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17. Jahrhundert – der Aberglaube ist besonders im Norden Norwegens verbreitet. Hexen werden auf eine irrsinnige und grausame Art und Weise verfolgt. Zu dieser Zeit lebt in einem Dorf nahe der Festung Vardøhus Thorben mit seiner Schwester Boudicca. Thorben fährt als Pirat zur See, sodass Boudicca viel allein ist. Olsson, ein Oberst der Festung hat ein Auge auf das junge Mädchen geworfen, aber sie weist diesen verhassten Mann ab. Nun will er sie erst recht besitzen. Als er Boudicca in einer Höhle, in der sie sich vor ihm versteckt hält, aufspürt und behauptet, sie sei eine Hexe, beginnt für sie ein Martyrium, das mit ihrem Tod auf dem Scheiterhaufen endet.
Thorben hat jetzt nur noch ein Ziel – Rache. Doch dann gerät das Piratenschiff, auf dem er sich befindet, in einen heftigen Seesturm. Das Schicksal schlägt zu, und für Thorben ändert sich alles …
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Rowena Crane
Die Geschöpfe der Finsternis
Blutstropfen
Eine Vampir-Saga
Band 10:
Dark Pirate –über den Tod hinaus
Neuausgabe
Copyright © by Authors/Bärenklau Exklusiv
Cover: © by Sofia Steinbeck nach Motiven, 2025
Korrektorat: Katharina Schmidt
Verlag: Bärenklau Exklusiv. Jörg Martin Munsonius (Verleger), Koalabärweg 2, 16727 Bärenklau. Kerstin Peschel (Verlegerin), Am Wald 67, 14656 Brieselang
www.baerenklauexklusiv.de / info.baerenklauexklusiv.de
Die Handlungen dieser Geschichte sind frei erfunden sowie die Namen der Protagonisten und Firmen. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig und nicht gewollt.
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Inhaltsverzeichnis
Impressum
Das Buch
Die Geschöpfe der Finsternis
Blutstropfen
Dark Pirate – über den Tod hinaus
Vorwort
Prolog
1. Boudicca
2. Der Sturm
3. Gerettet
4. Rache
5. Wera
6. Unrast
7. Wunder
Von Rowena Crane sind weiterhin erhältlich:
17. Jahrhundert – der Aberglaube ist besonders im Norden Norwegens verbreitet. Hexen werden auf eine irrsinnige und grausame Art und Weise verfolgt. Zu dieser Zeit lebt in einem Dorf nahe der Festung Vardøhus Thorben mit seiner Schwester Boudicca. Thorben fährt als Pirat zur See, sodass Boudicca viel allein ist. Olsson, ein Oberst der Festung hat ein Auge auf das junge Mädchen geworfen, aber sie weist diesen verhassten Mann ab. Nun will er sie erst recht besitzen. Als er Boudicca in einer Höhle, in der sie sich vor ihm versteckt hält, aufspürt und behauptet, sie sei eine Hexe, beginnt für sie ein Martyrium, das mit ihrem Tod auf dem Scheiterhaufen endet.
Thorben hat jetzt nur noch ein Ziel – Rache. Doch dann gerät das Piratenschiff, auf dem er sich befindet, in einen heftigen Seesturm. Das Schicksal schlägt zu, und für Thorben ändert sich alles …
***
Eine Vampir-Saga, Band 10:
Ich bin davon überzeugt,
dass nicht alles einen besonderen Sinn haben muss.
Ich bin davon überzeugt,
dass man nicht alles mit dem Verstand machen muss.
Ich bin davon überzeugt,
dass man auch auf sein Herz hören muss.
Ich bin davon überzeugt,
dass man an seine Träume glauben muss.
Ich bin davon überzeugt,
dass es Wunder auf dieser Erde gibt.
Ich glaube an Wunder,
auch wenn für die meisten wohl der Zufall verantwortlich ist.
Ich glaube an Wunder –
also warte ich geduldig,
denn manche Wunder dauern eben etwas länger!
17. Jahrhundert – der Aberglaube war besonders im Norden Norwegens verbreitet. Hier verfolgte man Hexen auf eine irrsinnige und grausame Art und Weise. Die Zeit war schwer, denn die Wirtschaft bewegte sich nicht zum Positiven. Über Jahre herrschte eine kalte Witterung vor, und die Fischgründe blieben leer. Unter den Menschen wuchs die Angst, weil sie sich dies nicht erklären konnten. Und so schufen sie sich selbst die Antwort auf das Unheil: Eine heimliche Armee des Teufels treibe ihr Unwesen und mache aus sanften Winden Orkane und infiziere so die Menschen.
Daraufhin verfügte der König von Dänemark und Norwegen, dass die Finnmark von unheiligen Personen zu säubern ist.
Da gab es einen Schotten namens John Cunningham. Er war der Festungskommandeur von Vardøhus. In ihm fand der König den Mann, der keinerlei Skrupel hatte, Menschen auf das Bestialischste zu foltern und sie dann dem Tod zu übergeben. Dieser Mann machte nicht einmal vor Kinder Halt.
Für das alles zeigte Thorben noch kein besonderes Interesse. Wie auch, denn er weilte selten in seinem Dorf. Wenn es seine Schwester dort nicht gegeben hätte, wäre er wohl gar nicht mehr dorthin zurückgekehrt.
Es war zu der Zeit, als es keine Majestäten gab, die über die Unsterblichen herrschten. Es war zu der Zeit, als die drei Clans in ihrem Gebiet regierten: der amerikanische Clan mit William, seiner Frau Clara und Andrew; der europäische Clan mit Silvius und Amatus; und dann der asiatische Clan, der auch schon zu der Zeit selten in Erscheinung trat, da er im Stillen agierte und sich kaum um die Interessen der anderen Clans kümmerte. Erst ein Jahrhundert später bekam der europäische Clan Zuwachs – Delia, Amatus` Gefährtin.
Dafür bekam der amerikanische Clan um William umso mehr Aufmerksamkeit, denn William war in seinen Entscheidungen schnell und radikal. Clara trug diese immer mit; manchmal war sie sogar die Schlimmere von beiden. Andrew jedoch war der Bedächtigere, der so manchen von ihrer Art vor dem wahren Tod bewahrte.
Der europäische Clan hingegen unterschied sich sehr von den beiden anderen. Die zwei Mitglieder versuchten gerecht zu sein und dem Delinquenten eine Chance zu geben, sich zu erklären, bevor ein Urteil gefällt wurde.
Aber was hatte sie dazu befähigt, diese Position eines Clanmitglieds einzunehmen?
Die Antwort ist einfach.
Jeder von ihnen war ein Telepath und hatte mindestens eine weitere Gabe, die sie jedoch versuchten, vor allen ihrer Art geheim zu halten. So sahen sie sich – fast immer – im Vorteil.
Jedoch hielten die meisten Unsterblichen sich an die Regeln und Gesetze, die ihnen auferlegt waren, denn sie wollten für sich selbst nicht herausfinden, welche Kräfte die Mitglieder des Clans eventuell noch hatten, denn Gerüchte kursierten viele.
In dieser Zeit wurde ein neuer Unsterblicher geschaffen – Thorben.
Thorben gehörte zu einer Gruppe von Männern, die sich zu der Zeit der Piraterie und dem Schmuggeln von verschiedenen Waren verschrieben hatten. Darunter waren schöne Stoffe, wertvoller Schmuck, Whisky und Mehl.
Es war gefährlich, auf See unterwegs zu sein, denn zu der Zeit gab es viele Piraten – und auch eine Menge an verschiedenen Formen der Piraterie. Wenn man Pech hatte und ein Schiff gekapert wurde, musste man damit rechnen, getötet oder in die Sklaverei geschickt zu werden.
Manchmal verfluchte Thorben das Leben auf dem Schiff, denn es war anstrengend. Oft verharrte er gemeinsam mit der Mannschaft lange Zeit auf dem Boot. Das Wetter war auch nicht immer ihr Freund, sodass die See rau wurde. Der Wind, der dann zu einem Sturm anwuchs, ließ die Männer so manches Mal zu ihrem Gott beten. Doch sie befanden sich auf einem robusten Schiff, von einem stämmigen Kapitän mit fester Hand geführt, das schon einige handfeste Stürme überstanden hatte.
Was Thorben ab und an störte, war das Schlafen unter Deck, eng aneinander gedrängt bei schlechter Luft. Unter ihrer Schlafstätte befand sich nämlich im Kielraum das Leckwasser, das einen unangenehmen Geruch verbreitete.
Ihr Kapitän Margon traf schnelle und gut überlegte Entscheidungen, und seine Mannschaft zollte ihm dafür Respekt und Gehorsam. Kam die Zeit für einen Überfall, war die Mannschaft gut eingespielt und reagierte schnell, um das fremde Schiff zu entern. Um dieses auch ausrauben zu können, mussten sie gegen die Besatzung kämpfen – und das ging nicht ohne Verletzungen und Tote zu, denn die Gegner kämpften hart, um ihr eigenes Leben und die Fracht, die sie geladen hatten, zu verteidigen.
Nach einem siegreichen Kampf jubelten die Männer, denn sie freuten sich auf die Aufteilung der Beute. Den größeren Teil von der gesamten Beute beanspruchte Margon für sich. Der große Rest wurde gerecht an die Männer aufgeteilt. Ja, wenn einer während des Kampfes verletzt wurde, dann erhielt der sogar noch einen Bonus.
Thorben hielt seine Beute immer zusammen, nicht wie viele andere, die bei einem Landgang sofort eine Kaschemme aufsuchten, um dort zu saufen und zu spielen. Nicht selten gaben sie dort gleich ihr ganzes Geld für Alkohol und Frauen aus, sodass innerhalb weniger Tage ihr gesamter Anteil von der Beute wieder verschwunden war. Thorben jedoch gönnte sich in dieser Zeit ein heißes Bad und endlich mal wieder eine vernünftige Mahlzeit, denn die Ernährung an Bord war nicht gerade abwechslungsreich.
Um für die nächste Reise wieder startklar zu sein, mussten auch wichtige Arbeiten und Reparaturen am Schiff durchgeführt werden sowie für neue Vorräte gesorgt werden. Dafür war Thorben zuständig. Er beaufsichtigte die Arbeiten und orderte die nötigen Lebensmittel.
Was allen wichtig war, dass sie ihre Musketen, Pistolen und Entermesser sauber und in Ordnung hielten. Bei einem Kampf mussten diese wieder einsatzbereit sein, denn davon konnte auch ihr eigenes Leben abhängig sein. Die Piraten verwendeten gern das Entermesser, weil es eine kurze aber breite Klinge hatte und damit sehr praktisch im Umgang bei einem Nahkampf war. Auch die Muskete nutzten die Piraten mit Vorliebe, denn ihr kurzer Lauf war vorteilhaft, da sich die Piraten ja beim Entern eines Schiffes in kurzer Distanz zu ihren Feinden befanden.
*
Jedes Mal, wenn Thorben von seiner Fahrt zurückkam, brachte er für seine jüngere Schwester Boudicca ein Geschenk mit. Sie freute sich sehr über seine Gaben, aber viel mehr freute sie sich darüber, dass ihr Bruder ohne größere Verletzungen wieder nach Hause gekommen war.
Auch hatte sie jeden Mal Angst, wenn er wieder fortging, dass man ihn gefangen nehmen könnte, denn die Strafe auf Piraterie war sehr hoch. Eine Verurteilung als Pirat bedeutete, dass man gehängt wurde. »Tanz am Hanfstrick« nannten es die Piraten. Eine derartige Hinrichtung veranstaltete man zumeist öffentlich. Nach der Vollstreckung ließ man die Gehängten oft noch lange hängen, was als Abschreckung dienen sollte.
Ungewollt wohnte Boudicca einer dieser Hinrichtung von vier Piraten bei. Wie erstarrt blickte sie auf die Galgen, an denen die gefesselten Männer jeder auf einem Hocker standen. Der Henker hatte ihnen schon den Strick um den Hals gelegt und die Schlinge festgezogen. Dann fielen sie nacheinander, indem man den Hocker unter ihren Füßen wegstieß.
Boudicca bildete sich ein, das Knacken zu hören, wie das Genick brach, als der erste Mann ruckartig nach unten sackte. Bei dem nächsten Piraten war es anders. Er war ein sehr stämmiger Kerl mit einem Nacken wie bei einem Stier. Seine Füße zappelten noch eine Weile, zeigten seinen Todeskampf. Sein Gesicht färbte sich dunkelrot, die Augen traten hervor. Doch dann öffnete sich etwas der Mund und seine Zunge schob sich ein Stück heraus. Zwischen seinen Beinen bildete sich auch noch ein großer nasser Fleck. Einer der Zuschauer schrie: »Pfui, jetzt hat sich der auch noch in die Hose geschissen!«, woraufhin andere in Gelächter ausbrachen.
Da hatte sich Boudicca von dem Geschehen abgewandt und sich eilig auf den Heimweg gemacht. Noch Tage danach hatte sie immer mit Furcht daran denken müssen, dass ihrem Bruder auch der »Tanz am Hanfstrick« gewiss war, wenn man ihn erwischte.
Die siebzehnjährige Boudicca war eine Schönheit, die den Männern nicht verborgen blieb. Sie war schlank, hatte Rundungen an den richtigen Stellen, eine helle Haut, wie es die meisten rothaarigen Menschen haben, strahlende grüne Augen und ein Gesicht wie ein Engel. Sie hatte einen aufrechten Gang, der ihren Stolz verriet, obwohl sie einfach gekleidet war. Nie legte sie eines der Schmuckstücke an, die Thorben ihr von seinen Reisen mitbrachte. Sie befürchtete, dass jemand diese vielleicht wiedererkennen oder sich fragen würde, woher sie diese hatte – ein einfaches Mädchen aus dem Dorf. Dann würde wohl auch sie am Strick hängen, als Diebin verurteilt. Und ihrem Bruder stand dann das gleiche Schicksal bevor.
Als Boudicca sich an diesem besagten Tag von der Hinrichtung entfernte, blieb das nicht unbemerkt. Ein Offizier der Festung von Vardøhus war auf sie aufmerksam geworden. Sofort reifte ihn ihm der Wunsch, dieses schöne Mädchen zu besitzen. Ein Grinsen schlich sich in sein Gesicht, denn er war sich seiner Sache bereits sicher.
Oberst Gustav Olsson hatte, genau wie Festungskommandeur John Cunningham, keinen guten Ruf bei den circa dreitausend Menschen, die in der Finnmark lebten. Sie und weitere Offiziere und Söldner der Festung nahmen sich alle Rechte heraus; sie nahmen sich, was sie wollten – auch ihre Frauen und Töchter. Wer sich auflehnte, wurde bestraft, in dem man ihn auspeitschte. Aber am Schlimmsten traf es Frauen und Mädchen, wenn man sie als eine Hexe erkannt zu haben glaubte.
Olsson drängte sich durch die Menschen, die der Hinrichtung beiwohnten, ohne Boudicca aus den Augen zu lassen.
Das Mädchen hatte sich auf den Heimweg gemacht. Sie wollte weg von dem Gräuel, wollte schnell wieder zurück, dorthin, wo sie sich in Sicherheit wog.
Warum bin ich dumme Gans nicht Zuhause geblieben, schimpfte sie mit sich. Nur weil ich kein Mehl mehr habe, hätte ich mich nicht auf den Weg machen müssen.
Während sie so in Gedanken vor sich hin eilte, bemerkte sie ihren Verfolger nicht.
Eine Weile folgte Olsson ihr mit Abstand und beobachtete sie. Dabei bewunderte er ihre Grazie, wie sie aufrecht daherging und ließ seiner Fantasie bereits seinen Lauf. Nach einer Weile entschloss er sich, sie anzusprechen. Also beeilte er sich nun, sie einzuholen.
»Schönes Fräulein, warum so eilig?«, fragte er mit einem schmierigen Grinsen, als er sie erreicht hat.
Boudicca zuckte leicht zusammen, als sie erkannte, wer da neben ihr ging. Sie kannte seinen schlechten Ruf und fürchtete sich zurecht vor ihm. Eigentlich fürchtete sie sich vor allen Soldaten, die sich in Vardøhus aufhielten und John Cunningham unterstanden.
Da Boudicca ihm nicht antwortete, sondern weiter ihren Weg verfolgte und sogar ihre Schritte beschleunigte, informierte er sie: »Ich werde dich begleiten.«
»Danke, das ist nicht nötig«, entgegnete sie.
»Oh doch! Es ist notwendig. Ein so schönes Mädchen sollte nicht allein durch diese Straßen gehen«, widersprach er ihr. Dabei berührte er anzüglich ihren Arm. Boudicca lief ein kalter Schauer über den Rücken, denn sie begriff, was dieser Kerl von ihr wollte.
»Mir wird nichts passieren. Ich kenne den Weg«, sagte sie mit fester Stimme.
»Das glaube ich dir gern. Aber es gibt genug dunkle Seelen, die nur darauf warten, dass so ein hübsches Kind ihnen über den Weg läuft.«
»Ich weiß mich zu wehren«, gab sie ihm zu verstehen. Trotz klang in ihrer Stimme mit, obwohl sie am liebsten weggelaufen wäre.
Er kicherte, denn sie gefiel ihm immer besser, weil er spürte, dass sie es ihm nicht leichtmachen würde. Und das reizte ihn noch mehr, sie zu besitzen.
»Oh, interessant! Ich glaube, wir beide werden viel Spaß haben.« Er klang nun anzüglich, und vor allem zeigte er jetzt deutlich seine Absicht.
Ruckartig blieb Boudicca stehen und sah ihn mit blitzenden Augen an.
»Viel Spaß haben?« Tief atmete sie ein, um ihren ganzen Mut zusammenzunehmen.
»Ja, denn du wirst mir gehören«, grinste er, und seine Augen tasteten gierig ihre Figur ab.
»Nein, das werde ich nicht«, sagte sie hart. »Ich werde Ihnen niemals zu Willen sein.«
Sie ging nun eilig weiter und ließ ihn einfach stehen. Das machte ihn wütend. Schnell war er wieder neben ihr, griff fest ihren Arm und riss sie zu sich herum.
»Bleib stehen, wenn ich mit dir rede! Du weißt wohl nicht, wer ich bin«, knurrte er sie an.
Vor Schreck entwich ihr der Atem. Doch sie wollte sich von ihm nicht einschüchtern lassen.
»Ich weiß sehr wohl, wer Sie sind«, antwortete sie ihm und sah ihn dabei mit ihren grünen Augen böse an.
»Dann weißt du auch, dass du mir zu gehorchen hast«, grinste er nun wieder.
Boudicca riss sich von ihm los und sagte leise, aber verständlich für ihn: »Ich muss niemandem gehorchen, außer mir selbst. Mit einem gemeinen Mörder will ich nichts zu tun haben.«
Ihr Blick strafte ihn mit Verachtung, als sie sich von ihm abwandte. Sie wollte von ihm weg, und das so schnell wie möglich. Also beschleunigte sie ihre Schritte noch mehr, ja, sie lief schon fast.
»So lass ich nicht mit mir umspringen«, rief Olsson, nun wütend. So durfte niemand mit ihm umspringen. Niemand!
Er wollte ihr schon nacheilen, da hörte er es erst jetzt, dass sich ein Fuhrwerk von hinten genähert hat und sich eng an ihm vorbeidrängte, sodass er zur Seite springen musste. Außer sich vor Wut kreischte er den Mann an, der auf dem Kutschbock saß und so tat, als hätte er den Oberst gar nicht gesehen.
»Du blöder Kerl! Pass doch auf, wo du deinen Gaul hinlenkst! Du willst wohl die Peitsche zu spüren bekommen.«
»Oh, Herr Oberst, ich muss geträumt haben, denn ich habe sie gar nicht bemerkt«, tat der Kutscher unterwürfig.
»Träum in deinem Bett und nicht auf dem Weg! Könntest noch einen umbringen. Dann wirst du hängen«, keifte der andere weiter und verlangte: »Verschwinde!«
Der Kutscher, der der Schmied auf Insel war, ruckte an die Zügel und schnalzte mit der Zunge. Sofort setzte sich das Pferd in Bewegung und hatte bald Boudicca eingeholt. Er hatte beobachtet, dass der Oberst das Mädchen bedrängte. Ihm waren da verschiedene Szenarien durch den Kopf gegangen, wie er den verhassten Olsson ins Jenseits beförderte. Doch keines dieser konnte er anwenden, denn es hätte seinen eigenen Tod bedeutet, wenn es die falsche Person gesehen hätte. Also hatte er sich damit begnügen müssen, den Kerl von Boudicca abzulenken, indem er ihn mit seinem Fuhrwerk abdrängte. Das war ihm gelungen, und dieser kleine Erfolg ließ ihn schmunzeln.
»Der Teufel soll den holen und ihn in der Hölle schmoren lassen«, murmelte er vor sich hin und spuckte zur Seite aus.
»He, Boudicca, steig auf!«, forderte er das Mädchen auf.
Sofort kletterte sie schnell zu ihm auf den Bock und setzte sich neben ihn.
Das beobachtete Olsson mit zornigem Gesicht und geballten Fäusten.
»Wie kann dieser dreckige Schmied es wagen …«, zischte er. »Das wird er mir heimzahlen. Und dieses Weibstück ebenso. Ich werde dich bekommen, Täubchen. Ich werde dich bekommen …«
Er, der Oberst, fühlte sich zutiefst gekränkt. Und das von einer Bauerndirne, wie er sie im Stillen nannte, und von einem dreckigen Schmied. Aber er würde ihnen schon zeigen, wer hier das Sagen hat. Er, Oberst Olsson, gehörte hier auf dieser Insel zur Obrigkeit, was er sagte und tat, war Gesetz. Niemand würde ihn daran hindern, wenn er sich das holte, was er wollte. Niemand würde ihn daran hindern, den Mann oder die Frau zu bestrafen, weil er es für richtig hielt. Niemand!
Mit diesen Gedanken machte der Mann mit dem schmalen Körper, dem knöchernen Gesicht, aus dem die Nase wie ein krummer Schnabel hervorstach, auf dem Hacken kehrt und marschierte in Richtung Festung, die er auch nach kurzer Zeit erreichte.
*
Der Schmied namens Eric war ein großer und kräftiger Mann mit einem roten Zottelbart, neben dem der Oberst wie ein schmächtiger Zwerg wirkte. Er war auf der Insel bei der einheimischen Bevölkerung beliebt, denn er hatte für jeden ein offenes Ohr, war hilfsbereit und hatte schon so einigen Leuten selbstlos geholfen. Außerdem war er es, der so manches Mal gerade noch rechtzeitig die Bewohner warnen konnte, wenn ein paar Soldaten der Festung wieder mal anrückten, um durchs Dorf zu schleichen und dies und jenes zu konfiszieren, wie sie es nannten. Es war ihnen egal, dass die Menschen auf der Insel arm waren, dass sie oft nicht genug zu essen hatten, dass die Kinder hungerten.
Wenn die Soldaten durch das Dorf streiften, hielten sie besonders Ausschau nach den Frauen und Mädchen. Wenn sie eine für sich auserkoren hatten, dann war sie vor ihnen kaum noch sicher. Sollte sich eines dieser Mädchen und Frauen jedoch nicht entsprechend fügen, kam es vor, dass man auch sie als Hexe bezeichnete. Und das war dann ihr Todesurteil!
Wenn Eric es schaffte, die Leute rechtzeitig zu warnen, flüchteten die Frauen und Mädchen in die Häuser. In einigen von ihnen hatten die Bewohner ein großes Loch in den Boden gegraben, sodass ein bis zwei Personen dort für kurze Zeit Platz fanden, um sich verstecken zu können. Die Grube wurde mit zusammengebundenen oder genagelten Brettern und Fellen bedeckt.
Felle befanden sich in allen Häusern, denn in der Finnmark herrschten selten sommerliche Temperaturen. So war das also nichts Besonderes, und die Peiniger schöpften keinen Verdacht. Wenn sie fragten, wo die »Weiber« abgeblieben sind, antwortete man, dass sie Besorgungen machten oder bei Verwandten in anderen Dörfern waren.
Natürlich machte das die Soldaten wütend. Oft zerstörten sie dann willkürlich etwas. Doch das nahmen die Menschen in Kauf, denn das konnte wieder hergerichtet werden. Aber eine Frau oder ein junges Mädchen, wenn sie geschändet wurde, waren sie für ihr ganzes Leben gezeichnet. Wenn eine geliebte Frau oder Tochter von diesen Unseligen getötet wurde, war sie unwiederbringlich fort und hinterließ einen tiefen Schmerz bei den Hinterbliebenen.
Eric war es, der den Leuten im Dorf dazu geraten hatte, sich diese Gruben in ihren Häusern zu schaffen. Dafür schon allein zollten sie ihm Hochachtung.
Seine Schmiede befand sich am Rand des Dorfes unweit der Straße. Näherten sich Soldaten, und er bemerkte es rechtzeitig, schickte er einen Gesellen los ins Dorf. Zusätzlich schlug er mehrmals in einem bestimmten Rhythmus mit seinem Schmiedehammer auf den Amboss ein, sodass die Leute auch so gewarnt wurden.
Da die Soldaten aus der Festung ihre Pferde zum Beschlagen zu ihm brachten, denn er war der einzige Schmied auf der Insel, bemühte er sich stets, ihre Gespräche zu belauschen. So erfuhr er so manches Mal, was der Festungskommandant plante und auch davon, dass man wieder eine mutmaßliche Hexe in ihrem Folterkeller »beherbergte«.
Ab und zu erhielt Eric vom Kommandeur auch den Auftrag, Degen für seine Soldaten herzustellen. Diese Zeiten nutzte er, um dann gleich ein paar mehr zu schaffen, die er danach gut versteckte, denn den einfachen Leuten war es nicht gestattet, eine Waffe zu besitzen. Auch darauf konnte der Tod stehen, wenn man jemand mit irgendeiner Waffe erwischen würde.
Nun saß Boudicca schweigend neben Eric. Ärgerlich sah er sie an.
»Sag mal, bist du denn nicht bei Sinnen? Wie kannst du dich nur allein in die Nähe dieser Teufel wagen? Was wolltest du hier?«
»Ich weiß, das war dumm von mir. Es ist Markttag, und ich brauchte Mehl. Ich dachte nicht, dass mir etwas passieren könnte, wenn ich unter vielen Leuten bin.«
»Und – hast du dein Mehl bekommen?«, fragte er, weil ihm schien, dass ihr Korb leer war. Nur ein Tuch befand sich darin.
»Nein, denn ich bin nicht mehr dazu gekommen, es zu besorgen. Ich bin von etwas Schrecklichem aufgehalten worden«, erklärte sie. Die Erinnerung an das Erlebte ließ sie wieder erschauern.
»Du hast der Hinrichtung beigewohnt«, konfrontierte Eric sie.
»Du weißt es?«, fragte sie überrascht. »Wie das?«
»Ich hab dich gesehen. Auch, wie du gegangen bist und dir dann dieser Oberst folgte. Da bin ich schnell zu meinem Wagen gelaufen, denn ich ahnte, dass er nichts Gutes von dir verlangen würde«, antwortete Eric grollend.
»Du hast recht. Er wurde sehr aufdringlich. Ein ekelhafter Kerl …« Der Ton ihrer Stimme verriet ihm, dass er mehr als nur abstoßend auf sie gewirkt hat.
»… und brutal, wie du weißt«, ergänzte Eric. »Er hat schon viele Leben auf dem Gewissen.«
»Gewissen? Dieser Mensch ist kein Mensch. Ein Scheusal ist er«, schimpfte sie.
»Ja«, brummte Eric. »Und dieses Scheusal hat es nun auf dich abgesehen, Boudicca. Du musst diese Insel verlassen, sonst wird es dir schlecht ergehen.«
»Ich … weg von hier? Eric, wo soll ich denn hin? Du weißt, dass Thorben und ich keine Verwandten mehr haben«, erinnerte sie ihn.
Ein missmutiges Schnauben gab er von sich.
»Wann kommt Thorben wieder zurück? Er ist doch schon seit drei Monden weg.«
»Ich hoffe, dass er bald kommt. Aber er wird auch wieder gehen. Dann bin ich wieder allein.«
»Du solltest dir einen Mann nehmen, der dich beschützt«, meinte er. »Dann wird sich Olsson wohl auch nicht mehr für dich interessieren.«
Boudicca lachte kurz und abfällig auf.
»Wen denn? Schau dir doch die Burschen an, die im Dorf leben! Da ist keiner bei, den ich nehmen würde.«
»Nimm mich!«, meiner er mit einem verschmitzten Grinsen.
Boudicca boxte ihm auf den Arm und lachte.
»Leider bist du vergeben. Dich hätte ich gewiss genommen«, entgegnete sie lachend, wurde dann aber ernst. »Deine Ingridr liebt dich und du sie. Bald wirst du Vater sein.«
»Ja, es wird ein strammer Junge werden«, behauptete Eric. Als er das sagte, setzte er sich gerade auf, um seiner Behauptung mehr Gewicht zu geben. Darüber konnte Boudicca nur den Kopf schütteln. Männer!, dachte sie dabei.
»Aber es könnte doch auch ein Mädchen sein«, setzte sie dagegen.
»Ja – das könnte es. Aber besser, es wird ein Junge. Ein Mädchen bringt doch nur Scherereien«, brummte er. »Wenn sie alt genug ist, muss ich ihr Gesicht immer mit Ruß beschmieren, damit da nicht so ein hergelaufener Oberst – wie dieser Olsson – daherkommt, um sie für sich zu beanspruchen, denn auch sie würde so eine Schönheit sein wie du. – Weißt du, das ist doch die Lösung! Du musst dein Gesicht mit Schmutz einreiben und deine Haare auch, damit der Oberst dich nicht mehr erkennt, wenn er ins Dorf kommt, um dich zu suchen.«
Ablehnend schüttelte Boudicca den Kopf. Sie glaubte nicht, dass das Sinn machen würde.
»Dann müsste ich auch vor Schmutz triefende Lumpen am Leib tragen«, entgegnete sie. Bei der Vorstellung schüttelte es sie, denn sie war eine reinliche Person.
»Ich denke, dass du dieses Übel diesem Oberst vorziehen wirst, denn das wird das kleinere sein«, meinte er zu wissen.
Ein gequälter Seufzer entglitt ihr, denn in gewisser Weise gab sie ihm recht. Doch mit Schmutz bedeckt sein, und das tage-, vielleicht sogar wochenlang – nein, das lag nicht im Bereich ihrer Vorstellung. Und sie gab ihm noch etwas zu bedenken: »Der Gedanke ist wohl ein richtiger. Aber da gibt es wirklich dieses Problem …«
»Problem? Ich sehe da keines«, unterbrach er sie verständnislos.
»Eric, denkst du wirklich, dass ich mich ab jetzt in Lumpen hülle und mich mit Ruß beschmiere?«, hielt sie ihm vor.
»Klar«, antwortete er, denn er fand, dass das doch nicht schlimm wäre. Er war eben ein Mann, dessen Körper mit Schmutz, Ruß und Schweiß täglich überzogen war. Bei seiner Arbeit in der Schmiede blieb das nun mal nicht aus.
Boudicca kicherte und verdrehte theatralisch die Augen.
»Typisch Mann!«, kommentierte sie sein ›Klar‹.
»Verstehe! Die Eitelkeit einer Frau sollte man nie unterschätzen«, brummte er. »Trotzdem solltest du dich darauf vorbereiten, dass Olsson schon morgen unserem Dorf einen Besuch abstatten wird.«
Seine Warnung nahm das junge Mädchen ernst und nickte.
»Ja, und darum werde ich den Tag über nicht im Dorf sein. Dann muss er wieder unverrichteter Dinge abziehen. Es wird ihm zu anstrengend werden, dass ihn meine Abwesenheit immer wieder enttäuscht. Dann wird es ihn nach einer anderen gelüsten. Vielleicht wird sie ihm sogar zu willen sein. Ich habe von derartigen Frauen schon gehört.«
»Mag sein, dass er sich so eine sucht. Doch wie ich gehört habe, lässt er sich von seinen Vorhaben nicht abbringen. Also, Mädchen, sieh dich vor! Wenn du ihm in die Hände fällst, sehen wir dich nie wieder«, warnte er sie erneut und versprach: »Aber ich werde versuchen, dich und die anderen im Dorf rechtzeitig zu warnen, wenn dieses Pack auftaucht.«
Den Rest des Weges schwiegen beide. Boudicca dachte an ihren Bruder. Wenn er doch nicht immer wieder zur See fahren würde. Gerade jetzt, wo dieser Oberst Olsson auf sie aufmerksam geworden war, hätte sie seinen Schutz gebraucht. Andererseits war er es, der dafür sorgte, dass sie immer genug zum Leben hatte. Aber das war auch ihrer Sparsamkeit zu verdanken. Boudicca verstand es gut, die Vorräte gut zu lagern und einzuteilen, damit sie lange davon zehren konnten.
Eric lenkte sein Pferd bis zu ihrem Haus und hielt dort an. Flink sprang das Mädchen vom Wagen.
»Ich danke dir, Eric. Grüß Ingridr von mir!«, rief sie ihm mit einem süßen Lächeln zu.
Das versetzte dem stämmigen Schmied einen Stich, denn er dachte mit Besorgnis und Groll: Dieses schöne Kind wird den Tod finden, wenn der Teufel von der Festung sie in die Finger bekommt. Dann schlag ich ihm mit meinem Hammer den Schädel ein und verfüttere ihn an die Raben.
Er nickte Boudicca nur zu und wandte sich von ihr ab. Dann schnalzte er mit der Zunge, was das Pferd als Befehl verstand, sich in Bewegung zu setzen. Er wollte jetzt nach Hause zu seiner Frau.
*
Am nächsten Morgen war Boudicca schon sehr früh auf den Beinen. Sie beherzigte die besorgten Worte des Schmiedes, sich am Tage im Dorf unsichtbar zu machen. Sich wie eine Landstreicherin zu verkleiden, das lehnte sie jedoch weiter ab. Sie packte sich ein paar Lebensmittel in den Korb, dann schlug sie sich ein wollenes Tuch um die Schultern. Boudiccas Kleidung war sauber und einfach, aber wie es gerade Mode war. Über ihrem faltigen Kleid mit den engen Ärmeln trug sie ein wärmendes Leibchen. Auf den Spitzenkragen verzichtete sie.
Die Sonne ging gerade auf, das Gras war nass vom Morgentau, als sie unbemerkt aus dem Dorf verschwand. Das Land war flach, sodass man weit sehen konnte. Boudicca ging in Richtung Küste. Sie beeilte sich, dass sie dorthin kam, wo die Hügel begannen, um von dort unsichtbar für die Augen zu werden, die eventuell nach ihr suchen könnten.
Die Gegend, die sie anstrebte, um dort den Tag zu verbringen, war sehr unwegsam. Mit Pferden war es unmöglich, den Strand entlangzureiten. Die Tiere würden zwischen den Steinen, die zum Teil auch glitschig waren, steckenbleiben und sich schmerzhafte Verletzungen zufügen – oder sich sogar ihre Fesseln oder auch den Vordermittelfuß brechen, was bedeutete, dass dieses Tier getötet werden muss. Auch der Riss einer Sehne machte das Pferd untauglich für den Reiter.
Schon zu Fuß war es ein Abenteuer, dort entlangzulaufen, denn der schmale Strand war zerklüftet, vom Meer und Wind geformt, und allerlei Angespültes befand sich dort.
Boudicca aber machte dies alles nichts aus. Bereits als kleines Mädchen war sie oft hier gewesen und hatte Muschelschalen gesammelt, um mit ihnen zu spielen. Ein paar Jahre später hatte sie mit ihrer Mutter Seetang gesammelt und diesen getrocknet, um ihn dann irgendwann mit Fisch oder Krabben zu kochen. Das war jedoch kein typisches Gericht in der Finnmark.
Thorben, der sieben Jahre älter als seine Schwester war, fuhr da bereits zur See. Als er von einer Fahrt zurückkam, erzählte er seine Mutter, dass er auf Irland zubereiteten Seetang gegessen habe. Er legte ihr auch gleich ein paar Gewürze auf den Tisch. Seitdem hatte die Mutter immer getrockneten Seetang im Haus, besonders für den Notfall, wenn die Lebensmittel mal wieder rar waren.
Und das wurden sie mit Regelmäßigkeit, denn es herrschte der Dreißigjährige Krieg, obwohl die Finnmark von den Schlachten kaum betroffen war. Dafür herrschte überall Not und Elend. Außerdem waren die Soldaten mit ihrem Festungskommandeur John Cunningham von Vardøhus den Menschen ein Dorn im Auge. Sie hassten sie, aber sie fürchteten sie auch, denn ihnen hatte man alle Rechte in die Hände gelegt. Sie waren das Gesetz. Ihr eigenes Handeln begründeten sie stets damit, dass sie ja die Obrigkeit wären. Was sie taten, wurde damit gerechtfertigt, auch wenn es falsch war. Und das war es laufend. Wer sich wehrte, wurde ausgepeitscht oder auch gehängt.
Leichtfüßig, aber trotzdem achtsam, balancierte Boudicca über die vom Meerwasser glattgespülten Steine. Ab und zu bückte sie sich, wenn etwas ihre Aufmerksamkeit weckte. Farbige Steine, oftmals auch Bernstein, Muschelschalen und Gehäuse von Schnecken wanderten dann in ihren Korb. Während ihr Bruder auf See weilte, beschäftigte sie sich mit diesen Dingen und stellte daraus Ketten, Armbänder und Haarschmuck her. Darin war sie sehr geschickt. Thorben nahm diese Schmuckstücke mit und übergab sie einem Händler. So half Boudicca, einige Münzen für die Haushaltskasse beizusteuern.
Das Wetter meinte es gut mit ihr. Die Sonne schien, und der Wind blies mäßig. So hielt sie es auch den ganzen Tag dort aus. Als die Sonne sich langsam senkte, machte sich Boudicca auf den Rückweg. Dabei machte sie einen Umweg, um von der entgegengesetzten Seite ins Dorf zu kommen, denn sollten Soldaten oder gar der Oberst noch dort umherstreifen, wollte sie keinem von ihnen in die Arme fallen. Aber sie kam unbehelligt bei ihrem kleinen Haus an.
»Da bist du ja«, sagte eine Stimme voller Erleichterung.
Aus dem Schatten heraus, den die tief stehende Sonne noch vom Haus warf, trat ein Mann hervor.
Erschrocken trat Boudicca einen Schritt zurück, denn im ersten Moment glaubte sie, den Oberst vor sich zu haben. Doch ihr Schreck verflog so schnell, wie er gekommen war.
»Ach, du bist es, Eric«, sagte sie mit einem Lächeln. »Warum bist du hier?«
»Ich habe auf dich gewartet, wollte wissen, ob er dich doch noch gefunden hat.«
Das Mädchen starrte ihn ungläubig an. Aber dann grollte sie: »Dieses Scheusal war hier?«
»Ja. Er kam zur Mittagsstunde. Dachte wohl, dass du dich in Sicherheit wiegen würdest, wenn er sich etwas Zeit ließe. Der Oberst hatte noch sechs Begleiter bei sich, die er ausschwärmen ließ. Er war wütend, als er ohne dich abziehen musste. Ich soll dir ausrichten, dass er morgen wieder hier sein wird, um mit dir zu reden«, berichtete der Schmied.
»Tja, dann wird er seinen Weg vergebens gemacht haben, denn ich will nicht mit ihm reden – niemals!«, schimpfte sie erbost. »Aber wollte er nicht von euch wissen, wo ich bin?«
»Oh, das wollte er. Doch niemand wusste, wo du hingegangen bist. Und das stimmte sogar«, grinste er nun. »Aber wie ich sehe, warst du hinter den Hügeln am Meer.« Er blickte auf den Inhalt ihres Korbes.
»Morgen werde ich dort wieder hingehen. Solange, bis er es endlich aufgibt, nach mir zu suchen«, meinte sie zuversichtlich.
»Mädchen, ich mach mir Sorgen um dich. Du weißt, was der für ein sturer Bock ist.«
In ihren Augen blitzte es kämpferisch auf.
»Bald wird Thorben zurück sein und mich beschützen.«
»Ja, es wäre wirklich gut, wenn er jetzt hier wäre«, meinte der Schmied, denn wenn der Oberst nun täglich in das Dorf kam, um nach Boudicca zu suchen, brachte es nur Ärger und Unfrieden. Da die Menschen in Angst lebten und froh waren, nicht selbst ins Visier zu geraten, könnte es den einen oder anderen geben, der verriet, wo sich das Mädchen aufhielt. Und wenn eine Belohnung ausstand, dann noch viel eher.
Eric verabschiedete sich von ihr und ging zurück zu seiner Frau.
Boudicca ging ins Haus und verschloss die Tür von innen. Dann zündete sie eine Kerze an, denn sie wollte ihre Mitbringsel sortieren. Schade fand sie es nur, dass sie am nächsten Tag keinen Schmuck daraus anfertigen konnte. Und das nur, weil so ein hässlicher und machtbesessener Kerl ihrer habhaft werden wollte.
*
Die nächsten Tage verliefen ähnlich wie der erste. Doch dann kam ein Tag, an dem das Wetter umschlug. Schwere dunkelgraue Wolken wurden vom Wind über das Land getrieben und brachten Regen mit.
Auch an diesem Tag machte sich Boudicca wieder auf, dem Dorf und somit dem Oberst zu entfliehen, der fast jeden Tag im Dorf erschien – und das zu den unterschiedlichsten Zeiten. Jedes Mal musste er wieder abziehen – ohne sie. Das machte ihn immer wütender. Aber umso mehr verlangte es ihn nach ihr. Er befragte die Dorfbewohner, doch keiner hatte das Mädchen in den letzten Tagen gesehen oder wollte es nicht gesehen haben. Stand einer zu dicht an seinem Pferd, bekam derjenige einen kräftigen Stoß vor den Körper mit dem Fuß des Reiters, sodass der Gestoßene oft das Gleichgewicht verlor und in den Schmutz fiel. Das höhnische Gelächter der Begleiter des Obersts begleitete dazu den Fall.
An diesem Tag kam er mit seinem Gefolge am frühen Vormittag. Auch heute befragte er die Dörfler.