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Nelli möchte etwas in ihrem Leben ändern, so viel ist ihr klar. Allerdings wäre alles so viel einfacher, wenn sie wüsste, was sich ändern sollte. Doch dann stolpert sie zufällig über einen Aushang einer Rundreise durch Irland. Ganz entgegen Nellis Hang zur Unentschlossenheit schlägt sie alle Zweifel in den Wind und fliegt auf die grüne Insel, um sich auf die Suche nach ihrem Glück zu machen. Was sie dort allerdings zunächst findet, ist eine bunt gemischte Reisegruppe, die ungleicher nicht sein könnte. Während Nelli quer durch Irland reist, sich zahllose Schlösser, Städte und Ruinen ansieht und malerische Küsten, karge Torfmoore sowie die Weite und Einsamkeit Connemaras hinter sich lässt, wird ihr eines immer klarer: Sie ist auf dieser Reise nicht die Einzige, die sich auf die Suche gemacht hat.
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Seitenzahl: 577
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Auf ins Abenteuer – Erster Tag in Irland
Zweiter Tag in Irland
Dritter Tag in Irland
Vierter Tag in Irland
Fünfter Tag in Irland
Sechster Tag in Irland
Siebter Tag in Irland
Achter Tag in Irland
Neunter Tag in Irland
Zehnter Tag in Irland
Elfter Tag in Irland
Zwölfter Tag in Irland
Dreizehnter Tag in Irland
Vierzehnter Tag in Irland
Fünfzehnter Tag in Irland
Sechzehnter Tag in Irland
Siebzehnter Tag in Irland
Achtzehnter Tag in Irland
Neunzehnter Tag in Irland
Zwanzigster Tag in Irland
Einundzwanzigster Tag in Irland
Zweiundzwanzigster Tag in Irland
Dreiundzwanzigster Tag in Irland
Vierundzwanzigster Tag in Irland
Fünfundzwanzigster Tag in Irland
Sechs Wochen später
Danke
Irgendetwas in meinem Leben muss sich ändern!« Ich saß vor meinem Lieblingscafé in einer kleinen Seitenstraße und blickte auf den runden, gepflasterten Platz vor mir, in dessen Mitte eine große Kastanie stand. Menschen eilten an den Tischen vorbei. Manche von ihnen wirkten gehetzt, andere lachten, unterhielten sich oder schauten in die Schaufenster der umliegenden Geschäfte. Auf dem Tisch vor mir standen ein Latte macchiato und ein Schoko-Muffin, beides noch unberührt.
Ein paar neugierige Blicke von den Nachbartischen fielen zu mir herüber. Oh nein, hatte ich etwa gerade laut gesprochen? Ich seufzte und spürte, wie mir schlagartig heiß wurde und mein Gesicht unangenehm zu kribbeln anfing. Ein sicheres Zeichen dafür, dass meine natürliche Gesichtsfarbe einem zunehmend intensiver werdenden Rot wich. Ich stand nicht gerne im Mittelpunkt. Zu spät. Schnell wandte ich meine Aufmerksamkeit wieder der Kastanie zu.
Ein paar Tauben pickten auf dem Boden nach liegen gebliebenen Krümelresten. Ich schaute in die riesige Krone mit den unzähligen hellgrünen Blättern. Die Sonnenstrahlen fielen an einigen Stellen durch winzige Lücken und hinterließen durch die sanfte Bewegung der Blätter ein wunderschönes Muster auf den Pflastersteinen. Manche schafften sogar den Weg bis zu meinem Platz. Ich genoss die Wärme und träumte mit offenen Augen. Was also konnte ich in meinem Leben ändern? Wäre ich noch jung und finanziell unabhängig, könnte ich über ein Auslandsjahr nachdenken. Ein soziales Projekt. Irgendetwas mit Kindern vielleicht. In Südafrika oder Indien. Der Gedanke gefiel mir. Aber ich war nun mal nicht mehr jung. Zumindest nicht für meine Begriffe. Sicher hatten viele dazu eine andere Meinung, aber ich hatte mittlerweile meine persönliche Schallgrenze der Jugend überschritten und das seit immerhin zwei Jahren.
Ich erinnere mich noch genau an diesen Tag vor zwei Jahren. Mein 30. Geburtstag. Ein dunkler grauer Tag im November und daran war nicht allein das kalte, ungemütliche Nieselwetter Schuld. Nein, es lag vielmehr an meiner inneren Einstellung zum Älterwerden im Allgemeinen und zum »Dreißigwerden« im ganz Besonderen. Ich fühlte mich von dem Tag an nicht mehr wirklich jung, aber auch noch nicht so richtig alt. Es war so, als würde ich mich seitdem in einer Art »Zwischenzeit« befinden. Ich ging nicht mehr ausgelassen feiern wie mit 20, fühlte mich aber auch noch nicht bereit, zum Tanztee zu gehen.
Ich seufzte tief. Vielleicht sollte ich meinen derzeitigen Gefühlszustand einfach auf eine sich anbahnende Midlife-Crisis schieben. Gerade um die 30 ging es doch scheinbar vielen so wie mir. Sie warfen ihr komplettes bisheriges Leben über den Haufen, auf der Suche nach sich selbst. So war es zumindest immer wieder in den gängigen Klatschzeitschriften zu lesen. Sie machten ein Sabbatical, schrieben ein Buch oder kündigten ihren Job, um den Jakobsweg entlang zu pilgern. Das war ja seit Hape Kerkelings Buch Ich bin dann mal weg sowieso der absolute Hype unter all denjenigen, die sich selbst finden wollten. Aber ich schweife ab, zurück zu mir. Zurück in die Realität. Mmh, auswandern …
Wer sagte eigentlich, dass ich mit 32 zu alt für ein soziales Projekt war? Während ich noch darüber nachdachte, hatte ich schon die nächste Idee. Oder wie wäre es, wenn ich irgendwo ein Café eröffnete? So wie Miri und Caro es mit dem Coffee & Cake vor ein paar Monaten gemacht hatten. Inzwischen war es zu meinem absoluten Liebingscafé geworden und ich verbrachte mindestens einmal die Woche meine Mittagspause hier. Wo also würde ich mein Café eröffnen? Hier in Lüneburg machte es wenig Sinn. Es gab an jeder Ecke Cafés wie Sand am Meer. Ich musste also ausweichen. Doch wohin? In eine andere Stadt? Plötzlich hatte ich einen Geistesblitz. Wie wäre es mit einem Café in einem anderen Land? Dann hätte ich doch gleich zwei Fliegen mit einer Klappe … Na ja, fast. Das soziale Projekt blieb dabei natürlich auf der Strecke. Es machte wenig Sinn, ein Café in Südafrika oder Indien zu eröffnen, das war mir schon klar.
Fieberhaft überlegte ich, wohin ich gerne auswandern würde. Von Vorteil wäre natürlich ein Land, in dem es eine höhere Sonnenwahrscheinlichkeit gab als hier in Norddeutschland. So könnte ich das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Spontan kam mir Frankreich in den Sinn. Ich war schon mal als Austauschschülerin für zwei Wochen dort gewesen. Frankreich! Ja, das wäre doch was! Ich sah es schon genau vor mir. Ein niedliches kleines Café mit einer gelb-weiß gestreiften Markise, die leicht im Wind auf und ab schaukelte. Blauer Himmel, die Sonne schien den lieben langen Tag hoch am Himmel. Zahlreiche Gäste und Touristen tummelten sich gut gelaunt an den kleinen Tischen vor dem Café. Bunte Kissen auf den Stühlen und duftende Lavendeltöpfchen auf den Tischen rundeten mein inneres Bild ab. Oh nein! Entsetzt hielt ich mitten in meinen Träumereien inne. Es gab einen Haken an der ganzen Sache. Genau genommen sogar zwei. Nicht nur, dass ich keinen einzigen Cent in den letzten Jahren gespart hatte, um diesen Traum zu finanzieren. Ich konnte auch so gut wie kein Wort Französisch mehr. Was sich vermutlich sogar als das Größere der beiden Probleme darstellte. In Sekundenschnelle brach mein Kartenhaus in sich zusammen.
Warum hatte ich auch im zweiten Jahr Französisch abgewählt? Alle Einwände und Bedenken meiner Eltern hatte ich in den Wind geschlagen und stattdessen einen Koch- und Handarbeitskurs gewählt. Was ich damals ziemlich schlau fand (wie einfach hatte ich diese furchtbar anstrengende Sprache gegen so leichte Fächer tauschen können), stellte sich aus heutiger Perspektive als äußerst ungünstig heraus. Kurz dachte ich noch daran, einen Volkshochschulkurs zu besuchen, um wie man so schön sagte auf dem zweiten Bildungsweg Französisch zu lernen. Doch bei dem Gedanken an die vielen Vokabeln und die Grammatik verwarf ich die Idee genauso schnell wieder, wie sie entstanden war, und verabschiedete mich schweren Herzens von meinem eigenen kleinen Café in Frankreich.
Nun gut, blieb also weiterhin die Frage, was ich verändern könnte. Angestrengt überlegte ich weiter. Ein Buch! Das war die Lösung, ich schreibe ein Buch! Klar, warum nicht? Ich sah meinen Namen in kürzester Zeit die Bestsellerliste nach oben klettern. Dieser Gedanke zauberte mir ein Lächeln aufs Gesicht. Fieberhaft überlegte ich, worüber ich schreiben sollte. Einen Krimi, einen Thriller oder vielleicht doch lieber eine Liebesgeschichte? Verdammt, warum konnte ich mich bloß nie entscheiden? Das war ein echtes Problem, was mir das Leben manchmal wirklich schwer machte. Mitten in meine Überlegungen über das Thema meines neuen Buches mischte sich unerfreulicherweise leicht verschwommen das Gesicht meines früheren Deutschlehrers. Ich hörte seine Worte von damals plötzlich ganz deutlich, als würde er neben mir sitzen:
»Nelli, dir fehlt es leider an jeglichem Talent, eine Geschichte zu schreiben. Das, was du hier abgeliefert hast, hätte jeder Viertklässler besser gekonnt!«
Schönen Dank, Herr Müller! Willkommen Realität!
Ich war tief in Gedanken versunken, als mich das Klingeln meines Smartphones so sehr erschreckte, dass ich um ein Haar den Tisch mit dem inzwischen lauwarm gewordenen Latte macchiato samt Schoko-Muffin umgestoßen hätte. Gerade noch rechtzeitig konnte ich ihn festhalten und am Umkippen hindern, während meine freie Hand nach dem Handy tastete.
»Hallo, Süße, wie geht es dir?«, trällerte meine stets gut gelaunte Freundin Kati in den Hörer.
»Mmmf«, antwortete ich. Unsinnigerweise war ich ans Telefon gegangen, nachdem ich den Tisch erfolgreich am Umfallen gehindert hatte, und hatte zur Belohnung zeitgleich in den Muffin gebissen.
»Wie bitte?«
Schnell versuchte ich den Muffin hinunterzuschlucken, was ebenfalls keine besonders gute Idee war, denn prompt verschluckte ich mich an den letzten Krümeln und bekam einen schrecklichen Hustenanfall. Sämtliche Leute an den Nachbartischen drehten sich erneut zu mir um. War ja klar! Mit finsterem Blick guckte ich zurück. Nett, dass es keiner von ihnen in Erwägung zog, mir zu helfen. Schließlich hätte ich auch ersticken können. Na gut, ganz so schlimm war es wohl doch nicht, denn mein Husten legte sich bereits wieder.
»Och, ganz gut. Glaube ich.« Endlich konnte ich Kati antworten.
»Wie: ganz gut? Was soll das denn heißen? Was ist los mit dir? Die Sonne scheint, du hast Mittagspause und so wie ich dich kenne, sitzt du gerade mit einem Latte macchiato und einem Schoko-Muffin vor dem Coffee & Cake. Hab ich recht?«
Ja, bei einem inzwischen kalten Latte macchiato, dachte ich, sagte aber stattdessen: »Ach, ich weiß auch nicht, was mit mir los ist. Irgendwie stecke ich wohl gerade mitten in einer Depri-Phase.«
Die Worte sprudelten schneller aus meinem Mund, als mir lieb war und mein Gehirn funktionierte. Aber Kati schien das nicht besonders zu verwundern.
»Vielleicht solltest du mal was Neues, was Verrücktes machen!«
Kati war meine beste Freundin und kannte mich in- und auswendig. Sie verstand mich einfach immer und wusste meistens auch, was in mir vorging. So war das eben, wenn man eine beste Freundin hatte. Eine, mit der man schon zusammen die Schulbank gedrückt hatte. Mit der man sich jeden Tag nach der Schule getroffen hatte, um sich neue Tricks für Spickzettel auszudenken oder den neuesten Klatsch und Tratsch auszutauschen. Kati konnte ich einfach nichts vormachen. Sie kannte mich viel zu gut.
»Komisch, darüber habe ich tatsächlich gerade nachgedacht. Das Blöde ist nur, dass ich nicht weiß, was das sein könnte! Grrrr, das macht mich noch ganz verrückt!«, seufzte ich.
»Was hältst du davon, wenn wir uns bald mal im Stadtpark treffen? Dann können wir über alles in Ruhe reden. Uns fällt da schon was ein.«
»Oh ja, das wäre einfach toll.« Das erste Mal heute spürte ich so etwas wie Erleichterung und sah einen Lichtschimmer am sonst so dunklen Horizont.
»Allerdings muss ich zuerst noch ein dringendes Projekt beenden. In ein bis zwei Tagen sollte ich aber fertig sein. Ach, und ich habe übrigens eine Neuigkeit, die ich dir unbedingt erzählen muss.«
Jetzt war ich hellhörig. Schlagartig waren meine negativen Gedanken verschwunden. Zumindest für den Moment. Ich war neugierig, was Kati mir erzählen wollte.
»Na, jetzt bin ich aber neugierig. Raus mit der Sprache!«, ermunterte ich sie.
Ich hatte meinen Satz kaum zu Ende gesprochen, da platzte Kati schon mit der Neuigkeit heraus: »Ich bin schwanger! Stell dir das vor. Im vierten Monat! Ist das nicht toll? Ich kann es selbst noch gar nicht so richtig glauben.« Kati schnappte nach Luft. Sie hörte sich so glücklich an.
Mein Magen zog sich plötzlich krampfhaft zusammen und es fühlte sich an, als würde ein riesengroßer Stein darin liegen. Ich kannte dieses Gefühl nur zu gut. Es war nicht so, dass ich mich für Kati nicht freute. Nein, das war es nicht. Vielmehr war es eine Angst, die mich fest umklammerte. Angst, was aus unserer Freundschaft werden würde, wenn Kati ihre eigene kleine Familie hatte. War da für mich überhaupt noch Platz? Sofort meldete sich mein schlechtes Gewissen. Nelli, ermahnte ich mich, sei nicht so egoistisch! Freu dich für deine Freundin! So sollte es doch schließlich bei Freundinnen sein.
»Nelli!« Kati schrie so laut ins Telefon, dass es mir fast aus der Hand fiel. »Bist du noch da? Was ist da bei dir los?«
Oje, ich hatte auf Katis Neuigkeit noch gar nicht reagiert. Aber was sollte ich auch sagen? All das, was mir gerade durch den Kopf gegangen war? Unmöglich!
»Ähm, ja toll!«, antwortete ich ohne große Überzeugung, wie ich schuldbewusst feststellte.
»Das klingt aber nicht sehr überzeugend.«
»Doch. Nein. Äh, aber du wolltest doch nie Kinder haben«, hörte ich mich selbst sagen. »Nie die Karriere aufgeben, um Windeln zu wechseln und in Dänemark Urlaub zu machen …«
Verflixt, warum sagte ich all das? Ich biss mir schuldbewusst auf die Lippen und merkte selbst, wie negativ ich klang und welche Klischees ich aus der untersten Schublade kramte.
»Nelli, sorry, ich muss aufhören. Meine Chefin ist im Anmarsch«, unterbrach sie mich. »Ich melde mich wegen unserem Treffen! Abgemacht? Tschüss, Süße.«
Und schon hatte sie aufgelegt und mich am anderen Ende des Telefons zurückgelassen. Das schlechte Gewissen nagte an mir. Ich wusste nicht, was ich denken oder fühlen sollte. Ich holte tief Luft, konnte aber die Bilder, die vor meinem inneren Auge unaufhörlich weiterliefen, nicht stoppen. Bilder von Kati, mit immer dicker werdendem Bauch. Kati mit Baby auf dem Arm. Kati, die haarklein erzählte, was das Baby gegessen und getrunken hatte und was es schon alles Neues konnte … Und ich? Ja, wo war ich? Ich kam in diesen Bildern gar nicht mehr vor! Stiche der Eifersucht mischten sich mit der Angst. Und das war nichts, worauf ich besonders stolz war. Im Gegenteil. Aber es war nichts, was sich einfach so abschalten ließ. Natürlich freute ich mich für sie! Schließlich kannten wir uns schon seit der Grundschulzeit und hatten seitdem fast alles geteilt. Alles, außer unserer Wohnungen und unserer Männer! Kati war ja auch seit ewigen Zeiten mit Max glücklich. Und in meinem Leben gab es seit ein paar Jahren sowieso keine Männer mehr. Nur mal ein Date hier und da, aber nichts, was länger als dreimal Ausgehen standgehalten hätte. Ein Zustand, an dem ich nicht unschuldig war. Ich hatte vor langer Zeit beschlossen, keinen Mann mehr zu nah an mich heranzulassen, nachdem meine große Liebe Toni mich nach Strich und Faden betrogen hatte. Doch in letzter Zeit machten sich immer mal wieder leise Zweifel bemerkbar, ob ich wirklich eine dieser überzeugten Singlefrauen war. Ich schüttelte meinen Kopf, um all die kreisenden Gedanken loszuwerden, was mir nur mittelmäßig gelang.
Nachdem ich bezahlt hatte, stand ich auf und griff nach meinem Rucksack, der über der Stuhllehne hing. Dabei fiel mein Blick auf einen Zettel in der Fensterscheibe des Cafés. Deine Reise stand ganz oben in fetten Druckbuchstaben. Neugierig geworden, las ich weiter:
In 25 Tagen geht es durch die wunderschöne, grüne und raue Landschaft Irlands. Wir werden als kleine Gruppe mit ca. 8–10 Personen in einem Bus die West- und Südküste bereisen.
Es wird eine Reise zu dir selbst!
Wenn du dabei sein möchtest, schreibe eine kurze E-Mail an mich, warum dich diese Reise interessiert, sowie einige Eckdaten zu dir.
Weitere Informationen folgen dann persönlich.
Was solls, dachte ich, als ich einen Schnipsel mit Namen und E-Mail des Veranstalters abriss, um ihn in die Tasche meiner Strickjacke zu stecken. Vielleicht war dieser Aushang ein Wink des Schicksals. Dann machte ich mich eilig auf den Weg ins Büro, denn meine Mittagspause war schon fast zu Ende.
Ich arbeitete in einer kleinen Rechtsanwaltskanzlei. Meine Arbeit hatte mir bisher immer Spaß gemacht. In letzter Zeit hatte ich allerdings immer öfter das Gefühl, dass sie mich nicht mehr glücklich machte. Immer häufiger kamen mir Gedanken wie: »Das soll schon alles gewesen sein?« oder: »Das soll ich jetzt noch die nächsten 35 Jahre machen?«
Den lieben langen Tag verbrachte ich am Schreibtisch hinter Aktenstapeln oder telefonierte mit Mandanten, um Termine zu vereinbaren. Vor zwei Jahren hatte ich mich zwar durch eine Fortbildung auf dem Gebiet des Baurechts spezialisiert, aber das Baurecht an sich war keine besonders aufregende Sache. Zumindest für mich. Bei meinem Chef sah das natürlich ganz anders aus.
Ein Lichtblick im sonst so tristen Büroalltag war meine Kollegin Anne. Wir arbeiteten mittlerweile seit fünf Jahren zusammen, verstanden uns super und ergänzten uns, wo es ging. Eine bessere Kollegin konnte ich mir gar nicht vorstellen. In den letzten Jahren, in denen wir zusammengearbeitet hatten, war sie für mich eine Freundin geworden. Auch ich hatte eben mal Glück im Leben!
Früher, als ich noch glücklich mit Toni gewesen war, hatte unser Plan so ausgesehen: Spätestens mit Ende 20 wollten wir heiraten und dann ein paar süße kleine Kinder bekommen. Daher hatte ich mir bei der Berufswahl nicht allzu sehr den Kopf zerbrochen. Die Mühe lohnte sich ja kaum, so dachte ich damals. Vor vielen Jahren. Heute sah das allerdings ganz anders aus. Das hatte ich nun davon, dass ich es mir immer leicht machen wollte. Mittlerweile war ich Anfang 30 und kein Mann in Sicht, nachdem Toni während einer Weihnachtsfeier ganz aus Versehen mit einer Kollegin im Bett gelandet war. Aus der Traum vom Heiraten und somit auch von den süßen kleinen Kindern. Zumindest im Moment, denn Toni hatte ich hochkant aus meinem Leben befördert und Fakt war, dass seitdem kein Traumprinz einfach so an meiner Wohnungstür geklingelt oder plötzlich in unserem Büro gestanden hatte, wie es immer in den Inga-Lindström-Filmen im Fernsehen passierte. Bisher hatte noch niemand zu mir gesagt: »Nelli, hier bin ich! Endlich habe ich dich gefunden. Ich habe schon immer nach dir gesucht …«
Und da ich meine freien Abende entweder beim Bauch-Beine-Po-Kurs, bei meinem Opa oder vor dem Fernseher verbrachte, machte das die Gesamtsituation, einen netten Mann zum Heiraten zu finden, nicht unbedingt leichter. Denn die Wahrscheinlichkeit, beim Bauch-Beine-Po-Kurs meinem Traummann zu begegnen, tendierte gegen Null.
Ich schaute auf meine Armbanduhr und stellte erschrocken fest, dass ich spät dran war. Schnell machte ich mich auf den Weg, um noch die liegen gebliebene Arbeit für heute zu erledigen.
»Hey, Nelli, na wie war deine Mittagspause?«, empfing mich meine Kollegin Anne wenige Minuten später. »Du hast es gut, bei dem tollen Wetter im Coffee & Cake, während ich Telefondienst habe.«
»Woher weißt du, dass ich im Coffee & Cake war?«, hakte ich erstaunt nach.
»Na, heute ist doch Montag!« Anne sah mich erstaunt aus großen Augen an. »Du bist doch jeden Montag dort, trinkst einen Latte macchiato und isst einen Schoko-Muffin dazu. Sag jetzt nicht, dass du heute nicht da warst! Dann mache ich mir ernsthaft Sorgen um dich.«
Ich war eindeutig viel zu leicht zu durchschauen. Daran musste ich ebenfalls dringend etwas ändern! Es war also nicht nur meine langjährige Freundin Kati, die mich in- und auswendig kannte, sondern auch Anne.
»Äh, nein. Also ja. Ja, ich war da und es war ganz nett.«
»Ganz nett?« Anne musterte mich skeptisch. Mit hochgezogenen Augenbrauen guckte sie mich an und wartete, bis ich anfing zu erzählen. Von dem Telefonat mit Kati und natürlich auch von dem Aushang der Reise.
»Wow, da war ja ganz schön was los in deiner Mittagspause. Und? Denkst du ernsthaft über die Reise nach?«
»Weiß nicht. Vielleicht«, antwortete ich ausweichend.
Anne beließ es dabei, aber ich war mir sicher, dass sie es irgendwann später, wenn ich mich in Sicherheit glaubte, wieder auf den Tisch bringen würde. Dazu kannte ich sie ebenfalls viel zu gut.
Die Stunden bis zu meinem Feierabend verbrachte ich damit, die noch ausstehenden Telefonate zu erledigen und die diktierten Briefe meines Chefs zu tippen. Als die Zeiger der Uhr endlich den Feierabend ankündigten, packte ich langsam meine Sachen zusammen. Normalerweise war ich montags nach der Arbeit immer beim Bauch-Beine-Po-Kurs. Doch heute fiel er wegen personellen Engpasses aus. Das brachte mich ein wenig durcheinander, da ich mich immer gerne auf meinen geregelten Tagesablauf verließ. Unschlüssig, was ich mit dem restlichen Tag anfangen sollte, verließ ich das Büro. Ich könnte mir auf dem Weg etwas zu essen kaufen und es mir zu Hause mit einem Glas Weißwein vor dem Fernseher bequem machen. Das klang nach einem Plan!
Das zweite Mal an diesem Tag klingelte mein Smartphone und holte mich unsanft aus meinen Gedanken. Meine Mutter! Oh nein, dss fehlte mir gerade noch. Ich hatte nicht die geringste Lust, mit ihr zu sprechen. Außerdem wusste ich sowieso schon genau, wie das Gespräch laufen würde. Aber meine Mutter wäre nicht meine Mutter, wenn sie es selbst über hunderte von Kilometern nicht schaffen würde, mir allein mit dem Klingeln des Telefons ein schlechtes Gewissen zu machen. Ich seufzte und drückte schicksalsergeben auf »Annehmen«.
»Hallo, Mama.« Ich versuchte einen möglichst neutralen Ton in meine Stimme zu legen.
»Hallo, na endlich. Wieso dauert das so lange, bis du abnimmst? Was machst du gerade? Kommst du am Wochenende nach Hause?« Zwischen ihren Fragen, auf die sie im Übrigen nie eine Antwort erwartete, holte sie kaum Luft. Ich spürte wie so oft den Vorwurf, der in ihnen lag, und konnte ihre zusammengekniffenen Augen und den ärgerlich gekräuselten Mund förmlich vor mir sehen.
»Du warst jetzt schon mindestens seit drei Monaten nicht mehr bei uns!«
Ja, meine Mutter kam immer schnell auf den Punkt. Viel Zeit hatte sie auch nicht, bei all den Aktivitäten, die ihre Tage füllten.
Bei uns hieß übrigens bei ihr und ihrem zweiten Mann. Mein Vater war vor 14 Jahren bei einem Unfall gestorben. Für mich war es damals ein riesiger Schock gewesen, den ich wohl bis heute nicht wirklich überwunden hatte. Nach dem Tod meines Vaters war nicht sehr viel Zeit vergangen, bis meine Mutter auf einer Wohltätigkeitsvernissage ihren jetzigen Mann, meinen Stiefvater, kennengelernt hatte. Und es war noch viel weniger Zeit ins Land gezogen, bis sie alles hatte stehen und liegen lassen (einschließlich mir), um zu ihm nach Berlin zu ziehen und ein Jahr später zu heiraten. Fast so, als hätten die Jahre und die Zeit mit meinem Vater nie existiert. Jedenfalls hatte ich das damals so empfunden. Und ich? Ja, ich war einfach da geblieben, wo ich war.
»Äh, danke der Nachfrage, Mama. Ja, es geht mir ganz gut. Ich bin gerade auf dem Weg …«, antwortete ich für meine Verhältnisse außergewöhnlich ironisch und schnippisch auf die nicht gestellte Frage meiner Mutter, wie es mir geht. Ich schob mein Verhalten auf meine derzeitige Depri-Phase.
Aber meine Mutter hatte mal wieder gar nicht richtig zugehört und somit auch nicht bemerkt, dass ich nicht auf ihre Frage geantwortet hatte. Sie unterbrach mich mitten im Satz: »Nelli, ich habe jetzt gar keine Zeit. Ich wollte nur wissen, ob du am Wochenende kommst.« Im Hintergrund hörte ich, wie jemand ungeduldig nach ihr rief. »Dein Stiefvater wartet. Ich soll ihm beim Aufräumen der Garage helfen. Da ist ja noch so viel zu tun. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.« Unterbrochen von einem theatralischen Seufzen fuhr sie unbeirrt mit ihrem Monolog fort. »Danach muss ich noch einen selbst gebackenen Kuchen im Seniorenheim vorbeibringen, die feiern heute ihr Sommerfest. Ach, dabei fällt mir ja ein, dass ich ihn dringend aus dem Ofen …«
»… nehmen und noch zwei weitere backen muss«, beendete ich den Satz für sie, denn ich wusste schon genau, was sie sagen würde. Schließlich plante sie jedes Jahr das Sommerfest im Seniorenheim und das für die Kirche. Nicht zu vergessen die Veranstaltungen im Landfrauen- und Heimatverein.
Vor ein paar Jahren waren sie an den Stadtrand von Berlin gezogen und meine Mutter hatte sich bei allen Wohltätigkeitsveranstaltungen, die das kleine Dorf hergab, angemeldet. Jedes Mal stand sie vorher tagelang unter Stress, damit am Ende auch alles klappte. Da es nie genug Kuchen auf all diesen Festen mit den endlos langen Tafeln gab, backte meine Mutter letzten Endes noch diverse Kuchen und Torten selbst.
Meine Unterbrechung machte sie für ein paar Sekunden tatsächlich sprachlos. Etwas, das ich, solange ich mich zurückerinnern konnte, noch nie erlebt hatte. Wow, dachte ich erstaunt, so eine Depri-Phase weckte anscheinend ungeahnte Kräfte in mir. Beflügelt von dieser neuen Erkenntnis sagte ich: »Mama, ich bin spät dran. Ich melde mich, falls ich es an einem der nächsten Wochenenden schaffe euch zu besuchen. Tschüss.«
Und dann legte ich einfach auf. Noch etwas, das ich bisher nie gemacht hatte. Ja, so war es immer mit meiner Mutter. Es ging hauptsächlich um sie, ihre wohltätigen Aktivitäten und das, was sie alles zu erledigen hatte. Mein Magen zog sich zusammen, als ich mich wieder einmal fragte, ob ich überhaupt einen Platz in ihrem Leben hatte, und falls ja, an welcher Stelle.
Um nicht weiter darüber nachzudenken, steckte ich schnell mein Smartphone in die Tasche meiner Strickjacke. Dabei fühlte ich den kleinen Zettel, den ich im Coffee & Cake abgerissen hatte. Eine Reise durch Irland, schoss es mir augenblicklich durch den Kopf. Vielleicht war das etwas, was mein Leben verändern würde.
Ich schüttelte über mich selbst den Kopf. So ein Unsinn! Das war nichts für mich. Ich tat schließlich nur Dinge, die vernünftig waren. So wie meine Mutter es mir jahrelang erfolgreich eingeschärft hatte. Aber warum eigentlich nicht? Was hielt mich davon ab, mal etwas anders zu machen? Etwas Neues zu wagen, wie Kati so schön gesagt hatte. Ein Abenteuer in meinem sonst so geregelten Leben. Das war doch eigentlich genau das, was ich mir heute Mittag im Café gewünscht hatte. Etwas sollte sich in meinem Leben ändern. Aber wer sagte mir, dass es ausgerechnet eine Reise durch Irland war? Würde eine Reise mein Leben verändern können? Doch dann kam mir wieder ein Satz von dem Aushang in den Sinn, der meine Neugier weckte: Es wird eine Reise zu dir selbst!
Was war damit wohl gemeint? Woher wollte der Veranstalter das so genau wissen? Aber genau dieser Satz ging mir nicht mehr aus dem Kopf und der kleine Zettel in meiner Hand fühlte sich auf wundersame Weise unglaublich gut an.
Gut, dass du endlich da bist«, empfing Anne mich am nächsten Morgen, nachdem ich fast eine Stunde zu spät zur Arbeit erschienen war. Aus einem mir unbegreiflichen Grund hatte mein Wecker heute Morgen nicht geklingelt. Allerdings musste ich die Möglichkeit einräumen, dass ich gestern Abend auch einfach nur vergessen hatte, ihn zu stellen, nachdem es sehr spät geworden war. Ich hatte noch lange mit einem Glas Weißwein auf meinem Balkon gesessen, in den glitzernden Sternenhimmel geschaut und über all meine Probleme nachgedacht. Als ich mich schließlich aufgerappelt hatte, um ins Bett zu gehen, war es weit nach Mitternacht gewesen.
Und nun war ich zu spät zur Arbeit gekommen, weil ich schlicht und einfach verschlafen hatte. In all den Jahren, in denen ich in der Kanzlei arbeitete, war mir das noch nie passiert. Trotzdem ich nach dem ersten Schock beim Blick auf meinen Wecker versucht hatte, mein Morgenprogramm im Turbogang zu durchlaufen, war ich schweißgebadet mit fast einer Stunde Verspätung bei der Arbeit angekommen. Doch Anne schien es nicht im Mindesten zu stören, so wie sie bis über beide Ohren grinsend hinter ihrem Schreibtisch saß.
»Du glaubst nicht, was heute Morgen hier schon los war!« Anne blickte mit glitzernden Augen in Richtung Bürotür unseres Chefs. Na, jetzt war ich aber mal gespannt. Ich konnte mir keinen Reim auf ihr Verhalten machen. Normalerweise verlief die erste Arbeitsstunde in der Kanzlei immer eher schleppend. Schnaufend ließ ich mich auf meinen Stuhl plumpsen und versuchte erst mal zu entspannen und meinen Puls wieder in den Normalbereich zu bekommen.
»Ich hoffe, was Gutes. Was anderes vertrage ich nach diesem Morgen nicht«, antwortete ich. »Na los, erzähl schon. Spann mich nicht länger auf die Folter! Und dann brauche ich dringend einen Kaffee, sonst überstehe ich den Morgen nicht.«
Anne lehnte sich über den Schreibtisch soweit es ging zu mir und fing an zu flüstern, als würde sie mir ein Geheimnis der Sicherheitsstufe Eins anvertrauen.
»Da ist gerade ein neuer Mandant beim Chef«, sagte sie und machte dabei ganz große Augen. Noch ein wenig leiser, sodass ich die Worte fast von ihren Lippen ablesen musste, fügte sie hinzu: »Supersüß.«
Dann legte sie eine bedeutungsschwere Pause ein, ich vermutete, um die Spannungskurve ein wenig nach oben zu treiben. Ich gab mich gelassen. Anne plapperte unterdessen weiter, ohne Luft zu holen. Kurz bekam ich Angst, dass sie gleich hyperventilieren würde, und überlegte, was in so einer Situation zu tun sei. Anne hingegen fuhr ungerührt meiner nicht ganz vollständigen Aufmerksamkeit dieser ungeheuerlichen Neuigkeit fort.
»Er ist Geschäftsführer bei dieser riesigen Baufirma Lünebau und stellt sich beim Chef vor. Wir sollen ihn, also die Firma Lünebau, in allen rechtlichen Fragen und Belangen vertreten …«
»Anne, jetzt halt mal die Luft an.«
Verdattert schaute sie mich an.
»Du redest ja ohne Punkt und Komma. Was ist denn mit dir los?« Fragend schaute ich sie an.
»Warte ab. Du wirst schon sehen. Aber sag hinterher nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.«
»Gewarnt? Wovor?«
»Dir wird die Luft wegbleiben. Du wirst auf der Stelle ohnmächtig werden oder sonst irgendetwas.« Anne blickte mich selbstzufrieden an und hob dabei bedeutungsvoll ihre linke Augenbraue. Das machte sie immer, wenn sie sich ihrer Sache ganz sicher war.
»Jetzt mach aber mal halblang!« Ich warf ihr ein spöttisches Grinsen quer über den Schreibtisch zu, konnte aber nicht abstreiten, dass meine Neugier nun doch ein klitzekleines bisschen geweckt war. Ich wischte die Gedanken jedoch sofort wieder beiseite.
»Außerdem solltest du anderen Männern keine schönen Augen machen, schließlich hast du doch Mark. Und wie ich zum Thema Männer stehe, weißt du«, setzte ich ein wenig unwirsch hinterher.
Gerade als ich mich zum ersten Mal an diesem Morgen meinem Kaffee und anschließend meiner Arbeit gewidmet hatte, öffnete sich hinter mir schwungvoll die Tür und unser Chef betrat mit dem neuen Mandanten das Büro.
»Ah, Frau Keller. Da sind Sie ja. Ich möchte Ihnen Herrn Lehmann vorstellen. Wir werden die Firma Lünebau in Zukunft in allen rechtlichen Angelegenheiten vertreten.«
Ich stand auf, drehte mich schwungvoll um und blickte geradewegs in ein Paar kristallklare blaue Augen. Für einen kurzen Moment blieb mir die Luft weg. Herr Lehmann stand dicht vor mir, guckte mich aus diesen wunderschönen Augen an und mein Herz setzte kurz aus, nur um gleich darauf mindestens doppelt so schnell zu schlagen. Ich musste zugeben, Anne hatte tatsächlich nicht übertrieben. Ich konnte meinen Blick nur schwer von ihm abwenden.
Bähm, da war er! Mein Traumprinz. Er hatte soeben mein Leben betreten und war tatsächlich in unser Büro marschiert. Nun gut, er hatte noch nicht gesagt, dass er schon immer nach mir gesucht hatte. Aber was nicht war, konnte ja noch werden. Man durfte ja wohl noch Träume haben. Er blickte mir tief in die Augen und lächelte mich dabei auch noch mit einem hinreißenden Lächeln an.
»Guten Tag, Frau Keller, mein Name ist Ben Lehmann. Schön, Sie kennenzulernen.« Er hielt mir die Hand hin und ich nahm sie zögerlich entgegen. »Herr Mertens hat mir schon erzählt, dass Sie für alle Angelegenheiten im Baurecht die Ansprechpartnerin sind.«
Es hatte mir sprichwörtlich die Sprache verschlagen. Mein Kopf war wie leergefegt. Es fühlte sich an, als sei er mit Watte gefüllt. Ich stand nur da, ließ geschehen, dass er meine Hand schüttelte, und starrte ihn an, unfähig, ein Wort zu sagen. Diese blauen Augen, die unverwandt auf mir ruhten, machten mich ganz nervös. Zu allem Überfluss wurde mir auch noch ein wenig schwindelig. Hilfe, bitte nicht jetzt! Eine leichte Panik stieg in mir auf. Reiß dich zusammen, Nelli. Ich atmete tief ein und aus und stellte erleichtert fest, dass mein Gehirn langsam wieder zu seiner normalen Funktion zurückfand. Vielleicht hatte es auch einfach daran gelegen, dass ich die ganze Zeit die Luft angehalten hatte oder dass Herr Lehmann meine Hand ein wenig länger festhielt und ein wenig länger in meine Augen blickte, als nötig gewesen wäre. Oder bildete ich mir das nur ein? Ich unterbrach diesen Moment, indem ich mich räusperte und dabei gleichzeitig eine weitere Portion Sauerstoff einatmete. Als ich endlich den Versuch wagte, etwas zu sagen, kam zumindest ein krächzendes »Ähm, ich – ich bin Nelli Keller« heraus. Ich räusperte mich erneut. »Auch schön, Sie kennenzulernen. Ähm …«, stotterte ich. Das passierte mir manchmal, wenn ich sehr aufgeregt war. Dann wusste ich auf einmal nicht mehr, was ich sagen sollte. Erst viel später fielen mir dann immer all die Worte ein, aber dann war es zu spät. Anne verfolgte die Szene unauffällig hinter einer Akte verborgen. Mir entging jedoch nicht ihr schmachtender Blick, mit dem sie an Herrn Lehmann hing.
Dieser hatte anscheinend nicht die gleichen Kommunikationsprobleme wie ich.
»Ja, sehr schön. Wir werden uns dann ja in der nächsten Zeit mit Sicherheit öfter sehen. Ich freue mich darauf!« Er zwinkerte mir dabei zu und wandte sich wieder meinem Chef zu, um sich zu verabschieden.
Als die beiden außer Hörweite waren, sprudelte es aus Anne nur so heraus.
»Na, was habe ich dir gesagt?« Triumphierend blickte sie mich an.
Ich dagegen hatte meine Sprache immer noch nicht vollständig wiedergefunden.
»Ha, ich wusste es doch!« Sie klatschte freudig in die Hände.
»Was?«, fragte ich einsilbig, in der Hoffnung, die Situation damit etwas runterspielen zu können.
»Nelli, du fährst total auf ihn ab. Und ich glaube, ihm geht es auch so. Er konnte die Augen ja gar nicht mehr von dir lassen. Nun sag schon, wie findest du ihn?«
»Ähm, ja der ist ganz nett, der Herr Lehmann«, ich gab mir Mühe, betont gelassen rüberzukommen, auch wenn es in meinem Bauch kribbelte wie verrückt. Annes Augenbrauen schnellten in die Höhe.
»Nee, ist schon klar! Von wegen ganz nett«, sie lachte auf, »Pah! Mir kannst du nichts vormachen, meine Liebe. Hast du diese Augen gesehen?«
Mist, sie hatte mich durchschaut. Ich konnte ihr einfach nichts vormachen. Wir kannten uns zu gut und das wusste sie auch ganz genau, so grinsend wie sie mich ansah. Vermutlich war es aber auch nicht besonders schwer zu erraten, was mit mir los war. Seit ich Herrn Lehmann gesehen hatte, konnte ich das Lächeln nicht mehr aus meinem Gesicht bekommen und die langsam nachlassende Hitze und das Brennen in meinem Gesicht ließen darauf schließen, dass ich sicher auch ein ganz klein wenig rot geworden war.
»Sag mal, wollen wir uns heute Abend in der Tapasbar am Marktplatz treffen? Dann können wir noch mal ganz in Ruhe über den lieben Herrn Lehmann plaudern.«
»Nee, ich kann nicht. Heute ist doch mein Opi-Tag«, antwortete ich. Dabei wich ich Annes prüfendem Blick aus und war ganz froh darüber, dieses Gespräch noch etwas aufschieben zu können. Zuerst würde ich selbst darüber nachdenken, warum in mir gerade so ein Aufruhr geherrscht hatte. Schließlich kannte ich Herrn Lehmann doch überhaupt nicht. Und außerdem wollte ich doch sowieso niemanden, der mein Leben auf den Kopf stellte. Niemanden, der mich und mein Leben durcheinanderbrachte. Niemanden, in den ich mich vielleicht verlieben und der mir dann sowieso das Herz brechen würde. Trotzdem die leise Stimme aus meinem Unterbewusstsein mir all diese schlauen Dinge unaufhörlich zuflüsterte, musste ich feststellen, dass Herr Lehmann sich immer wieder in meine Gedanken schlich.
Okay, Planänderung! Dann musste ich einfach ganz viele Dinge finden, die es unmöglich machen würden, weiter an ihn denken zu wollen. Ich dachte nach. Ja genau, vielleicht war er ja zum Beispiel super unordentlich. Vielleicht ließ er überall seine schmutzigen Sachen rumliegen, ließ leere Bierdosen auf dem Couchtisch oder dreckiges Geschirr in der Spüle stehen, abgeschnittene Fußnägel im Badezimmer, alte Socken neben dem Bett oder …
Brrr, ich schüttelte mich bei den Gedanken. Das alles konnte ich absolut nicht ausstehen. Schnell zählte ich in Gedanken noch ein paar weitere Dinge auf, die ich ganz furchtbar fand, um das Flattern in meinem Bauch zu unterdrücken. Aber diese verdammt hellblauen Augen wollten einfach nicht mehr aus meinem Kopf verschwinden. Das taten sie auch den ganzen restlichen Tag nicht und ich hatte Probleme, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren. Die Stunden zogen sich quälend in die Länge.
Anne und ich vertieften uns in die Aktenstapel, was mir ganz recht war, so konnte ich zumindest vorerst einem weiteren Gespräch über Herrn Lehmann aus dem Weg gehen, bis endlich Feierabend war!
»Tschüss, Anne, bis morgen!«, sagte ich und packte eilig meine Sachen zusammen, um mich auf den Weg zu Opa zu machen.
Als ich vor die Kanzlei trat, schien noch immer die Sonne. Es war ein wunderschöner warmer Sommertag Anfang Juli. Voller Vorfreude auf Opa machte ich mich das kurze Stück vom Büro zu seiner Wohnung zu Fuß auf den Weg. Das machte sicher auch meinen Kopf wieder frei, dachte ich hoffnungsvoll. Auf die Abende, die ich bei Opa verbrachte, freute ich mich immer sehr. Sie waren mir heilig. Er war ein sehr guter Zuhörer und kannte mich besser als jeder andere Mensch auf der Welt. Schon als Kind hatte ich an seinen Lippen gehangen, wenn er mir Geschichten von früher erzählte, und das hatte sich bis heute nicht geändert. Mit seinem inzwischen weißen, aber immer noch sehr vollen Haar und einer Größe von knapp 1,90 Meter war er eine stattliche Erscheinung. Jeden Tag zog er ein Hemd und eine Stoffhose an. Auch an Tagen, an denen er das Haus nicht mehr verließ, was in letzter Zeit leider immer häufiger vorkam. Umso wichtiger war es mir, so häufig wie möglich bei ihm vorbeizuschauen.
»Nelli, wie schön, dass du da bist! Ich freue mich schon den ganzen Tag auf dich!« Opa schloss mich in seine Arme und ich fühlte mich wieder wie ein kleines Kind, als ich mein Gesicht an seine Brust lehnte. Wunderbar aufgehoben und geborgen.
»Ach, Opa«, seufzte ich. »Ich bin so froh, bei dir zu sein.«
Opa wäre nicht Opa, wenn er nicht gleich merken würde, dass etwas anders war als sonst.
»Was ist denn, mein Kind? Komm erst mal rein, dann kannst du mir alles in Ruhe erzählen. Ich sehe dir doch an der Nasenspitze an, dass dir etwas auf dem Herzen liegt.«
Dabei lächelte er mich aufmunternd an, legte mir den Arm um die Schultern und lenkte mich direkt zu meinem Lieblingssessel im Wohnzimmer. Während er uns in der Küche einen Tee kochte, lehnte ich mich in dem großen Ohrensessel zurück und blickte zum Apfelbaum vor dem Fenster.
»So, meine Kleine. Nun schieß mal los. Ich bin schon ganz gespannt.«
Das ließ ich mir nicht zweimal sagen und erzählte ausführlich, was sich in den letzten Tagen alles ereignet hatte. Ich erzählte Opa sogar von der Begegnung mit Herrn Lehmann, die mir immer noch nicht aus dem Kopf gehen wollte.
»Ach, Kind, du darfst das Leben nicht so schwernehmen. Dazu ist es viel zu schön. Mach dir nicht immer so viele Gedanken. Du wirst sehen, es wird alles so kommen, wie es kommen soll, und das ist am Ende auch das Richtige.« Opa schaute mich aus seinen alten, leicht wässrig grauen Augen an. Auf seinen Lippen lag das mir altbekannte gutmütige, sanfte Lächeln. Was sollte ich ohne ihn und seine Ratschläge bloß tun? Er war immer für mich da. Er war stets mein Fels in der Brandung, auch wenn draußen die größten Stürme tobten. Bei ihm war ich sicher. Bei ihm war mein Zufluchtsort. Mir wurde ganz schwer ums Herz, wenn ich daran dachte, dass Opa nicht mehr ewig bei mir sein würde. Schnell fegte ich diesen Gedanken aus meinem Kopf.
»Das ist leichter gesagt als getan«, seufzte ich.
»Ich weiß, Nelli, aber du musst ganz fest daran glauben! Du weißt doch, sonst kann es nicht eintreffen.«
»Ja, ich weiß.« Nun musste auch ich lächeln. Früher, als ich klein war, hatte Opa mir immer erzählt, dass man sich alles herbeiwünschen kann. Es gab nur eine einzige Bedingung, damit es eintreffen kann. Man muss ganz fest daran glauben!
»Nelli«, fuhr er mit seiner tiefen, ruhigen Stimme fort, »du wirst sehen, Kati wird immer für dich da sein. Da bin ich mir ganz sicher! Sie ist ein gutes Mädchen und bisher ist sie mit dir immer durch dick und dünn gegangen. Was deine Mutter betrifft, na ja, du kennst sie doch! Sie ist nun mal, wie sie ist, und wir werden sie nicht mehr ändern. Und die Reise nach Irland«, er legte eine kurze Pause ein, »überleg es dir. Vielleicht ist es genau das, was du jetzt brauchst.«
Ja vielleicht, dachte ich im Stillen. Vielleicht hatte Opa recht.
»Tja, und was den jungen Mann angeht«, bemerkte Opa mit einem Grinsen, »vielleicht gehört ihr ja zusammen, wer weiß?«
»Opa!« Insgeheim verfluchte ich schon, dass ich Opa überhaupt davon erzählt hatte. Mittlerweile war ich fast schon davon überzeugt, dass ich bei der Begegnung mit Herrn Lehmann ein wenig überreagiert hatte. Ich hatte eindeutig zu lange keine ernst zu nehmende Beziehung mehr gehabt und in der Zwischenzeit viel zu viele Liebesromane gelesen. Seit der Sache mit Toni hatte ich mir geschworen, dass es für mich besser war, niemanden wieder so nah an mich heranzulassen. Dann konnte ich auch nie wieder so verletzt werden. Diese These hatte ich in den letzten Jahren verinnerlicht und bisher niemals infrage gestellt.
Unbeirrt der Tatsache, dass ich die Geschichte, wie Oma und Opa sich damals kennengelernt hatten, schon gefühlte tausendmal in all den Jahren gehört hatte, fing Opa an, sie mir erneut zu erzählen. Er vergaß natürlich auch nicht zu erwähnen, dass es bei ihnen Liebe auf den ersten Blick gewesen war! Obwohl ich diese Geschichte nun schon so oft gehört hatte, ergriff sie mich auch heute wieder aufs Neue und ich hörte gebannt zu.
Einen Tag später hatte Kati angerufen und mir mitgeteilt, dass sie ihr Projekt erfolgreich abgeschlossen hatte. Ich verschob meinen Opi-Tag und wir verabredeten uns für den nächsten Abend nach der Arbeit im Stadtpark auf unserer Bank. Dieser Treffpunkt existierte schon seit unserer Schulzeit. Hier hatten wir uns oft nach der Schule mit Freunden getroffen oder einfach nur zu zweit abgehangen. Nachdem ich mit Opa und Anne über meine Sorgen und Ängste, dass die Schwangerschaft von Kati unsere Freundschaft verändern würde, gesprochen hatte, fand ich die Vorstellung inzwischen gar nicht mehr so beunruhigend. Kaum hatte ich mich neben Kati auf die Parkbank gesetzt, gab es für uns nur noch dieses eine Thema.
»Ich hätte nicht gedacht, dass ich jemals Mama werden würde. Nelli, es fühlt sich so toll an!« Sie sah mich aus leuchtenden Augen an und wirkte so glücklich.
»Kati, ich freu mich so für euch! Wirklich! Es kam nur so unvorbereitet für mich und ich hatte Angst, dass du dann nur noch für dein Baby da bist und mich vergisst«, gestand ich flüsternd. »Es tut mir leid, dass ich so blöde Gedanken hatte.«
Kati sah mich aus weit aufgerissenen Augen an.
»Sag mal, spinnst du? So ein Quatsch, wie kommst du denn darauf? Ich habe dich doch lieb, Süße. Du gehörst doch zu unserer kleinen Familie dazu!«, sagte sie mit Tränen in den Augen. Das mussten wohl schon die Auswirkungen der Hormone sein. Aber warum hatte ich dann ebenfalls feuchte Augen? Meine Hormone waren doch in Ordnung. Ich versuchte den dicken Kloß in meinem Hals runterzuschlucken. Katis Worte hatten mich berührt, denn ich hatte manchmal das Gefühl, gar keine richtige Familie mehr zu haben, seitdem Papa nicht mehr lebte. Klar, da war Opa. Und dann war da noch meine Mutter mit ihrem Mann, aber das war etwas anderes. Ich konnte gegen diese Gefühle einfach nichts machen. Ganz besonders deutlich wurde es mir jedes Jahr an Weihnachten. Ich würde es nie wieder in unserem Zuhause feiern. In dem Zuhause, in dem ich aufgewachsen war. Denn meine Mutter hatte unser Haus verkauft, kurz nachdem sie geheiratet hatte. Oft dachte ich darüber nach, wie es wohl wäre, noch ein Zuhause zu haben, in dem meine Eltern lebten und sich freuten, wenn ich zu Besuch kam. Langsam kullerte eine Träne meine Wange runter. Ich nahm Kati in die Arme, um mich von meinen traurigen Gedanken abzulenken und ihr zu zeigen, wie sehr ich mich über ihre Worte freute. Jetzt wollte ich nicht mehr an das Vergangene denken. Jetzt wollte ich an etwas Schönes denken, an Katis Baby.
»Weißt du eigentlich schon, was es wird? Ein Junge oder ein Mädchen?«, fragte ich neugierig. Kati schmunzelte.
»Klar, aber wir werden es keinem erzählen. Nicht einmal dir! Du kannst doch sowieso kein Geheimnis für dich behalten.«
»Na toll! Jetzt werde ich das erste Mal so etwas wie eine Tante und dann werde ich bei etwas so Wichtigem nicht eingeweiht«, beschwerte ich mich und versuchte Kati einen möglichst vorwurfsvollen Blick zuzuwerfen, bis wir schließlich gemeinsam in Gelächter ausbrachen. Es war genauso wie früher. Genauso wie immer. All meine Bedenken waren umsonst gewesen, so wie Opa es vorausgesagt hatte.
»Los, lass uns noch etwas durch die Stadt bummeln und anschließend was essen«, schlug Kati vor. »Ich bin fast am Verhungern! Das letzte Mal, dass ich etwas gegessen habe, ist schließlich schon fast eine Stunde her.«
Auf dem Weg zu unserem Lieblingsitaliener erzählte ich Kati ausführlich von der Begegnung mit Herrn Lehmann.
»Mensch, Nelli, den musst du dir unbedingt schnappen! Wenn er nur halb so gut aussieht, wie du gesagt hast, und dann noch Chef einer Baufirma!«, grinsend zwinkerte sie mir zu.
»Na, du bist lustig. Wie stellst du dir das denn vor? Er ist unser Mandant, das geht doch nicht, oder? Und außerdem bin ich altmodisch, wie du weißt. Da muss der Mann schon den ersten Schritt machen.«
Kati stöhnte plötzlich neben mir auf. Abrupt blieb ich stehen und drehte mich besorgt zu ihr um.
»Kati, was ist mit dir? Ist alles gut? Tut dir was weh?«
»Nelli, beruhige dich wieder. Mir geht’s gut. Ich habe wegen deiner antiquierten Ansichten gestöhnt! Der Mann muss den ersten Schritt machen …«, äffte sie mich nach. »So wird das nie was! Wir brauchen einen Plan! Lass mich mal nachdenken. Mir fällt da bestimmt was ein.«
Daran hatte ich keinen Zweifel, aber ob mir das gefiel, war eine andere Sache. Je mehr Kati in Fahrt kam, desto mulmiger wurde mir. Auf einmal war ich mir gar nicht mehr so sicher, dass es eine gute Idee gewesen war, Kati von Herrn Lehmann zu erzählen. Schließlich war ich ihm ja erst einmal begegnet. Dass meine Gefühle da gleich so verrückt gespielt hatten, lag vermutlich einfach nur daran, dass ich so lange single war und zudem gerade in einer sehr emotionalen Phase steckte. Meiner selbstdiagnostizierten Depri-Phase. Kati plapperte unterdessen weiter munter vor sich hin und schmiedete wie wild einen Plan nach dem anderen, wie ich es anstellen konnte, dass Ben Lehmann mich zu einem Date einlud.
»Das wird schon. So machen wir das. Ich habe da ein richtig gutes Gefühl bei der Sache«, versicherte sie mir. »Oder, Nelli, was meinst du?«
»Ähm. Ich weiß nicht so recht …« Wie konnte ich ihr beibringen, dass ich ihr gar nicht mehr zugehört hatte? Aber einfach Katis Plänen zustimmen, konnte ich auf gar keinen Fall. Das hatte mich schon mehr als einmal in brenzlige Situationen gebracht. Das war nicht gut. Das war ganz und gar nicht gut. Stattdessen versuchte ich das Gespräch in ungefährlichere Bahnen zu lenken.
»Du und deine Gefühle. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich darauf in deiner jetzigen Situation verlassen sollte.«
»Was soll das denn bitte schön heißen?« Kati tat beleidigt.
»Lass uns lieber das Thema wechseln, Kati.«
Dafür fing ich mir zwar einen argwöhnischen Blick ein, aber das war es mir wert. Es hatte immerhin funktioniert, Kati von ihren Plänen abzubringen, zumindest für den Moment. Und das war gut.
Den Rest des Abends sprachen wir über alles Mögliche und lachten viel. Es war, zu meiner großen Erleichterung, wie immer. Die Themen Baby und Herr Lehmann waren erst mal auf Eis gelegt, was mir nur allzu gelegen kam. Zumindest wenn es um das Thema Herr Lehmann ging. Nach meinem zweiten Glas Weißwein war es schon so spät geworden, dass ich erschrocken aufsprang, als ich auf meine Uhr schaute.
»Boah, Kati, es ist schon gleich dreiundzwanzig Uhr! Ich muss morgen früh raus und brauche meinen Schönheitsschlaf. Schließlich bin ich keine dreißig mehr.« Hektisch fing ich an meine Sachen zusammenzusuchen.
»So spät schon«, gähnte Kati. »Ja, du hast recht. Ich muss morgen auch früh raus. In der Firma wartet ein voller Terminkalender auf mich.«
»Danke für den schönen Abend!«, sagte ich lächelnd.
Vor dem Restaurant nahmen wir uns in den Arm und verabschiedeten uns, um dann in verschiedene Richtungen auseinanderzugehen.
Meine Wohnung lag nicht weit vom Stadtkern entfernt, in einem alten, schmalen und windschiefen Giebelhaus aus Backstein, von denen es zahlreiche in Lüneburg gab. Ich ging über das holprige Kopfsteinpflaster durch die Straßen der Altstadt. Vorbei an kleinen, verwinkelten Häusern mit wunderschönen Giebeln und bunten Haustüren. Müde schleppte ich mich die drei Stockwerke, zu meiner kleinen, kuscheligen Altbau-Dachgeschoss-Wohnung hoch. Durch ihre Schrägen und Erker sowie die vielen kleinen Fenster hatte sie einen ganz besonderen Charme. Mein persönliches Highlight war der kleine Balkon, den man über die Küche erreichte. Es passten nur zwei Klappstühle und ein winziges Tischen darauf, aber von dort hatte ich einen tollen Blick über die Dächer der Altstadt bis hin zur St. Michaeliskirche. Oft setzte ich mich früh morgens mit einem Kaffee dorthin und genoss den Ausblick. Abends konnte ich stundenlang mit einem Glas Weißwein dort sitzen und der Sonne zusehen, wie sie langsam hinter den Türmen der Kirche verschwand. Die Wohnung war ein echter Glücksgriff gewesen. In Lüneburg war es aufgrund der vielen Studenten nicht leicht, eine bezahlbare Wohnung zu ergattern. Ich freute mich, endlich zu Hause zu sein. Bei dem Gedanken an mein kuschelig weiches Bett merkte ich plötzlich, wie müde ich war, und gähnte.
Vor meiner Wohnungstür angekommen, suchte ich in den Taschen meiner Strickjacke nach dem Schlüssel. Dabei fühlte ich etwas kleines, zerknittertes … Der Zettel!, schoss es mir durch den Kopf. Der Zettel mit der E-Mail-Adresse von Herrn Meyer. Die Irlandreise. Fast hatte ich den Zettel in meiner Tasche vergessen. Jetzt wo ich ihn in meinen Händen spürte, war da wieder dieses seltsame Gefühl. Dieses Gefühl von Aufregung, Ungewissheit, aber auch Vorfreude und vielleicht sogar ein wenig Angst vor dem, was mich auf der Reise erwarten würde. Konnte ich das wirklich einfach so machen? Würde ich mir das überhaupt zutrauen? Mit anderen fremden Menschen? In Gedanken versunken schloss ich die Tür zu meiner Wohnung auf, ließ sie hinter mir ins Schloss fallen und lehnte mich mit dem Rücken dagegen. Den kleinen Zettel hatte ich immer noch ganz fest in meiner Hand.
Die Tage vergingen, ohne dass Ben Lehmann sich noch mal in unserer Kanzlei sehen ließ oder zumindest anrief. Wie es schien, lief in der Firma Lünebau alles prächtig, zumindest brauchte er unsere Unterstützung im Moment nicht. Meine Enttäuschung darüber versuchte ich so gut es ging zu ignorieren. Schließlich hatte ich ihn bisher nur einmal gesehen. Aber warum musste ich dann so oft an ihn denken? Warum kreisten meine Gedanken immer wieder um Ben Lehmann? Ständig tauchten seine blauen Augen wie aus dem Nichts auf und brachten mich ganz durcheinander. Ich fragte mich, ob es ihm wohl ähnlich ging. Doch je länger ich darüber nachdachte und je mehr Zeit ins Land ging, desto mehr kam ich zu der Überzeugung, dass ich seine Blicke und sein Lächeln einfach falsch interpretiert hatte.
Mein Leben verlief wieder in ruhigen, geregelten Bahnen. So, wie ich es kannte und bis vor Kurzem auch immer geliebt hatte. Ich ging zur Arbeit, zweimal in der Woche schwitzte und quälte ich mich beim Bauch-Beine-Po-Kurs mit zwölf anderen verrückten Mädels, die einer Bikinifigur entgegenstrebten. Jeden Dienstag und Donnerstag besuchte ich nach der Arbeit Opa und berichtete ihm, was ich in der Zwischenzeit erlebt hatte. Da sich im Grunde jeder Tag ziemlich gleich abspielte, war das meist in wenigen kurzen Sätzen erzählt. Dabei goss ich Opas Blumen, versorgte seine Katze oder räumte ein wenig seine Wohnung auf. Manchmal kaufte ich auf dem Weg noch im Supermarkt ein. Dann kochte ich für uns ein Abendessen, das wir bei gutem Wetter gemeinsam im Schatten unter dem alten Apfelbaum genossen. Meine Mutter rief noch ein paar Mal bei mir an und machte mir ein schlechtes Gewissen, da ich immer noch nicht bei ihnen vorbeigekommen war. Schließlich, so ihre Auslegung, würde ich mich ja sowieso immer nur um meine Dinge kümmern. Bei einem dieser Telefonate erzählte ich ihr von der Reise nach Irland, wohl in der Annahme, es könnte sie interessieren. Aber von ihr kam nur Unverständnis. Wieder einmal fragte ich mich im Nachhinein, was ich eigentlich erwartet hatte. Und wann ich endlich lernen würde, nicht mehr von ihrem Desinteresse enttäuscht zu sein und stattdessen mein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Mit jedem weiteren eintönigen Tag wurde ich unzufriedener. Das einzige, woran ich immer wieder dachte, waren zwei Dinge: Ben Lehmann und dass ich immer noch nichts in meinem Leben verändert hatte. Was denn auch? Doch immer, wenn ich mir diese Frage stellte, spukte unwillkürlich die Reise nach Irland in meinem Kopf herum und ließ mich nicht mehr los. Bislang hatte ich mich zu keiner Entscheidung durchgerungen. Eigentlich hatte es mich nie gereizt, in den kühlen, verregneten Norden zu fahren. Ich, die Sonnenanbeterin schlechthin, sah mich eher auf einer Liege am Pool im sonnigen Süden aalen. Mit einem Buch in der Hand und einem Cocktail neben mir. Was genau ließ mich also immer wieder diesen kleinen Zettel mit der E-Mail-Adresse in die Hand nehmen?
An diesem Abend ließ ich meinen Bauch-Beine-Po-Kurs sausen und schlenderte stattdessen ziellos durch die kleinen hübschen Gassen Lüneburgs. Meine Lieblingsstadt! Ich sog die angenehm warme Sommerluft ein und schlängelte mich gedankenverloren zwischen den Menschenmengen hindurch. Im Sommer war die Stadt besonders voll und man hatte das Gefühl, ganz Lüneburg sei auf den Straßen unterwegs. Einen großen Teil trugen sicher auch die unzähligen Touristen bei, die täglich durch die Stadt strömten. Hier und da sah man sogar um diese Uhrzeit noch größere Gruppen, die eine Stadtführung machten. Sämtliche Plätze vor den Cafés und Restaurants waren bereits besetzt. Rastlos ging ich weiter, ließ mich einfach treiben. Als ich aus meinen Gedanken auftauchte, befand ich mich am Alten Kran. Ich setzte mich am ehemaligen Ilmenau-Hafen ans Wasser, ließ meine Beine baumeln und schaute den vorüberziehenden Menschen nach. Dabei versuchte ich mir vorzustellen, was sie wohl für ein Leben führten. Wer waren sie? Was machten sie? Waren sie glücklich? Warum machte ich mir eigentlich ständig Gedanken über andere? Es ging um mich. Wie ging es mir? Das war die Frage, die ich beantworten sollte! Aber das konnte ich nicht, dessen war ich mir nur allzu bewusst.
Meine Füße hingen im kühlen Wasser und sorgten nach und nach dafür, Klarheit in meine wirren Gedanken zu bringen. Langsam dämmerte mir, was ich tun würde. Nein, auf einmal wusste ich ganz genau, was ich tun musste! Was das Richtige für mich war. Ich wollte nach Irland! Ich würde diese Reise machen! Erleichtert, mich endlich zu einer Entscheidung durchgerungen zu haben, atmete ich tief durch. Ja, dachte ich zufrieden, das fühlte sich richtig an. Nach der ganzen Zeit des ständigen Abwägens von Für und Wider erschien es mir nun absolut logisch und sonnenklar. Warum ich überhaupt so lange gebraucht hatte, um das zu verstehen, war mir plötzlich ein Rätsel. Gleich wenn ich nach Hause kam, würde ich Herrn Meyer eine E-Mail schreiben. Hoffentlich war es nicht schon zu spät! Hoffentlich hatte ich nicht schon wieder viel zu viel Zeit verstreichen lassen mit meiner ewigen Unschlüssigkeit. Auf einmal konnte es nicht schnell genug gehen. Ich zog meine Schuhe an und ging eilig nach Hause. Auf dem Weg machte ich schon eine Liste, was ich alles noch klären und vorbereiten musste, falls ich von Herrn Meyer eine Zusage bekam. Ein Gefühl der Vorfreude durchströmte mich, was meine Schritte noch ein wenig schneller werden ließ. Als Erstes würde ich gleich morgen mit meinem Chef und Anne sprechen, ob ich überhaupt Urlaub bekommen könnte. Vermutlich würde das kein Problem sein, genug Urlaubstage hatte ich noch und mein Chef hatte bisher nie Probleme gemacht, wenn es um meine Urlaubswünsche ging. Alles andere verschob ich erst mal auf später. Eins nach dem anderen, Nelli, beruhigte ich mich. Gedanklich war ich allerdings schon mit der Formulierung der E-Mail beschäftigt.
In meiner Wohnung angekommen, riss ich als erstes die Balkontür auf. Es hatte sich die Wärme vom ganzen Tag unter dem Dach angestaut und die Wohnung glich einer Sauna. So konnte ich keinen klaren Gedanken fassen, geschweige denn schreiben. Einen Moment blieb ich an der geöffneten Tür stehen und schaute über die Dächer. Ich atmete ein paarmal tief die kühler gewordene Abendluft ein. Auf dem Weg zu meinem Notebook holte ich mir noch schnell ein Glas Weißwein aus dem Kühlschrank, setzte mich damit an den Küchentisch und klappte mein Notebook auf. Ich öffnete das E-Mail-Programm, holte mit zittrigen Fingern den kleinen zerknitterten Zettel aus meiner Tasche und fing an zu schreiben. Zuerst meine Eckdaten. Ich war mir nicht ganz sicher, was Herr Meyer sich unter Eckdaten so vorstellte. Also fing ich damit an, meinen Namen, mein Alter, was ich beruflich machte und meinen Beziehungsstatus aufzuschreiben. Nachdem ich damit fertig war, schloss ich meine Augen und dachte einen Moment darüber nach, wie ich formulieren konnte, was mich bewegte, diese Reise zu machen. Dann schrieb ich weiter.
… Ihr Aushang mit der Reise nach Irland ist mir in einem Moment ins Auge gefallen, in dem ich ein wenig aus dem Gleichgewicht gekommen war.
Seitdem hatte ich immer wieder plötzlich den kleinen abgerissenen Zettel mit Ihrer E-Mail-Adresse in der Hand. Ich befinde mich gerade in einer Phase meines Lebens, wo ich nicht so genau weiß, was ich eigentlich will, wohin ich eigentlich will und ich habe immer wieder das Gefühl, es muss sich etwas ändern.
Ich möchte mich auf eine Reise zu mir selbst machen! Ja, genau das ist es, was ich möchte. Das hört sich jetzt vielleicht ein wenig komisch an, oder?
Ich würde mich dennoch darüber freuen, eine Antwort von Ihnen zu erhalten.
Herzliche Grüße
Nelli Keller
Nachdem ich endlich fertig war, las ich mir die E-Mail nochmals durch und dann noch mal und noch mal. Je öfter ich sie durchlas, desto unsicherer wurde ich. Mein Deutschlehrer hatte recht. Ich hatte eindeutig kein Talent zum Schreiben. Es fing schon bei einer einfachen E-Mail an. Vermutlich war es keine schlaue Idee, sie abzuschicken. Am besten wäre es, sie gleich wieder zu löschen. Entmutigt schloss ich kurz die Augen, atmete tief durch und versuchte mich auf meinen Atem zu konzentrieren. Erst vor Kurzem hatte ich gelesen, das würde helfen, die innere Mitte wieder zu finden. Okay, Nelli, noch mal ganz von vorne. Reiß dich zusammen! Ich war mir doch vorhin ganz sicher gewesen. Oder war es etwa Angst, die mich davon abhielt, auf Versenden zu klicken? Je länger ich vor der geschriebenen E-Mail saß und auf den Bildschirm starrte, desto sicherer war ich mir, dass die Idee, diese Reise zu machen, total schwachsinnig war. Meine Gedanken wurden jäh durch ein lautes Klingeln an meiner Wohnungstür unterbrochen. Ich fuhr vor Schreck zusammen und drückte dabei aus Versehen die linke Maustaste. Ihre E-Mail wurde erfolgreich versendet! Verdammte Schei …, äh Mist! Wie konnte das denn passieren? Hektisch schaute ich von der Wohnungstür zu meinem Notebook und zurück. Unschlüssig, was zu tun sei, klickte ich wild im E-Mail-Programm hin und her, bis ich schließlich auf die Idee kam, im Postausgang nachzusehen, ob ich die versendete Mail noch irgendwie aufhalten konnte. Natürlich erfolglos. Ich war nicht schnell genug gewesen. Währenddessen klingelte es erneut an meiner Wohnungstür, diesmal länger und drängender.
Wer zum Teufel konnte das denn um diese Uhrzeit überhaupt sein? Laut fluchend machte ich mich auf den Weg zur Tür. Ich wusste gar nicht, worüber ich mich mehr ärgerte, darüber, dass ich aus Versehen die E-Mail verschickt hatte, oder darüber, dass um diese Uhrzeit noch jemand bei mir klingelte. Unwirsch öffnete ich schwungvoll die Wohnungstür und blickte geradewegs in das total verheulte Gesicht von Anne. Neben ihren Füßen standen zwei Koffer. Oje, das konnte nichts Gutes bedeuten und ehe ich mich versah, lag Anne schluchzend in meinen Armen.
»Was ist passiert?«, wollte ich wissen und versuchte zeitgleich Anne und ihre zwei Koffer in meine Wohnung zu ziehen. Ein schwieriges Unterfangen.
»Dieser Mistkerl hat mit mir Schluss gemacht!«, brachte Anne mühsam zwischen zwei sintflutartigen Heulkrämpfen hervor.
»Mark?«, fragte ich unnötigerweise.
»Wer denn sonst?«, heulte Anne. »Und sprich nie wieder diesen Namen in meiner Gegenwart aus. Hast du verstanden? Nie wieder!« Der Rest des Satzes ging in einer erneuten Tränenflut unter.
Ich war innerlich hin- und hergerissen, was im Moment dringender meiner Aufmerksamkeit bedurfte. Die soeben aus Versehen versendete E-Mail oder Anne, die heulte, was ihre Tränendrüsen hergaben. Ich beschloss, dass ich die E-Mail jetzt sowieso nicht mehr retten konnte. Und eine zweite Mail an Herrn Meyer zu schicken, dass es sich um ein Versehen gehandelt hatte, kam mir auch fragwürdig vor. Vielleicht hatten sich ja schon so viele bei ihm angemeldet, dass sowieso kein Platz mehr für mich frei war, beruhigte ich mich selbst. Schließlich hatte ich den kleinen Zettel eine Ewigkeit mit mir herumgeschleppt. Außerdem wusste ich ja gar nicht, wie lange er schon im Fenster des Coffee & Cake
