Hexen Sud - Oliver Grudke - E-Book

Hexen Sud E-Book

Oliver Grudke

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Beschreibung

Die fünfte Jahreszeit hat im Killer Tal Einzug gehalten. Nichts für Alex. doch dann wird ein junges Mädchen grausam in einem Hexenkessel ermordet. Die Ermittlungen beginnen und versetzen Alex in seine Zeit als Abiturient zurück. und zu einem fast vergessenen dunklen Geheimnis.

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Seitenzahl: 458

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Oliver Grudke

Hexen Sud

Ein Killer Tal Krimi

© 2021 Oliver Grudke

Lektorat, Korrektorat: Nadine Senger

Verlagslabel: torsteine.de Druck und Distribution im Auftrag des Autors

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Die Publikation erfolgt im Auftrag des Autors. Zu erreichen unter: Oliver Grudke, Ebingerstraße 52, 72393 Burladingen, Germany

Alles war verändert!

Sein Leben war aus den Fugen.

Und das nicht erst seit heute, nein eigentlich schon lange.

Vielleicht schon immer.

Es könnte sein, dass alle, und hier insbesondere seine Mutter, recht hatten mit der Ansicht, dass er nicht fähig war zu einer Beziehung. Er war ein Sonderling und Einzelgänger.

War dies so?

Eigentlich wollte Alex nicht darüber nachdenken. Doch er musste es, denn so konnte es nicht mehr weitergehen.

Professionell hatte er seine aktuelle Situation in zwei Teile aufgeteilt.

Da war zum einen die äußerliche Situation. Und diese war kalt und feindlich. Obwohl ganz Europa, ja eigentlich der ganze Planet von der Klimaerwärmung getroffen wurde, so hielt die Schwäbische Alb offensichtlich dagegen.

Berry kratzte an der Glastür. Nach nur zwei Minuten im Garten. Alex seufzte und stand mühevoll auf. Doch man konnte es dem Hund auch nicht verübeln. So lagen nun schon seit Wochen mindestens neunzig Zentimeter Schnee im Garten und auf der Alb. Manche Straßen wurden von Schneewehen geradezu überrollt und die Männer der Straßenbauverwaltung mussten mit Schneefräsen die Straßen wieder passierbar machen. Dazu kam die arktische Kälte von unter minus fünfzehn Grad. Gerade heute Nacht hatte das Wetter einen neuen Rekord aufgestellt. Minus 21,2 Grad in Onstmettingen. Alex erinnerte sich nicht daran, dass es je so kalt war. Zumindest, so dachte er, war es nun erlaubt, über die Existenz der Klimaerwärmung nachzudenken.

Zum anderen seine innerliche Situation, und die war äußerst prekär. Er, der Einzelgänger und Prototyp eines Robinson Crusoe fühlte sich allein, antriebslos und leer. An manchen Tagen aß er außer Chips nichts. Gut zu kochen war nicht seine Stärke und der Berggasthof war weiterhin geschlossen. Ein kleinen Funken Hoffnung hatte er sich erlaubt, doch Alexandra würde nicht zurückkommen. Sie genoss ihr neues Leben in ihrem neuen Haus.

In Wolfis Haus.

Außer Chips zum Essen kam Ümit, der Taxifahrer nun regelmäßig mit frischer Pizza (auch wenn Alex immer dieselbe Sorte bestellte). Sex hatte er weiß Gott wann zuletzt. Vermutlich mit Verena. Doch schon beim Gedanken an diese Frau lief es ihm eiskalt den Rücken herunter. Dies könnte der Grund dafür sein, dass er sich nicht mehr mit Frauen traf. Natürlich hatte er hie und da einen Anruf oder eine Einladung. Karin Assenmacher hatte sich nach ihm erkundigt und auch Sieglinde Seibert hatte versucht, sich mit ihm zu verabreden. Doch Alex hatte immer aus einem fadenscheinigen Grund abgesagt. Das wäre ihm früher nicht passiert. Kürzlich hatte er sich dabei erwischt, wie er einen Online-Arztbericht zum Krankheitsbild der Impotenz las.

War es schon soweit?

Möglich könnte es sein, da die hässliche 50 auf ihn zuraste wie ein Komet.

Alles in allem war die Diagnose eindeutig: Er hatte eine tiefe Depression.

Natürlich würde er dies nicht unnötig ausplaudern. Am wenigsten seiner Mutter und schon gar nicht Lilly gegenüber. Die würde dafür sorgen, dass er schneller in eine Klinik kommen würde als ihm lieb war.

Er blickte hinüber zu seinem Tresen. Dort lag noch immer die Einladung zur Jagd von Bärbel, die er ausgeschlagen hatte. Und die Einladung mit einem geschrumpelten Luftballon daran von Lilly. Hatte er abgesagt? Er war sich nicht sicher, er war sich in so vielen Dingen nicht mehr sicher. Doch bei aller Dramatik war die Situation nicht neu. Damals, vor über zwanzig Jahren, als seine erste Frau ihn verlassen hatte (eigentlich hatte er sie verlassen, doch da es sein Haus war, musste sie gehen!) und dann die Insolvenz der Firma, damals war es auch so.

Und genau so waren da diese dunklen Gedanken. Die niemand denken sollte. Doch wer außer Berry würde um ihn trauern?

Sie kam damals und rettete ihn. Mit ihrem Lachen, den tiefblauen Augen und ihrer Freundlichkeit. Alex und Sie hatten eine gute Zeit. Eine gemeinsame Zeit.

Doch keine Zukunft. Eigentlich hatte Sie nie einen Hehl darum gemacht. Aber Alex dachte, dass die Liebe die Hindernisse aus dem Weg räumen würde.

Doch das tat sie nicht, und so gab es nun einen Fürsten. Einen Mann. Einen, der ihren Ring trägt. Und jener hieß nicht Alex Kanst. Damals, in seinem ersten Leben, hatte er einen Traum. Einen Traum von Normalität. So kurios es sich auch anhört. Er wollte nur eine Familie, ein Kind, einen Hund und geliebt werden.

Wenigstens hatte er jetzt, dank Lilly, einen Hund. Alex kraulte den Cocker. Und er war reich, berühmt und ein Frauenheld. Wobei Letzteres derzeit nicht zutraf. Auch hatte sich die Tatsache, dass bei seinem letzten Fall, wobei es eigentlich kein Fall war, sondern er ungewollt in das Visier der Mörderin geraten war, all seine Freunde verletzt wurden, herumgesprochen. Dies könnte dazu führen, dass man ihn nun mied. Wie der Teufel das Weihwasser, glaubte man den Priestern, dass der Teufel kein Weihwasser mochte. Doch jenen glaubte er am wenigsten, außer, dass Geld die Welt regiert.

Aber noch immer war er der beste Psychologe, und deshalb hatte er auch die Diagnose gestellt und einen Behandlungsplan erstellt.

Alex Kanst seufzte. Es war kein Plan, sondern der Wille, aus dem Schlamassel herauszukommen. Das beste und eigentlich einzige Mittel war die Arbeit. Also hatte Alex bereits vor Wochen beschlossen, die Praxis wieder zu eröffnen. Doch nach dem grausigen Tod von Tina musste eine neue Assistentin her.

Und hier endete der Plan schon sehr früh.

Vor ihm lagen mehrere Print-Ausgaben von Bewerbern. Die Mehrzahl hatte jedoch die moderne Online-Form gewählt. Jetzt musste er sich nur noch für eine, oder am Anfang auch für mehrere entscheiden. Dann Gespräche führen und eine Zusage verfassen.

Alles einfach. Einfach?

Aber es war nicht einfach, denn keine Bewerberin war so wie Tina. Natürlich konnte keine so sein, und ihm war auch bewusst, dass er das nicht als Kriterium nehmen sollte. Und doch tat er es.

„Tina, du fehlst mir!“, seufzte er und zog sich die Fließdecke über den Kopf. Berry bellte freudig und wollte mitspielen. Doch dies war kein Spiel, sondern eine tiefe Krise. Und wenn er ehrlich zu sich selbst war, dann musste er eingestehen, dass sein Leben nur aus Krisen bestand. Und nun konnte er niemanden anrufen und niemanden bitten vorbeizukommen.

Er war allein mit seiner Krise und seiner Depression. Wenigstens gab es im Gegensatz zur letzten Depression nicht auch noch finanzielle Probleme. Er setzte sich wieder auf, so konnte es ja nicht weitergehen. Nein. Er war schließlich Doktor Alex Kanst. Der beste und angesehenste Psychologe und auch der beste Profiler. Auch wenn sich Letzteres eher ungewollt entwickelt hatte und grundsätzlich immer alle in seinem Umfeld mitbelastete.

Alex stand auf, um Holz nachzulegen. Noch immer wurden seine Füße schnell kalt und dies trotz der guten Heilung seiner erfrorenen Zehen. Fast wollte Doktor Karin Assenmacher ihm den kleinen Zeh amputieren. Doch zum Glück nur fast. Die Erinnerungen an die Geschehnisse in den Tiefen des Göckeleswald steckten ihm noch sehr tief in den Knochen. Dazu kam, dass noch immer keine weiteren Untersuchungen durchgeführt werden konnten, da einfach zu viel Schnee lag. Deshalb konnte es sein, dass im Frühjahr noch weitere Leichen dort gefunden werden konnten. Niemand wusste, wie viele Männer Verena Göckinger dort umgebracht hatte.

Um Haaresbreite hätte auch Alex dazu gezählt.

„Vielleicht hätte sie ihm ja einen Gefallen getan!“, dachte er und versuchte den dunklen Gedanken schnell zu verdrängen.

Er scrollte weiter durch die Bewerbungen. Da gab es die hübschen Frauen, alle knapp über zwanzig und alle mit überdurchschnittlich guten Noten. Und alle würde sich freuen für sojemand Berühmten zu arbeiten.

Dann gab es die Bewerberinnen in seinem Alter, die nach erfolgreicher Erziehung der Kindernun wieder Zeit und Lust für eine fordernde Aufgabe haben. Gerne Teilzeit!

„Teilzeit! Wie die sich das vorstellen!?“, brummte Alex. Tina war schließlich immer für ihn da. Morgens, mittags und ja, auch in der Nacht. Doch darum ging es nicht. Tina war tot und konnte auch nicht ersetzt werden. Nie.

Dann gab es die, welche eigentlich zu alt für den Job waren, aber in einer verzweifeltenSituation, und deshalb auch für geringen Lohn arbeiten würden.

Und es gab sogar einen männlichen Bewerber. Trotz der eindeutigen Stellenbeschreibung einer Assistentin.

Insgesamt vier Bewerberinnen wurden von ihm auserkoren, sich persönlich vorzustellen. Auch fand er es nicht im Geringsten auffällig, dass alle aus der ersten Gruppe stammten. Man hatte einen Ruf zu verlieren, auch wenn dieser kein guter war. (Alex hoffte, dass seine unzähligen Frauen dieses in einem anderen Licht sahen.)

Ordentlich legte er die Mappen auf seinen Beistelltisch. Wäre er jetzt sein eigener Psychologe, so würde er sich selbst als Patient einen stümperhaften Versuch bescheinigen, sein wildes Leben wieder aufzufrischen.

Für Kinder war es eigentlich zu spät.

War es dies?

In früheren Jahren, damals in einer anderen Zeit, hätte er sich das gut vorstellen können. Ja so ein kleiner Alex wäre schon schön gewesen.

Doch alles kam anders.

Und dann hatte er von einem Leben mit IHR geträumt. Und tat es eigentlich noch immer. Das könnte die Wurzel des Problems sein. Er liebte nur SIE.

Und doch wird es kein Wir mit IHR geben.

Ermattet fiel er zurück auf seine Velours-Couch und wollte sich gerade erneut die Decke über den Kopf ziehen, als es läutete.

Es läutete an einem Sonntag.

An seiner Tür, in seinem neuen Haus.

Und obwohl er bestimmt keinen Besuch empfangen wollte, ging er seiner Neugierde folgend zur Tür. Dort stand noch immer ein dicker Knüppel aus Eschenholz. (Für den Fall der Fälle!) Alex startete die Kamera. Und was er dann zu sehen bekam, ließ ihn kurz den Atem stocken und dann Wut aufkeimen.

Natürlich hatte überall schon die sogenannte fünfte Jahreszeit begonnen. Mittlerweile begann diese von ihm verabscheute Phase des schwäbischen Lebens schon an Dreikönig. Und endete gefühlt nie. Im letzten Jahr hingen die bunten Wimpel, welche über die Straßen gespannt wurden in Stetten bei Hechingen noch an Ostern. Sein neues Haus stand in Onstmettingen. Zugegeben nur etwa fünfhundert Meter neben der Grenze zu Hohenzollern. Natürlich gab es diese Grenze in Wirklichkeit schon lange nicht mehr. Und doch war das Leben hier anders. Die Menschen waren überwiegend evangelisch, während das Killertal erzkatholisch war. So wie auch Alex lange Zeit, bis er dieses fast mit seinem Leben bezahlte.

Und das Gute daran war, dass die Menschen in Onstmettingen nichts von der fünften Jahreszeit hielten. Hier blieb man davon verschont.

Eigentlich!

Denn vor seiner Tür standen an einem sehr kalten Sonntag eindeutig eine Hexe und ein Pirat.

Eine sehr kleine Hexe!

Alex atmete tief ein. Dann öffnete er widerwärtig die Tür.

„Ich bin eine schreckliche Hexe und verzaubere dich!“, piepste die Stimme, die offensichtlich zu einem kleinen Mädchen gehörte.

„Oder ich schlage dir den Kopf ab!“, knurrte die gekünstelte tiefe Stimme des Piraten. Alex fragte sich, welchen rohen Wortschatz Eltern heutzutage ihren Kindern zumuteten. Eigentlich, so dachte er, sollte man dies beim Jugendamt anzeigen.

„Nein, bitte nicht!“ Alex spielte mit.

„Hallo Dr. Kanst! Ich konnte die zwei nicht bremsen!“, sagte eine Frau Mitte Dreißig, die lässig an einem Familien-SUV lehnte. Alex überlegte, ob er diese Frau kannte, doch er kam zu keinem Ergebnis, da der Pirat seine Forderung vertiefte.

„Also: Kopf ab oder etwas Süßes!“

Berry bellte und begrüßte die Hexe schwanzwedelnd.

„Bitte nicht mein Kopf!“, sagte nun Alex.

„Dann gib uns was Süßes!“ Die Hexe hatte ihre Maske nach oben geschoben und lächelte Alex an.

Alles was er finden konnte, war eine Tüte mit Fruchtgummis. Doch die Belagerer waren damit einverstanden und zogen ab. Berry jedoch wollte nun auch noch etwas haben und forderte einen Kauknochen. Anschließend war das Feuer ausgegangen und nun fror Alex schon wieder, vor allem an seinen Zehen.

Fluchend und pustend versuchte er das Feuer wieder in Gang zu bekommen. Gerade als es wieder zu knacken begann, läutete es erneut.

An einem Sonntag.

An seiner Tür, in seinem neuen Haus.

Wütend stapfte er zurück zum Bildschirm für die Kameraüberwachung. Alex war sich sicher, nicht noch mehr Süßes an fremde Hexen auszugeben (natürlich könnte auch der Grund dafür sein, dass er nichts mehr zu Hause hatte).

Doch da stand keine fremde Hexe vor seiner Tür. Er kannte die Person. Zu gut. Und dies schon, seit er fünf war. Denn vor seiner Tür stand eindeutig:

„Pippi Langstrumpf!? Das ist nicht dein Ernst!“ Alex war fassungslos.

„Ich fand die Idee großartig. Wollte ich im Geheimen schon immer sein! Ja so stark und großartig. Ich habe alle Filme gesehen, durften wir ja nicht. Doch alle haben heimlich immer Wessi-Kanal geschaut. Am besten finde ich das mit den Piraten, also Pippi in Taka-Tuka-Land. Mensch, wie die alle dort verdrischt. Das wollte ich auch immer!“ Lilli stapfte an Alex vorbei und kraulte den Hund.

Alex dachte kurz an die sechs Mönche im Wald kurz vor dem Heiligen Abend. Lilly musste nicht so tun, nein im Gegenteil, sie war sogar stärker als Pippi Langstrumpf.

„So, und da wir ja eine Faschingsparty feiern, habe ich auch etwas für dich!“ Lilly kramte in den großen Taschen ihres Pippi-Kleides und holte ein Halstuch hervor. Das knotete sie Berry um den Hals. Groß stand dort: „Schlabberbacke“. Berry freute sich so sehr, dass er lossprintete und dabei alles umwarf. Mit einem Satz flog er förmlich über den Couchtisch und warf dabei die von Alex so sauber sortierten Bewerbungsmappen durcheinander.

„Sieh mal! Jetzt hast du den Hund verrückt gemacht!“, brummte Alex, der immer noch nicht wusste, wie er aus der ihm bevorstehenden Nummer ungeschoren herauskommen sollte.

„Bewerbungen!“ Lilly zog ihre rechte Augenbraue nach oben und schaute Alex an.

„Genau! Bewerbungen, und da gilt der Datenschutz!“, maulte Alex und riss die Mappen an sich.

„Aber sicher, ist nur auffällig, dass alle so jung und blond sind! Ein Einstellungskriterium?“ Sie grinste.

„Was du wieder denkst! Natürlich nicht, das wäre ja auch zu unprofessionell!“

„Aha!“ Lilly grinste noch immer.

Alex trottete in seine Küche (mit den Mappen!).

„Also gehen wir!“, sagte Lilly und Berry bellte bereits freudig.

„Gehen!? Wohin?“ Alex versuchte den Ahnungslosen zu spielen.

„Ja zu meiner Faschings- und Einweihungsparty für das neue Haus …“

„Altes Haus!“, korrigierte Alex.

„Meinetwegen, dann eben altes Haus. Wobei es für mich neu ist, da ich ja dort noch nie gewohnt habe. Natürlich passt altes Haus besser zum tatsächlichen Alter des Gebäudes. Im Übrigen ist dies mein erstes eigenes Haus, das ich bewohne, auch wenn hier der Passus „Eigen“ nicht so recht passen will, da ich es ja nur gemietet habe. Hier ist noch zu erwähnen, dass wir noch die Miete nicht festgelegt haben und hier hoffe ich natürlich auf eine meinem Gehalt angepasste Miete. Ich räume auch Schnee und mähe den Rasen. Auch wenn ich nicht so recht daran glauben will, dass es in eurem Ländle je Frühling wird. Dazu sollte ich noch sagen …“

„Lilly!“, unterbrach Alex ihren Monolog.

„Gut, also gehen wir!“ Lilly grinste schon wieder. Sie wusste genau, was Alex über die sogenannte fünfte Jahreszeit dachte. Schon als Kind war diese ihm immer ein Graus und damals dauerte diese nur fünf Tage und nicht wie heute gefühlt fünf Monate.

„Also gerne, aber ich habe die Party leider vergessen. Die ganzen Bewerbungen und so, naja du weißt schon. Deshalb habe ich keine Verkleidung. Und ohne kann ich ja nicht kommen, das wäre blöd!“, heuchelte Alex.

Lilly warf einen siegessicheren Blick auf die Garderobe rechts neben der Eingangstür. Genau dort, wo immer noch der Forstuniformhut von Alex hing.

Zehn Minuten später saß er mit seinem Uniformhut auf dem Schoß (der Fiat war zu niedrig, als dass er diesen hätte aufsetzen können) neben Pippi Langstrumpf und fuhr zurück. Zurück zu seinem alten Haus. Doch für Alex war es mehr. Es war ein Zurück zu seinem alten Leben. Eines, das nie schlecht war. Es war einfach und arbeitsam. Erfüllt von Träumen und Idealen. Bis die Katastrophe kam. Nur mit IHRER Hilfe hatte er es geschafft, am Leben zu bleiben und ein neues Leben aufzubauen. Ein besseres! Ein besseres? Da war er sich nun nicht mehr sicher. Hatte er überhaupt ein Leben? Freunde? Alex schaute zu Lilly, die mit einer ungeheuren Freude zu ihrer Party fuhr. Er schämte sich, dass er fast ihre Freude getrübt hätte und nicht gekommen wäre. Noch kannte er Lilly nicht lange, und doch war sie zu seinem besten Freund geworden. In vielen Dingen waren sie so unterschiedlich, und vielen anderen sich so ähnlich.

Der Fiat röhrte, als er aus dem Onstmettingen-Wald auf die Wiesen oberhalb Hausens fuhr. Schnee und weiße Wüste, so weit man sehen konnte. Nur das Himmelblau des Fiats war ein winziger Farbklecks. Alex hatte die Füße angezogen, soweit es ging. Erneut vertiefte er den Schwur, sich gleich morgen um ein eigenes neues Fahrzeug zu bemühen. Nun duldete es keinen Aufschub mehr.

Als sein Blick nach rechts schwenkte und er die mächtigen dunklen Kronen der alten Buchen des Göckeleswald sah, lief es ihm wieder kalt den Rücken runter. Eigentlich war dies ein wunderschöner und friedlicher Ort. Und doch hätte er vor ein paar Wochen dort fast sein Leben verloren. Noch wusste niemand, ob es dort in den tiefen Schluchten und unzugänglichen Waldungen noch mehr Leichen gab.

Lilly fuhr quietschend an einer Schneewehe vorbei, die höher war als das Dach des himmelblauen Fiats 500.

„Ups!“, sagte Lilly und lachte.

„Ja mit dieser Kugel kann uns nichts passieren, das ist wie ein Bob im Eiskanal!“, sagte Alex und lächelte zum ersten Mal etwas.

„Ha! Du hast es nötig! Wa! Hast noch nicht mal eine eigene Karre. Und dann hier ne dicke Lippe riskieren.“ Lillys Dialekt kam zur Geltung. „Wenn ich dich nicht geholt hätte, wärst du nicht gekommen!“ Lilly kniff die Augen zusammen und versuchte die Straße zu erkennen.

„Wohl!“, sagte Alex trotzig. „Und ein Auto besorg ich mir gleich morgen!“

„Wer es glaubt! Doch der Taxi-Branche tut es gut, solange du kein eigenes Auto hast.“

Alex biss sich auf die Lippe. Wo sie recht hatte, hatte sie recht. Mit Schmerzen dachte er an das Vermögen, das er schon für die Fahrten mit Ümit, dem Taxifahrer ausgegeben hatte. Sicherlich hätte dies schon zweimal ein neues Auto gegeben.

„Übrigens habe ich fünfzig Euro gewonnen!“ Lilly hielt ihren Daumen hoch.

„Wie gewonnen? Von wem?“

„Von Professor Doktor!“ Lilly war sichtlich stolz.

„Von Wolfi!? Warum? Der ist doch sonst so ein Knauserer!“ Alex dachte daran, wie sparsam sein erst kürzlich verheirateter Freund immer war.

„Naja, er war sich halt sicher, dass er die Wette gewinnen würde. Im Übrigen muss ich schon sagen, dass er Alexandra ja förmlich auf Händen trägt. Hat ihr gerade letzte Woche einen Porsche gekauft.“

„Wolfi!“, sagte Alex entsetzt. Doch vielleicht war er mehr entsetzt, wie wenig er Kontakt zu seinem Freund hatte, seit dieser Alexandra geheiratet hatte. War er doch eifersüchtig? Er, der die besseren Chancen gehabt hätte? Hatte er die? Sicher war nur sein chaotisches Leben im Weg gewesen. Und seine Liebe zu IHR. Doch das durfte so nicht weitergehen. Er musste dringend sein Leben ordnen. Wieder zu alter Stärke kommen. Und der Anfang war gemacht: Er hatte die Stelle einer Assistentin ausgeschrieben. Kurz keimte Hoffnung auf, doch nur kurz, denn dann stand der kleine himmelblaue Fiat 500 vor einer Absperrung, die von der Hausener Feuerwehr errichtet und bewacht wurde.

Lilly hupte und Alex sah überall Hexen und hörte laute Musik.

Nun hatte die fünfte Jahreszeit auch ihn eingeholt. Alex spürte die Kälte, doch noch hatte er keine Ahnung, wie mörderisch diese Jahreszeit sein würde.

Lilly hupte und fuchtelte wild. Ein Feuerwehrmann kam auf den Fiat zu.

„Die Straße ist gesperrt!“, sagte Alex und versuchte seine aufkeimende Panik beim Anblick der Menschenmassen zu unterdrücken.

„Ja, aber ich bin doch Anlieger!“ Lilly fluchte.

„Halloooo!“, sagte der freundliche Feuerwehrmann.

„Heu Hansi!“ Alex rang sich ein gequältes Lächeln ab. Seine Panik nahm zu.

„Ja heu Alex! Mesch di han i jo schau lang it gesä!“, sagte Hans Peter.

„Das letzte Mal, als du Lilly aus dem Schnee ziehen musstes!“ Alex und Hans Peter lachten.

„Schön, dass die Herren ihren Spaß haben, aber jetzt will ich durchfahren!“, sagte Lilly und kaute energisch auf einem Kaugummi. Hans Peter kratzte sich am Helm.

„Also, das geht jetzt nicht mehr. Die Hexen stellen sich schon auf. Park doch da hinten und lauft die paar Meter!“

„Mist!“ Lilly legte den Rückwärtsgang ein und Alex bemerkte, wie seine Furcht und Abneigung gegen diese Jahreszeit und vor allem die Rückkehr gerade jetzt in sein Heimatdorf und damit irgendwie in sein altes Leben in Panik umschlug.

„Fahr mich lieber wieder heim!“, nuschelte er, während der Fiat über einen Schneehaufen fuhr.

Alex war alles andere als bereit, durch sein Dorf zu laufen. Nicht jetzt, nicht morgen und schon gar nicht, während hunderte oder gefühlt tausende Hexen ihren blödsinnigen Schabernack trieben.

„Komm endlich, meine Karnevalsparty fängt doch an, und alle sind schon da!“ Lilly hatte etwas Befehlerisches und Alex zwängte sich mürrisch aus dem Wagen. In Gedanken bestätigte er noch einmal sein Vorhaben, endlich wieder ein eigenes Auto zu besitzen. Berry rannte los und umrundete das Feuerwehrauto.

„Komm her!“, befahl Alex, doch Berry alias Schlabberbacke ignorierte seinen Freund heute.

„Ich denke, du musst ihn an die Leine nehmen!“, schlug nun Pippi Langstrumpf vor.

„Hast du eine?“, konterte Alex.

Die Hausener Feuerwehr konnte aushelfen, mit einer Schnur. Lilly stolzierte vorweg in viel zu großen Schuhen und Alex war froh, diese nicht schon früher bemerkt zu haben, sonst wäre er gefahren. (Und dabei war er sich nicht sicher, ob er aufgrund der Enge und seinen langen Beinen die Pedale bedienen konnte. Seinen leichten Bauchansatz ließ er dabei außer Acht.)

„Wir hätten noch durchfahren können, wenn der Herr Psychologe nicht so getrödelt hätte!“, sagte Lilly, als mehrere Hexen auf sie zukamen. Alex wollte widersprechen, wurde jedoch von zwei Hummeln davon abgehalten.

„Hey, schöner Mann!“, sagte die eine.

„Wo gehörst du dazu? Zu den Jägern dort?“, sagte die andere und drückte Alex einen Kuss auf. Beim Wort Jagd lief es ihm immer noch eiskalt den Rücken herunter, da die Erinnerungen an die Geschehnisse im Göckeleswald noch sehr präsent waren. Ängstlich drehte er sich um und sah dann nur zum Glück die Narrenzunft der „Hasawedel“ aus Boll, die Jäger dabeihatten, um die Hasen zu erschießen.

Alex bekam einen zweiten Kuss und ein Herz, welches die andere Hummel mit pinkem Lippenstift ihm auf die Backe malte. Plötzlich wurde seine Hand gepackt und er wurde mitten durch die Hummel gezogen.

„Wer waren jetzt die beiden?“ Lilly zog Alex hinter sich her.

„Wer? Ach, die Hummeln? Kenn ich nicht!“, sagte er ehrlich und aufrichtig.

„Kloar, kennst de nicht!“, sagte Lilly im Dialekt und sehr sarkastisch.

„Echt nicht. Woher auch, die sind, die sind …“ Alex schaute auf das Schild, das der Narrenzunft vorweggestellt wurde, „… aus Bittelschieß! Weiß nicht mal, wo das ist!“

„Aber nein! Blond! Blaue Augen! Auch wenn nicht so blau wie die von Miss Universum. Das muss ich schon sagen. Und deshalb bin ich mir sicher, du hast die Handynummern von beiden Hummeln.“ Lilly klang jetzt schon eher resigniert.

Alex schluckte trocken. War er so? Oberflächlich, einfach? Ein Frauenheld? Die Realität war eine andere. Derzeit war er dies alles nicht. Ganz im Gegenteil. Er verfluchte sein bisheriges Leben. Und da er bereits zwei unterschiedliche Phasen durchlebt hatte, verfluchte er gleich beide. Und das umso stärker, je näher er seinem alten Haus kam. Und damit der Erinnerung zu Phase eins. Er war sich sicher: Er müsste was ändern! Vielleicht war die Einstellung einer neuen Assistentin der erste Schritt. Konnte er noch mehr machen? Mehr Schritte? Die 5.0 kam immer näher, und damit schwand die Möglichkeit, noch viele Schritte zu machen. Insgeheim beneidete er Alexandra und Wolfi. Doch offiziell würde er das nie zugeben.

Berry rannte vorweg und Lilly zog immer schneller an seinem Arm, was bereits einen brennenden Schmerz erzeugte. Überall hüpften, sangen und vor allem tranken Hexen. In allen Farben und mit den widerlichsten Masken aus Holz. Dazu wurden Besen geschwungen und gegrölt. Einige hatten die Masken noch nach oben funktioniert und Alex konnte feststellen, dass es überwiegend Männer waren, die hier in einem Rock und nur mit Schuhen aus Stroh sich zum Narren machten. Bei minus 7 Grad (geschätzt!) Er war froh, seine guten Forstschuhe angezogen zu haben. Auch Lilly rutschte in ihren Schuhen, die eher einem kleinen Kanu glichen, doch deutlich über die vereiste Hausener Dorfstraße.

Sein Ziel für heute stand fest: So schnell wie möglich nach Hause, in das neue Haus!

„I werd verruckt! D`r Lexi!“, sagte plötzlich eine dunkle Stimme in tiefem schwäbischem Akzent. Alex drehte sich um und sah auf dem kleinen Grundstück, welches zwischen seinem alten Haus und der Nachbarin lag, einen Weizenbrunnen, welcher der Hausener Turn und Sportverein aufgebaut hatte.

„Einen Weizenbierbrunnen sollte man immer vor dem Haus haben!“, dachte der Psychologe und ging freudig darauf zu. Auch wenn es definitiv zu kalt für ein Bier war, so musste er unbedingt eines haben. Wer konnte schon sagen, wann wieder ein Bierbrunnen vor dem Haus aufgebaut wurde?

„Hallo!“, sagte Alex und bekam ein Hallo hier, ein Kopfnicken da und ein „Heu!“ dort zurück.

„So, a frisch Weuza!“, sagte Manne, der Vorstand, und stellte Alex ein Glas Bier auf die Theke.

„I han garitta gwisst, dass du wid´r do wohnst!“, sagte ein anderer.

Alex nahm einen Schluck, bevor er antworten wollte. Doch plötzlich stand Pippi Langstrumpf neben ihm.

„Geht’s noch? Wir sind jetzt schon zu spät zu meiner Karnevals—Einzugs-Party. Und das, obwohl ich ja eigentlich der Gastgeber bin. Doch der Herr Hausbesitzer trödelt, boykottiert und nun trinkt er noch hier ein Bier. Auch wenn sich der letzte Satz etwas reimte, ist mir nicht zum Scherzen zumute, das möchte ich hier in aller Deutlichkeit einmal klarstellen. Dazu kommt, dass du hier mit deiner Gesundheit spielst! Kaltes Bier bei Minustemperaturen. Das schadet nur deinen Nieren, glaub mir. Einer meiner Verwandten trank auch immer kaltes Bier, ja und was soll ich sagen, wo der heute ist?“

Alex konnte es sich vorstellen und verschluckte sich.

„Isch des dei Alte? Fesch! Aber a Gosch hot die wia zeah!“,sagte einer, der neben Alex stand, und alle lachten.

„Mo hosch´n dia uffgrissa, Lexi?“, wollte nun ein anderer, der im Alter von Alex war, aber noch nie eine Freundin hatte, wissen. Alex hustete noch immer.

„Uffgrisa?“ Lilly hatte kein Wort verstanden. „Was meint der damit?“

Alex hustet noch mehr.

„Komm Mädle, do drink ebbes, no hälscht die Gosch!“ Lilly bekam nun auch ein Glas Bier vor sich auf den Tresen gestellt.

Währenddessen steigerte sich das närrische Treiben immer mehr. Hexen in Kostümen, welche alle Farbkombinationen aufwiesen, versammelten sich. Dazu kamen Trommler und Trompeten. Geschrei und Getöse. Einige bauten Menschenpyramiden. Junge Mädchen schrien, wenn diese in Stroh geworfen wurden. Dampfende Kessel wurden von Hexen mit grimmigsten Holzmasken gezogen.

Kurzum: Es war Fasnet im Killer Tal. Ob man dies nun gut fand oder damit nichts am Hut hatte. In dieser Nacht gehörten die Gassen den Narren.

„Lilly, du brauchst das Bier nicht zu trinken!“ Alex hatte seine Stimme wiedergefunden. Er schaute Lilly an und dachte für einen kurzen Augenblich, etwas in ihren Augen blitzen zu sehen. Lilly grinste schelmisch. Dann legte sie zum Entsetzen von Alex und zur Verwunderung der Sportfreunde einen Fünfzig-Euro-Schein auf den Tresen.

„Okay. Der, der schneller das Bierglas leer getrunken hat, gewinnt den Schein! Na, wer macht mit?“ Lilly grinste noch mehr und Alex stand mit offenem Mund entsetzt daneben.

„Komm Bernd! Du schaffst es!“, sagte der Vorstand des TSV.

Bernd hatte bestimmt weit über 200 Kilo Lebendgewicht und Alex war sich sicher, dieser Bernd könnte sein Gewicht in Bier trinken. Lilly würde verlieren und verspottet werden.

„Lilly, soll nicht lieber ich es versuchen …“, flüsterte er, doch Lilly Baur ohne e winkte ab.

„Top! Die Wette gilt!“, sagte der Vorstand und Bernd und Lilly setzten an. Wobei dies bei Lilly nicht so genau zutraf. Sie streckte ihren sehr dünnen Hals und dann floss das Bier hinein. Binnen Sekunden. Alex war fassungslos, und mit ihm die meisten der Sportfreunde.

„Gewonnen!“, sagte Lilly und nahm ihren Gewinn mit der linken und Alex mit der rechten. Sie zog ihn wie einen kleinen Jungen hinter sich her. Alex hörte noch das Gelächter der Sportfreunde und konnte sich vorstellen, wie diese über ihn lästerten.

Plötzlich baute sich ein rußgeschwärzter, in Lumpen gekleideter bärtiger Mann vor ihnen auf.

„Nariiii!“, schrie dieser. Lilly strahlte über beide Ohren.

„Nariiii!“, schrie Lilly völlig falsch.

„Naroo!“, murmelte ein gefrusteter Alex.

„Des goht doch bestimmt besser!“, sagte der Mann und schrie erneut.

„Naroo!“, schrie nun Lilly und Alex ersparte sich dies. Er hatte gleich richtig geantwortet.

„Dofür, geit ´sa jetzt au ebes!“, sagte der Mann und griff in einen dampfenden Kessel, der über einem offenen Feuer hing, das auf einem Wagen aus rostigem Eisen über die Straßen gezogen wurde. Sogar Berry bekam ein Stück, das eigentlich wie eine Wurst aussah.

Berry hatte sein Stück sofort verspeist und bekam auch noch das, welches Alex angewidert bekommen hat. Lilly zog dabei Alex noch immer hinter sich her. Offensichtlich schätzte sie die Gefahr, dass Alex erneut verlorenging, als zu hoch ein.

„Schmeckt dir die Wurst nicht!“, wollte Lilly wissen und biss in ihre vermeidliche Wurst.

„Das ist keine Wurst!“, sagte Alex und grinste schon schelmisch, als Lilly bemerkte, dass die Wurst doch etwas hart war.

„Nicht? Was soll das dann sein?“

Alex grinste schadenfreudig: „Ein Schweineschwanz! Echte Fasnetsdelikatesse!“

„Blödsinn! Das sagst du nur, um mich zu ärgern. Niemand kocht die Schwänze von Schweinen!“, war sich Lilly sicher.

„Doch, glaub mir!“ Alex lachte.

„Igitt!“, sagte Lilly und Berry bekam sein drittes Schwänzchen, eine echte Delikatesse. (Zumindest für den Hund!)

An der Treppe zum alten Haus von Alex drückte Lilly wild auf die Klingel. Alex lachte erneut: „Wer soll denn aufmachen? Wir kommen doch erst gerade!“

„Ja, wenn der Herr Psychologe auch so trödelt. Es sind doch schon alle Gäste da auf meiner Faschingseinweihungsparty!“, sagte Lilly sehr hektisch.

„Also, noch einmal: Lilly! Es gibt da einen Unterschied zwischen Fasching und unserer schwäbisch alemannischen Fasnet und der ist …“ Alex hörte sich fast wie einer seiner alten Lehrer an. Doch er unterbrach seinen Vortrag, als die Haustür von der leitenden Staatsanwältin Bettina Balk geöffnet wurde, die offensichtlich auch ein Kostüm trug. Nur als was diese sich verkleidet hatte, konnte er auf Anhieb wirklich nicht beurteilen. Bettina Balk hatte ihre Haare hochgesteckt und trug ein enges schwarzes ledernes Kleid. Dazu hohe Stiefel. Ihre Lippen waren mit schwarzem Lippenstift bemalt. Doch besonders merkwürdig fand Alex die lederne Peitsche, die Frau Balk sich in den Gürtel, welcher mit Nieten besetzt war, gesteckt hatte.

„Ich habe ihn!“, sagte Lilly freudig und schaute verdutzt, wie sich Lilly und ihre Chefin abklatschten.

„Ein Komplott!“, murmelte er.

„Ach, Doktor Kanst, sehen Sie es mit Humor! Ihr Freund Professor Eierle hatte gewettet, dass es niemand schaffen würde, Sie zu einer Faschingsparty zu bringen.“

„Fasnet!“, fiel ihr Alex ins Wort.

„Meinetwegen, aber er hat verloren!“, sagte Frau Balk und zuckte mit der Schulter. Alex ließ seinen Blick noch einmal über das Outfit von Frau Balk schweifen.

„Gefällt Ihnen mein Kostüm?“, sagte diese.

„Ja, schon. Nur weiß ich nicht so recht, was es darstellen soll!“, stotterte Alex.

„Aber, mein lieber Doktor Kanst, dass Sie das nicht gleich erkannt haben, verwundert mich doch etwas. Ich bin eine Domina!“ Frau Balk lächelte verschmitzt und Alex wurde es heiß. Er folgte lieber Lilly in die große Wohnküche. Innerlich hoffte er, dass es nur ein Kostüm war. Doch er bemerkte starke Zweifel.

Lilly hatte alle Türen geöffnet und so war auch das ganze Haus mit bunten Girlanden geschmückt und überall lagen Luftschlangen und Konfetti herum. Alex konnte die Standpauke seiner Putzfee Rosi förmlich hören, wenn er es wagen würde, seine Wohnung so zu vermüllen. Doch dies war hier das Problem von Lilly. In der Küche auf dem großen Tisch aus Ahornholz stand eine Schüssel aus Kristall, welche Alex sofort als die Schüssel seiner Großmutter identifizierte.

„Komm, du musst zuerst einmal von meiner Bowle probieren!“, sagte Lilly und schöpfte bereits etwas davon in ein Glas und Alex war zu höflich, um abzulehnen. Plötzlich stand eine lebensgroße Zahnbürste neben Pippi Langstrumpf und küsste diese.

„Schatz, bekomme ich auch noch einmal?“, lallte Zahnarzt Scharf, mit dem Lilly immer noch zusammen war. Nach der Meinung von Alex war der Altersunterschied viel zu groß, doch die war ja nicht gefragt im Moment.

„Nastrovje!“, sagte Lilly und kippte ihr Glas Bowle in einem Zug herunter.

„Prost!“, antwortete der Zahnarzt.

„Auf deine neue Wohnung!“, sagte Alex und kippte auch das Glas in einem Zug herunter.

Augenblicklich bekam er keine Luft mehr. Sein Rachen brannte wie Feuer und er musste husten, gefolgt von einem Würgereiz.

„Was ist da drinnen? Wodka pur?“ Alex hustete noch immer. Die Zahnbürste klopfte ihm helfend auf den Rücken.

„Nee! Ganz viel mehr! Ein Rezept meiner Omi! Also, Ananas, Birnen, kleine saure Kirschen, etwas Rotwein …“

„… und Wodka!“, fiel Alex Lilly ins Wort.

„… Zimt, und brauner Zucker. Dazu einen Schuss vergorener Cidre …“

„… und Wodka!“, wiederholte sich Alex.

„… eine Prise Muskat, und Gelatine, wegen der Festigkeit und auch ja natürlich Wodka. Und das ist das Beste daran …“

„Echt? Wäre ich nie drauf gekommen!“ Alex hustete noch immer.

„Ja, der ist doch echt klasse. Von meinem Onkel, der brennt diesen immer selbst. Aber, pssst! Sag es nicht meiner Chefin, gell!“ Lilly rempelte Alex an, der daraufhin noch mehr hustete.

„Selbst gebrannt!“, murmelte er. Wurde man davon nicht blind? Alex hatte von solchen Fällen schon gehört. Zum Test hielt er sich seine Hand vor die Augen. Sah er schon schlecht? Oder war dies nur Panik. Nein, er sah definitiv schlechter als früher! Natürlich konnte dies auch mit der drohenden Welle eines weiteren runden Geburtstages zusammenhängen, den er ja nächstes Jahr feiern würde. Das würde es erklären, doch auch ein selbst gebrannter Wodka konnte bestimmt nicht gesund sein. Gerade als er Lilly nachsetzen wollte, stand Alexandra vor ihm. Sie trug eine rote Mütze und ein rotes kurzes Kleid mit weißen Kniestrümpfen. Dazu hielt sie einen Weidenkorb in der Hand.

„Hi Alex!“, sagte sie und küsste den Psychologen auf die Wange.

„Mensch, braun bist du geworden!“, sagte Alex schon irgendwie hilflos. Immer wieder kam er in Situationen, wo ihm die Worte fehlten, und dies, obwohl er sonst ja mehr als redegewandt war. Vielleicht nicht so gut wie Lilly, aber doch recht passabel. Und dennoch hatte er immer schon Probleme, seine Gefühle zu zeigen. So wie in diesem Moment, wo er unglaublich glücklich war, Alexandra, genauer gesagt Frau Eierle wiederzusehen.

„Es war schön!“, sagte sie.

„Ja, Mauritius hat was!“, bemerkte Alex. „Übrigens, als was bist du da verkleidet?“ Alexandra lächelte:

„Rotkäppchen! Möchtest du einen Apfel?“ Alexandra hielt Alex ihren Weidenkorb hin, in dem sich vier rote Äpfel befanden.

„Äpfel? Also ich weiß nicht, glaube, das mit den Äpfeln ist ein anderes Märchen!“ Alex rang sich ein gequältes Lächeln ab. Alexandra zuckte mit den Schultern.

„Egal, ich habe ja noch etwas Besseres im Korb! Schau mal!“ Sie stellte zwei kleine Fläschchen vor Alex auf die Küchenanrichte.

„Das sind Hüpfer! Möchtest du?“

„Hüpfer? Hüpfen die?“ Alex lachte.

„Aber nein, schau, die muss man zuerst klopfen, und dann auf ex trinken!“ Alex schaute gebannt, wie seine Freundin das kleine Fläschen ausgetrunken hatte.

„Ist da Alkohol drin?“, fragte er, da er noch nie von „Hüpfern“ gehört hatte.

„Eine Menge! Komm, die nächsten trinken wir zusammen! Es gibt Wodka Feige, Wodka Cream und Wodka Lemon!“, sagte Alexandra.

„Irgendwie hatte ich gerade genug Wodka!“, sagte Alex und musste entsetzt zusehen, wie Alexandra alle drei weiteren Fläschchen auf ex trank.

„Dass du mich so im Stich lässt!“, sagte diese schon mit einer etwas schweren Zunge. „Mir fehlen unsere Treffen!“, sagte sie dann noch.

„Ja, mir auch.“ Alex war nun doch etwas in Sorge. Alexandra quälte ein Problem. Ein großes Problem.

„Schön, dann könnten wir uns doch morgen Abend bei dir treffen? Ich koch auch!“

„Morgen?“

„Oder passt es dir nicht?“, sagte Alexandra Eierle und klopfte bereits mit einem weiteren Fläschchen auf die Küchenanrichte.

„Doch, natürlich! Dann machen wir einen schönen Abend zu dritt! Ihr erzählt mir alles von der Hochzeitsreise, und auch von der Trauung!“, sagte Alex, der ja eigentlich an keinem Abend in der letzten, und auch wohl in der zukünftigen Zeit was vorhatte. Auf einmal sah er, wie Alexandra ernst wurde.

„Du hast wieder jemanden, mit dem du zusammen bist?“

„Ich? Nein! Wie kommst du drauf?“ Alex war verdutzt.

„Ja weil du von uns drei gesprochen hast!“

„Klar doch, du, Wolfi und ich! Wir drei!“ Alex lachte, doch Alexandra blieb ernst.

„Ich möchte, dass du Wolfi nicht sagst, dass wir uns treffen! Bitte!“

„Ich soll Wolfi nichts sagen? Wo ist der überhaupt? Moment, wenn du Rotkäppchen bist, dann ist doch nicht etwa Wolfi …“ Weiter kam Alex nicht, da plötzlich eine große Fellhand ihm auf die Schulter klopfte. Mit bösen Vorahnungen drehte er sich um.

„Huaaa! Ich bin der große böse Wolf!“ Professor Doktor Eierle lachte und steckte in einem Wolfskostüm.

„Das ist jetzt nicht euer ernst?“, brummte Alex.

„Das ist doch eine klasse Idee! Du kommst nie drauf, wessen Idee das war!“, lachte der Professor.

„Lilly!“, brummte Alex resigniert und wollte diese gerade suchen gehen, als Lilly, beladen mit Porzellantellern, zurück in die Küche kam.

„Gibt es Kuchen?“, fragte er nun und bemerkte doch ein leichtes Hungergefühl, das so vorher bei dem Sauschwänzle nicht da gewesen war.

„Nur für deine Eltern!“ Lilly deckte weiter den Tisch.

„Was? Für meine Eltern? Meine Eltern kommen auch! Du hast meine Eltern eingeladen?“ Alex war sprachlos.

„Nicht so direkt. Genau genommen hat sich deine Mutter selbst eingeladen. Wo das doch hier eigentlich ihr Geburtshaus ist und da hat man ja so seine Rechte.“

„Hat sie das gesagt? Was für Rechte?“

Pippi Langstrumpf zuckte nur mit der Schulter.

„Ja so eine Art Gewohnheitsrecht. Ist doch egal, wir, genauer gesagt ich habe ja Platz. Da kommt es doch nicht darauf an. Und dein Vater war ja froh, dass endlich wieder Leben in das Haus kommt. Und eigentlich möchten sie ja nur den Umzug sehen, was sie ja von ihrem eigenen, weit abgelegenen Haus nicht können. Stellst du bitte dort noch eine Tasse hin?“

Mürrisch stellte Alex eine weitere Porzellantasse auf seinen massiven Holztisch. Dieser war das einzige Möbelstück, was er sich damals hatte extra anfertigen lassen, obwohl das Budget es nicht hergab.

„Gewohnheitsrecht! Pah!“, brummte er.

„Komm, reiß dich zusammen! Ich wäre froh, meine Mutti könnte heute hier sein!“ Lilly rempelte den brummigen Alex an. Und schon läutete es, an einem Sonntag, an der Tür. An der alten Tür im alten Haus von Alex Kanst.

„Hallo Frau Baur. Ich hoffe, wir machen keine Mühe!“, säuselte die Mutter von Alex.

„Aber nein! Ich freue mich, und Alex auch!“, sagte Lilly und warf ihm dabei einen bösen Blick zu.

„Aber natürlich!“, log Alex und wurde von seiner Mutter dabei in den Arm genommen. Lilly beobachtete genau, wie sich der Körper des Psychologen dabei verkrampfte. Sagte aber für den Moment nichts.

„Schau, dein Sohn ist auch da“, sagte sein Vater trocken.

„Ja, ich wohne ja hier!“, konterte Alex, bemerkte aber gleich seinen Fehler.

„Siehst du, Mutter. Habe ich dir doch gesagt. Wenn so ein junges Ding hier einzieht, ist dein Sohn nicht weit. Im Übrigen war die Idee, nach Onstmettingen zu ziehen, ja von vornherein zum Scheitern verurteilt.“ Der Vater von Alex setzte sich an den Tisch.

„Das war ja jetzt blöd, natürlich wohne ich nicht hier, sondern nur Lilly. Ich wollte nur sagen, dass …“

„Alex, dein Privatleben sollte doch privat bleiben!“, heuchelte nun die Mutter von Alex.

„Eine Tasse Kaffee, Frau Kanst?“ Lilly sprang gerade noch rechtzeitig ein, bevor Alex in die Luft gegangen wäre.

„Aber nein! Lilly! Meine Eltern würden so gerne von deiner Bowle probieren!“, sagte Alex und hatte dabei ein hinterhältiges Grinsen aufgesetzt.

„Echt! Aber gerne!“ Lilly schöpfte bereits Bowle in zwei Kristallgläser.

„Bowle? Ist da Alkohol drin?“, sagte Maria Kanst.

„Aber nein, fast nicht!“, log Alex und stellte seinen Eltern die Gläser hin. „Da ist Zimt drin, und Ananas, Gelatine …“ Alex versuchte sich an die Zutatenliste von Lilly zu erinnern.

„Ja dann!“, sagte die Mutter und prostete Lilly zu. Alex beschloss, das Stockwerk zu wechseln.

Im oberen Stockwerk hatte Alex einen offenen Wohnbereich geschaffen. Küche, Bad, Schlafnische und eine Sauna. Natürlich hatte er es nie benutzt. Denn die Welt, seine alte Welt, brach vorher zusammen. Und doch musste er sich selbst loben, als er alles, was er in Eigenleistung gebaut hatte, nach so langer Zeit wiedergesehen hatte. Plötzlich spürte er die Mündung einer Pistole an seinem Rücken.

„So, habe ich Sie! Endlich!“, sagte eine verstellte Stimme. „Hände über den Kopf!“, wurde ihm befohlen. Alex folgte den Anweisungen. Seine Gedanken waren zurück. Zurück am Mord von Tina, den Verbrechern, und den Worten von Frau Balk. Diese hatte ihn damals gewarnt und gesagt, es würde nicht vorbei sein. Waren ihm nun die Mörder bis hierher gefolgt. Hatten diese ihm eine Falle gestellt. In seinem Haus? Doch überall waren Polizisten. Hatten diese Waffen? Er wusste es nicht und dachte an die Peitsche von Frau Balk.

„Langsam umdrehen!“, wurde ihm befohlen.

Alex drehte sich um und dann schaute er in das Gesicht von:

„Frau Jemain! Wie komisch? Als was haben Sie sich verkleidet? Ein Pirat?“, sagte er, denn Jasmin Jemain trug Cowboy-Stiefel, dazu ein Hemd und einen Cowboy-Hut. Jedoch auch eine schwarze Augenklappe über dem linken Auge.

„Kanst, wie immer witzig! Und Sie, was stellen Sie dar? Robin Hood! Aber nein, da fehlen ja noch die grünen Strumpfhosen.“ Jasmin Jemain lachte und steckte ihren Revolver wieder in den Gurt.

„Ich lach mich tot!“ Vielleicht sind Sie auch Messerjocke, würde zu unserer Pipi Langstrumpf da unten passen.“

„Also, dass Sie das nicht wissen, enttäuscht mich ja schon etwas. Ich bin John Wayne! John Wayne in Der Marschall!“, sagte Jasmin Jemain sichtlich stolz.

„Und das sind Ihre Deputies …“ Alex lachte und hatte das Wort Depp sehr betont und zeigte auf die Kommissare Kohler und Scherle, die auch als Cowboy verkleidet waren.

„Wer möchte noch Bowle!“, sagte plötzlich ein grüner Zwerg. Alex erkannte sofort die Stimme von Frau Puda, der Assistentin von Wolfgang Eierle.

Kohler und Scherle grinsten.

„Gerne!“, sagten die beiden.

Alex hatte den geordneten Rückzug angetreten, als plötzlich ein Gong ertönte. Als er mühevoll die Treppen hinunterstieg, sah er den Großen Bösen Wolf vor den Bildern seiner Vorfahren stehen.

„Die sind alle mit dir verwandt!“, sagte der Wolf und Alex nickte.

„Ja, Lilly wollte die unbedingt hängen lassen!“, bestätigte Alex.

„Klar! Ich finde das schön, wenn man seine Vorfahren ehrt. Kommt ihr, ich möchte noch ein paar Sätze sagen!“ Lilly schlug erneut auf den Gong und Alex hielt sich die Ohren zu.

„Eindeutig! Die sind alle mit dir verwandt! Schau mal, alle haben den Knick in der Nase!“, sagte Professor Doktor Eierle.

„Den Knick? Ich habe keinen Knick in meiner Nase!“, entgegnete Alex schon etwas beleidigt.

„Oh doch! Schau mal, hier, hier und da! Ein Forensiker sieht das genau. Wobei ich ja sagen muss, dass bei der Anzahl, wie oft du die Nase schon gebrochen hast, dies nicht ganz so eindeutig ist. Aber Lilly hat auch so einen Knick!“ Wolfgang Eierle zeigte auf die Nase von Pippi Langstrumpf.

„Aber hallo, ich habe bestimmt keinen Knick!“ Lilly ließ eine Kaugummiblase platzen und schlug erneut den Gong. Alex dachte, dass er sicherlich noch einen Gehörschaden davontragen würde.

Endlich waren alle in der Küche zusammengekommen. Lilly begann mit ihrer Ansprache. Alex war es nicht entgangen, dass sich die Zahnbürste sehr nahe neben Lilly stellte. Zu nahe, als dass es Alex recht wäre. Doch seine Meinung war in dieser Sache nicht ausschlaggebend.

„Ich freue mich so, dass ihr alle zu meiner Faschingseinweihungsparty gekommen seid. Deshalb …“

Alex räusperte sich und unterbrach Alex.

„Ich muss da jetzt doch noch einmal eine Lanze brechen. Auch wenn ich nicht der begeistertste Fan dieser Fasnet bin, so möchte ich darauf hinweisen, dass es einen großen Unterschied gibt zwischen Fasching und unserer Fasnet! Und zwar schon im Beginn: Die schwäbisch alemannische Fasnet beginnt frühestens an Dreikönig, während Fasching bereits, wie allen bekannt ist, am 11.11. des Vorjahres beginnt. Dann ist es auch so, dass wir uns nicht alle verkleiden müssen, sondern meistens nur die Zünfte, und dann …“

„AlossdasmitdemZimmtistklasse!“, lallte nun der Vater von Alex und gleichzeitig ertönten mehrere Feuerwerkskörper über den Häusern des kleinen Dorfes. Lilly hüpfte auf und ab.

„Das ist das Zeichen, das Zeichen! Es geht los!“, rief sie und öffnete die Haustür.

„Das Zeichen? Für was?“, fragte Alex noch, als ihm seine Mutter ein kleines Gerät in die Hand drückte.

„Der Umzug beginnt!“, schrie Pippi Langstrumpf und hüpfte auf und ab. Alle begaben sich auf die Eingangstreppe vor dem alten Haus von Alex. Auch John Wayne zwängte sich an ihm vorbei.

„Was!“, herrschte Alex seine Mutter an, die ihm noch immer versuchte, ein kleines Gerät in die Hand zu drücken.

„Du musst mir den Blutdruck messen!“, sagte diese mit hochrotem Kopf.

„Den Blutdruck!? Jetzt?“

„Ja, du bist doch Arzt!“

„Mama, du weißt doch, dass ich nicht so ein Arzt bin!“

„Aber alle sagen doch Doktor Kanst zu dir!“

„Das ist doch nur ein Titel!“

„Aber so viel wirst du doch gelernt haben, dass du deiner alten Mutter kurz den Blutdruck messen kannst! Weißt du, ich denke da war doch etwas Alkohol in der Bowle!“

„Denkst du!“, sagte Alex zynisch und legte seiner Mutter die Manschette um den Arm.

„Ha! Sollte dies nicht jemand tun, der richtige Medizin studiert hat!“, sagte nun der große böse Wolf.

„Aber selbstverständlich! Gerne! Schau mal, Mama, hier ist ein richtiger Arzt aus Tübingen.“ Alex übergab schon etwas stolz das Messgerät an Wolfgang Eierle.

„Also vielen Dank! Ja, es ist doch so besser, wo Alex ja kein richtiger Doktor ist!“, sagte nun seine Mutter.

„Mama! Ich bin ein richtiger Doktor, aber kein richtiger Arzt!“

„Daschwarvornhereinabzusehen!“, lallte nun sein Vater. Alex beschloss, nun eine Toilette aufzusuchen, um dem allgemeinen Trubel zu entgehen. Doch Alexandra hatte sich schon bei ihm untergehakt. Auch sie war nicht mehr nüchtern, genau genommen sturzbetrunken. So hatte Alex sie noch nie gesehen.

„Es bleibt doch bei morgen Abend?“, flüsterte sie Alex in das Ohr und dabei stieg das Unbehagen von Alex auf einen Rekordhöhepunkt. Nicht in seinen wildesten Träumen hätte er sich vorstellen können, dass es noch schlimmer kommen konnte.

Noch schlimmer an einem einfachen Sonntag im Killer Tal.

Alexandra hatte Alex in vorderste Reihe bugsiert, noch vor John Wayne und seinen Deputies. Ein ohrenbetäubender Lärm ertönte. Lumpenkapellen aus ganz Hohenzollern waren aufmarschiert. Dazwischen Hexen in aller Farbenpracht. Wilde Horden aus Fabelwesen mit schrecklichen Tiermasken folgten von alten Traktoren gezogenen, rauchenden fahrbaren Hütten. Die Zuschauer wurden abwechselnd mit Stroh und Konfetti beworfen. Junge Mädchen (hier vor allem die blonden!!!) wurden auf Karren gespannt und in Käfige gesperrt und einige Meter mitgenommen, bevor unter großem Geschrei ihnen wieder die Freiheit geschenkt wurde.

„Narrii, Narrii, Narrii! Narro, Narro!” Lilly war außer sich vor Freude, ganz im Gegenteil zu Alex, dem das Spektakel eher ein Graus war. Natürlich wurden die Rufe von Lilly erhört und einige Hexen in blau-gelben Kostümen begannen eine Hexenpyramide zu bauen, um auf die Treppe zu Lilly zu kommen. Plötzlich ertönte ein Schuss. Die Ohren von Alex, welcher sich reflexartig duckte, klingelten.

„Kommt, versucht es und macht mit meiner Kanone Bekanntschaft!“, rief Jasmin Jemain, die ihren Revolver abgefeuert hatte. Alex bemerkte auch hier eine schwere Zunge. Offensichtlich waren alle betrunken. Auch er war definitiv nach einem Weizen Bier und vor allem dem Glas Bowle von Lilly nicht mehr ganz nüchtern, fragte sich jedoch, ob das Betrunkensein eine Grundvoraussetzung für das Spaßhaben auf Fasnet-Veranstaltungen war. Heute würde er aber auf diese Frage keine ausreichende Antwort mehr bekommen.

Jasmin Jemain feuerte ein zweites Mal in die Luft und dann fiel die Hexenpyramide in sich zusammen.

„Haben Sie etwa echte Munition darinnen?“, wollte Alex wissen, der sich beim zweiten Schuss wieder gebückt hatte.

„Angst, Doktorchen? Warum das denn, so wie ich höre, werden doch immer nur die anderen angeschossen!“ Jasmin Jemain lachte.

„Genau! Meistens die besten Freunde!“, pflichtete nun der große böse Wolf John Wayne bei.

„Witzig! Ich lach mich tot!“, brummte Alex und versuchte wieder aufzustehen.

„Leicht erhöht!“, sagte nun Wolfi noch.

„Was?“

„Na der Blutdruck deiner Mutter. Sie hat sich hingelegt.“ Wolfi klopfte Alex auf die Schulter, während dieser nur mit den Augen kullerte. Als Alex zu Alexandra blickte, sah er ihren glasigen Blick. Auch sie war sturzbetrunken.

Das Fasnet-Spektakel wurde immer größer. Immer mehr Hexen, Fabelwesen und schwarz bemalte Gestalten drängten sich am Haus von Alex vorbei. Eine solche Menschenmenge hatte das kleine schwäbische Dorf am Ende des Killer Tales noch nie gesehen, da war er sich sicher. Überall waren Rauch und der Gestank von Feuerwerk zu riechen. Die Dämmerung ging nahtlos in die Nacht über, was zu dieser Jahreszeit im Killer Tal ein alltägliches Übel darstellte. Doch so wurde es an normalen Tagen (dann, wenn sich nicht 3.500 Häßträger durch die Straßen zwängten) auch ruhiger. Alex erinnerte sich daran, dass seine Großmutter dann immer z`Liacht zu anderen Nachbarn ging, also einen Besuch am Abend machte, einfach, um etwas gemeinsam zusammen zu verweilen.

Doch heute würde niemand mehr Ruhe finden. Nicht im Killer Tal, vielleicht in seinem neuen Haus. Ein Ort, zu dem es ihn nun magisch hinzog. Doch der in Anbetracht der nicht enden wollenden Menge an Hexen noch lange nicht erreicht werden würde.

Der Vater von Alex hatte sich noch einmal ein Glaß Bowle geholt und schwankte nun mit Alexandra um die Wette. Lilly hüpfte auf und ab und Alex hatte schon fast Angst, dass sie über das Geländer fallen könnte. Doch viel konnte dabei nicht passieren, sie könnte dann nur auf eine Gruppe Hexen stürzen.

„Das stinkt aber gewaltig!“ Der große böse Wolf hustete. Eine Gruppe der Killer Tal Hexen hatte ihren fahrbaren Kessel direkt vor den Eingang des alten Hauses von Alex gestellt.

„Ja, die verbrennen nasses Fichtenreisig!“, sagte Alex nun schon etwas stolz und versuchte dabei sehr fachlich zu wirken.

„Echt? Ja, Herr Oberförster, da wäre ich nie drauf gekommen. Nur warum stellen die das Ding hier ab? Wir atmen zu viele Stickoxide ein. Das ist sehr gesundheitsschädlich.“ Professor Doktor Wolfgang Eierle wedelte den Rauch mit seinen Pfoten weg.

„Ja dann schieb den Wagen doch weg!“ Alex lachte.

„Genau das tue ich auch! Weißt du, ich habe jetzt Verantwortung, ich habe ja jetzt eine junge Frau!“ Wolfi trottete die Treppe hinunter und bemächtigte sich des Wagens. Alex bemerkte die Anspielung auf seine eigene familiäre Situation deutlich.

„Was machst du denn da, Schatz!“, sagte Rotkäppchen. „Das ist doch viel zu schwer für dich. Lass Alex doch helfen!“ Alexandra warf Alex einen auffordernden Blick zu.

„Ich schaff das schon! Der muss nur etwas das Dorf runterfahren, dann stinkt es nicht mehr so!“

„Ich helfe dir doch!“, sagte nun Alex und zog an dem Kesselwagen.

„Meinst du, ich bin zu schwach? Im Gegensatz zu dir, mein Freund, gehe ich jetzt mit meiner blonden Frau regelmäßig in ein Fitnessstudio!“ Wolfgang versuchte zu schieben. Dennoch mussten beide feststellen, dass der Kesselwagen schwerer war als sie es vermutet hatten.

„Brauchen die zwei Herren vielleicht Schützenhilfe!“, rief Jasmin Jemain ihnen zu.

„Nein!“, antworteten Wolfi und Alex zeitgleich.

Dann plötzlich setzte sich der Kesselwagen in Bewegung. Unkontrolliert und auch nicht mehr zu stoppen.

„Halt dich fest!“, rief noch der große böse Wolf, doch Alex schaffte es nicht mehr. Der Wagen rollte quer über die Straße, pralle gegen einen verharschten Schneehaufen und fuhr dann mit Wucht zurück auf Wolfi und Alex zu.

„Vorsicht!“, rief Alex und Wolfi machte eine rettenden Sprung nach rechts, wo er in einem Schneehaufen versank. Der Kesselwagen knallte dann mit voller Wucht auf das Einfahrtstor zur Scheune von Alex und kippte um.

Es zischte und dampfte. Der Schneehaufen begann zu schmelzen und das entstandene Wasser gefror sofort wieder an. Hexen stürzten und rutschten aus. Ein allgemeines Chaos entstand. Zu den schrägen Tönen der Lumpenkapellen waren nun auch sehr schwäbische Schimpf- und Fluchwörter zu hören.

Doch all das war nichts dagegen, was das Blut von Alex zu Eis gefrieren ließ. Denn aus dem leeren Kessel ragten zwei nackte Beine. Beine, die zu einem menschlichen Körper gehörten.

Alex rannte los. „Ich brauche Hilfe!“, schrie er.

„Wusste ich es doch!“, schrie John Wayne und feuerte erneut seinen Revolver ab. Alex erschreckte sich so, dass er zu Boden stürzte. Seine Bemühungen wieder aufzustehen, wurden durch das gefrierende Kesselwasser auf eine harte Probe gestellt. Plötzlich wurde er von mehreren Armen hochgezogen. Alex starrte in das Gesicht eines Ritters.

„Heilix!“, schrie dieser.

„Heilix!“, schrie ein anderer.

„Heilix, Heilix, Heilix schrien immer noch mehr hinzukommende Narren der Starzelner Narrenzuft Heilix Blechle. Erst als einige Passanten den Ruf erwiderten und korrekt Heilix Blechle zurückriefen, wurde das Geschrei etwas gedämpfter. Alex versuchte sich mit aller Kraft aus der Umklammerung zu lösen. Schon wieder wollte einer dieser Blechle ihm einen dieser ominösen Hüpfer aufdrängen.

„Kommt, lasst mich los!“, rief er und sah noch immer die nackten Beine aus dem dampfenden Kessel ragen.

„Wolfi, hilf mir!“, rief Alex dem großen bösen Wolf zu.

„Bei was!? Bei deiner aufkommenden Freude an der schwäbisch alemannischen Fasnet? Wo bist du eigentlich?“ Professor Doktor Eierle hatte durch die Wolfsmaske ein sehr enges Blickfeld.

„Verdammt! Wir brauchen einen Rettungswagen! Sofort!“, schrie Alex nun mit Macht, doch das Treiben der Betrunkenen wollte ihn nicht erhören. Als sich ihm dann noch eine der Hohenzollernhexen in den Weg stellte, war das Maß voll. Er packte die kleine Hexe und setzte diese einfach auf einen Schneehaufen. Und auch wenn die Hexe ja ihre Maske trug, so kam diese ihm irgendwie bekannt vor.

Endlich war er am Kessel. Und tatsächlich - zu seinem Schrecken lag im lauwarmen abfließenden Wasser eine Person. Eine Frau! Ihre Beine waren nackt, der Rest steckte in einem Hexenkostüm.

„Notarzt! Wir brauchen einen Notarzt! Hilfe! Hilfeee!“, schrie Alex und zog die junge Frau behutsam aus dem Kessel. Niemand nahm Notiz davon.

„Hast du Hunger!“ Wolfi lachte, doch dann erstarb sein Lachen mit einem Male.

„Mein Gott!“, sagte er, „zieh sie raus, zieh sie raus …“

„Mach ich ja! Wir brauchen eine Decke, und …“ Alex versuchte kontrolliert vorzugehen.

„Hat sie noch Puls!“, wollte Wolfgang wissen.

„Puls?“

„Puls, fühl ihren Puls!“, schrie der Professor.

„Ja, wo, wie, wie soll ich.“ Alex stellte sich mehr als ungeschickt an. „Komm, fühl du ...!“ Alex ging etwas zur Seite.

„Ja wie denn, in diesem Fellkostüm!“ Professor Doktor zeigte seine Fellpfoten, in denen seine Hände steckten.

Plötzlich war Lilly zwischen ihnen.

„Scheiße! Was ist passiert?“

„Hat sie Puls!“, schrie der Professor und Lilly schüttelte mit dem Kopf.

„Reanimieren!“, befahl er. „Verdammt, der Reißverschluss klemmt! Ich komm nicht aus dem Kostüm heraus“, fluchte er.

Lilly übernahm die Aufgabe professionell. Jedoch hatte Alex starke Zweifel, dass das Mädchen noch zu retten war.

Als er aufblickte, sah er zwei Killer Tal Hexen. Waren es diese, die den Kesselwagen gezogen hatten? Als sich sein und der Blick der Hexen kreuzten, begannen diese davonzulaufen.

„Frau Jemain! Halten Sie diese zwei auf!“, rief er der Kommissarin zu.

„Was? Warum? Halt, stehenbleiben, Polizei!“ sagte nun diese doch mit einer schweren Zunge. Plötzlich packten mehrere Arme die Kommissarin und hoben sie auf einen Karren mit Holzrädern, der aussah, als wäre dieser aus der Steinzeit entsprungen.