Der Eichtannhof - Dieter Ebels - E-Book

Der Eichtannhof E-Book

Dieter Ebels

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Beschreibung

Dieter Ebels Der Eichtannhof Zwischen Schicksal und Intrigen Eine Schwarzwaldgeschichte Auf dem Eichtannhof leben drei Generationen unter einem Dach. Das Bauernehepaar Thomas und Gabriele Moosfaller führt nicht nur den landwirtschaftlichen Betrieb, sondern vermietet auch noch Ferienwohnungen. Die Bewohner des Hofes, zu denen auch noch ein Knecht und eine Magd gehören, leben scheinbar in einer geregelten und idyllischen Welt, doch dieser Schein trügt. Die Bäuerin empfindet plötzlich Gefühle für einen ihrer Feriengäste, und die beiden kommen sich sehr nah. Es fällt ihr schwer, es ihrem Mann gegenüber zu verbergen, nichtsahnend, dass auch er ein dunkles Geheimnis mit sich herumträgt. Zudem kann niemand ahnen, dass ein drohendes Unheil über dem Eichtannhof liegt, denn die Schwägerin des Bauern will den Hof an sich reißen, und der Mord an ihrem Schwager ist bereits geplante Sache. Ein Potpourri aus Liebe, Leidenschaft und Intrigen, gewürzt mit einer kräftigen Prise Erotik, verwandelt die Geschichte in ein aufregendes und prickelndes Lesevergnügen.

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Seitenzahl: 389

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhaltsverzeichnis

Böse Gedanken

Alltag auf dem Eichtannhof

Dienstag

Die neuen Gäste

Die Beichte von Frau Schmitz

Der Mann mit dem Fotoapparat

Die Besichtigung

Der geheimnisvolle Mann

Das Karma der Verlockung

Mittagszeit

Im Leibgedinghaus

Familienzusammenkunft

„Gute Nacht, Thomas“

Bettinas tödlicher Plan

Donnerstag

Das Kaufangebot

Der Bauer und die Magd

Das Angebot

Eine verhängnisvolle Begegnung

Freitag

„Der Teufel ist unter uns.“

Gerber macht Druck

Eine dunkle Wolke

Eine unverzeihliche Sünde

Morden ist nicht schwer

Samstag

Alinkas Überraschung

Thomas, heute wirst du sterben

Bettinas neue Hinterhältigkeit

Erneuter Polizeibesuch

Sonntag

Bedrückende Geständnisse

Eine verwirrte Gedankenwelt

Dienstag

Heikle Gedanken

Ein böser Plan

Ein schwarzer Tag

Freitag

Alles ist anders

Sonntag

Ein neuer Tag

Montag

Böse Gedanken

Bettina Moorfaller stand am Fenster ihrer Freiburger Wohnung und schaute hinaus. Von hier oben aus dem zweiten Stockwerk hatte sie einen Blick auf das Getümmel, welches rund um dem berühmten Münstermarkt herrschte. Zahlreiche Händler boten hier an ihren Verkaufsständen alles an, was die Besucher begehrten.

Als Bettina und ihr Mann Bernhard vor einem Jahr hier eingezogen waren, war sie noch stolz darauf, eine renovierte Altbauwohnung in der begehrten Innenstadt ergattert zu haben. All ihren Freundinnen hatte sie erzählt, dass sich schließlich nicht jeder, angesichts der stolzen Mietpreise in der Altstadt, dort eine Wohnung leisten könne.

Mittlerweile ging ihr aber der tagtägliche Rummel vor ihrem Haus gegen den Strich. In anderen Städten fand ein- oder zweimal in der Woche ein Wochenmarkt statt. Der Münstermarkt vor ihrer Haustür kannte aber nur einen Ruhetag, und das war der Sonntag. Ansonsten öffnete er jeden Morgen um halb Acht.

Bettina dachte daran, dass sie etwas Besseres verdient hatte, als diesen täglichen Trubel hier ertragen zu müssen. Sie träumte davon, in einer noblen, ruhigen Wohngegend in einen schicken Einfamilienhaus zu leben, und es gab in ihren Augen sogar die Möglichkeit, wie dieser Traum wahr werden könnte.

Sie war fest dazu entschlossen, diese Möglichkeit beim Schopf zu fassen, doch die Sache hatte einen Haken. Um ihren Traum verwirklichen zu können, musste ihr Schwager Thomas sterben.

Thomas Moorfalter, der Bruder ihres Mannes Bernhard, war Bauer und Eigentümer des Eichtannhofes. Dieses stattiche Gehöft befand sich im Hochschwarzwald in der Nähe des Städtchens Simonswald. Das Anwesen lag in einem Seitental an einem Südhang in einer Höhe von fast 500 Metern. Von dort oben aus konnte man nicht nur die Aussicht über das darunter liegende Tal genießen, sondern auch einen herrlichen Fernblick auf die Schwarzwälder Höhenzüge.

Thomas, der ältere der beiden Moorfaller-Brüder, hatte den Hof übernommen, als sein Vater, der Altbauer, sich zur Ruhe gesetzt hatte. Weil es so Sitte war, dass der älteste Sohn den Hof mit allem drum und dran übernehmen sollte, hatte Bettinas Mann Bernhard, der damals noch Junggeselle war und sowieso kein Bauer werden wollte, auch keine Einwände gehabt. Auch, wenn Bernhard auf dem Hof aufgewachsen und mit der bäuerlichen Arbeit vertraut war, hatte er stets andere berufliche Ziele verfolgt. Er wollte immer Architekt werden, doch da seine schulischen Leistungen für diesen Beruf nicht ausgereicht hatten, war er schließlich Bauzeichner geworden und arbeitete jetzt in einem großen Architekturbüro. Er hatte sich dort hochgearbeitet und verdiente mittlerweile als Bautechniker gutes Geld, doch das war in den Augen seiner Frau nicht genug, um ihre Ansprüche zu erfüllen.

Bettina wandte sich vom Fenster ab.

Sie ging ins Bad und betrachtete sich im Spiegel.

Du siehst verdammt gut aus für dein Alter, dachte sie und betrachtete ihre extravagante Frisur.

Mit ihrem Pagenschnitt und den rot gefärbten Haaren stach sie überall sofort ins Auge. Das Alter von 45 Jahren sah man ihr wirklich nicht an. Sie wirkte wesentlich jünger. Ein Blick auf ihre Fingernägel ließ ein zufriedenes Lächeln auf ihren Lippen erkennen.

Ich bin voll im Trend. Auffallen ist alles.

Sie hatte sich gestern im Kosmetikstudio ganz besondere Fingernägel aufkleben lassen, blutrote Kristall-Katzenaugen-Nägel.

Blutrot, ging es ihr durch den Kopf und das erinnerte sie daran, dass ihr Schwager sterben musste, damit sie endlich das Leben leben konnte, das sie verdient hatte.

Darauf, dass Thomas eine Frau und zwei Kinder hatte, konnte sie keine Rücksicht nehmen.

Sie kannte den notariell festgelegten Vertrag, den ihr Schwager Thomas und ihr Mann Bernhard damals unterzeichnet hatten, ganz genau. Thomas hatte den Hof bekommen und Bernie, wie sie ihren Mann immer nannte, hatte auf alles verzichtet. In diesem Vertrag war auch die Leibgedingregelung enthalten. Leibgeding bedeutete, dass Thomas verpflichtet war, den Altbauer und die Bäuerin, also seine Eltern, bis zu ihrem Lebensende komplett zu versorgen. Die beiden wohnten ebenfalls auf dem Eichtannhof im sogenannten Leibgedinghaus. Das alles war in dem Vertrag festgelegt. Darin war aber auch geregelt, dass im Falle des Todes vom jetzigen Bauern, also von Thomas, der gesamte Besitz an seinen Bruder ginge. Laut des Vertrags wäre Bernhard als zweiter Sohn Alleinerbe. Da Bernies Vater sich aus gesundheitlichen Gründen sehr früh als Altbauer hatte zurückziehen müssen, war dieser Vertrag zustande gekommen, als seine beiden Söhne noch Junggesellen waren und keine eigenen Familien hatten.

Bettina hatte eine Kopie des Vertrages zur Überprüfung einem Anwalt vorgelegt. Demnach war ihr Mann Bernie zweifelsfrei der Alleinerbe seines Bruders. Der Anwalt hatte gesagt, dass bei einem solchen Vertrag weder für Thomas´ Frau noch für seine Kinder die Chance bestehen würde, diesen Vertrag anzufechten, solange Thomas das nicht in einem Sondervertrag regeln würde. Da man sich in der Familie vertraute, wäre Thomas auch niemals auf die Idee gekommen, so einen Sondervertrag abzuschließen.

Das bedeutete, dass im Falle von Thomas´ Tod ihrem Mann Bernie nicht nur der Eichtannhof gehören würde, sondern auch ein fünf Hektar großes Waldgrundstück und die zum Hof gehörenden zehn Hektar Wiesen- und Weideflächen.

Bei den Gedanken an so ein großes Erbe atmete Bettina Moosfaller tief durch.

Nun dachte sie an ihren Mann Bernhard. Nicht nur, dass er sie liebte. Er vergötterte sie regelrecht und versuchte, ihr jeden Wunsch zu erfüllen.

Doch leider konnte er ihr nur kleine Wünsche erfüllen. Für ihre richtig großen Wünsche reichten ihre Finanzen nicht aus.

Ihr war auch bewusst, dass Bernie seinen Bruder Thomas liebte. Genau wie Thomas für ihn, würde auch er immer für seinen Bruder da sein.

Die Gedanken sind frei, dachte Bettina. Gut, dass Bernie nichts von meinem Vorhaben weiß.

Sie war sich der Tatsache sicher, dass auch für ihren Mann eine Welt zusammenbrechen würde, wenn sein Bruder Thomas sterben würde, aber auch das war ihr egal.

Bettina wusste noch nicht genau, wie sie Thomas töten würde. Gedanklich war sie schon einige Möglichkeiten durchgegangen. Sie könnte etwas nachhelfen und seinen Tod wie einen Unfall aussehen lassen. Auf dem Bauernhof gab es viele Möglichkeiten. Thomas könnte vom Heuboden stürzen und auf den nach oben stehenden Forken eines Pfluges landen. Er könnte in einen Silo stürzen oder, weil er unvorsichtig war, vom eigenen Traktor gegen eine Wand gequetscht werden. Bettina hatte dem Bauern schon oft auf dem Hof bei der Arbeit geholfen und wusste, wie einfach es sein würde, einen solchen Unfall zu in-szenieren. Sie könnte es sich aber auch einfacher machen und ihm irgendein Gift ins Getränk mischen.

Bettina war sich noch etwas unschlüssig, was den geplanten Tod von Thomas anging, denn sie wusste nicht genau, wie sie ihn töten wollte. Fest stand aber, dass Thomas sterben würde.

Von einer Freundin, deren Mann bei einer Immobilienfirma arbeitete, hatte sie erfahren, dass die Grundstückspreise hier in Freiburg bei durchschnittlich 950 Euro pro Quadratmeter lagen. Von dieser Freundin war sie ebenfalls davon unterrichtet worden, dass es eine große Hotelkette gab, deren Inhaber in beliebten Urlaubsgebieten luxuriöse Erholungsoasen erschaffen wollten. Dazu wurden große Baugrundstücke in exponierter Lage gesucht. Die Lage des Eichtannhofes würde sich für eine solche Hotelanlage regelrecht aufdrängen. Nicht nur, dass der Hof in einer begehrten Urlaubsregion im Hochschwarzwald lag, die traumhaft schöne Aussicht vom Hof tat ihr Übriges dazu. Bettina hatte sich mit den Investoren in Verbindung gesetzt und gesagt, dass sie eventuell ein passendes Grundstück anbieten könnte. Sie wollte wissen, wie viel sie für ein solches Grundstück bezahlen würden. Ihr war gesagt worden, dass man ohne Besichtigung des Objekts dazu nichts sagen könne. Da hatte sie gemeint, dass so etwas momentan nicht möglich sei. Als sie den Investoren aber dann die außergewöhnliche Lage des Grundstückes beschrieben hatte, waren diese hellhörig geworden. Man hatte ihr erklärt, dass für die geplante Luxushotelanlage ein Areal von 20 000 Quadratmetern benötigt würde und dass sie, sollte die Lage tatsächlich dermaßen exponiert sein, bis zu 200 Euro pro Quadratmeter zahlen würden. Daraufhin hatte Bettina gesagt, dass zunächst noch etwas abzuklären sei und sie sich wieder bei ihnen melden würde.

Da sie von den hohen Grundstückspreisen in Freiburg wusste, war sie von dem Angebot des Investors zunächst enttäuscht. Dann aber hatte sie nachgerechnet, wie viel Geld dieses Angebot einbringen würde und geschluckt, als sie das Ergebnis sah; vier Millionen Euro!

Das war nur die Summe für das Grundstück, auf dem die Gebäude des Gehöfts standen und das flache Areal, welches den Hof direkt umgab. Dann waren da noch die zehn Hektar Wiesen- und Weideflächen und das fünf Hektar großer Waldgrundstück, welche zum Eichtannhof gehörten. Aus Gesprächen mit ihrem Mann wusste Bettina, dass die Bauern aus den umliegenden Höfen schon immer großes Interesse an diese Grundstücke hatten. Es wäre also kein Problem, auch diese für gutes Geld zu verkaufen.

Bettina Moorfaller war nicht dumm. Zwischen ihr und ihrem Mann Bernhard gab es keinen Ehevertrag. Damit gehörte alles, was in ihre Ehe eingeflossen war, zur Hälfte ihr. Wenn Bernie nach Thomas´ Tod sein Erbe antreten würde, wäre sie eine reiche Frau.

Sie hatte alles bis ins Kleinste durchdacht.

Bettina würde nach dem Tod des Bauern hinter Bernie stehen und ihm bei der Trauer um seinen geliebten Bruder nah sein. Sie würde auch Thomas´ Hinterbliebenen, also seiner Familie, mit Rat und Tat beiseite stehen und sie unterstützen. Auch dem Altbauernpaar, welches auf dem Anwesen im Leibgedinghaus wohnte, würde sie sofort sagen, dass Bernhard und sie weiterhin bis an ihr Lebensende für sie aufkommen würden.

Für einen Augenblick dachte sie an Thomas´ Frau. Bettina hatte ihre Schwägerin Gabriele noch nie so richtig gemocht. Sie beneidete die jetzige Bäuerin. Nicht, wegen ihrer Position, sondern wegen ihres Aussehens. Gabriele war eine Naturschönheit, die es nicht nötig hatte, auch nur ein Gramm Schminke an sich zu verschwenden. Bereits früher hatte Gabriele mit ihrem anmutigen Gesicht, ihren langen, schwarzen Haaren und ihrem unwiderstehlichen Lächeln dafür gesorgt, dass alle Männer von ihr fasziniert waren. Doch sie selbst hatte sich noch nie für andere Männer interessiert, denn sie liebte ihren Thomas über alles. Sie war eine vorbildliche Ehefrau.

Bettina stand immer noch in ihrem Bad vor dem Spiegel und betrachtete sich. Sie dachte daran, dass ihre Schwägerin genauso alt war wie sie, aber ungeschminkt immer noch viel besser und vor allem jünger als sie aussah. Bettina hasste Gabriele, doch sie würde weiterhin die liebenswerte Schwägerin spielen.

Gabriele und alle anderen auf dem Eichtannhof sollten nicht eine Sekunde daran zweifeln, dass Bettina zu ihnen steht, denn sollte auch nur der geringste Verdacht aufkommen, dass sie scharf auf das Erbe war, könnte ihr Vorhaben in die Hose gehen.

Ihr Plan sah folgendermaßen aus. Zunächst würde sie versuchen, ihren Bernie zu überreden, den Hof als Bauer zu übernehmen. In diesem Fall sollte Thomas´ Familie selbstverständlich weiterhin dort leben. Wenn Bernie es nicht machen würde, dann sollte Thomas´ Witwe Gabriele als Bäuerin dort bleiben. Dann könnte man eventuell eine zusätzliche Agrarfachkraft zur Unterstützung einsetzen.

Bettina war sich ziemlich sicher, dass Bernie auf einen ihre Vorschläge eingehen würde. Bei ihrem Mann durfte nicht der geringste Zweifel daran aufkommen, dass Bettinas Vorschläge die beste Lösung waren, um den Eichtannhof weiterhin problemlos zu betreiben. Auf die Möglichkeit, die ihren Plan durchkreuzen könnte, dürfte Bernie erst gar nicht kommen. Es bestand nämlich die Option, dass ihr Mann das Erbe nicht antreten könnte. In diesem Fall würden automatisch die gesetzlichen Erbregelungen eintreffen. Dann würden Thomas´ Witwe und seine beiden Kinder alles erben.

Dazu sollte es gar nicht erst kommen.

Deshalb spielte Bettina die fürsorgliche Ehefrau und dem Bauernehepaar gegenüber die liebe Schwägerin, die immer für sie da war. Auch den Bauernkindern gegenüber verhielt sie sich wie eine liebevolle Tante.

Sie drängt ihren Mann dazu, fast jedes Wochenende den Eichtannhof zu besuchen, um bei seiner Familie zu sein, und wenn dann dort noch irgendwelche Arbeiten anfielen, fasst sie gerne mal mit an.

Bettina Moorfaller dachte oft daran, dass sie eine gute Schauspielerin geworden wäre. Sie musste ihr Schauspiel so lange durchziehen, bis sie ihren Plan umgesetzt hatte. Wenn das Erbe erst einmal in ihre Ehe eingeflossen wäre, würde die Hälfte ihr gehören. Dann würde sie ihr wahres Gesicht zeigen und sich von Bernhard scheiden lassen. Da ihr Mann dann nicht in der Lagen sein würde, seiner Frau die zustehenden Millionen auszuzahlen, würde er den Eichtannhof verkaufen müssen, denn sie hätte als Miteigentümerin ein Wörtchen mitzureden. Sie dachte daran, dass sie etwas Besseres verdient hätte, als in einer Wohnung in der Freiburger Altstadt zu leben. Von den Millionen, die dann auf ihrem Konto landen würden, könnte sie all das machen, wovon sie immer geträumt hatte. Sie sah sich schon am Pool im Garten eines schicken Hauses in einer noblen Wohngegend sitzen, ein Haus mit einer großen Doppelgarage, in der eine große Limousine und ein Porsche stehen würden.

Was Bernhard mit seinem Anteil machen würde, war ihr egal. Das interessierte sie genauso wenig, wie das, was aus der Bauernfamilie werden würde.

Es geht um mich, dachte sie, einzig und allein um mich.

Bei den Gedanken an Bernie, der dann ihr Exmann sein würde, grinste sie.

Du warst schon immer unfähig; hast nie verstanden, was eine Frau wie ich eigentlich braucht.

Nun dachte sie an Thomas, den sie schon bald umbringen würde. Sie dachte an ihn und seine Familie.

Ihr Grinsen wurde mit einem Mal breiter.

Da bekommt der Ausdruck „Bauernopfer“ doch gleich eine ganz neue Bedeutung.

* * *

Alltag auf dem Eichtannhof

Dienstag

Gabriele Moorfaller ließ sich auf der Bank einer Sitzgruppe, die neben der Haustür stand, nieder und atmete tief durch. Mit ihren Händen löste sie das Gummi, mit dem sie ihre Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. Dann schüttelte die fünfundvierzigjährige Frau ihre schwarzen, schulterlangen Haare, in denen schon ein paar graue Strähnen zu sehen waren, ein paar mal hin und her, um sie schließlich wieder in einen Pferdeschwanz zu verwandeln.

Gabriele war die Bäuerin vom Eichtannhof und kam gerade vom morgendlichen Melken zurück. Wie immer, waren die zehn Milchkühe um sechs Uhr gemolken worden.

Nach dem Melkvorgang hatte Gabriele die Kühe zu einer etwas höher gelegenen Weide geführt, auf der die Tiere bis zum nächsten Melken um 17 Uhr grasen würden.

Sie schaute nach oben. Der Himmel war fast wolkenlos und alles deutete darauf hin, dass heute wieder ein warmer Sommertag werden würde. Genau das hatten sie in der Wettervorhersage für den heutigen Dienstag auch angekündigt.

Unsere Feriengäste werden sich über das schöne Wetter freuen, dachte sie.

Es war jetzt gut fünfzehn Jahre her, als Gabriele die Idee hatte, ein paar Räume des Eichtannhofs umzubauen, um eine Ferienwohnung darin einzurichten. Sie hatte ihrem Mann Thomas von ihrer Idee erzählt, doch dieser hatte zunächst sehr skeptisch reagiert. Er hatte gemeint, dass so eine Ferienwohnung auch viel Arbeit machen würde und ihm als Bauer keine Zeit für so etwas bliebe. Doch Gabriele hatte sofort gesagt, dass sie sich um alles kümmern würde und dass eine fertige Wohnung kaum Arbeit machte. Sie hatte sich auch schon darüber erkundigt, wie hoch die Miete für eine Ferienwohnung in ihrer Gegend war. Als sie Thomas davon berichtet hatte, dass eine Wohnung im Schnitt 70 Euro am Tag kostete und dass dies, wenn die Wohnung ausgebucht wäre, eine monatliche Mieteinnahme von 2100 Euro wären, war ihr Mann von ihrer Idee begeistert. Auch, wenn es sich nur um einen Brutto-betrag handelte, es wäre Geld, welches in ihre Kasse fließen würde, ohne dafür schwer arbeiten zu müssen.

Daraufhin hatte sich Thomas mir anderen Bauern unterhalten, die bereits seit längerer Zeit Ferienwohnungen auf ihre Höfen hatten. Diese Bauern hatten ganze Teile ihrer Höfe aufwendig umgebaut und gleich mehrere Ferienwohnungen dort eingerichtet. Als Thomas erfuhr, dass so eine Investition äußerst lukrativ sei, hatte er sich dazu entschlossen, es den anderen Bauern gleichzutun.

Als er Gabriele seinen Entschluss mit geteilt hatte, war diese begeistert, denn Thomas hatte geplant, nicht nur eine Ferienwohnung einrichten, sondern gleich mehrere. Dazu musste allerdings das komplette Haupthaus des Hofes um- und ausgebaut werden. Für diesen Umbau hatte das Bauernehepaar einen Architekten beauftragt, der ihnen schon bald einen Bauplan vorgelegt hatte, von dem sie begeistert waren. Gabriele und Thomas mussten für den Umbau nicht einmal einen Kredit aufnehmen, denn sie hatten immer sparsam gelebt und deshalb genug Geld auf ihren Sparkonten.

Vor zwölf Jahren war der Umbau beendet worden. Das Haupthaus war bis an das Gesindehaus verlängert worden und hatte auch in der Breite einige Meter zugelegt.

Das Bauernehepaar lebte im Erdgeschoss. In der ersten und zweiten Etage waren Ferienwohnungen mit Balkonen, von denen man einen herrlichen Blick über das Tal und die Berge des Hochschwarzwaldes hatte. Jede Etage hatte eine große Wohnung für bis zu vier und eine kleine Wohnung für zwei Personen. Im Dachgeschoss gab es noch eine weitere Ferienwohnung. Diese war allerdings klein und auch nur für zwei Personen geeignet.

Gabriele Moosfaller saß auf der Bank vor ihrem Haus und wirkte sehr zufrieden. Sie dachte daran, dass auch jetzt alle Ferienwohnungen belegt und bis in den Winter hinein ausgebucht waren. Für die Vermietungen der Ferienwohnungen war Gabriele ganz alleine zuständig, und sie machte diese Arbeit gerne.

Es war einer der Momente, die ihr bewusst machten, wie gut sie es doch hatte. Sie ließ ihren Blick über das Anwesen schweifen.

Auf der linken Seite stand die kleine Hofkapelle, hinter der das Gelände über Wiesen und Felder schräg nach unten ins Tal abfiel.

In einigem Abstand zur Kapelle standen auf der gegenüberliegenden Seite des Hofes die Scheune und der große Stall, in dem sich auch die Melkanlage befand. Rechts an den Stall grenzten zwei Schuppen an, von denen einer zu einer geräumigen Garage ausgebaut worden war.

Ein paar Meter weiter, ebenfalls auf der rechten Seite, stand noch ein weiterer, kleiner Stall, in dem nachts die zwei Ziegen, die ebenfalls zum Hof gehörten, unterkamen. Vor diesem Stall verlief die schmale Straße, die die einzige Zufahrt zum Eichtannhof bildete. Diese Straße führte um den Hof herum und dann in Serpentinen zwischen Weiden und Feldern hindurch hinab ins Tal.

Die rechte Seite des Anwesens wurde von einem kleinen Haus, welches von einem Bauerngarten umgeben war, begrenzt.

Das war das Leibgedinghaus, in dem die Schwiegereltern der Bäuerin lebten.

Gabriele mochte die Eltern ihres Mannes sehr gut leiden, denn sie waren beide sehr liebenswert.

Heinrich, der Altbauer, war 80 Jahre alt und ein ruhiger Geselle, der eigentlich immer bestens gelaunt war. Auch wenn er sich schon lange im Ruhestand befand, so beteiligte er sich, soweit er es körperlich noch konnte, an vielen anfallenden Arbeiten. So ließ er es sich nicht nehmen, jeden Tag nachmittags die Kühe von der Weide zu holen, damit sie pünktlich um 17 Uhr im Stall zum Melken waren.

Heinrichs Frau Maria war 77 Jahre alt. Trotz ihres Alters war das Wort Langeweile für sie ein Fremdwort. Sie war eine sehr gläubige Frau und verbrachte viel Zeit in der Hofkapelle, um zu beten. Als tiefgläubige Frau kannte sie die meisten Evangelien aus der Bibel fast auswendig.

Maria traf sich auch mehrmals in der Woche mit ihrer allerbesten Freundin Martha Wurle. Martha war die Altbäuerin vom benachbarten Wurlehof. Die beiden Frauen kannten sich schon seit ihrer Kindheit und waren sogar zusammen eingeschult worden. Die Freundschaft zwischen Martha, einer ebenfalls sehr gläubigen Frau, und Maria, war sehr innig und die beiden hatten keine Geheimnisse voreinander. Die regelmäßigen Treffen der beiden gehörten zu einem festen Bestandteil von Marias Leben.

Ihr Haupthobby war aber der kleine Bauerngarten, der das Leibgedinghaus umgab. Hier pflanzte sie Gemüse und Kräuter, und sie pflegte die verschiedensten Blumen. In der warmen Jahreszeit hielt sich Thomas´ Mutter fast immer in ihrem Garten auf.

Mit der Altbäuerin hatte Gabriele es am Anfang ihrer Ehe nicht leicht, denn Maria war damals davon überzeugt, dass Gabriele ihren Thomas nur zum Mann genommen hatte, weil ihm der Eichtannhof gehörte. Als die beiden geheiratet hatten, war Gabriele gerade mal zwanzig Jahre alt und Thomas zehn Jahre älter als sie. Das alleine war für Thomas´ Mutter schon ein Grund, ihre Schwiegertochter hinterrücks als böse Hexe und hinterhältiges Teufelsweib zu bezeichnen. Als Thomas damals davon erfahren hatte, war er wütend ins Leibgedinghaus gerannt, um seiner Mutter ungehalten klarzumachen, dass sie ihn mal kreuzweise den Buckel runter rutschen könne, wenn sie solche Bosheiten nicht unterlassen würde. Er hatte seine Mutter aufgefordert, sich bei seiner Frau zu entschuldigen, doch das hatte Maria nicht getan.

Dieser Streit hatte lange wie eine dunkle Wolke über dem Hof gehangen.

Das änderte sich erst, als Gabriele im Alter von 21 Jahren ihren Sohn Dirk bekam. Da war die Altbäuerin zu ihr gekommen und hatte gesagt, dass Gabriele eine gute Mutter sei und dass sie auch immer fleißig und hart auf dem Hof mitarbeiten würde. Maria hatte sich bei ihr dafür entschuldigt, dass sie sie falsch eingeschätzt hatte.

Vier Jahre später hatte Gabrieles Tochter Sabrina das Licht der Welt erblickt. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die anfangs böse Schwiegermutter bereits in eine fürsorgliche Oma und Gabriele gegenüber in eine herzensgute Frau verwandelt.

Im Nachhinein konnte die Bäuerin die Vorurteile, die Maria ihr gegenüber seinerzeit hatte, sogar verstehen.

Gabriele war 19 Jahre alt, als sie Thomas kennengelernt hatte. Sie hatte als junge Frau in Waldkirch gewohnt. Ihre damalige große Liebe Bernd hatte sie zum zweiten Mal mit einer anderen betrogen, und sie hatte endgültig Schluss mit ihm gemacht. Sie hatte sich in der Stadt auf eine Bank gesetzt, die direkt an dem Fluss Elz lag und war dort vor Liebeskummer zergangen.

Gabriele sah es in ihren Gedanken, als sei es erst gestern gewesen, wie sie damals da saß, vor ihr floss die Elz und über ihre Wangen kullerten dicke Tränen. Dann hörte sie eine Stimme: „Junge Frau, ist alles in Ordnung? Geht es Ihnen nicht gut? Kann ich Ihnen helfen?“ Sie blickte auf, wischte sich die Tränen von den Wangen und schaute den Mann, der sie angesprochen hatte, an.

Es war Thomas. Obwohl er bereits zehn Jahre älter als sie war, wirkte er noch sehr jugendlich, und sie schätzte sein Alter seinerzeit auf maximal 25 Jahre.

„Es ist alles gut“, antwortete sie ihm. „Ich will einfach nur alleine sein.“

Der junge Mann, der sie angesprochen hatte, kam offensichtlich vom Markt, denn er trug in beiden Händen gefüllte Einkaufstaschen.

Nachdem sie ihm gesagt hatte, dass sie alleine sein wolle, ging er mit einem kurzen Schulterzucken davon. Sie schaute ihm hinterher und sah, dass er seinen Einkauf im Kofferraum eines Autos verstaute. Als er sich noch einmal zu ihr umgewandte, trafen sich ihre Blicke.

Scheinbar hatte der Mann ein schlechtes Gewissen, die junge Frau, die dort weinend auf der Bank saß, einfach so zurück zu lassen, denn er kam noch einmal zu ihr zurück.

„Darf ich Sie zu einer Tasse Kaffee einladen?“, fragte er sie. „Das lenkt Sie vielleicht von ihren Problemen etwas ab.“ Gabriele hatte nicht gewusst, warum, aber sie war mit dem damals für sie fremden Mann in ein Café gegangen. Dort hatte sie ihm ihr Herz ausgeschüttet, und es war ein gutes Gefühl, mit jemandem darüber zu reden, auch, wenn es ein Fremder war. Nach dem Cafébesuch hatten sie sich voneinander verabschiedet und waren ihre eigenen Wege gegangen.

Von Freundinnen hatte Gabriele dann erfahren, dass Bernd, den sie geliebt hatte, ein Mann war, der mit jeder Frau ins Bett steigen würde. Er hatte herumerzählt, dass Gabriele auch nur eine Frau in seiner Sammlung gewesen sei. Daraufhin war aus der Liebe zu Bernd ein abgrundtiefer Hass geworden. Etwa einen Monat später hatte sie Thomas, ihren jetzigen Mann, in einem Supermarkt zufällig wiedergetroffen. Sie hatten sich ein paar Mal verabredet und schnell gemerkt, dass zwischen ihnen eine große Sympathie herrschte. Aus dieser Sympathie wurde schließlich Liebe, und diese Liebe fühlte sich anders an, als die, die sie für diesen Bernd empfunden hatte. Sie und Thomas waren glücklich miteinander und hatten damals schon gewusst, dass sie für immer zusammenbleiben wollten.

Gabriele hatte bei ihren Unterhaltungen nebenbei erfahren, dass Thomas in der Landwirtschaft tätig war, doch dass er der Bauer vom Eichtannhof war, hatte sie erst viel später erfahren. Sie dachte gerne an die damalige Zeit zurück und daran, dass sie auch heute noch glücklich mit ihrem Thomas war. Nun saß Gabriele auf der Bank vor ihrem Haus und blickte erneut zum wolkenlosen Himmel.

Für einen Augenblick dachte sie wieder daran, dass ihnen heute ein schöner Sommertag bevorstehen würde.

Sie wusste nicht warum, aber plötzlich war sie mit ihren Gedanken bei ihrer Tochter. Die 20jährige Sabrina studierte an der Uni in Freiburg. Sie lebte dort mit fünf anderen Studentinnen in einer Wohngemeinschaft. Freiburg war nicht weit, und Sabrina hätte auch zuhause wohnen können, aber sie hatte keine Lust, zweimal täglich 40 Minuten in öffentlichen Verkehrsmitteln zu sitzen. So eine Studentenbude war da schon praktischer.

Was Sabrina wohl gerade macht?, ging es ihrer Mutter durch den Kopf.

Gabriele wurde aus ihren Gedanken gerissen, als sie aus der Ferne das Motorgeräusch eines Traktors wahrnahm, der sich offensichtlich dem Hof näherte.

Die Männer kommen, dachte sie.

Ihr Mann Thomas war heute Morgen gemeinsam mit dem Knecht Hennes zu einer Weide hinausgefahren. Diese Weide lag an einem steil abfallenden Hang und konnte nicht maschinell bearbeitet werden. Deshalb hatten der Bauer und sein Knecht gestern Nachmittag dort mit Sensen die Wiese gemäht. Es war eine aufwendige und mühselige Arbeit. Damit die Mahd besser trocknen konnte, waren Thomas und Hennes bereits heute Morgen wieder dorthin gefahren, um das Heu zu wenden.

Gabriele erhob sich von der Bank.

„Frühstückszeit“, murmelte sie.

Sie zog die verschmutzten Schuhe aus und stellte sie vor der Tür ab. Nun betrat sie den Flur, um dort ihre Hausschuhe anzuziehen.

Das gemeinsame Frühstück mit allen Bewohnern des Eichtannhofes gehörte zur täglichen Tradition.

Als Gabriele die Tür der großen Stube öffnete, wurde sie sofort freundlich begrüßt.

„Guten Morgen, Bäuerin“, sagte eine Stimme mit polnischem Akzent.

Es war Alinka, die seit vier Jahren als Hauswirtschafterin auf dem Hof arbeitete. Nachdem die alte Magd seinerzeit plötzlich schwer erkrankt und wenig später verstorben war, hatten die Moosfallers mit Alinka schnell eine Nachfolgerin gefunden, mit deren Arbeit sie sehr zufrieden waren.

„Guten Morgen, Alinka“, grüßte die Bäuerin zurück.

Die aus Polen stammende Magd hatte bereits den großen Tisch gedeckt und vollendete gerade die Tafel, indem sie Teller mit Wurst und Brot auf den Tisch stellte.

Alinka hatte ihre blonden Haare stramm nach hinten gekämmt und zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Diese Frisur verlieh ihrem eigentlich hübschen Gesicht eine gewisse Ernsthaftigkeit.

Die vierzigjährige Magd arbeitete auf dem Hof nur als Teilzeitkraft. Ihr Verdienst war nicht allzu hoch, doch dafür durfte sie mietfrei in einem Zimmer im Gesindehaus, welches am Haupthaus angebaut war, wohnen. Nachmittags ging sie immer hinunter in das Städtchen Simonswald. Dort arbeitete sie dann als Bedienung in einer Gaststätte.

Die Bäuerin mochte Alinka, denn sie war ehrlich und sehr zuverlässig.

Erst jetzt sah Gabriele, dass ihr Sohn Dirk bereits am Frühstückstisch Platz genommen hatte.

„Guten Morgen, Mama“, sagte er und gähnte dabei.

Dabei wirkte das mit Sommersprossen übersäte Gesicht des 24jährigen Sohnes für einen Moment wie eine lustige Maske. Seine roten, nach allen Seiten abstehenden Haare unterstrichen diesen kurzen Eindruck. Diese roten Haare waren, wie sein Opa immer sagte, das Erbgut des Urgroßvaters, den Dirk aber nicht mehr gekannt hatte.

Der vierundzwanzigjährige Dirk lebte immer noch bei seinen Eltern. Er hatte sein ehemaliges Kinderzimmer in ein modernes Jugendzimmer umgestaltet und fühlte sich zuhause pudelwohl. Dirk war nach seinem Schulabschluss bezüglich seiner beruflichen Zukunft immer noch unschlüssig. Er half auf dem Hof mit, und diese vertraute Arbeit machte ihm Spaß. Dennoch konnte er sich mit dem Gedanken, später einmal den Hof zu übernehmen und Bauer zu werden, nicht anfreunden. Dirk wollte sein Leben genießen und träumte davon, oft in den Urlaub fahren zu können, doch als Bauer würde er nur selten vom Hof wegkommen, weil man hier immer viele Verpflichtungen hatte.

Während sein Vater der Meinung war, dass er alt genug sei, um eine Entscheidung für seine Zukunft zu treffen, meinte seine Mutter immer, dass man so einem Entschluss nicht überstürzen dürfe.

Dirk schloss sich der Meinung seiner Mutter an, denn er war mit seinem Leben, so, wie es jetzt war, sehr zufrieden. Jetzt saß er am Tisch und wartete geduldig auf die anderen Bewohner des Eichtannhofes, denn erst, wenn alle am Tisch saßen, wurde gegessen.

Die große Wohnstube, in der auch gegessen wurde, war nach dem Umbau des Haupthauses auf Wunsch des Altbauernpaares im Originalzustand geblieben. Außer dem morschen Dielenboden, den man durch Fliesen ersetzt hatte, sah hier alles fast noch genau so aus, wie vor mehr als hundert Jahren. Die Wände waren mit dunklem Holz vertäfelt. Die Balken an der niedrigen Decke hatte man aufgearbeitet und mit einer speziellen Holzfarbe angestrichen. In der Ecke, direkt neben dem Eingang, stand ein großer, dunkelgrüner Kachelofen, der von schmalen Sitzbänken umgeben war. Von diesem Ofen aus gesehen, standen an der linken Längswand zwei betagte Schränke und eine alte Standuhr, deren großes Pendel laut tickend hin und her schwang. In der rechten Längswand waren drei kleine Fenster, vor denen der große Tisch stand. Der Tisch war, genau wie die lange Bank, die an der Wand unterhalb der Fenster stand, aus massivem, dunklen Eichenholz gearbeitet. All diese Möbel, auch die Stühle, die um dem Tisch herum standen, wirkten sehr alt, genau wie ein verschlissenes, dunkelbraunes Ledersofa, welches neben den Stühlen eine weitere Sitzgelegenheit bot.

In der Wand, die sich gegenüber dem Eingang befand, waren zwei Türen zu sehen. Eine der Tür führte in die Speisekammer und die andere in die Küche, die allerdings, im Gegensatz zu der großen Wohnstube, sehr modern eingerichtet war.

Gabriele nahm nun auch an dem großen Tisch Platz.

Mit den Worten: „Ich muss noch Marmelade holen“, verschwand die Magd Alinka in die angrenzende Speisekammer.

In diesem Moment betrat das Altbauernpaar die Stube. Auch sie gehörten zur Frühstücksrunde.

„Guten Morgen“, sagten die beiden zeitgleich.

„Guten Morgen Oma, guten Morgen Opa“ begrüßte Dirk sie.

Heinrich, der Altbauer war 1,75 Meter groß und ging etwas gebeugt. Er trug direkt über seinem linken Ohr einen kerzengeraden Scheitel, von dem aus seine dünnen, grauen Haare über den Kopf gekämmt waren und so die darunter liegende Glatze verdeckten. Der Ausdruck seines faltigen Gesichtes, in dessen Mitte die etwas zu breit geratene Nase sofort ins Auge fiel, strahlte Zufriedenheit aus.

Seine Frau Maria wirkte ebenfalls zufrieden. Die 1,65 Meter große Altbäuerin, deren leicht gerötete Wangen schon fast ihr Markenzeichen war, lächelte, als sie den Raum betrat. Sie trug eine klassische Omafrisur, denn sie hatte ihre grauen Haare hinten zu einem Knoten zusammengebunden. Maria war eine sehr gläubige Frau. Mindestens einmal am Tag ging sie in die kleine Hofkapelle, um zu beten. Manchmal, wenn sie in der Kapelle war und vergessen hatte, die Tür hinter sich zu schließen, hörte man bis draußen, wie sie vor der Marienfigur, die in dem Kapellchen stand, betete und sich mit der Heiligen Mutter Gottes unterhielt.

Sie und ihr Mann begaben sich zum Tisch und setzten sich auf ihre Stammplätze.

Gabriele, die das Altbauernpaar herzlich begrüßte, hatte auch Platz genommen.

Sie brauchten nicht lange zu warten, als auch der Bauer die Stube betrat.

Thomas sah für sein Alter von 55 Jahren noch sehr gut aus. Das lag an den unglaublich gleichmäßigen Gesichtszügen. Wäre da nicht die etwas zu breit geratene Nase, die er von seinem Vater geerbt hatte, hätte er glatt einem männlichen Modell, wie sie in Katalogen zu sehen waren, geglichen.

Nach einer kurzen Begrüßung erklärte der 1,80 Meter große Bauer, der sich kurz mit der Hand über seine vollen, grauen Haare strich, dass Hennes sich noch umziehen müsse und auch er sich noch schnell frischmachen würde, weil er sich in den Arbeitsklamotten nicht an den Tisch sitzen wolle.

„Dann beeile dich mal, Schatz“, sagte Gabriele zu ihm. „Wir haben Hunger.“

Sie schaute ihrem Mann hinterher, als er den Raum verließ.

Über ihr Gesicht huschte ein kurzes Lächeln.

Sie dachte daran, dass Thomas und sie im kommenden Herbst ihre Silberhochzeit feiern würden und daran, dass sie ihren Mann auch nach 25 Ehejahren immer noch über alles liebte. Auch, wenn das Zusammenleben mit den Jahren ruhiger geworden und eine gewisse Routine in ihren Alltag eingekehrt war, Gabriele war mit Thomas glücklich. Er war ein toller und liebevoller Mann, auf dem sie sich immer verlassen konnte.

„Wo war Papa denn schon so früh mit Hennes?“ fragte Dirk seine Mutter und riss sie aus ihren Gedanken.

„Die beiden waren unten an der Südhangweide“, antwortete Gabriele. „Sie haben dort schon das Heu gewendet.“

„Ach so“, murmelte ihr Sohn.

Jetzt dachte Dirk wieder daran, dass er, sollte er sich dazu entscheiden, später einmal den Hof zu übernehmen, auch Arbeitstage von 15 Stunden und mehr auf sich nehmen müsse. Das gehörte zum Beruf des Landwirtes einfach dazu. Während in den meisten Berufen ein Achtstundentag normal war, arbeitete ein Bauer oft doppelt so lang.

Nun sprach der Altbauer ihn an: „Und, mein Junge, wann bist du heute Morgen aufgestanden?“

Dirk blickte kurz auf die große Standuhr.

„Vor einer Stunde, Opa“, antwortete er. Heinrich lächelte und meinte: „So ist die Jugend heute. Ich bin früher, als ich so alt war wie du schon früh morgens mit auf das Feld gegangen und musste mit anpacken. Wenn ich damals lange geschlafen hätte, um mich nach dem Aufstehen direkt an den Frühstückstisch zu setzen, hätte ich großen Ärger bekommen.“ Der Altbauer schüttelte den Kopf. „Die Jugend heutzutage wird viel zu sehr verwöhnt.“

„Ich habe mich nicht sofort nach dem Aufstehen an den Frühstückstisch gesetzt, Opa. Ich habe schon den Bruno versorgt.“

Bruno war ein vierjähriger Berner Sennenhund, der sich den ganzen Tag lang draußen aufhielt und nur nachts zum Schlafen in den Flur ging, um sich dort zur Nachtruhe zu begeben. Meist lag der Hofhund auch tagsüber schlafend vor der Tür. Bruno war ein friedlicher und ruhiger Geselle, der es liebte, wenn die Kinder der Feriengäste ab und zu mit ihm spielten.

„Als wenn es viel Arbeit ist“, sagte der Altbauer, „dem Hund etwas zum Fressen hinzustellen.“

„Ich habe ihm nicht nur Futter gegeben, Opa, sondern ihm auch eine halbe Stunde lang die Knoten aus dem Fell gekämmt. Das war ein echter Kampf.“ Heinrich schmunzelte.

„Ein Kampf, so, so“, murmelte er.

In dem Moment öffnete sich die Tür, und ein Mann betrat den Raum.

„Und jetzt erst mal kräftig frühstücken“, waren seine ersten Worte.

Es war Hennes. Der dreiundsechzigjährige Knecht trug eine kurzgeschnittene Igelfrisur. Sein fast kreisrundes Gesicht wurde von langen Koteletten, die weit über den Wangen hinunterreichten, regelrecht eingerahmt. Er hatte schon unter dem Altbauern auf dem Eichtannhof gearbeitet.

Auch wenn Hennes in zwei Jahren in Rente gehen würde, er hatte sich jetzt schon dazu entschlossen, seine Arbeit auf dem Hof solange fortzuführen, bis er dazu nicht mehr in der Lage war. Der Knecht begab sich sofort zum Tisch und setze sich neben Alinka, die mittlerweile auch Platz genommen hatte. Als Hennes sah, dass der Platz vor Kopf, an dem der Bauer immer saß, noch leer war, rieb er sich unruhig an seiner roten, mit kleinen, blauen Äderchen durchzogenen Nase.

Wenn nicht alle am Tisch saßen, durfte noch nicht gegessen werden.

Dirk beobachtete Hennes, der sich ungeduldig die Nase rieb. Seine Mutter sagte immer, dass Hennes so eine rote Nase hätte, weil er soviel zwitschern würde.

In der Tat saß der Hennes jeden Abend, nachdem die Arbeit getan war, auf der kleinen Bank neben dem Gesindehaus, in dem er wohnte, und gönnte sich einige Gläschen mit verschiedenen Obstbränden, wobei die Williamsbirne sein Favorit war.

Hennes war ein liebenswerter Kerl, den auch die Feriengäste mochten. Er war immer gut drauf und ein Meister darin, Witze zu erzählen. Das kam bei den Gästen immer sehr gut an, zumal Hennes über seine eigenen Witze am meisten lachen musste. Da alle wussten, wie gerne Hennes sich einen zwitscherte, brachten die Stammgäste des Hauses ihm auch regelmäßig einen „Willi“, wie der Williamsbrand von ihnen bezeichnet wurde, mit. Dirk war mit „Onkel Hennes“ groß geworden und er mochte ihn. Für ihn gehörte er zur Familie, genau wie die vor vier Jahren plötzlich verstorbene Magd Marlies. Ihr trauerte Dirk, auch nach so einer langen Zeit, immer noch etwas nach, denn Marlies war immer für ihn da gewesen. Natürlich war die neue Magd Alinka auch in Ordnung, aber sie war halt nicht Marlies, zu der Dirk immer eine besonders enge Beziehung hatte.

Nun betrat endlich der Bauer die Stube und setzte sich an seinen Platz.

„Mit den Worten: „Dann allen mal einen guten Appetit“, griff er zum Brotteller.

Jetzt griffen alle zu.

Die einzigen, die sich beim Zugreifen Zeit ließen, waren der alte Heinrich und seine Frau Maria. Die beiden ließen es gemütlich angehen.

Als der Knecht Hennes sich das letzte Stück seines Wurstbrotes in dem Mund schob, hatten die beiden Alten gerade mal ihre ersten Brote belegt.

Beim Frühstück schien jeder am Tisch seinen eigenen Gedanken nachzugehen, denn es wurde kein einziges Wort gesprochen.

Der Bauer war als erster mit dem Essen fertig.

Er trank noch einen kräftigen Schluck Kaffee und brach das Schweigen.

„Und?“, sagte er mit dem Blick zu seiner Frau. „Hast du das mit den neuen Feriengästen jetzt geregelt?“

Die Angesprochene nickte.

„Ja, das war ganz schön kompliziert, aber ich habe es hinbekommen. Herr und Frau Kampinski, die unsere kleine Wohnung in der ersten Etage noch bis Samstag angemietet hatten, sind ja gestern schon vorzeitig abgereist, weil es einen plötzlichen Todesfall in ihrer Familie gegeben hat. Am Wochenende hatte ich eine Mail von einem Ehepaar Schmitz aus Hannover bekommen. Sie hatten nachgefragt, ob wir für diese Woche noch eine Ferienwohnung frei hätten. Da alle Wohnungen ja voll belegt waren, hatte ich ihnen absagen müssen. Nachdem die Kampinskis gestern abgereist waren, habe ich das Paar aus Hannover angeschrieben und ihnen mitgeteilt, dass kurzfristig eine Wohnung freigeworden sei, allerdings nur für vier Übernachtungen, vom heutigen Dienstag bis Samstag. Sie haben sofort zugesagt. Ich habe die Wohnung gestern, nachdem die Kampinskis weg waren, schon fertig gemacht und den Schmitz´ geschrieben, dass sie heute schon ab zehn Uhr in die Wohnung könnten. Sie haben sofort geantwortet und sich bedankt. Da sie von Hannover bis hierher mehr als sechs Stunden fahren würden, wollten sie heute Nacht schon losfahren, um noch viel von ihrem ersten Urlaubstag zu haben.“

Gabrieles Mann ergriff ihre Hand und lächelte.

„Du bist ein richtiges Organisationstalent, mein Schatz“, sagte er, beugte sich zu ihr und gab ihr einen Kuss.

Sie lächelte und meinte: „Mit einer leer stehenden Wohnung kann man halt kein Geld verdienen.“

„Ja“, sagte er. „Es war damals eine gute Entscheidung, den Viehbestand von vierzig Kühen auf zehn zu reduzieren und in Ferienwohnungen zu investieren.“

„Und wessen Idee war das, Thomas?“

„Deine natürlich, mein Schatz.“

Der Bauer erhob sich.

„Ob du es glaubst oder nicht“, sagte er, „auch ich habe gestern eine Idee gehabt, wie wir unser Leben einfacher machen könnten und noch weniger Arbeit hätten.“

Er begab sich zu einem der alten Holzschränke, öffnete eine Schublade und nahm ein zusammen gefaltetes Blatt Papier heraus. Damit begab er sich wieder zum Tisch, setzte sich und breitete das Papier aus.

„Das ist der Gebäudeplan vom Eichtannhof“, sagte er. Thomas deutete mit dem Finger auf die freie Stelle oberhalb des Gesindehauses.

„Was hältst du davon, wenn wir an diese Stelle ein weiteres, kleines Haus mir zwei weiteren Ferienwohnungen bauen?“

„Wie bitte?“, kam es verwundert aus dem Mund der Bäuerin. „Dadurch sollen wir weniger Arbeit haben?“

„Lass´ mich doch erst einmal ausreden, mein Schatz“, sagte Thomas. „In dem Fall würden wir unser Milchvieh ganz abschaffen. Damit die Feriengäste aber weiterhin bei ihrem Aufenthalt ihr echtes Bauernhoferlebnis genießen könnten, würden wir auf dem Hof zwei oder drei Kühe, allerdings Schlachtvieh und ein paar große Kälber, die keine Milch mehr brauchen, halten. Ich habe schon mit dem Franz vom Kattlerhof gesprochen. Er würde uns das Vieh zur Verfügung stellen.“

Alle am Tisch hatten ihm aufmerksam zugehört.

Während die anderen diese Aussage erst einmal überdenken mussten, tat die Magd sofort ihre Meinung kund.

„Warum sollen wir denn das Schlachtvieh von anderen Bauern bei uns aufnehmen?“, wollte sie verwundert, mit ihrem polnischen Akzent in der Stimme, wissen.

Thomas lächelte.

„Das ist ganz einfach“, erklärte er der Magd. „Schlachtvieh und Kälber müssen nicht gemolken werden. Sie würden auf der Weide um den Hof stehen, um den Feriengästen eine Bauernhofidylle zu vermitteln. Ganz besonders die Kinder unserer Gäste lieben Tiere. Das ist ja auch der Grund dafür, dass wir die zwei Ziegen halten.“

„Die Idee ist gut“, meldete sich nun Dirk, der Sohn des Hauses, zu Wort. „Man brauchte die Kühe nicht mehr vom Stall auf die Weide und umgekehrt zu treiben, und das zweimalige Melken am Tag bliebe uns auch erspart.“

„Uns?“, merkte seine Mutter mit einem hämischen Unterton an. „Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, wann du dich das letzte Mal um das Melken gekümmert hast.“

„Also“, meinte der Bauer und ging auf die Anmerkung seiner Frau nicht ein, „was haltet ihr von meinem Vorschlag?“

„Wenn wir das Milchvieh abschaffen“, meldete sich nun der Altbauer zu Wort, „dann habe ich ja keine Arbeit mehr. Jetzt hole ich jeden Tag die Kühe nachmittags zum Melken von der Weide. Ihr wisst, wie gerne ich das mache. Ich will mich auf keinen Fall auf die faule Haut legen.“

„Es gibt bestimmt noch andere Arbeiten, die du erledigen kannst, Papa“, meine Thomas.

Der Altbauer verzog das Gesicht und sagte: „Lass´ mal sehen.“

Er erhob sich, trat an seinen Sohn heran und schaute auf den Plan.

„Wohin genau willst du das neue Haus bauen?“, wollte er wissen.

Thomas zeigte auf die Stelle oberhalb des Gesindehauses.

„Genau hier hin“, sagte er.

„Also ganz dicht neben unserem Leibgedinghaus“, murmelte Heinrich. „Das hast du dir ja toll ausgedacht.“

„Aber Papa“, entgegnete Thomas, „bis zu eurem Haus sind es von dem Neubau gute dreißig Meter.“

„Aber nur zehn Meter bis zu unserem Garten“, sagte der Altbauer. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass deine Mutter es gerne hätte, wenn die Touristen ihr den ganzen Tag bei der Gartenarbeit auf die Finger schauen.“

Er wandte sich an seine Frau: „Das stimmt doch, Maria, oder?“

Die Angesprochene schmunzelte.

„Ach Heinrich“, sagte sie. „Die Feriengäste unserer Kinder sind doch immer sehr nett. Ich unterhalte mich gerne mit ihnen, und es würde mich auch nicht stören, wenn sie über den Gartenzaun hinweg mit mir plaudern. Im Gegenteil, ich empfinde solche Unterhaltungen immer als sehr angenehm.“

Der Altbauer winkte ab.

„Du musst ja immer etwas anderes sagen“, meinte er zu Maria. „Außerdem machen die Kinder sowieso, was sie wollen. Wir haben da eh kein Mitspracherecht.“

„Papa“, sagte Thomas zu ihm. „Das ist ja bisher nur eine Idee. Wir müssen uns ja erst einmal danach erkundigen, was für ein Aufwand und welche Kosten dann auf uns zukommen würden. Wenn es amtlich wird, werde ich dich und Mama selbstverständlich in die Planung mit einbeziehen. Das Anwesen ist groß genug, und wir könnten den Neubau um einige Meter weiter weg vom Leibgedinghaus hinsetzen.“

Der Altbauer zuckte kurz mit den Schultern und begab sich wieder zu seinem Platz, um weiter zu frühstücken.

Die meisten am Tisch hatten schon genug gegessen. Nun saßen sie noch bei einer Tasse Kaffee da und redeten über die Idee des Bauern.

* * *

Die neuen Gäste

Gabriele Moorfaller hatte den beiden Ziegen, die auf einer kleinen, abgezäunten Weide neben ihrem Stall standen, gerade einen Eimer mit Heu gebracht. Der Pferch, in dem die zwei Tiere standen, war schon sehr abgegrast, und deshalb musste die Bäuerin ihnen Zusatzfutter bringen.

Nun war sie auf dem Weg zum Schuppen, um den leeren Eimer darin abzustellen. Ein Ehepaar mit zwei Töchtern, Feriengäste aus Frankfurt, kamen gerade aus der Haustür und gingen zu ihrem Auto. Gabriele winkte ihnen zu, als sie in das Fahrzeug stiegen. Die Familie hatte die große Wohnung in der ersten Etage angemietet. Die Bäuerin wusste, dass die vier heute nach Waldkirch in den Naturerlebnispark fahren wollten. Dort gab es neben dem Baumkronenweg, der oben zwischen den Bäumen hindurchführte und von dem man eine großartige Aussicht hatte, auch noch Europas längste Röhrenrutsche. Die beiden Töchter ihrer Gäste hatten der Bäuerin bereits gestern mitgeteilt, dass sie diese 190 Meter lange Rutsche unbedingt „hinunter düsen“ wollten. Gabriele schaute dem Auto noch winkend hinterher, als es vom Hof fuhr.

Eine weitere vierköpfige Familie, die die große Wohnung in der zweiten Etage hatte, war schon in den frühen Morgenstunden losgefahren, um einen Abstecher nach Freiburg zu machen, und das Pärchen, welches die danebenliegende, kleine Wohnung angemietet hatte, hatte heute Morgen den Urlaub bei ihnen beendet. Die Eheleute waren nach zwei Wochen Aufenthalt wieder nachhause gefahren. Die Bäuerin hatte die Wohnung gemeinsam mit Alinka bereits wieder gereinigt. Dort würden morgen wieder neue Gäste einziehen. Gabriele blickte auf ihre Uhr.

„Halb Zehn“ sagte sie leise zu sich selbst. „Dann werden die Schmitz´ aus Hannover bestimmt bald kommen.“

Kaum hatte sie das ausgesprochen, vernahm sie das Geräusch eines herannahenden Autos, und wenig später kam auch schon ein Sportwagen um die Ecke gefahren.

Es war ein leuchtend gelber Porsche, auf dessen Fahrertür ein großes, grünes „S“ zu sehen war. Das „H“ auf dem Kfz-Kennzeichen verriet der Bäuerin, dass es die neuen Gäste aus Hannover sein mussten. Der Porsche, hinter dessen Lenkrad eine Frau saß, blieb auf dem Hof stehen, und ein junges Paar stieg aus.

Gabriele ging mit einem freundlichen „Guten Morgen“, auf sie zu.

„Sie sind die Familie Schmitz“, sagte sie und begrüßte die neuen Gäste mit einem Handschlag. „Ich bin Gabriele Moosfaller und ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Hinfahrt.“

„Danke, es war sehr angenehm“, meinte Herr Schmitz lächelnd. „Bis auf einem kleinen Stau sind wir sehr gut durchgekommen.“

Dann deutete die Bäuerin auf den gelben Porsche und meinte: „Sie haben aber ein sehr schickes Auto.“

„Ja“, antwortete Frau Schmitz. „Das Auto hat mein Mann mir geschenkt.“

Mit einen Blick auf ihren neuen Feriengast sagte Gabriele: „Da muss Ihnen Ihre Frau ja viel bedeuten.“

„So ist es“, entgegnete Herr Schmitz und lachte.

„Und passend zu Ihrem Nachnamen habe Sie ein großes S auf den Autotüren anbringen lassen“, scherzte Gabriele Moosfaller. Das ist eine tolle Idee. Darauf kommt nicht jeder.“

„Nein“, widersprach ihr Feriengast. „Das S steht für Sybille, den Namen meiner Frau.“

Die Bäuerin nickte und bat das Paar, welches sie auf ein Alter von um die vierzig Jahre einschätze, ihr zu folgen, damit sie ihnen die Wohnung zeigen konnte.