Auf dünnem Eis - Uwe Goeritz - E-Book

Auf dünnem Eis E-Book

Uwe Goeritz

0,0

Beschreibung

"Auf dünnem Eis" Altersempfehlung: ab 16 Jahren Ein Zusammentreffen während des Urlaubs an der Ostsee im Frühjahr 1929 wird für die Kaufmannstochter Hedwig zu einem Wendepunkt in ihrem Leben. Die Tochter aus gutem Hause verliebt sich in den mittellosen Karl, unterwirft sich dann allerdings dennoch den Zwängen der Gesellschaft in ihrer Zeit. Erst die Weltwirtschaftskrise schafft die Voraussetzungen dafür, dass sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen kann, doch der Preis ist hoch, den sie dafür zu zahlen hat. In einer für sie schwierigen Zeit muss sie die Wahl treffen, ob sie Mensch bleiben will, oder ob sie lieber mit den Wölfen heulen sollte, aber egal wie sie sich entscheidet, es bleibt für sie dennoch ein Tanz auf sehr dünnem Eis und schon bald wirft der drohende Krieg seine Schatten auf Ostpreußens Hauptstadt Königsberg. Diese Geschichte spannt einen Bogen über zwanzig Jahre, einen Weg von fast 1.000 km und zwei Herzen. Sie ist all denen gewidmet, die im Januar und Februar 1945 das Frische Haff überqueren konnten, und auch jenen, die es nicht schafften ...

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 425

Veröffentlichungsjahr: 2025

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



All denen gewidmet, die im Januar und Februar 1945 das Frische Haff überqueren konnten, und auch jenen, die es nicht schafften...

Inhaltsverzeichnis

Auf dünnem Eis

Ostseewellen

Das Ende der Freundschaft?

Vertauschte Rollen

Eis, Wasser und Schaumwein

Rauschen(de) Feste

Gedanken in der Nacht

Vom Segen, eine Maus zu sein

Badefreuden

Freundschaften

Die Kronjuwelen einer Prinzessin

Gefährliche Wissbegier?

Der Bulle und die Jungfrau

Der Geist aus der Flasche

Eine zweite Chance?

Küsse im Nachtwind

Die Chance beim Schopf ergriffen

Ein letzter Drink …

Dafür oder dagegen?

Ein Weg zurück

Alltägliche Verrücktheit

Hoffnungen und Zwänge

Suppe, Verse und Liebe

Kein Sterbenswort!

Schokolade und Äpfel

Von Hengsten und Stuten

Unter Frauen

Stimmen in der Nacht

Das Glück der Erde

Im Sumpf der Lügen

Nachts, wenn alles schläft

Kranich, Taube und Kakalinski

Zufall oder Bestimmung?

Frauen unter und über sich

Mit dem Rücken an der Wand

Das innere Kloster

Dunkle Wolken im Oktober

Der Anfang vom Ende?

Für eine Handvoll Reichsmark

Die vierte Option!

Gewalt und Neid?

Lüge oder Wahrheit?

Ein Glücksfall

Alles wird anders …

Kopf, Herz und Hand!

Ein Tag, wie jeder andere auch

Was der Führer will …

Aus Freundschaft oder Menschlichkeit?

Aufgabe erfüllt!

Ein Blick zurück …

Frieden mitten im Krieg

Ein Gruß aus der Vergangenheit

Wer schlafende Bären weckt …

Sommerhitze

Geld ist nicht alles

In Schutt und Asche!

Hinaus aufs Land!

Das Leben muss weitergehen

In der Falle!

Neues Jahr, neues Glück?

Westwärts!

Aufs Eis …

Feuer vom Himmel

Wer ist der Feind?

Ein schlesisches Wäldchen

Am Ende?

In Sicherheit?

Angekommen

Neue Chancen?

Ein leiser Wunsch

Ein Platz im Herzen

Wiedersehen am Teich

Unter dem Eis

Auf dünnem Eis

Ein Zusammentreffen während des Urlaubs an der Ostsee im Frühjahr 1929 wird für die Kaufmannstochter Hedwig zu einem Wendepunkt in ihrem Leben. Die Tochter aus gutem Hause verliebt sich in den mittellosen Karl, unterwirft sich dann allerdings dennoch den Zwängen der Gesellschaft in ihrer Zeit.

Erst die Weltwirtschaftskrise schafft die Voraussetzungen dafür, dass sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen kann, doch der Preis ist hoch, den sie dafür zu zahlen hat.

In einer für sie schwierigen Zeit muss sie die Wahl treffen, ob sie Mensch bleiben will, oder ob sie lieber mit den Wölfen heulen sollte, aber egal wie sie sich entscheidet, es bleibt für sie dennoch ein Tanz auf sehr dünnem Eis und schon bald wirft der drohende Krieg seine Schatten auf Ostpreußens Hauptstadt Königsberg.

Diese Geschichte spannt einen Bogen über zwanzig Jahre, einen Weg von fast 1.000 km und zwei Herzen.

Sie ist all denen gewidmet, die im Januar und Februar 1945 das Frische Haff überqueren konnten, und auch jenen, die es nicht schafften.

Die handelnden Figuren sind zu großen Teilen frei erfunden, aber die historischen Bezüge sind durch archäologische Ausgrabungen, Dokumente und Überlieferungen belegt.

1. Kapitel

Ostseewellen

Sacht kräuselte der Wind die Wellen der Ostsee, die von der Morgensonne angestrahlt wurden, und nur ein paar Wölkchen zeigten sich an einem Himmel, der schöner nicht sein konnte.

Dieses Panorama sah wirklich so aus, wie es auf den Ansichtskarten des beliebten Seebades immer zu erblicken war, und es war einer der ersten warmen Tage des Monats Mai im Jahr 1929 in Ostpreußen.

Im Januar und Februar hatte es einen sehr strengen Winter gegeben, mit extremer Kälte in ganz Europa, wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Wochenlang hatte eisiger Frost geherrscht, alle Flüsse und Seen waren zugefroren und selbst die Ostsee war teilweise mit Eis bedeckt gewesen.

Nie zuvor gekanntes Frostwetter hatte sogar das Mittelmeer erreicht, mit einer geschlossenen Schneedecke an der Riviera, und in Italien hatten die Kinder sogar in Palermo Schneemänner bauen können.

Ein Schneesturm hatte in der Ägäis getobt und selbst in Polen, wo man kalte Winter eigentlich gewohnt war, hatte man bei bis zu minus 47° C ausgeharrt!

Von all dem hatte Hedwig nur aus der Zeitung erfahren, denn sie selbst hatte fast den gesamten Winter krank in ihrem Bett gelegen, doch jetzt schlenderte sie durch den Sand am Meeresufer und blickte versonnen über diese kleinen Wellen.

Erst am Abend zuvor war die Achtzehnjährige im Ostseebad Rauschen1 eingetroffen und hatte daher noch keine Zeit gehabt, diesen Anblick zu genießen.

Es war ihr erster Urlaub ohne die Eltern, doch die Frau Mama hatte ihr Isolde als Gouvernante mitgegeben. Die Freundin war fast 21, schon verlobt und daher hatten die Eltern wohl angenommen, dass Isolde auf sie aufpassen würde und sowohl Isolde als auch Hedwig hatten sie in diesem Glauben gelassen.

Dieser Urlaub sollte so eine Art von Kur für sie sein, denn die schwere Krankheit hatte sie wochenlang ans Bett gefesselt.

Noch immer war sie etwas bleich und schwach, aber die Gesundheit kam wieder zu ihr zurück. Und die nächsten vier Wochen sollten da einen großen Beitrag dazu leisten, dass sie neuerdings in den Vollbesitz ihrer Kräfte kam.

Ihre Familie war nicht nur dem Namen nach eine reiche und stolze Kaufmannsfamilie, sondern sie gehörten zu den oberen tausend Einwohnern der Metropole Königsberg.

Einst mit der Hanse zu Ruhm und Ansehen gekommen, hielt dieser damals angehäufte Reichtum noch immer, aber Hedwig machte sich nichts aus Geld, denn sie hatte nie Sorgen damit gehabt. Wozu sollte man sich über etwas Gedanken machen, wenn einem fast jeder Wunsch sofort erfüllt werden könnte?

Mit den Schuhen in der Hand und den Zehen im weichen Sand schlenderte Hedwig umher und dachte dabei an die Freundin, die sicherlich jetzt noch in ihrem Bett schlief, während sie sich aus dem Zimmer des kleinen Hotels geschlichen hatte, um den Morgen zu genießen und der war gerade viel zu schön, als diesen ungenutzt zu verschlafen.

Noch war an diesem Strand nicht eine einzige Menschenseele weit und breit zu sehen, aber das würde sich spätestens in einer Stunde schlagartig ändern.

Bereits ein paar Mal war sie in der Kindheit hier gewesen und konnte sich noch gut an das unbegreifliche Gewimmel hier unten an der Küste erinnern.

Rauschen war zwar das Bad der betuchteren Königsberger Bürger, aber das hielt natürlich auch die anderen Einwohner der Stadt nicht ab, die sich zwar keines der teuren Hotelzimmer leisten konnten, aber mitunter in den warmen Sommernächten auch mal auf einer der Parkbänke schliefen.

Die Zugverbindung war mit nicht einmal zwei Stunden Fahrzeit nicht so lang, als dass man da nicht einfach mal einen Tagesausflug an die See machen konnte.

Hedwig blickte sich um und sah die Treppe hinter sich, die auf den Hügel hinauf führte, wo sich ihr Hotel befand, und das war ein ganz schöner Aufstieg nach oben.

Unterwegs gab es zwar auf der halben Höhe eine Plattform, auf welcher dann später einige Restaurants auf zahlungskräftige Besucher warten würden und damit den steilen Anstieg erträglich machten, aber noch immer war alles still an diesem Strand.

Es würde sicherlich noch eine geraume Weile dauern, bevor ihr da oben jemand mit Kaffee und Kuchen aushelfen könnte und auch die Standseilbahn erst sehr viel später, mit den ersten Besuchern, öffnete.

Damit blieben ihr jetzt die Alternativen, auf die Öffnung der Bahn zu warten, oder sich auf die beschwerliche Besteigung der Treppe zu machen.

Sie beschloss, einfach noch etwas zu warten und setzte sich in den Sand.

Mit dem Gesicht nach Norden, die Schuhe neben sich abgestellt, schaute sie verträumt auf die gigantische Wasserfläche mit den kleinen Wogen hinaus.

Immer wieder verliefen sich die kleinen Wellen nur ein paar Meter vor ihr am Ufer, und Hedwig rutschte so weit nach vorn, bis das kühle Wasser ihre nackten Zehen umspülen konnte.

Das alles war viel zu schön, als diese Pracht ungenutzt verstreichen zu lassen, und daher saß sie sicherlich keine viertel Stunde so da, bevor der Übermut sie packte.

Ohne über die Konsequenzen ihres Tuns nachzudenken, legte sie schließlich ihr Kleid ab und lief in der Unterwäsche in die Brandung hinein, zumindest so weit, bis das kühle Wasser ihr bis zu den Waden reichte.

Selbstverständlich wusste sie, dass es unschicklich war, jemand anderem die Leibwäsche zu zeigen, aber dieser ewig lange Aufstieg über die Treppe schrie einfach danach, zuvor die müden Beine in die kühle Ostsee zu stecken, und bei Gott, es war eine wirkliche Wohltat.

Immer wieder blickte Hedwig aber aufmerksam über die Schulter zurück, ob irgendjemand in der Nähe zu entdecken wäre, der sie eventuell so sehen würde, doch es war noch viel zu früh.

Vor Jahren hatte sie bereits einmal einfach aus Übermut den Weg in dieser Anzugsordnung in die Ostsee gewagt, da war sie erst sieben Jahre alt gewesen, doch das Donnerwetter der Mutter danach war dennoch ziemlich deutlich gewesen und würde jetzt vermutlich nur um ein Vielfaches lauter sein, aber es war ja auch nur ein kurzer Ausflug in die erfrischende See, die ihr sogar in den Wellenkämmen momentan noch nicht einmal bis zum Knie reichte.

Gerade wandte sie sich zum Strand, um wieder zu ihrem Kleid zu laufen, als eine unerwartet hohe Welle sie von den Füßen riss. Der Länge nach fiel sie in die See, die an dieser Stelle aber gerade mal so tief war, dass sie völlig durchnässt werden würde, doch die Brandung schlug über ihr zusammen, Hedwig erschrak und schluckte Wasser.

Obwohl es vermutlich das einfachste gewesen wäre, sich hinzuknien und danach aufzustehen, fiel ihr dies nicht ein, sondern sie versuchte gegen die Strömung anzuschwimmen, aber sie war nicht stark genug und mit jedem Schwimmzug entfernte sich das Land immer mehr von ihr.

Ein Sog schien sie erfasst zu haben, und sie geriet in Panik.

Verzweifelt versuchte sie, das Ufer zu erreichen, und schluckte dabei immer mehr Wasser.

Prustend und um sich strampelnd kam sie wiederholt kurz an die Oberfläche, aber es war bereits abzusehen, wann ihre Kräfte auch dafür nicht mehr ausreichen würden.

Urplötzlich war jemand bei ihr, packte ihren Arm und zerrte sie an das Ufer zurück.

Wenig später kniete sie tropfnass und hustend am Strand und würgte das verschluckte Seewasser wieder heraus.

„Geht es dir gut?“, fragte ein Mann neben ihr.

Hedwig konnte nicht antworten, sondern nickte nur hustend, dann blickte sie den Mann an, der in einer nassen Unterhose neben ihr hockte. Ihr Retter war sicher noch keine vierzig, hatte schwarze Haare und einen kleinen Schnurrbart.

„Mädel, du musst vorsichtig sein. Die Strömung ist hier mitunter tückisch!“, erklärte der Mann, schüttelte sich das Wasser vom Körper, nickte ihr zu und nahm seine Kleidung auf.

Noch bevor sie sich bei ihm für die Hilfe bedanken konnte, lief er einfach zur Treppe hinüber.

Sie rappelte sich auf, warf sich eilig das Kleid über die nasse Unterwäsche und folgte ihm zur Treppe, aber noch bevor sie unten angekommen war, war er bereits verschwunden.

Jetzt schlich sie ihm hinterher und beeilte sich dabei trotzdem, damit sie keiner in ihrem nassen Aufzug im Ort sehen würde.

1 Rauschen - (Heute Swetlogorsk), ist eine Stadt und ein Badeort an der samländischen Ostseeküste.

2. Kapitel

Das Ende der Freundschaft?

Der Wecker klingelte, Isolde drehte sich noch halb im Schlaf zu dem Lärmmacher um und schaltete ihn ab. Verschlafen setzte sie sich auf, schob sich die Haare nach hinten und rieb sich den Schlaf gähnend aus den Augen. Wer war bloß auf diese verrückte Idee gekommen, am ersten Urlaubstag einen Wecker zu stellen?

Sie schaute auf das Bett neben sich und brauchte einen Moment, um zu realisieren, dass es leer war, denn Hedwig hatte ihr Kissen so drapiert, dass es auf den ersten Blick so aussehen sollte, als ob sie noch schlafend unter der Bettdecke lag.

„Hedwig?“, fragte Isolde trotzdem laut, aber selbstverständlich bekam sie keine Antwort, denn wenn die Freundin nur kurz auf der Toilette sein würde, war dieser Mumpitz unnötig, also war sie ihr offensichtlich ausgebüxt!

Gerade setzte Isolde die Beine auf den Boden, da öffnete sich vor ihr die Zimmertür und Hedwig schlich gebückt in den Raum.

Erst auf den zweiten Blick bemerkte Isolde die nassen Haare.

„Hedwig Amalia Kaufmann! Junges Fräulein, wo kommen wir den jetzt her?“, blaffte sie die Freundin aufgebracht an.

Sie war hier die Aufpasserin und sollte dann doch zumindest wissen, wo sich Hedwig befand!

„Du klingst schon wie meine Mutter!“, maulte Hedwig herum.

„Ich will wenigstens wissen, wo du bist! Bin ich denn so unausstehlich, dass du dich fortschleichen musst?“, erkundigte sich Isolde immer noch verärgert.

„Ich war nur unten am Strand. Da war es himmlisch!“, entgegnete Hedwig.

Isolde erhob sich von ihrem Bett, trat auf die Freundin zu und hob wortlos eine völlig nasse Haarsträhne hoch, die Hedwig gerade hinter sich zu verbergen suchte.

„Ich wollte nur kurz meine Beine ins Wasser halten und da hat mich eine Welle umgerissen“, gab Hedwig kleinlaut zu und zog sich das Kleid über den Kopf.

„Hat dich jemand so gesehen?“, erkundigte sich Isolde jetzt.

„Nur der Portier unten!“

„Der wird sicher schweigen! Dem spendieren wir dann eine Schokolade. Sonst niemand?“

Hedwig druckste so seltsam herum.

„Was? Raus mit der Sprache?“, setzte Isolde nach.

„Da war noch der Mann, der mich aus dem Wasser gezogen hat!“

„Der was?“, brach es jetzt aus Isolde heraus.

Zögerlich begann Hedwig, die Erlebnisse dieses jungen Tages zu schildern, und mit wachsendem Entsetzen hörte Isolde ihr einfach kopfschüttelnd zu.

„Wenn du noch einmal solch einen Blödsinn machst, dann kündige ich dir meine Freundschaft und überlasse dich Gudrun, dann wirst du schon sehen, was du von solchen Alleingängen hast!“, stieß Isolde verärgert aus, als Hedwig mit ihrer Erklärung endete.

„Bloß nicht Gudrun, dann kann ich auch gleich zu Hause bleiben!“, stöhnte Hedwig auf.

„Ich habe mehr als vier Wochen lang deiner Mutter gegenüber die rechtschaffene und sittsame junge Frau gespielt, habe mich ihr regelrecht angebiedert für dich und kaum sind wir hier, da schmeißt du alles hin und bringst mich damit in Teufels Küche! Ich könnte sofort bei deiner Mutter anrufen, dass es mir nicht so gut geht und dein altes Kindermädchen hier für mich übernimmt! Willst du das wirklich? Soll ich Gudrun herholen?“, fragte sie erbost.

Hedwig schüttelte zaghaft den Kopf.

„Bin ich wirklich so gemein, dass du mich dermaßen hintergehst? Ist dir unsere Freundschaft so wenig wert? Wie würde ich jetzt dastehen, wenn dir etwas geschehen wäre? Ganz von den Schuldgefühlen abgesehen, wenn die Ostsee deinen toten Körper in ein paar Tagen wieder angespült hätte? Kannst du nicht einfach Bescheid sagen?“, polterte Isolde los, denn ihre Wut musste jetzt raus.

Hedwig machte sich immer kleiner.

„Und jetzt raus aus den nassen Sachen, unter die Dusche, und zwar schnell, bevor ich dich ins Bad jage, damit du dir nicht doch noch den Tod holst!“, fuhr sie Hedwig schließlich an.

Wie ein Blitz verschwand die Freundin im Badezimmer und kurz darauf war die Brause zu hören.

Offenbar war Hedwig ziemlich froh, aus ihrer Reichweite zu kommen, aber sie hatte sicherlich nicht den Ernst der Lage verstanden.

Isolde war kurz davor, den Hörer zu nehmen und Hedwigs Mutter zu informieren, aber sie zwang sich zur Ruhe und ließ sich seufzend auf ihr Bett fallen.

Es dauerte eine geraume Weile, bis die Freundin wieder in das Zimmer trat und mehr als kleinlaut sagte: „Es tut mir leid!“

Sie hatte dabei diesen Ausdruck im Gesicht, der wohl jeden Stein erweichen würde. Noch zwang sich Isolde dazu, etwas mürrisch zu sein, obwohl sie es der Freundin in ihrem tiefsten Inneren bereits verziehen hatte.

„Am liebsten würde ich jetzt packen und dich hier wirklich bei Gudrun lassen!“, erklärte sie gespielt ernst und hob demonstrativ den Telefonhörer hoch.

Offenbar wirkte das aber, denn Hedwig stieß aus: „Bloß nicht! Bitte, Isolde, unserer Freundschaft wegen!“

„Eben darum! Oder ist die dir so wenig wert? Du hättest mich doch einfach wecken können und ich wäre sicherlich mit an den Strand gekommen!“, setzte Isolde ihr entgegen und stemmte sich jetzt wieder vom Bett hoch.

„Hat dich eventuell jemand erkannt? Der Mann vielleicht? Ich habe deinem Vater hoch und heilig versprechen müssen, dass du keinen Blödsinn machst. Du weißt, dass da auch meine Anstellung dran hängt! Wenn der Herr Direktor das erfährt, dann macht er mich einen Kopf kürzer, bevor er mich aus seinem Kontor wirft! Gerade habe ich so eine schöne Stelle in seinem Vorzimmer bekommen, und du weißt ja, dass ich auf meine Aussteuer spare! Die Hochzeit mit Fritz soll schon im nächsten Frühjahr sein!“, erklärte sie.

„Nein! Mich hat sicherlich keiner erkannt! Ich war in der Unterwäsche, tropfnass und mein Haar sah wie ein Vogelnest aus. Nicht mal meine Mutter hätte mich so erkannt!“, gab Hedwig ihr zurück.

„Na fein! Wenigstens etwas. Ich gehe jetzt ins Bad und dann machen wir uns zum Frühstück auf, aber warte hier auf mich!“, entgegnete sie.

Hedwig nickte und suchte ihre Wäsche aus dem Kleiderschrank.

Immer noch kopfschüttelnd ging Isolde ins Bad und machte sich für einen Tag am Strand schick.

Der erste Urlaubstag sollte doch anständig weitergehen, wenn er schon fast mit einer Tragödie begonnen hätte, und als sie das Zimmer wieder betrat, stand Hedwig in ihrer wundervollsten Robe vor dem Schrank.

„Willst du so auf die Straße?“, fragte sie zweifelnd nach.

„Ja. Warum nicht?“, antwortete Hedwig und drehte sich vor dem Spiegel.

3. Kapitel

Vertauschte Rollen

Kopfschüttelnd stand Isolde vor ihr und warf danach das Handtuch aufs Bett, bevor sie zu ihrem Schrank ging.

„Hast du nichts Dezentes für den Urlaub?“, fragte sie von dort aus.

„Nein. Nur so was hier und mein anderes Kleid, aber das ist noch etwas feucht“, entgegnete sie und zeigte auf ihr Straßenkleid, das auf einem Bügel zum Trocknen hing.

„Du siehst aus wie die Kronprinzessin Cecilie von Preußen! Glaubst du nicht, dass der Mann eventuell eins und eins zusammenzählen kann, wenn er dich jetzt so auf der Straße sieht? Selbst wenn er dich heute Morgen noch nicht erkannt hat!“, erklärte Isolde und zog die Stirn kraus.

„Meinst du?“, fragte sie nach und strich sich das Kleid glatt.

„War da nicht letztens so ein Foto von dir in diesem Kleid in der Zeitung? Du weißt schon, als dein Vater diese Gala in Königsberg gegeben hat. Also wenn der Mann von heute Morgen das Bild gesehen hat und dich so wiedererkennt, dann Gnade uns beiden Gott!“

Das war gut möglich, denn die Illustrierten berichteten oft über Vaters Empfänge und als gute Tochter des Hauses hatte man da lächelnd daneben zu stehen und wenn der Mann da wirklich einen Zusammenhang zwischen dem Bild, ihrem Bad in der See und ihrem Auftauchen in diesem Kleid in Rauschen am heutigen Tage zog, dann war eventuelle wirklich im Hause Kaufmann der Teufel los.

„Wenn dein Vater das von heute früh irgendwie mitbekommt, dann kostet mich das diese wundervolle Anstellung! Und du weißt doch, dass ich auf meine Aussteuer spare!“, setzte Isolde nach.

„Was soll ich denn machen? Warten, bis das andere Kleid wieder trocken ist? Oder schnell ein neues kaufen?“, seufzte Hedwig und blickte in ihren Schrank.

„Junges Fräulein! Das hättest du dir überlegen sollen, bevor du in die Ostsee springst!“, entgegnete Isolde und deren drohend erhobener Zeigefinger war genau die Geste, mit der Gudrun sie jedes Mal in der herrschaftlichen Küche ermahnte, doch dabei konnte man nicht ernst bleiben und so lachten sie beide herzhaft darüber.

„Aber was machen wir jetzt?“, erkundigte sich Isolde schließlich, denn sie wollte sicherlich endlich zum Frühstück hinunter in den Saal gehen.

„Ich könnte doch was von dir anziehen. Wir haben beide dieselbe Größe und da passt mir sicherlich etwas!“, erklärte sie und trat an den Schrank der Freundin.

„Und was ziehe ich dann an?“, erwiderte Isolde und schob die Tür weiter auf.

In deren Kleiderschrank hing nicht wirklich viel drin.

„Nimm was von mir! Wir tauschen einfach mal die Rollen! Ich bin die freche und vorlaute Zofe und du die feine Dame!“

„Wieso bin ich frech und vorlaut?“, platzte es aus Isolde heraus und sie stützte dabei wütend die Hände in die Hüften, doch das sah im Unterkleid wirklich zum Schießen aus und sie verkniff sich nur mit Mühe das Lachen.

„Nein, nicht du, aber die freche und vorlaute Zofe könnte sich doch heimlich in der Nacht ein Kleid der Frau Gräfin stibitzt haben, um damit zum Strand zu gehen?“, erklärte sie ihren Einfall.

„Das ist gar keine so dumme Idee!“, erwiderte Isolde und kam zu ihrem Schrank herüber.

„Damit könnten wir trotzdem unseren Urlaub machen und keiner erkennt dich dann“, setzte Isolde noch hinzu, als sie das erste Kleid aus dem Schrank zog und sich anhielt.

„Hoheit“, entgegnete sie und machte einen höfischen Knicks vor Isolde.

„Also tauschen wir für die nächsten paar Wochen die Rollen! Ich bin ab sofort Hedwig Krämer und du bist Isolde, Gräfin von und zu Jägerhof!“

„Isolde Jäger gefiel mir bisher besser. Zumindest bis ins nächste Frühjahr, aber so wird uns eventuell wirklich keiner erkennen und wenn doch, dann habe ich wenigstens die letzten Wochen meines Lebens noch mal so richtig Spaß gehabt!“, entgegnete Isolde.

„Abgemacht“, antwortete Hedwig und hielt der Freundin die Hand hin.

Isolde schlug lachend ein und sie tauschten die Schränke.

„Dann muss mir jetzt die vorlaute und freche Zofe auch meine Unterwäsche wieder herausrücken!“

„Wirklich?“, fragte Hedwig und zog Isoldes Leibwäsche aus dem Schrank.

Isolde nickte schmunzelnd.

Zwei Minuten später stand jede von ihnen beiden nackt vor dem Schrank der jeweils anderen und begann sich neu einzukleiden.

„Warum ist denn deine Unterwäsche so ein kratziges Leinen?“

„Und warum ist deine Unterhose so eine seidige Seide?“, entgegnete Isolde grinsend, dann setzte sie hinzu: „Hatte ich dir gegenüber schon erwähnt, dass ich für meine Aussteuer spare?“

„Ja! Mehrmals!“, seufzte Hedwig und schickte sich in ihre neue Rolle.

Nach der Kleidung kam die Frisur und es war irgendwie komplizierter, aus ihrer fuchsroten Mähne einen normalen Zopf zu flechten, als aus Isoldes schwarzer Lockenpracht eine herrschaftliche Hochsteckfrisur zu zaubern, die danach sowieso unter dem großen Hut verschwand, während sie sich Isoldes Kappe mit zwei Haarnadeln auf dem Kopf befestigte.

„Ich sehe aus, wie eine graue Maus!“, ächzte sie zum Schluss, als sie sich in der Kombination der Freundin vor dem Spiegel drehte.

„Aber so würde dich noch nicht mal Elfriede erkennen!“, äußerte Isolde und wedelte sich mit dem Fächer Frischluft zu.

Das mochte wohl stimmen, und dabei war Elfriede ihre zweitbeste Freundin und die Verlobte ihres älteren Bruders Arthur.

„Als meine Zofe werde ich dich aber Hedi rufen. Das klingt besser als Hedwig!“

„Frau Gräfin, erlaubt, dass ich euch zu eurem Tisch geleite“, erklärte sie und machte wieder einen Knicks.

„Erlaubnis ereilt“, entgegnete eine ziemlich hochnäsige Gräfin und sie beide mussten noch einmal tüchtig darüber lachen, bevor sie in den Gang traten.

Jetzt hatte die Zofe ihren Platz zwei Schritte hinter der Frau Gräfin.

Ihre Rolle war irgendwie komplizierter als die von Isolde, denn die Freundin wartete sogar darauf, dass sie ihr den Stuhl zurechtschob. Isolde konnte auf verschrobene Gräfin machen und kopierte wohl gerade die Bewegungen von irgendeiner prominenten Dame, aber mit der Maßgabe, dass auch die Zofe etwas frech und aufsässig war, konnte sie sich auch einigermaßen arrangieren.

Der Urlaub würde dennoch sicherlich sehr schön werden und vielleicht war dieser Rollentausch gerade jetzt erst dazu die Chance, denn als anständige Tochter aus hohem Hause war man doch ständig irgendwo unter der Beobachtung.

Als die graue Maus, die sie augenblicklich war, konnte sie überall unbemerkt hindurchschlüpfen und wenn ihr doch mal ein Glas zu Boden fiel, dann stand das nicht am nächsten Morgen in der Königsberger Allgemeinen auf der Seite 1!

4. Kapitel

Eis, Wasser und Schaumwein

Nicht ganz passend zu ihren Rollen schlenderten sie nebeneinander über die Straße. Sie hatte sich Hedwigs breitkrempigen Hut aufgesetzt und dazu im Hotel auch noch einen Sonnenschirm gegriffen, denn in den vornehmen Kreisen war eine edle Blässe angesagt.

Es galt als elegant, wenn man wie eine frisch gekalkte Häuserwand aussah, wozu auch immer man dazu an die See fahren musste.

Der ganze Rollentausch hatte schon jetzt sein Gutes, denn durch die kleine Kappe bekam Hedwig neben ihr wenigstens etwas Sonne ab und damit auch Farbe ins Gesicht, wobei die Freundin bereits die ganze Zeit darüber maulte, dass sie wohl zuerst einen Sonnenbrand haben würde.

Vermutlich war das so, denn Hedwig hatte eine ganz besonders helle Haut mit vielen kleinen Sommersprossen auf ihrer Stupsnase unter einem jetzt ziemlich frechen roten Fransenpony.

Dieser Urlaub war echt eine Wucht, einzig Hedwigs Stiefelchen machten ihr momentan das Leben schwer und sie war jetzt schon froh, wenn sie die Dinger dann irgendwann mal wieder ausziehen konnte. Ihre eigenen Schuhe waren flach, diese hier hatten hohe Absätze, mit denen das Laufen für sie nicht so einfach war.

Ein wenig konnte sie die Freundin gerade verstehen, die nach all den Stufen abwärts in diesen Stiefeletten erst mal die Füße zur Abkühlung in die Ostsee stecken musste, doch zum Glück fuhr jetzt die Bahn zum Strand hinab und wieder herauf!

Für die erste Woche im Mai war es schon ganz schön warm hier und eventuell wäre es unten am Wasser erträglicher, aber das kam dann nach dem Mittag.

Momentan war es Zeit zum Flanieren und Bummeln. Die gehobene Klasse flanierte, der Rest bummelte und beides war hier zu sehen.

Vornehme Damen in den schönsten Kleidern kamen ihnen entgegen.

Und auch irgendwelche einfachen Frauen aus der Stadt, die so wie sie selbst waren und nur mal kurz raus an die See gefahren waren, um an einem Freitag unten in die Fluten zu springen.

Vom Bahnhof aus zogen sie lachend durch die Gassen und liefen natürlich die Treppe hinab, um das Fahrgeld zu sparen, mit dem sie sich dann lieber irgendwo unten ein Eis kaufen würden, aber die hatten ja auch bequeme Schuhe an.

Irgendwie trauerte sie gerade ihren eigenen Halbschuhen nach, die Hedwig jetzt neben ihr spazieren führte.

„Lass uns doch da drüben in dem Café ein Eis essen“, schlug sie der Freundin vor und merkte dabei, dass sie schon wieder aus der gewählten Rolle fiel, denn eine Gräfin hätte nicht gefragt, sondern sich einfach nur gesetzt. Sie würden wohl beide noch etwas üben müssen, aber zum Glück stimmte Hedwig sofort zu.

Nur zwei Minuten später saßen sie unter einem schönen breiten Sonnenschirm in zwei gemütlichen Korbsesseln und sahen von dort aus dem Treiben auf der Straße zu.

Es war zwar nicht wirklich ein Restaurant für die gehobenen Kreise, aber ihre Füße hatten diese Rast jetzt dringend gebraucht!

„Du, das ist er!“, flüsterte Hedwig ihr plötzlich zu.

„Wer?“

„Der Kellner da war der Mann, der mich aus dem Wasser gezogen hat!“, erklärte die Freundin und zeigte auf einen wirklich gutaussehenden Mann mittleren Alters, der zwei Tische weiter gerade eine Bestellung aufnahm.

„Was meinst du? Wird er dich wiedererkennen? Oder sollen wir lieber zuvor was sagen?“, fragte sie die Freundin hinter vorgehaltenem Fächer.

Hedwig zuckte nur mit den Schultern.

Isolde seufzte und rief: „Junger Mann“, obwohl der Kellner sicher mehr als zehn Jahre älter als sie war.

Erwartungsgemäß kam er an ihren Tisch.

„Ich möchte ihnen danken, dass sie meine nutzlose Zofe heute Morgen aus der See gezogen haben“, erklärte sie sofort, bevor der Mann etwas sagen konnte.

Er stutzte, blickte Hedwig jetzt sorgfältig an und es dauerte einen Moment, bis er sie erkannte. Wie viele Frauen hatte er wohl an diesem Tage schon aus der See gezogen?

„Keine Ursache. Was kann ich ihnen bringen?“, fragte er.

Sie bestellte zwei Tassen Kaffee sowie zwei große Eisbecher, und er verschwand in dem Restaurant.

„Der hätte mich womöglich nicht wiedererkannt“, flüsterte Hedwig.

Jetzt zuckte Isolde mit den Schultern, nahm die Bestellung entgegen und drückte dem Mann danach drei glänzende fünf Markmünzen aus Hedwigs Geldbörse in die Hand.

„Das kann ich nicht annehmen“, erklärte er.

„Ich bestehe darauf! Eine neue Zofe hätte mich mehr gekostet!“, entgegnete sie möglichst arrogant und nippte an dem wirklich vorzüglichen Kaffee.

Das Eis war ebenfalls köstlich und als sie dann wieder aufbrachen, erblickte Hedwig an einem der Anzeigebretter die Werbung einer Bar, welche die Freundin unbedingt besuchen wollte.

Da sie ja sowieso als etwas verschroben gelten wollte, willigte sie schließlich einfach ein.

Damit würde es am Abend vielleicht Champagner und einen kleinen Tanz geben. Charleston vielleicht, auch wenn das hier nicht das goldene Berlin war.

Einige Häuser weiter konnte man die Auslage eines Geschäftes für exquisite Bademode bewundern. Da gab es diese modischen und etwas kürzeren Anzüge aus leichtem Baumwoll-Jersey mit ziemlich kurzen Hosen!

„Wir sollten uns so was holen und nicht das Zeug tragen, was uns deine Mutter eingepackt hat“, erklärte sie.

„Ich war aber heute schon im Wasser!“

„Ja, allerdings noch nicht unter kontrollierten und überwachten Umständen! Los jetzt“, trieb sie die Freundin an und zog Hedwig einfach hinter sich her in den Laden.

Mit der gekauften Bademode in zwei Beuteln brachte die Bahn sie auch schon wenig später zum Strand hinab.

In einem Gebäude zogen sie sich um, danach konnte sie die Gräfin einfach Gräfin sein lassen und sich mit Hedwig ausgelassen am Damenbadestand in die zugegeben kühlen Fluten stürzen.

Die Abkühlung tat dennoch gut, aber es dauerte eine Weile, bis sich auch Hedwig in das etwas mehr wie hüfttiefe Wasser wagte, doch dann siegte die Neugier.

Wie die beiden jungen Frauen, die sie ja auch waren, tollten sie einfach durch die Brandung und es war wirklich erfrischend und angenehm.

Zwischendurch saßen sie zum Aufwärmen in einem der Strandkörbe in der Sonne oder ließen sich ein Eis bringen.

Eine der Damen in der Nähe hatte ein Koffergrammofon dabei, und die Musik war schon mal eine Einstimmung auf den bald folgenden Abend.

Herrlich war es hier am Meer, so hatte sie sich den Urlaub wirklich vorgestellt und das würde sie sich durch nichts verderben lassen.

Am späten Nachmittag zogen sie sich in das Haus zurück, kleideten sich um und fuhren für ihr Abendessen nach oben.

Jetzt galt es, sich für den zu erwartenden Abend mit Tanz und Sekt eine entsprechende Grundlage zu schaffen. Leichte Kost war angesagt und auch die gab es natürlich in ihrem Hotel.

5. Kapitel

Rauschen(de) Feste

Entgegen ihrer Befürchtungen war der zweite Ausflug ins Wasser für sie an diesem Tage wirklich sehr schön gewesen. Im Rückblick darauf kam sie sich so unendlich dumm vor, denn sie hätte am Morgen einfach aufstehen und zum Strand laufen sollen, statt zu versuchen, entgegen der Strömung mit der Ostsee um die Wette schwimmen zu wollen.

Die Gesellschaft unten an der See war gut gewesen und die Stimmung ausgelassen. In den Standkörben neben ihnen hatten andere junge Frauen in ihrem Alter gesessen und nur die Qualität der Kleidung unterschied sie voneinander. Die Schwimmdresse der anderen Frauen hatten sich diese sicherlich selbst genäht.

Jetzt kamen dann der Abend und der damit verbundene Tanz.

Das Umziehen und dafür fertig machen ging bei ihr ganz schnell, Frau Gräfin brauchte entsprechend mehr Zeit für sich.

Mühsam zwängte sich Isolde in das Korsett und sagte dann: „Schnüre das mal richtig gut zu!“

„Du brauchst das nicht so eng zu tragen. Bei dir ist doch alles noch straff und fest. Ich trage das Mieder nie so straff, denn ich will ja darin noch Platz zum Atmen haben!“

„Zieh einfach!“, antwortete Isolde und hielt die Luft an.

Ganz die gehorsame Zofe zerrte sie an der Schnur, bis es nicht mehr weiter ging, das Ergebnis sah dann allerdings doch sehr ansprechend aus, aber auch ziemlich schmerzhaft.

Die mit vielen hundert Perlen bestickte Robe schmiegte sich dann einfach perfekt darüber. Sie hatten wirklich dieselbe Größe, wodurch das auf Maß gefertigte Gewand wirklich fließend anlag, als hätte Isolde sich vor ein paar Wochen stundenlang damit herumgequält und nicht sie.

„Meinst du nicht, du bist mit diesem Kleid da etwas zu auffällig? Ich habe das zum Galaempfang des Bürgermeisters getragen, da passt das hin, aber hier? Zum Tanz?“, bemerkte Hedwig und blickte über Isoldes Schulter und den Spiegel in deren Gesicht.

„Wir hätten uns heute Nachmittag ganz normale Ausgehsachen kaufen sollen, als wir vom Strand zurückgekommen sind“, seufzte Isolde und zuckte mit den Schultern.

„Das machen wir am Montag, wenn die Läden wieder offen haben. Da fallen wir danach beide in der Menge nicht mehr auf und Frau Gräfin reist dann einfach inkognito“, erklärte Hedwig und legte der Freundin jetzt zwecks Vollständigkeit auch noch den passenden Halsschmuck um.

„Aber nur geborgt und pass bloß darauf auf! Meine Mutter bringt mich sonst um, wenn der Kette was passiert!“, setzte sie noch als Drohung für die Freundin hinzu.

Wenig später brachen sie auf und stürzten sich in das abendliche Gewimmel, wobei sich die meisten Badegäste schon längst auf dem Heimweg befanden und nur noch ein paar Feierwütige in der beginnenden Dämmerung unterwegs waren.

Der Weg bis zu dem Tanzcafé war auch nicht weit, und der Einlass sprang fast zur Seite, als Isolde sich nach vorn schob.

Schließlich waren sie drin und jetzt zog sich die Zofe standesgemäß zurück.

Obwohl sie eigentlich tanzen wollte, war es auch mal ganz angenehm, so aus der Ferne das zu beobachten, wo sie sonst mitten drin steckte, denn einige der anderen feinen Damen waren wohl auch gerade in Feierlaune.

Die graue Maus wurde nicht beachtet und nur zwei andere Dienstmädchen standen gelangweilt an einem Nebentisch.

Um nicht aufzufallen, schob sie sich lieber etwas von ihnen fort, denn mit ihrer Sprache und den Gesten würde sie bei der Dienerschaft eher auffallen als Isolde unter den höheren Gästen.

Die Musik war nicht zu laut, aber Frau Gräfin ließ es vorn erst mal ordentlich krachen. Zumindest flog der erste Korken schon mal mit einem Knall durch den Raum, wobei man den Champagner doch eigentlich leise öffnen sollte.

Vermutlich hatte Isolde noch nie eine Flasche selbst geöffnet und sie an ihrer Stelle hätte das lieber den Barmann machen lassen.

Seufzend lehnte sie sich mit dem Rücken an eine Säule und überblickte den Raum. Sie stand im Dunkeln und schaute auf die im Licht vor sich.

Als stille und heimliche Beobachterin, die sie somit war, entging ihr nichts von dem, was da vorn passierte.

Sonst war sie immer vom Scheinwerferlicht geblendet, doch das Schauspiel da vor ihr gab ihr im Moment ziemlich zu denken.

Allerdings nicht so sehr Isoldes absurdes Verhalten, sondern das der anderen feinen Damen, die es, offensichtlich wieder besserer Kenntnis, der unwissenden Freundin nachmachen wollten und das wohl auch noch für schick und angesagt hielten.

Kopfschüttelnd sah sie einfach nur diesem absurden Schauspiel zu.

Etwa eine Stunde später sprach sie jemand aus der Dunkelheit an: „Wieder Kaffee mit viel Milch und zwei Stück Zucker?“

Sie zuckte herum und brauchte einen Moment, bis sie den Mann bemerkt hatte. Der Kellner vom Vormittag war wohl auch hier als Bedienung beschäftigt.

„Gern, danke“, erklärte sie.

Er nickte, machte eine galante Verbeugung und verschwand rückwärts in der Finsternis des Raumes.

Es dauerte keine zwei Minuten, da tauchte er allerdings auch schon wieder auf und stellte die Tasse vor ihr hin. Die war bestimmt schon zuvor vorbereitet gewesen.

Dankbar nahm sie den ersten Schluck und der Mann blieb in ihrer Nähe stehen. Wollte er noch einen Wunsch von ihr entgegennehmen?

Fragend blickte sie ihn an, was er wohl als Einladung auffasste und näher trat.

„Deine Gräfin feiert aber ganz schön“, stellte er fest.

Dem war ganz offensichtlich so, denn Gräfin von und zu Jägerhof öffnete gerade die dritte Flasche, und zwar immer noch eigenhändig!

„Draußen ist so ein schöner und lauer Maiabend. Ich habe jetzt Feierabend, möchtest du nicht mit mir zusammen einen kleinen Spaziergang machen?“, fragte er sie unumwunden.

„Als anständiges Fräulein mit einem mir unbekannten Mann?“, entgegnete sie keck.

„Karl Josef Merkel“, erwiderte er, machte nochmals eine leichte Verbeugung und schlug dabei die Hacken zusammen.

„Jetzt bin ich nicht mehr unbekannt“, setzte er noch hinzu und sie konnte sein Schmunzeln trotz der Finsternis sehen.

„Hedi Krämer, eigentlich Hedwig“, gab sie ihm zurück und reichte ihm die Hand.

„Wollen wir dann?“, erkundigte er sich und zeigte zum Ausgang hinüber.

Sie nickte und machte sich auf den Weg, die feierwütige Gräfin blieb hinter ihr im Raum zurück.

Als sie das Gebäude verließ, blieb auch der Lärm der Party dort zurück. Es war schon spät und ein schmaler Sichelmond hing vor ihr am Himmel über dem Ort.

Nebeneinander schlenderten sie durch die Gassen, in denen noch ein paar Menschen unterwegs waren, aber bei Weitem nicht mehr so viele wie in den Stunden zuvor.

Sie erzählten sich gegenseitig belanglose Dinge, um die Konversation am Laufen zu halten. Dabei wollte sie doch eigentlich lieber diese Ruhe in sich aufnehmen und über das soeben beobachtete nachdenken.

Irgendwann saßen sie dann schweigend nebeneinander auf einer Bank und irgendwo hinter ihnen säuselte leise der Wind in den Blättern einiger Bäume.

Sie blickten auf das Meer hinab, das unter ihnen nur ein wenig heller war, wie der Rest dieser Nacht, und dieser Anblick machte sie wirklich sprachlos. Schöner ging es gar nicht mehr und ein Maler hätte für dieses Bild sicherlich jeden Preis verlangen können.

Als dann eine Uhr im Ort Mitternacht schlug, sprang sie auf, entschuldigte sich bei dem Mann und rannte zum Hotel zurück.

Die Bar schloss, Isolde musste jetzt gleich heimkommen und sie würde die kostbare Kette prüfen müssen.

6. Kapitel

Gedanken in der Nacht

Sie lief in die Dunkelheit und Karl blickte ihr noch eine ganze Weile hinterher. Selbst als er sie schon lange nicht mehr sehen oder hören konnte, behielt er dennoch den Blick in derselben Richtung, als erwartete er, dass sie eventuell zu ihm zurückkam, aber das würde wohl nicht so sein.

Er saß auf der Bank am Rande des kleinen Wäldchens auf der Düne und dachte an diesen verrückten Freitag zurück, der mit Hedi begonnen und soeben auch mit ihr geendet hatte.

Etwas im Verhalten der Frau war seltsam, aber er wusste nicht, was es war. Da war nur so eine seltsame Ahnung in ihm, dass sie etwas verbarg.

In diesem Seebad traf er jeden Tag Unmengen von Leuten, denn das blieb nicht aus, wenn man hier als Kellner arbeitete, und für diese Tätigkeit brauchte man Menschenkenntnis. Über die Jahre hatte er ein Gespür dafür bekommen, wo eventuell ein gutes Trinkgeld heraussprang und wie man es bekam. Bei manchen musste er freundlich auftreten, andere mochten es mehr steif und förmlich.

Oft musste er in Sekundenbruchteilen eine Entscheidung treffen, die dann einen erheblichen Einfluss auf die Höhe des Trinkgeldes hatte, aber bei Hedi versagten alle seine vorgefassten Muster. Sie fiel durch alle hindurch und das machte ihn so ungemein neugierig darauf, was sich da für ein Mensch hinter dieser offensichtlich zur Schau gestellten Maske verbarg.

Diese Gräfin jedenfalls, mit der sie zusammen hier war, benahm sich mehr als verrückt, aber in der Oberschicht galt das fast als normal.

Er traf hier mitunter die seltsamsten Gestalten: Dichter, Musiker, Schauspieler und Prominente, und da fiel ihm immer wieder auf, dass sich beinahe alle ziemlich verschroben benahmen, aber bei den normalen Menschen, die hier einfach nur Entspannung suchten, war das kaum zu beobachten.

Die Mädels aus dem Kontor in der Großstadt wollten hier nur in ihrer Freizeit Spaß haben, sie sorgten sich nicht darum, wie sie auf andere wirkten, doch Hedi hob sich auch davon deutlich ab.

Möglicherweise lag das an dem Umgang mit ihrer Herrin, das färbte manchmal ab, allerdings war ihre Gegenwart für ihn dennoch sehr angenehm gewesen.

Er hatte zwar nicht viel mit ihr reden können, doch er hatte ihre Gesten und Bewegungen in der Bar aus der Dunkelheit beobachtet. Da lag so eine gewisse Eleganz darin und auch ihre Sprache war eher die einer gebildeten Frau und nicht einer Arbeiterin in einem Lagerhaus.

Sie war zumindest am Anfang ihres Urlaubes und das würde ihm noch etwas Zeit dafür geben, hinter ihr Geheimnis zu kommen.

Eventuell war sie die Tochter einer angesehenen Familie, die durch einen Schicksalsschlag darauf angewiesen war, sich bei der Frau Gräfin als Zofe und Unterhalterin durchzubringen, aber das konnte er vielleicht in den nächsten Tagen noch aus ihr herauskitzeln.

Zumindest war es jetzt Mitternacht und damit begann der Samstag. Karl erhob sich von seiner Bank und schlenderte auf dem schmalen Weg zum oberen Ende der langen Treppe, die ihn zu seinem Schlafplatz hinab führen würde, doch bei jedem Schritt hatte er wieder ihr Bild im Kopf, wie er sie am Morgen aus der See gezogen hatte, und auch da passte vieles nicht.

Mitunter schliefen irgendwelche Mädchen in der Nacht auf einer Bank und sprangen dann früh einfach in die Ostsee, um sich zu waschen, aber die meisten davon taten dies an versteckten Stellen in der Morgendämmerung und einfach nackt. Keine von ihnen wäre so verrückt gewesen, in der Unterwäsche in die Ostsee zu steigen.

Eine Stufe nach der anderen ging er hinunter, bis er auf der unteren Plattform angekommen war, auf der er sich im Anbau eines der Strandcafés ein Zimmer mit seinem Freund Isaak teilte, der sicher in ein paar Minuten ebenfalls hier eintreffen würde.

Für einen Moment stand er noch an der Brüstung, schaute in die See und lauschte auf das Rauschen der Brandung, das man nur in der Nacht von hier aus so deutlich hören konnte, denn tagsüber war dieser Platz voller Menschen, die hier Eis aßen, von Kindern, die herumtobten, oder von badewütigen Mädchen, die noch nicht wussten, ob sie nach links zum Damenstrand sollten, oder doch lieber noch nach rechts, zum Familienbad.

Hinter ihm waren Schritte zu hören, und aus der Dunkelheit heraus trat sein Freund neben ihn.

„Also diese Gräfin war schon sehr eigenartig, aber sie hat mir fünf Mark Trinkgeld gegeben, als ich ihr in die Kutsche geholfen habe. Fünf Mark!“, erzählte Isaak.

„Mir hat sie heute Vormittag fünfzehn gegeben! Das macht zusammen zwanzig oder zehn für jeden!“

„Da wird sich Sarah freuen. Die kommt in ein paar Stunden mit dem Zug an und da kann ich ihr davon einen schönen großen Eisbecher spendieren!“, erklärte Isaak.

„Oder auch zwei“, gab Karl dem Freund zurück.

Sarah war Isaaks Frau und kam manchmal am Wochenende hierher zu Besuch.

„Da räume ich dann mal morgen Abend mein Bett für euch beide. Zu dritt wird es sonst zu eng da drin“, erklärte er und sie gingen zusammen zu dem Anbau hinüber, in dem im Winter die Gartentische standen und sie im Sommer schlafen konnten, auf nur knapp acht Quadratmetern Platz, aber sie durften kostenlos darin wohnen.

Schnell wuschen sie sich nacheinander in der Schüssel, rollten sich auf der Pritsche zusammen und er stellte den Wecker.

Der nächste Tag begann schon bald und sie würden dann nur bis zum Mittag arbeiten. Eventuell traf er dabei Hedi wieder und konnte dann mit seiner Analyse fortfahren oder das nette Treffen bei Tageslicht fortsetzen.

Während Isaak neben ihm bereits schnarchte, und vermutlich von seiner Sarah träumte, kam er aber nicht in den Schlaf, weil unzählige Gedanken durch seinen Kopf kreisten und alle hatten irgendwie mit Hedi zu tun.

Leise erhob er sich schließlich, ging vor den Schuppen und lehnte sich erneut an die Brüstung der Promenade, um auf andere Gedanken zu kommen.

In ein paar Stunden wäre das hier alles voller Menschen, denn auch der nächste Tag versprach ein schöner zu werden. Zumal es auch noch das erste Wochenende im Mai war. Er selbst war erst seit dieser Woche hier, um die Saison zusammen mit seinem Freund zu begleiten.

Vier Monate im Sommer arbeitete er hier, mit denen er dann den Rest des Jahres gut über die Runden kam. Im Winter wäre es in dem zugigen Anbau des Restaurants vermutlich nicht auszuhalten, zumal dann die ganzen Möbel darin verstaut waren, die momentan neben ihm aufgebaut standen.

Der Wind frischte deutlich auf, die Wellen brachen sich an den Steinen vor der Plattform und die weißen Schaumkronen waren auch in der Finsternis gut zu sehen.

Wäre Hedi bei solch einem Seegang ins Wasser gegangen, so hätte er sie vermutlich nicht mehr retten können.

Und schon wieder waren seine Gedanken bei ihr.

7. Kapitel

Vom Segen, eine Maus zu sein

Der Wecker holte Hedwig aus dem Schlaf und beendete kurz darauf sein Leben an der gegenüberliegenden Zimmerwand. Im Reflex hatte Isolde den Krachmacher geworfen und murmelte danach irgendetwas Unverständliches.

Hedwig setzte sich in ihrem Bett auf, streckte sich ausgiebig und blickte dabei aus dem Fenster auf den kleinen Park, den sie vor sich sehen konnte. Dahinter befand sich jene Bank und von der aus führte ein sehr langer Weg ohne Treppe zum Strand hinab, wie sie am Abend zuvor von Karl erfahren hatte.

Kurz nach Mitternacht war sie in ihr Bett gekommen. Das wäre zwar in der Stadt noch keine normale Schlafenszeit für sie gewesen, aber die Luft hier am Meer hatte irgendetwas anderes, was wohl schläfrig machte, denn sie war sofort eingeschlafen, als sie in ihr Bett gefallen war.

Allerdings erst, nachdem sie sorgsam die Kette geprüft und im Tresor verwahrt hatte. Zum Glück war dem kostbaren Stück nichts geschehen, denn die Mutter hätte sofort festgestellt, wenn es an dem Erbstück ihrer Großmutter auch nur den kleinsten Mangel gegeben hätte.

Ächzend setzte sich Isolde neben ihr auf, griff sich mit beiden Händen an den Kopf und murmelte: „Wer hat eigentlich behauptet, dass man von Champagner keinen Kater bekommt?“

„Ich habe noch nie einen davon gehabt, aber es kommt wohl auch dabei auf die Dosis an“, entgegnete sie der Freundin.

„Wie viele Gläser hattest du denn?“, setzte sie noch fragend hinzu, während sie sich aus dem Bett erhob.

„Gläser? Flaschen!“, stöhnte Isolde und ließ sich zurück auf ihr Bett fallen.

Mit ihr war damit heute vermutlich erst mal nicht viel anzufangen, aber sollte sie daher wirklich hier bleiben und damit diesen schönen Tag verschwenden, der sich gegenwärtig so verführerisch vor ihrem Fenster zeigte?

Vorsichtshalber fragte sie: „Willst du dann mit an den Strand kommen?“

Isolde winkte ab und entgegnete nur: „Komme einfach lebend zurück und zieh die Vorhänge bitte zu, wenn du gehst!“

Damit war alles geklärt, Hedwig lief ins Bad, machte sich frisch und war wenig später auf dem Weg nach unten, wo das Frühstück bereits auf sie wartete.

Diese einfache Kleidung der Freundin hatte eine Menge Vorteile, und der wichtigste davon war wohl, dass man ziemlich schnell mit dem Ankleiden fertig war. Das Kratzen der Unterwäsche auf der Haut war allerdings einer der Nachteile!

Warum hatte Isolde eigentlich darauf bestanden, dass sie auch die Unterwäsche tauschen sollten? Die sah doch sowieso keiner, wenn sie nicht gerade mal wieder versuchte, in Mieder und Schlüpfer in der Ostsee zu schwimmen.

Es war so gegen 10 Uhr an einem Samstag, als sie sich mit ein paar großen Münzen in der Tasche in das Leben auf der Promenade schob.

So als unbeachtete Beobachterin schlenderte sie über den breiten Weg und sah in den Auslagen, dass sie dort am Montag sicherlich auch noch Wäsche für Isolde bekam und sie dann im gleichen Modestil durch die Gegend laufen konnten.

Der Strom der Menschen zog ihr entgegen nach Norden, wo jetzt alle hin wollten, denn man fuhr ja nicht an die Ostsee, um dann nichts vom Meer zu haben. Gruppen von kichernden jungen Frauen sah sie, einzelne Männer, Paare mit Kindern und alle walzten zur See.

An den Seiten luden immer wieder kleine Cafés zum Verweilen, Schlemmen und Verschnaufen ein.

Obwohl sie erst kurz zuvor vom Frühstück aufgestanden war, verführte sie der Anblick dieser Eisbecher schließlich dazu, sich an einen dieser Tische zu setzen.

„Hallo Hedi, wieder Kaffee mit Milch und zwei Stück Zucker?“, hörte sie eine ihr bereits wohlbekannte Stimme von hinten fragen.

Ohne es gewollt zu haben, saß sie wieder an dem Tisch, an welchem sie am Tage zuvor bereits mit Isolde so einen leckeren Eisbecher gegessen hatte.

Sie drehte sich zurück, blickte über die Schulter, nickte lächelnd und Karl eilte in den Raum hinein.

Wenig später hatte sie ihren Kaffee und der Eisbecher war auch bestellt.

Entspannt lehnte sie sich in ihrem Korbsessel zurück, blinzelte in die Sonne und genoss es einfach, dass nicht ständig irgendwelche Leute um sie herum waren, die irgendetwas von ihr wollten, wie es in Königsberg leider Gottes viel zu oft der Fall war.

Anonymität hatte auch etwas Gutes und daran könnte sie sich bestimmt gewöhnen.

„Das ist mein Mittag“, äußerte sie, wie eine Entschuldigung, zu Karl, als dieser den Becher mit den gefrorenen Erdbeeren und Vanilleeis vor ihr auf dem Tisch abstellte.

„Ich habe in einer halben Stunde Feierabend. Möchtest du dann mit nach unten an den Strand kommen?“, fragte Karl.

Mit der ersten Portion des köstlichen Eis im Mund nickte sie nur und genoss diesen Geschmack.

Der Becher leerte sich einen Löffel nach dem anderen, als ein Pärchen sich in die Nähe des Tisches schob und umsah, ob noch irgendwo ein Platz frei war. Sie winkte den beiden zu und zeigte auf die Plätze an ihrem Tisch. Lächelnd setzte sich die junge Frau zu ihr.

„Danke schön“, sagte sie mit einer wundervollen und melodisch klingenden Stimme.

Der Mann verschwand im Restaurant und kam wenig später mit Karl zusammen zurück.

Die Frau sah den fast leeren Eisbecher so sehnsüchtig an und daher fragte sie: „Möchtest du auch ein Eis? Ich gebe dir eines aus!“

„Ich komme gerade vom Bahnhof“, entgegnete sie.

Hedwig blickte zu Karl und sagte: „Kannst du ihr auch so einen Eisbecher bringen? Ich zahle dann beide!“

Karl stoppte, nickte und machte auf der Stelle kehrt.

„Ich danke dir. Ich bin Sarah“, entgegnete die Frau und gab ihr die Hand.

„Hedwig, oder für Freunde Hedi“, erwiderte sie.

„Das ist mein Mann Isaak, er arbeitet im Sommer hier mit Karl“, erzählte Sarah, während sich ihr Mann zu ihnen setzte.

„Du hast eine schöne Stimme“, bemerkte Hedwig.

„Oh, danke schön! Ich singe in einer Bar. Deswegen konnte ich erst heute kommen“, erklärte Sarah und lehnte sich in der Sonne zurück.

Schließlich brachte Karl den Becher, sie schlemmten gemeinsam und später schlenderten sie zu viert die Promenade entlang.

Sarah und Isaak gingen Händchen haltend vor ihr her und wie selbstverständlich suchte auch ihre Hand die von Karl.

Das fühlte sich gerade alles so schön an.

Es konnte so herrlich sein, zu wissen, dass Vater von all dem hier nichts mitbekommen würde.

Als graues und unscheinbares Mäuschen konnte man solch einen Tag wirklich ungestört genießen.

8. Kapitel

Badefreuden

Natürlich hätte er an diesem Tag auch noch bis zum Abend arbeiten können, aber die Aussicht darauf, den Nachmittag mit Hedi zu verbringen, versöhnte ihn sofort mit dem Verdienstausfall. Wobei es auch erst der Anfang der Saison war und es damit noch viele Tage geben würde, an denen er gutes Geld bekommen konnte.

Und wenn einem eine Frau schon die ganze Nacht durch den Kopf ging, warum sollte man dann am Tag nicht einfach mitgehen?

Sarah und Isaak liefen vor ihm her, wobei der Freund ihre Tasche trug und die schien ziemlich schwer zu sein. Was hatte die Frau wohl alles für eine Nacht und zwei Tage am Strand eingepackt?

Hedwig jedenfalls ging schweigend neben ihm her und schien die Passanten zu beobachten. Gelegentlich huschte ihr dabei auch so manches Lächeln über ihr Gesicht.

Irgendwann nahm sie dann seine Hand und es fühlte sich gut an.

Oben an der Treppe angekommen, blieb Sarah stehen, breitete die Arme aus und rief: „Du, meine See! Lange haben wir uns nicht mehr gesehen!“ Danach begann sie mit ihrer glockenhellen Sopranstimme eines dieser Seemannslieder zu singen, die sie auch in der Bar in Königsberg immer vortragen musste.