, rief ich. Doch ich bekam keine Antwort mehr.

Ich wurde wach und spürte, dass meine Wangen nass waren. Ich drehte mich auf die Seite, kuschelte mich wieder ein und hörte noch beim Einschlafen das leise Klopfen von Regentropfen an der Fensterscheibe. Dann riss mich der Wecker unsanft aus dem Schlaf.

An den nächsten Tagen regnete es gerade immer an den Nachmittagen, sodass ich auf meine Spaziergänge mit Kessy verzichten musste. Das passte mir gar nicht, denn ich sehnte mich danach, die flüsternde Stimme und das leise Lachen wieder zu hören. Allmählich machte sich Frustration in mir breit. Ich musste mich ablenken. Also verbrachte ich einen Nachmittag bei meinen Eltern, die sich freuten, dass ich vorbeischaute. Zu meinem Unglück musste ich mir wieder anhören, wie dünn ich doch geworden war und ob ich nicht genug essen würde. Ich wäre ihnen auch zu blass. Vielleicht wäre ich auch krank und sollte mal zum Arzt gehen.

Ich versicherte ihnen, dass alles in Ordnung war und sie sich keine Gedanken machen müssten. Mit der Ausrede, dass ich noch etwas für die Schule machen musste, fuhr ich dann nach Hause. Meine Tochter rief mich auch an und erkundigte sich, ob alles in Ordnung sei. Bei meinem Sohn tat ich dies lieber selbst, da er sich damit immer etwas schwertat, mich zu fragen, ob es mir gut geht. Abends las ich meist im Bett noch ein paar Seiten und schlief traumlos, bis mich der Wecker wieder aus dem Schlaf riss.

Dann war endlich Freitag. Es hatte aufgehört zu regnen. Aber der Himmel war immer noch verhangen. Doch ich war optimistisch. Als ich nach Hause kam, zog ich mir einen warmen Rollkragenpullover und eine andere Jeans an, die für die Schule nicht mehr gut genug war. Ich zog meine Laufschuhe an und riss die Regenjacke vom Haken. Ich hatte am Donnerstag schon für das Wochenende eingekauft, was ich sonst immer freitags tat. Gut, dass ich mich so entschieden hatte. Es hatte gestern den ganzen Tag geregnet. Jetzt tat es dies gerade nicht.

Ungeduldig setzte ich mich ins Auto und fuhr zusammen mit dem Hund los.

Meine Gedanken fingen wieder an zu kreisen. Ob ich das Flüstern wohl wieder hören würde? Oder das Lachen? Ich hoffte es so. Ich musste verrückt sein. Wer weiß, wer das war. Vielleicht ein armer Irrer, der aus einer Anstalt entlaufen war. Doch, wenn er mir etwas antun wollte, hätte er es bereits schon getan. So lange wartet kein Mensch, besonders kein Verrückter. So lange, wie ich mich schon beobachtet fühlte. Dieser wunderbaren Flüsterstimme konnte ich nicht widerstehen. Sie wurde für mich zu einem Magneten, der mich auf einer sonderbaren und unerklärlichen Weise anzog. Ich konnte und wollte mich nicht dagegen wehren.

Ich stellte den Nissan wieder an meine gewohnte Stelle ab und ließ Kessy herausspringen. Dann gingen wir los. Diesmal liefen wir mehr, als das wir spazierten. Auch das war der Hündin recht, denn sie passte sich immer meinem Tempo an. Ich hatte es schon erwartet, dass das große schwarze Fahrzeug hinter meinem Nissan parken würde, wenn wir dort von unserer Runde wieder eintrafen. Ich fasste auf die Motorhaube. Sie war noch warm. Also war der Fahrer noch nicht lange hier. Ich hielt ihn für einen Jogger. Dass der zum Pilzsammeln kam, das passte nicht. Ich konnte mir das einfach nicht vorstellen. Er nutzte wahrscheinlich auch die Gunst der Stunde, dass es gerade mal nicht regnete. Zu meiner Zufriedenheit stellte ich auch fest, dass er diesmal seinen Wagen mit einem genügenden Abstand zu meinen geparkt hatte.

»Geht doch!«, sprach ich laut aus und zu Kessy gewandt, »Komm Kessy! Wir gehen noch einmal zur Lichtung! Ich möchte noch etwas hören.« Unterwegs spürte ich wieder intensive Blicke auf mich gerichtet. Ich schaute mich ständig um, um irgendetwas zu entdecken. »Hallo«, flüsterte plötzlich die Stimme. Mein Herz setzte kurz aus und begann dann wild zu hüpfen. Wie hatte ich doch darauf gewartet, sie endlich wieder zu hören. Ich hauchte zurück: »Hallo« und blieb stehen, doch er flüsterte mir zu: »Geh bitte weiter!«

»Hm«, machte ich. Ich war irritiert, erstaunt, aber auch freudig erregt. Zu viele Gefühle auf einmal. Verwirrend. Die Stimme redete mit mir. Flüsternd, aber sie war da. Ich hörte sie und bildete mir das nicht nur ein. Ich fühlte mich nach langer Zeit freudig erregt. Keine Leere war zu spüren. Es tat nichts weh. Aber es war da auch ein winziges Stück Angst vor der Ungewissheit, was mich erwarten würde.

Ich ging weiter und kam endlich bei der Lichtung an. Kessy spitzte zwar die Ohren, aber sie verhielt sich erstaunlicher Weise ruhig. Ich ging ein Stück weiter. Dann blieb ich stehen und schaute mich um. Ich stellte fest, dass nun das Laub der Bäume anfing, sich zu färben. »Schließ bitte deine Augen!«, flüsterte er.

»Was?«, rief ich nun doch erschrocken aus. Er lachte leise und fragte belustigend: »Hast du Angst?«

»Nein«, antwortete ich, so sicher ich konnte, denn meine Stimme zitterte etwas.

»Das solltest du aber. Du weißt nicht, wer ich bin.«

»Mag sein, aber du beobachtest mich nun schon so lange.« Ich zuckte mit den Schultern. Ein leises Lachen war zu hören, das sich aber nicht belustigend anhörte.

»Bitte, schließ deine Augen! Öffne sie nicht, bis ich es sage!«, flüsterte er mir zu. Ich hatte wieder das Gefühl, dass mich seine Stimme streicheln würde. Es war so angenehm, dieses Gefühl. Ich atmete tief ein und schloss meine Augen. Der Hund rührte sich auch nicht. Darüber hatte ich jedoch jetzt keine Lust nachzudenken, denn ich war so angespannt.

Was wird jetzt passieren?, fragte ich mich. Ich war so heftig von einer nervösen Unruhe erfasst, aber ich versuchte, sie so gut wie möglich zu unterdrücken.

Plötzlich spürte ich wieder diesen kalten Windstoß, der abrupt vor mir stoppte. Ich spürte, dass meine Knie zu zittern anfingen. So nervös war ich. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Ich wollte meine Augen öffnen. Ich wollte sehen, was geschieht. Doch er, mit seiner samtenen Stimme, hatte mich gebeten, es nicht zu tun. Ich vertraute ihm aus irgendeinem Grund, den ich nicht verstand. Also riss ich mich zusammen und gehorchte. Leise hörte ich es rascheln. Dann spürte ich einen zweiten kalten Hauch. Ich fühlte, dass dieser sich von mir weg zog. Enttäuschung machte sich in mir breit. Dieses Gefühl musste sich in meinem Gesicht widergespiegelt haben. Er lachte dieses leise amüsierte Lachen.

»Du kannst die Augen jetzt öffnen, wenn du magst.«

Was würde ich jetzt zu sehen bekommen? Ich zitterte vor Aufregung und dem winzigen Funken Angst.

Wenn ich jetzt nicht die Augen öffne, falle ich um, dachte ich. Das wollte ich auf keinen Fall riskieren. Langsam öffnete ich die Augen und was ich sah, verschlug mir doch die Sprache. Aufregung und Angst waren wie weggeblasen. Ich betrachtete das vor mir Liegende, was auf einer kleinen improvisierten Staffelei aus Zweigen stand. Langsam setzte ich mich in die Hocke und betrachtete das Porträt eines Rehs. Es war so echt und natürlich gemalt worden, dass es mich beinahe glauben ließ, dass dieses Tier mich mit seinen dunklen Augen ängstlich ansah und jeden Moment flüchten würde. Das Bild war so groß, dass der Kopf des Rehs in originaler Größe umgeben von Blättern eines Busches abgebildet war. Der Rahmen war schlicht aus unebenen hellbraun gebeizten Leisten gemacht worden. Das ganze Bild war einfach wunderschön. Ich konnte den Blick nicht von ihm lösen. Besonders die Augen mit den feinen dunklen Wimpernkränzen hatten es mir angetan. Es war so perfekt, dass ich nicht mehr sagen kann, wie lange ich dagestanden und das vor mir liegende Bild angestarrt hatte.

»Es scheint dir zu gefallen«, hörte ich ihn flüstern.

»Es ist wunderschön«, murmelte ich.

»Ich glaube zu wissen, dass du dieses Tier besonders gern magst.«

»Hm mm. Aber woher?«

Es dauerte eine Weile, bis ich eine Antwort bekam. Es war ein raues Flüstern, das zu mir herüberklang.

»Bei diesem Tier versucht du genauer hinzusehen, wenn du es beobachten kannst. Du hast dann immer so einen besonderen Ausdruck in deinen Augen.«

»Wer hat das gemalt?«, fragte ich neugierig. Ich glaubte zu wissen, dass er es war.

»Da ist jemand neugierig«, lachte er leise. Das war mir Antwort genug.

»Wer bist du? Warum zeigst du dich nicht?«, fragte ich dafür.

»Alles zu seiner Zeit«, flüsterte er ernst, aber samtweich. Ich hatte wieder das Gefühl gestreichelt zu werden. Ich war gerade glücklich, so, wie seit Langem nicht mehr. Das war ein schönes Gefühl. Mein Herz schlug wie wild. Hoffentlich wurde dies von ihm nicht bemerkt. Bei dem Gedanken wurde mir heiß und ich merkte, wie mir die Röte ins Gesicht schoss. Ich stöhnte leise auf und dachte: Himmel, du bist doch kein Teenager mehr!

»Das steht dir gut.« Das klang nun eindeutig amüsiert, was mir noch mehr Farbe verlieh.

Klasse!, dachte ich. Das kann ja noch interessant werden. 

»Es ist deins. Vielleicht findest du einen Platz in deinem Haus, wo du es hinhängen kannst.« Ich hörte dann nur noch sein leises Kichern, was sich schnell entfernte. Ich wusste bereits, dass es nichts nutzen würde, ihn zum Bleiben zu bewegen und sagte einfach in die Stille hinein: »Danke.«

Von dem Geschehen war ich so gefangen gewesen, dass ich es erst jetzt mitbekam, dass Kessy ganz brav etwa einen Meter von mir entfernt ganz ruhig dalag und mich von unten her anschaute. Ich ging zu ihr hin, setzte mich in die Hocke und kraulte sie hinterm Ohr.

»Brave Kessy«, sagte ich zu ihr. Ich war sicher, dass da jemand seine Stimme im Spiel hatte und lachte leise. Ich warf einen Blick auf das Bild. Dann nahm ich es und machte mich auf den Heimweg. Als wir beim Nissan ankamen, war der BMW weg. Das war mir egal. Ich war glücklich und freute mich schon auf den nächsten Tag.

Ich hatte ganz gut geschlafen und wieder von einem flüchtenden Reh, dann aber von der leisen Stimme und dem Lachen geträumt. Seit dem Aufstehen war ich von einer Unruhe und Spannung erfasst, die mich trieb. Doch ich musste mich zur Geduld zwingen. Was wollte ich jetzt schon im Wald? Ich konnte mich schließlich nicht den ganzen Tag dort aufhalten. Oder doch? Ich fühlte mich wie ein junges Mädchen vor ihrem ersten Rendezvous. Ich musste mich unbedingt ablenken. Noch im Schlafanzug kümmerte ich um die Wäsche, flitzte mit dem Staubsauger durch die Zimmer und wischte noch die gefliesten Räume. Dabei hörte ich mit meinem MP3-Player eine Klaviersonate von Schubert und andere Klavierstücke von Schumann. Eins davon war Träumerei. Das finde ich besonders schön, und es passte zu meiner Stimmung. Und – es beruhigte mich etwas … aber nur etwas. Als ich soweit alles fertig hatte, ging ich ins Bad, um zu duschen und meine Haare zu waschen. Ich föhnte meine Haare trocken und zog mir die Sachen an, die ich mir vorher schon bereitgelegt hatte. Einen leichten hellbraunen Pullover und schwarze Jeans. Dazu band ich mir ein kleines dunkelgrünes Tuch um den Hals. Ich schaute in den Spiegel. Was ich sah, stellte mich zufrieden. Ich lief in die Küche, um mir Frühstück zu machen.

Ich sah zur Uhr. Es war kurz vor elf. Dann schaute ich aus dem Fenster. Der Himmel hing voll von grauen Wolken, doch hin und wieder lugte die Sonne durch.

Es soll nur nicht regnen, wünschte ich mir. Ich räumte alles weg, dann zog ich mir meine leichte Jacke über, in der Hoffnung, dass es wirklich nicht regnen würde. Ich ließ Kessy in den Wagen springen und fuhr los. Während der Fahrt in den Wald dachte ich nach. Wieder stellte ich mir die Frage, ob die Stimme auch heute für mich da sein würde. Und was würde heute passieren? Würde er mich wieder überraschen? Ich verschwendete keinen Gedanken an Vorsicht oder Angst, obwohl ich das bestimmt sollte.

Wir gingen unsere gewohnte Runde. Ich ließ mir diesmal bewusst Zeit. Ich wollte nicht ungeduldig erscheinen. So hatte Kessy heute mehr Zeit zum Schnüffeln. Als wir zurückkamen, stand, wie sonst auch, der BMW hinter meinem Nissan. Und diesmal so dicht, dass ich nicht die Möglichkeit hatte, rückwärts auszuparken.

Ok!, befahl ich mir. Nicht aufregen. Vielleicht ist er nachher wieder weg. Und ich machte mich auf den Weg zur Lichtung. Als ich dort eintraf, schaute ich mich wie immer um. Kessy legte sich wieder zwei Schritte von mir entfernt hin und den Kopf auf ihre Vorderpfoten. Ich schüttelte verwundert den Kopf und dachte an Hirnwäsche oder so was Ähnliches. Dann schloss ich die Augen und wartete. Plötzlich hörte ich es leise flüstern, so dicht, als wenn jemand direkt hinter mir stehen würde.

»Hallo! Bitte lass deine Augen geschlossen.«

Ich zuckte vor Schreck zusammen und hauchte: »Hallo.« Ich musste die Augen gewaltsam zusammenkneifen, weil ich doch so gern sehen wollte, wer da mit mir redete. Doch ich ließ sie geschlossen, denn ich wollte nichts Falsches machen.

»Hm, du riechst gut«, hörte ich ihn sagen.

»Ähm, ja?«, stotterte ich verlegen. Wieder dieses amüsierte Lachen. Dann spürte ich einen leichten Windhauch und das Flüstern umfing mich wohlig.

»Nun kannst du deine Augen wieder öffnen.«

Ein paar Schritte vor mir stand, aus Zweigen und Blättern gezaubert, ein Kubus in der Größe eines kleinen Schuhkartons. Die Blätter waren wie Schuppen angeordnet. Auf dem Kubus befand sich noch etwas Dunkles, das wie ein Kästchen aussah. Ich machte zögerlich einen Schritt in die Richtung.

»Warte!«, flüsterte er plötzlich, sodass ich in meiner Bewegung erstarrte.

»Darf ich mir das nicht ansehen?«, fragte ich erschrocken. Jetzt war das Flüstern nicht mehr in meiner Nähe.

»Doch, aber ich möchte mich vorher von dir verabschieden.«

»Was?«, rief ich erschrocken aus. »Was … was soll das heißen?« Ich verkrampfte mich innerlich. Die Leere machte sich wieder schmerzhaft bemerkbar. Ich hatte plötzlich das Gefühl, als würde mein ganzer Körper schmerzen. Er wollte weg. Dabei wusste ich nicht einmal, wer er war. Ich fühlte, dass da etwas war, ein uns verbindendes Band, das nun zerrissen werden würde. Ich wollte doch noch so viel über ihn erfahren. Ich wollte nicht glauben, dass ich nun wieder allein sein würde. Und ich würde niemals mehr sein samtiges Flüstern hören. Das konnte nicht sein. Das durfte nicht sein.

»Schließ bitte noch einmal deine Augen!«, hörte ich es von Weitem flüstern. Traurig und innerlich zerstört, schloss ich sie und verspürte dann einen leichten kühlen Hauch. Ganz dicht neben mir vernahm ich nun sein Flüstern.

»Ich wollte nicht, dass du hier vergebens wartest.«

»Wirst du lange wegbleiben?«, fragte ich mit einem Fünkchen Hoffnung.

»Das kann ich dir nicht sagen.« Es hörte sich gequält an. Fiel es ihm etwa auch schwer zu gehen. Warum wollte er es denn nur tun? Ich stöhnte. Warum erhielt ich nie eine richtige Antwort? Zögerlich fragte ich noch einmal: »Wie lange wirst du weg sein?«

»Geduld. Du wirst es wissen, wenn ich wieder da bin«, antwortete er so leise, dass ich es kaum verstand. Hoffnung stieg in mir wieder auf.

»Wirst du dann dich mir zeigen?«

»Vielleicht?«

»Sag mir wenigstens, wie du heißt!« Dann hätte ich noch etwas gehabt, woran ich mich festhalten könnte.

»Das wirst du vielleicht noch früh genug erfahren.« Jetzt klang sein Flüstern bereits wieder amüsiert. Doch ich war enttäuscht. Konnte er das nicht sehen?

»Geh und sieh dir mein Geschenk für dich an!«, befahl es mir auf einmal. Jetzt hörte es sich beinahe ungehalten an. Ich ging zu dem Kästchen und nahm es in die Hand. Es war eine schmale Schatulle aus Mahagoni mit feinen Schnitzereien. Vorsichtig öffnete ich sie und starrte völlig entgeistert den Inhalt an. In ihr lag ein Kristall in der Form einer Träne circa zwei Zentimeter lang. Er bestand aus unzählig vielen geschliffenen winzig kleinen Facetten, die in der Sonne wie Diamanten strahlen und funkeln würden. Er war wunderschön. Ich nahm ihn in die Hand. Dabei zog ich noch eine Kette mit hoch, die an dem Kristall befestigt war. Eine goldene Kette. Ich hielt die Kette mit dem Kristall hoch, um sie zu betrachten.

»Gefällt sie dir?« Er war dicht hinter mir. Ich hätte mich gern zu ihm umgedreht, tat es aber nicht, weil ich spürte, dass er das nicht wollte.

»Sie ist wunderschön. Aber …«, murmelte ich. Nein. Das konnte ich nicht annehmen. Er unterbrach mich fast ungeduldig: »Was aber?«

Ich wollte meine Bedenken äußern, doch ich hörte ihn bereits wieder flüstern. Diesmal bittend, ja, schon zärtlich. »Bitte! Ich möchte, dass du sie trägst. Tu mir diesen Gefallen!«

Wie sollte ich da widersprechen? Nein, das konnte ich nicht. Ich wollte doch, dass er wieder kam.

»Darf ich sie dir anlegen?«, fragte er. Nun glaubte ich doch, mich verhört zu haben.

Wie will er das anstellen, ohne dass er sich mir zeigt?, fragte ich mich. Wieder dieses Lachen. Er muss gespürt haben, was ich gedacht hatte.