Lassiter 2727 - Des Romero - E-Book

Lassiter 2727 E-Book

Des Romero

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Beschreibung

"Ich bin kein gewalttätiger Mensch, Mister Dreggs", sagte Kenneth Brannigan, sog an seiner Zigarre, inhalierte tief und blies den Rauch gegen die Zimmerdecke. "Genau genommen löse ich meine Konflikte mit Federhalter und Papier. Das muss sich für Sie wie ein Witz anhören, aber ich versichere Ihnen, es ist etwas Wahres dran an dem Ausspruch, die Feder sei mächtiger als das Schwert."
Max Dreggs wirkte irritiert. "Wozu brauchen Sie dann mich, wenn Sie alles im Griff haben?"
Auf den Zügen von Brannigan erschien ein mildtätiges Lächeln. "Dafür gibt es exakt zwei Gründe", meinte er und klopfte die Asche seiner Zigarre ab. "Wollen Sie sie beide hören?"
Gemächlich nickte Dreggs. "Ich bin schon sehr gespannt, was einen Mann in Ihrer Position zu einem wie mir führt", raunte er interessiert.

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Seitenzahl: 127

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhalt

Cover

Lassiter und der Bogenschütze

Vorschau

Impressum

Lassiter und der Bogenschütze

von Des Romero

»Ich bin kein gewalttätiger Mensch, Mr. Dreggs«, sagte Kenneth Brannigan, sog an seiner Zigarre, inhalierte tief und blies den Rauch gegen die Decke des Zimmers. »Genau genommen löse ich meine Konflikte mit Federhalter und Papier. Das muss sich für Sie wie ein Witz anhören, aber ich versichere Ihnen, es ist etwas Wahres dran an dem Ausspruch, die Feder sei mächtiger als das Schwert.«

Max Dreggs wirkte irritiert. »Wozu brauchen Sie dann mich, wenn Sie alles im Griff haben?«

Auf Brannigans Zügen erschien ein mildtätiges Lächeln. »Dafür gibt es exakt zwei Gründe«, meinte er und klopfte die Asche seiner Zigarre ab. »Wollen Sie sie beide hören?«

Gemächlich nickte Dreggs und grinste. »Ich bin schon sehr gespannt, was einen Mann in Ihrer Position zu einem wie mir führt«, sagte er interessiert.

Eine Weile schaute Kenneth Brannigan sein Gegenüber an, das sich ungeniert im Sessel seines Arbeitszimmers fläzte, dann kam die versprochene Antwort. »Im Grunde genommen sind es völlig profane Dinge, die mich auf Ihre Unterstützung zurückgreifen lassen. Man erwähnte mir gegenüber, dass Sie ein recht lockeres Händchen in Geldangelegenheiten haben und meistens abgebrannt sind. Das macht Sie nicht nur zu einer Person, die für meine Vorschläge ein offenes Ohr mitbringt, sondern auch zu einem Mann, der dieses Manko mit meiner Hilfe spielend bewältigen kann.«

»Ich höre Ihnen weiter zu, Mr. Brannigan«, sagte Dreggs.

»Der zweite Grund, weshalb ich mich an Sie wende, hat mit dem Faktor Zeit zu tun. Der Federkiel ist mächtig, aber seine Wirkung lässt oftmals auf sich warten. Gut Ding will halt Weile haben. Aber in diesem speziellen Fall kann ich leider nicht warten und benötige rasche Ergebnisse. – Rasche und vor allem endgültige...«

Max Dreggs schürzte seine Lippen. »Das hört sich für mich an«, meinte er, »dass ich für Sie etwas erledigen soll, das mit legalen Mitteln vermutlich nicht durchsetzbar ist.«

»Ich sehe«, erwiderte Brannigan lächelnd, »dass ich mich an den richtigen Mann gewandt habe.«

»Nicht so eilig!«, warf Dreggs ein. »Ich bin kein Outlaw, der nichts zu verlieren hat! Ärger mit dem Gesetz möchte ich tunlichst vermeiden. Und je nachdem, was Sie von mir verlangen, wird dieser wohl unausweichlich sein.«

Brannigan verengte seine Lider. »Sind zehntausend Dollar es nicht wert, ein Risiko einzugehen?«

»Zehntausend!«, schnappte Dreggs. »Du liebe Güte! Dafür muss ich wohl jemanden ins Jenseits befördern.«

»Ja, zum Teufel!«, versetzte Kenneth Brannigan gereizt. »Sie sollen einen Mann töten! Sie sollen ihm nicht drohen oder ihn zusammenschlagen – umbringen sollen Sie ihn!«

Die Eröffnung verschlug Max Dreggs erst einmal die Sprache. Als er sich wieder gefangen hatte, sagte er: »Für gewöhnlich ist das nicht meine Sache, aber zehntausend Dollar sind ein schlagendes Argument. – Um wen handelt es sich?«

»Der Mann heißt Lester Sheldrake«, begann Brannigan. »Nach außen hin macht er einen tadellosen Eindruck, aber dieser Mistkerl hat meinen Bruder im Streit um eine Frau erschossen. Die Justiz ist machtlos, weil diese Ratte jede Menge Zeugen gekauft hat, die seine Unschuld beteuern. Damit will ich mich aber nicht abfinden! Sheldrake verdient seine gerechte Strafe – und für einen Mord kann das nur der Tod sein!«

Nervös nickte Dreggs. Der Auftrag schien ihm nicht sonderlich zu gefallen, doch ihm war anzusehen, dass er mit den Dollars liebäugelte. »Ich will die Hälfte der Summe sofort, den Rest bei Erledigung«, schlug er vor.

»Ausgeschlossen!«, blaffte Brannigan. »Wenn ich Ihnen erst fünftausend Dollar in die Hand gedrückt habe, sehe ich Sie niemals wieder! Das ist kein Misstrauen gegen Sie, sondern das Resultat böser Erfahrungen. Fünfhundert kann ich Ihnen dennoch im Voraus anbieten. Sollten Sie damit verschwinden, trifft es mich nicht hart. Sie jedoch haben einen deutlich höheren Anreiz, Ihren Auftrag zu erledigen. Denken Sie nur einmal daran, was zehntausend Dollar aus Ihnen machen könnten. Ein angesehenes Mitglied der Gesellschaft könnten Sie sein statt des Schattens Ihres ehemaligen Selbst.«

Zäh tropften die Sekunden dahin, bis Max Dreggs eine Entscheidung getroffen hatte. »Also schön!«, stieß er aus und klatschte mit den Händen auf seine Oberschenkel. »Sie haben mich! Teilen Sie mir mit, wo ich Sheldrake finde, und Sie können sich in Zukunft mit gutem Gewissen zurücklehnen, weil Sie ganz genau wissen, dass der Tod Ihres Bruders gerächt wurde.«

Kenneth Brannigan holte Schreibutensilien aus seiner Tischschublade hervor und kritzelte einige Zeilen auf einen Zettel, den er Dreggs reichte. Im Anschluss zückte er seine Geldbörse und zählte fünfhundert Dollar ab. Auch die schob er Dreggs zu. »Lassen Sie mich nicht bereuen, Sie mit diesem Auftrag betraut zu haben. Bewahren Sie Stillschweigen über das, was zwischen uns besprochen wurde. Und schmeißen Sie nicht gleich mit dem Geld um sich. So etwas könnte Fragen aufwerfen, die unter ungünstigen Umständen eine Spur zu mir legen.«

»Verlassen Sie sich auf mich«, versprach Max Dreggs. »Jemand, der sich derart spendabel zeigt, führe ich gewiss nicht hinters Licht.«

Mit einem Mal zierte ein unergründliches Lächeln Kenneth Brannigans Miene. »Das ist gut zu hören«, sagte er leise. »Sie ahnen nicht einmal entfernt, wie gut...«

Die Prärie war eine endlose Weite und ein alles verschlingender Moloch. Um sie rankten sich romantische Erzählungen, doch die konnten nur von Menschen geschrieben worden sein, die die Gnadenlosigkeit der Steppen niemals erfahren hatten. In wohlbehüteter Umgebung ließ sich vieles schreiben, das einem Vergleich mit der Realität nicht standzuhalten vermochte.

Das Wasser stand Lassiter bis zum Hals. Nicht im übertragenen, sondern im wortwörtlichen Sinne. Unter der unbarmherzigen Sonnenscheibe schmorte er im eigenen Saft. Am liebsten hätte er sich den Inhalt seiner Wasserflasche übers Gesicht gekippt, doch er musste seinen bescheidenen Vorrat streng rationieren. Hätte er gewusst, wohin es ihn trieb, wäre er umsichtiger gewesen. So aber hatten die Flüchtigen, denen er auf den Fersen war, ihn in diese Gluthölle gelockt, die aus verkrüppelten Bäumen und verdorrendem Gras bestand. Die großen Viehtrecks hatten das Land gerodet und die wenigen Wasserstellen ausgetrocknet. Und bis zur nächsten Stadt waren es in jeder Richtung mehr als fünfzig Meilen.

Keine guten Voraussetzungen für die Jagd nach zwei Sträflingen. Und auch Lassiters Grauschimmel kam auf dem entbehrungsreichen Ritt allmählich an seine Grenzen.

Kurz verhielt Lassiter, wischte sich den Schweiß von der Stirn und aus den Augen und holte ein Halstuch hervor, das er sich um den Kopf wickelte. Dann setzte er seinen Stetson wieder auf, der zumindest ein wenig Schatten auf sein Gesicht warf und seinen Blick vor den sengenden Sonnenstrahlen bewahrte.

Clive und Roscoe Brown waren aus Saint Quentin ausgebrochen und seit vielen Tagen auf der Flucht. Nur nebenbei hatte Lassiter davon erfahren, als er sich beim Sheriff in Yorktown seine neuen Missionsdokumente abgeholt hatte. Und an sich wäre es nicht seine Aufgabe gewesen, die Sträflinge wieder einzubuchten, doch es gab eine Verbindung zwischen diesen Männern, die Lassiter nur schwer hätte ignorieren können. Immerhin war er es gewesen, der das Galgenstrick-Duo damals der Justiz überantwortet hatte. Von daher fühlte er eine tiefe Verpflichtung, es wieder dorthin zu bringen, wo er es vor einigen Jahren abgeliefert hatte.

Vermutlich hatten die zwei Flüchtigen gedacht, dass ihnen niemand in diesen Backofen folgen würde. Kein Sheriff, der noch bei Verstand war, hätte von seinen Deputies verlangt, ihm auf eine Todesmission zu folgen. Wer das Gebiet nicht kannte, konnte trotz ausreichender Vorräte elendig vor die Hunde gehen. Womöglich ein Umstand, den auch die Brown-Brüder nicht bedacht hatten. Sie wähnten sich sicher vor Verfolgung, aber hatten nicht auf ihrer Rechnung, dass der Tod bereits seine Sense schärfte.

Aus der flirrenden Mittagshitze schälten sich plötzlich verwaschene Konturen. Eine halbe Meile musste Lassiter noch reiten, um darin die Umrisse von windschiefen Gebäuden zu erkennen. Die Fährte der Sträflinge führte genau dorthin – und das ließ den Mann der Brigade Sieben stutzig werden. Es war der perfekte Hinterhalt, um lästige Häscher loszuwerden.

Lassiter versetzte sein Reittier in langsamen Trab und prägte sich alle Details ein, die er sehen konnte. Es war nicht sicher, dass Clive und Roscoe Brown ihn bemerkt hatten, doch falls es so war, würde er sehenden Auges in eine Falle reiten.

Er zügelte seinen Grauschimmel, brachte ihn zum Stehen und stieg aus dem Sattel. Aus verengten Lidern beobachtete er das vorausliegende Städtchen und entschied sich, seinen Weg fortzusetzen. Es gab keine Möglichkeit, sich ungesehen zu nähern. Die karge Felsenlandschaft begann erst ein gutes Stück hinter dem Barackendorf.

Lassiters Sinne waren aufs Höchste geschärft. Er nahm jeden Windhauch wahr und jedes Insekt, das durch die Luft flog oder über den Boden krabbelte. Hätte es eine Bewegung zwischen den Häusern gegeben, wäre sie ihm nicht entgangen.

Als er die erste Hütte erreichte, stellte er sein Pferd im Schatten eines Vordachs ab. Lassiter benetzte die Schnauze des Tiers mit Wasser, schüttete etwas in seine hohle Hand und gab ihm zu trinken. Danach war er bereit, auf jede außergewöhnliche Situation zu reagieren. Der Remington war die Verlängerung seines rechten Arms und im Gefecht regelrecht mit ihm verwachsen. Die Vorteile der Waffe hatte er bereits während seiner Ausbildung in Louisiana schätzen gelernt.

Einen Moment hielt der Brigade-Agent inne, schloss die Augen und versuchte, eins mit seiner Umgebung zu werden. Er war davon überzeugt, dass die beiden Insassen aus Saint Quentin sich an diesem Ort aufhielten. Bisher hatten sie sich nicht zu erkennen gegeben, lauerten aber sicherlich schon auf ihre Chance, sich ihres Verfolgers zu entledigen.

Lassiter hielt es nicht für notwendig, seine Anwesenheit zu verschleiern. Er musste über eine Entfernung von zwei bis drei Meilen für jeden Beobachter sichtbar gewesen sein. »Roscoe!«, rief er und zog seinen Remington aus dem Holster. »Du und dein Bruder habt einen weiten Weg zurückgelegt, aber hier wird er enden! Kommt mit erhobenen Händen raus, damit ihr eure Strafe absitzen könnt! Andernfalls wartet nur der Undertaker auf euch!«

Keine Reaktion! Nichts, was auf die Anwesenheit von Menschen hingewiesen hätte. Da war nur der heiße Hauch von Wind, der Staub und Hitze mit sich brachte.

Für einen Moment dachte Lassiter, dass er sich geirrt hatte und die Flüchtigen längst weitergezogen waren. Sie hatten zwei Tage Vorsprung und mochten bereits die nächste Stadt erreicht haben.

So schnell, wie ihm der Gedanke gekommen war, verwarf Lassiter ihn auch wieder. Die Brown-Brüder waren ebenso unvorbereitet wie er in diese Lage geraten. Und die verlassene Goldgräberstadt mochte unterirdische Wasservorräte bereithalten. Ein Ort also, der Deckung und eine Überlebenschance bot.

Plötzlich tönte das Geräusch schneller Schritte auf. Sand knirschte unter Stiefelsohlen. Gedämpftes Stampfen war zu hören.

Lassiter vertraute seinen Instinkten und jagte ins Freie. Die Richtung, aus der die Laute aufgeklungen waren, hatte sich ihm eingeprägt. Das Zweigespann würde schneller wieder hinter Gittern hocken, als es ein Stoßgebet zum Himmel schicken konnte.

Noch im Voranstürmen bemerkte Lassiter seinen Irrtum! Obwohl er die Falle sah, konnte er in vollem Lauf nicht mehr ausweichen.

Der mit trockenem Laub bedeckte Boden gab unter ihm nach. Etwa drei Yards stürzte er in die Tiefe und versank bis zu den Fesseln in feuchtem Sand. Kaum richtete er seinen Blick nach oben, starrte er auch schon in die Läufe zweier Revolver.

»Wenn das mal nicht Lassiter ist«, höhnte Clive Brown. »Der strahlende Held der Gesetzeshüter!«

»Du hast uns wertvolle Zeit unseres Lebens gekostet«, stieß Roscoe aus. »Dafür wollen wir uns gebührend revanchieren!«

Ein grimmiger Zug erschien auf Lassiters Miene. »Bringt es doch einfach zu Ende und quatscht mir nicht die Ohren voll«, gab er zur Antwort. »Aber zwei Pfeifen wie ihr könnt nur lamentieren. Deshalb seid ihr ja auch im Knast gelandet.«

Ein heiseres Lachen folgte. »Ganz so einfach werden wir es dir nicht machen! Du kannst da unten verrotten oder das Seil nehmen, das wir dir runterwerfen. Dazu aber musst du erst deine Kanone wegschmeißen!«

Lassiter feuerte über den Rand der Grube hinweg, bis der Bolzen nur noch auf leere Patronenkammern schlug und steckte den Remington in sein Holster. »Ich habe keine Munition mehr! Werft das Seil runter, dann komme ich rauf!«

Der Mann der Brigade Sieben hatte keine Ahnung, was die beiden Strolche mit ihm vorhatten. Als er das Seil packte und sich daran hochzog, kam ihm lediglich das Gefühl, vom Regen in die Traufe geraten zu sein.

Es war beinahe zu einfach! Und Max Dreggs hatte auch kein schlechtes Gewissen, einen Mann, der nichts von seinem Schicksal ahnte, zu töten. Immerhin war dieser Sheldrake selbst ein Mörder – was also konnte er anderes erwarten, als selbst irgendwann über die Klinge zu springen?

Lewisville war nur einen Katzensprung von Jericho entfernt, sodass Dreggs noch nicht einmal in Eile gewesen war, sein Opfer zu erreichen. Und auf dem imposanten Anwesen gab es keinerlei Wachen, die ein Eindringen erschwerten. Alles sah nach einem lockeren Job aus, der Max Dreggs eine Menge Zaster in die Kasse spülen würde.

Anfangs war er noch überaus vorsichtig, pirschte sich auf Zehenspitzen an das Gebäude heran und presste sich rücklings gegen eine Backsteinmauer. Seine innerliche Aufregung ließ ihn nach Luft schnappen, doch als er merkte, dass sich ihm keine Hindernisse in den Weg stellten, wurde er zunehmend zuversichtlich.

Keck blickte er in einen hell erleuchteten Raum und sah den Eigentümer des Anwesens entspannt in einem Ledersessel sitzen. Der Mann hatte die Füße hochgelegt, rauchte genussvoll Pfeife und nippte hin und wieder an einem Sherryglas. Er hatte nicht den leisesten Verdacht, dass der Tod sich ihm näherte.

Dreggs überlegte noch, wie er ins Haus gelangen könnte, und kam zu dem Schluss, einfach an die Haustür zu klopfen. Sheldrake würde öffnen und Sekunden darauf tot am Boden liegen.

Unwillkürlich musste Max Dreggs bei dem Gedanken grinsen und fragte sich, weshalb Brannigan den Mord nicht selbst ausführte. Leichter konnte man einen Feind kaum aus dem Weg räumen, stattdessen legte Brannigan eine Menge Scheine auf den Tisch, um sich selbst die Hände nicht schmutzig zu machen.

Dreggs konnte es recht sein. Er hatte noch kleinere Schulden zu tilgen und freute sich schon darauf, an den Spieltischen sein Glück zu versuchen. Irgendwann musste schließlich auch ihm der große Wurf gelingen.

Geduckt, aber innerlich gelassen, schlich er an dem Fenster vorüber zum Eingang. Mehrmals klopfte er an, trat zwei Schritte von der Haustür zurück und holte seinen Colt hervor. Lester Sheldrake würde tot sein, ehe er wirklich begriff, was vor sich ging.

Gedämpfte Schritte waren zu hören. Kurz darauf wurde ein Schlüssel im Haustürschloss gedreht. Ehe sich die Tür jedoch öffnete, fragte Sheldrake: »Wer ist da? Es ist schon spät!«

Damit hatte Max Dreggs nicht gerechnet und geriet in Verlegenheit. Was sollte er dem Mann antworten? Er wusste nichts über ihn und hatte keine Ahnung, wie er Sheldrake dazu bringen sollte, die Tür zu öffnen. »Eine... eine Eilzustellung, Mr. Sheldrake«, sagte Dreggs stockend und hoffte, dass sein Opfer anbiss. »Ich... habe mich leider verspätet und bitte um Entschuldigung. Mein Pferd ist in ein Erdloch getreten, und ich musste mir Ersatz beschaffen.«

»Ich erwarte keine Zustellung!«, versetzte Sheldrake barsch. »Wer soll denn der Absender sein?«

Natürlich hatte Max Dreggs darauf keine Antwort und war auch nicht genügend redegewandt, um sich eine aus dem Ärmel zu schütteln. Am besten wäre er direkt durch das Fenster des Wohnzimmers gebrochen und hätte wild um sich geschossen. Aber dazu war es immer noch nicht zu spät.

»Dein verschissener Vater schickt dir eine Geburtstagskarte!«, platzte es aus Dreggs heraus. Im selben Moment feuerte er seinen Revolver ab, durchschlug mit mehreren Schüssen das Türblatt und sprengte das Schloss auf. Ein wuchtiger Tritt stieß die Tür nach innen.