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In meinem Journal halte ich fest, was mir im letzten Jahr wichtig war: zum Beispiel Leseeindrücke, Berichte von Ausstellungen oder Konzerten; Begegnungen; Naturschilderungen; Reiseberichte; Reflexionen; Erlebnisse der besonderen Art.
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Seitenzahl: 233
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Beschließen das alte Jahr mit viel klassischer Musik; z.B. YoYoMa, Pablo Casals und Daniel Barenboim. Ansonsten viele Gespräche, leckeres Essen, gute Weine und Vorlesen aus eigenen Texten; z.Zt. lesen wir im Stelldichein-Buch.
Schreibe an Klaus und Gabi, u.a. wegen des Ausstellungs-Katalogs und des Herrentorschul-Kalenders.
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Höre mir auf WDR 5 das Tischgespräch mit Ralf Rothmann an. Ein ungemein angenehmer Mensch und ein guter Schriftsteller, von dem ich drei Romane gelesen habe. Interessant seine Schilderung, wie er zu seinen Roman-Stoffen kommt: Einige Male durch Gespräche mit einfachen Leuten, die ihm aus ihrem Leben erzählen. Er ist unprätentiös, direkt und hat gute Ansichten; auch zum literarischen Milieu.
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Habe meine Lektüre des Buches von Michael Krüger beendet. Es hat mich bis zum Schluss fasziniert, wie dieser Literaturvermittler und Schriftsteller sich in allen möglichen Literaturen Europas und Amerikas bewegt; Kontakte aufbaut und erhält und ein ungeheures Wissen über Literatur und die literarische Praxis anhäuft. Er schildert alles mit äußerster Bescheidenheit, ohne sich je wichtig zu machen. Dabei hätte er allen Grund dazu: was dieser Mann für die Literatur geleistet hat, wird wohl erst in Jahren so recht gewürdigt werden können.
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Möchte mein fiktives Gespräch mit Jürgen Becker an ihn schicken. Da ich keine Postadresse von ihm habe, frage ich bei seinem Sohn Boris an. Dieser schickt sie mir umgehend. Ich bedanke mich bei ihm, und es ergibt sich ein regelrechter Mail-Austausch. Als ich ihm mitteile, dass wir ihn vom Sehen her aus dem Basil’s kennen und eine Ausstellung von ihm und Rango, der zweiten Frau von Jürgen Becker, im Du- Mont-Quartier gesehen haben, ist er erstaunt und erfreut. Beim nächsten Zufallstreffen im Basil’s soll ich ihn doch einfach ansprechen.
An Jürgen Becker schreibe ich einen Brief:
Anbei sende ich Ihnen einen kleinen Text über Ihr Schreiben. Es handelt sich um einen Ausschnitt aus meinem Buch „Stelldichein mit Literaten“. Dort habe ich mehr oder weniger „fiktive Gespräche“ mit 20 Schriftstellern versammelt (meinen Favoriten); u.a. Peter Handke; Robert Walser; Fernando Pessoa; H.H. Jahnn; Virginia Woolf; Hermann Broch; Dieter Wellershoff; Peter Kurzeck u.a.
Den Text über Sie habe ich aus einem Briefwechsel mit Ihnen und der Lektüre von ca. zwanzig Ihrer Bücher konstruiert, wobei ich mich auf Merkmale Ihres Schreibens konzentriert habe, die mir für mein eigenes Schreiben und Verstehen von Literatur wichtig sind.
Ich schreibe seit ca. zwanzig Jahren, aber nur für einen kleinen Kreis. Meine Bücher verlege ich über „Books on Demand“, da ich mir die Mühe (und Enttäuschung), einen Verlag zu suchen, ersparen will. Ich schreibe aus Passion und nicht für einen anonymen Literaturmarkt.
Ich hoffe, dass Sie wohlauf sind. Ihre Adresse hat mir Ihr Sohn Boris geschickt, der ja ganz in der Nähe (Yorkstraße) bis vor einiger Zeit dort mit seiner Frau ein Atelier unterhielt.
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Nehmen das Neujahrskonzert mit Anne-Sophie Mutter auf, das sie selbst organisiert hat. Im ersten Teil spielt sie Kompositionen von John Williams, der das Pittsburgh Sinfonie-Orchester dirigiert; im zweiten Teil wird das Tripl-Konzert von Beethoven gespielt, das wir früher oft in einer Aufnahme mit David Oistrach und Sviatoslav Richter gehört haben.
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Lese die bewegende Biografie von Pablo Casals. Vorher hatte Petra sie gelesen und mir wärmstens empfohlen.
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Otto hatte uns Ende des Jahres einen Hinweis auf zwei Beiträge von ihm über Georg Forster in der Jungen Welt geschickt. Wir besorgen sie uns im Kiosk. Wie immer sind sie gut geschrieben und voller biographischer Details, so dass wir viel über Forster erfahren. Er ist ähnlich wie Georg Christoph Lichtenberg ein singuläres Exemplar im deutschen Geistesleben, mit einer ebenso ungewöhnlichen Biographie.
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Schicke meinen Text Heiterkeit in schwierigen Zeiten an den Blog der Republik, wo ihn Uwe umgehend veröffentlicht.
Wolfgang schreibt dazu: Ein wirklich hilfreicher Text in finsteren Zeiten. Ich werde daran arbeiten.
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Habe unseren Wagen zur Ford-Werkstatt gebracht: TÜV, ASU und Inspektion. Auch nach jetzt fünf Jahren keinerlei Beanstandungen. Sehr beruhigend.
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Petra stellt ihren Heimaten-Text fertig. Ihr Fokus liegt auf den alltäglichen Begegnungen und Ereignissen. Das macht den Text sehr lebendig; es ist eine Art Innenansicht unseres Lebens an verschiedenen Orten. Nebenbei sehr erfreulich: es gibt kaum Überschneidungen mit meinem Buch Ortswechsel.
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Sehen auf NDR 3 eine mehrteilige Dokumentation über den Hamburger Ortsteil St. Pauli; die Sozialgeschichte St. Paulis sozusagen. Viele gestandene, einfache Leute kommen zu Wort und zeugen vom Selbstverständnis und Zusammenhalt vor Ort. Beispielhaft der Kampf um die Hafenstraße (wir dachten natürlich an das Bild von Klaus). St. Pauli hat viele Krisen und Umbrüche erlebt, ist aber stets wieder auferstanden und erfreut sich bester Aussichten; z.B. in kultureller Hinsicht. Es ist ein Ort, wo man sich vorstellen könnte, zu leben.
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Habe das Buch Pablo Casals: Licht und Schatten auf einem langen Weg. Erinnerungen aufgezeichnet von Albert E. Kahn zu Ende gelesen. Das Buch fanden wir buchstäblich am Straßenrand; es war dort abgelegt, und man konnte es sich mitnehmen. Es handelt von einem großen Menschen und Künstler, der stets seinen Prinzipien treu geblieben ist. Von sich selbst sagte er:
Die einzigen Waffen, die ich hatte, waren mein Cello und mein Taktstock, und während des spanischen Bürgerkriegs habe ich sie, so gut ich konnte, eingesetzt, um die Sache zu unterstützen, an die ich glaube – die Sache der Freiheit und Demokratie.
Casals brachte es mit seinem unnachahmlichen Cellospiel zu Weltruhm. Aber ebenso bedeutsam war seine durch und durch humanistische Haltung, die er während aller Krisen des 20. Jahrhunderts bewies. Er war stets auf der Seite der Unterdrückten und Verfolgten und hat seine Bekanntheit dazu genutzt, sich für diese einzusetzen. Zeitlebens hat er für die Freiheit seiner katalanischen Heimat gekämpft. Seine ganze Lebensphilosophie fasst das folgende Zitat zusammen:
Manchmal schaue ich mich um und habe das Gefühl einer tiefen Bestürzung. In all der Verwirrung, die in der heutigen Welt ausgebrochen ist, sehe ich mangelnde Ehrfurcht vor den wahren Werten des Lebens. Überall um uns ist Schönheit, aber wie viele sind blind für sie. Sie sehen die Wunder dieser Erde und scheinen nichts zu erblicken. Die Menschen sind in hektischer Bewegung, aber wohin die Reise führt, bedenken sie kaum. Sie suchen Erregung um jeden Preis, als ob sie hoffnungslos verloren wären. Die natürlichen, ruhigen und einfachen Dinge dieses Lebens machen ihnen wenig Freude.
Jede Sekunde, die wir in diesem Universum verbringen, ist neu und einzigartig. Dieser Augenblick war zuvor nicht und wird nie wiederkehren. Und was bringen wir unseren Kindern in der Schule bei? Dass zwei mal zwei vier ist und Paris die Hauptstadt Frankreichs. Wann wird man sie lehren, was sie selbst sind? Du bist ein Wunder! Du bist einmalig! Auf der ganzen Welt gibt es kein zweites Kind, das genauso ist wie du.
Welcher außerordentlicher Umschwünge und Fortschritte bin ich in meinem langen Leben Zeuge geworden! Großartige Fortschritte in Naturwissenschaft, Industrie, Raumfahrt. Und doch peinigen Hunger, Rassenunterdrückung und Tyrannei nach wie vor die Welt. Weiterhin benehmen wir uns wie die Barbaren. Wie die Wilden fürchten wir uns vor unseren Nachbarn auf dieser Erde, bewaffnen uns gegen sie, und sie bewaffnen sich gegen uns. Ich beklage es, dass ich in einer Zeit leben musste, da es Gesetz war, seinen Nächsten zu töten. Wann endlich werden wir uns an die Tatsache gewöhnen, dass wir menschliche Wesen sind? Wir sind Blätter eines Baumes, und dieser Baum ist die Menschheit.
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Ich träume einmal mehr, dass ich in der Mathematik scheitere und diese Tatsache mich das Abitur kostet. Diesmal soll ich in der mündlichen Abitursprüfung eine Matheaufgabe lösen; Minimax nannte man sie: eine Art Integralrechnung, wenn ich mich recht erinnere. In meinem Traum weigere ich mich, an die Tafel zu treten. Ich erkläre die diesbezügliche Rechnerei für sinnfrei; für verlorene Lebenszeit; ähnlich belanglos, wie das Lösen von Kreuzworträtseln.
Stattdessen halte ich einen Vortrag über die philosophische Bedeutung mathematischer Probleme, am Beispiel der Entdeckung unendlicher Zahlen, infolge der Unmöglichkeit, die Wurzel aus Zwei zu ziehen. Das führte im griechischen Altertum zur Erschütterung eines ganzen Weltbildes. Die Griechen glaubten, das sich alle Probleme mathematisch lösen ließen. Mit der Entdeckung unendlicher Zahlen verband sich die Vorstellung von der Unendlichkeit des Universums. Das harmonische Weltbild der Griechen, das sich in einmaliger Weise in der Kunst und Literatur widerspiegelte, geriet ins Wanken. Die Skeptizisten – der berühmteste unter ihnen war Sokrates – gewannen an Bedeutung, und dieses Denken verbreitete sich; bis hin zu Pascal, Nietzsche und den Existentialisten.
Mein Resümee: Wenn wir im Matheunterricht nicht lernen, warum bestimmte mathematische Probleme überhaupt existieren, verliert die ganze Rechnerei ihren Sinn. Da mein Mathelehrer sich weigerte, auf meine mehrmaligen Nachfragen einzugehen, blieb mir nichts anderes übrig, als den Unterricht zu meiden und mich selbst um diese Probleme zu kümmern. Ich las Arthur Koestler: Die Nachtwandler. Darin befasst er sich mit dem Zusammenhang von (Natur)-Wissen-schaft und Philosophie und vor allem mit den Forschungen des Kopernikus und Galileis. Insofern hatte mir die Beschäftigung mit diesen Fragen doch einiges an Einsichten gebracht; der Matheunterricht leider nicht.
Warum träume ich auch nach Jahrzehnten immer noch davon? Wahrscheinlich, weil ich mich damals existentiell bedroht fühlte. Was hätte ich anfangen sollen, wenn ich mit dem Abi gescheitert wäre?
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7.1.: Rufe Klaus an, dem es langsam aber sicher besser geht. Er kann wieder selbst Auto fahren, seine Werte sind in Ordnung, und er ist sehr mit den Vorbereitungen seiner Ausstellung beschäftigt, wobei Ole ihm zur Seite steht (Plakate; Flyer usw.).
Während des Gesprächs reden wir auch über den LFC, über Literatur und alles Mögliche. Und ganz zum Schluss erwähnt er, dass er an einem neuen Bild arbeitet. Das ist nun wirklich ein gutes, hoffnungsvolles Zeichen.
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Franz Beckenbauer ist 78jährig gestorben. Als Fußballer habe ich ihn geschätzt. Er prägte einen ganz neuen Stil: ein nahezu körperloses Spiel; elegant schien er über den Platz zu schweben. Als Libero schaltete er sich ins Angriffsspiel ein, und gelegentlich schoss er sogar Tore. Einzigartig seine Schlenzer, über die gegnerische Abwehr hinweg; punktgenau zum jeweiligen Stürmer. Natürlich hätte er ohne Mitspieler wie Schwarzenbeck u.a. diese Rolle nicht so eindrucksvoll ausüben können. Aber auch er selbst war durchaus ein Mannschaftsspieler, der sich glänzend mit seinen Mitspielern (Netzer; Overath; Breitner; Gerd Müller) verstand.
Natürlich erinnere ich mich an große Spiele: 1965 gab er sein Debüt in einem WM-Qualifikationsspiel gegen Schweden; dann an die WM 1966 in England; 1970 in Mexiko, als er gegen England das 1:2 schoss und gegen Italien (3:4 n.V.) mit einer Schulterverletzung spielte; und selbstverständlich auch an die WM 1974, als man unverdient 2:1 gegen Holland gewann; dank eines überragenden Sepp Maier. Er war in seiner Generation neben Cruyff und Pele der weltbeste Spieler. Vergleichen kann man sie nicht, weil sie sehr unterschiedliche Spielertypen waren. Seine menschlichen Qualitäten und auch seine Rolle bei der Vergabe der WM 2006 stehen hier nicht zur Diskussion. Das ist ein anderes Kapitel.
Schreibe einen kleinen Artikel für den Blog über ihn; Alfons, Uwe, Wolfgang und Klaus reagieren positiv.
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Schicken zwei Bücher an Heta: Streuwiesen und Texte. Kontexte.
Petra stellt ihr Heimaten-Buch fertig und schickt es an BoD. Ich staune jedes Mal, mit wie viel Engagement und Herz sie daran geht. Und wie erleichtert sie ist, wenn alles gelingt. Danach trinken wir ein Glas Wein.
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Habe mit der Lektüre des Romans Stier von Ralf Rothmann begonnen. Ich hatte ihn vor Jahren schon einmal gelesen. Jetzt gefällt er mir noch besser; vor allem wegen der Milieu-Schilderungen.
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Schauen uns DVDs an: zunächst Die Kinder des Monsieurs Mathieu und am nächsten Abend Die Eleganz der Madame Michel.
Beide Filme sind geprägt von einer tiefen Menschlichkeit. Der Lehrer Michel wird als Aufseher an einer Schule mit ‚schwer erziehbaren Kindern’ eingestellt. Hier herrscht ein autoritärer Direktor, der versucht, mit militärischen Methoden und drakonischen Strafen den Kindern Disziplin einzubläuen, was zu immer mehr Widerstand führt. Der neue Lehrer versucht es mit anderen Mitteln: er gründet einen Schulchor und schafft es, die Kinder für ihr Projekt zu begeistern. Der Film ist geradezu eine Lektion in Sachen Pädagogik. Eigentlich ist sie ganz einfach: man muss die Kinder als Individuen ernst nehmen, statt sie ständig zu maßregeln und zu demütigen.
Im Fall der Madame Michel geht es ebenfalls um Wahrnehmung und Anerkennung. Sie arbeitet als Concierge in einem Haus mit lauter reichen Familien. Kaum jemand achtet auf sie, die täglich unauffällig ihren Dienst verrichtet. Bis ein reicher Japaner einzieht, der sie wahrnimmt. Es beginnt damit, dass sie sich ein Zitat von Tolstoi zuspielen: Alle glücklichen Familien ähneln einander; jede unglückliche aber ist auf ihre eigene Art unglücklich. Der Anfang der Anna Karenina.
Die Beiden freunden sich an; er lädt sie zum Essen ein, und sie verstehen sich, weil sie gemeinsame Interessen haben: Literatur und Film. Das Geheimnis der Concierge besteht darin, dass sie eine heimliche Leserin ist. Sie hat in einem Hinterzimmer ihrer Wohnung eine Bibliothek, die sie vor allen verbirgt. Nur die zwölfjährige Tochter einer reichen Familie findet Zugang zu ihr; sie filmt sie und lässt sich das Leben der Madame erzählen. Auch sie verbindet mit der Zeit eine innige Freundschaft. Der Film endet tragisch mit dem Unfalltod der Concierge, aber was bleibt, ist die Erinnerung an eine starke Frau, die keiner wahrgenommen hatte, bis jemand sich für sie interessierte.
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Schreibe an Zezo wegen seines Bildes Minotaurus:
Erinnerst Du dich noch an das Zitat von Michel Foucault? "Das Labyrinth bringt den Minotaurus hervor, nicht umgekehrt". Jetzt habe ich eine vielleicht (zu einfache?) Deutung für den Mythos::
Vielleicht ist das Labyrinth der Inbegriff der undurchschaubaren Welt und der Minotaurus das Sinnbild des isolierten, existenziellen Daseins des Menschen. Insofern ist der Mensch ‚Opfer’ und ‚Täter’ zugleich. Opfer, weil er keine Wahl hat, in welche Welt er hinein geboren wird, denn sie ist immer schon da. Schuldig ist er, weil er ‚mitmacht’ und sich zu wenig um sie kümmert. Die ‚klassische Lösung’, den Minotaurus umzubringen, führt zu nichts. Die Welt bleibt, wie sie ist. Sie ist auch danach, was sie vorher war: ein unbegreifliches, diffuses Ganzes; eben: ein Labyrinth.
Du siehst, die Thematik beschäftigt mich immer noch, auch weil Dein Bild in unserem Wohnzimmer hängt - zentral - und wir es täglich anschauen.
Wir sollten bei Gelegenheit einmal wieder darüber reden. Ich melde mich bei Dir.
Zezo schreibt zurück:
Klingt sehr plausibel. Ob die alten Griechen soweit gedacht haben? Ich glaube wohl. Die griechische Mythologie besteht aus Symbolen, nur der Schlüssel dazu ist versteckt.
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Lese den Roman Stier von Ralf Rothmann zu Ende. Er hält konsequent die Perspektive von unten durch; berichtet von seiner Arbeit auf dem Bau und als Krankenpfleger und verkehrt überwiegend mit seinesgleichen. Darin besteht die Stärke des Romans, dass er dieses Milieu präzise schildert: den spezifischen Slang, die gängigen Umgangsformen, die verschiedenen Charaktere, das alles schildert er mit großer Eindringlichkeit, und es gibt kaum einen Schriftsteller, der dazu in der Lage ist. Das macht wohl auch seine Ausnahmestellung in der gegenwärtigen Literatur aus.
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Gestern (16.1.) ging mein Buch Spurensuche. Frühe Schriften an BoD. Petra hat es mit viel Engagement gestaltet; es war ihr ein Herzensanliegen, wie sie sagt.
Ihr Buch Heimaten ist heute angekommen; ein Grund, ein wenig zu feiern. Derweil arbeite ich am Journal 2023 und wundere mich erneut darüber, was alles verloren gegangen wäre, wenn wir es nicht in dieser Form festhalten würden.
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18.1.: Winter in Köln. Wir machen einen Rundgang durch die verschneiten Parks unseres Viertels. Alles ist Weiß, überall liegt reichlich Schnee; zur Freude der Kinder und Hunde. Im Nippeser Tälchen tummeln sich Hunderte mit ihren Schlitten an den Abfahrten; so etwas haben wir in den über dreißig Jahren hier noch nicht erlebt.
Unterwegs kommt uns ein Pärchen mit Skiern entgegen. Einfach ein schöner Anblick. Einen Moment überlegen wir, ob wir unsere Skier aus dem Keller holen sollten, aber es wäre zu aufwändig.
Auch in den Gärten sind Bäume und Sträucher mit einer Schneeschicht überzogen, die gegen das Sonnenlicht wie Kristalle wirken. Zwei Stunden lang stapfen wir durch den Schnee, und an einer Treppe komme ich auf dem eisigen Untergrund so sehr ins Rutschen, dass eine junge Frau mir zu Hilfe kommt. Etwas erschöpft sitzen wir danach beim Tee und sind noch ganz beeindruckt vom Erlebten.
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Abends ruft Klaus an. An der Stimmlage merke ich sofort, dass er gute Nachrichten hat. Und in der Tat: er war beim Urologen und ist endlich den Katheter los, so dass er wieder normal pinkeln kann. Ein Gewinn an Lebensqualität, wie er sagt. Auch die Untersuchungen beim Neurologen sind positiv; er muss jetzt einfach wieder zu Kräften kommen, seine Muskulatur aufbauen und weitere Fortschritte machen.
Die nächste Zeit steht jetzt im Zeichen seiner Ausstellung. Gestern war eine Journalistin da, die ihn interviewt hat. Und heute kommt Ina Wagner zu ihm.
Nächste Woche kommt Joke BS, der ihm beim Transport seiner Bilder hilft; und ich glaube, Ole ist auch noch mit von der Partie. Ich sage ihm, wie gut es doch ist, dass er Söhne hat. Er fragt, ob wir zur Eröffnung der Ausstellung kommen, und ich teile ihm unsere Pläne mit. So sieht alles zur Zeit ganz gut aus.
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Wir genießen noch einmal das herrliche Winterwetter; blauer Himmel, Minus-Temperaturen und jede Menge Schnee, in dem sich Hunde und Kinder tummeln. Bestelle uns ein Zimmer im Emder Heerens-Hotel, und Gabi schreibt uns eine Karte mit einem Foto von Lilos Seebestattung; als Reaktion auf unseren einfühlsamen Kondolenzbrief.
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Landauf, landab finden Demonstrationen gegen Rechts statt, mit teilweise Zehntausenden von Teilnehmern. Damit hatte ich schon gar nicht mehr gerechnet angesichts der Unzufriedenheit mit der Politik der Regierung. Aber die Nachricht von der Geheimkonferenz, auf der über die massenweise Deportation von Ausländern diskutiert wurde, hat dann doch wohl das Fass zum Überlaufen gebracht. Ob die Demos Auswirkungen auf die diesjährigen Wahlen im Osten haben werden, wird man sehen. Ich bezweifle es.
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Schließe die Korrektur des Journals 2023 ab. Einmal mehr zeigt sich, dass sich die Mühe lohnt; wieder enthält es einige Beiträge, die man später sicher gern noch einmal lesen wird.
Ein neues Projekt habe ich zur Zeit noch nicht. Den Fallobst-Text werde ich sukzessive ergänzen, und vielleicht gibt es auch noch den ein oder anderen Beitrag für das Stelldichein-Buch. So überlege ich, noch einen Text über Brinkmann aufzunehmen. Er enthält viel über seine Art zu schreiben, Alltagswahrnehmungen und seine Aufmerksamkeit für kleine Dinge. Gleiches gilt für Michael Krüger, dessen Gedichte ich sehr mag und dessen Verdienste um die Literatur hierzulande unschätzbar sind. Er hätte einen Platz in meinem literarischen Olymp wahrlich verdient.
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Schauen uns die Spiele der deutschen Mannschaft bei der Handball-EM an. Es ist pure Spannung. Und es ist gleichzeitig ein kämpferischer und ästhetischer Sport und zudem fair. Die Spieler kennen sich meist aus den Vereinen und gehen dementsprechend pfleglich miteinander um.
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Klaus schickt die Vorankündigung seiner Ausstellung durch die EZ. Sie enthält eine kurze Skizze der Entstehung des Zyklus und Informationen zur Ausstellung; garniert mit Fotos seiner Bilder; u.a. mit ihm und mehreren Bildern.
Dann teilt er mit, dass Ole, Joke und Sophie und natürlich Gabi mit angepackt haben, um die mehr als fünfzig Bilder in die a Lasko-Bibliothek zu transportieren. Ab heute beginnt dann die Hängung; ein spannender Akt.
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Heta schreibt Petra, dass sie von den Beiträgen ihres Buches Text und Kontext sehr angetan ist und Abend für Abend darin liest. Eine schöne Rückmeldung, die Lust auf mehr macht.
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Wir stehen vor unserer Abreise nach Whv. und freuen uns, einmal wieder aus Köln rauszukommen; nach immerhin vier Monaten ist es an der Zeit, nach dem Rechten zu sehen. Außerdem findet die Ausstellung von Klaus statt, und es bietet sich an, über Karneval oben zu bleiben.
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28.1. – 6.2.: Wilhelmshaven
Fahren wegen der Sperrung der Leverkusener Brücke über die A 57 und dann per Landstrasse über Meerbusch, Duisburg nach Oberhausen auf die A 3. Da wir zu früh von der Autobahn abgebogen sind, fahren wir durch alte Industriegebiete des Ruhrgebiets mit lauter stillgelegten Stahlwerken und anderen Fabriken; eine durchaus imposante Kulisse.
Wir sind guter Dinge. Das Wetter ist herrlich, und hier oben ist alles okay. Leider hatte Detlef vergessen, die Heizkörper anzustellen, so dass die Wohnung arg kalt ist und es dauert, bis es langsam wärmer wird. Gleichwohl sind wir froh, endlich wieder einmal hier zu sein.
Am ersten Morgen ein phantastischer Sonnenaufgang: zunächst ist der Horizont tiefrot und von einer dunklen Wolkenschicht durchzogen. Dann verfärbt sich der Himmel von hellblau bis blass-rosa. Und es erglänzen meine drei Wasser (Ems-Jade-Kanal; Banter See und Jadebusen) in der Morgensonne.
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Machen unseren obligatorischen Rundgang über den Südstrand und Großen Hafen; jedes Mal wieder ein Erlebnis, da gerade Hochwasser ist und sogar zwei Frauen bei Minustemperaturen baden.
Am nächsten Tag geht es zum Antiquar, dem wir Bücher von uns bringen und einige neue besorgen; z.B. Lutz Seilers Kruso, Sven Regener Neue Vahr-Süd, Susan Sontag und Tanja Blixen.
Am Mittwoch fahren wir zum Wochenmarkt und zu Jörg, wo wir feine Sachen für meinen Geburtstag einkaufen.
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1.2.: Wir hatten einen sehr entspannten Geburtstag, so wie ich es mag. Nach ausführlichen Gesprächen mit Klaus und Gudrun haben wir uns zusammengesetzt und u.a. Beethovens-Violin-Konzert angehört und danach einige Gedichte von mir gelesen.
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Am 4.2. fahren wir nach Emden zur Eröffnung der Ausstellung von Klaus. Besonders beeindruckend: die Einführung von Harald Groenewold, der einige Bilder des Zyklus interpretiert. Das macht er kenntnisreich, mit vielen Anspielungen auf die Kunstgeschichte. Das dürfte ganz im Sinne von Klaus sein. Auch die Ansprache des Direktors der Bibliothek ist gelungen. Er erinnert an die ersten Gespräche über die Idee einer Ausstellung und wie mit der Zeit das Konzept Gestalt annahm. Und alles wird eingerahmt durch sehr ansprechende musikalische Darbietungen.
Insgesamt ist das Ganze mehr als eine Ausstellungseröffnung; es ist vielmehr eine Hommage an das gesamte Schaffen und Werk von Klaus. Das wird ihm gut tun. Dazu passend dann auch der Katalog mit dem Titel OPUS - Vierzig Jahre Malerei. Auch dies ein Überblick über das Gesamtwerk, großartig in Szene gesetzt von der Druckerei, mit der Klaus so lange schon und gern zusammenarbeitet.
Es sind viele alte Bekannte gekommen; u.a. Jonny und Babs; Gudrun; Holger Bloem, Meike, Uwe Rozema, Andreas und Anne Wojak, Albert und Jenny u.v.a. Ich schätze, dass mindestens 250 Leute anwesend sind, vielleicht sind es sogar 400. Was sofort auffällt: das Ganze hat nichts Formelles, Steifes. Im Gegenteil: viele der Besucher kennen sich, und alles wirkt so vertraut, als wäre man auf einem großen Familienfest. Auch wir fühlen uns wohl und keineswegs außen vor.
Gabi hat mit Hilfe von Nele, Joke, Sophie und Ole wieder ein Büffet vom Feinsten gestaltet, an dem sich viele in der Pause treffen und unterhalten können.
Zur Ausstellung selbst: Nach meiner Wahrnehmung eine ideale Hängung der Bilder; vor allem der Zyklus im großen Nebenraum ist beeindruckend; jedes Bild vor einer Stellwand. Auch die s/w-Bilder und Skizzen in den Vitrinen wirken stark. Und immer erneut faszinieren die alten Gemäuer der Bibliothek als Kontext und Hintergrund. Eine einmalige Szenerie das Ganze.
Wir werden uns die Ausstellung auf jeden Fall noch einmal in Ruhe ansehen.
Nach der Ausstellung treffen wir uns noch bei Gabi und Klaus zum Tee. Nele, Joke und Sophie und Ole sind auch dabei. Wir bleiben bis abends, schauen uns Arsenal – Liverpool (3:1) auf dem neuen Fernseher an und reden über unsere Eindrücke von der Ausstellung.
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Zum OPUS, dem Katalog zur Ausstellung, schreibt Petra:
Es gibt Tage, da hat man genau die innere Ruhe und Einstellung, um sich mit einem Katalog wie dem Deinen zu beschäftigen - eingehender als beim allerersten Durchgang, der voller Freude und Überraschung erst einmal das Wunder des OPUS von KF zur Kenntnis nahm. Nun, nach einem gewissen Abstand von der großen Überraschung, lag das stattlich Werk vor mir, und ich habe mich hineinbegeben nach Strich und Faden, Seite für Seite, Bild für Bild - so intensiv, wie man sich das nur wünschen kann. Dabei hat sich meine „BeWunderung“ bis zur Überraschung und Begeisterung aufgrund von neuem Sehen gesteigert, und ich habe mich gefragt, woran das liegen könnte. Wenn man die verschiedenen Präsentationsformen, die uns fern vom Ort der Entstehung Deiner Bilder zur Verfügung standen: Fotos von neuen Werken in Stadien der Entstehung bis zum fertigen Bild einerseits, bei Besuchen dann erstmals die Originale andererseits, vor Augen führt und nun der Katalog als dritte Form hinzugekommen ist, so hat dieser (für mich jedenfalls) einen ganz besonderen Stellenwert: Er lässt Vergleiche über die Jahrzehnte zu, lädt dazu ein, diese anzustellen und einen Überblick zu gewinnen, aber auch zu verweilen und immer wieder ins Detail zu gehen; er bietet an, die Stile, Farben, Motive und Mittel des Ausdrucks in Beziehung zu setzen und sie in ihrem Wandel - bisweilen auch in ihrer Kontinuität - neu wahrzunehmen. Und das hat mich immer wieder fasziniert und beglückt, weil ich es als Zugewinn der Wahrnehmung erfahren habe.
Die Sorgfalt und Professionalität, mit der dieser Opus-Katalog gestaltet ist, lässt erahnen, wieviel Arbeit, wieviele Überlegungen und evtl. auch Verwerfungen zugunsten noch besserer Ideen darin steckt, wovor man nur den Hut ziehen kann. Das betrifft die Werke und ihre Auswahl, die Anordnung (teils gegen die Chronologie), Benennung von Gruppen, Zyklen und Einzelwerken, die sehr schöne Schrift und Größe der Buchstaben, Aufteilung der Seiten usw. Das OPUS hat mit dem Katalog ein Werk hinzugewonnen. Dazu möchten wir Dir herzlich gratulieren und uns nochmals für ALLES bedanken.
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Klaus schreibt zurück: Vielen Dank für Dein großes Lob. In der Tat war dies ein größeres Unternehmen, das ich aber voller Motivation angegangen bin, die Malerei für eine unerwartet längere Zeit unterbrechend.
Bei dieser großen Motivation spielt Ihr eine bedeutende und besondere Rolle. Dass Ihr, wie ich es in der Widmung geschrieben habe, quasi vom ersten Tag diesen Weg der Malerei begleitet habt, ist schon ein besonderer Glücksfall. Beeindruckend aber die hohe inhaltliche Qualität, die Intensität der Begleitung - als Folge davon dann meine Motivation, die dadurch nicht zum Erliegen kam.
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Am 5.2. fahren wir zurück nach Whv. und diskutieren beim Wein noch lange über die Ausstellung. Da das Wetter keine Besserung verspricht (es herrscht ein starker Wind und es nieselt und regnet) und außerdem mein Laptop gestört ist, fahren wir am 6.2. über die A 31 und 57 zurück nach Köln. Die Strecke stellt keine Alternative zur A 3 dar; etwa ab Xanten ist sie stark befahren und führt über mehrere Baustellen und Autobahnkreuze. Wir sind froh, heil durchgekommen zu sein.
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8.2.: Weiberfastnach. Die Narren sind wieder los. Schon früh morgens starten Mütter mit ihren Kindern zum Kinderkarneval. Alle hübsch kostümiert. Dann folgen die Schüler der umliegenden Schulen. Und später die Jugendlichen. Ansonsten bekommen wir wenig mit. Nur aus der Ferne hört man das dumpfe Trommeln und ab und an einige Fetzen Musik. So haben wir es oft erlebt, und so wird es auch diesmal wieder sein.
Ich bin gut ins Arbeiten gekommen; feile an meinen neuen Gedichten und schreibe an einem Text über R.D. Brinkmann für das Stelldichein-Buch.
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Wir planen einige Projekte für die nächste Zeit: zunächst wird Petra das Journal 2023 gestalten; wir werden es im Paperback veröffentlichen. Danach werden wir das Stelldichein-Buch (3. Auflage) mit dem Brinkmann-Text abschließen. Michael Krüger werden wir nicht mehr aufnehmen, da er zu sehr aus dem Rahmen fällt. Das ganze Paket unserer letzten Veröffentlichungen geht dann an unsere Webmasterin Ebba.
Ich werde weiter an meinem Gedichtband arbeiten, zu dem ich nahezu täglich einen Beitrag schreibe; zunächst sind es nur Rohtexte. Es sollen Gelegenheitsgedichte werden, aus dem Augenblick geboren, lyrische Fundstücke in Krolowscher Manier. Oder im Sinne Goethes, der von seinen Gedichten sagte: Alle meine Gedichte sind Gelegenheitsgedichte, sie sind durch die Wirklichkeit angeregt und haben darin Grund und Boden. Gut gefallen würde mir auch die Formulierung: Gedichte sollen eine Art lyrisches Tagebuch sein.
Zur Lesung von Wiedenroth, der am 7.3. einige Kommentare zu den Bildern von Klaus vorliest, wollen wir zwei Übernachtungen dranhängen, um einmal wieder mehr Zeit in Emden zu verbringen.
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Petra arbeitet mit Hochdruck an der Gestaltung des Journals 2023; und mit Interesse, da auch sie sich dadurch wieder an Begebenheiten erinnert, die man ansonsten längst vergessen hätte.
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13.2.: Heute vor 50 Jahren machte ich meinen Magister Artium; mit Auszeichnung, wie ich mich gerade versichert habe, was ich gar nicht mehr wusste. Dagegen erinnere ich mich daran, dass mir Sandkühler einen doppelten Wodka einschenkte, da ich ziemlich nervös vor der mündlichen Prüfung war. Danach lief alles wie geschmiert.
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Schreibe eine Kolumne über die Militarisierung des Denkens