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Dieses Buch enthält die ersten sechs bereits erschienenen Fälle der autistischen Kriminalhauptkommissarin Carmen Siebert. Ihre Autistischen Fähigkeiten verhelfen ihr immer wieder zu einer anderen Sicht auf die Fälle - und zu einer sehr eigenen Umgangsweise - als es neurotypischen Menschen überhaupt möglich ist. AutistInnen sind nicht behindert - Autismus ist genetisch bedingt und wird vererbt - sondern werden behindert.
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Seitenzahl: 258
Veröffentlichungsjahr: 2025
Rolf Horst
Die Fälle der Carmen Siebert
Hauptkommissarin und Autistin
Carmen Siebert ist Kriminalhauptkommissarin bei der Mordkommission und Vollblutpolizistin. Der Polizeichef und auch ihre Kolleg*innen sind von ihren Alleingängen nicht immer begeistert, aber ihr Erfolg bei der Aufklärung von Verbrechen spricht für sie. Bei ihrem letzten Fall wurde sie von zwei Tatverdächtigen brutal zusammengeschlagen und lag lange Zeit im Krankenhaus. Der behandelnde Arzt ließ von einem Psychiater einige Tests mit ihr durchführen und dieser diagnostizierte nicht nur eine posttraumatische Belastungsstörung, sondern auch hochfunktionalen Autismus und er sorgte dafür, dass sie anschließend in eine psychosomatische Traumaklinik überwiesen wurde. Wie anstrengend dieser Aufenthalt werden sollte, das hätte sie sich im Traum nicht vorstellen können. Aber die Vergangenheit lässt einen nicht los, es sei denn, man schaut sie sich schonungslos und unter fachlicher Anleitung an.
Rolf Horst
Die Fälle derCarmen Siebert
Hauptkommissarin und Autistin
Der Autor: Rolf Horst wurde 1960 in Bremen geboren. Er lebt mit seiner Ehefrau einer Hündin und der Katze, die beide aus dem Tierschutz kommen, in der Nähe einer norddeutschen Kleinstadt. Nieke Horst, heute 60, ist Asperger Autistin, studierte Germanistik, Französisch, Erwachsenenpädagogik und Sport, übte viele Jahre japanisches Rinzai-Zen nebst Klosteraufenthalt in Japan und entwickelte daraus mit ihrem Mann ihre Lebensform der Stille, Schlichtheit und Struktur, die es ihr möglich macht, am Rande einer gehetzten, ignoranten NT-Gesellschaft zufrieden zu leben.. Ihr Buch „Böse Essays“ ist im Januar 2024 bei tredition erschienen. Seit Kurzem ist ihr neues Buch „Autistische Essays – Gedanken eine alten Autistin“ bei tredition und im Buchhandel erhältlich.
© 2025 Rolf Horst
ISBN Softcover: 978-3-384-57067-3ISBN Hardcover: 978-3-384-57068-0ISBN E-Book: 978-3-384-57069-7
Druck und Distribution im Auftrag des Autors:tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Germany.Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland.
Inhaltsverzeichnis
Der Tod vertritt meine Interessen 7
Stirb denn du hast mich getötet 69
Sieht man mir den Mörder an? 133
Blutige Niete 183
Der Strauß des Todes 237
Der Tod ruft dich beim Namen 287
Der Tod vertritt meine Interessen
Carmen Siebert ist Kriminalhauptkommissarin bei der Mordkommission und Vollblutpolizistin. Der Polizeichef und auch ihre Kolleg*innen sind von ihren Alleingängen nicht immer begeistert, aber ihr Erfolg bei der Aufklärung von Verbrechen spricht für sie. Bei ihrem letzten Fall wurde sie von zwei Tatverdächtigen brutal zusammengeschlagen und lag lange Zeit im Krankenhaus. Der behandelnde Arzt ließ von einem Psychiater einige Tests mit ihr durchführen und dieser diagnostizierte nicht nur eine posttraumatische Belastungsstörung, sondern auch hochfunktionalen Autismus und er sorgte dafür, dass sie anschließend in eine psychosomatische Traumaklinik überwiesen wurde. Wie anstrengend dieser Aufenthalt werden sollte, das hätte sie sich im Traum nicht vorstellen können. Aber die Vergangenheit lässt einen nicht los, es sei denn, man schaut sie sich schonungslos und unter fachlicher Anleitung an.
Carmen Siebert fluchte laut. „Jetzt geh’ endlich an dein Telefon!“ Es war schon der dritte Versuch ihren Kollegen Peter Weigand zu erreichen. Wieder nur die Mailbox. „Peter, ich erreiche die Rufbereitschaft nicht. Tom geht nicht an sein Telefon. Ich habe einen Tipp bekommen und bin auf dem Weg zu einem Treffen mit dem Informanten. Wir wollen uns im Kleingartengebiet »Feuchtwiese« treffen. Du weißt schon, das ist ganz in der Nähe vom Tatort. Die Parzelle befindet sich im Sperberweg neunzehn. Beeil dich!“ Carmen hielt ihren Wagen neben der Schranke zur Schrebergartenkolonie an und stellte den Motor ab.
Sie nahm aus dem Handschuhfach ihre Taschenlampe, prüfte ihre Waffe noch einmal und machte sich auf den Weg.
Peters Frau kam aus der Küche und drückte ihm sein Handy in die Hand. „Du hast wohl auf Vibration gestellt und dein Handy auf der Arbeitsplatte liegen lassen. Es müssen einige Anrufe eingegangen sein, es ist ohne herunterzufallen die ganze Platte entlang gewandert.“
„ ...Sperberweg neunzehn. Beeil dich!“. Weigand hörte die Sprachnachricht zum zweiten Mal ab, dann wählte er eine Dienstnummer und forderte Unterstützung an. Er machte sich große Sorgen um seine Kollegin. Weigand erfuhr, dass bereits Fahrzeuge unterwegs waren, da Carmen ebenfalls um Unterstützung gebeten hatte.
Carmen musste vom Parkplatz nur fünf Minuten zu Fuß gehen, im spärlichen Licht der zwei, drei Laternen dauerte es eine Zeitlang, ehe sie sich an die Dunkelheit gewöhnt hatte. Dann war sie im Sperberweg. Jetzt nur noch die Nummer 19 finden, dachte sie, als sie einen Lichtschimmer in einem der Parzellenhäuschen wahrnahm.
Sie bewegte sich etwas langsamer darauf zu und tatsächlich an der Holzpforte hing ein Schild mit der Nummer neunzehn. Vorsichtig öffnete sie die Pforte und hoffte darauf, das diese nicht quietschte, dann ging sie den gepflasterten Weg bis zum Häuschen.
Die Taschenlampe hatte sie bereits vorher ausgeschaltet. Sie wollte gerade vorsichtig anklopfen, als sie mit voller Wucht ein Schlag in die Nierengegend traf. Im selben Augenblick wurde die Tür aufgestoßen und traf Carmen am Kopf. Sie fiel der Länge nach hin und bekam die Tritte in den Unterleib und an den Kopf gar nicht mehr mit. Es gab ein schreckliches, knackendes Geräusch, als ihr Nasenbein brach.
Weigand sah Carmens Wagen auf dem Parkplatz stehen und gab Gas. Mit lautem Krachen durchbrach sein Wagen die Schranke, gut dass er früher Rallyes gefahren war, das machte sich auf den engen Wegen bezahlt. Falkenweg, Steinkautzweg, Sperberweg, da war er also. Er bremste scharf ab und brachte seinen Wagen zum Stehen. Kaum hatte er die Tür aufgerissen, da lief er auch schon los.
„Hast du das Krachen gehört? Das war die Schranke! Wir müssen hier verschwinden und zwar schnell! Das ist bestimmt ihr Kollege“, der Mann, der Carmen von hinten mit einem Spaten geschlagen hatte, rief seinem Kumpel, der im Haus gewartet hatte, noch zu, wo sie sich nach ihrer erfolgreichen Flucht treffen wollten und lief los.
Von allen Seiten sah man jetzt Streifenwagen mit Blaulicht angefahren kommen. Weigand stieß die Pforte auf und sah, wie eine Gestalt über die Hecke in den Nachbargarten kletterte und dann versuchte einen Holzzaun zu überwinden. Ihm entgegen kamen Polizist*innen mit großen Handscheinwerfern, die die umliegenden Gärten ausleuchteten. Als sie den flüchtenden Mann sahen, gaben sie laute Anweisungen zum Stehenbleiben, die dieser ignorierte.
Eine besonders sportliche Polizistin sprang über die Hecken, wie beim Hindernislauf und konnte dem Flüchtenden den Weg abschneiden. Das sie auch noch Kampfsport erprobt war, erlebten die Kolleg*innen aus nächster Nähe. Zwei Griffe und der Mann lag am Boden, die Waffe, die er bei dem kurzen, heftigen Kampf verloren hatte, wurde erst einmal mit einem Fuß weggestoßen, bis die Handschellen angelegt waren.
Weigand hatte Carmen noch gar nicht gesehen, sein Augenmerk lag auf dem zweiten Mann, der genau in entgegengesetzte Richtung zu flüchten versuchte. Weigand gab einen Warnschuss ab und bedeutete dem Mann stehenzubleiben, aber der rannte weiter.
Die Streifenwagenbesatzungen, die vom Parkplatz und der Straße her in das Kleingartengebiet stürmten hatten allerdings keine Mühe, den Mann noch innerhalb der Schrebergärten zu stellen.
Als Weigand Carmen blutüberströmt auf dem Boden liegen sah, rief er sofort einen Rettungswagen samt Notarzt zur Hilfe. Er kniete neben Carmen nieder, fühlte vorsichtig den Puls am Hals und sah dann im Schein der Handscheinwerfer nach ihren Verletzungen.
Endlich traf der Notarzt ein und untersuchte Carmen. Er spritzte ihr irgendein Präparat und ließ sie dann vorsichtig auf die Trage verbringen. Weigand warf einer Polizistin seinen Autoschlüssel zu und stieg zu Carmen in den Rettungswagen.
Im Krankenhaus wartete schon der Polizeichef Günther Schmid in der Notaufnahme. Carmen wurde beatmet und man hatte ihr auch schon einen Zugang gelegt, an dem ein Tropf hing. Der Notarzt gab dem Team der Notaufnahme die notwendigen Informationen zum Zustand der Patientin, ein Operationssaal war bereits vorbereitet worden. Ab hier durfte keiner mehr mitgehen.
„Wie ich ihre Alleingänge hasse!“, der Polizeichef tobte vor Wut und war richtig ärgerlich. „Dann kommt natürlich so etwas dabei heraus.“. Weigand unterbrach seinen Chef. „Sie war nicht leichtsinnig,“, verteidigte er Carmen so gut es ging, „Sie selbst hat die Unterstützung angefordert und wenn ich mein Handy nicht in der Küche liegengelassen hätte, dann wäre das alles nicht passiert.
Schmidt winkte ab. „Es ist immer dasselbe mit Carmen, aber diesmal wird sie die Konsequenzen zu tragen haben.“, der Chef konnte sich gar nicht wieder beruhigen. Die Tür, durch die der Arzt kam, hatte er gar nicht gehört.
„Wenn sie dazu noch in der Lage sein wird!“, der Arzt sah Schmidt und Weigand ernst an.
Bea lag in ihre Decke gehüllt bei Tom im Arm. Bea Beyer und Tom Breitzke waren Kolleg*innen von Carmen und Weigand. „Wie spät ist es eigentlich?“, Tom versuchte die Uhrzeit auf Beas Radiowecker abzulesen.
„Kurz nach zweiundzwanzig Uhr, wieso fragst Du?“. Bea wollte die traute Zweisamkeit ungestört genießen. „So ein Mist, ich muss mein Handy überprüfen.“. Sieben Anrufe von Carmen, zwei von der Dienststelle und eine Sprachnachricht von Peter Weigand.
„Was meinen Sie damit, ob sie noch in der Lage sein wird?“ Günther Schmidt sah den Arzt ungläubig an. „Also die Nierenquetschung, die gebrochenen Rippen und der Nasenbeinbruch sind noch die kleineren Übel. Die Milzruptur wird gerade operiert und wir müssen abwarten, ob sie den Eingriff überlebt oder ob das Gesamtbild ihrer Verletzungen zu schwer ist, zumal sie durch den hohen Blutverlust ziemlich geschwächt ist.“.
Tom und Bea stürmten in den OP-Trakt. „Was ist mit Carmen?“, wollte Bea wissen und blickte betroffen von Schmidt zu Weigand. „Bist du total bescheuert?“, Weigand brüllte Tom an.
Bea und der Polizeichef zuckten erschrocken zusammen. „Weigand, mäßigen Sie sich!“. Günther Schmidt rief seinen dienstältesten Mitarbeiter zur Ordnung. „Ist schon in Ordnung Chef. Er hat ja recht! Ich habe heute Rufbereitschaft und trotzdem mein Handy ausgeschaltet.“, gab Tom kleinlaut zu.
Bea sah Tom fassungslos an. „Du hast Rufbereitschaft? Und in der Zeit gehst Du mit mir ins Bett und schaltest Dein Handy aus.“. Der Polizeichef wurde erst kreidebleich und dann feuerrot. „Sie melden sich morgen früh um acht Uhr in meinem Büro! Und jetzt verschwinden Sie hier, bevor ich meine gute Erziehung vergesse!“.
Tom machte auf dem Absatz kehrt und ging Richtung Ausgang. Kurz davor holte Weigand ihn ein. „Gequetschte Nieren, gebrochene Rippen, eine Milzruptur, eine gebrochene Nase! Na, soll ich weitermachen? Die können uns nicht einmal sagen, ob Carmen das überlebt.“.
Weigand drehte sich um, ließ Tom einfach stehen und ging zurück in den OP-Wartebereich.
Bea stand in Tränen aufgelöst neben dem Polizeichef. „Sie können ja nichts dafür, Frau Beyer. Aber Herr Breitzke wird sich dafür vor der Internen und sicherlich einem Disziplinarausschuss verantworten müssen.“.
Carmen Siebert betrat nach achtwöchiger Abwesenheit erstmals wieder die Räume der Mordkommission K7. Auf ihrem Schreibtisch stand ein wunderschöner Blumenstrauß mit einer Karte von den Kolleg*innen und ein prall gefüllter Präsentkorb.
Aufgrund der brutalen Gewalt, mit der die beiden Täter gegen sie vorgegangen waren, wurde wegen einer Milzruptur mit inneren Einblutungen in der Klinik sofort eine Notoperation durchgeführt.
Leider war nach der ersten OP eine weitere Blutung der Milz aufgetreten, offenbar hatte eine Naht nicht gehalten oder eine weitere Verletzung war übersehen worden. Als sie wieder zu sich kam, war sie nicht mehr dieselbe.
Dieser unvorhersehbare, brutale Angriff hatte bei ihr eine Retraumatisierung ausgelöst. Lange verdrängte Gewalterfahrungen aus der Kindheit waren wieder an die Oberfläche gelangt und hatten von ihrer Psyche Besitz ergriffen. Der zuständige Stationsarzt war allerdings über die zügige Wundheilung genauso überrascht, wie über einige von Carmens Reaktionen, so dass er einen Facharzt der Neurologischen Abteilung um Unterstützung bat.
Der Neurologe hatte einen Verdacht, den er aber nicht verifizieren konnte, dazu war ein spezieller Psychiater notwendig. Dieser wurde angefordert und führte mehrere Gespräche mit Carmen und ließ sie einige Tests ausführen. Danach war seine Diagnose eindeutig: Carmen war hochfunktionale Autistin und litt zudem an einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Der Autismus war es, der ihr zu dieser unglaublichen Intuition verhalf. Sie hatte eine so tiefe Wahrnehmung, wie neurotypische Menschen sie niemals erreichen werden. Sie konnte bei einem Gegenüber die »böse Aura« förmlich sehen.
Ihr Autismus führte dazu, dass sie lieber für sich alleine arbeitete, aber wenn es sich um ein gemeinsames Projekt handelte, dann konnte sie auch mit anderen Menschen zusammenarbeiten. Der Psychiater war es denn auch, der eine Reha in einer psychosomatischen Klinik mit Traumatherapeut*innen durchsetzte.
Hier fand Carmen Unterstützung sowohl bei der Aufarbeitung ihrer Retraumatisierung als auch für den Umgang mit ihrem Autismus und ohne das man versuchte sie »einzunorden« oder zum Masking zu drängen.
Es huschten immer wieder Kolleg*innen vorbei, die sie freundlich begrüßten und ihr sagten, wie sehr sie sich freuten, dass sie wieder an Bord sei. Die Berührungen waren ihr meist unangenehm, was auch eine Folge ihres Autismus war.
Denn kein Autismus stimmt mit dem eines anderen Menschen überein oder wie man zu sagen pflegt: »Kennst Du einen Autisten, dann kennst Du einen Autisten«!
Günther Schmidt, der Polizeichef betrat das Büro und begrüßte sie kurz und knapp, nur um ihr dann zu sagen, dass es einen Leichenfund im Schmuckviertel gab und sie sich sofort auf den Weg machen müsse.
„Ich muss gar nichts!“, antwortete Carmen gereizt, „Ich bin zur Zeit nur für den Innendienst tauglich, du kennst den Bericht der Klinikärzte. Darum müssen sich Tom und Bea kümmern.“
Der Polizeichef sah sie mitleidig an und sagte dann: „Tom ist seit zwei Wochen in Kiel und Bea hat sich zum Einbruch versetzen lassen. Da wirst du deine Untauglichkeit solange verschieben müssen, bis die beiden neuen Kollegen eintreffen!“
Carmen holte tief Luft, griff nach dem erstbesten Gegenstand – ein Locher aus Metall – und während sie lautstark losschrie, flog dieser auch schon durch das ganze Büro. Es folgten geschriene Flüche und allerlei Verwünschungen, sie schlug sogar mit der Faust gegen die Bürowand, was ihr natürlich Schmerzen bereitete. So hatte Günther Schmidt Carmen noch nicht erlebt.
Bevor er irgendwie darauf reagieren konnte, schob ihn ein älterer Kollege aus dem Raum. Kaum waren sie draußen auf dem Flur, da schimpfte dieser mit dem Polizeichef, wie mit einem ungezogenen Jungen. Ob er eigentlich wisse, was Autismus sei und was sein Auftritt gegenüber Carmen bei ihr ausgelöst habe?
Sieben von zehn Kolleg*innen hätten ein wenig über Autismus recherchiert, um sich mit der neuen Situation vertraut zu machen, auch wenn nicht alle Autist*innen gleich seien und ob er zu den Dreien gehöre, die meinten, dass alles so weiterlaufen könne wie bisher?
Der Polizeichef sah den älteren Hauptkommissar betreten an und ging dann in sein Büro. Carmen hatte sich nach außen hin etwas beruhigt, aber innerlich kochte sie immer noch vor Wut und Ärger.
Peter Weigand, einer der dienstältesten Kollegen verzichtete auf seinen üblichen Klaps gegen die Schulter von Carmen. Er hatte gelesen, dass viele Autist*innen Berührungen als unangenehm empfinden.
Er nahm ihre Jacke von der Stuhllehne und sagte geradezu sanft zu ihr: „Komm, lass uns fahren. Günther ist ein Vollpfosten! Er weiß gar nichts über Autismus, nicht das ich da ein Fachmann bin, verstehe mich nicht falsch. Da ja kein Autist wie der andere ist, seid ihr ja auch die einzigen Fachleute, was euren Autismus anbelangt.“, Peter schaute sie nicht an, sondern stur auf auf den Flur.
Carmen nickte nur zustimmend, dann antwortete sie: „Aber das zur Zeit nur unzulänglich, ich weiß noch nicht viel darüber, was von meinem Verhalten autistisch ist und was normal. Die Frage ist ja auch, was ist normal? Das neurotypische Verhalten von Menschen? Menschen, die einen sofort in die Behindertenschublade stecken und gar nicht erkennen können, das wir nur anders aufgestellt sind, vielleicht sogar besser. Der Psychiater in der Rehaklinik hat mir gesagt, dass Autismus genetisch bedingt ist, also vererbt wird. Autismus ist keine Krankheit, mit der man sich bei der Nachbarin angesteckt hat. Und jetzt, wo ich durch die Gespräche weiß welche Verhaltensmuster auf Autismus hinweisen, ist mir klar geworden, dass mein Vater auch Autist war. Er konnte sich stundenlang alleine mit speziellen Themen beschäftigen. Er hat unzählige Sprachen gelernt, aber er hat auch getrunken und geprügelt, vertrümmen hat er das genannt. Und oft genug tat er das auf Anordnung meiner Mutter.“ Den Rest der Fahrt zum Tatort schwieg Carmen.
Das Schmuckviertel lag in Innenstadtnähe und war, aufgrund von freien oder mit Abbruchhäusern bebauten Grundstücken, ein begehrtes Objekt bei allen Arten von Bauträgern.
Was diese jedoch störte war das Areal, das von einer kleinen Gruppe ökologisch ausgerichteter Menschen besetzt war, die dort ausrangierte Wohnwagen, Wohnmobile oder kleine, selbstgebaute Hütten auf- bzw. abgestellt hatten. Sie nannten sich »Konsumfrei leben“.
Der Tote lag auf halber Strecke zwischen Geländezufahrt und dem Öko-Areal. Die anwesenden Polizeibeamten aus dem Streifendienst, hatten bereits angefangen die Passanten zu befragen und deren Personalien aufzunehmen.
Einem Beamten fiel ein Mann auf, der sich irgendwie anders verhielt und als er bemerkte, dass er beobachtet wurde, drehte er sich um und lief in Richtung des Öko-Camps davon. Der Polizist rief einem Kollegen etwas zu und beide rannten dem Unbekannten hinterher.
Carmens Handy klingelte, es war ihr Chef. „Entschuldige bitte meine unmögliche Reaktion von vorhin. Ich komme immer noch nicht damit klar, dass du dem Tod gerade noch so entkommen bist.“ Günther Schmidt klang sehr nachdenklich. „Wenn du damit ein Problem hast,“ antwortete Carmen, „dann solltest du vielleicht einmal einen Psychologen aufsuchen, die können da sehr hilfreich sein!“ Carmen hörte, wie ihr Chef am anderen Ende der Leitung schluckte, er war aber sofort wieder der Mann, den natürlich nichts erschüttern kann. „Ich habe die beiden Neuen zum Tatort geschickt, vielleicht sind sie dir ja schon eine Hilfe. Und, ehe ich es vergesse, einer von ihnen ist Inspektorenanwärter und wird die Abteilung zukünftig leiten!“
Er legte auf und Carmen starrte etwas irritiert auf ihr Telefon, dann folgte sie ihrem Kollegen zum Fundort. Der war, nach Einschätzung der Spurensicherung und auch der Rechtsmedizinerin auch der Tatort.
Es handelte sich wahrscheinlich nicht um einen Raubmord, obwohl die Jacken- und Hosentaschen durchwühlt worden waren. Aber das Opfer hatte seine Geldbörse, seine Brieftasche mit Ausweisen, sein Handy und sogar seine Autoschlüssel noch bei sich. Der oder die Täter hatten nach etwas anderem gesucht, vielleicht nach Drogen oder sie waren gestört worden, bevor sie etwas an sich nehmen konnten. Allerdings fehlte ein Wohnungsschlüssel. Das Opfer war von hinten mit einem großen, schweren Gegenstand erschlagen worden. Bei der Tatwaffe handelte es sich vermutlich um ein Kantholz, das blutverschmiert in der Nähe lag.
Die beiden Polizeibeamten hatten noch sehen können in welchen Wohnwagen der Mann verschwunden war, aber sie wurden gleich hinter der Eingangspforte zum Camp von mehreren Leuten aufgehalten. „Ist es wahr, dass der Geldbote von diesem Raffzahn da vorne tot liegt?“, fragte einer der Männer die Beamten.
„Ach, Sie kennen den Toten? Das ist ja interessant, da werden Sie gleich bestimmt noch Besuch von den Kolleg*innen der Mordkommission bekommen. Und wer war der Mann, der gerade auf das Gelände gelaufen und dort in dem dritten Wohnwagen verschwunden ist?“. Die Männer zuckten mit den Schultern und trollten sich in verschiedene Richtungen.
Eine junge Frau und ein älterer Mann verschafften sich Zutritt, offensichtlich die Neuen. Aber hatte der Chef nicht was von zwei Kollegen erzählt? Eine Frau hatte er jedenfalls nicht erwähnt.
Sie begrüßte die beiden ohne Handschlag und sah den älteren Mann an. „Sie sind also der zukünftige Inspektor und unser neuer Vorgesetzter.“ Das klang wie eine Feststellung und nicht wie eine Frage.
„Nein!“, antwortete Lars Wessels, „ich bin Kriminaloberkommissar und habe keine Ambitionen auf eine Leitungsfunktion.“ Carmen blickte auf die junge Frau, doch bevor sie etwas sagen konnte, ergriff diese das Wort. „Ich bin Bernadette Pohlmann, Inspektorinnenanwärterin und ihre neue Chefin. Also, was haben wir hier?“
Peter Weigand brachte die beiden auf den aktuellen Stand. Carmen hatte sich den Plastikbeutel mit der Brieftasche aushändigen lassen und fingerte mit ihren Einmalhandschuhen den Personalausweis heraus und speicherte die Daten in ihrem fotografischen Gedächtnis.
In der Brieftasche befand sich auch eine Zugangskarte für ein großes, ortsansässiges Bauunternehmen. Sie drückte den beiden Neuen die Zugangskarte in die Hand und bat sie direkt zu der Baufirma zu fahren und dort zu recherchieren. Sie selbst wollte mit Peter Weigand zur Wohnung des Opfers fahren.
Sie bestellten einen Fachmann für Türöffnungen zu der Adresse des Opfers und machten sich selbst auf den Weg dahin.
Es handelte sich um ein schmuckloses Mehrfamilienhaus mit sechs Wohneinheiten. Carmen drückte mehrmals auf die Klingel, aber es tat sich nichts. Eine ältere Dame kam mit Einkäufen zurück und sah die beiden fragend an. „Kann ich Ihnen helfen? Zu wem wollen Sie denn?“
Peter Weigand zeigte ihr seinen Dienstausweis und sagte, dass sie zu Herrn Onnen wollten. „Aber der ist um diese Zeit bei der Arbeit. So ein fleißiger Mann, das der keine Frau abbekommt verstehe ich nicht. Wissen Sie, der verdient sehr gutes Geld, hat eine gehobene Position, ist sehr ruhig und freundlich.“
„Mag ja alles stimmen,“, sagte Carmen ganz ruhig und ohne eine Gefühlsregung, „aber jetzt ist er tot und wir müssen in seine Wohnung.“ Weigand sah seine Kollegin irritiert an und die ältere Dame blickte entsetzt von Carmen zu ihm, wurde unsicher auf den Beinen und schwankte. Carmen hatte Angst, dass die Frau stürzen würde und stützte sie ein wenig, während die Nachbarin, die auch noch auf der selben Etage wohnte, ihren Haustürschlüssel suchte.
Sie ließ die beiden ins Haus und Weigand half ihr die Einkäufe in die erste Etage zu tragen. Carmen sah sofort, dass die Tür zu Gernot Onnens Wohnung offen stand. Weigand schob die Nachbarin in ihren Flur, legte seinen Zeigefinger auf die geschlossenen Lippen und zog ihre Wohnungstür leise zu.
Dann zog er, genau wie Carmen, seine Dienstwaffe und beide betraten vorsichtig die Wohnung des Opfers. Es war niemand mehr anwesend, aber alle Schränke waren durchwühlt worden und vieles lag auf dem Boden. Insgesamt herrschte eine ziemliche Unordnung.
Carmen rief die Spurensicherung an und bat darum, dass sie im Anschluss an die Tatortsicherung, die Wohnung auf brauchbare Spuren untersuchten. Den Wohnungsschlüssel hatten der oder die Täter mitgenommen und jetzt einfach auf dem Küchentisch liegenlassen.
Den bestellten Schlüsseldienst schickte Weigand wieder weg und machte sich daran die Nachbarn nach eventuellen Beobachtungen zu befragen.
Pohlmann und Wessels waren zwischenzeitlich bei dem Baukonzern angekommen und hatten den Inhaber, Rüdiger Stoltze, aus einer Sitzung holen lassen. Der war sichtlich verärgert, aber als er hörte das sein Mitarbeiter Onnen ermordet worden war, da schenkte er sich kreidebleich einen Cognac ein und bat die beiden Platz zu nehmen.
„Im Schmuckviertel hat man ihn gefunden, sagten Sie. Ganz in der Nähe von dieser Kommune? Dann finden Sie dort auch seine Mörder!“ Er hob den Kopf und sah die beiden von der Kripo ernst an.
„Wir sind an dem Gelände interessiert und wollen dort ein großes Bürohaus bauen, das in den oberen beiden Etagen mit gehobenen Wohnungen ausgestattet wird. In der übernächsten Woche sollte es dazu Beratungen im Senat geben, es geht darum, ob diese Besetzer noch ein paar Jahre bleiben oder ob das Areal geräumt wird und wir, also mein Unternehmen, dort bauen dürfen. Herr Onnen leitete die Verhandlungen mit diesen Freibeutern. Wir haben allen faire Angebote unterbreitet damit sie freiwillig das Gelände verlassen. Sogar ein Ausweichquartier haben wir ihnen angeboten. Zwar nicht in Citynähe, sondern an der Peripherie, aber mit sehr guten ÖPNV und anderen Verkehrsanbindungen. Aber mit denen war ja nicht vernünftig zu reden. Ich kann mir nicht erklären, warum Onnen da gestern noch einmal hingegangen ist.“
Bernadette Pohlmann sah den Unternehmer an und sagte dann: „Wir würden uns gerne sein Büro ansehen, vielleicht gibt es dort einen Hinweis oder eine Notiz im Kalender.“.
„Natürlich, ich lasse einen Security-Mitarbeiter kommen, der wird sie begleiten. Ich muss leider wieder ins Meeting. Tut mir leid.“
Die beiden folgten ihm aus seinem Büro und er bat seine Sekretärin, die Kripo zu Onnens Büro zu bringen, dort würde dann ein Sicherheitsmann auf sie warten.
Lars Wessels informierte Carmen und Weigand über das Gespräch mit dem Chef von Gernot Onnen, was die beiden veranlasste noch einmal zum Tatort zurückzukehren, nicht ohne den Wohnungsschlüssel einzustecken und die Tür zu versiegeln. Am Tatort eingetroffen erstatteten die beiden Polizeibeamten Bericht über den Vorfall mit einem der Bewohner und so entschieden sie, der Ökokommune sofort einen Besuch abzustatten.
Sie wurden am Eingangstor argwöhnisch begutachtet, aber schließlich hereingelassen. Einer der beiden Torwächter brachte sie zu Klaus Neige, der Vorstandsvorsitzender des Vereins „Konsumfrei leben“ war. Er hatte zwei Wohnwagen, in dem großen wohnte er und der kleinere diente ihm als Büro. Wie sich in dem Gespräch herausstellte, war er ein angesehener Rechtsanwalt.
„Natürlich werden Sie den Mörder bei uns suchen, dafür wird der Stoltze schon sorgen.“ Er sah Carmen und Weigand nachdenklich an. „Dieser Umstand, dass der Herr Onnen offensichtlich hier umgebracht wurde, wird ihm helfen an unseren Grund und Boden zu kommen. Da hat er doch genau die Schlagzeilen, die er braucht, um den Senat zu überzeugen. »Öko-Aktivisten ermorden Verhandlungsführer!« und wir können nichts dagegen tun, außer mit Ihnen zu kooperieren.“
„Gab es denn Streit wegen der Angebote vom Bauunternehmen? Haben Einzelne überlegt, das Geld zu nehmen und hier wegzuziehen? Oder waren Sie sich alle einig, dass notfalls vor Gericht auszutragen?“ Weigand sah Neige an und zog die Augenbrauen hoch.
„Natürlich gab es hier Befürworter, wenn auch in der Unterzahl. Und es hat auch heftigen Streit gegeben, aber eben untereinander und nicht mit dem Onnen. Wissen Sie, die Menschheit hat keine Werte mehr, keinen Anstand, keine Moral. Das fängt beim Autofahren an, kaum jemand benutzt noch einen Blinker oder hält am Fußgängerüberweg an. Regeln gelten alle nicht mehr. Dann kommt so ein Baumogul an und bietet eine Menge Geld, wenn wir umziehen. Warum wohl? Weil die Gier ihn gepackt hat. Da ist er ja nicht allein auf der Welt, ganz im Gegenteil. Jeder ist nur noch auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Also, er bietet uns eine große Summe Geld an damit wir den Platz räumen. Er hat damit nur ein für ihn interessantes Grundstück geräumt, aber er besitzt es nicht!“
„Hat die Stadt ihnen kein Ausweichgelände angeboten?“, wollte Weigand wissen.
„Nein! Sie haben vor Jahren eine kleine Ausgleichsfläche geschaffen, aber da wohnen schon jetzt zu viele. Also hat uns Stoltze ein Gelände angeboten. Er wollte sogar sanitäre Anlagen bauen lassen, so mit Duschen und Toiletten. Wir hätten dann an ihn Pacht zahlen müssen, denn das Grundstück ist in seinem Besitz. Diese Pacht wäre allerdings erheblich höher als unsere gegenwärtige, wir bezahlen einen Symbolischen Betrag von einhundertzwanzig Euro jährlich an die Stadt.
Aber selbst diejenigen, die hier nicht weg wollen hätten doch mit dem Tod von dem Herrn Onnen nichts erreicht. Dann schickt er eben einen anderen. Warum sollte also jemand von uns den Mord begehen?“
„Ganz einfach!“, sagte Carmen ruhig und bestimmt. „Vielleicht hat sich irgendwer gedacht, wenn der Verhandlungsführer tot ist, dann wird sich das Bauunternehmen vielleicht aus Angst zurückziehen. Wir brauchen auf jeden Fall eine aktuelle Liste aller Bewohner*innen dieses Geländes. Und, bevor Sie jetzt als Anwalt sprechen, die holen wir morgen früh gegen Vorlage eines richterlichen Beschlusses ab. Ich gehe davon aus, dass Sie die bis dahin fertiggestellt haben.“ Klaus Neige sah Carmen an, dann schüttelte er den Kopf. „Machen wir es nicht unnötig kompliziert, geben Sie mir Ihre Mailadresse und ich schicke Ihnen die Liste innerhalb der nächsten Stunde.“ Carmen gab ihm eine ihrer Visitenkarten, Neige stand auf und öffnete die Tür seines Bürowohnwagens. „Bevor ich es vergesse, wer wohnt in dem dritten Wohnwagen dort vorne, rechts?“, fragte Weigand den Anwalt.
„Das ist der Gerd, Gerd Wischnewski, er gehört zu denen, die mit dem Geld einen Neustart wagen wollten. Der hat sicherlich kein Interesse an Onnens Tod.“
Weigand sah Carmen an und diese nickte nur, also hielten die beiden beim Wohnwagen von Gerd Wischnewski an und klopften. Von drinnen fragte eine eher ängstliche Stimme, wer da draußen sei und er öffnete auch erst die Tür, nachdem er aus einem Fenster einen Blick auf die Dienstausweise geworfen hatte.
„Wovor und vor wem haben Sie Angst?“ fragte Carmen ganz direkt, was den Mann noch mehr verunsicherte. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn und kleine Bäche rannen an seinem Gesicht und Hals herunter.
„Sie sind gut! Er bleibt bestimmt nicht der Einzige. Die werden einen nach dem anderen totschlagen, alle die das Geld nehmen wollten. Ich werde hier schnellstmöglich verschwinden, auch ohne das Geld. Lieber arm und lebendig, als totes Mittelmaß.“
„Glauben Sie wirklich, dass jemand oder mehrere aus ihrem Verein hier, den Mord verübt haben?“, Weigand sah ihm direkt und tief in die Augen und Wischnewski nickte.
„Sollen wir Sie in Schutzhaft nehmen?“ Carmen holte ihr Handy aus der Jackentasche, aber Wischnewski schüttelte den Kopf.
„Nein, heute Abend bin ich hier weg. Ich habe bereits angefangen zu packen.“ Weigand sah ihn mitleidig an. „Geben Sie uns ein paar Hinweise denen wir nachgehen können und dann benötigen wir ihre neue Adresse oder wenigstens eine Telefonnummer unter der wir sie erreichen können, falls wir noch Fragen haben.“
Wischnewski kramte einen Stift aus einem staubigen Glas und einen zerknitterten Zettel aus einer Schublade, dann kritzelte er etwas darauf und reichte den Zettel dem Hauptkommissar.
Carmen und Weigand fuhren zurück in die Dienststelle, wo die Neuen bereits warteten.
Die neue Chefin Pohlmann hatte bereits Fotos der Leiche, des Tatortes und einiger Personen, wie den Bauunternehmer und den Vereinsvorsitzenden der Öko-Aktivisten, an eine Wand gepinnt.
„Frau Siebert!“, Bernadette Pohlmann sah Carmen an, als hätte sie in eine Zitrone gebissen. „Wir beide müssen einmal unter vier Augen sprechen! Jetzt sofort!“ Das klang nicht wie eine Frage oder Bitte, sondern war eine klare Ansage und Aufforderung.
Die beiden verließen den Raum und alle anderen sahen sich schulterzuckend an. „Frau Siebert, ich leite dieses Team und damit auch die Ermittlungen. Wenn Sie also einen Beitrag zur Aufklärung des Falles leisten möchten, dann sprechen Sie das in Zukunft mit mir ab und geben nicht einfach Anweisungen an Kolleg*innen aus. Haben wir uns da verstanden?“ Bernadette Pohlmann kochte innerlich vor Wut. „Nur weil ich jünger bin nehmen sie mich hier nicht ernst, da haben sie sich die Falsche ausgesucht!“.
„Tut mir leid.“, sagte Carmen ohne eines Ausdruck von Reue in der Stimme. „Ich bin davon ausgegangen, dass der Chef sie darüber informiert hat, dass ich diesen Fall leite und sie und Herr Wessels uns bei der Aufklärung helfen sollen. Er sagte außerdem, dass Sie die Abteilung zukünftig leiten, wir befinden uns aber in der Gegenwart, also im Jetzt! Seien Sie nicht traurig, Sie können sich noch ausgiebig profilieren.“